Birthday Boy


Wie hatte es nur so weit kommen können? Was hatte er übersehen? Was hätte er dagegen unternehmen müssen?

Ianto hielt die Augen geschlossen, vorgebend er schliefe noch immer – obwohl er wusste, dass er Jack damit nicht täuschte und es nur eine Frage der Zeit war, bis sein Partner sich zu langweilen begann und ihn „weckte“.

Er hasste, wenn man ihn in den Mittelpunkt stellte; Wirbel um ihn machte. Das Zusammenleben mit Jack und dessen gelegentliche, überbordenden Aktionen hatten ihn gelehrt, es (meistens) mit Amüsement zu ertragen. Aber dass jetzt auch noch seine Schwester und Jacks Tochter damit anfingen – zweifellos auf das Betreiben (oder zumindest mit tatkräftiger Unterstützung)  seines Partners – war doch zu viel.

Denn Rhiannon hatte sich mit Jack verschworen und der spannte offenbar skrupellos seine ältere Tochter mit ein. Und das alles nur, weil Rhi und Alice sich über den Weg laufen mussten.

Sie veranstalteten eine Geburtstagsparty für ihn.


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Natürlich hätte es eine Überraschung werden sollen, doch Ianto hatte nicht verlernt, sich unsichtbar zu machen, und so sammelte er genug Informationsfetzen (Jack telefonierte immer gut hörbar), um Verdacht zu schöpfen.

Und dann war er zum Gegenangriff übergegangen. Er ließ gegenüber seiner Schwester die Andeutung fallen, dass er plane, seinen Geburtstag in London zu verbringen – Rhi hatte ein wenig zu hektisch zugestimmt, dass das ein sehr guter Plan wäre, und dass er sicherlich den Tag völlig nach seinem Wunsch gestalten könnte.

Er hatte sich kaum von ihr verabschiedet, als Jacks Handy lossummte (es stand neben seinem in seiner Ladestation) und Rhis Bild und Name auf dem Display erschienen. Ianto beobachtete amüsiert, wie das Gerät auf Voicemail umschaltete. Jack war oben und planschte mit Rhearn in der Wanne. Vermutlich wandte sich seine Schwester anschließend an ihre Mitverschwörerin, doch er wusste, dass Alice und Steven sich im Kino einen Film ansahen und in diesem Moment auch Alice’ Handy abgeschaltet war. Geschah ihr recht, dass sie ins Schwitzen geriet.

Als Jack mit tropfenden Haaren, Wasserflecken auf dem T-Shirt und einem generell leicht schuldbewussten Gesichtsausdruck - der auf eine epische Wasserschlacht und der dazugehörigen Überflutung des Badezimmers hindeutete – erschien, bemerkte Ianto beiläufig, dass sein Handy geklingelt habe.

„Ein Alarm?“

Es besänftigte Ianto ein wenig, dass ehrliche Enttäuschung in Jacks Stimme mitschwang. Sie hatten einen der seltenen Abende erwischt, an dem sie beide Zuhause und keiner von ihnen (sprich Jack) in Bereitschaft sein würde. Der Rift behielt sein Schweigen bei, und sie nutzten die Zeit - unter Detective Swansons Koordination – Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter zu schulen. Auf diese Weise würde niemand nach einer Weevil-Attacke Zeit damit verschwenden, nach verwilderten Hunden oder einem aus einem Zoo entflohenen Puma zu suchen. Und Torchwood erhielt sofort die Namen möglicher Zeugen, was ihnen ersparte, sie mühsam aufzustöbern und gegebenenfalls mit Retcon zu versorgen. Natürlich war es riskant, so viele Menschen einzuweihen, doch die Vorteile überwogen und Detective Swanson ließ keine Gelegenheit aus, daran zu erinnern, dass sie alle den „Official Secrets Act” unterzeichnet hatten und sich daher strafbar machten, wenn sie mit irgendjemanden über ihre Arbeit für Torchwood sprachen.

„Nein.“ Ianto trat nahe zu ihm, und kämmte mit den Fingern durch Jacks in der Auflösung begriffene Frisur. Er presste seine Fingerspitzen mit leichtem Druck gegen Jacks Kopfhaut und wurde mit einem Laut ähnlich einem zufrieden schnurrenden Katers belohnt. „Nein. Es war meine Schwester. Und stell’ dir vor, ich hatte keine zwei Minuten vorher mit ihr gesprochen. Es muss ihr noch irgendetwas Wichtiges eingefallen sein, dass sie dir erzählen muss.“ Seine Stimme war sehr glatt, sehr seiden.

Jack war zu gut, um Überraschung zu heucheln und kannte ihn zu gut, um zu tun als wisse er von nichts. Stattdessen zog er sein T-Shirt über den Kopf und hängte es an den Türgriff. „Ich werde sie später zurückrufen und fragen.“ Dann bückte er sich und hob Rhearn hoch, die neben ihm auftauchte, ihr Handtuch auf dem Boden hinter sich her schleifend. Nach einem prüfenden Blick nahm er das Handtuch und fuhr ihr damit noch einmal über die Haare, bevor er sie Ianto in den Arm drückte. „Wenn du sie anziehst, bringe ich schon mal das Bad in Ordnung, bevor es Zeit ist Gute Nacht zu sagen.“ Er verschwand zurück ins Badezimmer, Handtuch und T-Shirt mit sich nehmend.

Ianto beugte sich vor, um seine Nase gegen Rhearns – seine Tochter wies im Moment sehr viel Ähnlichkeit mit einer kleinen, nackten, pinkfarbenen Dörrpflaume auf - zu reiben. „Wir gehen dich erst einmal eincremen, anwylyd“, sagte er zu ihr. „Vielleicht sollte ich deinem Daddy die Stoppuhr mitgeben, wenn er dich badet. Das wäre mal eine ganz neue Verwendung dafür.“ Sie war warm und so lebendig in seinen Armen, und ihr Haar roch nach Zuckerwatte-Babyshampoo. Und sie verstand zum Glück noch nichts von Geheimnissen, und – egal wie gut gemeinten – Intrigen. Ianto drückte seine zappelnde, babysüß duftende Tochter an sich und hörte aufmerksam zu, was sie über Schaum plapperte und dass Dada die Entchen gerechnet hatte. Nein, gerettet. Nun, zumindest war es das, was er sich aus ihren nur gelegentlich verständlichen Worten zusammenreimte. Er fragte sich, ob sie mehr oder weniger gesprächig sein würde, wenn sie erst mehr Worte kannte und flüssiger sprechen konnte. Nun, vermutlich kam sie in der Hinsicht eher nicht nach ihm...

Jack gesellte sich nach überraschend kurzer Zeit zu ihnen und sehr zur Begeisterung ihrer Tochter, die es sichtlich genoss, ganz allein die volle Aufmerksamkeit beider Eltern für sich zu haben, spielten sie noch eine Weile mit ihr. Schließlich – trotz ihres schläfrigen Protestgemurmels – brachte Jack sie ins Bett.

Ianto sammelte Spielsachen und Kleidungsstücke auf und lauschte auf die Erzählung von einem grünen Kaninchen, das glänzende Steine sammelte, um damit seinen Bau zu schmücken. Er konnte sich nicht entsinnen, davon in irgendeinem Kinderbuch gelesen zu haben, also hatte Jack sie sich vielleicht ausgedacht... oder es war eine kindgerechte Fassung von etwas, das er tatsächlich gesehen hatte.

Als sie schlief, knipste er bis auf das Nachtlicht alle Lichter aus (die schwebenden Deckenkristalle des Doctors spendeten von ihrem Platz unter der Raumdecke ebenfalls ein wenig Helligkeit) und Jack folgte ihm leise nach draußen. In den Flur, gegen dessen Wand Ianto sich abrupt gedrückt fand. Er wand sich lächelnd um und schüttelte Jacks Mund von seinem Nacken ab.

Jacks Hände waren bereits damit beschäftigt, sein Hemd aus dem Hosenbund zu ziehen und darunter zu schlüpfen, um über Iantos Haut zu gleiten.

„Wie kannst du nein dazu sagen, dass wir noch mehr so wundervolle Geschöpfe in die Welt setzen“, murmelte Jack, sein Mund dicht an Iantos Ohr. „Vergiss Torchwood und Aliens und mach mit mir genug von diesen kleinen Wundern um unseren eigenen Planeten zu bevölkern.“

„Twipsin.“ Ianto lachte und schüttelte den Kopf. „Und ich habe nie „nein“ gesagt, Jack, nur „später“. Im Moment haben wir mit diesem einen kleinen Wirbelwind schon genug zu tun.“

Ein Schmollen erschien auf Jacks Gesicht, dass Ianto erst am Morgen zuvor gesehen hatte, als er Haferbrei statt süßer Cornflakes servierte – allerdings wesentlich altersgerechter auf dem Gesicht seiner zweijährigen Tochter.

„Aber...“ Er verschränkte die Arme hinter Jacks Rücken um ihn näher zu sich zu ziehen. „Wir können jederzeit so tun als ob wir es versuchen. Auf die gute, altmodische Art.“

Jack grinste. „Dazu musst du mich nicht lange überreden.“

Ianto hatte nichts anderes erwartet. Und vielleicht erwies er sich als ein klein wenig rachsüchtig, als er Jack kurz vor dem Orgasmus ins Ohr flüsterte, dass er von der Party wisse.


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Danach war es nicht mehr besonders schwierig gewesen, auch die restlichen Details aus Jack heraus zu holen.

Und deshalb lag Ianto jetzt hier und gab vor, zu schlafen, während er nach einer Möglichkeit suchte, sich aus dieser Situation heraus zu winden.

Das Schlimmste war vielleicht, dass ihm keine Zeit mehr blieb, irgendetwas zu unternehmen. Denn sein Geburtstag war heute!

Etwas - Jemand - atmete feucht und schwer in sein Ohr. Komisch, er hätte schwören können, dass sie noch keinen Hund hatten, als er ins Bett ging. "Pfui, Bello", murmelte er. Ianto wusste, dass ihm ein langer Tag bevorstand, was aber nicht hieß, dass er den Beginn nicht noch ein wenig hinauszögern konnte.

„Du hättest mir sagen können, dass wir mit einem Rollenspiel anfangen“, beschwerte sich Jack lachend. „Bin ich Bello? Wer ist Bello überhaupt?“

„Jack, lass mich schlafen.“ Er versuchte sein Gesicht im Kissen zu vergraben und war doch so erbarmungslos und unabänderlich wach. Ganz zu schweigen davon, dass er sehr versucht war, nach zu geben, mit Jacks warmen Körper gegen seinen Rücken gepresst.

„Aber ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich.“ Wieder das Schmollen.

„Ich packe es später aus.“

„Es hat keine Verpackung.“ Jack blies wieder in sein Ohr und Iantos Hand zuckte instinktiv, danach zu schlagen wie nach einer penetranten Mücke.

„Dann geh dich anziehen, damit ich später etwas zum Auspacken habe.“

Finger gingen auf Wanderschaft über seine Schulter, glitten über seinen Brustkorb. „Du bist sauer wegen der Party.“

Ianto seufzte. „Ich bin nicht sauer.“ Er rollte sich auf den Rücken und sah zu Jack hoch. „Ich dachte nur, wir wären uns einig, dass wir es dabei belassen... keinen Wirbel darum zu veranstalten. Es ist nicht einmal ein besonderer Geburtstag.“ Er sah den Schatten, der über Jacks Gesicht glitt. „Ich weiß, ihr meint es gut. Und meine Schwester brennt vor Neugier, Alice auszufragen.“

„Missa kommt schon klar mit ihr.“ Jack zog eine Linie entlang von Iantos Brustbein. „Es tut mir leid“, sagte er unvermittelt.

„Was tut dir leid?“ Ianto legte seine Hand über Jacks, stoppte die ziellosen Berührungen.

„Es ist dein Geburtstag und ich habe mich über deinen Wunsch einfach hinweg gesetzt. Ich hätte Rhiannon nicht ermutigen sollen, eine Familienveranstaltung daraus zu machen. Oder zulassen, dass Alice darin verwickelt wird. Es ist nur...“ Er zuckte mit den Schultern. „Nachdem sie erst einmal wusste, dass Alice und Steven hier sind, war sie nicht mehr zu Halten. Ihr beide seid euch da sehr ähnlich, es ist auch sehr schwer, dich von etwas abzubringen.“

„Rhi hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit mir.“ Ianto schüttelte den Kopf. „Und es fällt mir schwer zu glauben, dass dich meine Schwester einfach überrollt hat, Jack. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du vor einer Hausfrau aus Newport Angst hast.“

Jack schnitt eine Grimasse. „Natürlich nicht!“, entgegnete er indigniert. „Ich...“ Er zögerte einen Moment. „Es ist so lange her, dass ich Teil einer Familie war, Ianto. Ich möchte das alles erleben - Familienfeste, Verwandte, diese Normalität...“

„Das ist okay.“ Ianto griff mit seiner freien Hand hoch und spürte die angespannten Muskeln in Jacks Nacken. „Ich verstehe.“ Er hätte es besser wissen müssen, aber im Alltag vergaß er oft, auf wie viel Jack in der Vergangenheit verzichtet hatte; wie viel er damals von sich selbst verbergen musste, selbst wenn er eine längerfristige „normale“ Beziehung einging.

„Ich weiß ja, dass du es hasst, deine Schwester zu belügen“, fuhr Jack fort. „Und darüber hinaus Alice als meine Schwester auszugeben...“

„Es ist notwendig. Zumindest im Moment. Ich weiß dass wir Rhi und ihrer Familie irgendwann die Wahrheit sagen müssen, vorzugsweise bevor ihnen auffällt, dass du nicht älter wirst.“ Er lächelte und presste den Zeigefinger einen Moment gegen Jacks Lippen. „Außer natürlich wir behaupten du hast dich liften lassen.“

„Kein Chirurg kann so perfekt arbeiten“, entgegnete Jack mit einem Lachen, dass viel besser war als der Ausdruck des Zögerns und Grübelns zuvor.

„Dann haben wir also nicht in letzter Zeit so oft Sex im Dunkeln damit du deine Falten vor mir verstecken kannst?“, spottete Ianto sanft.

„Jetzt ist es hell. Warum siehst du nicht selbst nach.“ Jack kickte das dünne Laken, das Ianto im Sommer gelegentlich als Decke nutzte (hauptsächlich wenn er alleine schlief), auf den Boden.

„Kann ich dabei weiterschlafen? Du weißt doch, wo alles ist...“ Ianto schloss die Augen und fakte ein gewaltiges Gähnen. Es war still. Zu still. „Was machst du?“

„Nichts. Ich sehe dich nur an. Völlig ohne Hände. Ist das erlaubt?“

„Als bräuchtest du die…“ Ianto rollte sich auf die andere Seite und seine Nase kollidierte unsanft mit Jacks Schulter. Er presste einen Kuss in die vage Richtung des Schlüsselbeins und setzte sich dann auf. „Lass mich nur schnell wenigstens auf die Toilette gehen und mir die Zähne putzen.“

Er hatte sich kaum aufgesetzt, als über das Babyfon Rhearns aufgebrachtes Rufen nach ihrem Tad zu hören war. Sie klang, als würde sie gleich weinen. Ianto warf ihm einen entschuldigenden Blick zu und griff nach etwas, dass er sich überziehen konnte. Jack hechtete quer über das Bett, um ihn zu küssen, bevor er sich über die Bettkante schwang und nach Shorts griff. „Ich mache das.“

Ianto folgte ihm trotzdem, sobald er sich angezogen hatte. Sämtliche amourösen Anwandlungen hatten sich mit dem Erwachen ihrer Tochter ohnehin vorerst erledigt. Er hätte eben nicht darüber scherzen sollen, dass er lieber schlafe…

Rhearn hatte offenbar beschlossen an diesem Morgen das Anziehen in die eigenen Hände zu nehmen. Tatsächlich hatte sie es auch fertig gebracht, ihren Kopf durch die Halsöffnung eines roten T-Shirts zu befördern – allerdings aus der falschen Richtung.

Als sie ins Kinderzimmer kamen, saß Rhearn nur mit ihrer Windel bekleidet auf dem Boden, den langen Teil des T-Shirts wie einen Schal um Hals und Schultern geschlungen. Die ersten Frusttränen kullerten bereits über ihre Wangen, als Jack sie hochhob und durch die Luft schwang. „Nicht weinen, Baban. Ist doch nichts passiert.“ Er setzte sie auf seinen Arm und Ianto zog ihr vorsichtig das T-Shirt über den Kopf. Rhearn hörte auf zu weinen und hickste einmal, dann noch einmal. Sie schüttelte sich und sah sie an, die Augen von tränenverklebten Wimpern umrandet.

„Das üben wir noch ein bisschen zusammen, bis du das alleine kannst“, versprach Ianto und zog ihr das T-Shirt richtig herum über den Kopf, geschickt ihre Arme in die Ärmelöffnungen fädelnd. „So, das ist besser, oder?“ Er küsste ihre kleine Faust und rieb mit dem Daumen die Tränen von ihrer Wange. „Nicht mehr weinen, cariad.“ Er sah Jack an. „Kommt ihr beide jetzt alleine klar? Dann gehe ich schnell unter die Dusche, bevor ich mit dem Frühstück anfange.“

„Schaffen wir das?“, wandte sich Jack an seine Tochter. Rhearn zog die Nase kraus, als würde sie daran zweifeln. Sie hickste noch einmal und rieb das Gesicht an seiner nackten Schulter. „Wir schaffen das“, bestätigte Jack.

Ianto rollte mit den Augen, das Zitat aus einer bekannten Kindersendung wiedererkennend. „Ihr habt zusammen fern gesehen.“ Er winkte seiner Tochter zu und ging duschen.


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Das Wickeln und restliche Anziehen hatten sie mühelos geschafft, doch jetzt sah sich Jack mit unerwarteten Widrigkeiten konfrontiert.

„Nun komm schon, Prinzessin. Du willst doch hübsch für die Geburtstagsparty deines Tads sein.“ Jack runzelte die Stirn. Welche Argumente brachte man einer trotzenden Zweijährigen gegenüber vor? Da war es ja noch einfacher einen Judoon davon zu überzeugen, einen Strafzettel zurück zu nehmen.

„Nein.“ Rhearn schüttelte den Kopf und duckte sich weg. „Macht aua.“

„Ich verspreche ich bin ganz vorsichtig, Baban, dann tut es auch nicht weh, aber wir werden deine Haare kämmen.“ Gut das ihn sein Team nicht so sehen konnte… Owen würde ihn das nie vergessen lassen.

„Bääh.“ Rhearn wandte sich ab und versuchte sich in den Spalt zwischen dem Regal mit ihren Spielsachen und der Wand zu quetschen. Glücklicherweise war es mit dem obersten Regalbrett an der Mauer befestigt und konnte nicht umfallen. „Macht aua“, beharrte sie.

Sich vorerst geschlagen gebend sank Jack auf die Hacken zurück und hielt in Kapitulation die Haarbürste hoch. Okay, dann brauchte er eben Hilfe. So hatte Rhearn sich aber auch noch nie benommen! „Ianto?“, rief er in Richtung der offenen Kinderzimmertür. „Ein bisschen Unterstützung hier?“

Einen Moment später tauchte sein Partner an der Tür auf, warf einen Blick auf die Szene, holte eine Sprühflasche von der Wickelkommode und hielt sie Jack hin. „Das hier hilft gegen das Ziepen. Sprüh ihr ein bisschen was davon auf die Haare, dann lassen sie sich ganz leicht entwirren.“

Jack musterte das Spray. „Können wir ihre Haare nicht einfach ganz kurz schneiden?“

„Muss ich dich an die Szene erinnern, die sie uns gemacht hat, als ich ihr das letzte Mal die Haare schneiden wollte? Sie hat geschrien wie am Spieß. Offensichtlich will sie sie lang.“ Ianto machte kurzen Prozess und fischte Rhearn hinter dem Regal hervor – es war ihr immerhin gelungen, sich halb dahinter zu quetschen, bevor sie stecken blieb und setzte sie auf ihrem Bett ab. „Gib deinem Daddy eine zweite Chance“, flüsterte er ihr zu und küsste sie auf die Stirn. „Er bemüht sich wirklich.“

„Hey, ich kann dich hören“, beschwerte sich Jack lachend und gab Ianto einen Klaps auf den Hintern, als er an ihm vorbei ging.

„Gut zu wissen, dass mit deinem Gehör noch alles in Ordnung ist, alter Mann.“ Ianto warf ihm über die Schulter einen Luftkuss zu, bevor er den Raum verließ.


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„Wir können es uns noch anders überlegen, weißt du“, meinte Ianto als er den Sicherheitsgurt des Kindersitzes überprüft hatte und trat vom Wagen weg. Rhearn machte ihrem Unmut über diese Freiheitsberaubung Luft indem sie einen Teddy gegen die Seitenscheibe warf und mit den Hacken gegen den Sitz trommelte.

Jack legte die Hände auf Iantos Hüften. „Aber ich bin schon ganz wild darauf, noch mehr Jones' kennen zu lernen.“

„Bilde dir nur nichts ein.“ Ianto gab ihm lachend einen Klaps auf den Arm. Dann verdüsterte sich seine Miene erneut. „Johnny macht seine… wie er meint… berühmten Burger. Mir zu Ehren wird er sie heute „umdrehen“. Absolut witzig.“

Jack sah ihn fragend an.

„Er packt eine Brötchenhälfte zwischen zwei Fleischscheiben. Ja, ich weiß, es macht keinen Sinn – frag mich nicht. Nur, damit du dich darauf vorbereiten kannst, was mein Schwager für Humor hält.“ Ianto schüttelte den Kopf. „Rhi sagt, dass er es nicht so meint. Aber Johnny und ich… wir haben keinen Draht zueinander. Wir sind einfach in allem anderer Meinung. Er hält mich für hochnäsig und eingebildet und denkt, dass ich mich für meine einfache Herkunft schäme. Mit meinen Anzügen und meinem hochtrabenden Job in London, über den ich nicht sprechen durfte… Lisa hat mich immer gedrängt, dass wir sie besuchen, aber ich fand jedes Mal eine Ausrede…“

„Falls du versuchst, mich abzuschrecken, klappt das nicht.“ Jack küsste ihn auf die Schläfe. „Und für Notfälle haben wir Weevil-Spray und Plastikfesseln im Kofferraum.“ Er schlug die hintere Tür zu und schob Ianto in Richtung Beifahrersitz. „Wir fahren besser los, sonst sind Alice und Steven vor uns dort.“

„Sag nur nicht, ich hätte dich nicht gewarnt“, murmelte Ianto düster, als er einstieg.


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Alice‘ Mietwagen parkte tatsächlich bereits am Randstein vor dem Davies-Haus, neugierig beäugt von einer Gruppe Teenager. Verstohlene – und dann weniger verstohlene – Blicke musterten den SUV, als sie ankamen.

„Vergiss nicht, die Alarmanlage einzuschalten, sonst ist der Wagen weg“, warnte Ianto. Tosh hatte sich eingehend mit dem Auto beschäftigt, als sie den zweiten SUV kauften. Mit dem Ergebnis, dass sich die Karosserie unter Strom setzen ließ. Mit dieser zusätzlichen Schutzfunktion waren Waffen oder Artefakte, die sie im Wagen verwahrten, garantiert sicher. Bei der ersten Berührung war der Stromschlag nur leicht, steigerte sich aber mit jedem weiteren Versuch ohne Deaktivierung der Alarmanlage auch nur einen Türgriff zu berühren.

Rhearn quengelte, als Ianto sie aus dem Sitz holte und es Jack überließ, die Tasche mit ihren Gastgeschenken (für David einen neuen Fußball, für Mica eine Puppe aus einer Serie, namens „Monster High“ – der Tipp stammte von seiner Schwester) zu nehmen. Tief Luft holend setzte Ianto seine Tochter auf seinem Arm zurecht und ging zögernd auf die Haustüre zu. Ein Bündel bunter Luftballons war daran befestigt und Rhearn griff begeistert danach, ihren Trotz – der die ganze Fahrt über angehalten hatte - vorübergehend vergessend. Vielleicht schmollte sie auch nicht, sondern spürte einfach nur die Anspannung ihres Tads und reagierte entsprechend darauf.

Jack trat neben ihm und legte den Arm um seine Taille, ihn kurz in seine Seite ziehend. „Bereit?“, fragte er, für Iantos Geschmack viel zu gut gelaunt.

Bevor er die Klingel drücken konnte, wurde die Tür von Mica geöffnet. Sie musterte die Neuankömmlinge mit ernster Miene. Dann drehte sie sich um, dass ihre blonden Zöpfe nur so flogen, und schrie laut: „Mama! Onkel Ianto ist da! Und…“ Sie drehte sich wieder um und sah Jack prüfend an. „Wie heißt du?“

Jack grinste und spürte Ianto neben sich ahnungsvoll zusammenzucken. „Nenn mich doch einfach Onkel Jack.“

Mica drehte sich wieder in den Flur. „Und ein Typ der sagt ich soll ihn Onkel Jack nennen.“

Rhearn starrte Mica mit großen Augen an, und griff dann lieber wieder nach den Ballons, die unter ihren Händen ein haarsträubend quietschendes Geräusch von sich gaben, als sie aneinander rieben. Vielleicht packte sie ein wenig zu heftig zu, denn einer der Ballons platzte und Rhearn versteckte erschreckt ihr Gesicht an Iantos Schulter.

„Ist sie doof?“, fragte Mica und kickte mit dem Fuß einen Fetzen Ballonhaut weg. „Jeder weiß, dass Ballons platzen, wenn man sie so drückt.“

„Nein.“ Jack wischte eins der Ballonstückchen weg, das ihn an der Wange getroffen hatte. „Sie ist erst zwei Jahre alt, sie weiß das noch nicht.“

„Ich bin fast acht“, verkündete Mica.

Fast war etwas optimistisch. Mica feierte erst im kommenden Februar ihren achten Geburtstag.

„Hast du mir was mitgebracht?“, fragte sie, neugierig die Tasche beäugend, die über Jacks Schulter hing.

Bevor diese wichtige Frage ausführlicher erörtert werden konnte, tauchte Rhi auf. „Was steht ihr denn noch hier herum?“, fragte sie und schob Mica zur Seite um Ianto und dann Jack zu umarmen. „Ich frage lieber nicht, wie du es geschafft hast, dass mein kleiner Bruder nicht doch noch in letzter Sekunde gekniffen hat – vor allem nicht, wenn Handschellen darin verwickelt sind“, wandte sie sich an Jack. „Was hat Rhearn denn?“, fuhr Rhi fort. „Mica, was stehst du hier herum? Geh und sag den anderen Bescheid dass unser Ehrengast da ist.“

Mica quetschte sich an ihren Beinen vorbei und verschwand im Inneren des Hauses.

„Einer der Ballons ist geplatzt und sie hat sich erschreckt und was zum… Geier… hast du dir bei dem ganzen nur gedacht“, presste Ianto zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Oh, du wieder.“ Rhi wischte seine Bemerkung mit einer Geste weg. „Das ist eine Geburtstagsparty, keine Beerdigung also versuch es einmal mit Lächeln, Ianto.“ Sie umarmte ihn noch einmal und drückte einen Kuss auf seine Wange. „Herzlichen Glückwunsch, kleiner Bruder.“ Dann hielt sie die Arme auf. „Gib mir mal das kleine Schätzchen, dann waschen wir ihr rasch das Gesicht.“

Eher widerwillig überließ Ianto seine Tochter ihrer Tante. Rhearn schien weniger abgeneigt. Das Malheur mit dem Ballon schien vergessen, als sie fasziniert nach einer Glitzerhaarspange über Rhis Ohr griff. War sie schon alt genug für die „ansehen, aber nicht anfassen“-Unterhaltung? Vielleicht sollte er die Jack überlassen. Obwohl, vielleicht auch besser nicht. Jack schien mit diesem Konzept gelegentlich selbst so seine Schwierigkeiten zu haben. Ianto hatte schließlich genug blutbefleckte Kleidung entsorgt, um das zu belegen.

„Deine Schwester und ihr Junge sind schon da“, meinte Rhi zu Jack und wich ins Haus zurück, damit sie eintreten konnten. “Alice hilft mir mit den Salaten und Steven ist draußen im Garten bei David.“

Plötzlich wurde Ianto klar, dass seine Schwester nervös war. Und das nicht zu knapp. So, sie machte sich also auch Sorgen darüber, ob das ganze eine gute Idee gewesen war. Er hielt den Mund und ließ sie kommentarlos weiterreden.

„Los, geh und sieh nach, was Johnny mit dem Grill treibt und ob er es schon geschafft hat, sich dabei selbst in Brand zu stecken.“

Zur Verdeutlichung schob sie ihn in Richtung des kleinen Flecken Grases hinter dem Haus, den sie Garten nannten. Praktisch „gehörte“ er allen Parteien im Gebäude, jedoch hatte der Architekt übersehen, dass es nur durch Rhis Wohnung – oder vom Parterre des Nachbargebäudes aus – Zugang dazu gab. So konnte die Familie Davis ihn praktisch für sich selbst beanspruchen, die meisten anderen Bewohner wichen auf das Stück Rasen vor dem Haus aus, wollten sie „Natur“ genießen.

„Und du hilfst mir doch sicher auch rasch in der Küche, nicht wahr, Jack?“ Offenbar musste sie sich mit seinem Partner beraten.

Ianto warf Jack einen mitleidslosen „das hast du nun davon“-Blick zu und ging schulterzuckend nach draußen, wo beißender Rauch in großen, grauen Schwaden dahin trieb.

„I-an-to!” Johnny hob grüßend eine Bierflasche. „Herzlichen Glückwunsch und so weiter, Kumpel. Ich würde dich ja umarmen, aber am Ende gefällt dir das noch zu sehr. Und wir wollen ja nicht, dass irgendjemand eifersüchtig wird.“ Er wackelte mit den Augenbrauen und grinste breit über seinen schlechten Witz.

Ianto biss sich auf die Unterlippe bevor er tief Luft holte. „Hallo, Johnny. Danke für die... Rücksichtnahme“, entgegnete er sarkastisch. Er kam seit Jahren mit Owen zurecht, ohne ihn umzubringen – der eine Schuss in die Schulter des Arztes zählte nicht – also sollte es ein Leichtes sein, einen Nachmittag lang die Sprüche seines Schwagers zu ertragen. Aber Johnny machte es ihm wahrlich nicht leicht. Und dabei war er noch keine fünf Minuten hier…

„Hier, das wirst du brauchen.“ Johnny fischte eine zweite Flasche aus der Kühlbox und hielt sie ihm hin. „Wo hast du den Kerl versteckt, der dich dazu gebracht hat ans andere Ufer zu ziehen? Seine Schwester ist schon hier. Die ist aber ganz normal, oder? Ich meine, sie hat ein Kind. Andererseits habt ihr auch eins, also kann man da nichts drauf geben.“

Ianto dachte sehnsüchtig an die Stungun im Kofferraum. „Jack ist bei deiner Frau. In der Küche“, erwiderte er etwas spitz.

Johnny lachte laut. „Na, bei den beiden brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen“, meinte er mit einem weiteren, geradezu grotesk übertriebenen Augenzwinkern.

Er verkniff sich die Antwort, dass man das bei Jack nicht so einfach sagen konnte. Doch er hatte die vage Vorstellung, der Versuch Jack zu erklären, würde seinen eher bodenständigen Schwager überfordern. Er fühlte sich gelegentlich davon überfordert. „Ich denke, Rhi ist mehr an meiner Tochter als an meinem Mann interessiert“, entgegnete Ianto trocken. Und schluckte, als ihm klar wurde, dass er Jack eben als seinen Mann bezeichnet hatte. „Bist du sicher, dass Rhi nicht an ein drittes Kind denkt? Ich denke, sie hat da so etwas angedeutet. Vielleicht hofft sie auf ein zweites Mädchen.“

Johnny wechselte die Farbe und genehmigte sich mit einem großen Schluck Bier.

Ah, süßer Triumph..

„Hey, Ianto. Sieh mal was wir hier haben“, rief Jack hinter ihm bevor Johnny sich erholt hatte und eine Antwort darauf fand.

Dafür hatte Ianto nun auch noch die Genugtuung zu sehen wie der Kinnladen seines Schwagers nach unten klappte. Aha. Offenbar hatte Rhi es versäumt ihrem Mann Fotos von Jack zu zeigen. Was hatte Johnny wohl erwartet? Eine dieser femininen Klischee-Tunten mit affektierten Gesten und Handwedeln wie sie oft im Fernsehen auftauchten und Stylingtipps gaben oder Antiquitäten bewerteten. Mit Bluejeans, einem weißen Hemd und einer offen getragenen, dunkelblauen Anzugsweste (die aus Iantos Schrankhälfte stammte) war Jack für seine Verhältnisse moderner, aber immer noch konservativ gekleidet. Es war wirklich an der Zeit, dass er zumindest gelegentlich die Vierziger kleidungstechnisch hinter sich ließ. Egal wie sexy er mit Hosenträgern aussehen mochte und ungeachtet, das Ianto eine geradezu unangemessene Beziehung zu Jacks Militärmantel hegte...

Jack trug Rhearn auf dem Arm und ging einen Schritt hinter Rhiannon, die eine etwas schief geratene, aber bunt verzierte Torte mit brennenden Kerzen auf einem Tablett balancierte.

Ianto unterdrückte den Drang, die Kerzen nach zu zählen. Es mussten mehr als sechsundzwanzig sein, ganz bestimmt. Und vermutlich konnte man sie vom Weltall aus sehen.

Alice winkte ihm grüßend zu, sie folgte ihrem Vater mit einem zweiten Tablett, auf dem sich Teller, Besteck und Gläser befanden.

Rhi stellte die Torte auf dem runden Gartentisch ab. „Die Kinder haben mir dabei geholfen, sie zu verzieren“, verkündete sie stolz. „Beeil dich und puste die Kerzen aus, bevor sie zu tropfen anfangen. Und vergiss nicht, dir was zu wünschen.“

Er stellte sein unberührtes Bier weg und trat zum Tisch, um die Torte anzusehen. In der Mitte stand mit wackliger, rosafarbener Zuckerschrift sein Name geschrieben.

„Beeil dich“, drängelte Rhi.

Jack trat neben ihn. „Du machst es besser schnell. Ich habe mich fast in Brand gesteckt, als ich sie angezündet habe.“

Ianto zog ein wenig verlegen den Kopf ein, als Rhi und Alice klatschten und jubelten, als er die Kerzen auspustete.

Johnny hob prostend seine Flasche und gab ein „Happy Birthday“ von sich.

Die beiden Frauen jubelten erneut, als Jack ihn küsste und seine Stirn einen Moment gegen Iantos presste. Er flüsterte ihm nur ein Wort zu: „Danke.“

Dann drückte ihm Rhi ein Messer in die Hand und forderte ihn auf, die Torte anzuschneiden und zu verteilen. Als wäre es ein Aufruf gewesen, tauchten auch die Kinder auf.

Rhearn lehnte sich auf Jacks Arm so weit vor wie sie konnte und stülpte die Lippen um, offenbar versuchte sie nachzumachen wie er die Kerzen ausgeblasen hatte. Ianto setzte sich, nahm sie lachend auf seinen Schoß und bewahrte ihre kleinen Finger davor, einfach in die bunte Dekoration zu greifen. Nachdem er das erste Stück abgeschnitten hatte, gab er das Messer an Rhi ab, die beide Hände frei hatte und den Kuchen an die anderen Gäste verteilte.

Steven und David schienen sich rasch über ihr gemeinsames Hobby verbünden zu haben und verschwanden mit großen Tellern voll Kuchen in Davids Zimmer, wo ein Fußball-Spiel mehr lockte als Konversation mit Erwachsenen.

Mica, wütend darüber dass die beiden Jungs sie ausschlossen, schien Rhearn als eine Art lebendige Puppe anzusehen. Sie setzte sich neben Ianto und versuchte sie nach Babymanier zu füttern. Rhearn war darüber gar nicht begeistert, sie wollte selbst bestimmen was wann und wie in ihrem Mund landete (ihre Eltern konnten ein Lied davon singen) und weigerte sich, den Mund zu öffnen.

Wozu auch eine Gabel oder einen Löffel benutzen, wenn man zehn perfekt zum Essen geeignete Finger hatte? Und warum seufzte ihr Tad wohl, als er sah, dass sie Kuchen auf ihr Elmo-T-Shirt und die grünen Leggins geschmiert hatte? Daddy lachte und küsste sie auf den Kopf, was kitzelte.

Bevor Tränen kullern konnten – Ianto war nicht sicher, auf welcher Seite zuerst – griff Rhi ein und sagte Mica sie solle aufhören, mit ihrem Essen zu spielen. Mica schmollte und Rhearn rieb ihr verschmiertes Gesicht an Iantos Hemd.

Unterhaltungen liefen zögernd, bis Rhi begann, die Geburtstagsfeiern aus ihrer Kindheit zu schildern, an die sie sich noch erinnern konnte. Von peinlichen Auftritten Verwandter, misslungenen Gerichten und vom Regen weggespülte Gartenfeste. Ianto steuerte nur selten etwas bei, aber er beobachtete amüsiert, wie Jack förmlich an jedem Wort hing. Für sich selbst stellte er fest, dass ihn die Erinnerungen nicht mehr traurig und wütend machten, wie als Teenager. Er hatte das meiste davon einfach verdrängt. Jetzt, mit seiner eigenen kleinen Familie sah er vieles anders.

Von der Torte waren schließlich nur noch armselige Überreste vorhanden und Ianto schlug Jack auf die Finger, als er mit denselben danach griff. Schönes Vorbild.

Johnny verzog sich wieder an den Grill um die inzwischen erloschenen Kohlen wieder anzufachen. Rhi stöhnte, sie brauche ein wenig Bewegung, wenn sie heute noch irgendetwas essen sollte. Sie nahm Rhearn mit, als sie gemeinsam mit Alice zu dem mickrigen Blumenbeet ging, das die Außengrenze des winzigen Gartens beschloss. Die Blumen mussten im Schatten des Nebengebäudes wachsen, was womöglich der Grund für ihre kränkelnden Blüten waren. Oder die Angewohnheit der Leute, ihren Müll aus den Fenstern darüber zu werfen. Alice beschrieb ihre Bemühungen, den Garten ihres Vaters... Bruders... in etwas Ansehnlicheres zu verwandeln. Mica stand bei ihnen und beobachtete eifersüchtig, dass das kleine Mädchen auf dem Arm ihrer Mutter nicht zu viel Aufmerksamkeit abbekam.

Johnny kratzte dem verkohlten Grillrost herum und schien entschlossen ganz alleine den Biervorräten den Garaus zu machen.

Jack verschwand ins Haus.

Was dem Geburtstagskind einen Moment Ruhe für sich alleine ließ. Ianto widerstand dem Drang Krümel aufzufegen – sie waren im Freien, sollten sich die Würmer daran gütlich tun. Er gab zu, bisher verlief die Feier wesentlich besser als es sich vorgestellt hatte. Vielleicht lag es daran, dass Alice hier war. Als praktisch Fremde schien sie einen schlichtenden Eindruck auszuüben. Sogar Johnny hielt sich mit seinen Witzen ein wenig zurück.

Er legte den Kopf in den Nacken und genoss die Sonne auf dem Gesicht – und das Gefühl, nichts tun und nirgendwo hinzu gehen zu müssen.


tbc

 

Nach dem Essen hielt es die Kinder nicht mehr am Tisch. Steven und David kickten einen Fußball gegen die Mauer des Nachbarhauses und unterhielten sich über ein X-Box-Spiel von dem sie hofften ihre jeweiligen Eltern dazu erweichen zu können, es zu kaufen.

Mica hatte gefragt ob sie Rhearn ihr Kaninchen Brittney (benannt nach Spears, natürlich) zeigen durfte. Nun, es war eigentlich nicht wirklich ihr Haustier, sie hütete es nur während ihre Freundin im Urlaub war. Ganz weit weg in Spanien, wie Mica ihnen flüsternd anvertraute. Rhearn toddelte hinter ihr her, ihre Scheu vor Mica über das magische Wort "Haustier" vorübergehend vergessen.

Ianto stand automatisch auf, um ihnen zu folgen - zugegeben, ein Besuch bei einem Kaninchen war wesentlich ungefährlicher als bei einem prähistorischen Flugsaurier, aber man konnte nicht vorsichtig genug sein - und fast ebenso automatisch packten ihn Jack und Rhiannon, zwischen denen er saß, links und rechts an den Armen um ihn zurück auf die Bank zu ziehen.

"Entspann' dich", sagte Jack. "Wie gefährlich kann ein Kaninchen sein, das Brittney heißt und einer Siebenjährigen gehört."

"Du bist so schlimm wie Mam", kam es von Rhi. Sie schüttelte den Kopf. "Sie hatte auch ständig Angst, dass uns etwas passieren könnte. Ich musste noch mit zwölf ihre Hand halten, wenn wir die Straße überquerten und sie hat uns jeden Tag persönlich in die Schule gebracht und wieder abgeholt, wir fuhren nie mit dem Bus wie die anderen."

Ianto sah zu den beiden Mädchen hinüber.

Der Käfig stand in einer regengeschützten Nische dicht an der Hauswand (sie sollten sich nicht von der Größe des Tieres über den Gestank hinweg täuschen lassen, bemerkte Rhi trocken) und Mica holte das Kaninchen heraus, um es aufs Gras zu setzen. Brittney war zu eingeschüchtert oder zu faul um sich zu bewegen, selbst als Rhearn sie anstupste.

"Dummie", sagte Mica, aber er war nicht sicher ob sie das Kaninchen oder Rhearn meinte. Sie holte eine Bürste aus einer Plastiktüte und versuchte das wirre, verfilzte Fell glatt nach hinten zu bürsten.

Es zuckte in seinen Fingern, ihnen die Bürste abzunehmen (Brittneys Besitzerin schien sich nicht sehr mit Fellpflege zu beschäftigen) und das arme Tier einmal gründlich sauber zu machen, bevor er die Kinder damit spielen ließ. Aber - abgesehen davon, dass ihn weder sein Partner noch seine Schwester aus den Augen ließen und er so kaum unauffällig lange genug mit Brittney ins Bad verschwinden konnte, um heraus zu finden, ob ihr Fell von Natur aus diesen trüben gelb-braunen Farbton hatte - war das nicht sein Haushalt und er im Übrigen hier, weil er Geburtstag hatte, nicht um seiner Schwester Putztipps zu geben. Musste er eben doppelt so wachsam sein, dass Rhearn nichts zu essen anfasste, bevor er ihr die Hände gründlich gewaschen hatte.

Johnny beugte sich vor. "Hey, Ianto. Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist?", fragte er.

Ruckartig saß Ianto aufrecht und blinzelte überrascht, jeden Gedanken an Fellpflege vergessend. "Was?", wiederholte er, nicht sicher ob er seinen Schwager richtig verstanden hatte.

"Seit wann du schwul bist." Johnny verschränkte die Arme und zeigte dabei eine angesengte Stelle seines T-Shirts, das zu nah an den Grill geraten war. "Als du das letzte Mal hier warst, hattest du eine Verlobte. Also warst du es damals nicht."

Rhi verhielt sich verdächtig still und Ianto konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass sie ihren Mann zu dieser Frage angestiftet hatte.

Jack setzte zu einer Antwort an, überlegte es sich jedoch anders und hielt den Mund. Stattdessen wandte er sich Ianto zu und zog fragend die Augenbrauen hoch.

Alice war die einzige, die ihm einen sympathischen Blick zuwarf, der jedoch nicht ganz die Neugier dahinter aufwog.

"Komm' schon, nur unter uns Erwachsenen", drängte Johnny. "Du hast ein Kind – und das zusammen mit einem anderen Mann, da kannst du nicht erwarten, dass wir keine Fragen stellen."

Oh, eindeutig steckte Rhi hinter allem. Vermutlich hatte sie Johnny die Fragen auswendig lernen lassen.

"Seit wann bist du ein warmer Bruder?"

Nun, das war 100%ig Johnny.

Ianto seufzte. "Ich weiß nicht, ob ich schwul bin", sagte er dann leise. Jack legte ihm unter dem Tisch die Hand auf den Oberschenkel. "Ich meine... ich liebe Jack. Und er ist ein Mann." Er sah seinen Partner an und fand nur Ermutigung in Jacks Augen. "Aber da war nie etwas Ernstes mit einem anderen Mann bevor ich ihn getroffen habe."

Rhi riss die Augen weit auf. "Was meinst du damit, nie etwas ERNSTES mit einem anderen Mann VOR Jack?", fragte sie überrascht. "Aber da war nie... du hast nie... Du hast immer nur von Frauen gesprochen."

"Wie gesagt, es war nichts Ernstes, nur... Herumexperimentieren. Wieso hätte ich mit dir darüber sprechen sollen."

"Wieso? Vielleicht weil ich es wissen wollte, wenn mein kleiner Bruder..."

"...ans andere Ufer wechselt", warf Johnny hilfreich ein und erhielt dieses Mal dafür einen Tritt gegens Schienbein von seiner Angetrauten.

"Ich bin nirgendwo... hin gewechselt." Ianto zuckte mit den Schultern. Er sah Jack wieder hilfesuchend an. "Aber ich würde jetzt gerne das Thema wechseln."

"Ich verstehe immer noch nicht, warum du das so lange vor mir geheim gehalten hast." Rhi zerzupfte unglücklich eine Papierserviette in kleine Fetzen.

"Es kam nicht zur Sprache." Ianto seufzte frustriert. "Was hätte ich tun sollen? Es beiläufig während eines unserer Telefonate erwähnen? Hallo, Rhi. Wie geht es der Familie? Gut? Schön", imitierte er ein Gespräch, einen imaginieren Telefonhörer ans Ohr halten. "Hat Johnny wieder einen Job? Nein? So ein Pech. Ich hatte übrigens neulich Oralsex auf der Toilette eines Pubs. Mit einem Mann. Was, ob es mir gefallen hat? Ja, das hat es. Sind Davids Koliken inzwischen besser?" Er hatte unwillkürlich die Stimme erhoben.

Rhearn stoppte in ihren Bemühungen eine aufgeplusterte Brittney zum Hoppeln zu bringen und sah mit großen, runden Augen zu den Erwachsenen hinüber. Sie bemerkte kaum, dass Mica gelangweilt abgerupftes Gras auf ihren Kopf rieseln ließ.

Ianto verschränkte die Arme vor der Brust.

Johnny kratzte an dem aufgeweichten Etikett seiner Bierflasche herum.

Rhi starrte auf das Häufchen Serviettenschnipsel auf ihrem Teller.

Alice sah zu den Jungs hinüber, die für einen Moment innehielten um die Schmutzspuren zu bewundern, die der Ball an der grauen Wand hinterlassen hatte.

Und Jack formte lautlos die Worte: "Details? Bitte?" mit den Lippen.

Ianto rollte die Augen. Manchmal war das Verhalten seines Partners so vorhersehbar. Und obwohl er Jack dabei ansah, waren seine Worte an die anderen am Tisch gerichtet. "Ich liebe Jack und ich liebe ihn, weil er Jack ist und nicht weil er ein Mann ist. Ich möchte denken, dass ich das auch tun würde, wenn er eine Frau wäre."

"Oh wirklich? Ich meine, wir können gerne darüber reden, wenn ich ab und zu ein Kleid für dich tragen soll", meinte Jack grinsend und legte den Arm um Iantos Taille. Er zuckte nicht einmal als ihn der jüngere Mann mit der Ferse gegens Schienbein kickte. "Und diese Beine? In Stöckelschuhen? Ich wette, das würde..."

Er brach ab, als Ianto etwas weniger subtil den Ellbogen in seine Seite rammte. Wie er Jack kannte, war das kein Scherz...

"Aua! Muss ich wieder die Hotline für misshandelte Ehefrauen anrufen?"

"Wieder?", fragte Alice amüsiert. Sie wusste ganz genau dass ihr Vater die Stimmung aufzulockern versuchte.

Sofort setzte Jack eine Oscar-verdächtige Leidensmiene auf und schlug dramatisch die Hand vor die Stirn wie eine Stummfilm-Heroine. Fehlte nur noch das gezückte Spitzentaschentuch um sich die Augen abzutupfen. "Ihr habt ja keine Vorstellung", rief er mit praktisch tränenerstickter Stimme. "...wie gemein Ianto sein kann." Er gab ein Schnüffeln von sich, das aber mehr nach Erkältung als nach Empörung klang. "Er gibt mir entkoffeinierten Kaffee zu trinken."

Johnny klappte den Kinnladen wieder hoch, als ihm endlich aufging, dass Jack scherzte. Rhi blinzelte und biss sich auf die Unterlippe um nicht zu grinsen.

"Er droht mir damit, dass ich im Arbeitszimmer schlafen muss. Stellt euch das vor – ich soll dort ganz alleine schlafen!" Jack seufzte abgrundtief. "Das ist emotionale Grausamkeit. Und das Schlimmste..." Jack legte erneut eine dramatische Pause ein. "Er weigert sich, einen ehrlichen Mann aus mir zu machen und mich zu heiraten", endete er mit einem ausgesprochen gut hörbaren Flüstern. "Ich habe Angst, dass er bald auch noch unsere Tochter zwingen wird, saubere Kleidung zu tragen und sich die Hände vor dem Essen zu waschen."

Alice gab ein trockenes "Fürchterlich" von sich und beugte sich vor, um Jack tröstend die Schulter zu tätscheln.

Johnny grinste, wenn er auch einen verunsicherten Blick mit seiner Frau wechselte.

Ianto konnte ihn förmlich in Gedanken über das Wort "heiraten" in Bezug auf zwei Männer stolpern hören. Und er wusste, dass seine Wangen tiefrot waren, denn das war sicher eine Retourkutsche von Jack. Alles nur, weil er darüber gelacht hatte, dass das Team vor einer Weile - absurderweise - dachte, Jack und er würden heimlich ihre Hochzeit planen. Tosh hatte ihm noch nicht völlig für dieses (peinliche) Gespräch verziehen.

Er griff nach Jacks Kinn - sein Griff vielleicht ein wenig fester als erforderlich - und drehte seinen Kopf zu sich herüber, um ihn zu küssen. Direkt auf den Mund und direkt vor den Augen aller. Jack grinste triumphierend und versuchte sofort, ihm die Zunge in den Hals zu stecken.

„Ich hätte mir doch einen Hund zulegen sollen, von dem kann ich es wenigstens erwarten, dass er mich abzulecken versucht“, meinte Ianto seufzend. Er wusste sein Partner würde die Anspielung verstehen.

Jack grinste und küsste ihn zärtlich auf die Schläfe. „Wuff.“


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Ianto sah auf, als Jack zurückkam – er hatte nach den Jungs gesehen, die sich müde vom Toben draußen nun (unter Alice‘ Aufsicht) in Davids Zimmer eine epische Schlacht an der Spielekonsole lieferten - sich neben ihn setzte und den Arm um seine Schulter legte. Er küsste ihn bevor Jack etwas sagen konnte (oder sich noch einmal dafür entschuldigen, an der Verschwörung beteiligt gewesen zu sein).

Rhi hatte es sich nicht nehmen lassen, Rhearn in die Küche zu bringen um ihr das Gras aus den Haaren zu entfernen. Mica war ihrer Mutter vorsichtshalber gefolgt. Johnny war damit beschäftigt, die Asche aus dem Grill in einem Loch in der Ecke des Gartens zu entsorgen ohne sich die Schuhsohlen anzusengen. Somit hatten sie den Garten praktisch für sich alleine.

„Ich glaube, ich muss dich nicht fragen, ob du dich inzwischen mit der ganzen Party-Sache angefreundet hast? Oder bist du einfach nur darauf aus, Johnny zu schockieren?“, scherzte Jack lachend und spielte auf Iantos übliche Reserviertheit bei „öffentlichen Zuneigungsbekundungen“ (der Begriff stammte aus dem Handbuch über „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“, mit dem sie im Büro so viel völlig unangebrachtes Vergnügen hatten) an.

„Lass es dir nicht zu Kopf steigen“, erwiderte Ianto. „Ich könnte einfach nur zu viel getrunken haben.“

„Dann ist es jetzt an der Zeit, dir dein Geburtstagsgeschenk zu geben.“ Jack hob suggestiv die Augenbrauen.

„Nicht hier!“, zischte Ianto und gab ihm einen Klaps auf den Oberschenkel. „Ich bin nicht so betrunken!

„Ich meinte mein anderes Geburtstagsgeschenk.“ Jack grinste. „Und da sagt man, ich würde immer nur an das eine denken.“

„Das tust du auch. Du färbst ab.“ Ianto rieb entschuldigend die Stelle, die er eben geklapst hatte, achtete aber wohlweislich darauf, seine Hand außerhalb jeglicher gefährlicher Zonen zu belassen.

Jack zog eine inzwischen leicht zerknitterte Broschüre aus der Brusttasche seines Hemdes und hielt sie ihm vor die Nase. Ianto nahm sie, strich sie glatt und überflog die Überschriften.

„Okay“, sagte er zögernd. „Es findet eine Sonderausstellung mit Fahrzeugen aus den James-Bond-Filmen im National Motor Museum statt. In Beaulieu House, in... Hampshire. Planst du unseren nächsten Urlaub?“

„Ich plane ihn vor allem für die nahe Zukunft.“ Jack drehte die Broschüre um, und zeigte auf eine angeheftete Visitenkarte mit der Adresse eines Reisebüros, das ganz in der Nähe von Mermaid Quay lag. „Genauer gesagt bin ich schon über das Planen hinaus. Die Buchungsbestätigungen sollten inzwischen auf deinem Schreibtisch liegen.“

„Mein Geschenk ist ein Ausflug nach Hampshire? Du und ich und Rhearn?“ Ianto sah lächelnd von den Hochglanzfotos auf.

„Zuerst dachte ich: 24 Stunden, du, ich, ein Bett und möglicherweise Roomservice, um bei Kräften zu bleiben.“

„Screw-cation.“

„Aber das plane ich ohnehin für uns.“ Jack grinste. „Dann hat mir Martha das gemailt.“ Er tippte auf den Prospekt. „Offenbar hat ein Kollege Tom davon erzählt, und sie planen bei ihrem nächsten Trip nach London einen Besuch dort. Sie dachte, es wäre auch etwas für uns. Für einen Urlaub für uns Drei. Jetzt wo Rhearn alt genug ist... Ein Mini-Urlaub. Vier Tage ganz für uns, ohne Torchwood,  ohne Alien, ohne Arbeit. Ich habe zuerst einen Tag in London geplant, und dann fahren wir weiter nach New Forest, wo ich uns ein Hotel mit ausgezeichnetem Nanny-Service gefunden habe - das heißt, wir können Rhearn einen Abend oder zwei ohne jedes schlechte Gewissen mit einem Babysitter im Hotel lassen und uns alleine vergnügen. Es liegen für uns zwei Tagespässe für Beaulieu House bereit, neben dem Museum haben sie auch Gärten in denen Rhearn toben kann, Parks, eine – wie ich gehört habe – sehr romantische Ruine einer Abtei, wenn wir genug davon haben, Autos anzusehen...“ Jack stoppte, als Ianto noch immer schwieg. „Das ist doch okay, oder?“, fragte er, plötzlich wieder so angespannt, fast unsicher wie damals, als er Ianto um ein erstes, offizielles Date bat. „Es gefällt dir?“

„Ob es mir gefällt?“ Ianto hakte einen Arm um seinen Nacken um ihn zu küssen. „Ich denke ich laufe Gefahr gleich wie ein Mädchen loszuheulen. Es ist perfekt.“

Mit einem erleichterten Lachen küsste Jack ihn auf die Nase – die Ianto prompt kraus zog – und sammelte die Broschüre auf, die zu Boden gefallen war. „Gut, einen Moment lang habe ich mir nämlich wirklich Sorgen gemacht...“

„Selbst wenn wir bei Dauerregen in einer heruntergekommenen Bruchbude irgendwo im Nichts stranden würden, würde ich es lieben.“ Ianto sah auf die Broschüre in Jacks Hand. „Wie bald können wir losfahren?“

„Oh, ich dachte an Montag.“

„Montag! Diesen Montag?“ Ianto war auf den Beinen und ging vor Jack auf und ab, während er an den Fingern abzählte. „Aber es ist bereits Freitag, Jack. Die Zeit reicht nicht für alle Vorbereitungen! Das Team... wissen sie überhaupt, dass wir Urlaub machen? Das wir beide für volle vier Tage nicht da sind, jetzt wo Gwen auch ausfällt. Jemand muss sich um unser Haus kümmern und hast du eine Ahnung wie viele Sachen es für eine Reise mit einem Kleinkind zu organisieren und zu packen gibt...“

„Holst du irgendwann auch Luft?“, unterbrach ihn Jack amüsiert. „Das Team hat mir geholfen, den Urlaub zu planen. Wir denken es wäre eine gute Gelegenheit, Detective Swanson eine Trainingswoche im Hub absolvieren zu lassen, damit sie auch unsere Seite der Organisation genau kennen lernt und wenn alles schief geht, hat Martha mir versprochen, dass sie uns Hilfe von UNIT schickt. Alice und Steven wohnen so lang in unserem Haus, du musst dir also auch darüber keine Sorgen machen. Wir haben das ganze Wochenende Zeit zu packen, aber ich persönlich bin dafür, dass wir nur das Nötigste für Rhearn mitnehmen und uns alles andere vor Ort kaufen. Montagmorgen steht ein Mietwagen für die Fahrt vor unserer Tür. Es besteht kein Grund für einen Panikanfall.“

„Klingt so als hättest du wirklich alles im Griff.“ Ianto fühlte sich ein wenig… nun ja, dumm… als er sich durch die Haare fuhr. „Alles ist schon organisiert?“

„Sieht so aus, als würde auch das eine oder andere von dir auf mich abfärben“, neckte Jack ihn und hakte die Finger in Iantos Gürtelschlaufen. Er sah zu ihm auf. „Ich werde irgendwann eine Möglichkeit finden, den Rift entweder zu verschließen oder ihn zumindest besser zu kontrollieren. Wir werden eine Möglichkeit finden“, korrigierte er sich. „Torchwood ist nicht alles. Nicht für den Rest deines Le... für den Rest unserer Zeit.“

„Ich weiß das.“ Ianto beugte sich zu ihm hinunter und küsste Jack auf die Schläfe, als könne er damit den Gedanken auslöschen, der im Hintergrund sein hässliches Haupt hob. Torchwood oder nicht, Iantos Lebenszeit war begrenzt. Er schob ihn zur Seite, wie er es oft zuvor getan hatte. Das war nicht der richtige Moment, nicht an seinem Geburtstag, um auf seiner Sterblichkeit zu verweilen. „Und ich bin sicher wir finden eine Möglichkeit. Das müssen wir, schon alleine um Rhearn daran zu hindern, dass sie in unsere Fußstapfen treten will.“

Jack lachte leise. „Sie hat Talent, nicht wahr?“, sagte er, an den Zwischenfall mit dem Ausflug an den Strand und den außerirdischen Quallen denkend.

„Wage es nicht, Witze darüber zu machen, Jack Harkness!“, grollte Ianto spielerisch. „Meine Tochter wird einen ganz normalen Beruf erlernen.“

„So besitzergreifend, Mister Jones. Du weißt wie mich das anmacht.“ Jack wackelte mit den Augenbrauen. „Du könntest mir mehr über dein Abenteuer auf der Pub-Toilette erzählen. Oder besser noch, wir suchen das Bad und du gibst mir eine Demonstration.“

Ianto schlug lachend seine Hände weg, die versuchten den Saum der Jeans entlang zu wandern. „Das könnte dir so passen, aber ich bestehe in diesem Fall darauf, die Aussage zu verweigern, weil ich mich selbst belasten könnte.“ Jack schmollte. „Vielleicht ein anderes Mal.“ Ianto brachte sich rasch außer Reichweite, obwohl er wusste, dass es nur ein Scherz war. „Aber in einem Punkt hast du recht, ich denke es ist ein Ausflug ins Badezimmer fällig. Allein.“ Er lächelte. „Du kannst dich ja an die Hotline für vernachlässigte Ehefrauen wenden bis ich wieder da bin.“

„Es waren misshandel... Oh! Snap. Das war ein Witz.“ Jack grinste. „Wenn du zu lange weg bist, muss ich nachsehen kommen“, rief er ihm hinterher. Er blickte sich um und überlegte ob er seine Tochter aus Rhis Fängen befreien sollte, oder doch nochmals nach den Jungs sehen? Dann bemerkte er, wie Johnny Anstalten machte, zu ihm zu treten – und beschloss, dass er ebenfalls dringend die Toilette aufsuchen musste.



tbc



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*) Die Ausstellung „Bond in Motion“ befindet sich tatsächlich 2012 neben vielen anderen Autos im National Motor Museum in Beaulieu House, New Forest in Hampshire mit den Fahrzeugen aus den Bond-Filmen.

Ich habe darüber gelesen und dachte, dass es das perfekte Geschenk wäre, was wiederum überhaupt zur Existenz dieser Story betrug.

(Mehr Info hierzu findet sich auch bei Wikipedia (in englisch): http://en.wikipedia.org/wiki/National_Motor_Museum)

 

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Ianto öffnete die Tür zum Badezimmer - und prallte fast vor Schreck zurück, als unvermittelt der Doctor vor ihm stand.

„IANTO! JONES!“

Er wurde gedrückt, bis ihm fast die Luft wegblieb. „Doctor“, entgegnete Ianto trocken als der Timelord ihn letztlich wieder losließ. Und ihm über die Wange leckte. Was zum...?

„Oh.“ Der Doctor grinste breit. „Ich musste sicher sein, dass du es bist. Nichts besser als der Geschmackssinn, nun, zumindest bei Menschen. Es gibt ein paar Spezies, die Gift über die Haut absondern. Nicht zu empfehlen, hätte mich fast eine Regeneration gekostet. Wusstest du übrigens, dass du nach Jack schmeckst?“

Der Timelord schnalzte mit den Lippen wie ein... nun, Ianto wollte lieber keinen Vergleich finden. Eher eine Flasche mit Desinfektionsmittel. Er rieb sich mit dem Handrücken über seine Wange. „Nein, das wusste ich nicht. Aber es wundert mich nicht wirklich. Wir verbringen eine Menge Zeit mit Körperkontakt.“

„Ooooohh, bei Jack glaube ich das sofort. Eine wirklich große Menge Zeit, nehme ich an.“ Er zupfte an seiner Fliege. „Ich weiß, das ist eine komische Frage“, meinte der quirlige Timelord dann. „Aber wie spät ist es und bin ich möglicherweise zu spät?“ Er deutete hinter sich, wo... in... der Duschkabine, nun... eine altmodische blaue Telefonbox stand, deren Anblick Ianto inzwischen nur zu vertraut war. „Die Tardis weiß wirklich immer wo Jack ist, aber sie hat gezögert mich hierher zu bringen. Und das ohne Erklärung! Aber du bist hier, also sieht es so aus, als wäre ich richtig.“ Er wippte auf den Fußballen. „Wo ist übrigens hier?“ Er sah sich neugierig um.

„Das Badezimmer meiner Schwester!“, zischte Ianto, dem abrupt einfiel, wo sie sich befanden. „Leiser, okay? Sie weiß von nichts.“

„Nichts von was?“ Der Timelord blinzelte verwirrt.

„Sie weiß nichts von Alien. Torchwood. Nicht mal von Timelords“, erwiderte Ianto sarkastisch.

„Oh.“ Der Doctor kratzte sich unter dem Fez. Eine besondere Gelegenheit erforderte eine besondere Kopfbedeckung. „Macht nichts, ich kann schweigen.“ Er grinste ohne zu erklären, was daran so komisch war.

Ein Blick auf den Timelord und seine Schwester würde ihn so lange auf kleiner Flamme über dem offenen Feuer rösten, bis sie ihre Antworten hatte. „Es tut mir leid, das geht nicht. Du musst wieder gehen. Sofort.“

„Ianto? Wo bleibst du so lange?“ Jack klopfte gegen die verschlossene Tür. Fast sofort war das Zurückklicken des Riegels zu hören. „Du kannst dich hier drin nicht verstecken. Das ist immer noch deine Party.“ Er kam herein und lachte, als er den Timelord sah. "Doctor. Was soll ich nur darüber denken, dass ich dich mit meinem Mann im Badezimmer erwische."

„Ich denke, dass das was du jetzt denkst, auf etlichen Planeten verboten und auf anderen anatomisch unmöglich ist“, erwiderte der Timelord und umarmte Jack grinsend und mit viel Schulterklopfen.

Ianto sah, dass Jack keinem Lecktest unterzogen wurde. Er schüttelte sich. Umso besser, das war kein Bild, das er in seinem Kopf haben musste.

„Genau der Captain, den ich sehen wollte“, meinte der Timelord, als er Jack losließ. „Oh, hat dich dein junger Mann endlich dazu überredet, etwas anderes zu tragen? Aber schade um die Hosenträger. Hosenträger sind praktisch. Es gibt keine andere Rasse im Universum, die so...“

„Du wolltest mich sehen? Mich?“, fragte Jack, bevor Timelord der sich in einen Vortrag über die Nützlichkeit von Hosenträgern stürzen konnte. Er schlang wieder einen Arm um Iantos Taille, die Unruhe im Gesicht seines Partners bemerkend. Richtig. Sie befanden sich nicht im Hub, wo sie völlig gefahrlos ein Plauderstündchen mit dem Doctor abhalten konnten. Jeden Moment mochte eines der Kinder oder Rhiannon oder Johnny auftauchen, um zu sehen, wo sie steckten. Und er würde lieber diesen Tag nicht mit einer Dosis Retcon für alle beenden. Vielleicht könnten sie so tun, als wären sie für einen Quickie ins Bad verschwunden... Als würde Ianto mitspielen. „Du bist also nicht hier, weil Ianto Geburtstag hat?“

Für einen kurzen Moment zeigte sich der Timelord verlegen, dann grinste er wieder. „Nuuuun, dafür habe ich eine Zeitmaschine. Ich komme einfach wieder. Oooooh. Und ich weiß auch schon ein tolles Geschenk. Obwohl ich denke es wird Jack genauso gut gefallen, ihr könnt beide...“

So sehr diese Bemerkung auch seine Neugier reizte, sie hatten keine Zeit für lange Gespräche. „Wieso hast du mich gesucht? Ist irgendetwas passiert?“ Jack schnitt eine Grimasse. „Es findet gerade keine Invasion, oder so etwas statt? Bitte nicht. Nicht jetzt. Wir haben gerade erst gegessen. Rhi hat mir noch ein Stück Geburtstagstorte versprochen und wir wollen mit den Jungs Fußball spielen bevor es dunkel wird.“

„Keine Invasion. Nein. Nun, nicht mehr. Das ist alles vorbei. Kalter Kaffee von vorgestern, so sagt man doch, oder?“

Ianto machte sich nicht die Mühe, ihn zu korrigieren.

„Ich dachte, du wolltest es vielleicht wissen. Du bist ihnen früher schon einmal begegnet, also Torchwood hatte mit ihnen zu tun, aber ich denke, du persönlich auch?“ Der Timelord wippte wieder auf den Fußballen, die Hände in die Taschen seines Tweedjacketts (komplett mit Lederflicken an den Ärmeln) geschoben.

„Doctor, das ist eine lange Liste wenn wir aufzählen, wem ich alles in meinem Leben begegnet bin. Auch wenn wir es auf den Zusammenhang mit Torchwood einschränken.“ Jack hatte sich wieder entspannt.

„Oh, sie... also eure Regierung... nennen sie hier 456 – leichter auszusprechen, als ihr richtiger Name. Schwer wenn man nur eine Zunge hat.“ Der Doctor zog zur Demonstration mit zwei Fingern seine Zunge heraus und verbog sie. Dann gab er ein Gurgeln von sich, das nach kaputtem Ausfluss klang. „So ähnlich… auf jeden Fall irgendwie ähnlich.“

Ianto sah Jack an, als er spürte, wie sich sein Partner neben ihm steif aufrichtete. Jacks Griff um seine Mitte wurde fast schmerzhaft eng. „Jack?“, fragte er leise. „Was ist es, cariad?“

„Was ist passiert, Doctor?“ Jacks Stimme klang merkwürdig dumpf, als käme sie aus weiter Ferne.

„Sie hatten Kontakt mit jemand auf der Erde. Jemand, der mit der Regierung in Verbindung getreten ist, anstatt mit Torchwood oder UNIT.“ Der Timelord hatte aufgehört herum zu hippeln und musterte seinen alten Freund ernst. „UNIT hat… Kontakte… in Whitehall und einer dieser Kontakte fand, dass das eine Nummer zu groß für sie wäre und hat Martha angerufen.“

„Martha weiß davon?“, fragte Jack scharf. „Wieso hat sie mich nicht direkt angerufen? Ich dachte wir…“ Er unterbrach sich, als Ianto die Hand auf seinen Arm legte und sah seinen Partner an.

„Ich bin sicher sie hatte ihre Gründe, Jack.“ Ianto sah den Timelord an. „Demnach sind die 456 keine Freunde der Menschheit, Doctor?“ Ein sarkastischer Unterton schwang in seinen Worten mit.

„Oh, sie sind eher allgemein… unbeliebt. Die Shadow Proklamation hat sie geächtet. Sie haben ein paar hundert Strafbefehle allein in diesem Sternensystem und werden in drei Galaxien gesucht. Entführung… Drogenhandel… Aussetzen von illegalen Viren in geschützte Ökosysteme. Kontakt mit verbotenen und unterentwickelten Planeten.“ Der Doctor wippte auf den Fersen. „Komischer Name – 456 – nicht? Aber wir konnten sie orten, ihr Schiff kreiste im Orbit. Die Tardis und ich hingen herum bis die Judoon ankamen. Martha lässt übrigens Grüße ausrichten und…“ Der Timelord grinste. „…ihr Jungs sollt die Hochzeit nicht vergessen. Ihre Mutter hat offenbar die Planung endgültig übernommen. Jack, erinnerst du dich, wie Francine…“

Aber Jack war nicht mehr da.

„Was habe ich gesagt?“, fragte der Doctor.

Ianto wandte sich ihm wieder zu. „Du gehst jetzt besser“, sagte er streng. „Und bitte ohne dass jemand etwas bemerkt.“ Er nickte zur Tardis. „Ich bin sicher, sie kann auch leise abheben.“ Die Tür der Tardis ging von selbst auf – lautlos – was Ianto als ihre Zustimmung deutete.

Der Timelord starrte ihn an als wären ihm Hörner gewachsen oder er hätte sich grün verfärbt. Dann grinste er breit und nickte, als hätte er die Antwort auf eine vor langem gestellte Frage erhalten. „For-mi-da-bel“, er rollte das Wort über die Zunge. „Schickt mich einfach weg.“ Er lachte. „Jack ist wirklich erwachsener geworden. Zumindest, was die Auswahl seiner Partner betrifft. Der letzte war… Er hat versucht, die Tardis zu stehlen. Sie hat ihm einen netten, elektrischen Schlag verpasst.“

Ianto verschränkte die Arme vor der Brust. So gerne er sich auch vorstellte, wie John Hart von dem lebenden Schiff gezappt wurde, er wünschte wirklich, der Timelord würde endlich verschwinden. Er räusperte sich nachdrücklich.

„Okay, okay.“ Mit einem Winken verschwand der Doctor in seinem Schiff. Die Tür poppte noch einmal auf. „Wir sehen uns – früher oder später.“ Dann schloss sich die Tür endgültig und die Tardis verschwand, das Geräusch ihrer Motoren gedämpft.

Nach einem prüfenden Blick in die Runde verließ Ianto das Badezimmer – und rannte fast seine Schwester um. „Rhi!“

„Hast du dieses merkwürdige Geräusch gehört?“, fragte Rhiannon. „Es klang wie damals als David seine Turnschuhe in den Trockner gesteckt hatte.“

„Ich habe nichts gehört“, log Ianto. „Vielleicht war es draußen. Ähem… hast du Jack gesehen?“

„Ja.“ Sofort war ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet. „Ihr habt euch nicht gestritten, oder? Ich dachte du bist okay mit der Party und…“

„Nein, wir haben nicht gestritten. Ehrlich, Rhi. Ich denke, er hat einfach nur zu viel gegessen.“

„Oh, dann ist er bestimmt raus um ein wenig frische Luft zu schnappen. Wart ihr deshalb so lange im Bad? Ich dachte mir, dass er ein wenig blass aussieht.“ Rhi blockierte noch immer den Weg.

„Wo ist Rhearn?“, versuchte Ianto das Thema zu wechseln. „Ich werde sie in die Wanne stecken, sobald wir Zuhause sind und du solltest wirklich das gleiche mit Mica tun. Dieses Kaninchen…“

„Jetzt hab dich nicht so, Ianto. Ein bisschen Schmutz hat noch keinem Kind geschadet. Sie ist bei Jacks Schwester. Denkst du übrigens, Alice könnte David Nachhilfe geben?“

„Rhi, sie wird in Kürze nach London zurückfahren. Außer, du denkst an Fernunterricht…“ Ianto schob sie kurzerhand zur Seite. „Entschuldige, Rhi, aber ich will kurz nach Jack sehen, okay?“ Er wartete nicht auf ihre Antwort. Ihre Tochter war bei Alice in guten Händen, er konnte sich auf seinen Partner konzentrieren.

Die Hitze des Tages war abrupt verflogen und ein Schauer lief durch Ianto als er ins Freie trat. Die herumlungernden Teenager waren verschwunden. „Jack?“ Ianto blieb in der Mitte des Rasens stehen und drehte sich einmal um die eigene Achse, bevor sein Blick auf Jack fiel, der ein Stück von ihrem Wagen entfernt auf dem Bordstein saß.

Er setzte sich neben ihn, nicht darum bekümmert, ob seine Hose schmutzig wurde. „Hey“, sagte er, als hätten sie sich nicht erst vor ein paar Minuten das letzte Mal gesehen. Jack saß vornüber gebeugt, die Arme um sich selbst geschlungen, als hätte er einen Schlag in den Magen erhalten. „Er ist wieder weg. Vorerst, denke ich.“ Seine Schulter streifte Jacks und der andere Mann lehnte sich in seine Berührung. „Hattest du tatsächlich schon einmal mit ihnen zu tun? Mit diesen 456?“, fragte Ianto schließlich, als Jack schwieg.

„Ich... ich habe ihnen...“ Jack holte tief Luft. „Ich habe ihnen zwölf Kinder gegeben. Torchwood eigentlich... aber ich musste sie ihnen übergeben. Wir sind in einem Schulbus hingefahren. Es waren Waisenkinder. Es war mitten in der Nacht, damit uns niemand sieht…“ Seine Stimme verklang, als er den Erinnerungen nachhing.

Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. „Kinder?“, wiederholte Ianto ungläubig. „Wieso hat Torchwood Kinder an Aliens ausgeliefert, Jack? Menschliche Kinder? Keine, die durch den Rift gefallen sind und zurückgebracht werden sollten, oder?“ Er hoffte, er hatte Jack falsch verstanden. Ianto hatte keine Illusionen über Torchwood, aber Kinder?

Jack schüttelte den Kopf. „Sie wollten die Kinder, weil sie wie eine Droge für sie sind. Es hat etwas mit Hormonen zu tun. Mehr weiß ich nicht, niemand hat sich die Mühe gemacht, es mir zu erklären und ich habe später nie mehr darüber herausgefunden. Sie wollten sie als Gegenleistung für ein Mittel gegen eine mutierte Version der Spanische Grippe. Einen Virus, den sie vorher selbst freigesetzt haben, um uns zu erpressen.“ Er sah Ianto an und sofort wieder weg. „Ich habe schon einmal die Spanische Grippe durchlebt. 1918. Es sind viele junge, ansonsten kerngesunde Menschen gestorben.“

Da war etwas in seiner Stimme das Ianto verriet, dass es mehr als eine allgemeine Bemerkung war. Jack hatte damals jemand verloren, den er geliebt hatte. Wie so oft.

Ianto stand auf.

Jack rieb sich mit einer wütend wirkenden Geste übers Gesicht. „Es ist okay, wenn du mich jetzt eine Weile nicht sehen willst. Ich verstehe das“, meinte er, seine Stimme rau. „Du musst mich für ein Monster halten.“

Doch Ianto ging nicht, er kniete nur über Jacks Beinen und umschloss das Gesicht seines Partners mit beiden Händen, es anhebend, bis er ihm in die Augen sehen konnte. „Idiot“, wisperte er. „Ich gehe nirgendwohin.“ Jack atmete hörbar ein, als er ihn an sich zog und einen Kuss gegen seinen Kopf presste. Dann sackte er gegen seinen Partner und seine Arme umfassten Ianto fest genug, dass der seine Rippen knacken zu hören glaubte. „Es muss schrecklich gewesen sein, das zu tun“, murmelte Ianto. „Und ich kann mir nicht einmal annähernd vorstellen, wie du dich gefühlt hast.“

„Sie haben mir keine Wahl gelassen.“ Jacks Stimme klang gedämpft. Sein Atem drang durch Iantos Hemd.

„Oh, Jack. Ich weiß. Ich habe lange genug für London gearbeitet, um das zu wissen.“ Die harte Betonkante tat seinen Knien weh und er wusste, dass sie vermutlich ein Spektakel für Rhis Nachbarn boten, aber Ianto ignorierte es.

„Es wurde alles vertuscht. Nur ein paar wenige Leute wussten Bescheid. Niemand schien die Kinder zu vermissen, sie verschwanden einfach in einem bürokratischen... Nichts. Eins von ihnen ist weggelaufen. Sie haben mich losgeschickt, es zu suchen, aber ich habe behauptet, dass ich es nicht finden konnte. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Mädchen oder ein Junge war, aber ich habe es lange in meinen Träumen gesehen.“ Jack verstummte.

Plötzlich wurde einiges klar, dass Jack während und nach der Angelegenheit mit den Feen gesagt hatte. Jasmin… ein weiteres Kind, das er hergeben musste, um die Welt zu retten. Und sein Bruder Grey - noch ein verlorenes Kind. Oh, Jack. Wie viel mehr von diesen Dingen kannst du noch mit dir herumschleppen?, dachte Ianto.

„Es tut mir leid, dass ich dir deinen Geburtstag ruiniert habe.“ Jack hob den Kopf.

„Vergiss es, nichts davon ist deine Schuld. Ich hätte ohnehin bald vorgeschlagen nach Hause zu gehen, es ist höchste Zeit dass unsere Tochter ins Bett kommt. Du wartest einfach hier im Auto auf uns, während ich Rhearn von meiner Schwester loseise und uns entschuldige.“ Ianto stand auf und hielt ihm die Hand hin.

Jack ließ sich von ihm auf die Beine helfen, und küsste Ianto dankbar. Er nahm den Autoschlüssel, den Ianto aus seiner Tasche zog und ging zum SUV, während sein Partner nach drinnen verschwand. Er deaktivierte die Alarmanlage, nahm auf dem Beifahrersitz Platz und lehnte sich zurück. Er fühlte sich erschöpft… erschöpfter, als nach dem Ringen mit einem Weevil oder nach einem seiner Tode. Doch es war auch Erleichterung, die seine Arme und Beine bleischwer werden ließ. Er schüttelte über seine eigene Dummheit den Kopf: zu glauben, dass Ianto sich von ihm abwenden würde – wegen etwas das zwanzig Jahre vor seiner Geburt passiert war... Er unterschätzte den jungen Waliser immer wieder.

Ein paar Minuten später wurde die Tür geöffnet und bevor er fragen konnte, wie Rhi es aufgenommen hatte, saß Rhearn auf seinem Schoß und plapperte aufgeregt von einem Spiel, das sie mit Mica gespielt hatte... oder vielleicht ging es auch um einen Hund, er war nicht sicher. Und dann, ganz plötzlich, als hätte jemand auf einen Stoppschalter gedrückt, gähnte sie und kuschelte sich an ihn. Momente später schlief sie tief und fest, mit einer kleinen Faust fest in Jacks Hemd umklammernd, als wolle sie ihn daran hindern weg zu gehen.

Ianto packte eine Plastiktüte auf den Rücksitz und nahm dann hinter dem Steuer Platz. „Rhiannon hat mir den Rest der Torte für dich eingepackt, wie es aussieht. Sie sagt, dass es ihr leid tut, dass es dir nicht gut geht und sie ruft dich an, um alle Einzelheiten über den Urlaub zu erfahren. Ich habe Alice eingeladen, morgen zu uns zu kommen, aber sie ruft vorher an, wann es passt. Ist das okay?“ Er warf einen Blick auf Jack, der nickte. „Soll ich sie nicht besser für die Fahrt in ihren Sitz bringen? Sie kann dort weiter schlafen.“

Jack schüttelte den Kopf. „Lass sie bei mir. Dieses eine Mal. Ich halte sie fest und ich weiß, wie vorsichtig du fährst.“


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„Wieso gehst du nicht vor und bringst sie ins Bett?“, schlug Ianto vor, als sie ins Haus traten. „Ich räume nur die Sachen weg, die Rhi mir mitgegeben hat.“

Jack nickte. „Ist es okay, wenn ich sie heute Nacht bei uns schlafen lasse? Es ist nur...“ Er brach ab, hob die Schultern.

„Natürlich.“ Ianto sah ihm nach, als Jack die Treppe nach oben ging, leise mit Rhearn sprechend. Er verstand auch so. Und er hatte das gleiche Gefühl, sie nicht aus den Augen lassen zu können. Nicht mit dem Gedanken an diese Kinder und ihr Schicksal. Ianto beeilte sich, alles zu erledigen. Er zog sich rasch aus, wusch sich Gesicht und Hände flüchtiger, als es sonst seine Angewohnheit war. Obwohl es noch relativ früh am Abend war, fühlte er sich plötzlich erschöpft.

Anstatt auf die freie Seite des Bettes zu gehen, glitt er hinter Jack und schlang einen Arm um seine Taille, ihn gegen sich zurückziehend. Über Jack hinweg musterte er ihre schlafende Tochter und erinnerte sich, dass sie in der ersten Nacht nach Rhearns Geburt genauso dagelegen hatten.

„Ich habe noch nie jemand wie dich gekannt, Ianto.“ In Jacks Stimme klang ehrliche Verwunderung mit. „Du hast eine… eine Kapazität zu vergeben, die mich immer wieder erstaunt.“

„Das ist leicht, wenn es nichts zu verzeihen gibt, Jack.“ Ianto küsste ihn in den Nacken. „Hey, lass uns morgen darüber sprechen, ja? Der Doctor hat gesagt, dass es vorbei ist, dass sie weg sind, also kann es warten.“

Jack nickte und lehnte den Kopf gegen Iantos Schulter zurück. „Das war nicht die Geburtstagsparty, die wir für dich geplant hatten. Zumindest nicht am Ende.“

„Das ist okay, du kannst es nächstes Jahr wieder versuchen. Ich verspreche, dass ich dann auch außerordentlich überrascht sein werde“, versprach Ianto. Er schloss die Augen, sein Gesicht halb in Jacks Haaren vergraben. „Es gibt nur eines, an das du jetzt denken solltest“, sagte er leise. „Wir alle sind jetzt deine Familie. Du bist nicht allein. Okay? Vergiss das nicht.“

Ende