Titel:  Die Legende vom Lichtgefährten

Kapitel 7 von 9

Autor: Liliane Romano

Serie:  Star Trek TOS

Paarung: K/S, S/m, K/m

First Time

Rating:  NC17, ein bisschen

Dies ist eine homoerotische Liebesgeschichte. Wer unter 18 ist oder homoerotische Erzählungen nicht mag, sollte bitte nicht weiterlesen.

 

Zusammenfassung: Eine alte vulkanische Legende erwacht zum Leben und ein emotionaler vulkanischer Dichter hilft Kirk und Spock sich zu finden.

 

Feedback: Ja.

Hier oder liliane_romano@yahoo.de

Archiv: Ja

Beta:  T'Sihek. Nach ihren Hinweisen – vielen Dank dafür! – habe ich nach der Erstveröffentlichung das eine oder andere nochmal korrigiert.

Disclaimer: Das Star Trek Universum gehört mir nicht und ich verdiene damit kein Geld. Ich spiele nur ein bisschen mit den sexy Jungs und den netten Mädels die dort wohnen. Ich schreibe nur zum Spaß und will keine Rechte verletzen.

 

 

 

Kapitel 7

 

„Jim.“

Spocks Stimme hielt ihn auf, aber er wandte sich nicht um. Er wollte nur noch schnell weg von ihm, weg von dem Mann, den er liebte, von dem er Nacht für Nacht träumte. Weg von dem Mann, der das selbe fühlte wie er und ihn trotzdem nicht wollte.  War Spock klar, was er ablehnte? Wollte er wirklich keine Liebesbeziehung mit dem Mann, den er liebte?

„Jim..“

 

Kirk  schaute Spock noch immer nicht an, als er mit leiser bitterer Stimme fragte:

„Was ist, Spock? Willst du mir sagen ‚Lass uns einfach Freunde sein’?“

Kirk verkrampfte die Finger am Türrahmen.

„Wir sind Freunde und wir werden es immer sein. Doch wie viel mehr wert ist eine intime Beziehung mit dem Mann, den du liebst und begehrst?“

 

Spock legte seinem Freund zögernd die Hand auf die Schulter. Doch er zog sie schnell wieder weg, als er merkte, wie Jim sich verkrampfte.

„Ich hatte nicht erwartet, dass du es verstehst, T’hy’la.“

 

Kirk fuhr herum, funkelte ihn wütend an.

„Nenn mich nicht t’hy’la, wenn du mich zurückweist!“

 

Spock zuckte zusammen.

 

Jim senkte den Kopf. „Bitte entschuldige, Spock. Es ist selbstverständlich deine Entscheidung, gleich, ob ich sie verstehe oder nicht.“

 

Spock nickte ruhig.

„Kommst du noch einmal mit herein? Ich war noch nicht zu Ende.“ Er sah seinen Freund sanft an.

 

Kirk nickte und folgte Spock wieder in dessen Kabine.

Die Tür schloss sich hinter ihnen und Spock  zog Kirk  behutsam an sich. Er zögerte nicht bei seiner Umarmung, doch Jim konnte die Berührung des geliebten Freundes nicht genießen.

„Deine Herablassung brauche ich nicht.“

 

Der Vulkanier löste die Umarmung, legte die Hände auf den Rücken. 

Spocks Stimme wurde leise. „Ich habe dich nicht aus Herablassung umarmt.“

 

Kirk holte tief Luft, schüttelte den Kopf.

 „Du liebst mich.“

 

„Ja, Jim“, flüsterte der Vulkanier.

 

„Deshalb willst du keine Beziehung mit mir.“

 

„Keine intime Beziehung.“

 

„Du hast Angst davor.“

 

„Ich habe dir meine Gründe erklärt.“

 

„Ich hoffe, du erkennst bald wie unlogisch du handelst.“

 

„Du hast keine Ahnung von Logik, Jim.“

 

Über Kirks Gesicht huschte ein gequältes Lächeln.

„Mag sein, Spock. Aber es geht hier nicht um Logik, es geht um Liebe.“

Er schaute seinen Freund traurig an und unterdrückte den Impuls ihn zu berühren. Wieder flüchtete er aus Spocks Nähe.

 

°°°°                                                                 

 

Jim betrat seine Kabine, in der ihm sofort der wegen einer Nachricht blinkende Computer ins Auge fiel.

Er stellte überrascht Spock als Absender fest, den er erst vor wenigen Minuten verlassen hatte. Der Vulkanier bat ihn um vier freie Stunden, wegen der Konzentration auf eine dringend notwendige Meditation. Kirk seufzte und bejahte  die stumme Anfrage mit einem Knopfdruck.

‚Ach Spock, willst du die unerwünschten Emotionen in dir unter Kontrolle bringen, sie aus deiner Seele verbannen? Es gibt doch eine viel angenehmere Möglichkeit, mit ihnen umzugehen...’

Kirk wusste, er benötigte selbst ein Ventil für die Gefühle, die ihn seit Tagen in  Anspruch nahmen. Er beschloss, sich für eine Weile beim Sport auszutoben, bevor er seine Pflichten wahrnahm, zog sich um und begab sich zum Freizeitdeck.

 

°°°°

 

Selenos sah seine Schwester unwillig an.

„Du hattest das nicht zu entscheiden. Ich wollte den „Lichtgefährten“ jetzt noch nicht veröffentlichen.“

 

„Ich glaube, du wolltest ihn nach Simis’ Tod überhaupt nicht mehr veröffentlichen. Aber unsere Heimatwelt braucht ihn, jetzt, wo sich die Legende als wahr erwiesen hat, erst recht. Das ist der Grund, aus dem ich dein Werk nach Vulkan übermittelt habe.“

 

„Aber du hast doch hoffentlich nicht auch noch einen Bericht über das Planetenbewusstsein nach Vulkan gesendet!“

 

„Nein. Das würde gegen die Sternenflottenregeln verstoßen.“

 

„Es existieren auch logische Regeln über die Urheberschaft geistiger Werke.“

 

„In diesem Fall hielt ich einen Verstoß für richtig. Im ‚Lichtgefährten’ geht es weder um Regeln noch um Logik. Du weißt, was Vulkan braucht und der ‚Lichtgefährte’ ist ein Teil davon.“

T’Adrana blickte ihren Bruder provokativ an. „Vor einigen Tagen war dir noch klar, wie bedeutend dein Werk ist.  Deine grandiose Poesie hätte auf Vulkan sogar dann eine beachtliche Wirkung, wenn in den letzten Tagen alles anders gekommen wäre, wenn sich die Legende nicht unerwartet manifestiert hätte.  Du wünschst dir Änderungen in der offiziellen, vulkanischen Philosophie und in diesem Punkt sind wir beide uns seit langem einig.“

 

„Es war nicht mein Ziel Vulkan zu verändern, als ich die Poesie zur Lichtgefährten-Legende schrieb.“

 

„Unser Heimatplanet wird sich aber verändern. Dank deinem Werk. Es wird nicht lange dauern, bis die Vulkanier erkennen, dass es mehr gibt als Logik. Liebe vor allem, und damit meine ich nicht Liebe, die sich beschämt verbirgt. Ich meine Liebe, die offen als Liebe hervortritt...“

T’Adrana unterbrach sich, als sie Captain Kirk kommen sah.

 

Jim hatte von dem Gespräch der Geschwister nichts mitbekommen. Sie begrüßten einander und dann ließ T’Adrana die beiden Männer allein.

 

Selenos stand, in heller Sportkleidung, vor einem Boxsack.

„Ich habe vorhin eine Meditation versucht, ich verspürte eine Art Zwang dazu, was ich vorher gar nicht kannte, aber es blieb bei dem Versuch. Da beschloss ich, meine unkontrollierten Emotionen an diesem Ort loszuwerden. Eine nützliche Maßnahme, wenn nur Wut das Problem wäre. Doch um mit dem Tod meines Geliebten fertig zu werden, wird sie nicht genügen. Heute Nachmittag werde ich es noch einmal versuchen, ganz langsam, Schritt für Schritt, Ebene für Ebene. Ich bin nicht geübt im Meditieren und so werde ich wohl erst am späten Abend, wenn überhaupt, ein Ergebnis erzielen.“

 

„Dafür ist im Moment keine Zeit. Ein Shuttle mit Ihren Schwiegereltern an Bord wird in acht Stunden die Enterprise erreichen.“

 

Selenos riss die Augen auf. „Meine Schwiegereltern? Seit wann wissen Sie das schon, Jim?“

 

Kirk zuckte mit den Schultern. „Seit gestern Abend. Ich hielt es aber nicht für eine gute Idee, Ihnen das sofort mitzuteilen. Ihr...Befinden war nicht dem entsprechend.“

 

Der Vulkanier drehte sich wieder zu dem Boxsack, drosch auf ihn ein, als wolle er ihn für sein Befinden verantwortlich machen. Doch nach ein paar Schlägen stoppte er, zog sich die Handschuhe aus und warf sie weg.

„Heute fühle ich mich auch nicht besser. Ich brauche die Meditation, aber ohne Hilfe werde ich es wahrscheinlich so oder so nicht schaffen.“

Selenos’ Augen schlossen sich für einen Augenblick.

„Ich möchte meinen Schwiegereltern nicht begegnen, wir verstanden uns nie besonders gut. Die Mutter von Simis hat es nie verwinden können, dass ihr Sohn einen unbeherrschten Dichter als Partner gewählt hat. Sie wollte eine Frau aus höchsten Kreisen für ihn als Partnerin, vor allem wohl zu ihrem eigenen Vorteil.

„Jim..“, seine Stimme klang dunkel und ein wenig schüchtern,  „bitte helfen sie mir, ich will Simis’ Eltern nicht allein gegenübertreten. Ich fühle mich schuldig an seinem Tod.“

 

Jim nickte. „Natürlich. Ich bleibe bei Ihnen, wenn Sie ihnen gegenübertreten...Was ist denn mit Ihrer Schwester, sie bleibt doch sicher auch bei Ihnen?“

 

„Ich hoffe nicht. Sie ist so etwas wie eine Revolutionärin, will das vulkanische Konzept der Beherrschung der Emotionen aufweichen, harmlos ausgedrückt. Meine Schwiegermutter entspricht ihrem genauen Gegenteil. Sie sind sich nur einmal, während unserer Bindungszeremonie, begegnet und nach nur einer Minute der Begegnung zwischen ihnen hielt ich es für angemessen, mit einem Nervengriff gegen T’Adrana den Tag meiner Hochzeit zu retten.“

 

Jim lachte.

„Ich hatte noch keine Gelegenheit, T’Adrana besser kennen zu lernen. Liegt die Abneigung gegen vulkanische Traditionen in der Familie?“

 

Es sollte ein Scherz sein, doch Selenos’ Blick verfinsterte sich. „An diesem Thema sollten Sie nicht rühren, Jim.“

 

„Ich meinte  meine Worte nicht provokativ und wollte nicht an einem verbotenen Thema rühren.“

 

„Ich weiß. Im Moment bin ich noch weniger als sonst Herr über meine Emotionen. Ich bitte Sie um Nachsicht für meine Reizbarkeit...und um Entschuldigung für gestern Abend, als ich Sie wieder durch das Quartier geschleudert habe.“

 

„Die haben Sie, Selenos. Ihre Emotionen sind verständlich.“

 

„Simis’ Mutter hat  mir meine unbeherrschten Emotionen mehr als einmal vorgehalten.

‚Deine Unbeherrschtheit wird eure Beziehung scheitern lassen’, sagte sie, und sie hatte recht. Simis hat das Band zwischen uns minimiert, weil er meine unkontrollierten Gefühle nicht mehr ertragen konnte.“

 

„So weit ich es verstanden habe, sollte die Trennung nur vorrübergehend sein, notwendig wegen Ihres emotionellen Überschwanges. Aber er hat Sie geliebt und nur das zählt.“

 

„Für sie zählt das nicht. Sie hat Liebe nie erlebt.“

 

„Was ist mit Simis’ Vater? Steht er der Wahl seines Sohnes offener gegenüber?“

 

„Er akzeptierte sie.“

 

„Das ist doch schon mal ein Anfang.“

 

„Wenn er erfährt, was auf Tribas geschehen ist, wird seine Akzeptanz deutlich geringer ausfallen als bisher.“

 

„Weil sie so eng mit dem Planetenbewusstsein verbunden waren, wurde ihr eigentlich ungefährliches Signal verstärkt. Ohne Ihr Wissen. Er wird es verstehen.“

 

„Die Logik eines Vaters kann versagen, wenn es um seinen Sohn geht.“

Er fokussierte Jim.

„Vulkanier denken weniger logisch, als Außenstehende glauben, und sie sind problemlos in der Lage, sich Gründe so lange zurechtzubiegen, bis sie Ihnen als logisch erscheinen. Haben Sie das bei Spock noch nie beobachtet?“

 

Kirk verzog gequält das Gesicht. „Ich habe es erlebt, mehr als einmal und erst vor wenigen Minuten wieder. Vielleicht sollten sich Vulkanier bei ihren Handlungen nicht immer auf Logik berufen.“

 

„Vor wenigen Minuten, ging es da um Sie beide?

Jim nickte.

 

„Zögert Spock noch?“ flüsterte Selenos, jetzt wieder mit sanfter Stimme.

„Liebe zu leben fällt ihm nicht leicht bei seiner Herkunft. So wie ich es sehe, versucht Ihr t’hy’la besonders vulkanisch zu sein. Er will sich und dem ganzen Planeten Vulkan beweisen, dass er ein vollwertiger logisch denkender Vulkanier ist...Darf ich fragen, was sich heute morgen ereignet hat, Jim?“

 

„Etwas sehr unerwartetes - nach Ihren Worten von gestern.“

 

„Was hat er gesagt?

 

Jim holte tief Luft, schüttelte kurz den Kopf.

„Spock hat mich zurückgewiesen, mit der unlogischsten Begründung, oder besser gesagt Ausrede, die ich mir vorstellen kann.“ Jim konnte und wollte die Bitterkeit in seiner Stimme nicht unterdrücken. „Wir haben uns nach dem Frühstück in seiner Kabine getroffen und dort hat er mit sehr eindeutigen Worten eine Liebesbeziehung zwischen uns abgelehnt, mit einer unfassbaren Begründung. Ich frage mich nur, ob etwas an seinen Worten dran ist, ob er daran glaubt.“

 

Selenos musterte Jim. „Das ist...faszinierend. Diese Ausrede interessiert mich. Würden sie Ihre geplanten Aktivitäten auf dem Sportdeck verschieben und mich einweihen?“

 

Jim zuckte mit den Schultern.

„Mit irgend jemandem muss ich darüber reden. Also wieso nicht mit einem Vulkanier, der zu dem Gefühl Liebe ‚Ja’ sagt. In zwanzig Minuten in Ihrem Quartier?“

 

 °°°°                                                                            

 

Wieder in Uniform, betrat Jim das schwach beleuchtete Quartier von Selenos. Der Vulkanier war eben aus der Ultraschalldusche gekommen, in eine nachtblaue vulkanische Robe gehüllt, und deutete auf die Kissen, die auf dem Boden lagen, dicht an der Wand. Sie setzten sich darauf und lehnten sich an. Jim schloss für einen Moment die Augen.

„Ich kenne nicht viele Vulkanier, aber ich bin sicher, Sie sind einer der ungewöhnlichsten, Selenos.“

 

„Wann ist Ihnen das aufgefallen?“

 

Jim lachte leise. „Eigentlich wollte ich mit diesen Worten nur unser Gespräch beginnen.

Sie sind mehr als ungewöhnlich und das wissen Sie. Ich wünschte, Spock wäre Ihnen ähnlicher.“

 

„Dann wäre er nicht mehr Spock, nicht mehr der Mann, den Sie lieben.“

 

„Ein bisschen ähnlicher meinte ich, keine Kopie.“

 

„Seien Sie froh, dass er mir nicht ähnelt. Wäre er mir ähnlicher, würden Sie vielleicht auch von ihm durch den Raum geschleudert werden.“

 

„Oh, das ist schon zweimal geschehen.“

 

„Was hat ihn denn dazu provoziert? Dem ist doch zweifellos etwas sehr ungewöhnliches vorausgegangen.“

 

„Ein außerirdischer Virus hatte ihn beim ersten Mal befallen, viele andere aus der Mannschaft auch. Der Virus brachte geheime Wünsche zum Vorschein und die Disziplin auf dem Schiff erlag ihnen.“

 

„Spock hatte sich im Geheimen gewünscht, Sie durch die Gegend zu schleudern?“

 

„Äh...nein. Ich bemühte mich, ihn mit einigen Ohrfeigen zur Besinnung zu bringen, ihn der Macht des Virus zu entreißen. Das ließ er sich nicht lange gefallen und schleuderte mich mit einigen harten Schlägen durch den Besprechungsraum.“

 

„Was war beim zweiten Mal geschehen?“

 

„Etwas sehr ähnliches.“

 

„Sie haben viel gemeinsam erlebt, vieles zusammen durchgestanden.“

 

„Ja, es hat uns zu engen Freunden gemacht...

 

„...und irgendwann begannen Sie, mehr füreinander zu empfinden. Ihre Freunschaft überschritt unbemerkt eine Grenze. Aus einer freundschaftlichen Verbindung wuchsen unmerklich Liebe und Verlangen.“

„Ja, aber Spock will diese Gefühle nicht. Er lehnt eine Beziehung zwischen uns ab, obwohl er mich liebt.“

 

„Was hat er gesagt?“

 

„Er will sich diesen starken Emotionen nicht aussetzen. Er will die Schmerzen nicht erleben, die sie auslösen können.“

 

„Das ist ein wichtiges und verständliches Argument für Vulkanier. Wir erleben Emotionen viel stärker als Menschen, gleich, um welche Emotionen es sich handelt. Und Liebe kann auch negatives bewirken. Aus ihr entwickeln sich oft auch Eifersucht, Verlustgefühle, Ängste und sogar Hass.“

 

„Haben Sie heimlich gelauscht heute morgen? Das waren fast exakt seine Worte.“

 

„Sie stehen im Standardwerk von Surak über die Gründe, aus denen man dem Pfad der Beherrschung der Emotionen folgen sollte. Seit 2000 Jahren ist  es das wichtigste Lehrbuch auf Vulkan.“

 

„Spock hat eine intime Beziehung zwischen uns mit der Formulierung aus einem Lehrbuch abgelehnt?“

 

„Aus dem wichtigsten Buch unseres Planeten, das ich seit Jahrzehnten ignoriere.“

 

„Bereuen Sie manchmal den Weg, den Sie gewählt haben?“

 

„Ich habe ihn nie bereut. Nicht ein einziges Mal.“

 

„Wie ist das möglich? Keine Unsicherheit, nicht einmal nach dem Tod Ihres T’hy’la?“

 

„Jim, ich habe die Liebe gespürt, so rein, so tief. Ich habe die Lust gespürt, immer wieder, ohne dabei den Wahnsinn des Blutfiebers zu erleben. Wie könnte ich das jemals verleugnen?

Ich sehne mich unendlich nach meinem t’hy’la.

Ich würde alles tun, um ihn wieder berühren zu dürfen, seinen Geist und seinen Körper.

Ich würde alles dafür geben.“

 

Jim sah ihn an, sah in das Gesicht des liebestrunkenen Dichters, dachte an Spock, der nicht den Mut fand, den Pfad der Liebe zu beschreiten.

Selenos erwiderte seinen Blick. Er lächelte, hob die Hand, streichelte Jims Wange.

„Wir können heute beide unsere t’hy’la nicht erreichen. Aber wir können uns gegenseitig das schenken, was für sie bestimmt ist.

 Vielleicht fühlen wir uns danach besser...“

 

Selenos stand auf, zog Jim zu sich hoch. Der Mensch wehrte sich nicht, genoss es, an den heißen muskulösen Körper gedrückt zu werden, rieb seine Stirn  an Selenos’ Schulter.

Der Vulkanier trug ihn zum Bett und schob sich auf seinen Körper.

„Wenn du es nicht willst, ist jetzt die letzte Gelegenheit für ein Nein, James T. Kirk“, flüsterte Selenos.

Er verharrte einen Augenblick, doch aus Jims Mund hörte er kein Nein.

 

 °°°°                                                                           

 

Captain Kirk öffnete die Augen und sah in das lächelnde Gesicht des vulkanischen Dichters Selenos.

„Ich brauche noch etwas Schlaf“, murmelte Jim.

 

„Dann schlafe noch ein bisschen. Ich bleibe hier neben dir.“

 

„Mein Dienst...“

 

„Besser du ruhst dich noch aus.“

Jim nickte und schloss die Augen.

„Wie kannst du es viermal in einer Stunde tun, Selenos? Ist das normal bei Vulkaniern? Hast du mit diesen Aussichten früher die blonden irdischen Männer verführt?“

 

Selenos küsste ihn, lachte leise.

„Nein, die sind mir einfach so nachgelaufen, wenn ich sie nur ansah.“

 

„Sind die viermal denn nun normal oder war das eben eine Ausnahme, ein Resultat langer Enthaltsamkeit?“

 

„Nein.“

 

„Was nein? Nein, viermal sind nicht normal oder nein, es war eine Ausnahme?“

 

„Frag nicht soviel, schlaf noch ein bisschen.“

 

Jim brummte sein Wohlgefühl in die Kissen.

So eine Leidenschaft wie mit dem vulkanischen Dichter hatte er schon lange nicht mehr erlebt.

Selenos hatte ihm das Uniformhemd mit einer schnellen Bewegung über den Kopf gezogen,

mit rauer nimmermüder Zunge seinen Körper in Flammen gesetzt.

Hatte ihm behutsam die Hose abgestreift und die Zunge zu seinem Geschlecht gelenkt.

Von unbeschreiblicher Leidenschaft und Energie war Kirk überschwemmt worden. Wieder und wieder war Selenos zärtlich in ihn eingedrungen.

Er schrie die Lust heraus, wie schon lange nicht mehr – und das einzige Wort, das seinem Mund entrann, war der Name von Spock, der ihn zurückgewiesen hatte. 

 

°°°°

‚...Kontrolle...Ruhe...Logik...Beherrschung der Emotionen...’ Mit der Sicherheit eines Profis tauchte Spock in die Meditation ein, entspannte seinen Körper, reduzierte seine Gedankengänge bis sie kaum noch die Ruhe in seinem Geist störten. Erste Ebene, zweite Ebene...Routine für den Vulkanier. Auf zwölf Ebenen, vom geistigen Niveau her ansteigend, konnte bei dieser speziellen Art der mentalen Übung meditiert werden, die höchste jedoch erlangten nur die Meister von Gol. Spock meditierte meistens auf der sechsten Ebene, das genügte in normalen Zeiten. Der heutige Tag zählte nicht dazu.

Die neunte Ebene war sein Ziel, dort würde er die unerwünschten Gefühle für Jim unter Kontrolle bringen können.

 

Spock erreichte die neunte Stufe. Eine sandarme rote Wüste. Das typische Bild dieser Ebene. Für einen Vulkanier der beste Platz zum Meditieren. Spock kannte diese Ebene. Sie stellte keinen Platz für einen kurzen Aufenthalt dar, sie verlangte nach Zeit, ungeteilter  Aufmerksamkeit und forderte sorgfältiges Herangehen.

 

Langsam schritt er durch die Wüstenlandschaft, wartend auf das erste Signal, welches ihm die Richtung weisen würde.

Es dauerte nicht lange und er erblickte einen hellen Punkt auf der roten Wüstenebene. Dort würde er das erste Signal finden und er hielt darauf zu.

Als er näher kam, erkannte er einen mit einer cremefarbenen Robe bekleideten Mann. Überrascht hielt er den Atem an. Ein Begleiter? Dies war ihm von dieser hohen Ebene unbekannt. Das beseelte Universum sendete nur denen, die auf niedrigen Ebenen meditierten, Begleiter. Unvorstellbar weitentwickelte Wesen von unbekannter Art und Herkunft, Geschöpfe von unfassbarem Alter und unbegreiflichem Wissen, und ihre Anwesenheit schenkte den Meditierenden Sicherheit. Sie  machten es den Meditierenden leichter, dem vorgegebenen Pfad zu folgen, denn allzu leicht ließ sich der Geist ablenken und damit die Meditation scheitern. Aber warum nur ein Begleiter? Es sollten immer zwei sein, wegen der Parität und des Ausgleichs. Das stellte eine feste Regel dar und auch wenn einer der beiden Begleiter dominanter erschien, so war der zweite doch stets anwesend.

Spocks Augen suchten den zweiten, schweiften über die Wüste. Einen zweiten Begleiter konnte er jedoch nicht entdecken. ‚Nun’, dachte er, ‚das Universum versucht doch immer wieder, auch Vulkanier zu überraschen.’

Spock stand noch wenige Schritte von dem Begleiter entfernt, sah nur dessen Rücken. Er blieb stehen, wartete einen Moment, ob der Begleiter ihn ansprechen würde. Nein, offensichtlich sollte Spock den ersten Schritt tun. Er fragte sich, mit wessen Aussehen sich der Begleiter ihm präsentieren würde. Surak? Er stellte für Vulkanier eine Art Standard als Begleiter dar.

 

„Ich bin Spock“, sagte er. Sich vorzustellen, gehörte zum Protokoll.

Der Begleiter drehte sich zu ihm um, schaute ihm in die Augen.

Spock verharrte verblüfft. Es war nicht Surak. Der Begleiter zeigte sich ihm in der Gestalt eines anderen Vulkaniers. Spock identifizierte ihn sofort. Vor ihm stand ein auffallend attraktiver junger Mann, den er zwar kannte, aber mit dem er nie persönlich zusammengetroffen war, es hätte gar nicht können.

Simis.

Simis schaute ihn nur an, sagte kein Wort.

„Ich bin Spock“, wiederholte der Vulkanier, „und ich bin hier, um zu lernen und um meine Gefühlsbeherrschung zu stärken.“

 

„Ist das die Wahrheit?“

 

„Ja“, antwortete der Angesprochene, sich fragend, weshalb sein Begleiter das Antlitz des toten T’hy’las von Selenos gewählt hatte.

 

„Bist du auch bereit zu lernen, wenn deine Gefühlsbeherrschung nicht gestärkt wird?“

 

Spock war verwirrt, aber bejahte die Frage.

 

„Das ist gut.

Komm, Spock, hilf mir, den Unterstand zum Schutz gegen den Wüstenwind zu errichten.“

 

Spock half dem Simis–Begleiter, nicht ohne sich über den eigenwilligen Humor des Universums ihm gegenüber zu ärgern. Das Errichten des Unterstandes sollte eine Art Konzentrationshilfe darstellen, genau wie der Begleiter selbst, etwas für ungeübte Meditierende.

Der Begleiter richtete sich auf, musterte Spock mit spöttischem Blick.

 

„Ich verstehe...du hältst dich für zu weit fortgeschritten, um von mir angeleitet zu werden.“

 

„Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich arrogant erschienen war. Das war nicht meine Absicht.“

 

„Du erscheinst nicht nur arrogant, du bist es.“

Spock schluckte. Nun, wenn der Begleiter ihn so behandeln wollte, musste er es eben ertragen. Widerstand oder das Zeigen von Missfallen würde sein Verhalten nur noch verstärken, das war auch eine der Lektionen der unteren Meditationsebenen und Spock hatte sie schon als Kind gelernt.

 

„Setz dich, ich will mich mit dir über einiges unterhalten.“

Spock setzte sich gehorsam und wartete.

„Du hast eine Entscheidung über deine Beziehung zu Jim Kirk getroffen und ich will, dass du sie noch einmal überdenkst.“

 

Spock erstarrte.

„Deine Entscheidung wird weitreichende Konsequenzen für dein weiteres Leben haben und deshalb solltest du sie nicht übereilt treffen.“

 

„Ich habe über meine Entscheidung lange nachgedacht und sie nicht übereilt getroffen“, sagte Spock, inzwischen doch beleidigt.

 

„Nachgedacht hast du sicher, aber du hast deine Entscheidung aus Angst vor deinen Gefühlen getroffen.“

 

Spock sprang auf.

„Setz dich!“

Der Vulkanier atmete tief durch und gehorchte. Auch das hatte er schon vor vielen Jahren gelernt. Wenn er nicht zuhören wollte, konnte er jederzeit die Meditation abbrechen, sogar sehr schnell, wenn er die aus einem regelwidrigen Abbruch resultierenden Kopfschmerzen in Kauf nahm, aber am Ende nützte es ihm nichts. Bei seiner nächsten Meditation stünde der Begleiter wieder vor ihm und würde ihm das selbe Problem noch einmal präsentieren. So lange, bis Spock ihm zuhörte und bereit war zu lernen.

 

„Du glaubst, eine logische Entscheidung getroffen zu haben, aber in Wahrheit hat ein Gefühl zu deiner Entscheidung geführt. Angst. Angst vor deinen Gefühlen. Vielleicht solltest du dich nicht immer auf Logik berufen, wenn du Entscheidungen triffst.

Ich sagte dir schon, dass du arrogant bist, von Zeit zu Zeit deiner selbst zu sicher. Dabei erkennst du nicht einmal den wahren Grund für deine Entscheidung.“

 

Spock schwieg.

 

„Simis hatte sich damals für den Weg der Liebe entschieden und sich mit Selenos verbunden. Willst du dich nicht auch für den Weg der Liebe entscheiden?“

 

„Die Beziehung von Selenos und Simis ist gescheitert. Warum also sollte ich es Simis gleich tun?“

 

„Und warum ist die Beziehung gescheitert?“

 

„Weil die unbeherrschten Gefühle von Selenos von Simis nicht ertragen werden konnten.“

 

Der Simis–Begleiter schüttelte den Kopf.

„Du siehst nicht genau hin, Spock. Die Beziehung ist nicht gescheitert. Sie benötigte nach einer Pause ein mentales Training für Selenos, damit die beiden ihre Mentalsphären wieder hätten synchronisieren können.“

 

Spock dachte nach. Hätte das genügt? Konnte das stimmen?

 

„Ein schwieriges Unterfangen, aber nichts spricht gegen seinen Erfolg.“

Spock sagte nichts dazu.

 

„Es stimmt, was ich sage und ICH muss es schließlich wissen.“ Er schaute Spock herausfordernd an.

 

Spock seufzte. Natürlich kannte der Begleiter die Wahrheit, er gehörte einer selbst für Vulkanier unfassbaren Dimension an, aber genauso gut könnte es ein Test sein.

Der Simis–Begleiter erhob sich und deutete auf eine wie aus dem Nichts erschienene Tür im Stoff des Unterstandes.

„Ich werde dir etwas zeigen und dafür musst du durch diese Tür gehen.“

 

Spock wunderte sich inzwischen nicht mehr über den Anfängerweg, den er nehmen sollte. Es war ein simpler Mut–Test für Individuen, die noch nicht zu sich selbst gefunden hatten und sich vor der Zukunft fürchteten.

‚Gehe durch diese Tür, dort findest du die Wahrheit heraus.’ Durch eine Tür zu gehen konnte äußerst schmerzhaft sein, doch hinter der Tür verbarg sich auch die Möglichkeit, ein Problem zu lösen.

Spock stand auf und öffnete die Tür.

Er betrat den leeren Raum und befolgte die Meditationsregel, den Begleiter um Anpassung an diese Szenerie zu bitten, wie bei jedem neuen Schritt.

Der Raum veränderte sich, wurde zu einem von Kerzenlicht schwach erhellten Zimmer.

Er sah Simis und Selenos.

Sie trugen traditionelle Roben für eine Bindungszeremonie zwischen zwei Vulkaniern und flüsterten Worte der Liebe.

Langsam zogen sie sich gegenseitig aus, sanken auf das breite Bett in der Mitte des Raumes, verschmolzen ihre Geister, begannen, sich zu lieben.

Spock stand wie erstarrt, konnte seinen Blick nicht von der Szene wenden. Er sah, wie Selenos in Simis eindrang. Er hörte das Stöhnen der beiden Männer, ja er hatte den Eindruck, als fühle er ihre liebenden Gedanken, ihre leidenschaftlichen Berührungen. In ihm quoll Sehnsucht hervor. Intensive Sehnsucht, seinen eigenen T’hy’la so zu berühren, eins mit ihm zu werden.

 

Spock wusste nicht, wie lange er so stand, die beiden Liebenden beobachtete. Irgendwann hörte er die Stimme des Simis–Begleiters an seinem Ohr.

„Ihre Hochzeitsnacht. Siehst du, wie glücklich sie sind?“

 

„Ja“, flüsterte Spock.

 

„So könnte es mit dir und Jim sein.“

 

Spock kam zu sich.

„Unsere Sehnsucht zueinander ist nicht ausreichend für eine lebenslange Partnerschaft. Sie darf nicht das einzige Kriterium sein.“

 

„Es ist Liebe, was ihr empfindet. Du liebst Jim und er liebt dich. Liebe ist die stärkste Kraft im Universum.“

 

„Ich halte das für eine Phrase.“

 

Irrte sich Spock oder schaute ihn der Begleiter erstaunt an?

„Sag bloß, du hast die Ereignisse auf Tribas schon vergessen? Oder hast du sie vielleicht absichtlich aus deinen Gedanken verbannt?

Nach welchen Kriterien wirst DU denn deinen Lebenspartner wählen?“

Wieder zog Spock es vor, nicht zu antworten.

 

„Ich will dir noch etwas zeigen“, sagte der Simis–Begleiter und führte ihn aus dem Raum. Er wies auf eine zweite Tür und bedeutete Spock, sie zu öffnen.

 

„Was ist dahinter?“

 

„Etwas, was dich erschrecken wird. Also öffne sie.“

 

Spock zögerte.

„Verlierst du den Mut, der Wahrheit zu begegnen?“

 

„Ich werde hineingehen.“

 

„Gut.“

 

Spock betrat den Raum und erstarrte. Er glaubte nicht, was er sah.

Er erblickte Jim, nackt auf dem Bett in Selenos’ Quartier an Bord der Enterprise.

Selenos’ Mund an seinem Geschlecht.

Laute der Lust aus Jims Mund drangen an sein Ohr – und ein Wort nur, nur ein Wort, aber immer wieder das selbe, ein Name, sein eigener. „Spock...“

Der Vulkanier zitterte.

„Was...“

 

Der Simis–Begleiter stand auf der anderen Seite des Bettes und betrachtete ohne Gefühlsregung die beiden Männer.

„Jim und Selenos fühlen sich beide einsam, weil sie von ihren t’hy’las getrennt sind. Sie schenken sich Trost und Nähe und ihre Gedanken sind in Wahrheit bei denen, für die sie Liebe empfinden. Ihre Leidenschaft gilt ihnen.“

 

Spock schloss die Augen, wollte dieses Bild nicht sehen.

 

„Fühlst du Eifersucht? Wärest du jetzt nicht gern an Selenos’ Stelle? Würdest du nicht viel lieber selbst deinen T’hy’la so verwöhnen?“

 

Spocks Herz fing an zu rasen, unbestimmte Wut drohte ihn zu übermannen. Er spürte, wie er aus der Tiefe der Meditation glitt, wollte sich auch nicht mehr darin halten.

 

„Spock“, rief ihm der Simis–Begleiter nach, „du musst unbedingt sehr bald wiederkommen. Nicht nur wegen dir, auch wegen Simis. Hörst du, es ist wichtiger, als du glaubst. Es darf keinen Aufschub geben...komm wieder hierher...“

 

 

 

 

Spock hielt sich den Kopf vor Schmerzen. Ein abrupter Fall von der neunten Meditationsebene war keinesfalls empfehlenswert, die Regel lautete, langsam nach unten zu gleiten. Er atmete flach, massierte seine Schläfen und ließ die Augen geschlossen. Er wartete, bis sich die Schmerzen auf ein erträgliches Maß vermindert hatten. Sein bewusstes Denken setzte ein und er speicherte jedes Detail aus der Meditation ab, wie er es stets tat.

‚Du musst unbedingt sehr bald wiederkommen.’ Die Worte dröhnten in seinen Gedanken. ‚Nicht mehr heute’, dachte er, als die Einzelheiten  der Meditation in seine Gedanken drängten.

Spock  war aus zwei Gründen verwirrt über diese Meditation. Zum einen, weil er einen Begleiter in ihr bekommen hatte, aber nur einen, und zum anderen über die Meditation selbst. Und was meint er mit ‚...wegen Simis’?

 

Die letzte Szene stand vor seinem Auge. Jim und Selenos. Vielleicht hatte ihm der Begleiter nur etwas gezeigt, was sein könnte und nicht die Wahrheit.

Wieder fühlte Spock Eifersucht, verdrängte sie. ‚Jim ist frei, er kann tun was er will, wir sind kein Paar, ich habe es selbst abgelehnt’, erinnerte er sich.

Eine befremdliche Meditation, gefüllt mit unerwarteten Bildern, die heftige emotionale Reaktionen ausgelöst hatten.

Der Begleiter hatte ihn arrogant genannt und unfähig, den Unterschied zwischen einer logischen und einer aus Angst vor seinen Gefühlen getroffenen Entscheidung zu erkennen.

Spock fragte sich, ob er wirklich seine Entscheidung aus Angst heraus getroffen hatte, wie der Begleiter behauptete. Er war sich so sicher gewesen bei seiner Entscheidung, eine Liebesbeziehung mit Jim abzulehnen.

Vorsichtig erhob er sich und machte sich bereit für seinen Dienst.

Er verließ die Kabine und steuerte auf die Messe zu, um ausnahmsweise eine Mittagsmahlzeit einzunehmen, denn Meditationen verbrauchten viel Energie.

 

Drinnen in der Messe erblickte er Selenos und Jim, entspannt über ihrer Mahlzeit sitzend. In Spocks Gedanken trat wieder das Bild aus der Meditation und sein Herzschlag beschleunigte sich. Konnte es sein? Und was wäre, wenn? Er nahm sich zusammen und holte sich sein Essen. Dann setzte er sich an einen möglichst weit von den beiden entfernt stehenden Tisch und konzentrierte sich auf seine Mahlzeit. Mit mäßigem Erfolg, denn zu seinem Ärger versuchten seine Ohren gegen seinen Willen, das Gespräch der beiden aufzufangen. Sie sprachen über den ‚Lichtgefährten’ . Selenos’ Schwester T’Adrana hatte das Werk ohne Selenos Einwilligung veröffentlicht und der Dichter zeigte seinen Unmut darüber. Zu dem jetzigen Zeitpunkt wollte er lieber nicht im Rampenlicht stehen.

Kein Wort über sie beide.

Spock atmete erleichtert auf und ärgerte sich sofort über sich selbst. Die beiden konnten tun und lassen, was sie wollten. Sie waren ungebunden, wie er selbst auch, und konnten eine Beziehung eingehen, mit wem sie wollten...genau wie er selbst. Auch er konnte sich aussuchen, wen er wollte...’Schluss’, ermahnte er sich und erkannte, welch langer Weg noch vor ihm lag, bevor er die unerwünschten Gefühle für Jim unter Kontrolle hatte.

 

Jim erhob sich und ging Richtung Ausgang, Selenos blieb am Tisch sitzen.

Spock konnte dem Drang, die Wahrheit über die beiden zu erfahren, nicht widerstehen. Er beschloss, unauffällig an Selenos vorbeizugehen, noch unauffälliger seinen individuellen Duft, seine Pheromone, die viel deutlicher hervortraten als bei Menschen, tief einzuatmen und zu analysieren. Dann würde er ebenso dezent Jim folgen und ihn auf Spuren von Selenos’ Pheromonen absuchen. Wenn sein T’hyla mit dem schönen Dichter geschlafen hatte, würden ihn dessen Pheromone verraten.

Spock schlich unauffällig an Selenos’ Tisch vorbei, eilte Jim hinterher, analysierte auf seinem nicht ganz so dezenten Sprint blitzschnell Selenos’ Pheromone und sprang in letzter Sekunde hinter Kirk in den Lift.

Jim war irritiert über Spocks Sprint. Normalerweise war sein Erster Offizier sehr auf Würde bedacht und erhöhte seine Schrittfrequenz nur in brenzligen Situationen. War denn im Moment eine? Jim schaute Spock fragend an, doch dieser blickte betont in eine andere Richtung.

Hatte Spock soeben ein paar extra tiefe Atemzüge gemacht? So als ob er die Luft im Aufzug als besonders angenehm empfinden würde? Wieder schaute er seinen Freund fragend an, wollte sich danach erkundigen. Doch bevor er den Mund öffnen konnte, änderten sich Spocks Gesichtszüge von normalkühl in seelenwundglühend. Mit diesem Blick starrte er ihn etliche Sekunden an, bevor er sein Gesicht wieder in den Normalzustand brachte.

 

„Spock“, fragte Kirk besorgt, „alles in Ordnung mit dir?“

 

Jim konnte sehen, wie Spock sich abmühte, seinen Gesichtsausdruck im Normalzustand zu halten.

„Es gibt keine Probleme, Jim“, sagte er.

 

„Wenn du das sagst...“, sagte Jim. Dann hielt der Turbolift und sie betraten sie die Brücke.

 

Spock setzte sich an die wissenschaftliche Station und schloss die Augen.

‚Der Begleiter hat mir die Wahrheit gezeigt, Jim und Selenos haben zusammen geschlafen.....Kontrolle...ich muss endlich meine Gefühle für Jim unter Kontrolle bringen...Es war die richtige Entscheidung...’

‚War sie das wirklich? Meine Reaktion sagt mir etwas anderes...Ich bin eifersüchtig auf Selenos...’

Es dauerte noch einige Minuten, aber schließlich entschloss sich Spock, seine Entscheidung noch mal zu überdenken. Morgen früh würde er in der Meditation auf die neunte Ebene zurückkehren, um eine Lösung zu finden. Wenn es dann nicht schon zu spät war.

 

°°°°                                                                 

 

„Ob Spock es weiß?“ fragte Jim.

 

„Sehr wahrscheinlich, denn er ist nicht blind und er hat eine Nase. Meine Pheromone waren noch eine Weile an dir haften geblieben. Schwach zwar, aber zu finden, wenn man weiß, wonach man suchen soll."

 

Jim seufzte.

„Dann weiß er es sicher. Wir hatten vorhin eine kurze Begegnung im Lift. Er hat tief eingeatmet und mich danach für einige Augenblicke mit einem ungewöhnlichen Blick bedacht, schmerzhaft oder entsetzt erschien er mir, doch es war schnell vorbei...Aber er hat nichts gesagt.“

 

„Er ist bestimmt eifersüchtig, denn auch wenn er eine intime Beziehung mit dir abgelehnt hat, so liebt er dich doch.“

 

„Ob er seine Meinung ändern wird?“ fragte Jim leise. „Ich liebe ihn so sehr.“

 

„Er wird sich für dich entscheiden“, sagte Selenos und zerwuschelte Jims Haar, „du bist nämlich unwiderstehlich und so bleibt ihm gar keine andere Wahl, als seinen Gefühlen nachzugeben.“

 

„Ich hoffe, du hast recht“, sagte Jim und küsste Selenos flüchtig auf den Mund, „und ich hoffe, er entscheidet sich schnell. Sonst bleibe ich noch an dir hängen.“

 

„Vor zwölf Jahren, wer weiß...Du bist so betörend, dass wir damals durchaus hätten aneinander kleben bleiben können. Vor Simis hatte ich sehr ernsthaft in Erwägung gezogen, mir einen der reizvollen blonden Menschen einzufangen...“

 

„Du bist ein schamloser Verführer, Selenos.“

 

„Ich weiß, aber ich hoffe für euch beide, dass Spock es wagt, den Pfad der Liebe zu beschreiten. Ihr passt so gut zueinander. Der dunkle und der helle Prinz, der ruhige und der wilde, der eine außen kühl und innen heiß und der andere, der angefüllt ist mit einem wärmenden Lächeln, welches das stärkste Eis zum Schmelzen bringt...“

 

„Ach, Selenos, du Dichter vom Planeten der Logik und der unendlichen Leidenschaft im Verborgenen...“

 

„Genau so.“

Selenos drückte Jim an sich. „Ich wünschte, Simis könnte ihm sagen, wie wundervoll sich die Liebe anfühlt. Seinen Worten würde er eher vertrauen, als denen eines unbeherrschten Dichters.“

 

Selenos schob Jim bedauernd ein Stück zurück, denn auch wenn er den zärtlichen Captain der Enterprise gern noch einmal genießen wollte, war jetzt der falsche Zeitpunkt dafür. Vor ihm lag noch ein schwerer Gang. In wenigen Minuten würde ein vulkanisches Langstreckenshuttle im Hangardeck der Enterprise landen, mit den Eltern seines toten T’hy’la Simis an Bord.

 

Kirk und Selenos begaben sich zum Shuttlehangar, um die beiden Vulkanier zu empfangen. Besorgt betrachtete Jim den Dichter, sah seine unsicheren Schritte und den wenig erfolgreichen Versuch, eine emotionslose Maske über sein Gesicht zu legen.

Als sie am Hangar ankamen, wurden sie bereits erwartet. Spock nickte Jim mit kühler Höflichkeit zu, aber würdigte Selenos keines Blickes. T’Adrana stand bei Dr. M’Benga und erntete einen ärgerlichen Blick ihres Bruders.

„Ich versuche hier, meine Schwiegereltern zu überleben“, fauchte ihr Selenos leise zu, „und deine Anwesenheit dabei ist kontraproduktiv. Simis’ Mutter hält von dir genauso wenig wie von mir und ich will nicht noch mehr Probleme.“

 

„Ich bin hier, um dir beizustehen, Bruder. Du solltest dankbar sein, T’Nar nicht allein gegenüber treten zu müssen. Und falls du unbedingt wieder jemanden mit einem Nervengriff k.o. legen musst, solltest du dich diesmal lieber für sie entscheiden.“

Sie beendeten ihr Gespräch abrupt, als sich der Shuttlehangar öffnete. Zwei Sicherheitsleute eilten hinein, um die beiden Vulkanier aus dem Shuttle und zu den vor dem Hangar Wartenden zu geleiten.

Es dauerte nur eine halbe Minute und dann standen sie sich gegenüber.

Kirk begrüßte sie höflich und drückte mit angemessenen Worten sein Mitgefühl aus.

Seron, der Vater von Simis, dankte ihm höflich.

T’Nar dagegen, die Mutter,  wandte ihren eiskalten Blick zu Selenos.

„Du hast es also geschafft, meinen Sohn mit deinen unbeherrschten Emotionen zu töten. Nun, das war zu erwarten. Es ist sehr bedauerlich, dass sich sein Vater damals vor zwölf Jahren auf deine Seite gestellt hat und einer Bindung zustimmte. Hätte Simis nicht dich geheiratet, sondern eine Frau, die ich für ihn ausgewählt hätte, wäre er noch am Leben.“

Simis’ Vater blickte den Dichter bedauernd an und schwieg.

 

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Es war sinnlos. Selenos wusste, eine Meditation brächte er jetzt nicht zustande. Er ballte wütend die Hände. Die Begegnung mit Simis’ Mutter war genauso schlecht verlaufen, wie er es befürchtet hatte und der Vater hatte nur geschwiegen. Wenn sie wenigstens nicht den Bericht über die Ereignisse auf Tribas gelesen hätten! Doch der Clan von Simis war in den letzten Jahren aufgestiegen, sein Vater inzwischen 2. Botschafter auf der Erde, und mit diesem Einfluss hatten sie vom Flotten - Hauptquartier die Herausgabe der Informationen erzwingen können.

Selenos fühlte sich schuldig am Tod seines Partners und dessen Mutter hatte es an seiner unbeherrschten Mimik und Gestik gesehen. Ihr Blick lag nicht ausdruckslos auf ihm, nein, eiskalt, spöttisch und überlegen. In der kurzen Zeit, die sie zu viert im Besprechungsraum verbracht hatten und der Captain den Bericht erläuterte, zerrann in dem Dichter die mühsam zusammengehaltene Beherrschung und er schrumpfte unter ihren Blicken.

Jetzt saß er hier auf dem Boden im Gästequartier und begann zu weinen. Er weinte wie damals vor zwei Jahren, als Simis die Minimierung ihres Bandes gefordert hatte. In Selenos stieg die Erinnerung an jenen Abend hoch, als der Mann, den er liebte, ihn zurückwies, weil ihm seine starken Emotionen die eigene Selbstbeherrschung unmöglich machten.

Aber Simis hatte ihn geliebt, die ganze Zeit. Die Liebe war nicht die Ursache für die Minimierung ihres Bandes gewesen und auch nicht die Ursache für Simis’ Tod.

Er hörte den Türsummer und wischte sich die Tränen von seinem Gesicht.

‚Sicher ist es Jim’, dachte er und öffnete.

Doch vor ihm stand nicht der herzliche junge Captain, der für eine Weile den Kummer in ihm hatte vertreiben können, sondern Seron, Simis’ Vater.

 

„Was kann ich für dich tun?“ fragte er ihn, nachdem sie sich gesetzt hatten.

 

Der Besucher schaute ihn ruhig an und erblickte die noch nicht getrockneten Tränen im Gesicht des Dichters.

 

„Dein ‚Lichtgefährte’ hat sich auf Vulkan schon verbreitet und er löst in unserer Heimat faszinierende Reaktionen aus. Ich kenne auch schon einiges daraus. Du hast ein Meisterwerk geschrieben.“

 

„Danke...und ich bitte um Entschuldigung dafür, dass T’Adrana deine Gattin geohrfeigt hat.“

 

„Das ist kein Grund für eine Bitte um Entschuldigung. Entschuldige dich lieber bei deiner Schwester dafür, dass du sie schon wieder mit einem Nervengriff betäubt hast.“

 

Ein Lächeln huschte über Selenos’ Gesicht.

 

„Selenos, ich bin hier, um dir etwas zu sagen. Du hast meinen Sohn geliebt und er dich auch. Und die Wahrheit ist, ich beneide euch beide. Ihr habt die wundervollste aller Emotionen geteilt. Mir wurde das nie zuteil.

Ich weiß nicht, wie deine Zukunft aussehen wird, aber als erstes brauchst du mentale Hilfe. Ich habe ein Jahr in Gol verbracht und dort viel gelernt. Ich kann dir dabei helfen, zu dir zu finden, deinen Geist zu beruhigen. Ich schlage als erstes vor, ich begleite dich ab morgen bei den von dir so dringend benötigten Meditationen, denn allein wirst du in deinem Zustand wohl nichts erreichen. Nimmst du mein Angebot an?"

 

Selenos war von Serons Angebot überwältigt. Nie hätte er daran geglaubt, ausgerechnet vom Vater seines toten Geliebten eine solche Einladung zu bekommen. Nicht nach allem, was passiert war.

„Ich danke dir“, sagte er leise, ‚und ich nehme dein Angebot an...Ich verstehe nur nicht den Grund dafür.“

 

Seron beugte sich ein wenig nach vorn, blickte Selenos in die Augen.

„Der Grund ist völlig logisch, Selenos.

Du und mein Sohn, ihr habt euch geliebt, wart auf überwältigende Weise eins. Mein leiblicher Sohn ist tot, aber weil ihr zusammengehört, bist auch du mein Sohn...“

 

 

 

 

 

 

Weiter: Teil 8