2006 Paradies-Apfel-Award: Erster Platz Beste Kung Fu-Story

 

 

Titel: Vatertag mal zwei

Autor: Lady Charena

Fandom: Kung Fu – Im Zeichen des Drachen

Paarung: Peter, Caine

Rating: gen, POV, Feiertag

Beta: T'Len

Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Zwei Väter unter einen Hut zu bekommen, kann das Leben erheblich erschweren.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

Es freut mich, wenn Peter Zeit mit mir verbringen möchte. Aber es ist... anstrengend, wenn er darauf besteht, unterhalten zu werden. Nachdem er mir erklärt hatte, dass der Sinn des Vatertages darin liege, Zeit miteinander zu verbringen – wobei ich es seltsam widersinnig finde, dafür nur einen einzigen Tag pro Jahr anzusetzen – zieht er einen Stuhl bis an meine Werkbank, setzt sich rittlings darauf, die Ellbogen auf die Lehne gestützt und sieht mich erwartungsvoll an. Mit dem Absatz trommelt er ungeduldig auf den Boden.

 

Ich fürchte, mein Sohn wird nie Geduld lernen.

 

Es ist Teil seines Wesens, Teil seines Charmes. Ich möchte es nicht missen.

 

Er beugt sich vor. „Was machst du da?“

 

Offensichtlich ist seine Geduld aufgebraucht. „Mrs. Shoo hat mich um Hilfe gebeten. Sie leidet unter Rheuma.“

 

„Die halbe Stadt muss inzwischen zu dir kommen.“ Der alte Stuhl knarrt leise, als Peter darauf herumrutscht. „Ich frage mich, wie du das aushältst. Ich meine, ich dachte immer, dass du Großstädte nicht magst.“

 

„Ich mag Großstädte nicht.“ Meine Antwort überrascht mich selbst.

 

Peter lehnt sich ein wenig zurück, den Kopf schiefgelegt, sieht er zu mir auf. „Wow, Paps. So was eindeutiges habe ich dich ja noch nie sagen hören.“

 

Ich zucke mit den Schultern, tadele mich selbst für meine harschen Worte.

 

Peter spielt mit den Flaschen und Gläsern auf dem Tisch. Er öffnet eine davon und riecht daran. „Das riecht gut. Was ist das?“

 

“Das chinesische Äquivalent zu Salpeter.”

 

Er schließt die Flasche hastig wieder und stellt sie an ihren Platz zurück. Peter räuspert sich, rutscht auf dem Stuhl hin und her und schweigt ein paar Momente lang. “Warum bleibst du eigentlich? Du bist wegen Sing Ling gekommen, um ihm zu schützen.”

 

Wir haben über dieses Thema unzählige Male gesprochen. “Ja.” Und ich weiß, wie seine nächste Frage lauten wird – auch diese habe ich bereits oft beantwortet – jedoch offenbar nicht oft genug für meinen Sohn. “Und geblieben bin ich deinetwegen.” Ich konzentriere mich wieder auf meine Arbeit, obwohl ich mir bewusst bin, dass ich die Kräuter viel zu fein zerreibe.

 

“Wirklich?”

 

Warum glaubt er meinen Worten nicht? Frust – meinen Sohn und mich gleichermaßen betreffend – wellt in mir auf. Ich schiebe die Mörserschale beiseite. “Peter! Aus welchem anderen Grund sollte ich wohl hier bleiben? Wegen Lo Si? Wegen deiner Freunde? Wegen deiner… Familie?” Meine eigenen Worte schockieren und überraschen mich. Diese Bitterkeit glaubte ich längst hinter mir gelassen zu haben. Ich wende mich von Peter ab, beschämt dass mein Sohn Zeuge dieser Schwäche wurde.

 

“Ich glaube dir, Paps – ich wollte es nur noch einmal von dir hören.”

 

Überrascht blicke ich meinen Sohn an. Peter lächelt. Also hat er die beschämende Eifersucht, die Anschuldung in meinen Worten überhört. “Ah”, erwidere ich erleichtert und wende mich wieder meiner Arbeit zu. “Ich bleibe deinetwegen.”

 

Peter beugt sich über den Tisch, zieht meinen Kopf zu sich herab und küsst mich auf die Stirn. Dann blickt er neugierig in die Schale. “Sag’ mal, sollte das wie Erbsensuppe aussehen?”

 

Ich folge seinem Blick und erkenne, dass er recht hat. Anstatt einer Salbe hat die Mischung nun die Konsistenz eines Mittels zum Einnehmen… und in dieser Form wird es nicht helfen. “Natürlich”, erwidere ich leichthin und er lacht.

 

“Genau.” Peter springt auf. “Komm’ lass uns im Golden Dragon essen gehen, ich bin am Verhungern.”

 

Ich wische meine Hände ab, während Peter ungeduldig bei den Glastüren auf mich wartet. Ich bin froh, dass er seine Zeit mit mir verbringen will. So gesehen ist ein Vatertag keine schlechte Einrichtung.

 

* * *

 

Manchmal ist mein Leben wirklich kompliziert. Zum Kuckuck – bei mir ist es immer kompliziert! Gleicher Tag, anderes Haus, anderes Essen – und ein anderer Vater. Meistens versuche ich, meine beiden Familien auseinander zu halten… was nicht allzu schwer ist. Ich weiß, es bringt nichts, darüber nach zu grübeln. Aber Paps fließt geradezu über vor Freundlichkeit und Großzügigkeit, wenn es Paul betrifft… welches Glück ich habe, zwei Väter zu haben und Menschen, die mich lieben und so weiter und so weiter. Paul auf der anderen Seite ist immer gewählt höflich, kann es aber auch nicht unterlassen immer wieder das eine oder andere zu kritisieren und zu hinterfragen, was Vater tut oder nicht tut oder was er sagt. Bisher hatte ich nicht geglaubt, dass er irgendetwas davon meinem Vater ins Gesicht sagen würde – aber das muss er wohl, wenn ich daran denke, was Paps heute Mittag gesagt hat. Er sah aus, als hätte er sich mit seinen Worten selbst schockiert – mich auch, deswegen zeigte ich nicht, dass mir der Schmerz in seiner Stimme nicht entgangen war, als er meine “andere” Familie erwähnte. Einen Vater, um ihn zu ersetzen und eine Mutter, die Lauras Platz einnahm.

 

Ich frage mich, ob er viel darüber nachdenkt.

 

Ich frage mich, ob er deswegen weggegangen ist.

 

Eine Vorstellung, die mir fast den Atem nimmt. Vielleicht dachte er, ich würde ihn nicht mehr brauchen. Himmel, nichts könnte falscher sein. Irgendwie muss ich ihm das mehr zeigen oder einen Weg finden, um ihn…

 

“Sohn? Deine Mutter spricht mit dir.”

 

Meine Mutter ist tot. Die Worte liegen mir auf der Zunge, doch ich schlucke sie gerade noch rechtzeitig hinunter. Ich wusste, ich sollte nicht so viel über dieses Familienzeug grübeln. Ich blinzle, kehre in die Gegenwart zurück und sehe Paul an, dann Annie. “Es tut mir leid. Ich war mit meinen Gedanken gerade nicht hier.”

 

“Es ist schon in Ordnung, Peter”, antwortet Annie in einem besänftigenden Tonfall. Offenbar hat sie die Anspannung in meiner Stimme wahrgenommen.

 

“Ich sagte nur gerade, dass ich froh bin, dass deinem Vater und dir während eures Angelausfluges nichts passiert ist.”

 

Richtig, darüber sprachen wir, bevor meine Gedanken sich selbstständig gemacht hatten. “Glücklicherweise hatte Paps wieder ein paar Tricks auf Lager. Ich wünschte, er würde sie mir verraten.”

 

“Ein weiteres Shaolin-Wunder vom Meister”, meint Paul spöttisch

 

Ich ignoriere den Spott und esse weiter.

 

“Nun, ich danke dem Himmel, dass er bei dir war”, mischt sich Annie wieder ein. “Hattet ihr denn eine gute Zeit? Ich meine, bevor ihr auf diese verirrten Wanderer gestoßen seid.”

 

“Klar.” Mir kommt der Gedanke, dass Paps die meiste Zeit zu wissen scheint, was ich tue. Ob er jetzt wohl auch weiß, dass ich mir den Bauch mit Annies Steaks voll schlage? Er sagt zwar nie irgendetwas darüber, aber wenn wir zusammen essen, verzichte ich auf Fleisch. “Wir sind das perfekte Team. Ich fange die Fische und Paps lässt sie wieder frei. In so einem Wald wächst Unmengen an Grünzeug und er weiß einfach alles darüber.”

 

“Als du mit mir angeln gefahren bist, wolltest du jeden selbstgefangenen Fisch auch unbedingt selbst essen.” Pauls Stimme klingt vorsichtig neutral.

 

Irgendwie schmeckt mir das Essen plötzlich nicht mehr so recht. “Ich war ein Teenager, ich bin noch gewachsen. Damals hatte ich immer Hunger.”

 

Wieder mischt sich Annie ein, um die Wogen zu glätten, noch bevor sie sich auftürmen können. “Weißt du, mein Schatz, ich habe mir überlegt, dass wir deinen Vater endlich einmal zu uns einladen sollten”, sagt sie, ihre Hand auf Pauls Arm gelegt, wie um ihn zu stoppen. “Warum nicht gleich nächste Woche zum Abendessen? Es ist doch eine gute Gelegenheit, wenn deine Schwestern auch da sind.”

 

Paul sieht auf seinen Teller.

 

“Ja. Das klingt gut. Ich werde es Paps vorschlagen.” Ich drücke Annies andere Hand, bevor ich weiter esse – ihr zuliebe, mir ist der Appetit vergangen. In meinem Magen breitet sich ein ungutes Gefühl aus. Aber was sollte schon bei einem netten, zivilisierten Abendessen passieren…?

 

Wer immer auf die Idee gekommen ist, einen Vatertag einzuführen - ich hoffe, er schmort in der Hölle.

 

Ende