Titel: Am Weihnachtsmorgen

Autor: Lady Charena
Fandom: Martha Grimes Inspektor Jury

Paarung: Richard/Melrose, Tante Agatha
Rating: PG, humor, Weihnachtschallenge

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Tante Agatha erhält ihr Weihnachts“geschenk“

 

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“Zur Hölle, Melrose, es ist erst sieben”, knurrte Richard Jury und drehte sich nach einem schlaftrunkenen Blick auf die Uhr um. Weg von seinem uncharakteristischerweise bereits munteren Liebhaber. „Ich habe Urlaub.“ Er zog die Decke über die Ohren hoch.

 

„Es zwingt dich niemand mit aufzustehen“, erwiderte Melrose grinsend und versteckte ein Gähnen, als er seinen Morgenmantel anzog. Eigentlich sah Richard ganz kuschelig aus, wenn er nun zu ihm unter die Decke schlüpfte... eigentlich bedauerte Melrose schon fast, dass er sich vorgenommen hatte, entgegen aller Gewohnheit in der grausamen Morgendämmerung aufzustehen und Geschenke auszupacken, wie er es als kleiner Junge getan hatte. Nur dass er damals um vier Uhr morgens durch das kalte und dunkle Haus tappte, und unweigerlich am Fuß der Treppe Ruthven in die Arme lief. Melrose schloss leise die Schlafzimmertür hinter sich.

 

Nun, er musste heutzutage wohl kaum damit rechnen, dass der alles-sehende-alles-wissende, dabei immer diskrete Ruthven ihn bei seinem sentimentalen Rückfall in die Kindheit erwischte. Diese Rolle würde eher Tante Agatha zufallen, die sich beim gestrigen Dinner – zu dem sie sich natürlich selbst eingeladen hatte – derart am Portwein-Vorrat der Caverness vergriffen hatte, dass sie im Wohnzimmer losschnarchte und von Richard und Ruthven unter viel Mühe ins Gästezimmer geschafft wurde, wo sich dann Martha ihrer annahm. Nein, so wie er seine Tante kannte, würde die nicht vor Mittag aus dem Bett kriechen – und dann vermutlich darauf bestehen, dass man einen Arzt rief. Oder einen Priester.

 

Weihnachten dachte Melrose an seine Mutter, wie sehr sie das Fest geliebt hatte und ohne die liebevolle Erinnerung an sie wäre ihm Weihnachten gleichgültig geblieben. Obwohl... seit er Richard kannte und liebte und sich die beiden Männer - die gleichermaßen eine teils unglückliche, teils ungewöhnliche Kindheit hinter sich gebracht hatten, an Weihnachten einen nostalgischen Anflug erlauben konnten - war ihm seine eigenbrötlerische Ader verleidet.

 

Melrose grinste, als er die letzte Stufe herabstieg. Wenigstens hatte er es geschafft, Jury für die Feiertage und einen ausgedehnten Urlaub nach Long Piddleton zu locken, ohne das ein Mord geschehen war. Sie sahen sich ohnehin zu selten, seit Jury wie ein unerwünschtes Präsent einer ungeliebten Erbtante von einer Grafschaft zur nächsten weitergereicht wurde, um bei besonders komplizierten Verbrechen den örtlichen Polizeikräften als Berater zur Verfügung zu stehen. Unnötig, zu erwähnen, dass Richards Vorgesetzter Racer vor Wut schäumte. Morgen würden Sergeant Wiggins mit Richards Nachbarinnen Mrs. Waterman und Carole-anne Palutski eintreffen, auf die Melrose in London schon einige Male getroffen war. Er war gespannt auf den „Zusammenstoß“ der Neuankömmlinge mit der alteingesessenen Gesellschaft von Long Piddleton, die sich in Form von Marshall Trueblood und Diane Demorney zum Mittagessen einfinden würde. Um den alten Kreis aufleben zu lassen, fehlte nur Vivian Rivington, doch die würde erst zu Sylvester der alten Heimat einen Besuch abstatten. Weihnachten verbrachte sie in Venedig, bei Franco. Ganz sicher war er nicht, ob er das wirklich bereute. Ja, er kannte Viv ewig und mochte sie, doch da war in der Vergangenheit etwas zwischen ihr und Richard gelaufen, von dem er die Ausmaße nicht kannte – und sie eigentlich auch nicht wissen wollte.

 

Es war Melrose ureigene Idee gewesen, alle am zweiten Weihnachtsfeiertag einzuladen. Auf Ardry End war Platz genug, die dreifache Menge an Gästen zu bewirten und um seine langsam betagte Haushälterin nicht zu überfordern, hatte er über die Festtage ein paar Helfer engagiert – trotz Marthas heftigem Protest. Er freute sich mit der unbändigen Freude eines Kindes, denn er konnte sich nicht erinnern, ob nach dem Tod seines Vaters das Fest der Liebe so ausgiebig zelebriert worden war.

 

Mit einem dummen kleine-Jungen-Herzklopfen drückte er auf den Lichtschalter. Unter Zuhilfenahme eines örtlichen Elektrikers hatte Ruthven es geschafft, die komplette Weihnachtsbeleuchtung an einen Zentralschalter anzuschließen. So erstrahlte der Raum in bunten Lichtern und dem warmen Glanz künstlicher Kerzen. Der Santa Clause mit dem eingebauten Bewegungsmelder, den Ellen aus New York geschickt hatte, erwachte zum Leben und schmetterte HO-HO-HO.

 

Die Hände in die Taschen seines Morgenmantels geschoben, betrachtete Melrose die funkelnde und strahlende Pracht. Martha hatte einen wahren Schatz gehoben, und alten Christbaumschmuck hervorgezaubert, der schon seit Ewigkeiten in der Familie war und den Melrose Mutter eingemottet hatte, da er nicht mehr modern war. Doch die zierlichen Glaskugeln und Engelchen, vergoldeten Spielsachen, Pferdchen, Schlitten und Musikinstrumente boten einen herrlichen Anblick.

 

Zwei Arme legten sich um seine Taille und Richard lehnte sich an seinen Rücken. „Fröhliche Weihnachten“, flüsterte er in Melrose Ohr, die Stimme noch rau und dunkel vom Schlaf.

 

„Fröhliche Weihnachten.“ Melrose lächelte, drehte den Kopf, küsste ihn. „Du wolltest doch ausschlafen.“

 

„Hmmmm“, brummte Jury unbestimmt und legte das Kinn auf Melrose Schulter. „Was packst du zuerst aus?“

 

Melrose drehte sich um, ohne den Griff seines Liebhabers zu lockern. „Ich glaube, ich fange mit dir an“, meinte er und schob seine Hände unter Jurys Pyjamaoberteil.

 

„Du hast kalte Hände“, protestierte Jury lachend. Er beugte sich vor, küsste Melrose. „Lass’ uns wieder ins Bett gehen.“

 

„Wieso...“ Melrose schob ihn rückwärts, Richtung Sofa. Er beschäftigte sich damit die Knöpfe aufzubekommen. „Geschenke müssen sofort unter dem Baum ausgepackt werden.“

 

„Aber wenn...“ Weiter kam Jurys Protest nicht. Melrose küsste ihn einfach so lange, bis seine Gedanken weit weg von Butlern und Haushaltshilfen waren. Er ließ sich auf das Sofa fallen, zog seinen Liebhaber auf sich.

 

Ein schriller Aufschrei schreckte die beiden hoch. Melrose sprang auf, sah Tante Agatha in der Tür stehen – und sank wieder zurück auf das Sofa. Er räusperte sich und hielt Jury am Ärmel fest. „Guten Morgen, Agatha“, sagte er munter. „Du bist schon wach.“

 

„Ich wo-wo-wo...“, stotterte Agatha und verfärbte sich von rosa zu grünlich zu weiß zu rosa. Mit einem hübschen Stechpalmenkranz um ihr Gesicht hätte man sie für eine weihnachtliche Türdekoration ansehen können. „...etwas trinken. Da war... da war Licht hier und ich... ich...“

 

„Du wolltest nachsehen, was dir der Weihnachtsmann gebracht hat“, soufflierte Melrose hilfsbereit.

 

„Ich... ich... ich bleibe keine Sekunde länger in diesem schändlichen Haus!“ Endlich hatte Agatha ihre Stimme wiedergefunden. „Das ist ja... das ist... mir fehlen die Worte“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und verschwand im Korridor.

 

„Sobald sie die Worte wiedergefunden hat, wird ganz Long Piddleton von uns wissen“, seufzte Jury, knöpfte seinen Pyjama zu, fuhr sich durch die Haare.

 

Melrose sah ihn von der Seite an. „Vielleicht ist sie zu geschockt, um es weiter zu tratschen. Es dürfte ihr aber die Sorge nehmen, dass ich heirate und Kinder bekomme, die ihr Erbe gefährden.“ Er lachte leise, wurde dann wieder ernst. „Schlimm?“

 

„Schlimm?“, wiederholte Jury und ließ sich an die Sofalehne zurücksinken, um seinerseits Melrose anzusehen. „Ich weiß nicht. Du lebst hier. Ich düse wieder nach London zurück.“

 

„Wir werden absehen.“ Melrose ließ sich tiefer rutschen, legte den Kopf an Richards Schulter, seufzte.

 

„Was?“, fragte der, schlang den Arm um seinen Liebhaber.

 

„Es wäre zu schön, wenn Agatha ihre Drohung wahrmacht und nie wieder Ardry End betritt...“ Lachend zog er Richards Gesicht zu sich herunter, um ihn zu küssen..

 

Irgendwo auf dem Korridor waren leise Schritte zur hören. Draußen, hinter dem Fenster, jenseits der Mauer, lag ein dünner, blassgoldener Schimmer über der verschneiten Parklandschaft und der Schnee erstrahlte in einem zarten Violett, während das Licht langsam kräftiger wurde. Himmlische Ruhe kehrte wieder ein.

 

Ende