Titel: The wedding of my dreams
Autor: Lady Charena

Fandom: The A-Team - Season 5

Pairung: Face, Murdock, Stockwell und ein paar Abels
Rating: PG

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: General Stockwell schickt Face und Murdock alleine auf eine Mission.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren (abgesehen von Betty) liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by Tears for Fears.

 

 

In violent times, you shouldn't have to sell your soul
In black and white, they really really ought to know
Those one track minds, that took you for a working boy
Kiss them goodbye, you shouldn't have to jump for joy

 

 

“Vielen Dank für’s Mitnehmen, Darling.”

 

Face sah gerade noch rechtzeitig auf, um den angewiderten Gesichtsausdruck des Abel-Agenten zu erhaschen, dem Murdock eine Kusshand zuwarf. Dann wandte sich der Mann ab und verschwand so geräuschlos aus dem Wohnzimmer, wie er aufgetaucht war – nicht, ohne noch einmal einen Blick über die Schulter zu werfen. Murdock hatte es geradezu zu einer Kunst entwickelt, ihre Aufpasser zu sichtbaren Gefühlsregungen zu treiben.

 

Dann ließ sich der grinsende Pilot neben ihm aufs Sofa fallen. „Hey, Kemosabe, was macht dein Bein? Bewegst du dich immer noch wie eine flügellahme Ente?“, meinte er mit gutmütigem Spott.

 

Face verzog das Gesicht. „Hi, Murdock. Goodbye, Murdock“, erwiderte er nur mürrisch.

 

„Denkst du, ich könnte Stockwell dazu bringen, dass mich das Abel-Taxi auch zur Arbeit bringt?“, fragte Murdock, als hätte er die abweisende Begrüßung nicht bemerkt. „Ich finde es erniedrigend, dass man mir keinen Führerschein geben will, nur weil ich zwölf Jahre in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses gelebt habe. Keiner will mir glauben, das ich in der Zeit alles mögliche gefahren habe – Lastwagen, Panzer, Abschleppwagen, Jeeps, Taxis, deine Corvette, umgebaute Geldtransporter und die Blechmonster, die wir zusammengebastelt haben. B.A. hat mir sogar seinen Van anvertraut. Hey, Facey – was meinst du, wenn ich B.A. mitnehme und er ihnen sagt, was für ein guter Fahrer ich bin, vielleicht geben sie mir dann endlich diesen Wisch?“

 

Face vergaß für einen Moment seine schlechte Laune und lachte laut los. Die Vorstellung, wie ein Mitarbeiter der Führerscheinstelle auf B.As Anblick reagieren würde, der kam um einem verrückten Piloten ein Leumundszeugnis zu geben, war einfach zu gut. Er wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln und blickte Murdock an, dessen Gesicht einen äußerst zufriedenen Ausdruck angenommen hatte.

 

„Das ist schon besser“, meinte der Pilot mit einem breiten Lächeln. „Ich dachte, du schmollst für immer. Und weißt du, Facey, du bist langsam in einem Alter, in dem das nicht mehr süß wirkt, sondern du nur noch Falten bekommst.“

 

Face blickte weg, halb verlegen, halb ärgerlich – legte aber einen Arm um Murdocks Schultern. Er wusste, dass sein Freund nur versuchte, ihn aufzumuntern. Und er war sich vollauf bewusst, dass er sich kindisch benahm. Hier herumzusitzen und Trübsal zu blasen, nur weil er in Langley bleiben musste, während die Jungs unterwegs waren.

 

Dabei war es nicht einmal ein aufregender Job, nur eine Routinemission um einen im Urlaub in Mexiko gekidnappten Senator zu befreien, damit seine Familie das Lösegeld sparte. Oder vermutlich eher, weil er dann Stockwell einen großen Gefallen schulden würde. Der General ließ sich nie eine Gelegenheit entgehen, Menschen in seine Schuld zu bringen – die er dann ganz sicher auch einberufen würde. Sie hatten Frankie mitgenommen, der zum einen mehr Erfahrung sammeln sollte, zum anderen nötigenfalls auch als Mexikaner durchgehen konnte.

 

Und im Grunde wusste Face sehr gut, dass er mit der kaum verheilten Schusswunde an seinem Bein die Erholungspause nutzen sollte, die ihm Stockwell überraschenderweise zugestand. Er starrte auf die verhassten Krücken, die auf dem Boden vor ihm lagen. Die Jungs schenkten seinen Klagen über die Blasen an seinen Händen schon überhaupt keine Beachtung mehr. Aber er kam sich mit den Dingern uralt und vor allem nutzlos vor.

 

„Hey, Face.“

 

Er wurde sanft in die Seite gestupst und wandte den Kopf. Mit mehr als nur einem Anflug von Scham sah er, dass das Strahlen aus dem Gesicht des Piloten verschwunden und von Sorge ersetzt worden war. Face setzte eines seiner „professionellen“ Lächeln auf, auch wenn er wusste, er konnte Murdock damit nicht täuschen. Irgendwie war es dem Piloten stets gelungen hinter all seine Masken zu sehen – gleich von Anfang an. „Du weißt, ich könnte dir jederzeit einen Führerschein fälschen“, sagte er mit etwas gezwungen fröhlichem Unterton. „Keiner würde den Unterschied merken.“

 

Jetzt war es an Murdock, weg zu sehen. Er studierte die abgestoßenen Spitzen seiner Chucks. „Ich weiß, Face“, erwiderte er leise. „Aber du hast mir schon einen besseren Lebenslauf zusammen gebastelt, damit ich Arbeit finde. Ich... ich muss wenigstens versuchen, irgendetwas... Echtes... zu haben. Etwas, dass ich selbst erreicht habe.“ Er sah auf und seine Augen bettelten um Verständnis. „Du verstehst das doch, oder?“

 

„Ja, ich verstehe das.“ Face drückte noch einmal die Schulter des Piloten, dann zog er seinen Arm zurück. Er dachte an die gefälschte Pilotenlizenz, die er besorgt hatte, um sie Murdock zum Geburtstag zu schenken. Es hätte eine Überraschung sein sollen, die es ihm ermöglichte, sich wenigstens ab und zu ein Flugzeug zu mieten, wenn es schon unmöglich war, wieder als Pilot zu arbeiten. Er wusste, dass Murdock das Fliegen vermisste und sich Stockwells Missfallen jedes Mal aufs Neue aussetzte, wenn er sie anstelle eines Abel-Piloten zu ihren Missionen flog. Jetzt schien es ihm aber keine so gute Idee mehr zu sein. Sein Hass auf Stockwell wuchs noch ein wenig mehr – für den Mistkerl wäre es ein leichtes gewesen, Murdock echte Papiere zu besorgen. Aber nein, das war nur ein weiteres Mittel, ihnen zu zeigen, dass er alleine über ihr Schicksal entschied. Es hatte etwas von dem bitteren Geschmack an sich, seine Seele dem Teufel verkauft zu haben...

 

Er wusste, wie hart Murdock daran arbeitete, sich ein „normales“ Leben aufzubauen. Er war ihnen nach Virginia gefolgt, obwohl Stockwell ihn lieber auf dem Mond, als in der Nähe des Teams gesehen hätte. Der General machte kein Hehl daraus, dass er den Piloten als „Risikofaktor“ betrachtete, ungeachtet dessen, dass die Ärzte ihn als geheilt aus dem VA entlassen hatten – doch Hannibal machte unmissverständlich klar, dass Murdock zum Team gehörte. Er suchte sich Arbeit, was nicht so einfach war, denn welcher Chef brachte schon Verständnis auf, dass er immer wieder unangemeldet und ohne Erklärung für ein paar Tage – oder gar Wochen – verschwand, wenn er das Team zu einem Job begleitete. Aber Stockwell gab ihm nicht einmal ein Zimmer in Langley, in dem er bleiben konnte, wenn er deswegen wieder einmal seine Wohnung verlor... Und Face wusste sehr wohl, dass sich Murdock insgeheim Sorgen darum machte, dass Frankie ihn aus dem Team verdrängen könnte. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Special-Effects-Künstler blieb angespannt. Sobald Hannibal aus Mexiko zurück war, mussten sie darüber sprechen, wie sie Murdock diese Angst nehmen konnten...

 

Ihm wurde klar, dass das Schweigen schon zu lange andauerte. Face räusperte sich. „So, und hat dir dein Chauffeur verraten, warum er dich hergeholt hat?“

 

Murdock zuckte mit den Schultern. „Vielleicht dachte Stockwell, du brauchst Gesellschaft, Muchacho.“

 

Face schnaubte verächtlich. „Oder ein Kindermädchen?“ Er griff nach Murdocks Arm, als er den verletzten Gesichtsausdruck seines Freundes sah. „Hey, es tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint. Es ist nur... Hör’ mal, ich bin wirklich froh, dass du hier bist.“

 

„Das ist wirklich... ergreifend“, ertönte hinter ihnen eine emotionslose Stimme und die beiden fuhren herum. Begleitet von einem unvermeidlichen Abel stand Stockwell im Durchgang zum Wohnzimmer. Die ebenso unvermeidliche Carla wartete wohl im Wagen. „Man hat mir gesagt, dass Freundschaft etwas sehr schönes sein soll.“

 

Instinktiv legte Face den Arm schützend um den Piloten, zog ihn enger zu sich. „Ich kann mir vorstellen, dass das für Sie nur graue Theorie ist, Stockwell“, entgegnete er mit beißendem Spott und wünschte sich, die Augen hinter den gelben Gläsern besser erkennen zu können. Nur um zu sehen, ob er den Funken einer menschlichen Reaktion erweckte.

 

„Ich habe einen Auftrag für Sie. Und für Mr. Murdock.“ Stockwells Stimme schwankte um keine Nuance.

 

„Wie nett, dass Sie sich extra deswegen hierher bemüht haben.“ Face spürte, wie sich der Pilot neben ihm leicht versteifte und drückte beruhigend seine Hand. Nur für einen Moment, aber sah er da nicht ein verächtliches Kräuseln um die Lippen des Abel?

 

Stockwell dagegen hätte aus Eis sein können. Er sah nicht mal in Murdocks Richtung. Er nickte dem Abel zu, der einen Umschlag aus der Tasche zog und zu ihnen trat, um ihn auf den Tisch zu legen. Dann kehrte er an Stockwells Seite zurück. „Ein Flugzeug steht bereit, Lieutenant“, sagte der General. „Sie haben zehn Minuten, um zu packen.“ Damit wandte er sich ab und ging.

 

Face holte tief Luft und angelte nach seinen Krücken. Er wollte Murdock gerne sagen, dass es ihm leid tat, wie Stockwell ihn behandelte – aber er würde es sicher nicht hier im Haus tun, damit der General alles mithören konnte. Sie fanden und entsorgten die Wanzen zwar regelmäßig, aber man konnte sich nie sicher sein, was Stockwell einfallen würde. Er fluchte, als er aufstand, mit einer der Krücken im Teppich hängen blieb und fast auf die Nase knallte.

 

„Hey, langsam. Lass’ mich dir helfen.“ Murdock nahm seinen Arm und stützte ihn. Dunkle Augen musterten ihn sorgenvoll und Face lächelte – dieses Mal war es ein ehrliches Lächeln. Der Pilot zögerte einen Moment und erwiderte es dann. Nein, sie war trotz all der Veränderungen nicht verloren gegangen - die Fähigkeit, ihre Gedanken in einem Blick auszutauschen. Es schien in ihrem Leben immer Situationen gegeben zu haben, in denen Worte unnötig, sogar gefährlich gewesen wären.

 

Face rückte die Kappe des Piloten zurecht. „Danke“, sagte er leise. „Okay, dann lass’ uns packen gehen.“

 

* * *

 

Murdock setzte sich auf Face Bett und sah ihm zu, wie er eine Tasche aus einem der Schränke holte und ein paar Kleidungsstücke einpackte. Und ein paar andere, notwendige Dinge, wie zum Beispiel seine Waffe und das Etui mit den Miniaturwerkzeugen um Schlösser zu knacken. Er hätte ihm gerne geholfen, doch Face Reaktion darauf, als er ihm beim Aufstehen zu Hilfe kam, ließ ihn sitzen bleiben.

 

Nachdem Face fertig gepackt hatte, steckte er den Umschlag ein und holte eine zweite Tasche aus einem anderen Schrank, die er dem Piloten zuwarf. Da Murdock nicht immer Gelegenheit hatte, vor einer Mission nach Hause zu fahren und seine Sachen zu holen, hatten er eine Notfalltasche bei seinen Freunden deponiert.

 

Ohne ein weiteres Wort verließen sie das Haus, wo bereits ein Abel mit einem Wagen darauf wartete, sie zum Flughafen zu bringen.

 

* * *

 

Murdock ging die Checkliste vor dem Start durch. Das kleine Flugzeug war nicht neu, aber perfekt gewartet. Es war unauffällig, alltäglich. Tausende von ihnen flogen jeden Tag in jeden Winkel des Landes, um Waren zu transportieren oder Geschäftsleute von einem Termin zum nächsten zu bringen.

 

Es war noch immer ungewohnt - aber auf gute Weise - ein Flugzeug zu fliegen, dass sie nicht irgendwo gestohlen oder erschwindelt hatten. Und bei dem daher nicht die Gefahr bestand, dass man beim Start auf sie schoss (zumindest hier noch nicht) oder dass es irgendwo abstürzte, weil es defekt war. Oder alt und klapprig. Oder beides. Er summte leise vor sich hin, als Face zu ihm ins Cockpit kam und sich in den Sitz des Co-Piloten fallen ließ.

 

„Ist das Flugzeug okay?“, fragte Face.

 

Murdock sah auf und grinste. „Hey, du fängst jetzt nicht auch mit B.As Flugangst an, oder?“, scherzte er. „Das ist echt nicht gut für mein Selbstbewusstsein. Und ohne Doktor Richter...“

 

„Nein“, unterbrach ihn Face. „Es ist nicht so... Ich vertraue dir, Murdock. Aber ich traue Stockwell nicht.“ Er wusste, wie paranoid das klang, noch bevor er den Satz ganz ausgesprochen hatte.

 

Der Pilot starrte auf die blinkenden Lichter, Schalter, Knöpfe, Hebel vor sich – überall hin, nur nicht in das Gesicht seines Freundes. Er räusperte sich. „Vielleicht ist das der richtige Moment, um nach zu sehen, wohin wir überhaupt fliegen sollen, Muchacho?“

 

„Du hast recht.“ Face seufzte und zog den Umschlag aus der Tasche, riss ihn auf. „Das darf doch nicht wahr sein!“, meinte er wütend, als er den Bogen Papier mit ihren Anweisungen überflogen hatte. „Er lässt uns nach Nevada fliegen, um etwas abzuholen? Warum beauftragt er keinen verdammten Kurierdienst damit?“

 

Der Pilot runzelte die Stirn. „Was sollen wir abholen, Facey?“, fragte er.

 

„Hier steht nur, dass es ein versiegelter Umschlag ist und dass wir ihn in einer Hochzeitskapelle in einer Stadt namens Medford finden. Hinter einem Harmonium. Was zum Teufel ist ein Harmonium?“

 

Murdock lachte leise, obwohl es alles andere als amüsant klang. „Eine Art Orgel. Aber in einer Hochzeitskapelle?“, wiederholte er ungläubig. „Das klingt wie aus einem schlechten Spionage-Film.“

 

Face lächelte grimmig. „Genauso komme ich mir auch vor. Das hier ist wohl für dich.“ Auf einem zweiten Papierbogen war eine Flugkarte mit genauen Ortsangaben abgedruckt, die er Murdock reichte. Er drückte dem Piloten kurz die Schulter, dann arbeitete er sich mühsam aus dem Sitz hoch. „Ich suche mir hinten einen Platz, wo ich mein Bein ausstrecken kann“, sagte er. Und wo er unbemerkt ein paar der Schmerztabletten nehmen konnte, die er in seine Tasche gepackt hatte. Er hasste diesen Job schon jetzt.

 

* * *

 

„Hey, Facey. Na komm, wach auf.“

 

Er spürte eine Hand in seinem Gesicht und schlug widerwillig die Augen auf. „Was...?“ Ihm wurde bewusst, dass es still war, sehr still. Keine Motorengeräusche. „Sind wir schon da?“ Es war nicht unbedingt die intelligenteste Frage in seinem Leben, das wurde ihm einen Moment später bewusst.

 

Murdock nickte. “Schon seit einer Stunde.“

 

„Warum hast du mich nicht früher geweckt!“ Face verfluchte sein Bein, die Krücken, Stockwell und den Piloten. Okay, das gegenüber Murdock nahm er wieder zurück. „Wo sind wir?“

 

„Auf einer kleinen, privaten Landebahn außerhalb von Medford. Du sahst aus, als könntest du den Schlaf gebrauchen“, sagte Murdock kleinlaut. Er wandte sich ab, doch Face griff rasch nach seinem Arm und hielt ihn fest.

 

„Es tut mir leid.“ Er war sich bewusst, das heute schon etliche Male gesagt zu haben. „Ich... ich kann einfach nicht damit umgehen, wenn ich verletzt bin. Und ich hasse diesen Job. Und Stockwell. Und dummerweise lasse ich das an dir aus, obwohl du nichts dafür kannst.“ Er setzte sich auf, ohne zu protestieren, als der Pilot ihm dabei half. „Danke, dass du mich hast schlafen lassen.“ Die alte Gewohnheit so viel wie möglich zu schlafen, wann immer es möglich war in Kombination mit dem Schmerzmittel hatten ihn stärker ausgeknockt, als er erwartet hatte. Es tat ihm leid, dass er Murdock während des ganzen Fluges alleine da vorne im Cockpit sitzen und sich langweilen lassen hatte.

 

Es gab so vieles, das er vermisste, dachte er, als er nach seinen Krücken griff. Billy. Captain Cab und Socki. Die Comics. Die unglaublichen Lügen, die sie erfunden hatten, um ihn aus dem Krankenhaus zu holen. Das Freudengeheul, das Murdock beim Abheben oft von sich gab und das ihm seinen Spitznamen eingebracht hatte. Oder seine Angewohnheit, beim Fliegen Opern zu singen. Er grinste, als er an ihre Bruchlandung in South Carolina vor ein paar Jahren dachte und an den Motorgleiter, den B.A. mit Murdocks Hilfe gebastelt hatte, um einen verletzten Mann in Sicherheit zu bringen. Murdock hatte es damit tatsächlich zum nächsten Ort geschafft – lauthals Opern singend und immer dazu aufgelegt, ein Schwätzchen mit den Vögeln zu halten. Der verrückte Kerl. Und falls er nicht so tief geschlafen hatte, dass er blind und taub für seine Umgebung geworden war, hatte es auf diesem Flug keine Operndarbietung gegeben.

 

„Wie spät ist es, Murdock?“, fragte er und stand auf. Ihre beiden Taschen warteten bereits neben dem Ausstieg.

 

„Es ist kurz nach sechs Uhr.“ Murdock starrte wieder auf seine Schuhe.

 

Face trat zu ihm und legte ihm den Arm um die Schulter. „Genau die richtige Zeit, um uns ein nettes Hotelzimmer zu suchen und dann gehen wir Essen, okay? Ich bin am Verhungern.“ Er sah das Aufblitzen in den Augen des Piloten. „Oh nein, wir suchen nicht nach einem Burgerheaven. Wenn ich Stockwells Spesenrechnung hochtreiben kann, dann irgendwo wo es richtig teuer ist. Einverstanden?“

 

„Einverstanden.“ Murdock schnappte sich ihr Gepäck und dann machten sie sich an den Ausstieg aus dem Flugzeug - nicht unbedingt ein Kinderspiel mit den Krücken und seinen vom langen Flug steifen Muskeln.

 

* * *

 

Zwei Stunden später saß Murdock mit unterschlagenen Beinen auf einem der beiden Betten in ihrem Hotelzimmer und zappte sich durchs Fernsehprogramm. Klick. Nachrichten Klick. Werbesendung. Klick. Ein Film. Nichts vermochte so recht seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Zwischendurch warf er immer wieder einen Blick auf die Badezimmertür. Nachdem er in Langley angerufen, und von einem der Abel erfahren hatte, dass die Jungs noch nicht aus Mexiko zurückgekommen waren, war Face dorthinein verschwunden. Das war schon über eine halbe Stunde her und Murdock hatte den Verdacht, dass es nicht daran lag, dass Face gerne lange duschte. Klick. Klick. Klick. Er verfolgte das Ende eines Roadrunner-Cartoons. Schaltete um. Landete mitten in einem anderen. Sie schienen nahtlos ineinander über zu gehen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Nochmals fünf Minuten vergangen, aber Face kam nicht zurück. Er hatte auf dem Rückweg vom Restaurant zum Hotel nicht übersehen können, dass Face Humpeln schlimmer geworden war. Und ganz bestimmt hatte er mehr Schmerzen, als er zugab. Das war schon alleine daran zu bemerken gewesen, dass er kaum auf die flirtenden Blicke einer alleine essenden Blondine am Nebentisch reagierte.

 

Murdock schaltete den Fernseher ab und stand auf. Die Fernbedienung steckte er geistesabwesend in seine Jackentasche, als er zur Badezimmertür trat. Als er die Hand hob, um anzuklopfen, öffnete sie sich und Face sah ihn fragend an.

 

„Alles okay?“, fragte der Pilot zögernd. „Du warst ziemlich lange da drin.“

 

Face lächelte beruhigend und knotete seinen Bademantel zu. „Alles okay.“ Er nahm beide Krücken in eine Hand und legte den nunmehr freien Arm um Murdock, ließ sich von ihm zu seinem Bett helfen, wobei er sich auf sehr unangenehme Weise wie ein alter Mann vorkam. Aber es war okay, denn es schien Murdock zu beruhigen, wenigstens ein klein wenig zu helfen. Die steile Sorgenfalte verschwand von der Stirn des Piloten. „Ich habe den Verband gewechselt und das dauerte ein bisschen länger, als ich dachte.“ Er verschwieg, dass er fast eine Viertelstunde wie hypnotisiert die Wunde angestarrt hatte. Die Kugel hätte um ein Haar den Knochen zerschmettert und dann hätte er die Krücken vermutlich für den Rest seines Lebens benötigt. Face setzte sich, lehnte sich gegen das Kopfende des Bettes, und klopfte auf die Matratze neben sich. „Keine Cartoons, Murdock?“, fragte er, als der Pilot neben ihm saß. „Sag’ nicht, du hast jetzt auch Woody Woodpecker aufgegeben.“

 

Murdock zuckte mit den Schultern, er sagte nichts. Manchmal war es so schwer, zu entscheiden, was das Richtige zu tun war. Es war so schwer, normal zu sein. Nicht seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Früher wäre er aufgesprungen, um eine Woddy-Imitation zu liefern und Face damit zum Lachen zu bringen. Jetzt saß er einfach nur da und zögerte.

 

Bevor der Pilot sich entscheiden konnte, griff Face in seine Tasche und zog die Fernbedienung hervor. Er zwinkerte Murdock zu und schaltete den Apparat ein, zappte sich durch die Kanäle, bis sie einen fanden, der die ganze Nacht Cartoons brachte. Die Schmerztabletten machten ihn benommen und schläfrig und die bunten Bilder auf dem Fernsehschirm verschwammen bald. Face bekam nur noch halb mit, wie ihm Murdock die Fernbedienung aus der Hand nahm und ihm ein Kissen aus dem Rücken zog. Er murmelte einen Protest, als der Pilot aufstehen wollte und lehnte sich an ihn. Es war bequem so. Der Arm um seine Schultern war warm und sicher. Und er war nicht allein. Er hasste es, alleine gelassen zu werden... Face öffnete den Mund, um Murdock das zu sagen, doch die Tabletten waren schneller und er schlief ein.

 

* * *

 

Als er später aufwachte, war der Raum mit dem Flackern des auf stumm geschalteten Fernsehers erfüllt. Face blinzelte und rieb sich über die Augen. Ein schwarzweiß-uralt-Schinken flimmerte über die Mattscheibe. Er setzte sich auf und sah sich nach Murdock um. Der Pilot lag zusammengerollt in seinem eigenen Bett, vollständig angezogen bis auf seine Mütze, die irgendwie ihren Weg auf den Fernseher gefunden hatte. Die Fernbedienung lag neben seinem Kopf auf dem Kissen und er hielt seine Jacke umklammert, wie ein Kind ein geliebtes Kuscheltier.

 

Face stand auf, verzichtete auf die Krücken und hoppelte zum anderen Bett. Er nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Dann legte er sie wieder zurück und beugte sich über den schlafenden Piloten, um die Nachttischlampe einzuschalten. Sie warf einen weichen, goldenen Lichtkegel über das Bett, aber würde keinen von ihnen am Schlafen hindern. Es war etwas, dass er ohne Nachzudenken getan hatte, einfach aus der Erfahrung vieler gemeinsam an fremden Orten verbrachter Nächte heraus. Er hoffte, dass sich Murdock hier sicher genug fühlte, dass die Albträume nicht an die Oberfläche drangen. Er zog die Decke um ihn hoch und kehrte in sein eigenes Bett zurück.

 

* * *

 

Nach einem späten Frühstück am anderen Tag, machten sie sich auf die Suche nach der Hochzeitskapelle. Medford war eine Kleinstadt und sie brauchten nicht sehr lange, um die Kapelle zu entdecken. Zu Face Erleichterung, denn die Hitze und sein verletztes Bein ergaben eine unerfreuliche Kombination, die ihn zu seinem Ärger schweißgebadet, zitternd und außer Puste ankommen ließen.

 

Der zur Kapelle gehörige, kleine Parkplatz war von einer niederen Mauer umgeben und sie setzten sich auf diese, um das Treiben rundherum unauffällig zu betrachten. Murdock verschwand für eine Weile und kam mit zwei Eisbechern zurück, so dass es aussah, als würden sie hier nur eine Pause einlegen, um ihr Eis zu essen.

 

Bald war klar, dass sie die Kapelle nicht tagsüber aufsuchen konnten, um den Umschlag zu holen. Es war in und um das Gebäude einfach zu viel Betrieb, zu viele Menschen, um unauffällig hinein zu schlendern und ungesehen wieder heraus. Ein Schild neben dem Eingang besagte, dass die Kapelle von acht Uhr morgens bis zweiundzwanzig Uhr abends geöffnet war.

 

Face schnitt eine Grimasse, als er den Rest seines inzwischen fast ganz geschmolzenen Eises aß. „Sieht so aus, als müssten wir später noch einmal wiederkommen“, sagte er. „Viel später.“

 

Der Pilot nickte und hopste von der Mauer. „Es ist genau wie in einem dieser alten Spionagefilme“, meinte er mit einem Grinsen. Er zog einen unsichtbaren Mantel enger um sich, klappte den Kragen hoch und rückte einen ebenso unsichtbaren Hut tief ins Gesicht. „Wie lautet das geheime Codewort?“, fragte er, seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern gesenkt.

 

„Vergiss es, Murdock“, meinte Face und lachte. „Du gibst keinen guten Geheimagenten ab.“

 

„Ah, dieser Mangel an Phantasie“, erklärte Murdock mit seinem besten britischen Akzent. Der Pilot grinste und entledigte sich schwungvoll seiner unsichtbaren Verkleidung. „Ich hatte schon gehofft, mir stände eine neue Karrieremöglichkeit offen“, setzte er in seiner normalen Stimme hinzu. „Langsam gehen mir die Jobs aus.“

 

Face sah ihn an. „Du bist wieder gefeuert worden.“

 

„Ich nehme es an“, erwiderte der Pilot. Er starrte in seinen leeren Eisbecher, knüllte ihn dann zusammen, nahm den von Face, knüllte ihn ebenfalls zusammen und begann damit zu jonglieren. „Ich war auf dem Weg zur Arbeit, als die Abels mich aufsammelten und sie ließen mich nicht dort anrufen. Das war das dritte Mal, ich schätze, wieder ein Job, den ich los bin.“ Er seufzte und stopfte die improvisierten Jonglierbälle in die Taschen seiner Jacke. „War eh nicht das richtige für mich.“ Er blickte seinen Freund an, die Augen unlesbar, die Hälfte seines Gesichtes in den Schatten getaucht, den der Schirm seiner Mütze darüber warf. „Es ist verdammt schwer, ein... normales Leben zu führen, Facey.“ Seine Stimme stockte nur einmal ganz flüchtig.

 

Face ließ sich langsam von der Mauer heruntergleiten, er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Also legte er nur den Arm um Murdocks Schulter. „Gehen wir zurück ins Hotel. Ich will noch mal in Langley anrufen, vielleicht sind die Jungs inzwischen aus Mexiko zurück.“

 

* * *

 

Doch in Langley war wieder nur ein Abel am Apparat. Keine Nachrichten aus Mexiko.

 

Sie verbrachten den Rest des Tages mit Fernsehen, Essen, Schlafen, Lesen – was immer es auch gab, die Zeit totzuschlagen, bis es endlich dunkel war. Das Warten war immer das unangenehmste bei diesen Jobs.

 

Es war nach Mitternacht, als sie das Hotel durch einen Seiteneingang verließen, den Murdock am Nachmittag ausgekundschaftet hatte. Er war mit einem simplen Schloss verschlossen, das Face in zehn Sekunden knackte.

 

In Medford schien um diese Zeit nicht mehr viel los zu sein. Gelegentlich fuhr ein Auto an ihnen vorbei, ein Hund strich um ein paar Mülltonnen.

 

Der Parkplatz vor der Kapelle war dunkel und verlassen. Aus dem großen Fenster oberhalb der Tür drang kein Licht.

 

„Ich hätte daran denken sollen, zu der Gelegenheit meinen guten Anzug an zu ziehen“, murmelte Face sarkastisch, als er das Schloss knackte. „Fertig.“ Er nickte Murdock zu, der die Taschenlampe ausknipste, dann öffnete er die Tür. Jemand schien sich gut darum zu kümmern, denn sie gab fast kein Geräusch von sich. „Los, rein mit dir, bevor uns irgendjemand sieht und die Polizei ruft.“ Er schob den Piloten in die Kapelle und folgte ihm. Und rannte gegen Murdock, der abrupt stehen geblieben war. „Hey, was soll das?“, flüsterte er.

 

„Sieh’ dir das an, Facey.“ Etwas in der Stimme des Piloten grenzte nahe an Ehrfurcht.

 

„Oh mein Gott.“ Face war für einen Moment tatsächlich sprachlos, nachdem sich seine Augen an das matte Licht gewöhnt hatten, das von der Straßenbeleuchtung durch die großen Fenster in die Kapelle fiel. „Das ist ein Albtraum.“

 

Die Wände der Kapelle waren mit lebensgroßen Bildern von Elvis geschmückt. Vorhänge und Wandteppiche waren mit Elvis-Bildern bedruckt. Direkt vor ihnen, am Kopfende der Kapelle, bestand die Wand fast nur aus einem riesigen Fenster... Fenster? Es war Elvis in seinem weißen, glitzernden Vegas-Anzug, in doppelter Lebensgröße und auf Glas gebannt. Es musste von außen mit einer Lampe angestrahlt werden, denn alles glitzerte und funkelte und Elvis hatte einen Heiligenschein aus Licht.

 

„Ich liebe es.“ Murdock klang atemlos vor Begeisterung. „Wenn ich jemals heiraten sollte, dann nur hier.“

 

Face schüttelte den Kopf. „Und zum Hochzeitsempfang gibt es Burger.“ Er holte tief Luft. Je schneller sie hier raus waren, um so besser. „Okay, lass uns dieses Harmonium suchen, den Umschlag holen und von hier verschwinden, bevor Elvis persönlich aus dem Fenster steigt, um zu erfahren, was wir hier treiben.“

 

„Kein Problem.“

 

Seufzend trat Face um ihn herum, während der Pilot sich noch immer um die eigene Achse drehte und all die Wunder der Kapelle mit weitaufgerissenen Augen und offenem Mund bestaunte. Zu Elvis rechter Seite wurde er fündig. Ein weißgestrichener Kasten, der ihn vage an das Piano erinnerte, dass er für Hannibals irischen Pub besorgte, damals als sie... er stockte, als er Murdock summen hörte. „Wage es nicht, zu singen!“, sagte er. „Wenn ich einen Elvis-Song von dir höre, gehst du auf der Stelle ins Hotel zurück und ich mache das hier alleine.“

 

Der Pilot trat zu ihm. Er knipste die Taschenlampe an. „Okay, Facey. Ich werde brav sein.“

 

Face blickte ihn streng an und entdeckte das verräterische Funkeln in Murdocks unschuldig geweiteten Augen. Er seufzte und hoffte, dass sie den Umschlag schnell fanden, um von hier zu verschwinden. Stockwell musste den Verstand verloren haben, sie auf so eine Kindergarten-Mission zu schicken. „Gut. Kannst du mal hinter dem Ding nachsehen?“ Ungeduldig drückte er auf ein paar Tasten und ein paar sehr schräge Töne erklangen. Offenbar war das Ding verstimmt. Kein Wunder, wenn es den ganzen Tag diesem Anblick ausgesetzt war. Face starrte wieder ungläubig zu dem Fenster hoch. Er hatte das Gefühl, Elvis starre missbilligend zurück.

 

„Hey, das hier muss ein Lichtschalter sein“, erklang Murdocks Stimme. „Soll ich...“

 

„Nein!“

 

Doch im gleichen Moment plärrte aus versteckt angebrachten Lautsprechern „Love me tend...“ Dann wurde das Tonband abgewürgt.

 

„Tut mir leid“, erklang es kleinlaut neben ihm. Der Pilot schnitt eine entschuldigende Grimasse und verschwand hinter dem Harmonium. „Hey, hier ist tatsächlich was.“

 

„Beeil dich.“ Face schlug mit einer Krücke gegen das Musikinstrument und zuckte zusammen, als das Geräusch laut durch die Kapelle hallte. „Uh. Was für ein Krach.“

 

„Ich würde Ihnen raten, die Hände hochzunehmen und sich ganz langsam um zu drehen!“

 

Face erstarrte. „Verdammt“, flüsterte er und drehte sich langsam um.

 

Murdock kam hinter dem Harmonium hervor, strich seine Jacke glatt, die jetzt bis zum Kragen geschlossen war und stellte sich neben ihn. „Wäre das der passende Moment „Jailhouse Rock“ zu singen?“, fragte er leise, als er die Hände hob.

 

Face trat ihm mit der Krücke gegen das Schienbein. „Ähem... wir... also es gibt eine plausible Erklärung dafür, was wir hier machen“, sagte er, während er in die Taschenlampe blinzelte und die dahinter stehende Gestalt auszumachen versuchte. Es war eine Frau, soviel hatte er der Stimme entnommen. Sie klang nicht besonders alt.

 

Das Licht ging an und als sich ihre Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, stand eine Frau vor ihnen. Ihr kurzes Haar stand seitlich vom Kopf ab und legte ebenso wie ihr mit... mit Elvis-Bildern bedruckter Pyjama nahe, dass sie geradewegs aus dem Bett kam. An den Füßen trug sie rosa Fellpantoffeln, deren Kulleraugen und Hasenohren bei jeder anderen Gelegenheit zum Lachen gereizt hätten. Nur war an dem Schrotgewehr, das sie in den Händen hielt, absolut nichts lächerliches.

 

„Oh, em... Miss?“ Face schaltete seinen Charme an und setzte ein Lächeln auf, das Elvis hinter ihm verblassen ließ. „Es tut mir wirklich sehr leid, falls wir sie erschreckt haben. Wir dachten nicht, dass um diese Zeit noch jemand hier sein würde.“

 

Sie musste entweder direkt neben oder über dem Gebäude wohnen. Keiner von ihnen hatte daran gedacht, das zu überprüfen.

 

Er warf einen Blick auf den Piloten, der die Hände in die Hosentaschen stopfte und bemüht harmlos dreinsah.

 

„Was wollt ihr hier?“, fragte sie. „Ich bewahre kein Geld in der Kapelle auf, sondern bringe es jeden Tag auf die Bank.“

 

„Oh... es ist nicht so... wie Sie denken.“ Face fand sein übliches Repertoire an Gesten durch die Krücken sehr eingeschränkt. „Wir... nun... es klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber wir sind wegen des Harmoniums hier.“

 

„Es war mein Fehler“, sagte Murdock. „Ich dachte, ich hätte den Lichtschalter gefunden, aber es war der falsche Knopf. Es tut mir leid, dass wir Sie geweckt haben.“ Er wünschte sich wirklich, sie würde die Mündung der Schrotflinte woanders hin richten.

 

„Das Harmonium?“, wiederholte die Frau überrascht. „Das Ding... ist doch nur Dekoration. Ich habe es auf einem Flohmarkt gekauft, weil es gut aussieht. Die Musik für die Hochzeiten kommt vom Band.“ Sie runzelte die Stirn, als ob ihr plötzlich einfallen würde, dass das nicht ein Thema war, über das man sich mit Einbrechern unterhielt. Egal wie nett und harmlos sie auch aussehen mochten.

 

„Oh. Und welche Art Musik wird hier so bei Hochzeiten gespielt?“, fragte Murdock im Plauderton.

 

Sie starrte ihn an und er hielt ihrem Blick mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck statt. Dann grinste er.

 

Sie fing an zu lachen und schüttelte den Kopf. „Sie sind verrückt, Mister.“

 

Zur Erleichterung aller senkte sie das Gewehr, so dass seine Mündung nun auf den Boden zeigte.

 

„Sieht man mir das an?“, sagte Murdock zu Face.

 

„Hören Sie zu, Miss...“, begann Face.

 

„Betty. Mein Name ist Betty“, sagte sie.

 

“Betty. Hübscher Name. Mein Name ist Templeton, und dieser Scherzkeks hier heißt Murdock.” Er stützte sich etwas mehr auf seine Krücken und hoffte, dadurch so wenig bedrohlich wie möglich zu wirken. „Ich bin ziemlich sicher, dass ich das Schloss nicht beschädigt habe und auch sonst nichts. Aber natürlich werden wir es bezahlen, sollte irgendetwas kaputt gegangen sein.“

 

„Gut.“ Betty musterte sie eindringlich. Dann lächelte sie. „Oh, seid ihr beiden Hübschen vielleicht auf der Suche nach einer Kapelle für euere Zeremonie?“

 

„Für welche Zeremonie?“, wiederholte Face verständnislos. Dann ging ihm ein Licht auf. „Eine Hochzeitszeremonie?“ Er lachte nervös. „Ähem... Betty... wir sind beides Männer.”

 

„Das ist schon okay“, erklärte Betty.

 

Murdock grinste und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ach wirklich?“, meinte er. „Wow. Nevada hat sich wirklich verändert, seit ich das letzte Mal hier war.“ Er wich aus, als ihm Face mit der Krücke auf den Fuß stampfen wollte, um ihn dazu zu bringen, den Mund zu halten.

 

„Na ja. Ich kann euch natürlich keine Heiratsurkunde ausstellen“, meinte Betty, die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern gesenkt. „Aber es geht ohnehin nur um das Versprechen.“ Sie legte eine Hand über ihr Herz. „Ihr versteht schon. Hier drin, nicht um ein Blatt Papier.“

 

„Und das ist schließlich, was wirklich zählt, nicht wahr?“, meinte Murdock mit einem Seitenblick auf Face, dessen Gesicht einen ungewohnten Pinkton angenommen hatte, der fast an Bettys Slipper heranreichte. Der Pilot grinste.

 

Betty nickte. „Genau so ist es“, stimmte sie ihm zu.

 

„Ähem... Danke für das Angebot. Aber NEIN, DANKE“, sagte Face mit mehr Nachdruck als nötig gewesen wäre. Er humpelte so schnell es ging Richtung Ausgang. Sobald sie Zuhause waren, würde er Stockwell seine Geheimpapiere in den Hals stopfen. Was Murdock anbetraf... darüber würde er auf dem Flug nachdenken. „Komm’ schon, Murdock“, rief er ungeduldig.

 

„Wir haben ein paar Freunde, die liebend gerne als Zeugen fungieren würden“, sagte der Pilot in aller Seelenruhe.

 

„Denk’ nicht einmal daran!“, zischte Face. Verdammt, was war auf einmal mit dieser dämlichen Tür los, warum bekam er sie nicht auf?

 

Betty und Murdock traten zu ihm und er hoffte, dass es hier nicht hell genug war, damit sie sehen konnte, dass sein Gesicht brannte.

 

Der Pilot öffnete die Tür mit einer angedeuteten Verbeugung und Face verließ eiligst die Kapelle. „Oh nein, jetzt hat er kalte Füße bekommen“, wandte er sich an Betty und zuckte mit den Schultern. „Er hat furchtbare Bindungsängste.“

 

„Oh, das passiert ja leider so oft. Ich wusste sofort, dass das mit dem Harmonium nur ein Vorwand war“, meinte Betty und tätschelte seinen Arm. „Niemand sieht sich nachts Hochzeitskapellen an, außer er denkt darüber nach, auch darin zu heiraten.“

 

„Erwischt“, gestand der Pilot ein.

 

„Murdock!“, kam es scharf von draußen.

 

Er schnitt eine Grimasse. „Oh-oh, ich glaube, jetzt bin ich in Schwierigkeiten“, sagte er mit einem Lächeln. „Ich schätze, das bedeutet eine Nacht auf dem Sofa.“ Er blinzelte Betty an, die zu kichern begann. „Ich komme ja schon, Liebling.“ Er winkte Betty zu. „Gute Nacht.“ Als sie die Tür hinter ihm schloss, hörte er gerade noch ein: „...wie süß...“

 

„Ich schätze, du hast das ganze sehr witzig gefunden?“, meinte Face säuerlich, als Murdock zu ihm aufschloss.

 

„Sehr.“ Der Pilot grinste. “Hey, Face, wo bleibt dein Sinn für Spaß”, setzte er versöhnlicher hinzu. „Sie hat nicht auf uns geschossen, sie hat nicht die Polizei gerufen und...“ Er öffnete seine Jacke um Face einen Umschlag zu zeigen. „...wir haben, wofür wir hergekommen sind. Es ist alles gut gegangen.“

 

„Ja. Sieht so aus.“ So viel musste Face zugeben. Er wandte sich Murdock zu und drohte ihm. „Wenn du jemals auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verrätst, dann nehme ich eine dieser Krücken und...“

 

Murdock hob beide Hände. „Okay, okay“, unterbrach er ihn. „Ich verspreche es.“ Er grinste und gähnte. „Gehen wir jetzt ins Hotel zurück, Liebling? Aua... du verstehst einfach keinen Spaß mehr, Facey. Da verspreche ich dir mein Herz und das ist der Dank dafür.“ Face hatte ihn mit der Krücke auf die Beine geschlagen. Es schmerzte nicht wirklich, denn hinter dem Schlag steckte keine Kraft, aber er schritt trotzdem ein wenig schneller aus.

 

Nach ein paar Schritten blieb er stehen und drehte sich zu Face um, der ihn kopfschüttelnd anstarrte. „Was ist?“, fragte Murdock.

 

„Du bist ganz sicher, dass sie dich als geheilt entlassen haben?“, fragte Face.

 

Der Pilot breitete die Arme aus und setzte eine gekränkte Miene auf. „Also wirklich, Face. Du bist so grausam zu mir. Ich muss mir wirklich noch mal überlegen, ob ich dich heiraten will.“ Zufrieden sah er, dass Face wieder rot wurde.

 

„Oh, halt einfach den Mund, Murdock“, erwiderte Face resigniert und setzte sich in Bewegung. Murdock eilte ein paar Schritte voraus und als er sicher war, dass der Pilot ihm den Rücken zuwandte, grinste er.

 

* * *

 

Murdock träumte. Nicht einfach nur so. Er wusste, dass er träumte. Und er wusste, was er träumte. Er war eben dabei, Face zu heiraten. Und Elvis in seinem weißen Vegas-Anzug vollzog die Zeremonie. Seltsamerweise sprach er auf Chinesisch, aber das war kein Problem. Er verstand jedes Wort. B.A. war sein Trauzeuge. Während Hannibal und Frankie die Rolle der Brautjungfern übernommen hatten. Sie trugen sehr hübsche Zylinder aus Alufolie auf den Köpfen. Stockwell führte Face die Kapelle entlang und Betty hämmerte mit einem goldenen Mikrophon auf die Tasten des Harmoniums ein. Warum trug Face den gleichen mit Elvisbildern bedrucken Pyjama wie Betty? Aber Moment, das war nicht Elvis, es war der Range Raider...

 

Murdock katapultierte sich selbst aus dem Traum und aus dem Schlaf. Er setzte sich auf und fuhr sich übers Gesicht. „Wow. Oooo-kay. Das war wirklich verrückt. Sogar für mich“, sagte er laut.

 

Im Bett nebenan rollte sich Face auf die andere Seite und der Pilot wartete angespannt, ob er seinen Freund geweckt hatte. Doch Face murmelte nur etwas und drückte dann das Gesicht ins Kissen. Er schlief weiter.

 

Murdock sah auf die Uhr, zehn Minuten vor sechs Uhr. Zu früh um nach ihrem nächtlichen Abenteuer aufzustehen. Andererseits stand ihm sein Traum noch zu deutlich vor Augen, um wieder schlafen zu gehen. Er griff nach seiner Jacke, die über das Fußende des Bettes lag und kramte in den Taschen herum, bis er eine Quittung und einen Stift fand. Er kritzelte eine Nachricht darauf und legte den Zettel auf sein Kopfkissen, wo er sich sicher war, dass Face sie finden würde. Dann zog er sich leise an.

 

Zehn Minuten später war er der erste Kunde des Tages in einem kleinen Café, ein Stück die Straße entlang gelegen und nippte am stärksten Kaffee, den sie zu bieten hatten. Während er auf sein Frühstück wartete, sah er nach draußen, beobachtete das langsame Erwachen der Stadt. Doch seine Gedanken waren nicht bei dem, was er sah. Er fragte sich, warum er hier war. Jeder Pilot hätte Face zu diesem Job fliegen können. Hatte Stockwell ihn mitgeschickt, damit er Face bei Laune hielt, auf ihre Freundschaft bauend? Aber jeder Abel hätte diesen Job genauso gut erledigen können, warum jemand wie Face auf einen simplen Botengang schicken? Außer das war einer von Stockwells perfiden Plänen, sie auf ihre Plätze zu verweisen.

 

Murdock seufzte und rieb sich die Schläfen. Er war sich nicht sicher, wie es weitergehen sollte. Da war auf der einen Seite das Team, seine Freunde, seine Familie. Auf der anderen Seite war sein Leben. Die beiden Dinge schienen sich nicht zusammenbringen zu lassen. Er konnte seine neue Freiheit nicht aufgeben. Doch genauso wenig konnte er die Jungs im Stich lassen. Die Einheit zu verlassen, war als sollte er sich einen Arm oder ein Bein abhacken.

 

Er aß sein Frühstück, obwohl er keinen Hunger mehr hatte, trank noch mehr Kaffee und kehrte schließlich ins Hotel zurück. Face schlief noch immer und Murdock nahm die Notiz von Kopfkissen, knüllte sie zusammen und warf sie in den Papierkorb.

 

„Du hättest mir wenigstens einen Kaffee mitbringen können“, kam es verschlafen vom anderen Bett, dann tauchte Face wirrer Haarschopf aus den Kissen auf.

 

„Ich dachte, du würdest mindestens bis Mittag schlafen.“ Murdock setzte sich auf die Bettkante und sah auf Face hinunter.

 

„Das hätte ich vielleicht auch, wenn nicht die halbe Nacht Elvis durch meine Träume tanzen würde.“ Face setzte sich auf und schüttelte sich. „Wo warst du überhaupt? Und warum bist du so früh unterwegs?“

 

„Ich konnte nicht schlafen.“ Der Pilot zuckte mit den Schultern. „Ich hatte ebenfalls Besuch von Elvis.“

 

Face rieb sich übers Gesicht. „Okay, das war’s. Ich habe genug von dieser Stadt. Was hältst du davon, wenn wir nach Hause fliegen?“

 

„Nach Hause“, wiederholte Murdock leise.

 

„Zu Hannibal und B.A.“, bekräftigte Face. Er streckte die Hand aus. „Okay? Wir sind ein Team, richtig?“

 

Der Pilot nahm seine Hand und drückte sie. „Wir sind ein Team“, wiederholte er.

 

 

Ende