FP: Unschuldig schuldig!?

 

Disclaimer:

Keine der hier verwendeten Figuren aus dem ‚Herrn der Ringe’ gehören mir, noch verdiene ich Geld mit dieser Geschichte. Die Vorlage hat der große Meister Tolkien ;o) geliefert, ich habe mir dann die Handlung ausgedacht.

 

Zusammenfassung:

Die Freunde feiern zusammen Eldarions Geburtstag in Gondor, als eine verhängnisvolle Kette von Umständen in Gang kommt, die die Freundschaft aller auf eine harte Probe stellt. Freunde sind nicht mehr Freunde, sondern Feinde. Diese Story ist in Teilen AU und enthält Slash (Elrohir/Gimli) sowie Het (Eowyn/Legolas).

 

Rating:

Ab 18, da explizite Darstellung von Gewalt und Sexualität

 

1. Kapitel

 

Es war ein wunderschöner Sommermorgen, gerade richtig für ein großes Fest und ein großes Fest sollte es werden, zu dem König Elessar Freunde und Bekannte eingeladen hatte. Alle waren gekommen: Frodo und Sam, Merry und Pippin, Gimli und Legolas, Elladan und Elrohir und auch Eomer. Eowyn und Faramir ließen sich entschuldigen, König Theoden war krank und sie wollten ihn in seinem Alter nicht so lange alleinlassen. Und so hatte sich auch Gandalf, der seit dem Ende des Ringkrieges in Isengard wohnte, entschlossen, nach seinem alten Freund zu sehen.

Es sollte der Geburtstag von Aragorns Sohn Eldarion und der Jahrestag der Ringzerstörung gefeiert werden. Eldarion war nun schon 20 Jahre alt und der Ring vor mehr als 25 Jahren von Frodo in den Schicksalsberg geworfen. So viel war in diesen Jahren geschehen: Ehen waren geschlossen worden, Gandalf war offiziell vom grauen Wanderer zum weißen Zauberer erhoben worden und auch der Tod hatte Einzug gehalten in die Herzen der Freunde. Arwen war von herumstreunenden Orks getötet worden, als sie ihren Vater in Bruchtal besuchen wollte. Damals war Eldarion fast noch ein Baby gewesen und Aragorn hatte den Tod seiner Frau nie ganz verwunden. Elrond war nach diesem tragischen Ereignis nach Valinor gesegelt, wo er in den Armen seiner Frau Trost zu finden hoffte. Seine Söhne hatten es sich daraufhin zur Aufgabe gemacht, jeden noch in Mittelerde verbleibenden Ork aufzuspüren und mit ihren Pfeilen zu durchbohren.

An all dies erinnerten sich nun die ehemaligen Gefährten und ihre Freunde, als sie in der großen Halle der Königsburg der weißen Stadt zusammensaßen und feierten. Die Tische bogen sich unter den erlesensten Köstlichkeiten und die Diener eilten mit Weinkrügen hin und her. Lautes Gelächter schallte durch den Saal, als Legolas von einer Reise mit Gimli berichtete, die die beiden vor kurzem unternommen hatten. „Es ist einfach unglaublich! Da hält man diesen Zwerg die ganze Zeit bergauf fest und trotzdem schafft er es, immer wieder vom Pferd zu fallen. Langsam solltest Du reiten können.“ „Der Fels zieht uns Zwerge eben magisch an. Du solltest Gandalf mal nach einem Gegenzauber fragen“, war Gimlis trockener Kommentar dazu, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen gefüllten Teller richtete. Elrohir wischte sich die Lachtränen aus seinen Augen und Pippin wäre fast vom Stuhl gefallen. Selbst Aragorn huschte für einen kurzen Moment ein Lachen über sein sonst so ernstes Gesicht. „Sag mal Ada, wann bekomme ich eigentlich meine Geschenke?“ „Du bist noch genauso ungeduldig wie eh und je, mein Junge. Aber wenn Du möchtest, sollst Du sie haben.“ Mit diesen Worten winkte Elessar einem an einem Nebentisch sitzenden Mann mit reich verzierter Robe zu, der sofort aufsprang und davoneilte. „Wer ist denn das?“ fragte Eomer interessiert. „Es sieht aus, als ob Du ihn in Deine Pläne eingeweiht hast, Aragorn.“ „Das habe ich auch, Eomer. Wenn ich jetzt aufstehe und Luna holen würde, wüsste Eldarion sofort, was ich ihm schenke. Er hat in den letzten Tagen so oft vor ihrem Stall gestanden und sie bewundert.“ Auch einige der anderen liefen auseinander und holten aus allen möglichen Verstecken ihre Geschenke hervor. Als Eldarion sah, was sie in den Händen, leuchteten seine Augen hell auf: Gimli hatte unter dem Tisch ein glänzendes Schwert hervorgezogen; Legolas hatte hinter einem Wandvorhang einen Köcher mit Pfeilen und einen Bogen versteckt gehabt und die Hobbits warteten ungeduldig darauf, dass ihr Geschenk zusammen mit dem von Aragorn hereingebracht wurde. Elladan flüsterte Eldarion ins Ohr: „Das Geschenk von mir und Elrohir hängt schon in Deinem Zimmer. Es ist der Wandteppich, der früher in Arwens Zimmer in Bruchtal hing.“ „Vielen Dank, Onkel. Das ist wirklich ein sehr, sehr schönes Geschenk. So habe ich immer etwas von meiner Mutter um mich, wenn ich einschlafe und aufwache oder wenn ich mal nicht schlafen kann.“ Mit diesen Worten fiel er Elladan und Elrohir abwechselnd um den Hals, bevor er sich auch bei Legolas und Gimli bedankte und ihnen das Versprechen abnahm, nach dem Ende des Essens mit ihm in den Garten zu gehen und ihre Geschenke auszuprobieren. Dann wurde Eldarion durch ein klapperndes Geräusch auf die große Eingangstür der Halle aufmerksam und er bekam ganz große Augen, als er ein kleines braunes Hundebaby mit großen Schlappohren auf sich zupatschen sah. „Das ist unser Geschenk“, riefen Frodo und Merry gleichzeitig aus. „Du musst ihm noch einen Namen geben“, fügte Sam hinzu. „Dann soll er Stellum heißen“, meinte Eldarion nachdenklich und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tür, durch die nun von dem Mann, dem Aragorn vorhin zu gewinkt hatte, eine wunderschöne weiße Stute hereingeführt wurde. „Luna gehört nun Dir, Eldarion. Pass gut auf sie auf“, gab Aragorn zur Erklärung, als er denn fragenden Blick seines Sohnes auf sich gerichtet fühlte. „Das meinst Du doch nicht im Ernst, Ada.“ „Doch“, gab dieser zur Antwort. „Wenn Du möchtest, können wir morgen alle einen Ausritt machen. Sie kennt Dich ja schon und so wird sie es Dir nicht schwer machen, sie zu reiten. Den Sattel, den sie trägt, schenkt Dir Eomer.“ Auch bei diesem bedankte sich das Geburtstagskind und wartete sehnsüchtig darauf, dass das Essen zu Ende war und er mit Legolas und Gimli in den Garten gehen konnte.

Nach einer Stunde war es dann soweit: Eldarion nahm den Köcher auf den Rücken, Schwert und Bogen in die Hand und marschierte los. Gimli und Legolas liefen schnell zu ihren Zimmern, um sich ebenfalls zu „bewaffnen“. Dann trafen sie sich mit Eldarion im Garten, der schon ungeduldig auf sie wartete. Als erstes wollte er sich mit Gimli im Schwertkampf messen und so setzte sich Legolas unter eine weitherabhängende Baumkrone und machte es sich dort bequem. Gimli und Eldarion zogen ihre Schwerter und tänzelten leicht um einen Mittelpunkt herum, bevor Eldarion einen Ausfall machte und so Gimli herausforderte. Dieser parierte den Hieb sofort und zog sich wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Wieder begannen sie, einander zu umkreisen und warteten auf den Angriff des anderen. Dieses Mal war es Gimli, der es nicht erwarten konnte und begann, auf Eldarion mit hocherhobenem Schwert einzudringen. Dieser wich nach rückwärts aus und wäre beinahe über Legolas gestolpert, der seine Beine weit ausgestreckt hatte und das Zuschauen sichtlich genoss. „Pass auf, wo Du hinfällst. Sonst könnte Dir ein Besuch bei den Heilern Deines Vaters nicht erspart bleiben, “ rief er dem erhitzten Eldarion zu. „Aragorn zerreißt uns in der Luft, wenn Du Dir etwas brichst und auf einer Trage zurückgebracht werden musst, “ fügte Legolas lachend hinzu. Keiner von ihnen bemerkte die grüngekleidete Gestalt, die es sich über dem Kopf des Elben in der dichten Baumkrone bequem gemacht hatte und auf etwas Bestimmtes zu warten schien.

 

2. Kapitel

 

Währenddessen hatten sich auch Aragorn, Eomer und die übrigen aus der großen Halle zurückgezogen und beschäftigten sich jeder mit etwas anderem. Aragorn und Eomer brachten Luna in den Stall zurück und gingen dann in Aragorns Arbeitszimmer. Dort fragte Eomer noch einmal nach dem Mann, der Luna geholt hatte.

„Liran ist mein engster Berater und auch mein Freund. Arwen wählte ihn damals nach meiner Krönung gemeinsam mit mir aus. Alleine deshalb schon möchte ich ihn nicht mehr missen. Mit ihm kann ich stundenlang über Arwen sprechen, wenn der Kummer wieder einmal zu groß wird. Eldarion will ich damit nicht belasten, er hat damals genug gelitten und soll sich nicht unnötig sorgen.“ „Du hast schon recht, Aragorn. Damals war es eine schwere Zeit für euch beide, aber glaubst Du nicht, dass Eldarion sich freut, wenn Du ihn an Deinen Gedanken teilhaben lassen würdest? Arwen war schließlich seine Mutter. Kannst Du Dir nicht vorstellen, dass er sich manchmal auch nach einem Gespräch sehnt, wenn auch ihn solche Gedanken bedrücken?“ „Vielleicht, vielleicht nicht, Eomer. Wahrscheinlich sollte ich wirklich mal mit ihm reden. Aber er ist eben das einzigste, was mir von Arwen geblieben ist. Daher möchte ich ihn einfach nur glücklich heranwachsen sehen.“

Ein tiefer Seufzer entrang sich Aragorns Brust. Die Erinnerung an Arwen und ihren Tod wühlte immer wieder in seiner Seele und würde ihm wohl noch lange keine Ruhe lassen.

 

In tiefes Nachdenken versunken saßen die beiden Freunde in ihren Sesseln, bis sie durch das Quietschen der Tür aufgeschreckt wurden. „Die sollte mal geölt werden“, meinte Eomer lachend. Auch Aragorn schaute hoch und sah Pippins wuschelige Haarpracht, die sich langsam ins Zimmer schob. Der kleine Hobbit hatte ein breites Grinsen im Gesicht und einen Apfel in der Hand. „Ich wollte nur fragen, ob ihr mit in die Küche kommen wollt. Wir Hobbits machen ein Picknick zurecht. Bei der Gelegenheit wollen wir Stellum euren Garten zeigen, dass er nicht in Eldarions Zimmer kleine Häufchen verteilt. Wir hätten euch auch so gerne dabei.“ Bittend sah er Aragorn an und bekam von Eomer sogar Unterstützung. „Das ist eine gute Idee. Komm Aragon, verjage die Schatten von Deinen Gedanken und lerne wieder zu lachen und lustig zu sein. Wir zwei können Stellum ja eine Hundehütte bauen, während die Hobbits dafür sorgen, dass er Deinen Sohn nicht aus seinem Zimmer vertreibt.“ „Also gut, ich mache mit. Ihr habt mich überzeugt.“ „Juchhe!“ Pippin machte vor Freude einen Luftsprung und sauste den Gang hinunter zur Küche. Aragorn und Eomer folgten ihm auf dem Fuße.

 

Währenddessen waren draußen im Garten Eldarion und Gimli rechtschaffend erschöpft und ließen sich neben Legolas in den Schatten des Baumes sinken. „Uff, war das anstrengend. Aber Du scheinst Dich mit dem neuen Schwert gut verteidigen zu können, Eldarion.“ „Ja, es liegt prima in meiner Hand und auch die Klinge ist Dir gut gelungen, Gimli. Sie ist nicht zu schwer und nicht biegsam, genau richtig für einen echten Kampf.“ „Nur dass das jetzt kein echter Kampf war“, warf Legolas ein. „Darauf will ich es auch nicht ankommen lassen. Zu Feinden möchte ich euch auf keinen Fall haben.“ Die drei Freunde lachten laut auf und die versteckte, grüngekleidete Gestalt nutzte diesen geräuschvollen Moment, um aus dem Baum zu klettern und sich davonzuschleichen. Heute würde sie wahrscheinlich nichts mehr unternehmen.

 

Währenddessen waren die Hobbits gemeinsam mit Aragorn und Eomer damit beschäftigt, drei große Körbe mit Früchten, Pilzen, Brot, einigen Stücken gebratenem Fleisch, Wasser- und Weinkrügen zu füllen. Dann nahmen Frodo und Sam den ersten, Merry und Pippin den zweiten und Eomer den dritten Korb, um sie in den Garten zu tragen. Aragorn wollte noch einige Decken aus seinem Zimmer holen und so machten sich die anderen schon mal auf den Weg.

 

Als Aragorn aus seinem Zimmer trat, sah er Liran, seinen engsten Berater und langjährigen Vertrauten, auf sich zukommen. „Ich wollte nur fragen, wie lange Eure Gäste noch vorhaben zu bleiben, Majestät. Dann kann ich den Dienstboten entsprechende Anweisungen geben.“ „Das fragst Du sie am besten gleich selbst, Liran. Du nimmst natürlich auch an unserem Picknick teil. Und nenn mich nicht immer Majestät.“

Aragorn ergriff den Arm seines Ratgebers und zog ihn mit sich fort. Dabei entging ihm das Aufblitzen eines kleinen Döschens, das Liran in der Hand gehalten hatte und nun in den Falten seines Umhangs verschwinden ließ.

 

Als sie im Garten ankamen, waren alle schon versammelt und Aragorn breitete schnell die Decken auf der Wiese aus. „Ihr könnt sagen, was ihr wollt“, meinte Sam. „Aber irgendwie habe ich schon wieder Hunger.“ Elladan lachte hell auf und Frodo fing an zu quietschen. Stellum gefiel das gar nicht und so mischte sich Hundegebell mit ein. Als sie sich wieder beruhigt hatten, nutzte Aragorn den Moment aus, um Liran vorzustellen, da ihn noch keiner außer Elrohir und Elladan persönlich kennen gelernt hatte. Eomer betrachtete den Mann mit großem Interesse, da er ihn das erste Mal aus der Nähe sah und Liran ihm irgendwie bekannt vorkam. Er zermarterte sich den Kopf, aber er konnte sich nicht erinnern, wo er ihn schon mal gesehen hatte. Liran war von derselben Größe wie Aragorn und schien ungefähr im gleichen Alter zu sein. Er hatte kurze schwarze Haare und weiche Gesichtszüge. Seine Augen blitzten unter dichten Augenbrauen hervor und er schien eine gewisse Ähnlichkeit mit Elronds Bruder Elros zu haben.

„Wo seid Ihr geboren, Liran?“ fragte Eomer freundlich. „Ich stamme aus dem Osten Gondors, nahe der Grenze zu Ithilien.“ „Habt Ihr dort noch Familie?“ „Nein, ich bin allein. Meine Eltern starben kurz nach meiner Geburt durch einen Überfall der Orks und mein Bruder fand den Tod während des Ringkriegs.“ „Das muss schlimm für Euch gewesen sein.“ „Ich trage die Erinnerung an sie in meinem Herzen solange ich lebe.“ „Versteht Ihr Euch deshalb so gut mit Aragorn?“ „Wir haben ähnliches durchgemacht. Vielleicht kommt unsere ‚Seelenverwandtschaft daher.“ „Ganz bestimmt kommt sie daher“, fiel Aragon nun ein. „Wir wissen beide, was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und außerdem haben wir beide unsere Eltern früh verloren. Genau wie Du ja auch, Eomer.“ „Da mögt ihr recht haben.“ Eomer hatte nicht mehr viele Erinnerungen an seine Eltern, er fühlte sich bei seinem Onkel seit damals wohl und geborgen, daher konnte er dieses Gefühl des Alleingelassenseins nicht ganz nachvollziehen.

„Na, ich werde mal schauen, was unsere drei Kämpfer denn so anstellen“, sagte Elrohir. „Vielleicht gibt es ja schon erste Wunden zu versorgen.“ Er hatte von seinem Vater die Kunst des Heilens gelernt und konnte nie jemanden leiden sehen, ohne den Versuch zu machen, demjenigen zu helfen. „Und ich komme mit und frage sie, was sie zu essen haben wollen.“ rief Pippin schnell dazwischen. Die anderen Hobbits hatten in der Zwischenzeit einen Riesenspaß mit Stellum, der neugierig durch den Garten schlich und jeden Schmetterling vorlaut anbellte.

„Dann lauft mal, ihr zwei!“ meinte Elladan, der sich auf der Decke ausgestreckt hatte und beinahe einschlief. „Aber passt auf, dass ihr keinen Sonnenstich bekommt!“ Als Antwort bekam er das Wasser aus Elrohirs Glas ins Gesicht, was ihn sofort wieder munter machte. „Auch ich komme mit. Ein bisschen Wasser ist bei dieser Hitze nicht zu verachten, “ schlug Liran vor. Er hob ein Tablett mit drei Gläsern und einem Wasserkrug hoch, wobei er es so hielt, dass keiner der anderen in die Gläser hineinsehen konnte: In einem Glas befand sich ein geheimnisvolles, weißliches Pulver...

 

3. Kapitel

 

Unterdessen an einem anderen Ort Mittelerdes: In Edoras waren Eowyn und Gandalf bemüht, König Theoden wieder auf die Beine zu bringen. Er hatte an einem Fieber gelitten, wie es hier öfters vorkommen konnte, da die Nähe der Hauptstadt zu dem Gebirge es im Jahr mehr regnen ließ als für die Menschen gut war. Viele waren schon daran gestorben, aber Eowyn wollte ihren Onkel nicht verlieren, der sie damals nach dem Tod ihrer Eltern so freundlich aufgenommen hatte.

Faramir war mit einigen Männern, unter ihnen auch der Sohn Hamas, auf der Jagd und der Suche nach Beeren und Pilzen und sollte erst gegen Abend zurückkehren.

 

Seit dem Ringkrieg hatte sich auch hier einiges verändert: Die beiden damaligen Wächter der Goldenen Halle waren schon lange tot und Theoden konnte sich nur schwer an eine neue Garde gewöhnen. Aber auch neues Leben gab es in seinem Umfeld. Haleth, Hamas Sohn, hatte geheiratet und war sehr stolz auf seinen kleinen Sohn und seine Tochter. Er war lange Zeit durch Mittelerde gereist und hatte bei den berühmtesten Heilern –unter anderem auch Aragorn- sein Handwerk gelernt. Er war sehr angesehen in Rohan, da er keinen Unterschied machte zwischen arm und reich und auch oft keine Entlohnung für seine Dienste forderte. Gemeinsam mit Gandalf war es ihm gelungen, König Theoden von dem Fieber zu heilen.

Aber auch älteren Zuwachs gab es in der Hauptstadt der Rohirrim: Bald nach dem Ende des Krieges waren Rumil und Orophin nach Edoras gezogen, um ihrem Bruder Haldir nahe zu sein, der auf dem Schlachtfeld vor Helms Klamm sein Leben gelassen hatte und nun hier begraben war. Die beiden hatten Galadriel und Celeborn gebeten, sie von ihren Pflichten als Galadrim zu entbinden und sich auf den Weg ins Land der Pferdemenschen gemacht. Nun versorgten sie neben dem Grab ihres Bruders auch andere und dachten oft an den schicksalshaften Moment zurück, in dem es Legolas nicht gelungen war, den Uruk-Hai mit der Fackel rechtzeitig zu erlegen. So konnte er Feuer an das Pulver legen und viele, unter ihnen auch Haldir, wurden bei der Explosion getötet. Beide hatten lange an ihrem Kummer gelitten und fingen jetzt erst an, langsam wieder aufzutauen und am täglichen Leben in Edoras teilzunehmen.

 

Nun saßen sie gemeinsam mit Eowyn und Gandalf an Theodens Bett und lauschten der angeregten Unterhaltung. Eomer war nämlich nicht nur wegen Eldarions Geburtstag nach Gondor geritten, sondern auch um mit Aragorn einen Vertrag auszuhandeln, um mehr Weideland für die Pferde der Rohirrim zu erhalten. Daher sollte Eomer eigentlich nach ungefähr einer Woche wieder nach Edoras zurückkehren, um König Theoden über das Ereignis der Verhandlungen zu unterrichten. Dieser rechnete aber nicht damit, dass sein Neffe so schnell zurückkommen würde, da Eomer sich sehr auf das Wiedersehen mit den Gefährten gefreut hatte.

„Hoffentlich können sich die beiden einigen“, meinte Theoden. „Wenn wir weiter Pferde züchten wollen, brauchen wir einfach mehr Land, um sie zu ernähren.“ „Aragorn war schon immer recht zugänglich für die Nöte und Bedürfnisse anderer. Er wird ganz sicher zustimmen. Ihr habt ja nur um die Weiden gebeten, die genau an der Grenze zu Rohan liegen“, sagte Gandalf nachdenklich. Er sah seinem alten Freund gerade in die Augen. „Die Grenzen sollen ja weiter bestehen bleiben. Wir wollen Aragorn ja nicht vom Thron stürzen“, lachte dieser. Eowyn fing auch an zu lachen; sie war über die heitere Stimmung ihres Onkels äußerst erfreut. Das zeigte ihr, dass er sich auf dem Weg der Besserung befand und das befreite sie von der Sorge um einen möglichen Rückfall. Rumil und Orophin saßen stumm dabei und genossen sichtlich die gute Stimmung. Sie hatten Theoden gebeten, auf den Gräbern der Gefallenen auch Simbelmyne anpflanzen zu können, die man bisher nur auf den Ruhestätten der Königsfamilie antreffen konnte. Eowyn und Gandalf erhoben sich nun, um für die restlichen Bewohner der Goldenen Halle zu sorgen und Rumil und Orophin machten sich sogleich an ihre neue Aufgabe.

 

4. Kapitel

 

In dem Garten der Königsburg in Minas Tirith waren unterdessen Elrohir, Pippin und Liran bei den drei Kämpfern angekommen und sorgten nun für ihr leibliches Wohl. Liran hatte Wasser eingeschenkt und die Gläser verteilt und Pip war mit einem Teil des Picknicks unterwegs, um ihre hungrigen Mägen zu füllen.

 

„Esst nicht zuviel“, warnte Elrohir. „Vielleicht schlafen wir auch erst mal eine Runde“, antwortete Legolas, der entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten schon herzhaft zu gähnen anfing.

„Schon müde? Und das nur vom Zuschauen? Das gibt es doch gar nicht!“ zog Eldarion ihn auf. „Am besten kletterst Du hoch in den Baum und ruhst Dich aus. Sonst triffst Du am Ende gar nicht die Zielscheibe, “ neckte Gimli seinen Freund. „Ist gut, ich geh ja schon, “ brummte Legolas und machte wirklich Anstalten, in die dichte Baumkrone zu klettern. Liran hielt ihn zurück: „Bleibt doch! Sie meinen es ja nicht wirklich ernst. Seht, sie versuchen nur ihr Lachen zu unterdrücken. Am Ende fallt Ihr noch vom Baum!“ Jetzt war die Zeit an Legolas, sein Lachen zu unterdrücken. Elrohir klärte Liran auf. „Elben fallen nicht so leicht vom Baum, wenn sie schlafen. Wir haben einen natürlichen Gleichgewichtssinn, der auch im Schlaf dafür sorgt, dass unser Schwerpunkt richtig gelagert bleibt.“

 

„Na, dann könnt Ihr ja ruhig in den Baum klettern.“ „Danke für Eure Erlaubnis“, meinte Legolas gähnend. „Wieso seid Ihr eigentlich so um meine Gesundheit besorgt?“ „Ihr zählt zu Aragorns besten Freunden und auch Arwen sprach viel von Euch. Deshalb freue ich mich, Euch und Gimli einmal persönlich kennen zu lernen. Euch, den Herrscher über Ithilien und Euch, den Herrn von Moria. Ist es wahr, dass die Minen von Moria teilweise zugeschüttet wurden?“

„Ja, wir haben manche der unteren Schichten wieder mit dem Aushub angefüllt und sind immer noch dabei Zwergenbinge und die Brücke von Khazad-Dum wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Auch haben wir den See außerhalb der Mauern von Moria abschnittsweise trockengelegt und so etwas wie eine kleine Empfangshalle vor das eigentliche Haupttor gebaut. Die Tore von Moria stehen jedem normalen und jedem Zwergenfreund offen.“

„Zwergenfreund?“ fragte Pippin neugierig. „Wir haben für die verdienten Freunde der Zwerge einen Titel geschaffen, wie ihn die Elben haben. Und Legolas war der erste, der diesen Titel verliehen bekam. Er hat uns nach dem Ringkrieg und unseren gemeinsamen Reisen mit einer Gruppe Elben aus dem Düsterwald geholfen, Moria wieder bewohnenswert zu machen.“

„Dann müssen wir euch auch mal besuchen. Was meinst Du, Elrohir?“ „Na klar. Wir wollten euch ja sowieso in das Auenland begleiten. Dann machen wir einfach einen Abstecher nach Moria.“ „Ihr seid herzlich willkommen. Die Zwerge sind begierig, euch alles zu zeigen, was ihr sehen wollt, Pip.“

 

Eldarion hatte der Unterhaltung schweigend zugehört. Er war mit Essen beschäftigt und Legolas schlief auf dem untersten Ast und wachte erst auf, als es nach einer Stunde anfing kühler zu werden. Die anderen saßen noch unter dem Baum und hingen jeder seinen Gedanken nach.

Legolas richtete sich auf und rief Eldarion zu: „Hast Du noch Lust auf ein Wettschiessen oder willst Du zurück ins Schloss?“ „Ich hätte schon noch Lust, wenn Du nicht so müde aus der Wäsche gucken würdest.“ „Ach, solange brauchen wir ja nicht zu machen. Ich komme runter.“ Er stand auf und wollte schon vom Ast springen, als er anfing zu schwanken und gerade noch nach dem über ihm hängenden Ast greifen konnte. Ihn hatte ein Schwindel erfasst der nur langsam verging und so dauerte es eine Weile, bis er vom Baum kletterte.

„Was ist los, Legolas?“ fragte Elrohir besorgt.

„Nichts, ich bin im Moment etwas müde. Aber sonst ist alles ok.“ Mit diesen Worten griff er zu seinem Bogen und dem Köcher. Gemeinsam mit Gimli und Eldarion ging er zur nahe gelegenen Schießbahn, an deren Ende mehrere Zielscheiben aufgebaut waren.

 

„Na gut, dann gehe ich wieder zurück zu den anderen und schau mal, was Stellum so treibt, “ meinte Pippin fröhlich und schnappte sich das Tablett mit den leeren Gläsern und dem Krug. Bald darauf erhob sich auch Liran und folgte ihm, da er im Schloss noch einiges erledigen musste.

 

Frodo und die anderen Hobbits waren in der Zwischenzeit mit Stellum durch den vorderen Teil des Gartens spaziert und kehrten nun zu Eomer, Aragorn und Elladan zurück, die sich wirklich einige Bretter, Hammer und Nägel geschnappt und eine Hundehütte gezimmert hatten.

 

Plötzlich ertönte ein lauter Schrei aus der Richtung der Schießbahn. Alle im Garten Anwesenden rannten los.

 

5. Kapitel

 

Als sie an der Schießbahn ankamen, stockte ihnen allen der Atem:

Gimli lag am Ende der Bahn auf dem Boden, ein Pfeil steckte in seiner Brust. Elrohir und Eldarion waren bei ihm niedergekniet. Legolas war am anderen Ende zur Erde gesunken und hielt seinen Kopf in den Händen.

Da Aragorn sah, dass Elrohir sich um Gimli kümmerte, lief er gleich zu Legolas. Er versuchte, diesem die Hände vom Kopf zu ziehen, um in seine Augen schauen zu können, aber der Bogenschütze fing nun an, um sich zu schlagen und leicht zu wimmern. „Nein, lasst mich in Ruhe ihr Scheusale. Ihr jagt mir keine Angst mehr ein. Ich weiß mich gegen euch zu wehren.“ Das Wimmern wurde immer lauter, da nun auch die Hobbits näher an die zwei herantraten.

Eomer und Elladan waren zu dem Paar um Gimli geeilt. Sie halfen Eldarion, den Zwerg ins Schloss zu bringen und Elrohir lief hinter ihnen her. Aragorn schaute hoch. Er hatte erwartet, dass Elrohir wenigstens einen kurzen Blick auf Legolas werfen würde, da dieser offensichtlich auch litt.

Die Hobbits fragten besorgt: „Was ist mit Legolas?“ „Er halluziniert. Ich frage mich nur, woher das kommt. Soweit ich weiß, hat er in der letzten Zeit keine größeren Verletzungen gehabt.“ Pippin fiel ihm ins Wort: „Als ich vorhin mit ihnen zusammen waren, fing er kurze Zeit später heftig zu gähnen an und hat wie üblich in einem Baum geschlafen. Aber als er herunterklettern wollte, war ihm auf einmal schwindelig. Vielleicht kommen die Halluzinationen von demselben Grund wie der Schwindel.“ „Das kann schon sein, Pip. Aber jetzt kommt, wir wollen auch ihn versorgen.“

Mit diesem Worten erhob sich Aragorn, dem es inzwischen gelungen war, Legolas trotz seines Umsichschlagens hochzuheben und festzuhalten. Die Hobbits rannten hinter ihnen her ins Schloss.

 

Eldarion, Elladan und Eomer hatten Gimli auf Elrohirs Bett gelegt und sich schon um heißes Wasser und saubere Tücher gekümmert. Elrohir legte sich seine Instrumente zurecht und wusch sich die Hände.

Als Aragorn mit Legolas ins Zimmer trat, fauchte der Sohn Elronds seinen Stiefbruder an: „Bring diesen elenden Wicht aus meinem Raum! Erstens brauche ich zum Operieren Ruhe und zweitens interessiert es mich nicht, wie es diesem Verräter geht!“

„Kannst Du mir mal erklären, was hier los ist? Legolas ist doch auch Dein Freund!“ Aragorn wurde laut. „Seit wann hat sich denn Deine Ansicht geändert?“ Ein Stöhnen Gimlis ließ ihn innehalten.

„Ich gehe jetzt und kümmere mich um meinen einen Freund. Und danach sehe ich nach meinem anderen Freund, falls Du verstehst, was ich meine!“

Die Hobbits standen mit offenen Mündern an der Tür und wichen zurück, um Aragorn nicht ins Gehege zu kommen, als dieser aus dem Raum stürmte. Er hatte Legolas die ganze Zeit auf dem Arm gehabt. Dieser war ruhiger geworden und schien eingeschlafen zu sein.

Elrohir bat nun Elladan und Eomer, Gimli festzuhalten, damit er den Pfeil entfernen konnte. Gimli versuchte immer wieder sich aufzubäumen, wenn die Schmerzen zu stark wurden, aber bald umfing ihn eine gnädige Ohnmacht.

Eldarion war mit den Hobbits ins Nebenzimmer gegangen und warteten auf das Ende der Operation. Als Elladan ins Zimmer trat, blickten sie zu ihm hoch. „Wie geht es Gimli?“ „Den Umständen entsprechend. Aber könntest Du uns vielleicht mal erklären, geliebter Neffe, was dieser Auftritt von Elrohir und Aragorn vorhin sollte?“

Eldarions Augen füllten sich mit Tränen, es war so ein schöner Tag gewesen und jetzt war daraus ein richtig unglückseliger Tag geworden. Unter Schluchzen brachte er hervor: „Legolas hat den Pfeil abgeschossen.“

 

6. Kapitel

 

In Rohan waren Faramir, Haleth und die anderen Männer auf dem Weg zurück nach Edoras und der Goldenen Halle, als sie plötzlich von einer Bande Orks angegriffen wurden.

Sie brachen wie wilde Kreaturen, die sie ja auch waren, unter den Bäumen hervor und drangen mit hocherhobenen Waffen auf die Jagdgesellschaft ein. Die Rohirrim zogen sofort ihre Schwerter, aber schon waren die ersten von Orks umringt und der Kampf forderte die ersten Opfer unter den Menschen, dann aber auch unter den Orks.

Es waren immer weniger, die letzten Endes noch aufrecht standen, die meisten waren schon unter den kräftigen Schlägen der Männer aus Edoras gefallen. Ein großer, furchterregend aussehender Ork näherte sich plötzlich Faramirs Pferd von hinten und gab ihm einen Schlag mit seiner Waffe auf die Flanke. Das Pferd bäumte sich auf und raste los. Faramir vernahm noch Haleths erschreckten Schrei, bevor er sich darauf konzentrieren musste, nicht vom Pferd zu fallen. Verdammt, warum hatte er nicht ein zahmeres Pferd genommen. Dieses war erst kürzlich eingeritten worden und hatte noch einiges von der ursprünglichen Wildheit in sich. Reiß Dich zusammen und konzentrier Dich, dann schaffst Du es vielleicht irgendwann, dieses ungestüme Wesen zum Stillstand zu bringen. Sein Gedanke wurde schneller als erwartet erhört, als er auf einmal einen großen Baum mit weit ausladender Krone auf sich zukommen sah. Er konnte nur noch „Halt“ schreien, als er auch schon mitsamt dem Pferd gegen den Stamm prallte. Sein letzter Gedanke galt seiner Frau, bevor alles schwarz wurde.

 

 

Elrohir hatte sich seiner Aufgabe, Gimli am Leben zu erhalten, mit ganzer Aufmerksamkeit gewidmet und schließlich war es ihm gelungen, den Pfeil aus der Brust des Zwerges zu entfernen und die Wunde zu verbinden. „Ihr könnt ihn jetzt loslassen“, nickte er Eomer zu, der Gimli zur Sicherheit noch festgehalten hatte, falls dieser doch aus der Ohnmacht erwachen sollte. Elladan hatte Gimli schon früher losgelassen, um von seinem Neffen Auskunft über den Streit zwischen Elrohir und Aragorn zu bekommen.

Eomer, der Eldarions Worte durch die offene Tür mitbekommen hatte, fragte Elrohir auch noch einmal. „Stimmt das, was Eldarion da erzählt?“ „Wollt ihr andeuten, dass Eldarion lügt?“ „Nein, das ist nicht meine Absicht. Aber es klingt so unglaublich, das müsst ihr verstehen. So etwas hätte ich Legolas nie zugetraut.“ „Ich auch nicht. Aber so kann man sich täuschen.“ „Ich glaube es einfach nicht. Wieso sollte er Gimli töten wollen?“ „Ich weiß es nicht und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht. Wichtig für mich ist nur, dass Gimli lebt und das hoffentlich in Sicherheit. Ich werde ihn auf jeden Fall beschützen.“ „Braucht Ihr mich noch?“ „Nein danke, Eomer. Geht nur!“

 

Eomer ging und Elrohir setzte sich an Gimlis Bett und betrachtete den Zwerg mit einer stillen Zuneigung in seinen Augen. Was war eigentlich der wirkliche Grund für seine Reaktion gegenüber Aragorn gewesen? Bestimmt nicht nur Legolas Verhalten auf der Schießbahn. Dafür musste es eine rationelle Erklärung geben. Legolas würde nicht so ohne weiteres auf einen Freund schießen, dessen war sich Elrohir wohl bewusst. Dass es Liebe zu dem Zwerg war, ahnte er indes noch nicht. Er war sich seiner Gefühle gegenüber Gimli nicht im Klaren. Am Anfang hatte er den Zwerg in seiner Gesellschaft nur widerwillig akzeptiert. Später dann war daraus eine tiefe Bewunderung entstanden für die Fähigkeiten, die in Gimlis Volk seit Jahrhunderten gepflegt wurden und die während des Ringkrieges Frodo das Leben gerettet hatten, als die Gemeinschaft in Moria von dem Höhlentroll angegriffen wurde. Doch das hatte er bis jetzt noch niemandem erzählt.

 

Aragorn hatte Legolas in sein Zimmer gebracht und machte sich nun daran, den schlafenden Elb sorgfältig und zugleich vorsichtig zu untersuchen, um mögliche äußere Verletzungen auszuschließen. Der Bogenschütze hatte schon früher versucht, seine Wunden geheim zu halten, um andere nicht damit zu belästigen und manchmal war es fast zu spät gewesen. Auch dieses Mal fürchtete er um seinen Freund, doch er konnte nichts entdecken. Ein Klopfen an seiner Zimmertür schreckte ihn hoch. „Ja“, fragte er. Eomer steckte seinen Kopf ins Zimmer. „Kann ich Dich mal kurz stören, Aragorn?“ „Was gibt es?“ „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Es ist nicht so normal, dass man darüber so einfach weggehen könnte. Andererseits gibt es wahrscheinlich einen Grund dafür, dass man es doch irgendwie entschuldigen könnte...“ „Was ist? Für lange Ratespielchen habe ich keine Zeit, wie Du siehst.“ „Der Grund, wieso Elrohir so heftig reagiert hat, ist der, dass Legolas den Pfeil abgeschossen hat, der Gimli verwundete.“ „Was!?!? Sag das noch mal, bitte. Das kann doch wirklich nicht wahr sein.“ „Ist es aber leider. Ich fürchte, unser aller Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt werden, wenn Legolas und Gimli sich wieder das erste Mal gegenüberstehen.“

 

7. Kapitel

 

Während Eomer und Aragorn sich so an Legolas’ Bett unterhielten, säuberte Elrohir mit Hilfe von Elladan seine Instrumente und brachte die Tücher voller Blut in den Waschraum. Gimli war bisher noch nicht wieder erwacht und diese Nacht sollte die Entscheidung bringen, ob sich ein Wundfieber entwickeln würde oder nicht. Eldarion und die Hobbits waren nach diesem ereignisreichen Tag zu Bett gegangen. Vorher hatte es in Eldarions Zimmer ebenfalls noch einen kleinen Auftritt gegeben:

 

Pippin und Sam waren zusammen mit einem Diener in den Garten gegangen, um die Reste des Picknicks einzusammeln und die Waffen und Stellum mit sich zu nehmen. Der Diener war dann in die Küche geeilt, um das Geschirr zu säubern und Stellum zu versorgen und die zwei Halblinge hatten sich mit den Waffen auf den Weg zu Eldarion gemacht. Als Eldarion das Geschenk von Legolas –Pfeile, Köcher und Bogen- vor seinen Füßen liegen sah, nahm er es in einem Anflug von Ärger, stampfte darauf herum und warf die zerbrochenen Teile aus dem Fenster. Gimlis Schwert aber legte er auf eine Kommode und strich noch einmal sanft, fast zärtlich darüber. Pippin wagte nur vorsichtig zu fragen: „Glaubt Ihr, dass es für Legolas’ Verhalten nicht bestimmt einen Grund gibt? Warum tretet Ihr sein Geschenk mit Füßen?“ „Ich glaube nicht, dass man das, was geschehen ist, entschuldigen kann. Außerdem möchte ich diesen widerlichen Kerl nie mehr sehen, “ stieß er unter wütendem Schnauben hervor. Der kleine Pip erschrak sich regelrecht zu Tode und huschte schnell zur Tür hinaus. Draußen wartete Sam auf ihn, der diese Anklage teilweise mitbekommen hatte. Schnell liefen sie zu ihrem Zimmer und Merry verschloss die Tür hinter ihnen. Man konnte ja nie wissen. Heute waren Freunde zu Feinden geworden und neue Fronten hatten sich gebildet. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Aber davon ahnten die Bewohner Gondors noch nichts, als sie sich dem nächtlichen Schlummern hingaben....

 

 

Haleth war hinter Faramir hergaloppiert, die anderen Männer suchten ihre Waffen zusammen und versorgten ihre Wunden. Dann galoppierten auch sie los. Sie wollten nicht noch einmal das Opfer eines Überfalls werden. Bald trafen sie auf den Sohn Hamas, der sich um den am Boden liegenden Faramir kümmerte. „Es sieht nicht gut aus. Lasst uns eine Trage bauen und ihn nach Edoras zu seiner Frau bringen. Vielleicht kann Gandalf helfen.“

 

Als sie in Edoras ankamen, wurden sie mit lautem Jubel begrüßt. Fleisch war rar geworden in der Hauptstadt Rohans und diese Jagd sollte die Keller und Vorratskammern der Bewohner neu füllen. Darum hatten sich Männer der meisten Familien beteiligt und ihre Familien freuten sich nun, sie wieder zu sehen. Aber als sie den Zustand der Männer erkannten und zu ihrem Entsetzen feststellten, dass der angeheiratete Neffe des Königs auf einer Trage zwischen zwei Pferden lag, brach eine große Stille aus und man konnte einen kleinen Jungen in die Goldene Halle hineinrennen hören. Es war der Sohn Haleths, der ungeduldig die Rückkehr seines Vaters erwartet hatte und nun lief, um Eowyn und dem König von der Ankunft der Männer zu berichten. Haleth befahl den Männern, das Fleisch in die große Räucherkammer zu bringen und dann zu ihren Familien zu gehen. Er selbst hob Faramir von der Trage und trug ihn die Stufen hinauf in das Innere Meduselds. Eowyn kam ihm entgegen. Als sie ihren Mann erkannte, stürzte sie auf ihn zu und strich sanft über seine blutende Stirn. „Was ist geschehen?“ „Wir wurden von Orks angegriffen und sein Pferd ging mit ihm durch. Er prallte gegen einen Baum.“

„Kommt, wir wollen ihn in sein Bett bringen“, meinte Gandalf, der auch herangekommen war und Eowyn beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. „Dann können wir ihn untersuchen und sehen, wie es um ihn steht.“ Sie liefen den Gang hinunter zu den Gemächern der beiden und Haleth legte Faramir vorsichtig nieder. Er eilte davon, um Kräuter, heißes Wasser und Tücher zu holen, während Eowyn und Gandalf sich bemühten, Faramir zu entkleiden. Als eine Dienerin das Wasser brachte, säuberte Eowyn vorsichtig die Wunden ihres Mannes. Gandalf und Haleth unterhielten sich still und leise in einer Ecke des Zimmers. Eowyn hatte schon viele Wunden gesehen, aber diese Leichenblässe und das Blut, das aus seinen Ohren und seiner Nase strömte, ließen sie bis ins Mark hinein erbeben. „Gibt es noch Hoffnung?“ fragte sie, als Gandalf näher an das Bett herantrat. Haleth war verschwunden, er wollte kurz nach seiner Familie sehen und dann wiederkommen. „Hoffnung gibt es immer, Eowyn. Solange er noch atmet, soll man hoffen.“ „Nein, das kann nicht sein“, schluchzte sie. „Könnt Ihr denn gar nichts tun?“ „Wir müssen die Nacht abwarten. Der nächste Tag wird uns Klarheit bringen.“

 

Und so geschah es. Eowyn hatte die Nacht neben dem Bett ihres Mannes verbracht und Haleth und Gandalf wechselten sich bei den Untersuchungen des Verletzten ab.

Auf einmal bewegte sich Faramir leicht. Wo war er? Er sah das Gesicht seiner Frau, das sich langsam in sein Blickfeld schob und er hörte Gandalfs Stimme. „Er erwacht. Jetzt zeigt es sich, ob er es übersteht.“ Er fühlte eine Hand auf seinem Gesicht und er wollte etwas sagen, aber es ging nicht. Er war einfach glücklich, dass er noch einmal seine geliebte Frau sehen konnte. Dann wurde alles dunkel und er meinte, auf ein helles Licht zu zuschweben. Er versuchte ein letztes Mal die Augen zu öffnen, aber seine Lider waren bleischwer und er fühlte eine wohlige Wärme seinen Körper einhüllen. Er gab sich diesem Gefühl hin. Es war so schön. Dieses Gefühl wollte er für immer festhalten.

Ein tiefer Schmerz fuhr durch Eowyns Brust, als sie den Kampf ihres Mannes mit ansah. War alles vergeblich oder kehrte er zum Leben zurück? Sie schrie auf, als sie merkte, dass er für immer die Augen schloss. Faramir war tot.

 

8. Kapitel

 

Die Nacht in Gondor und der Weißen Stadt war recht ruhig verlaufen, sah man einmal von den Sorgen und Nöten im Königspalast ab.

 

Nicht nur Aragorn war deshalb am Morgen schon früh auf den Beinen. Er hatte am Abend noch einmal nach seinem Sohn sehen wollen, doch als er die Tür zu Eldarions Zimmer öffnete, konnte er schon den ruhigen Atem des Schlafenden hören und schloss die Tür vorsichtig. Als er wieder in Legolas’ Zimmer gehen wollte, kam ihm Liran entgegen, der ja schon früher ins Schloss zurückgekehrt war und von der Verwundung Gimlis und der Anschuldigung gegen Legolas offensichtlich noch nichts wusste. Aragorn hatte mit ihm die halbe Nacht an Legolas’ Bett gesessen. Dabei hatte er Liran über die Geschehnisse des Abends aufgeklärt und gleichzeitig seinen elbischen Freund im Auge behalten. Doch Legolas schien tief und fest zu schlafen.

 

Aragorn tat es gut, sich mit Liran über seine Probleme zu unterhalten, auch um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Dieser schien ebenfalls davon überzeugt, dass es eine logische Erklärung für das Verhalten des Bogenschützens geben musste. Aragorn meinte aber auch, ein kurzes schadenfrohes Grinsen auf Lirans Gesicht wahrnehmen zu können, als er ihm von Elrohirs Ausbruch und dessen Weigerung Legolas zu behandeln erzählte. Das verwunderte ihn. Doch Liran hatte das Gespräch schnell auf ein anderes Thema gelenkt und Aragorn wollte seinen langjährigen Freund durch eine derartige Frage nicht beleidigen. Schließlich zog sich Liran zurück und Aragorn ging in sein Zimmer, um sich wenigstens noch ein paar Stunden hinzulegen.

 

 

In einem anderen Krankenzimmer des Palastes waren Elrohir und Elladan damit beschäftigt, Gimlis Wunde erneut zu säubern und frisch zu verbinden. Gimli war in der Nacht erwacht und hatte versucht aufzustehen. Elrohir war in der Küche gewesen, um für einen Kräuteraufguss heißes Wasser zu machen und Elladan war einen Moment eingenickt. Der Zwerg schaffte es jedoch nicht und fiel mit einem Schmerzenschrei zurück aufs Bett. Anscheinend war ihm die Erinnerung an den vergangenen Abend durch die tiefe Ohnmacht im ersten wachen Moment verloren gegangen. Er tastete vorsichtig nach seiner Wunde. Sie musste sich wieder geöffnet haben, denn als er die Hand zurückzog, waren seine Fingerspitzen blutig. Elladan war durch den Schrei aufgeweckt worden und bestätigte seine Vermutungen. Als Elrohir aus der Küche zurückkam, hielt er sich vor Schreck am Türrahmen fest. Sein Zwilling stand mit dem blutigen Verband in den Händen da und Gimli war weiß wie das Laken, auf dem er lag. Mit einem Satz war er neben dem Bett seines geliebten Zwergs und versuchte, die Blutung zu stillen. Es gelang ihm, aber er war wütend auf seinen Bruder. Wie hatte er es nur zulassen können, dass Gimli sich bewegte? Hatte er denn gar nichts von ihrem Vater gelernt? Nur mühsam gelang es Elrohir, seinen Bruder nicht anzubrüllen.  Das Aufbrechen der Wunde hatte den schon begonnenen Heilungsprozess unterbrochen. Es konnte immer noch ein Wundfieber einsetzen und das Leben Gimlis erneut in Gefahr bringen. „Hoffen wir, dass es nicht zum Äußersten kommt!“ dachte Elrohir.