disclaimer etc. - Part 1

 

 

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Ein Schritt zu weit nach vorn gewagt

Schon ist es vorbei

Was auch immer jetzt getan

Was ich gesagt hab, ist gesagt

Und was wie ewig schien,

Ist schon Vergangenheit

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* // * // *Flashback* // * // *

 

Das erste Zusammentreffen fand in einer Bar in Toronto statt. Rykker war ein seltsamer, schweigsamer Mann, von dem er kaum etwas wusste, außer dass er als Söldner für den Geheimdienst arbeitete – jeweils für den, der ihn am besten bezahlte - und seine Arbeit unbelastet von Skrupeln oder falsch verstandenen Loyalitäten verrichtete. Der Mann mit den leicht asiatischen Gesichtszügen, der ihn begleitete, war womöglich noch merkwürdiger. Zuerst dachte Kermit, dass seine

Kleidung eine Art Kostüm wäre, doch dem jüngeren Söldner wurde rasch klar, dass er sich viel zu unbefangen darin bewegte, er schien sich immer so zu kleiden. Er sprach bei ihrem ersten Zusammentreffen nichts, verneigte sich nur leicht in Kermits Richtung, als Rykker ihn als ‚Caine' vorstellte. Diese erste Begegnung hatte nur dazu gedient, einander abzuschätzen. Kermit hatte von seinem Kontaktmann nicht mehr als eine knappe Beschreibung Rykkers erhalten können, von dem anderen wusste niemand etwas. Er schien plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, ohne eine Spur dessen zu hinterlassen, wer er war oder woher er kam.

 

Das zweite Treffen fand wieder in Toronto statt, dieses Mal in einem Café in einem Einkaufszentrum. Rykker bestellte für sich und Kermit Kaffee, für seinen Begleiter ein Glas mit heißem Wasser, in das – zu Kermits Überraschung - der Mann ein paar zerdrückte Blätter streute, die er aus einem Lederbeutel nahm. Sofort wurde die Flüssigkeit dunkelrot, doch selbst als Kermit und Rykker sich ihrem Kaffee widmeten, trank Caine nicht. Er schien auf etwas zu warten. Und tatsächlich - nach ein paar Minuten, die sie (das heißt er und Rykker) damit verbracht hatten, über das Wetter zu sprechen – klärte sich die trübe Flüssigkeit langsam, bis sie fast durchsichtig schien. Erst dann trank Caine davon. Kermit konnte kleine Blattstückchen auf der Oberfläche treiben sehen.

 

Als wäre dies ein Signal gewesen, stand Rykker auf und legte einen Geldschein auf den Tisch. Wortlos verließen die drei Männer das Café und schlenderten scheinbar ziellos durch das Einkaufszentrum, das voll von Menschen war.

 

"Werden wir beobachtet?", fragte Kermit, an Rykker gewandt.

 

Zu seiner Überraschung antwortete jedoch der andere Mann. "Es sind drei Verfolger und sobald wir das Gebäude verlassen, werden noch drei weitere zu ihnen stoßen. Sie warten in einem Wagen." Seine Stimme klang erstaunlich sanft und etwas abwesend.

 

Kermit blickte von ihm zu Rykker, der eine Schulter hob. "Wir können uns darauf verlassen, dass stimmt, was er sagt", entgegnete der ältere Söldner gelassen. "Ich habe das bei seinem Vater einige Male erlebt, während des Krieges. Sie irren sich nie."

 

"Sie?", wiederholte Kermit fragend.

 

"Shaolin", erklärte Rykker, als wäre damit alles gesagt. "Caine ist der geborene Kämpfer. Auch wenn er das nicht gerne hört. Er hat eine Ausbildung hinter sich, mit der sich Ihre oder meine nicht messen kann."

 

Caine hob leicht eine Augenbraue, als er Rykker musterte, als wäre er über die Worte des anderen Mannes erstaunt. "Ich bin Priester", sagte er, während sie langsam weitergingen.

 

"Achten Sie nicht darauf", entgegnete Rykker ungerührt. "Sein Vater hat das gleiche gesagt. Kurz darauf hat er uns vor einem Hinterhalt gewarnt und zwei feindliche Soldaten ausgeschaltet, so dass wir unbehelligt durchkamen. Allerdings folgte uns Matthew erst, nachdem er die beiden Soldaten untersucht und versorgt hatte. Und über diesen Caine hier, erzählt man sich noch ganz andere Geschichten."

 

Kermit starrte Caine an, doch der schüttelte nur leicht den Kopf, als wolle er andeuten, dass Rykker übertreibe, sagte jedoch nichts.

 

Rykker warf einen Blick auf die Uhr und blieb stehen. "Ich muss mich jetzt von Ihnen verabschieden. Da mir sicherlich einige der... Herrschaften... folgen werden, dürfte es Ihnen nicht schwer fallen, den Rest loszuwerden." Er wandte sich an den Priester. "Caine, ich lege das Leben meines Sohnes in Ihre Hände. Sie wissen, was das bedeutet." Er schwieg einen Moment, dann sah er Kermit an. "Paul Blaisdell hat Sie als einen sehr fähigen Mann beschrieben, Phoenix. Ich hoffe, Sie werden Ihrem Ruf gerecht." Er schüttelte dem jüngeren Mann kurz die Hand, dann sah er sich um und tauchte in der Menge unter.

 

Kermit wandte sich an den Shaolin, der keine Anstalten machte, weiter zu gehen. "Vielleicht erklären Sie mir erst einmal, worum es hier eigentlich geht."

 

Caine schüttelte den Kopf. "Nicht hier." Er rückte seinen Hut zurecht und schlang sich den Riemen seiner merkwürdigen Tasche um die Schultern. Dann wies er auf eine Tür, die mit "Notausgang" gekennzeichnet war. "Wir werden das Gebäude über diese Tür verlassen." Ohne auf eine Erwiderung zu warten, setzte er sich in Bewegung.

 

Kermit eilte ihm nach. "Moment, so schnell geht das nicht. Die Tür ist mit dem Alarmsystem gekoppelt, wir werden einen Großalarm auslösen, wenn wir sie öffnen."

 

"Das wird nicht geschehen."

 

Er blickte über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg auf den Priester, der unbeeindruckt schien und die Handflächen aneinander rieb, als wäre ihm kalt. Dann strich er mit den Fingern am Rahmen der Tür entlang und drückte einfach den Griff nach unten. Die Tür schwang lautlos nach draußen auf. Kermit hielt unwillkürlich den Atem an und wartete auf das Losheulen der Sirene. Doch der Alarm blieb stumm. Entweder war das System defekt oder... der Shaolin hatte es irgendwie geschafft, es auszuschalten. Durch eine Berührung mit den Händen? Das war ausgeschlossen... Aus den Augenwinkeln sah Kermit, wie sich drei Männer aus der Menge lösten und auf sie zukamen - und die waren bestimmt nicht vom Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums. Kermits Mundwinkel zuckten amüsiert, als er ins Freie trat und die Tür hinter sich ins Schloss warf. Ein paar Sekunden später heulte der Alarm los, als einer der Verfolger den gleichen Fluchtweg wählte. Kermit schloss zu Caine auf, der bereits ein beträchtliches Stück entfernt war. Von einer geschützten Ecke aus beobachteten sie, wie ihre Verfolger vom Sicherheitspersonal des Einkaufszentrums aufgehalten wurden.

 

* * *

 

Caine führte ihn zu einer Kreuzung, an der ein Wagen auf sie zu warten schien. Er holte einen Schlüsselbund aus seiner Tasche und warf ihn dem jüngeren Mann zu.

 

Kermit warf zuerst einen Blick in den Kofferraum und entdeckte eine Sporttasche mit Kleidung - er hob sie an und darunter lagen etliche Waffen. "Rykker hat wohl an alles gedacht", meinte er, als er aufblickte - aber der Priester stand nicht mehr neben ihm. Kermit schlug den Kofferraumdeckel zu und sah sich um. und sah ihn bereits im Wagen sitzen Und entdeckte Caine im Wagen. Wie zum Teufel war er so schnell in das Auto gekommen? Ein Zweitschlüssel? Kermit trat an die Fahrertür und wollte ebenfalls einsteigen - doch diese seine Tür war verschlossen. Er sperrte auf und setzte sich neben den Priester, der die Kopie einer Straßenkarte aus dem Handschuhfach geholt hatte, jedoch nicht darauf sah. "Shaolinpriester sind also ausgebildete Einbrecher", meinte Kermit sichtlich verärgert.

 

Caine hob als Antwort nur leicht die Augenbrauen und drückte ihm dann die Karte in die Hand. Kermit warf einen Blick darauf und prägte sich die eingezeichnete Route ein. Dann zerriss er das Blatt und warf die Papierfetzen aus dem Fenster. "Vielleicht sagen Sie mir erst einmal, was wir überhaupt tun sollen."

 

Der Priester sah auf seine Hände. "Mr. Rykkers Sohn wurde entführt, um ihn zu einigen... Zugeständnissen... zu erpressen."

 

"Wer? Ich meine, von wem?"

 

Der Shaolin zuckte mit den Schultern. "Spielt das eine Rolle?"

 

Kermit lachte grimmig. "Schon gut. Weiter. Wieso braucht er mich... uns... um seinen Sohn da rauszuholen? Dieser Mann hat Verbindungen, von denen ich nicht einmal träumen kann."

 

Caine sah ihn an. "Er braucht jemand, dem er vertrauen kann."

 

"Und er vertraut Ihnen, weil er Ihren Vater kannte?"

 

Caine nickte.

 

"Und wieso vertraut er mir? Wegen dem, was Paul Blaisdell ihm erzählt hat?"

 

"Sie sind den Männern, die seinen Sohn gefangen halten, unbekannt - und Sie stellen nicht viele Fragen - das ist für ihn wichtig." Der Shaolin sah nach vorne, auf die Straße. "Sie sollten jetzt losfahren. Die Männer, die uns verfolgt haben, verlassen gerade das Einkaufszentrum. Sie werden uns bald finden, wenn wir noch länger hier bleiben."

 

Kermit ließ den Motor an und setzte zurück, um aus der Parkbucht auf die Straße zu fahren. "Ich frage besser nicht, woher Sie dass wissen", meinte er mit einem Seitenblick auf den Priester.

 

Für einen Sekundenbruchteil lag ein Lächeln um dessen Lippen. "Gut."

 

* * *

 

In der Nähe des Geländes, auf dem Rykkers Sohn versteckt gehalten wurde, hatten Caine und Kermit auf den Einbruch der Nacht gewartet. Rykker musste unglaublich gute Verbindungen haben, um heraus zu bekommen, wo sich das Versteck befand. Merkwürdig, dass er trotzdem ihre Hilfe brauchte, um die Sache zu erledigen. Der jüngere Söldner lehnte an einem Baum, die Waffe in der Hand und lauschte in die rasch fortschreitende Dunkelheit. Sie befanden sich einige Meilen außerhalb der Stadt und nur vereinzelt drang das Geräusch eines Motors oder eines vorbeifahrenden Zuges an ihr Ohr. Er warf einen Blick auf den Priester, der mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden saß und die

Augen halb geschlossen hielt. Er schien zu meditieren. Kermit sann über diesen merkwürdigen Mann nach... als Caine plötzlich in einer einzigen, flüssigen Bewegung lautlos auf die Beine kam und seine Jacke zurechtzog. "Was ist?", fragte Kermit alarmiert. "Etwas ist geschehen, nicht wahr?"

 

Unter dem Schatten, den die Krempe des Hutes über sein Gesicht warf, waren Caines Züge kaum noch zu erkennen.

 

Kermit hob die Waffe, doch der Priester drückte sie nach unten. "Das ist nicht nötig", sagte er leise und als Kermit den Kopf nach ihm wandte, sah er zu seinem Erstaunen, dass das Gesicht des Shaolin tiefe Traurigkeit ausdrückte. "Es ist zu spät."

 

"Zu spät wofür?"

 

"Er ist tot." Ohne ein weiteres Wort der Erklärung verschwand der Priester in der Dunkelheit.

 

Lautlos fluchend wartete Kermit darauf, dass er zurückkam. Er wartete nicht lange. Bald erschien Caine aus der entgegengesetzten Richtung, ein in eine dunkle Decke eingewickeltes Bündel in den Armen.

 

Kermit kam ihm entgegen und schlug die Decke zurück. Ein Kindergesicht - ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt - blickte ihm entgegen, als er nach dem Puls am Hals tasten wollte. Der Kopf baumelte in einem merkwürdigen Winkel nach unten, als Caine das Gewicht in seinen Armen verlagerte. Man hatte ihm das Genick gebrochen. Kermit schlug die Decke wieder über das Gesicht und blickte Caine an. Der Priester hatte die Augen geschlossen, sein Gesicht war nun eine leere Maske, die keine Emotion verriet.

 

Kermit wollte etwas sagen, doch in diesem Moment erklangen ganz in ihrer Nähe Schritte und Stimmen. Man hatte sie entdeckt. Wie ein Schatten glitt Caine in die Dunkelheit, das tote Kind in den Armen. Kermit sah sich um, konnte ihre Verfolger jedoch nicht entdecken. Gerade als er dem Priester folgen wollte, strahlte ihn plötzlich eine Taschenlampe an. Er hob die Waffe und schoss auf das Licht. Es erlosch und im gleichen Augenblick hörte er einen Schrei. Kermit verfehlte nie ein Ziel. Er warf sich zu Boden, denn nun war sein Standort verraten - aber nicht rasch genug. Mehrere Schüsse wurden abgefeuert, einer davon traf ihn in den Oberarm. Einen Moment lang raubte ihm der Schmerz den Atem und er blieb reglos liegen, das Gesicht ins Gras gedrückt. Dann biss er die Zähne zusammen und schob sich auf dem Bauch ins Gebüsch. Eine weitere Taschenlampe wurde angeknipst und suchte den Ort ab, an dem er eben noch gelegen hatte,

dann ging sie wieder aus. Kermit machte sich keine falsche Hoffnung, dass er in Sicherheit war. Die Spur, aus plattgedrücktem Gras, die er hinterlassen hatte, würde einen Dreijährigen zu seinem Versteck führen. Er stemmte sich hoch, orientierte sich kurz und lief dann in die entgegengesetzte Richtung, die zu ihrem Wagen führte.

 

Nach einiger Zeit hörte er keine Schritte und keine Stimmen mehr und schlug einen Bogen, der ihn zurückführen würde. Er hoffte, dass Caine wirklich so gut war, wie Rykker ihn einschätzte, und den Männern ebenfalls entkommen war. Kermit kauerte sich im Schutz eines Baumstumpfes nieder und drückte auf die blutende Wunde an seinem Oberarm. Die Blutung war nicht heftig genug, als dass er sich sorgte, aber der Schmerz machte es ihm zunehmend schwerer, die nötige Konzentration aufzubringen, die er brauchte, um an den Verfolgern vorbei zu kommen. Verflucht, irgendetwas stimmte nicht mit seinem Arm. Er war schon schwerer verwundet gewesen und hatte sich trotzdem in Sicherheit bringen können.

 

Wie aus dem Nichts legte sich eine Hand über seine und drückte fester auf die Wunde. Kermit fuhr herum und sah in das ausdruckslose Gesicht des Priesters. Er biss die Zähne zusammen. "Wo... wo ist der Junge?", flüsterte er rau.

 

Caine zog einen Stoffstreifen aus seiner Tasche und einen Lederbeutel. Dann nahm er seine Hand weg und riss Kermits Lederjacke rund um die Wunde so mühelos auf, als wäre es Papier. "In unserem Fahrzeug." Er holte etwas aus dem Lederbeutel, das wie getrocknetes Laub aussah, zerdrückte es zwischen den Handflächen und presste es dann auf die Wunde.

 

Kermit holte scharf Luft, als der Schmerz durch seinen ganzen Körper raste, dann langsam nachließ und sich zu einem Brennen milderte, dass ihn weit weniger behindern würde. Erstaunt sah er den Priester an, der die Augen auf seine Arbeit gerichtet hielt und ihn mit dem Stoffstreifen verband.

 

"Es wird nicht sehr lange vorhalten", warnte Caine leise, als er sich erhob. "Wir müssen uns beeilen. Sie können laufen?"

 

Kermit schüttelte die Hand des anderen Mannes ab und nickte.

 

* * *

 

Stumm suchten sich die beiden Männer in der Dunkelheit den Weg zurück zu ihrem Wagen. "Was nun?" Kermit war der erste, der das Schweigen brach, als er das Auto startete. Er legte seine Waffe auf den leeren Beifahrersitz und wandte den Kopf nach Caine, der bei der Leiche des Kindes im Heck des Wagens war. "Hat Rykker einen Treffpunkt vereinbart oder nehmen Sie mit ihm Kontakt auf?"

 

Der Priester schüttelte den Kopf und nannte ihm eine Adresse.

 

Kermit schwieg, bis sie aus der unmittelbaren Gefahrenzone heraus waren. Er blickte in den Rückspiegel und sah, dass der Shaolin das tote Kind in den Armen hielt und die Wange des Jungen streichelte. Betreten richtete Kermit den Blick wieder auf die Straße und räusperte sich. "Woher... woher wussten Sie, dass wir zu spät kommen würden?"

 

"Das wusste ich nicht. Aber ich spürte, wie der Junge starb."

 

Kermit wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er war sich nicht sicher, ob er eine Antwort erhalten würde, wenn er fragte, wie der Shaolin das anstellte - noch, ob er es eigentlich wirklich wissen wollte.

 

Es war eine merkwürdige Fahrt durch die Nacht, zurück in die Außenbezirke der Stadt. Caine dirigierte ihn zu einem Haus, das am Ende der Straße stand und einen verlassenen Eindruck machte. Dort hieß er Kermit anhalten und stieg mit der in die Decke gewickelten Leiche aus. Wortlos verschwand er damit im Haus.

 

Der jüngere Söldner war erleichtert, dass er nicht die Nachricht vom Scheitern ihrer Mission überbringen musste. Im matten Licht der Innenbeleuchtung prüfte er den provisorischen Verband, den Caine ihm angelegt hatte und entdeckte, dass Blut durch den orangefarbenen Stoff sickerte. Der Arm musste ruhiggestellt und ordentlich versorgt werden und zwar bald. Hoffentlich hatte Rykker auch dafür die nötigen Kontakte. Er knipste das Licht wieder aus und suchte die dunkle Straße ab. Es schien ihnen niemand gefolgt zu sein.

 

Einige Minuten später öffnete sich lautlos das Tor der an das Haus angebauten Garage und ein Auto mit getönten Scheiben fuhr davon. Einen Moment später tauchte der Shaolin an der Fahrertür auf und öffnete sie. "Kommen Sie", sagte er leise. "Ich werde mich um Ihren Arm kümmern. Wir sind hier vorerst sicher."

 

Kermit musterte ihn. Das spärliche Licht einer weit entfernten Straßenlampe reichte jedoch nicht aus, um die Gesichtszüge des Priesters zu enträtseln. "Ich fahre den Wagen in die Garage."

 

Caine nickte, schloss die Tür und trat zurück. Er verschmolz förmlich mit der Dunkelheit.

 

Kermit fuhr den Wagen in die Garage, wo er außer Sicht war, das Tor schloss automatisch hinter ihm. Er blinzelte, als im Inneren des Gebäudes das Licht unerwartet grell anging und trotz seiner Sonnenbrille dunkle Flecken in seinem Sichtfeld tanzten. Er stieg aus und entdeckte eine Tür, die ins Haus führte.

 

* * *

 

Dieses Gebäude diente unzweifelhaft als Versteck. Die Fenster, die von außen zugenagelt waren, entpuppten sich als von innen mit dunkler Farbe überstrichen, so dass kein Lichtstrahl nach draußen drang. Nur ein einziger Raum war notdürftig eingerichtete, alle anderen erwiesen sich als leer, als Kermit sich neugierig umsah.

 

Er trat in ein Zimmer, das nur von einer matten, nackten Glühbirne erhellt wurde. Auf dem Steinfußboden klangen seine Schritte sehr laut. In einer Ecke war ein einfaches Lager aus Schlafmatten und Decken errichtet. Es gab ein Waschbecken, an dem Caine gerade dabei war, Wasser in einen Topf zu füllen, wo immer er den auch aufgetrieben hatte. Hinter einem Vorhang befand sich eine Chemietoilette. Und in einem Schrank - abgesehen von einem schiefen Tisch und zwei nicht mehr vertrauenerweckend wirkenden Stühlen das einzige Möbel - eine Kochplatte und einige Konservendosen.

 

Nicht gerade eine Luxusunterkunft, doch unter diesen Umständen war Kermit nicht wählerisch. Und zumindest war es sauber, trocken und warm. Nicht immer eine Garantie bei seiner Art von Beschäftigung.

 

Er setzte sich vorsichtig auf das Deckenlager, den Rücken gegen die Wand gelehnt und beobachtete den Priester. Caine bewegte sich so sicher in dem Raum, als wäre er mit ihm seit langem vertraut, jede seiner Bewegungen knapp und präzise. Er nahm die Kochplatte heraus, stellte sie auf den Tisch und steckte sie an einer Steckdose an. Dann holte er den mit Wasser gefüllten Topf und stellte ihn auf die Platte.

 

Anschließend trat er zu Kermit und kniete sich neben ihm. Schweigend begann er damit, den provisorischen Verband abzuwickeln. Kermit biss die Zähne zusammen. Die Wunde sah rot und entzündet aus, alles andere als ein gutes Zeichen. "Im Wagen... muss... Verbandszeug sein. Vielleicht auch... etwas um die Wunde... zu reinigen."

 

Caine nickte und stand auf. "Ich hole es."

 

Kermit schloss die Augen und lehnte sich an die Wand zurück. Er fühlte sich müde und fiebrig. Auch das war nicht normal. Er konnte mit den Fingerspitzen die Austrittswunde auf der anderen Seite seines Oberarms spüren, es war ein glatter Durchschuss. Eigentlich nicht mehr als eine Fleischwunde. Er hatte Schlimmeres unter wesentlich schlechteren Bedingungen überstanden. Aber das hier fühlte sich anders an.

 

Er schreckte hoch, als Caine wieder neben ihn kniete und sich daran machte, ihm die zerfetzte Jacke und das Hemd auszuziehen. Kermit war ihm dankbar, dass er ihm seine Sonnenbrille ließ, ohne die er sich nackt und hilflos vorkam... "Rykker hat vergessen... zu erwähnen... dass Sie Arzt sind", sagte er, als Caine den Topf von der Kochplatte nahm und das heiße Wasser in zwei angeschlagene Tassen goss, die sich hinter den Konservenbüchsen im Schrank gefunden hatten.

 

Caine erwiderte nichts. Er zog erneut einen Beutel aus seiner Ledertasche und entnahm ihm etwas, das wie getrocknete Rinde aussah. Er zerrieb sie zwischen den Händen und verteilte sie auf die beiden Tassen, in die eine gab er eine größere, in die andere eine kleinere Menge. Dann fügte er zu der zweiten Tasse noch etwas aus einem weiteren Beutel hinzu - vergilbt aussehende, staubig riechenden Blätter einer Kermit unbekannten Blume. Er reichte dem Söldner die Tasse. "Trinken Sie das." Dann nahm er ein weiteres Stück Stoff aus seiner Tasche und tränkte es mit der Lösung aus der zweiten Tasse.

 

Kermit zögerte.

 

"Es wird ein Fortschreiten der Entzündung verhindern." Caine setzte sich auf die Fersen zurück und sah ihn an. "Etwas war an der Kugel, eine Chemikalie oder ein Gift, das die Wunde verunreinigt hat."

 

"Ich verstehe." Kermit betrachtete ihn aus leicht verengten Augen. "Woher... kennen Sie sich so gut mit Schusswunden aus?"

 

Caine zuckte nur mit der Schulter. "Trinken Sie, solange es heiß ist."

 

Kermit nahm vorsichtig einen Schluck von dem bitteren Absud und kämpfte gegen einen plötzlichen den Würgereiz an. Caine beugte sich vor und legte die Finger um seinen Hals - und der Krampf ebbte ab. "Danke. Was immer Sie da auch gemacht haben." Kermit trank rasch den Rest des Kräutersudes und fast sofort schien die Temperatur in dem Raum anzusteigen. Schweiß brach auf seiner Stirn und seinem nackten Oberkörper aus.

 

"Das ist eine normale Reaktion", sagte Caine, der seine Gedanken zu lesen schien und etwas zurück wich. Kermit nickte und lehnte sich an die Wand zurück. Dann versank die Welt um ihn in einen blutroten Schleier aus Schmerz, als Caine das heiße Tuch auf die Schusswunde presste, um sie zu säubern.

 

* * *

 

Eine Ewigkeit später erwachte Kermit aus einem unruhigen, fiebrigen Dämmerschlaf und richtete sich etwas auf, stützte seinen Körper mit dem Ellbogen des unverletzten Armes ab. Eine schweißgetränkte Decke fiel von seinen Schultern und er blickte an sich herab. Jemand... Caine... hatte ihn bis auf die Unterhose entkleidet. Seine Sonnenbrille lag offensichtlich ganz bewusst dahingelegt mitten auf dem säuberlich gefalteten und gestapelten Kleidern und als Kermit sie

aufsetzte, fühlte er sich sofort etwas ruhiger. Die Schmerzen hatten nachgelassen und auch das Fieber schien gesunken zu sein, doch das warnende Pochen, das von seinem Arm ausging, verriet ihm, dass es sich nur um eine kleine Pause handelte. Sein Hals brannte und er sah sich nach Caine um. Der Priester hatte sich einige Meter von ihm entfernt auf dem Steinboden ausgestreckt und schien zu schlafen. Kermit setzte sich auf und unterdrückte einen Schmerzenlaut. Doch im nächsten Augenblick lag eine Hand auf seiner Brust, die ihn sanft, aber unnachgiebig zurück drückte. Kermit gab nach und ließ sich zurückfallen, er schloss die Augen. Einen Moment später spürte er eine Hand im Nacken, die ihn stützte und kühles Porzellan Flüssigkeit an seinen Lippen. Gierig leerte er die Tasse. "Danke." Er sah auf.

 

Caine erwiderte nichts, sondern berührte nur prüfend mit dem Handrücken Kermits Stirn. Eine wundervolle Kühle schien sich von seiner Berührung aus durch den ganzen Körper des verletzten Mannes auszubreiten. Ein paar Sekunden später schlief Kermit tief und fest.

 

 

---> Part 3