Unterm Mistelzweig

T’Len

2003

 

 

 

Serie: Karl May

Paarung: W/OS

Code: PG-13

Feedback: tlen11@freenet.de

Summe: Fortsetzung zu Michaelas „Oh Mistelzweig

 

Disclaimer: Leider gehören mir die Jungs und Mädels nicht. Ich habe sie nur für ein bisschen Fanfiction-Spaß ausgeborgt. Damit sollen keine Urheberrechte verletzt werden. Und natürlich wird damit nichts verdient. Beachtet die Altersangabe und geht wo anders spielen, wenn ihr zu jung seit oder euch am Thema stört.

 

Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

 

Noch immer über Sams Idee mit den Mistelzweigen schmunzelnd bog ich um die Ecke des Pueblos und blieb überrascht stehen. Auf einem Baum, der am Rande es Lagers stand, turnten einige Kinder herum und schmückten ihn mit bunten Bändern, Obst und – wie mir schien – mit allem, was sie sonst noch hatten finden können und das einigermaßen farbig war.

                 
Ein Weihnachtsbaum? Hier mitten im Indianerlager? Hatte Sam den Apachen etwa auch unsere deutschen Weihnachtsbräuche näher gebracht?

 

Ich entdeckte, dass Winnetou am Fuße des Baumes stand und den Kindern Anweisungen zu geben schien. Nun hatte auch er mich bemerkt und kam auf mich zu.

 

„Gefällt meinem Bruder Scharlih der Baum?“, fragte er.

 

„Ja“, nickte ich, „aber ich verstehe nicht wieso? Hat Sam Hawkins euch von unseren Bräuchen erzählt.“

 

„Klekih-Petra berichtete Winnetou, wie man in seiner Heimat die Geburt des Heilandes feiert.“

 

Ja, natürlich. Daran hätte ich denken sollen. Der deutsche Medizinmann war schließlich Winnetous Lehrer gewesen. In vielerlei Dingen.

 

„Winnetou dachte, seinem Bruder würde es gefallen. Winnetou möchte, dass Scharlih sich bei den Apachen wohl fühlt.“

 

„Das würde ich auch so, Winnetou“, versicherte ich und blickte in seine dunklen Augen, deren Glanz mich plötzlich an meine eigene Vorfreude auf den Weihnachtstag erinnerte. Auch wenn meine Familie nicht viel zum Leben gehabt hatte, am Weihnachtsfest gab es immer ein ganz besonderes Mahl und auch einen kleinen Baum. Meine Eltern mussten das ganze Jahr über auf diesen Tag hin gespart haben und wir Kinder dankten es ihnen mit sichtlicher Freude.

 

Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass ich Weihnachten fern der Heimat verbrachte, bei den Erinnerungen an meine Familie wollte mir weh ums Herz werden.. Und nun versuchte Winnetou mir ein Weihnachtsfest zu bereiten, wie er annehme, dass es meiner Herkunft und Tradition entsprach. Ich war zutiefst gerührt.

 

„Ich danke meinem Bruder“, sagte ich und merkte, dass meine Stimme belegt klang.

 

Winnetous Augen strahlten noch mehr. „Die Freude meines Bruders ist auch Winnetous Freude“, versicherte er, um dann hinzuzufügen. „Aber Winnetou versteht nicht den Brauch, den Sam Hawkins anwendet. Davon hat er noch nie gehört.“

 

„Die Mistelzweige“, fragte ich und er nickte.

 

„Das ist ein Brauch aus England nicht aus meiner Heimat“, erklärte ich. „Wer zu zweit unter dem Mistelzweig steht, muss eine Beere pflücken und den anderen küssen.“

 

„Küssen?“, wiederholte Winnetou.

 

„Ja“, bestätigte ich. „Sam möchte auf diese Weise Kliuna-Ai näherkommen.“

 

„Küssen!“ Lächelnd blickte Winnetou nach oben. „Winnetou und Scharlih stehen auch unter einem Zweig der Mistel“, stellte er fest.

 

„Was?“ Ich folgte seinem Blick und tatsächlich über uns, am Ende des Baus war ein Mistelzweig angebracht. Sollte ich Winnetou erklären, dass dieser Brauch für Mann und Frau gedacht war? Aber wer sagte eigentlich, dass nicht auch zwei Männer...

 

Wir lösten beide im gleichen Augenblick unseren Blick von dem Zweig und sahen einander für einen langen Moment tief in die Augen. Dann streckte ich mich und pflückte eine der weißen Beeren.

 

Ende