Titel: Lost Boys: Joining the unit
Autor: Lady Charena
Fandom: The A-Team

Pairung: POV Murdock, Billy, Lynch, [Face, Hannibal, B.A.]
Rating: pre-series (a/u) / R – suicide(attempt), h/c

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: 1972 - kurz nach der Flucht der drei aus Fort Bragg. Murdock erhält im Krankenhaus Besuch von Colonel Lynch, der seinen Hass gegen das schwächste Mitglied der Einheit richtet.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by Nelly Furtado / Status Quo. / Duran Duran

 

 

…Traveling I only stop at exits
Wondering if I'll stay
I want to pull away when the dream dies
And the pain sets in and I don't cry
I only feel gravity and I wonder why…
(Nelly Furtado “All good things end”)

 

 

„I can’t leave. My unit is down there. You have to stay with your unit.” Murdock (Children of Jamestown – 03/1)

 

 

Besuch? Ich habe Besuch? Die Schwester lächelt, als sie mir die Nachricht überbringt, aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Niemand besucht mich, abgesehen von Hannibal oder Face – doch keiner der beiden würde sich anmelden - und diesem Colonel Lynch.

 

Nun, ist das nicht witzig? Ein ganzes Krankenhaus voll Irrer und gerade Lynch lassen sie hier ein und aus spazieren. Wenn ich jemals einen Mann gesehen habe, der in eine Gummizelle gehört, dann er. Und ich habe in den letzten Monaten mehr als genug davon gesehen. Er scheint von der Idee besessen, dass ausgerechnet ich weiß, wo sich der Colonel und die anderen aufhalten. Ich? Mann, sie haben mich nicht grundlos hier eingesperrt. Ich bin verrückt, das habe ich schriftlich. Und wer würde einem Verrückten anvertrauen, wo er sich auf der Flucht vor der MP versteckt?

 

Das Lächeln der Schwester ist verschwunden, sie starrt mich jetzt misstrauisch an. Ich muss es wieder getan haben. Die Leute bekommen diesen merkwürdigen Blick, wenn ich wieder einmal den Kontakt zur Realität verliere und irgendwo in meinem Kopf ein Schalter auf „Null“ klickt. Ich bemerke es selbst nicht einmal – nur an diesem Blick.

 

Mir ist kalt und am liebsten würde ich mich in mein Bett legen und die Decke über meinen Kopf ziehen. Irgendwann werden sie dann schon weggehen und mich alleine lassen. Es ist alles so viel einfacher, wenn sie mich in Ruhe lassen. Statt dessen lächle ich ihr freundlich zu und folge ihr.

 

Etwas warmes, weiches stupst mein Bein an, als ich auf den Flur trete und als ich nach unten sehe, sitzt Billy neben mir. Er wedelt mit dem Schwanz und stupst mich erneut mit seiner feuchten Schnauze an, drängt mich zum Weitergehen. Ich bücke mich zu ihm hinunter und würde ihn gerne hinter den Ohren kraulen, das hat er am liebsten. Aber es ist unmöglich, eingeschnürt in eine Zwangsjacke. Sie lassen mich nur noch so aus meinem Zimmer, nachdem ich einem Pfleger die Nase gebrochen habe. Ich weiß nicht mehr, warum...

 

Was würde ich ohne Billy nur tun. Face hat ihn mir geschickt. Er sagte, Billy würde ein festes Zuhause brauchen und jemand, der sich immer um ihn kümmern konnte. Solange sie auf der Flucht vor der Army seien, wäre Billy im Krankenhaus besser aufgehoben, meinte er. Ich frage mich, wer jetzt Nachts bei Face ist, wenn er Alpträume hat. Vielleicht der Colonel. Und B.A. konnte Billy ohnehin nie leiden.

 

Billy bellt und stupst mich erneut und ich merke, dass die Schwester am Ende des Flures auf mich wartet, neben dem Fahrstuhl. Sie sieht mich böse an, als ich zu ihr trete und die Fahrstuhltür mit der Schulter noch einen Moment länger aufhalte, damit Billy mit in die Kabine kann. Vielleicht darf ich heute Nachmittag in den Park, dann können Billy und ich dort Frisbee spielen. Ein Hund braucht viel Bewegung. Ich bin gerne im Park und in der Sonne. Der Colonel hat gesagt, ich solle rasch gesund werden. Eines Tages würden sie mich hier herausholen. Ich bin immer noch ein Mitglied des Team, aber ich frage mich, ob ich noch ihr Pilot sein darf. All die Medikamente, die sie mir hier geben...

 

Das Besucherzimmer ist eines der langweiligsten Räume im ganzen Krankenhaus. Die Wände sind grau, die Decke ist grau, die Möbel sind grau. Es ist fast, als käme man in einen mit Rauch oder Nebel gefüllten Raum.

 

Es ist Lynch. Billy schubst mich weiter, ansonsten würde ich entweder hier an der Tür stehen bleiben oder mich umdrehen und gehen. Ich habe seine ständigen Fragen und kaum verhohlenen Drohungen so satt. Ich bin in einer Irrenanstalt, was denkt der Mann, was er mir noch antun kann? Nein, nein, dass er hier ist, ist nur ein Zeichen, dass er keine Ahnung hat, wo der Colonel ist. Und wenn ich einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass es dabei bleibt, indem ich ihn noch mehr verwirre, dann würde ich auch in Kauf nehmen, dass er jeden Tag hier auftaucht.

 

Außerdem, wenn es mir zu viel wird, überlasse ich einfach den Stimmen in meinem Kopf die Unterhaltung mit Lynch und gehe dahin, wohin mir niemand folgen kann.

 

Obwohl ich etwas lästig finde, dass ich nach solchen „Aussetzern“ immer an mein Bett gefesselt aufwache. Meine Handgelenke sind noch wund vom letzten Mal. Billy versuchte die Fesseln durch zu beißen, aber ich hatte Angst, er könne sich verletzen.

 

Lynch starrt mich an und sein Blick erinnert mich an den der Krankenschwester – abgesehen von dem Hass, der in seinen Augen steht. „Hinsetzen!“, befielt er knapp.

 

Ich denke, alleine um ihn zu ärgern, könnte ich mich auf den Tisch stellen, anstatt mich auf den Stuhl zu setzen. Es bringt ihn aus der Fassung, wenn ich auf ihn herab sehe. Aber bevor ich mich entschieden habe, taucht ein Pfleger auf und zerrt mich zu einem Stuhl.

 

Lynch nickt ihm zu. „Bitte lassen Sie mich mit Captain Murdock alleine“, sagt er ohne zu ihm aufzusehen. „Ich komme ab jetzt schon alleine mit ihm klar.“

 

Etwas in seinem Gesicht ist anders und das beunruhigt mich. Er sieht so... zufrieden drein. Als wäre er nur hier, um mir einen Gefallen zu tun, und nicht in der Hoffnung, Information aus mir heraus zu pressen, die ich nicht habe. Ich leide unter periodisch auftretendem Gedächtnisverlust. Hat ihm das niemand gesagt?

 

„Nun, wie geht es Ihnen?“, fragt er mit einer Jovialität, wie ich sie selten schlechter gespielt gesehen habe. Etwas brennt ihm unter den Nägeln. Also schweige ich, um ihm Gelegenheit zu geben, es los zu werden. „Gut, dann lassen wir die Förmlichkeiten. Ich bin nur gekommen, um mich zu verabschieden, Captain. Und um Ihnen die Nachricht persönlich zu überbringen.“

 

Er wartet erneut auf meine Reaktion, doch ich sehe ihn nicht an, sondern statt dessen Billy, der mit seinen klugen Augen zu mir aufsieht. Seine Ohren zucken. Das bedeutet, dass er nervös ist. Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut. Wenn Billy nervös ist, heißt das, die Nachricht von der Lynch spricht, ist schlecht.

 

Ich will es nicht hören, ich will nicht, ich will nicht... Wenn ich nicht in dieser Jacke stecken würde, könnte ich mir die Ohren zuhalten.

 

Lynch lächelt.

 

„Billy. Billy. Billy-Billy-Billy...“ Ich flüstere seinen Namen vor mich hin, wie einen magischen Schutzbann, wie ein Mantra, versuche mich daran festzuhalten. “Billy. Billy-Billy-Bi...“ Versuche Lynch Stimme auszublenden.

 

“Ich habe das A-Team aufgestöbert, Murdock. Aber Ihre Freunde waren nicht so klug, auf zu geben, als sie noch die Chance dazu hatten.“ Lynch steht auf, stützt die Handflächen auf den Tisch, beugt sich vor.

 

Billy winselt leise, er legt die Vorderpfoten auf mein Bein, richtet sich auf und presst mir seine Schnauze in den Bauch. Ich lasse mich nach vorne fallen, drücke mein Gesicht in sein weiches, warmes Fell.

 

„Sie sind alle im Kreuzfeuer umgekommen, Captain Murdock. Es gibt kein A-Team mehr. Diese Schande ist ein für alle Mal ausgelöscht.“

 

Nein-nein-nein-nein. Ich glaube es nicht. Lynch lügt. Hannibal würde niemals... er würde es nie soweit kommen lassen. Nein. Er findet immer einen Ausweg. Und Face. B.A. Sie haben mir doch versprochen, mich hier heraus zu holen. Sie können mich doch nicht alleine lassen!

 

Ich drücke mein Gesicht tiefer in Billys Fell, Lynch wird mich nicht weinen sehen.

 

Es ist alles eine Lüge.

 

Sie lassen mich niemals allein.

 

Mir ist so kalt. Billy...

 

* * *

 

Wieder einmal werde ich wach und Gurte schneiden in meine Handgelenke. Billy winselt leise und als ich den Kopf zur Seite drehe, sehe ich ihn auf dem Boden sitzen. Er mag die Fesseln nicht. „Hey, Billy.“ Sofort legt er den Kopf auf das Bett, neben meine Hand. Ich summe ein Lied für uns, und Billy wird ruhiger. Er seufzt und schließt die Augen.

 

Ich... frage mich, was passiert ist. Das letzte, woran ich mich erinnere... Lynch. Er sagte... Nein, ich glaube ihm nicht. Trotzdem tut es weh. Oh, es tut so weh. Der Schmerz ist schlimmer als damals, als ich angeschossen wurde. Wozu bekommt man eigentlich Gedächtnisverlust, wenn man sich an so etwas hinterher immer noch erinnert...

 

Ein Pfleger kommt und macht die Gurte ab. Er achtet nicht auf Billy und tritt ihm auf den Schwanz. Billy winselt leise und ich streichle seinen Kopf. Hannibal lässt uns nicht im Stich, ich weiß es einfach. Und Face hat mir versprochen, immer da zu sein. Und er braucht mich doch, wenn die Träume kommen. Und wenn soll B.A. anknurren, wenn... Sie können einfach nicht tot sein.

 

Ich drehe mich auf die Seite, ziehe die Decke bis unters Kinn hoch. Billy kriecht darunter und kuschelt sich an mich. Er ist warm und weich und ich lege meinen Kopf auf seinen Rücken. Ich bin müde, so müde...

 

* * *

 

 

…your finger's on the trigger but it don't seem right
Night is falling and you just can't see
Is this illusion or reality…
(Status Quo “In the army now”)

 

 

Ich weiß nicht, wie viel Zeit seit Lynchs Besuch vergangen ist. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Stunden, keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Das einzige, das eine Art von Rhythmus zu haben scheint, ist das Auftauchen der Pfleger und Schwestern, das Austeilen des Essens und der Medikamente.

 

Ich bin jetzt immer sehr müde. Ich denke, es liegt an diesen neuen Pillen, die sie mir geben. Es sind so viele, dass ich manchmal glaube, ich würde wie eine Babyrassel klingen, sollte man mich schütteln. Billy und ich gehen nicht mehr in den Park und ich habe auch keine Lust zu lesen. Sie haben versucht, mich zu zwingen, zur Therapie zu gehen, doch ich habe nichts, über das ich reden will. Nein, ich kann niemandem erzählen, dass die einzigen Menschen, die ich auf dieser Welt noch hatte, tot sind. Es laut auszusprechen könnte es wahr machen.

 

Es muss Abend sein. Oder Nacht. Auf dem Flur sind nur noch selten Schritte zu hören. Irgendwo spielt Musik, vielleicht im Schwesternzimmer am anderen Ende des Korridors.

 

Billys leises Winseln holt mich aus Träumen zurück, die ich vergessen habe, kaum schlage ich die Augen wieder auf. Ich setze mich auf – keine Fesseln diesmal, aber es fällt mir schwer, mich zu bewegen, meine Arme und Beine sind wie aus Blei.

 

Jetzt ist Billy aufgestanden, hat seinen Platz vor meinem Bett verlassen und steht an der Tür. Jemand kommt. Er wedelt mit dem Schwanz, das ist ein gutes Zeichen. Jemand, den wir kennen. Aber ich möchte keinen Besuch mehr haben. Ich möchte alleine sein, bis es aufhört, weh zu tun.

 

Bevor sich die Tür öffnet, lege ich mich wieder hin, drehe mein Gesicht der Wand zu.

 

„Hallo, Murdock.“

 

Billy gibt ein freundliches Begrüßungskläffen von sich, als er die Stimme erkennt, aber ich wage nicht, mich umzudrehen. Wenn ich es tue, dann geht etwas in mir endgültig in die Brüche. Noch sind die Risse in meiner Seele nicht zu tief. Oder vielleicht bin ich schon zu lange zerbrochen, um mich noch daran zu erinnern...

 

Jemand setzt sich auf die Bettkante, eine Hand legt sich auf meine Schulter, streicht mir übers Haar. „Hey, Murdock. Ich bin es. Willst du mich nicht ansehen?“

 

Nein! Ich bin sicher, ich habe das Wort laut hinausgeschrieen. Nein. Ich kann es nicht. Geh weg! Du bist tot! Ich rücke enger zur Wand, weg von der Berührung.

 

Nach einer langen Pause spricht die Stimme wieder zu mir. „Es tut mir leid, das wir dich nicht früher besuchen konnten. Lynch lässt das Krankenhaus überwachen. Ich musste mir die Uniform eines MP... ähem... ausborgen, um hier herein zu kommen. Man glaubt nicht, was die Leute so alles in ihrem Wagen liegen lassen. Frischgewaschen und fast meine Größe. Ja, also... wir haben dich nicht vergessen, Murdock. In ein paar Tagen ist es sicher besser, dann wird Hannibal vorbeikommen. Du weißt, wie er ist.“ Lachen. „Er würde am liebsten in irgendeiner seiner Verkleidungen zur Vordertür hereinspazieren und dabei Lynch ins Gesicht lachen. B.A. knurrt und brummt noch mehr als sonst, er gibt es nicht zu, aber er vermisst dich und eure Zankerein. Wenn er nicht so auffallen würde, könnte er dich auch besuchen kommen. Aber er würde hier mehr herausstechen, als eine Fliege auf einer Hochzeitstorte.“

 

Ich wage nicht, etwas zu sagen – wage kaum, zu atmen. Es muss ein Trick sein, nur eine weitere der Stimmen in meinem Kopf und ich habe Angst davor, mich umzudrehen und den leeren Raum zu sehen.

 

„Okay, ich schätze, das ist keine gute Zeit für einen Besuch. Du bist wohl sehr müde.“

 

Wieder Schweigen. Ich höre die Resignation darin.

 

„Murdock? Hör’ mir bitte zu. Du wirst nicht mehr lange hier drin sein. Der Colonel hat mich geschickt, um dir zu sagen, dass du ein Mitglied unserer Einheit bist und wir dich brauchen. Hannibal wird eine Möglichkeit finden, dich zu uns zu holen. Sobald es dir besser geht. Hörst du mir zu? Wir holen dich zu uns. Bald.“

 

Wieder eine Pause. Eine Hand, die meine Schulter drückt. Die Berührung ist eiskalt. Dann stimmt es also, dass der Tod kalt ist. Ich erinnere mich, dass jemand das in ’Nam gesagt hat. Die Toten sind kalt.

 

„Ich gehe dann besser. Mach’ dir keine Sorgen um uns, ja? Ich oder Hannibal werden bald wieder nach dir sehen.“

 

Ich höre nicht, dass er geht, aber Billy kläfft noch einmal. Und dann ist es nur noch still.

 

Später spüre ich seine Schnauze, die mich in den Rücken stupst. Ich drehe mich zu Billy um und seine Augen mustern mich leicht vorwurfsvoll. Was weiß er, das ich nicht weiß?

 

Der Raum ist leer. Vielleicht habe ich nur geträumt und Face war überhaupt nicht hier. Wie könnte er hier gewesen sein, er ist doch tot.

 

Aber er hat gesagt, der Colonel hat ihn geschickt.

 

Ich erinnere mich, dass ein paar der anderen Piloten behauptet haben, an manchen Tagen in ihren Hueys nicht nur Verletzte und Tote, sondern auch Geister transportiert zu haben. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Geist gesehen habe. Aber ich erinnere mich, dass ich an manchen Tagen dachte, wir wären alle schon längst tot. Und wenn der Dschungel und die Sümpfe auch keine Ähnlichkeit mit der biblischen Hölle hatten, von der mir meine Großmutter als Kind erzählte, so schien es doch genau dieser Ort zu sein, an dem wir gelandet waren.

 

Der Colonel hat Face zu mir geschickt. Zu mir. Um mir zu sagen, dass sie mich brauchen. Wozu braucht ein Toter einen geistesgestörten Piloten?

 

Du bist ein Mitglied unserer Einheit.

 

Ja, jetzt verstehe ich. Hannibal lässt nie einen Mann zurück, der unter seinem Kommando steht. Und er hat Face vorgeschickt, damit ich mich darauf vorbereiten kann. Auf den Tod. Das muss es sein. Ob ich wohl Billy mitnehmen darf, wo immer wir auch hingehen? Ich werde den Colonel fragen.

 

Wie lange es wohl dauern wird, bis sie mich holen? Ich will nicht alleine sein, kein atmender Geist unter all den Lebenden. Aber ich weiß, es gibt einen Weg. Wenn ich mich beeile, kann ich Face vielleicht noch einholen und wir gehen gemeinsam von hier weg. Der Colonel wird verstehen, dass ich nicht mehr länger warten kann, auch wenn ich eine Standpauke wegen meiner Ungeduld erwarte. Hannibal mag es nicht, wenn man sich nicht an seinen Plan hält.

 

Meine Arme und Beine sind noch immer bleischwer, als ich aufstehe. Billy schnappt nach meiner Hose – ich bin nicht sicher, ob er versucht, mich aufzuhalten oder ob er mich ermuntert. Ich bücke mich, um ihn zu streicheln. Ich werde dich nicht im Stich lassen, mein Freund, verspreche ich ihm.

 

Billy setzt sich hin und sieht mich an. Seine Ohren zucken unruhig.

 

Es ist ganz einfach. Ich weiß, was ich tun muss. Ich habe es schon einmal getan. Nach Dan Hoi, nach der Befreiung aus Ho Chi Min’s Konzentrationslager. Allerdings weiß ich nicht mehr, warum ich es getan habe... nur dass da Schmerzen waren, die nicht mehr weggehen wollten. Die Erinnerungen sind wie ein dunkler Fleck in meinem Kopf, aber ich habe Angst, daran zu rühren. Ich will es nicht wissen. Kurz bevor sie verhaftet wurden und ich hierher kam, hat der Colonel mir gesagt, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsse. Er würde sich für uns beide erinnern. Ich weiß nicht ganz sicher, was er damit meinte, aber ich vertraue Hannibal.

 

Das Problem ist nur das ‚Wie’...

 

Billy knurrt, aber ich kann mich jetzt nicht um ihn kümmern. Er wird einsehen, dass ich zu meiner Einheit muss. Sicher lässt mich Hannibal ihn behalten, wenn ich ihm erkläre, wie gut Billy zu mir und Face in Dan Hoi war. Er hat auf uns aufgepasst. Während ich mich weiter umsehe, summe ich einen der Westernsongs, die ich für Face immer gesungen habe, wenn sie ihn zurückbrachten. Wir haben über die Filme gesprochen und dass wir Cowboys sein wollten, als Jungs. Oder war ich es, der zurückgebracht wurde? Von wo? Was war mit mir passiert?

 

Ich vergesse fast, was ich gerade mache, als ich darüber nachgrüble. Aber dann sehe ich mich selbst im Spiegel und ich weiß plötzlich, was ich tun werde. Der Spiegel ist kühl und glatt unter meiner Handfläche.

 

Billy winselt und drückt sich an meine Beine, als ich die Hand zurückziehe, die Finger zur Faust balle und mit aller Kraft gegen den Spiegel schlage. Er explodiert förmlich, Splitter fliegen durch die Luft, ich spüre, wie einer davon meine Wange streift.

 

Meine Hand blutet, aber es tut nicht weh – alles was ich fühle, ist ein Brennen, als wäre ich zu nahe an eine offene Flamme geraten. Ich gehe rückwärts und wäre fast über Billy gestolpert, der inmitten der Spiegelscherben steht. Ich hoffe, er verletzt sich nicht daran und mache mir Vorwürfe, Billy nicht vorher in die andere Ecke des Raumes geschickt zu haben. Hundepfoten sind sehr empfindlich. Geh weg, sage ich zu ihm, doch er hört nicht auf mich.

 

Ich nehme eine der größeren Scherben vom Boden auf, halte sie in der linken Hand. Sofort spüre ich auch hier dieses Brennen. Ich glaube, das ist ein gutes Gefühl, es vertreibt die Kälte aus mir. Ich drücke die Scherbe ein wenig fester und das Brennen wird stärker. Es ist, als würde ich meine Hände in heißes Wasser tauchen, ganz langsam, so dass jeder neue Zentimeter einen neuen Schock verursacht und es nicht auf einmal vorbei ist. Man kann sich so nicht an den Schmerz gewöhnen, denn in dem Moment, in dem er ein wenig nachlassen würde, weil die Nerven überreizt sind, gleitet man wieder ein wenig tiefer.

 

Es passiert fast wie von selbst. Als ahnt mein Körper, was ich vorhabe, und er heißt es gut, in dem er sich nicht sträubt. Ich sehe fasziniert wie sich die Haut an meinem rechten Unterarm öffnet, wie Blut daraus hervorströmt, als ich die Spitze der Scherbe nahe dem Ellbogen ansetze und nach unten ziehe.

 

Die Glasscherbe ist zu glitschig von meinem Blut und ich kann sie nicht festhalten. Sie fällt auf den Boden und schickt silberne Spritzer in alle Richtungen, als sie zerplatzt.

 

Fast im gleichen Moment kommt der Schmerz. Und dann die Dunkelheit.

 

* * *

 

…in a sore afraid new world
they tried to break us,
looks like they'll try again
Wild boys never lose it…

 

Stimmen. Irgendwo in meiner Nähe. Eine davon klingt vertraut, doch ich finde kein Gesicht.

 

„...wie es meinem Neffen geht...“

 

Ich habe keinen Onkel. Zumindest keinen, der...

 

Ich glaube nicht, dass ich es geschafft habe. Und als ich die Augen endlich öffnen kann, weiß ich es. Das ist mein Zimmer. Die Schmerzen sind weg, aber mein Kopf fühlt sich an, als wäre er mit weißen Wolken gefüllt.

 

Wolken... Fliege ich?

 

Nein. Nein, das ist kein Cockpit. Ich liege. Ich liege in meinem Bett. „Billy?“

 

„Wer ist Billy?“, fragt eine Frau in meiner Nähe misstrauisch. „Sie sagten doch eben, Sie seien sein Onkel George.“

 

„Billy ist ein alter Freund von meinem Neffen“, sagt die andere Stimme, die mir so vertraut ist. „Er ist sicher noch ein wenig verwirrt. Vielleicht darf ich ein paar Minuten mit ihm alleine sein?“

 

Ein Gesicht schiebt sich in mein Blickfeld. Hannibal. Und ich erinnere mich wieder, Face hat „Onkel George“ erfunden, damit der Colonel mich besuchen kann. Ich bin der Lieblingsneffe meines Onkel George. Das ist ein komischer Gedanke. Wenn ich mir einen Vater hätte aussuchen dürfen, dann hätte er so sein müssen, wie Hannibal. Und jetzt ist er mein Onkel. Das ist wirklich komisch. Das Lachen blubbert aus mir heraus.

 

Der Colonel beugt sich über mich. Er sieht mich merkwürdig an. Aber er scheint nicht wütend auf mich zu sein. „Es wird alles in Ordnung kommen, Murdock“, sagt er leise. „Die Ärztin hat gesagt, das es dir bald besser geht.“

 

Aber mich beschäftigt etwas ganz anderes. Wenn er ein Geist ist, genau wie Face, wie kommt es dann, dass die Ärztin ihn sehen konnte. Es würde bedeuten... Ich starre auf die Wand zu meinen Füßen.

 

Nein.

 

Es bedeutet, Hannibal ist nicht tot.

 

Face ist nicht tot.

 

B.A. ist nicht tot.

 

Sie haben mich nicht allein gelassen. Ich bin nicht allein. Die Erleichterung hinterlässt mich leer und wund. Zwei Hände um mein Gesicht, drehen meinen Kopf zurück. Colonel? „Colonel.“

 

Hannibal lächelt. „Ja, Murdock. Wir werden uns über... über das hier.. unterhalten, Captain. Aber erst wenn es dir besser geht. Du hörst mir zu?“

 

Ich nicke. Irgendetwas... ist mit seinen Augen nicht... sie sind ganz grau. Aber etwas anderes ist wichtiger. Ich muss ihn warnen. „Lynch...“

 

„Ich weiß, Murdock. Mach’ dir darüber keine Sorgen. Er wurde heute morgen nach Fort Bragg zurückgerufen.“

 

Nein. Es hat Zeit, ihm von Lynchs Lügen zu erzählen. Seine Hände liegen jetzt auf meinen Schultern, drücken mich zurück, als ich versuche, mich aufzurichten. Es wäre ohnehin nicht möglich gewesen, die Gurte sind zurück. Ich kann sehen, dass Hannibal sie auch sieht. Sein Gesicht verändert sich, scheint plötzlich mehr Falten zu haben. Dann lässt er mich los und öffnet die Gurte.

 

„Besser, Murdock?“ Er nimmt meine Hand, als ich nach ihm greife und drückt sie.

 

Versteht er, dass ich zum ersten Mal wieder etwas fühle? Wieder am Leben bin?

 

„Man hat mir gesagt, du musst ganz ruhig liegen bleiben. Als du das Bewusstsein verloren hast, bist du in die Scherben gefallen. Überall sind Schnitte. Du bist noch sehr schwach, aber sie konnten nicht mehr Blut auftreiben, du weißt, wie selten deine Blutgruppe ist – aber du wirst das durchstehen. Verstanden, Captain? Das ist ein Befehl.“

 

Yes, Sirree! „Ja, Colonel.“ Der erste Befehl, den ich von einem Mann bekomme, der dabei meine Hand hält. Es ist alles so absurd... Ich bin wieder müde. „...schlafen...“

 

„Ja, Murdock. Geh’ schlafen. Onkel George wird wiederkommen, so bald es geht – das verspreche ich.“

 

Ein letzter Druck meiner Finger, ein leichter Klaps auf meine Schulter und dann ist er weg. Das Licht ist so grell und ich darf endlich die Augen schließen.

 

Sie leben.

 

Ich bin nicht allein.

 

Was immer dieses „ich“ auch ist...

 

Billy winselt leise und kriecht unter meine Decke. Er ist warm und weich und riecht gut. Er passt auf mich auf, bis ich wieder bei meiner Einheit bin.

 

Ende