Vorurteile

T’Len

2007

 

 

 

Fandom: SK Kölsch

Charaktere: Jupp Schatz, Klaus Taube, Florian Schatz

Kategorie: G

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Summe: Florian hat Ärger in der Schule.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

 

„Kriminalpolizei Köln, Hauptkommissar Taube“, meldete sich Klaus, nachdem er den Hörer von Jupps Apparat abgenommen hatte. Jupp war bei Gericht, um eine Aussage in einem Fall zu machen, der noch vor Klaus Zeit in Köln lag. So hatte er ihn nicht begleiten müssen. „Tut mir leid, aber Herr Schatz ist momentan nicht da. Kann ich Ihnen helfen?“

 

Er lauschte auf die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Verstehe“, sagte er nach einer Weile. „Ich werde sofort kommen.“

 

„Ich bin dann mal weg“, sagte er zu Achim, nachdem er seinen Mantel genommen hatte und ins Nebenbüro gegangen war. „Wenn Jupp kommt, er soll sofort nach Hause kommen.“

 

„Ist was passiert?“, wollte Pohl wissen.

 

„Ich weiß nicht“, erwiderte Klaus. „Flos Schule hat angerufen, jemand soll ihn abholen.“

 

///

 

Wenig später betrat er das Sekretariat von Florians Schule.

 

„Onkel Klaus“, der Junge sprang sofort von dem Stuhl, auf den er gesessen hatte, auf und lief zu ihm. Klaus streichelte ihm zärtlich über den Kopf während er die Sekretärin höflich grüßte.

 

„Warten Sie bitte“, sagte diese, erhob sich von ihrem Schreibtisch und klopfte an die Tür zum Nebenraum.

 

„Was ist denn passiert, Flo?“, fragte Klaus und musterte den Jungen besorgt. Florians rechtes Auge war geschwollen und an der linken Wange hatte er einen Kratzer.

 

Der Junge schüttelte stumm den Kopf.

 

„Herr Schatz?“ Aus dem Nebenraum war mittlerweile eine Frau getreten, die Klaus auf etwa 50 schätzte. Sie wirkte sehr streng und autoritär.

 

„Ich bin Klaus Taube, ein Freund und Kollege von Florians Vater“, stellte er sich vor. „Jupp, ich meine Herr Schatz, ist wegen einer wichtigen Aussage bei Gericht.“

 

„Ah ja“, lautete die Antwortet. Klaus hatte das Gefühl, dass der Blick der Frau bei dem Wort Freund einen Moment fast verächtlich auf ihm ruhte, bevor ihre Züge wieder einen unbeteiligten aber strengen Ausdruck annahmen. Sie stellte sich dann als Leiterin der Schule vor.

 

„Würden Sie mir bitte sagen, was passiert ist?“, fragte Klaus.

 

„Florian hat sich geprügelt. Zum wiederholten Male“, lautete die Antwort.

 

„Flo?“ Klaus blickte den Jungen fragend an. Der senkte beschämt den Kopf.

 

„Würden Sie Herrn Schatz bitte ausrichten, dass wir dies so nicht mehr dulden können“, sagte die Schulleiterin mit eiskalter Stimme. „Sollte dies noch einmal vorkommen, werde ich das Jugendamt informieren müssen, damit es Maßnahmen einleitet.“

 

„Der Junge macht gerade eine sehr schwere Zeit durch“, erwiderte Klaus. „Seine Mutter ist erst vor wenigen Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

 

„Ich bin mir dessen bewusst, Herr Taube und habe mit Sicherheit Mitgefühl mit dem Jungen.“

 

Klaus bezweifelte das. Diese Frau wirkte nicht so, als würde sie für irgendjemanden Verständnis aufbringen, am allerwenigsten für einen emotional verängstigten Jungen.

 

„Aber auch er muss sich an die Regeln halten oder mit Konsequenzen rechnen“, fuhr sie fort.

 

Klaus nickte. „Es wird nicht wieder vorkommen“, sagte er.

 

„Das erwarte ich“, erwiderte die Schulleiterin. „Und richten Sie Ihrem... Herrn Schatz aus, nächste Woche findet eine Elternversammlung von Florians Klasse statt. Ich erwarte seine Teilnahme.“

 

///

 

Als sich die Sekretariatstür hinter ihnen geschlossen hatte, ging Klaus in die Hocke und sah Florian ernst an. „Du weißt, dass prügeln keine Lösung für Probleme ist“, sagte er eindringlich.

 

Flo nickte. „Aber ich musste es ihnen doch einfach zeigen, Onkel Klaus.“

 

Klaus legte seine Hand auf den Arm des Jungen. „Hast du Schwierigkeiten, Flo? Erpressen dich irgendwelche anderen Schüler.“

 

Auch wenn es nicht in sein Ressort fiel, Klaus wusste, dass die Kriminalität an Schulen zunahm und es immer mehr Fälle gab, in denen Schüler gemobbt und unter Druck gesetzt wurden. Meist ging es dabei um Geld oder Wertsachen.

 

Flo schüttelte den Kopf. „Sie haben blöde Dinge über Papa gesagt... und über dich.“

 

„Und deshalb hast du sie verhauen? Flo, Gewalt ist wirklich keine Lösung“, sagte er eindringlich. „Blöde Sprüche überhörst du am besten einfach. Wenn diese Kinder keine Aufmerksamkeit bekommen, hören sie von allein wieder auf.“

 

„Aber sie haben gesagt, Papa sei ne Schwuchtel, ein Schwanzlutscher und ein Arschficker und ich würde auch einer. Und ihr würdet es zusammen treiben wie die Hunde und wir würden alle an AIDS verrecken. Und all so was“, antwortete der Junge.

 

Klaus war aschfahl, als er sich aufrichtete.

 

///

 

„Was ist passiert?“ Jupp stürmte in die Küche, gerade als Klaus die Reste des Mittagessens wegräumte, dass er schnell für sich und Flo zubereitet hatte. Florian packte seine Hausaufgaben aus.

 

„Achim hat gesagt, dass Flos Schule angerufen hat und du ihn abholst.“ Er blickte fragend von Taube zu Florian.

 

Bevor jemand antworten konnte, sah er das Veilchen um Flos Auge. „Hey“, er beugte sich zu seinem Sohn und knuffte ihn zärtlich in die Wange. „Möchte wissen, wie der Verlierer aussieht. Der kann bestimmt nicht mehr aus dem Auge kucken, was?“

 

„Jupp“, sagte Klaus mahnend.

 

Jupp ignorierte ihn und sagte statt dessen zu Flo: „Du hast doch gewonnen, Tiger?“

 

„Jupp“, sagte Klaus erneut.

 

„Was denn?“, fragte Jupp ungehalten.

 

„Flo würdest du bitte deine Hausaufgaben in deinem Zimmer machen“, sagte Klaus.

 

Als Flo gegangen war, wandte er sich an Jupp. „Du solltest den Jungen nicht zur Gewalt ermutigen.“

 

„Erzähl du mir nichts über Kindererziehung“, knurrte Jupp und bediente sich ungeniert an den Essensresten.

 

„Wahrscheinlich verstehe ich mehr davon als du, immerhin bin ich Psychologe“, erwiderte Klaus.

 

„Man, das Jungs sich mal prügeln, ist doch normal. Was regst du dich so auf?“

 

„Weil Flo sich nicht zum ersten Mal geprügelt hat. Die Schulleiterin hat gesagt, wenn es noch einmal vorkommt, wird sie das Jugendamt einschalten. Willst du das wirklich? Ein alleinerziehender Vater mit einem so zeitaufwendigen Beruf wie der deinige stößt womöglich nicht unbedingt auf großes Verständnis. Du willst doch nicht riskieren, dass man dir Flo wegnimmt, oder? Und du sollst nächste Woche unbedingt zur Elternversammlung kommen.“

 

Jupp verdrehte gequält die Augen und holte sich ein Kölsch aus dem Kühlschrank. „Man, was für ein Aufstand. Wenn jedes Mal, wenn ich mich als Kind geprügelt habe, das Jugendamt gekommen wäre, die hätten gleich bei uns einziehen können.“

 

„Du gehst besser zur Elternversammlung und benimmst dich, wenn du keinen Ärger haben willst“, sagte Klaus eindringlich und wischte sich die Hände ab. „Ich werde übrigens schnellstmöglich ausziehen. Das ist besser für euch.“

 

Jupp starrte ihn überrascht an. „Was hat das denn jetzt damit zu tun?“

 

„Flo hat sich geprügelt, weil andere Kinder behaupteten, sein Vater sei schwul und wir hätten ein Verhältnis miteinander.“

 

„Diese kleinen Wichser“, knurrte Jupp und kippte sein Kölsch. „Aber deshalb musst du doch nicht ausziehen. Lass die doch reden, was sie wollen. Wir wissen doch, dass es nicht stimmt.“

 

„Jupp, was denkst du wohl, was die Leute denken, wenn zwei Männer zusammen wohnen?“, erwiderte Klaus bitter.

 

„Man, es weiß doch keiner, dass du wirklich schwul bist und mir nimmt bestimmt niemand die Schwuchtel ab. Außerdem geht es niemanden etwas an, mit wem ich lebe. Selbst wenn wir wirklich ne Kiste am Laufen hätten. Kinder machen nun mal blöde Sprüche, da darfst du doch nichts drauf geben.“

 

Klaus schüttelte den Kopf. „Jupp, selbst wenn wir beide heterosexuell wären, zwei Männer, die zusammen wohnen, sind vielen noch immer suspekt. Und zwei Männer die zusammen einen Jungen aufziehen erst recht. Die Welt ist leider lange noch nicht so tolerant, wie wir sie gern hätten. Diese Kinder haben diese Sprüche nicht von Ungefähr drauf, sie lernen sie von ihren Eltern. Du bist doch das beste Beispiel dafür. Ich weiß doch, was du öfters von dir gibst.“

 

„Hey komm“, wehrte Jupp ab. „Ich mein's nicht so, das weißt du doch.“

 

„Aber wissen es auch andere, Jupp?“, erwiderte Klaus.

 

///

 

Gott was für ein lahmer, scheinheiliger Haufen, dachte Jupp, als er eine Woche später in der Elternversammlung saß. Klaus hatte ihm eingeschärft, sich ja zurück zu halten und lieber für Florians Verhalten zu entschuldigen, statt sich über andere und deren Sprüche aufzuregen. Er hatte sich sogar extra in seinen Anzug geworfen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Doch langsam reichte es ihm echt.

 

Wenn diese Bälger blöde Sprüche losließen, brauchten sich ihre Eltern nicht darüber aufregen, wenn sie mal eine Abreibung bekamen. Jungs prügelten sich nun mal, schon aus weitaus nichtigerem Gründen, da konnte Klaus sagen, was er wollte. Aber was wusste der schon. Wahrscheinlich hatte er nur mit Puppen gespielt. Dass Flo seinen Vater verteidigt hatte, war doch voll in Ordnung. Er fand es ehrlich gesagt sogar toll. Er hätte an seiner Stelle genau das Gleiche getan.

 

Gerade ließ sich ein Vater, ein evangelischer Pfarrer, wie Jupp mitbekommen hatte, darüber aus, dass Florian seinen Sohn mit irgendwas anstecken konnte, da platzte Jupp endgültig der Kragen. Diese Vorurteile waren ja nicht mehr mit anzuhören. Wo lebten die denn? Im Mittelalter oder was? Klaus war schwul – na und? Deshalb war er weder krank noch pervers. Punkt um.

 

„Hören Sie mal, denken Sie mein Sohn hat AIDS oder was?“

 

„Weiß man's“, erwiderte der Vater.

 

Jupp sprang auf. „Sie scheinheiliger Betbruder, Sie. Erstens ist in meiner Familie jeder gesund, zweitens ist AIDS keine Strafe Ihres angeblich ach so gütigen Gottes gegen Homosexuelle und drittens habe ich schon einmal gesagt, ich bin nicht schwul.“

 

„Niemand hat hier etwas gegen Ihre Lebensweise, Herr Schatz“, versuchte die Klassenlehrerin ihn zu beruhigen. „Aber vielleicht sollten Sie etwas diskreter damit sein, schon aus Rücksicht auf Florian.“

 

„Bei der Polizei und lebt mit einem Kerl zusammen“, murmelte eine Mutter in der hintersten Reihe. „Sache gibt’s heutigentags.“

 

„Seit wann nehmen die eigentlich Schwuchteln?“, sagte jemand anderes.

 

„Klaus Taube ist ein Kollege“, erwiderte Jupp. Verdammt, warum rechtfertigte er sich hier überhaupt. Selbst wenn er es tausendmal mit Klaus treiben würde, was ging es diese Schnalle an. Er fragte ja auch nicht, was sie privat so trieb. „Seine Wohnung ist abgesoffen“, sagte er. „Deshalb ist er bei mir eingezogen bzw. als Untermieter bei meine verstorbenen Ex-Frau.“ Er spürte einen schmerzhaften Stich im herzen, wie immer, wenn er an Ellen dachte.

 

„Seit Monaten?“, kam es zweifelnd zurück.

 

Jupp spürte, wie er innerlich zu kochen begann. „Klaus ist ein guter Freund, der mir und Florian nach dem Tod meiner Frau sehr beigestanden hat. Und selbst wenn er tausendmal mein Geliebter wäre, es ginge Sie nichts an und es wäre nichts dabei. Basta!“ Fast war er versucht, so behaupten, Klaus sei tatsächlich sein privater Aprtner. Wie dumm die dann wohl aus der Wäsche gekuckt hätten?

 

„Wenn Ihr Sohn deswegen den meinigen verprügelt schon.“

 

„Weil ihrer blöde Sprüche los lässt. Mein Sohn verteidigt seinen Vater halt. Da ist doch nichts dabei. Das machen anständige Jungs so.“

 

„Sehen Sie das in Ihrem Beruf genauso?“, fragte die Lehrerin.

 

Jupp wandte sich zu ihr um. „Hören Sie, ich weiß nicht, was das ganze Theater hier soll. Ich habe mich als Kind auch geprügelt. Mal habe ich gewonnen, mal der andere und es hat keiner Seite geschadet.“

 

„Rücksichtnahme und Toleranz sind für Sie dann ja wohl Fremdwörter.“

 

Jupp schnaubte abfällig. „Erzählen Sie mir nichts über Toleranz. Wie tolerant hier alle sind, das haben wir ja gerade gehört. Kein Wunder, dass bei solchen Elternhäusern die Kinder solche Sprüche aufschnappen. Ich muss mir keine Beleidigungen gefallen lassen und Flo auch nicht. Wenn hier jemand angeklagt gehört. Denn diese Schwulenhasser mit ihren Vorurteilen.“

 

„Unverschämtheit“, empörte sich ein Vater. „Mein Sohn lernt von mir bestimmt keine Sprüche gegen euch Schwuchteln.“

 

„Ach nein?“, fragte Jupp bissig zurück. Er ging zur Tür. „Ich habe besseres mit meiner Zeit zu tun, als mich hier beleidigen zu lassen. Mein Sohn hat jedenfalls nichts gegen Schwule und das ist auch gut so.“

 

///

 

Er atmete tief durch, als er das Schulgebäude verließ. Verdammt, wie hatte er nur so aus der Haut fahren können? Das bedeutete bestimmt Ärger für Flo und ihn. Aber er hatte einfach nicht mehr an sich halten können.

 

Wie konnten die Menschen nur so intolerant sein? Okay er hatte auch blöde Sprüche über Schwule losgelassen, vor allem am Anfang ihrer Zusammenarbeit, als er noch nicht wusste, dass Klaus schwul war. Klar hatte er sich auch aufgeregt, als Klaus Knall auf Fall bei Ellen eingezogen war. Und ja, im ersten Moment hatte er sich Sorgen um Flo gemacht. Aber vor allem war seine Reaktion so heftig ausgefallen, weil er eifersüchtig war, dass Klaus seiner Familie nun näher sein konnte als er und nicht, weile r Nagst hatte, Flo könnte sich „anstecken.“

 

Auch wenn er seine große Klappe mitunter nicht halten konnte, hatte er doch längst akzeptiert, dass Klaus eben auf Männer stand. Sein Fall war es nicht, aber jedem das seine, nicht war? Ansonsten war Klaus doch ein prima Kerl und dufter Kumpel, der beste Partner, den er je hatte und ein zuverlässiger Freund. Was er im Bett trieb war da doch total nebensächlich.

 

Er wollte verdammt sein, wenn er zuließ, dass ein paar verklemmte Spießer in ihrer Freundschaft etwas Schmutziges sahen. Zwei Männer konnten doch wohl zusammen wohnen, ohne dass gleich jeder nur an das eine denken musste.

 

Und das würde er Klaus jetzt auch sagen. Zum Teufel mit den Klatschtanten. Mochten die denken, was sie wollten. Kam überhaupt nicht in die Tüte, dass Klaus auszog, weil irgendjemand ihnen etwas unterstellte, was gar nicht da war.

 

Er würde nicht zulassen, dass Klaus auszog und das würde er ihm jetzt auch sagen.

 

///

 

Als Jupp in seine Wohnung zurück kam, fand er sie leer. Flo war zum Fußballtraining, das wusste er. Aber wo steckte Klaus?

 

Auf dem Küchentisch lag eine aufgeschlagene Zeitung, in der eine Wohnungsannonce angestrichen war und ein Zettel mit Klaus Handschrift, der besagte, er sei zur Besichtigung.

 

Jupp spürte wie kalte Einsamkeit und Wut nach seinem Herzen griff.

 

Ende