Titel: Weihnachten mit einem Vampir
Autor: Lady Charena
Fandom: Hellsing

Paarung: Alucard, Lady Integra
Rating: past-series, PG-13 [D, V]
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund:
Inmitten des bunten, fröhlichen Weihnachtstreibens in London steht Lady Integra vor den Trümmern ihres Lebens.

 

Ausgangspunkt: Kurz vor Weihnachten beendet die Queen Lady Integras Inhaftierung (mit der die Serie endete). Der größte Teil von Hellsing-House ist nach einem Bombenanschlag nach wie vor kaum mehr als eine unbewohnbare Ruine. Walter, der Kampfgefährte von Integras Vater, der bis zum letzten Atemzug die junge Frau beschützte, ist tot. Alucards Zögling Seras Victoria ist mit den überlebenden Mitgliedern der Hellsing-Truppen auf der Suche nach weiteren Freak-Vampiren, trotz der Ächtung, die der Öffentlichkeit gegenüber über den heiligen Orden ausgesprochen wurde. Und der Vampir Alucard geht offenbar seinen eigenen, dunklen Vergnügungen nach.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

Es war später Nachmittag, die Dämmerung legte sich bereits wie ein Schleier über die bunten Lichter, mit denen London so überreich geschmückt war, als sich die Türe zu Integra Wingfields Zelle öffnete. Ein kleiner, unscheinbarer Mann in einem dunklen Geschäftsanzug und mit einem Aktenkoffer in der Hand trat ein. Er nahm den tadellos geputzten Bowler ab, neigte grüßend den Kopf und zog dann einen Umschlag aus der Brusttasche, den er Integra überreichte. Genauso wortlos drehte er sich um und verließ die Zelle wieder.

 

Integra wunderte sich nicht darüber. Alle Mitglieder des MI5, mit denen sie es bisher zu tun gehabt hatte, schienen aus dem gleichen Guss zu sein, so sehr ähnelte sich ihr Verhalten und ihr Aussehen. Sie hatte lediglich den obligatorischen Regenschirm vermisst, doch vielleicht war heute schönes Wetter. In ihrem unterirdischen Versteck gingen Tages- wie Jahreszeiten unbemerkt an ihr vorbei. Den beiden Wachposten vor der Tür war es nicht erlaubt, mit ihr zu sprechen und Integra hatte darauf verzichtet, Zeitungen zu lesen. Statt dessen hatte man die Bücher ihres Vaters, sofern vom Feuer verschont geblieben, in ihre Zelle geschafft. Ansonsten kam niemand, um sie zu unterhalten. Die Frau, die ihr das Essen brachte, wagte kaum, sie anzusehen. Und bei Alucards unregelmäßigen Besuchen tauschten sie keine Plattitüden über das Wetter aus. Der Vampir kam, um ihr Bericht zu erstatten. Und manchmal auch nur, um sich zu vergewissern, dass sie noch immer an der freiwillig akzeptierten Gefangenschaft festhielt.

 

In den Augen einer ahnungslosen Öffentlichkeit war Integra die Anführerin einer Gruppe von Terroristen, die einen Mordanschlag auf die Königin versucht hatte. In Wahrheit hatte der Heilige Orden nach wie vor das Vertrauen der Krone und Integras Haft diente eher ihrem Schutz, als ihrer Bestrafung. Trotz der vielen Monate, die seit dem blutigen Endkampf zwischen Alucard und dem künstlich erschaffenen Monster Inkognito vergangen waren, kannte noch immer niemand die Identität der Schöpfer der Freak-Chips, die - in die Gehirne von Menschen eingepflanzt - diese zu Vampiren werden ließen. Inkognito war gestorben, ohne seine Auftraggeber preiszugeben, doch zweifellos stammte er aus einem der zerstörten Labors, in denen auch die Chips produziert und eingepflanzt wurden.

 

Integra trat an ihren Schreibtisch und schlitzte das Kuvert mit einem elfenbeinernen Brieföffner auf. Ein einzelner Bogen Papier war darin enthalten. Sie zog ihn heraus und entfaltete ihn – und blickte auf das königliche Wappen. „Wir ordnen hiermit – angesichts der kommenden Weihnachtstage - die Begnadigung und umgehende Freilassung von Integra Wingfield, Lady Hellsing, an.“

 

Ihr Gesicht zeigte keine Reaktion, als sie den Bogen Papier wieder zusammenfaltete, ins Kuvert zurücksteckte und beides an einer Kerzenflamme anzündete. Als der Brief Feuer gefangen hatte, ließ sie ihn in eine Messingschale fallen und sah zu, wie er zu einem kleinen, grauen Häuflein Asche verbrannte.

 

Hinter der äußerlichen Unbeeindrucktheit empfand Integra plötzlich Angst. Und Zorn, eine so heftige Wut, dass sie fast selbst davor zurückschrak.

 

Sie war frei, zu gehen. Aber wohin?

 

Sie war frei, zu tun, was sie wollte. Aber was wollte sie?

 

In den langen Monaten ihrer Gefangenschaft hatte sie die Zweifel nicht überwunden, die sie das erste Mal nach dem Angriff der Valentin-Brüder auf das Hellsing-House ergriffen hatten.

 

War es genug, was sie getan hatte?

 

War es das Richtige gewesen, das sie getan hatte?

 

Trotz aller Wachsamkeit der Organisation waren gute Männer einen völlig sinnlosen Tod gestorben, wurde der Stammsitz ihrer Familie auf schwelende Trümmern reduziert. Doch die unmittelbare Bedrohung durch die Freak-Vampire hatte sie gezwungen, weiter zu kämpfen. Es wurden neue Männer rekrutiert, ausgebildet und in den Tod geschickt. Alucards kleines Spielzeug, die Halb-Vampirin Seras, hatte sich überraschend gut gehalten, wenn man bedachte, dass einen die Polizeiakademie nur unzureichend auf das Zusammentreffen mit Dämonen, Ghuls und künstlich erzeugten Vampiren vorbereitete. Alucard und Inkognitos Kampf hatte London in Blut halb ertränkt, doch es gab kaum Opfer unter der Zivilbevölkerung.

 

Ihre Unzulänglichkeit hatte heftiger geschmerzt als die körperlichen Wunden, die sie davon getragen hatte.

 

Sie war zu jung gewesen, als ihr Vater starb, erst zwölf. Er hatte sie nicht alles lehren, sie nicht in alle Geheimnisse einweihen können. Ein blasses, dünnes Mädchen mit neugierigen Augen hinter großen Brillengläsern, das die Wut ihres Onkels, der erwartet hatte an ihrer Stelle den Vorsitz über die Hellsing-Organisation zu erben, kaum überlebte. Nur das Erwachen des Vampirs Alucard, der so viele Jahre in den verbotenen Katakomben unterhalb Hellsing-House geschlafen hatte, rettete ihr Leben.

 

Alucard mochte zum Gehorsam gegenüber dem Oberhaupt der Hellsing-Organisation verschworen sein und die ausgesprochenen Bannsiegel hielten seine Kräfte in Schach - doch Integra war sich stets bewusst, dass er sich nur freiwillig ihrem Befehl beugte. Sollte er sich irgendwann nicht mehr amüsieren, würde er sich gegen die Menschheit stellen. Und dann mochte der Himmel ihnen allen gnädig sein. Das erbarmungslose Dunkel in Alucard war älter als die Zeit...

 

Sie spürte seine Anwesenheit, noch bevor sie ihn sah.

 

Integra straffte die Schultern und wandte sich um. Alucard saß bequem zurückgelehnt in ihrem Stuhl, die Stiefel auf dem Tisch, an dem sie ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Aus dem Schatten heraus, den der Hut über sein Gesicht warf, funkelten hinter den dunklen Gläsern der Sonnenbrille rote Augen. Schmale Lippen begrüßten sie mit dem sarkastischen Lächeln, das ihn nie verließ – vor allem dann nicht, wenn Alucard tötete.

 

„Die Königin hat ihre Meinung geändert, wie ich sehe“, meinte Alucard und deutete auf das Häufchen Asche in der Messingschale. „Mylady“, setzte er hinzu und wie immer klang es fast nach einer Beleidigung.

 

Integra fragte nicht, woher er sein Wissen bezog. Es war ihr seit langem bewusst, das der Vampir in ihren Gedanken lesen konnte, was und wann es ihm beliebte. Die Bande zwischen ihnen waren Blut. Integras Blut, das Alucard nach seinem langen Schlaf ins Leben zurückgeholt hatte. Sofern man bei einem Vampir den Begriff Leben anwenden konnte. Und sie wusste weiterhin, dass vielleicht nicht einmal ihr Tod dieses Band würde lösen können.

 

„Wohin gehen wir?“, fragte Alucard.

 

„Wir?“, wiederholte Integra tonlos.

 

Die Augen des Vampirs glühten auf. Doch er erwiderte nichts, sah sie nur über den Rand der dunklen Brille hinweg an.

 

„Seras ist in Japan“, fuhr er nach einer Weile fort. „Sie und ein paar Wissenschaftler der Organisation untersuchen noch einmal die Labors, in denen der Freak-Chip entwickelt wurde.“

 

Integra sah ihn nicht an. „Du stehst mit ihr in Verbindung?“

 

Alucard hob eine Schulter. „Ich habe ihr noch einmal angeboten, mein Blut zu trinken, bevor sie ging. Sie hat ihre Unabhängigkeit verdient. Doch Seras Victoria zieht es vor, sich einen letzten Teil ihrer Menschlichkeit zu bewahren.“ Seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem ironischen Lächeln. „Außerdem meinte sie, sie würde die Sonne vermissen.“

 

„Ich habe die Sonne auch vermisst.“ Erst als sie die Worte hörte, wurde ihr klar, dass sie den Gedanken laut ausgesprochen hatte. Sie spürte Ärger in sich hochsteigen, dass ihre Selbstkontrolle so brüchig geworden war. Gerade in Alucards Anwesenheit konnte sie sich nicht erlauben, Schwäche zu zeigen.

 

Ein leises, kaltes Lachen schwebte durch den Raum, dann erhob sich der Vampir. Er trat zu Integra, dicht genug, dass sie die Eiseskälte spürte, die sein Körper abstrahlte. Alucard hob die Hand und Integra versteifte sich unwillkürlich, wie in der Erwartung eines Schlages... doch Alucard riss nur die purpurnen, eher symbolischen Fesseln durch, die Integra seit dem Tag ihrer Verhaftung um die Handgelenke getragen hatte. Die Gläser seiner Brille wirkten wie Spiegel, Integra sah die Reflektion von Kerzenflammen über ihre nun silbern scheinende Oberfläche tanzen. Dann wandte er sich von ihr ab und öffnete die Tür. „Erlauben Sie mir, Sie zu begleiten, Mylady.“

 

Integra ging an ihm vorbei, ihre Schritte langsam, fast zögernd, fast... ängstlich?

 

* * *

 

Es dauerte lange, zu lange, bis sie die Kälte spürte. Da standen sie längst mitten im Getümmel auf den hell erleuchteten Straßen, zwischen Menschenmengen, die hin- und herwogten und von Schneetreiben eingehüllt wurden. Integra schlang die Arme enger um ihren Oberkörper. Jemand rempelte sie an und sie stolperte fast, torkelte gegen eine Mauer. Als sie sich wieder aufrichtete, stand Alucard neben ihr. Sie hatte ihn zeitweise aus den Augen verloren, war sich aber auf seltsame Weise stets seiner Anwesenheit in ihrer Nähe bewusst. Zwischen seinen blassen, dünnen Fingern erschien - wie aus der Luft gepflückt - eines der Zigarillos, die sie zu rauchen pflegte. Sie nahm es und mit dem ersten Zug kehrte ein wenig Wärme in ihren Körper zurück.

 

Alucard schob den Hut aus der Stirn und blickte sie über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg an. „Menschen sind auf so viele Dinge angewiesen“, bemerkte er beiläufig. „Wärme... Nahrung...“

 

„Ich kann nicht zurück nach Hellsing-House.“ Integra richtete sich auf, straffte die Schultern. „Es gibt hier in London einen Unterschlupf, den Walter eingerichtet hat.“

 

Der Vampir grinste. Er ergriff Integra an der Schulter und seine Berührung war eiskalt, kälter als die Nacht und der Schnee.

 

Sie öffnete den Mund und schnappte nach Luft. „Al...“ Alles um sie herum schien für einen Moment zu flackern und für einen Augenblick fiel sie aus der Realität – und schnallte zurück. „...lucard.“ Sie stand in einem schlicht eingerichteten Raum, als das Licht anging. Er hatte das schon einmal mit ihr gemacht, damals nur über die relativ kurze Distanz einer Inselseite zur anderen.

 

„Nicht unbedingt nach meinem Geschmack.“ Der Vampir hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und die Beine auf die Armlehnen eines altmodischen Sofas gelegt. „Aber ich bin überzeugt, in der Küche steht das Teegedeck bereit“, setzte er verächtlich hinzu. „Walter denkt an alles.“

 

„Walter ist tot.“ In ihrer Erinnerung sah sie noch einmal den Feuerschein des explodierenden Hubschraubers, aus dem sie der alte Kämpfer nur wenige Sekunden zuvor abgesetzt hatte.

 

„Ja“, entgegnete Alucard und für einen Moment schien ein Widerschein der Explosion in seinen Augen aufzuflammen. Dann gähnte er, verschränkte die Arme vor der Brust und zog den Hut über die Augen.

 

Integra trat ans Fenster und starrte hinaus in die Dunkelheit. Das Haus lag abseits, das Fenster gab den Blick auf einen kahlen Hinterhof frei. Jemand hatte aus dem grauen Schneematsch einen klumpigen Schneemann zusammengekratzt und ein struppiger Busch war mit einer bunten Lichterkette geschmückt, die vor sich hinblinkte. Weihnachten. Ein rührseliges Märchen für Kinder und Narren.

 

Auf der Fensterbank lag eine Packung Zigarillos und eine Schachtel Streichhölzer. Integra zwang ihre Hand, nicht zu zittern, als sie danach griff und sich eines davon ansteckte. Sie inhalierte den Rauch tief und starrte weiter in die Dunkelheit. Sie lehnte sich vor und presste ihre Stirn gegen das kalte Glas, das ihr mit Rauch gemischter Atem beschlagen ließ. Die Hellsing-Organisation musste weiter bestehen – die Gefahr, die von den Freak-Vampiren ausging, war noch nicht vorüber. Daran bestand kein Zweifel.

 

Woran sie zweifelte, war ob sie in der Lage dazu war, den Heiligen Orden zu führen.

 

Integra hob die Stirn von der Scheibe, auf der ein trüber Fleck zurückblieb. Neben ihrer eigenen Reflektion erschien Alucards Gesicht und vielleicht war es nur das Glas, das das rote Glühen in seinen Augen verstärkte.

 

„Ich bin hier, Mylady.“

 

Integra unterdrückte ein Erschauern.

 

 

Ende