Wer ist Ianto Jones? Part 6: White Flag
(begonnen Mai 2012, weitergeschrieben Januar 2017)

Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Team erwähnt, Lisa Hallett erwähnt
Pairing: [Ianto/Lisa]
Rating: A/U, pre-series, pg12
Worte: 4260

Summe: Ianto ist am Ende seiner Kraft, und so gelingt es Jack, ihn zu überzeugen, ihm die Wahrheit zu sagen. (Fortsetzung zu: „Undercover Jones“, „Like Rats in his Stomach“ und „Wer ist Ianto Jones?“ Part 1 bis 5)

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Ianto strich zum wiederholten Male die Plastiktüte glatt, die er gedankenlos zu einem kleinen Quadrat ge- und dann entfaltet hatte. An und für sich war die Tüte bedeutungslos. Sie trug nur die Aufschrift eines Kaufhauses. Und hatte einen kompletten Satz Kleidung für ihn beinhaltet. Schwarze Socken, graue enganliegende Boxershorts, ein weißes T-Shirt, Jeans und ein dunkelblauer Pullover.

Er fragte sich, wer die Sachen ausgesucht hatte.

Miss Costello? Miss Sato?

Jemand hatte sich die Mühe gemacht, nachzusehen welche Größen er trug und das sprach eigentlich nicht für Suzie. Die Waffenexpertin kümmerte sich um Nichts anderes als um ihre Arbeit. Sie würde sich vermutlich auch kaum auf eine Einkaufstour schicken lassen.

Also doch Toshiko? Sie würde auf ein Detail wie passende Größen achten, doch warum sollte sie umständlich neue Kleidung kaufen? Zumal sie wusste, dass er Kleidung zum Wechseln im Hub aufbewahrte. Und die war um einiges hochwertiger, als die billige Massenware, die er jetzt trug. Kona hatte ihm nicht erlaubt, andere persönliche Dinge als ein paar Kleidungsstücke mit nach Cardiff zu nehmen. Der Rest seiner und Lisas Habseligkeiten blieb eingelagert. Schließlich sollte er sich hier nicht tatsächlich heimisch niederlassen. Nein, auch nicht Toshiko.

Captain Harkness? Unwahrscheinlich. Jacks Geschmack schien exotischer. Oder konservativer, um genau zu sein, betrachtete man seinem 40ziger/50ziger Jahre Look. Hosenträger und Stofftaschentücher inklusive. Andererseits wurde so etwas ja als zeitlos erachtet und Ianto wusste das durchaus zu schätzen. Er hielt es mit seinen Anzügen auch eher mit den klassischen Materialien und Schnitten.

Damit blieb Harper. Es sah so aus, als verdanke er seine neue Kleidung dem Team-Arzt. Vermutlich nicht aus purer Nächstenliebe, auch wenn er die Geste zu schätzen wusste, sondern weil ihn Jack damit beauftragt hatte. Er traute Owen auch zu, einfach etwas neues zu kaufen, anstatt in seinem Spind nachzusehen.

Ianto hatte das Gefühl, nun… dass ihm leichter gemacht werden sollte, hier im Hub zu bleiben, anstatt nach Hause zu dürfen. Sein gesundheitlicher Zustand rechtfertigte es wohl kaum, ihn praktisch unter Hausarrest zu stellen. Zumal er nicht mehr wirklich behandelt wurde, nur noch ein paar Medikamente schlucken musste. Allerdings wurde ihm auch noch nicht erlaubt, an die Arbeit zu gehen.

Der Arzt hatte kaum ein Wort mit ihm gewechselt oder von sich aus eine Erklärung für sein Verhalten angeboten. Ianto hatte weitere Untersuchungen erwartet, als die Tür aufging und Owen eintrat, aber stattdessen warf Harper ihm ein Handtuch zu und sagte ihm, er könne jetzt duschen gehen, wenn er wolle. Überrascht folgte Ianto ihm in den Bereich des Hubs, in dem sich Umkleideräume und eine große Gemeinschaftsdusche befanden. Harper zeigte auf eine Tüte auf einer Bank - verkündete, er würde vor der Tür warten – und riet ihm, sich möglichst nicht nach der Seife zu bücken. Dann ließ er Ianto alleine.

Nun, so allein man in einem Raum mit mindestens einer Kamera sein konnte. Er hatte bereits einen großen Teil der Baupläne – soweit vorhanden – verinnerlicht. Obwohl er am kürzesten im Hub war, schien er sich dort inzwischen besser auszukennen als der Rest seiner Kollegen – Captain Harkness ausgeschlossen. Jack wohnte ja sogar hier.

Ianto legte das Handtuch über die hüfthohe Trennwand zwischen zwei Duschköpfen und zog sich dort aus. Die Seife aus dem Spender an der Wand roch medizinisch, aber sie machte sauber. Er wusch sich die Haare zweimal und blieb unter der Dusche bis das Wasser anfing, kühler zu werden. Die Boileranlage des Hubs war uralt. Und als er sich in das kratzige Handtuch gewickelt hatte, fühlte Ianto sich tatsächlich besser, wenn er auch in der kalten Luft des Raumes sofort fror. Deshalb verschwendete er keine Zeit, die frische Kleidung anzuziehen. Er steckte was er zuvor getragen hatte, in die Tüte, sammelte die Plastikverpackungen der Kleidungsstücke auf und verließ den Raum.

Tatsächlich stand Harper vor der Tür, um ihn zurück zu begleiten. Es erinnerte ihn sehr an seine erste Zeit in dem UNIT Gefängnis, in dem er sich nach den Geschehnissen in London wiedergefunden hatte. Nicht so ganz, wie ein Patient behandelt wurde, oder? Sein Zustand war keineswegs so schlecht, dass Gefahr bestand, dass er wieder zusammenbrach und selbst in diesem Fall wäre es ihm schwer gefallen, sich ausgerechnet den Torchwood-Arzt in der Rolle der fürsorglichen Krankenschwester vorzustellen.

Es waren überflüssige Überlegungen, aber sie lenkten ihn von düstereren Gedanken ab.

Ianto legte die Tüte beiseite. Aus purer Langeweile hatte er die gebrauchte Kleidung zu einem ordentlichen Bündel gefaltet und die Verpackungen nach Materialien sortiert, fertig zum Recyclen. Als würde das eine Rolle spielen.

Fehlte nur noch, dass er als nächstes seine Henkersmahlzeit serviert bekam.

Wie man sehen konnte, klappte das mit der Ablenkung doch nicht so recht.

Ianto setzte sich auf die Bettkante, eine Hand flach auf den Bauch gelegt. Er hatte keine Schmerzen, nur ein vages Gefühl von Unbehagen. Was immer Owen getan hatte, er musste ein besserer Arzt als Patanjali sein. Oder lag es daran, dass er resigniert hatte? Vielleicht wusste sein Körper ja schon längst vor ihm, dass sein Schicksal nicht mehr in seinen eigenen Händen lag. Dabei spielte schon längst keine Rolle mehr, was mit ihm geschah. Wichtig war nur Lisa.

Ianto legte sich aufs Bett, drehte sich auf die Seite, die Knie angezogen – und harrte der Dinge, die da kommen mochten.


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Er musste eingeschlafen sein. Aber jetzt war Ianto wach und sein Mund war so trocken, als hätte er im Schlaf auf seinem Kissen herumgekaut. Ianto setzte sich auf und bemerkte im gleichen Moment aus den Augenwinkeln eine Bewegung.

Jack trat einen Schritt von der Tür weg und weiter in den Lichtkegel der Lampe neben dem Bett. Er hielt beide Hände hoch, die Handflächen nach außen gedreht und lächelte beruhigend. „Habe ich dich geweckt?“, fragte er. „Ausgeschlafen?“, fuhr Jack fort, ohne auf eine Antwort zu warten. „Ich wollte sehen, ob du hungrig bist. Nach allem was ich gehört habe, sind Owens Kochkünste beschränkt. Du hast sicher genug von Haferschleim.“

Ianto ließ die Beine über die Bettkante baumeln und schob die Hände unter die Oberschenkel. „Es stört mich nicht.“

„Nun, ich habe mir etwas zu essen geholt und ich dachte mir, du möchtest mir vielleicht Gesellschaft dabei leisten.“ Jack hakte die Daumen in seine Hosenträger. „Owen meinte, du darfst den Raum gerne verlassen, aber ich soll dich unter allen Umständen am Arbeiten hindern.“ Er zwinkerte ihm zu. „Ich gebe zu, deine Unterstützung fehlt uns allen – gar nicht erst zu reden, von deinem Kaffee – also solltest du es genießen, solange du kannst.“ Jack öffnete die Tür. „Kommst du?“

Vorzugeben, dass er zu müde war, hielt wohl kaum stand. Also zog Ianto seine Schuhe an und folgte Harkness.

Der Rest des Teams musste nach Hause gegangen sein. Es herrschte eine Form von Stille im Hub, die Ianto mit Nacht in Verbindung brachte.

Jack führte ihn zur der durchgesessenen Couch, auf der das Team gelegentlich Mahlzeiten zu sich nahm und drehte sich dann erwartungsvoll zu ihm um.

Ianto blieb unschlüssig stehen. Nun, eine spontane Idee, ihn zum Essen einzuladen, konnte er ruhig ausschließen. Die alten Zeitungen und Pizzaschachteln, die sich trotz aller Bemühungen seinerseits immer wieder dort anzusammeln schienen, waren verschwunden. Zwei Teller standen auf dem mit Schrammen übersäten Tisch. Porzellan, nicht Pappe. Gabeln und zwei Wassergläser warteten auf Benutzung. Über die Rückenlehne war eine Decke gebreitet, von der Ianto ziemlich sicher war, dass sie aus Jacks Bunker stammte.

Das war erstaunlich viel Mühe für ein einfaches Abendessen. Von einem Mann, der sein Essen am liebsten direkt aus der Verpackung aß und sich oft nicht mal viel Mühe mit Besteck machte. Und der offenbar von der Benutzung von Servietten noch nie gehört hatte, der Anzahl an verschiedenen Flecken nach, die Ianto auf seinen Hemden gesehen hatte.

„Setz‘ dich, ich werfe nur schnell die Mikrowelle an“, meinte Jack und verschwand in Richtung Küchenecke.

Ianto tat, wie ihm geheißen. Er nahm auf der Couch Platz und spürte, wie sich die Anspannung weiter in ihm ausbreitete.

Er hätte nicht über das Fehlen einer Henkersmahlzeit scherzen sollen…


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Trotz des appetitlichen Geruchs, der aus der Schüssel mit den aufgewärmten Nudeln aufstieg, blieb er einen Moment lang stehen und musterte Ianto, der sich seiner Gegenwart nicht bewusst zu sein schien. Im Gegenteil. Der junge Waliser saß auf der Couch, den Blick auf seine Hände gerichtet, die Schultern steif – als warte er auf die Verkündigung eines Urteils.

In einem Punkt war er Toshs Vorschlag nicht gefolgt, er konnte nicht riskieren, dass Ianto den Hub verließ. Noch nicht. Vielleicht eher zu Iantos Schutz als zu ihrem.

Aber er hatte sich wirklich Mühe gegeben. Sie hatten Teller aus Porzellan und richtiges Besteck, nicht das Wegwerfzeug aus Plastik. Sogar saubere Wassergläser hatte er aufgetrieben. Außerdem lag eine Decke auf der Couch, falls es Ianto zu kalt werden sollte.

Selbst geduscht und in frischer Kleidung wirkte Ianto krank und müde. Und Tosh hatte Recht. Der junge Waliser konnte kaum verbergen, dass er Angst hatte.

Wieso hatte Jack das bisher übersehen? War Ianto ein so guter Schauspieler oder hatte es ihn einfach zu wenig interessiert? Vielleicht war es sein Zusammenbruch, der ihn nicht nur körperlich geschwächt hatte.

Er trat näher und vielleicht etwas lauter auf, als nötig. „Penne pomodore“, verkündete Jack heiter, als Ianto aufsah. „Selbst aufgewärmt. Owen meinte, eine kleine Portion kann dein Magen schon wieder vertragen. Es ist genügend da, wenn du noch hungrig bist, kannst du später mehr warmmachen“, erklärte er, als er die Nudeln auf die beiden Teller verteilte. „Es gibt ein ausgezeichnetes Kaffeeeis, dort wo ich die Nudeln gekauft habe, aber du bist unter strikter ärztlicher Anweisung Eis und Kaffee zu vermeiden. Ich fürchte, es bleibt vorerst bei Wasser.“ Jack deutete auf die Flasche, die bereits auf dem Tisch stand.

Ianto starrte ihn einen Moment lang an, als hätte er in einer fremden Sprache mit ihm gesprochen, dann rutschte er an den Rand der Couch, beugte sich vor und öffnete mit eckigen Bewegungen die Flasche. Seine Hände zitterten, als er Wasser in die beiden Gläser goss, ein paar Tropfen gingen sogar daneben.

Jack machte keine Bemerkung darüber. Stattdessen setzte er sich neben Ianto und schob ihm einen der beiden Teller zu. „Iss, bevor sie wieder kalt werden.“

Während er seinen Teller rasch leerte, pickte Ianto appetitlos in den Nudeln herum.

„Mir ist etwas eingefallen“, meinte Jack eine Weile später und griff nach seinem Wasserglas. „Du bist jetzt ein paar Tage lang hier gewesen. Gibt es niemand, bei dem du dich melden solltest? Jemand, der sich Sorgen um dich machen könnte? Verwandte? Deine Schwester, zum Beispiel. Oder Freunde?“

Ianto hob den Blick von seinem Teller. „Nein. Nein, da ist niemand.“ Er spießte eine Nudel auf und kaute sehr langsam. „Zu meiner Schwester habe ich kaum Kontakt. Nur Geburtstagsgeschenke für die Kinder und eine Weihnachtskarte.“ Der junge Waliser tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. „Du hast da… Tomatensoße.“

Jack grinste und versuchte . wie ein Kind - mit der Zunge den Soßenfleck zu erreichen. „Weg?“, fragte er.

Ianto schüttelte den Kopf, musste dann lachen, als Jack weitere Zungenverrenkungen hinlegte, ohne dabei den Fleck zu erwischen.

Nur einen Moment lang, dann verstummte Ianto abrupt und starrte wieder auf seinen Teller.

Jack wischte sich mit der Hand übers Kinn. Seine Gabel kratzte schrill übers Porzellan und der junge Mann zuckte zusammen. „Ianto...“

„Es tut mir leid, ich bin nicht sehr hungrig“, unterbrach ihn der Waliser.

„Das ist okay.“ Jack stellte seinen leeren Teller weg. Er rieb seine Handflächen gegen seine Hose und wandte sich dem anderen Mann zu. „Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, wovor du Angst hast.“ Zum Teufel mit dem Aushorchen und um den heißen Brei herumreden. Tosh gestand ihm zu, Menschen zu verstehen und alles, was Jack von Ianto Jones verstand, war dass er keine Bedrohung darstellte. Im Gegenteil, etwas schien Ianto förmlich innerlich aufzufressen.

„Ich kann nicht...“, flüsterte der junge Mann. „Es geht nicht um mich.“ Er zuckte erneut zusammen, als Jack sich vorbeugte und den Teller aus einen Händen nahm, um ihn auf den Tisch zu stellen.

„Dann sag mir, um wen es geht. Und um was es geht.“ Jack legte die Hand auf Iantos Unterarm und der junge Waliser zuckte zurück, als hätte er ihn geschlagen.

Es war sehr lange still. Dann schien Ianto zu einer Entscheidung gelangt zu sein. Er ließ die Hand sinken, die er gegen den Mund gepresst hatte, als versuche er die Worte mit aller Gewalt zurückzuhalten. „Es geht um Lisa.“

„Lisa?“, wiederholte Jack, als nichts weiter von ihm kam. „Deine Verlobte. Sie ist im Tower gestorben.“

„Das ist sie nicht.“ Jedes einzelne Wort schien wie ein Stein in einen stillen Teich zu fallen. „Sie lebt.“ Das erste Mal, seit er zu sprechen begonnen hatte, hob Ianto den Kopf und sah ihn an. Sein Blick war von kaum kontrollierter Panik erfüllt. „Sie lebt. Und ich habe ihr versprochen, dass ich ihr helfe, aber jetzt bin ich hier und sie ist irgendwo in London, ich weiß nicht genau, wo wir waren.“

„Langsam. Ich verstehe nicht“, unterbrach ihn Jack. „Fang von vorne an. Was ist mit Lisa passiert?“

„Sie haben sie zu einem Monster gemacht“, murmelte Ianto und schloss die Augen. „Und jetzt wird sie wie eines gefangen gehalten.“


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„Hier, trink das.“

Ianto bemerkte automatisch, dass der Keramikbecher, der ihm in die Hände gedrückt wurde, einen angeschlagenen Rand hatte. Der Becher fühlte sich sehr warm gegen seine eiskalten Finger an. Ratlos starrte er in die milchig-trübe Flüssigkeit.

„Trink.“ Jack schob Teller und Gläser aus dem Weg und setzte sich auf die Tischkante, Ianto gegenüber. „Es ist nur Tee mit Milch und Zucker. Kein Schierlingsbecher. Versprochen.“ Er wartete, bis Ianto einen Schluck nahm, so zögerlich, als wäre er durchaus nicht davon überzeugt, kein Gift zu trinken. Dann stand er wieder auf und nahm die Decke von der Couch, um sie um die hochgezogenen Schultern des jungen Walisers zu legen.

Jack nahm wieder Platz. „Fang am Anfang an. Fang mit Lisa an.“ Er wusste nicht mehr über Lisa Hallett, als dass sie für Torchwood gearbeitet hatte und als einer von Yvonnes aufstrebenden Sternen gegolten hatte. Begegnet war er ihr nie, aber das hieß nichts, da er es vermieden hatte, sich häufiger als unbedingt notwendig im Londoner Hauptquartier aufzuhalten.

„Lisa und ich… wir müssen unter den Letzten gewesen sein, die noch in den Tower kamen.“ Ianto schluckte. „Um den Doctor zu sehen. Eigentlich hatten wir beide an diesem Tag frei. Und dann so etwas, eine einmalige Gelegenheit, die man unmöglich verpassen konnte.“ Er lachte kurz und bitter. „Eigentlich wollten wir ins Grüne fahren, raus aus London. Keine Handys, keine Computer. Nur wir beide. Wir waren spät dran, noch Zuhause, ansonsten...“ Er rieb sich mit der Handfläche übers Gesicht. „Eine Freundin hat sie angerufen. Und ich… ich wollte zuerst nicht gehen, unseren Ausflug nicht absagen. Es gab immer wieder angebliche Sichtungen, aber… aber der Doctor war immer UNITs Angelegenheit, nicht Torchwoods. Warum sollte er dann zu uns kommen? Ich dachte, es wäre wieder nur ein Gerücht. Es war schwer genug gewesen, dass wir beide zur gleichen Zeit Urlaub nehmen konnten.“

„Yvonne dachte, sie könnte den Doctor fangen und sich damit eine Feder anstecken, die ihr die Oberhand über UNIT gibt.“ Jack musterte den Waliser. „Ihr seid zusammen zum Tower gefahren. Und dann?“

„Das sind wir nicht. Wir haben uns gestritten und Lisa ist alleine los.“ Ianto schüttelte den Kopf. „Ich habe eine halbe Stunde lang in unserer Wohnung gesessen und das Klingeln des Telefons ignoriert, bevor ich mich auch auf den Weg gemacht habe. Es gab einen furchtbaren Stau und ich… ich kam zu spät. Sie waren bereits überall.“

Daleks?“, fragte Jack leise.

Daleks. Und Cybermen. Der ganze Tower war voll von ihnen.“ Iantos Stimme bebte. „Sie haben sich gegenseitig abgeschlachtet. Und jeden sonst, der ihnen in den Weg kam.“

„Wie hast du überlebt?“ Jack berührte die Hand des jungen Mannes, die ebenso wie seine Stimme zitterte. Er hatte Videoaufnahmen der Überwachungsanlage des Towers gesehen – Aufnahmen, die entstanden bevor Daleks oder Cybermen alle Kameras zerstörten. Ianto hatte jedes Recht, von den Ereignissen erschüttert zu sein.

Cybermen haben uns in der Tiefgarage abgefangen. Mich und zwei andere. Sie haben uns in ein leeres Labor gesperrt, anstatt uns gleich zu töten. Keiner von uns wusste damals, was sie mit uns vorhatten.“

„Nachschub für ihre Armeen.“ Jack nickte grimmig. Während seiner Zeit bei der Time-Agency hatte er es mit Planeten zu tun gehabt, die von Cybermen überfallen und deren Bewohner assimiliert worden waren. So vermehrten sich Cybermen. Sie wollten ein homogenes Universum erschaffen, in denen alle gleich waren, gleich dachten… Die komplette Ausrottung jeglicher Individualität war ihr einziges Ziel.

„Sie hätten uns sicher auch abgeholt, wenn es der Doctor nicht vorher geschafft hätte, den Void zu öffnen.“ Ianto holte tief Luft. „Und dann brach der Tower über uns zusammen und ich konnte nur daran denken, dass ich sterben würde und das letzte, was ich zu der Frau, die ich liebe, gesagt habe, war dass ihr ihre Karriere wohl wichtiger als unsere Beziehung sei.“

„Was ist mit ihr passiert?“ Gespannt beugte Jack sich vor. Bisher hatte er noch mit niemandem gesprochen, der tatsächlich das Massaker überlebt hatte. Beschämenderweise hatte sich niemand von ihnen um die wenigen Überlebenden gekümmert.

„Lisa...“ Ianto leckte sich nervös über die Lippen. „Lisa war eine von den… Letzten. Als die Cybermen keine vorproduzierten Körper mehr bringen konnten, in die sie nur die… die geernteten Gehirne verpflanzten. Ihr Körper wurde… sie wurde… Teile von ihr wurden durch Cyberkomponenten ersetzt.“ Die letzten Worte flüsterte der Waliser nur.

Jack wusste, wovon Ianto sprach. Er hatte selbst in den Trümmern des Towers verstümmelte Körper gesehen. Bizarre Hybridwesen, mehr oder weniger fortgeschritten in ihrer Umwandlung in Cybermen. Keiner von ihnen hatte überlebt. „Wie konnte sie das überleben?“

„Lisa war mitten… es war noch nicht weit fortgeschritten.“ Ianto trank hastig einen Schluck. „Es gab keinen Strom mehr im Tower, aber die… die Konvertier-Einheit, in der sie sich befand, hatte ein unabhängiges Lebenserhaltungssystem. Die Komponenten, die ihr eingesetzt worden waren, kamen nicht durch den Void. Deshalb wurden sie nicht mit eingesogen. Als ich sie gefunden habe, hat Lisa mir gesagt, wie ich das Lebenserhaltungssystem aktivieren kann. Es hat sie gerettet.“

„Wie konnte sie dir sagen, was du tun musst, Ianto?“ Jacks Stimme hatte einen kühlen Unterton angenommen.

Und es entging Ianto nicht. Er konnte es in den Augen des jüngeren Mannes sehen, als der den Blick hob.

„Ihr Gehirn… es war schon verändert worden.“ Die Worte kamen stockend über Iantos Lippen. „Sie hatten bereits mit der Konvertierung angefangen. Ihr waren Komponenten eingepflanzt worden, und die Programmierung… aber die Programmierung war nicht abgeschlossen. Sie ist immer noch Lisa. Aber sie konnte auf einige der Informationen zugreifen.“

Jack stand auf und ging ein paar Schritte. Was Ianto da sagte, war unmöglich. Niemand konnte der Programmierung durch die Cybermen widerstehen. Sie löschten die ursprüngliche Persönlichkeit komplett aus und ersetzten sie durch eine einheitliche Programmierung. Selbst wenn die Konvertierung nicht so weit fortgeschritten war, existierte Lisa Hallett nicht mehr…

Er kehrte zu dem jungen Waliser zurück, der wie ein Häuflein Elend auf dem Sofa saß, zusammengesunken unter der Decke. „Was dann? Wie ging es weiter?“

Ianto sah ihn an, als hätte er seine Anwesenheit vergessen. „Dann hat uns UNIT gefunden“, sagte er dumpf.

UNIT! Also doch. Sie hatten ihn angelogen… Moment! Wenn Lisa… oder was immer sie jetzt war… überlebt hatte, bedeutete das, UNIT hatte Cybertechnologie in den Händen. Und wie er sie kannte, spielten sie bereits eine ganze Weile damit herum.

„Was genau hast du mit UNIT zu tun? Ianto!“, fragte er scharf. „Arbeitest du für UNIT?“

„Sie haben mir versprochen, Lisa zu helfen.“ Ianto war so blass, dass sein Gesicht fast durchscheinend schien. „Wenn ich die fehlenden Informationen über Cybermen von Torchwood beschaffe. Sie haben mich gezwungen, nach Cardiff zu kommen. Ich hatte keine Wahl.“

Jack starrte ihn an, ohne darauf einzugehen, dass Torchwood diese Informationen nicht hatte. Oder falls sie sie hatten, diese in Tonnen an Material vergraben waren, das nach Glasgow geschafft worden war oder in ihren Archiven einstaubte. „Wer hat dir das versprochen? Wer hat dich gezwungen, hierher zu kommen? Ich will einen Namen von dir hören, Ianto.“

„Major Kona.“

Nun das erklärte das Verhalten des guten Majors und warum Jack bei seinem Besuch überzeugt davon gewesen war, dass Kona etwas vor ihm zu verbergen versuchte. Er musste sofort Kontakt mit Leuten aufnehmen, die über Kona standen. Cybertechnologie war nichts, an dem herumgespielt werden durfte. Ein einziger Cyberman reichte aus, um die Erde zu vernichten und eine neue Armee aufzubauen. Niemand würde ein Kind mit einer Atombombe spielen lassen. Aber genau das tat UNIT.

„Und wer war der Mann in deiner Wohnung? Dein Aufpasser?“

Ianto sah ihn ratlos an. „Ich weiß nicht, wer in meiner Wohnung gewesen ist.“

Jack starrte auf ihn hinab, aber es schien, als wisse Ianto tatsächlich nichts davon. „Ein Arzt. Patanjali.“

Falls möglich, wurde der junge Waliser noch blasser. „Dann müssen sie wissen, dass etwas nicht stimmt.“ Er versuchte sich von der Decke um seine Schultern zu befreien, schien aber gleichzeitig zu vergessen, dass er noch den Teebecher in der Hand hielt und sackte zurück auf die Couch. „Ich muss… ihnen irgendetwas erzählen. Erklären, wieso ich mich nicht gemeldet habe“, murmelte er hektisch. „Wenn ich ins Krankenhaus gehe, wenn ich mit Dr. Patanjali rede… Ich denke, ich kann ihn überzeugen.“

„Du gehst nirgendwo hin.“ Jack drückte ihn zurück und nahm dem jungen Waliser gleichzeitig die Tasse ab.

„Bitte, Jack.“ Flehentlich sah Ianto ihn an. „Ich muss Lisa helfen.“

Es war unübersehbar, dass Ianto tatsächlich daran glaubte, seine Verlobte retten zu können. Die kalte Wahrheit war, dass sich nicht rückgängig machen ließ, was die Cybermen Lisa Hallett angetan hatten. Und auch wenn sie in den Augen des jungen Walisers kein Monster war, ihre bloße Existenz war ein untragbares Risiko. Aber nichts davon würde Ianto jetzt hören wollen.

„Du bleibst hier“, wiederholte Jack. „Es ist mitten in der Nacht. Wenn Patanjali Verdacht geschöpft hat, dann hat er Kona bereits alarmiert und es ist ohnehin zu spät. Ich habe nicht vor, dich einfach so UNIT zu überlassen.“

Ianto senkte den Kopf. „Ich verstehe“, murmelte er tonlos.

„Nein, ich denke nicht, dass du verstehst“, widersprach Jack. „Kona hat keine Ahnung, an was er da herumspielt. Wenn diese Kreatur es schafft, sich von UNITs Kontrolle zu befreien, ist der ganze Planet in Gefahr.“

„Lisa würde nie...“ Ein Blick ließ Ianto verstummen.

„Du rührst dich nicht von dieser Couch weg“, befahl Jack. „Ich bin gleich wieder da.“

Der junge Waliser starrte ihm verständnislos nach, machte aber keine Anstalten, sich auf zu rappeln. Wohin hätte er auch gehen sollen? Patanjali hätte nicht riskiert in seine Wohnung zu gehen, ohne Kona zu informieren. Sie sollten sich nur im Krankenhaus treffen. Und das bedeutete, er hatte etwas falsch gemacht. Es konnte nicht nur daran liegen, dass er einen Termin versäumt hatte…

„Hier.“

Ianto schreckte auf. Jack stand vor ihm, er hatte die Rückkehr des Captains nicht bemerkt. In Harkness‘ Handfläche lagen zwei kleine, runde, weiße Tabletten. Er sah ihn an, doch Jacks Miene verriet nichts von seinen Gedanken.

Retcon?“, fragte er heiser.

Doch Jack schüttelte den Kopf. „Kein Retcon.“ Er nahm Iantos Wasserglas, hielt es ihm auffordernd hin. „Du hast die Wahl, mir entweder zu vertrauen oder ich werde dich zu deinem eigenen Schutz in eine der Zellen stecken.“

Der junge Waliser zögerte lange, dann nahm er die Tabletten und spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter. Dann sackte er gegen die Rückenlehne der Couch und schloss die Augen.

Jack öffnete seinen Wriststrap und benutzte den Vortexmanipulator um die Sicherheitsstufe des Hubs zu erhöhen. Solange er nicht wusste, welche Informationen Ianto bereits an Kona weitergegeben hatte – oder was der Major aus anderen Quellen über die Niederlassung Torchwoods in Cardiff erfahren hatte – ging er kein Risiko ein.

Den Blick weiter auf Ianto gerichtet, zog Jack schließlich sein Handy aus der Hosentasche. Er brauchte Hilfe. Nachdem er eine Nummer gewählt hatte, dauerte es nicht lange, bis am anderen Ende jemand antwortete. „Tosh. Es tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe“, meinte er. „Kannst du gleich in den Hub kommen? Nein, kein Alarm. Es geht um Ianto. Ja, man könnte so sagen, dass mein Abendessen ein voller Erfolg war. Bis gleich.“ Er unterbrach die Verbindung und steckte das Handy wieder weg.

Dann machte er sich daran, das Geschirr wegzuräumen. Als er aus der Küchenecke zurückkam, war Ianto eingeschlafen, in sich zusammengekauert, als versuche er in der Couch zu verschwinden. Jack breitete die Decke ordentlich über ihn aus – es war immer kalt im Hub – und strich ihm das Haar aus der Stirn zurück. Die Kombination aus Beruhigungs- und Schlafmittel, die er ihm gegeben hatte, würde Ianto für den Rest der Nacht und geraume Zeit darüber hinaus außer Gefecht setzen.

Zeit, die Jack brauchte, um zu überlegen, was er als nächstes tun würde.

Und Zeit, in der Ianto hoffentlich die Kraft sammeln konnte, die er für die kommenden Strapazen brauchen würde.

Er richtete sich auf, schob die Hände in die Hosentaschen. Jack mochte nicht bemerkt haben, dass man ihm eine Laus in den Pelz setzte, aber Kona hatte keine Ahnung, wozu er in der Lage war. Er hatte einen großen Fehler begangen, als er Jack Harkness unterschätzte…


Ende (tbc)