Titel: Timelords Bearing Gifts – Reloaded (Teil 1 von 2)
Autor: Lady Charena (Januar 2013)
Fandom: Tupperwood
Episode: ---
Wörter: 6593
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Rhearn, der Doctor (11th), Tosh
Pairing: Jack/Ianto
Rating: pg, slash

Summe: Der Doctor kommt auf einen Besuch im Hub vorbei.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


>> Before you have kids, you cannot think it is possible to love so much. <<
    (Touching Evil 1x5)





Ianto und Jack sahen sich über den Schreibtisch hinweg an, als plötzlich ein sehr vertrautes Geräusch durch den Hub hallte.

„Die Tardis“, sagten sie gleichzeitig.

Jack grinste, doch Ianto wirkte alles andere als begeistert. Er schob seinen Stuhl zurück und warf einen Blick durch die Glaswand. „Das hat uns gerade noch gefehlt“, murrte er.

Langsam verfestigten sich im Zentrum des Raumes blaue Konturen zu einer altmodischen Policebox.

„Vielleicht ist er hier, um endlich dein Geburtstagsgeschenk abzuliefern.“ Jack stand auf, sichtlich froh darüber die monatliche Prüfung der Rechnungen noch ein wenig länger hinauszögern zu können.

„Für einen sogenannten Timelord hat er kein besonderes Gespür für Timing.“ Ianto trat neben Jack und spähte nach draußen, wo die Tardis inzwischen zur Ruhe gekommen war.

Er schnitt eine Grimasse als er die herum wirbelnden Blätter sah, die nun langsam zu Boden segelten und unter den Gitterstegen verschwanden. Einer seiner Kollegen – oder mehrere – hatten sich nicht an seine strikte Anweisung gehalten und Papiere offen herum liegen lassen. Nun, er oder sie konnte das selbst aufräumen, er hatte schließlich noch anderes zu tun!

Der letzte Besuch des Doctors vorm mehr als einem Jahr – er landete die Tardis damals ausgerechnet in Rhiannons Dusche, während Iantos Familie im Garten seinen Geburtstag feierte – hatte Jack wochenlange Alpträume beschert. Genaugenommen nicht der Besuch des Doctors an sich, aber die Neuigkeiten von einer verhinderten Invasion der Erde, die er überbrachte. Und die Erinnerungen an einen dunklen Teil von Jacks Vergangenheit, die davon an die Oberfläche gespült wurden. Aber andererseits wusste er, dass sein Partner sich wirklich freute, den alten Freund zu sehen. Kurz gesagt, Ianto sah der Ankunft des Timelords mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

„Dada? Tad?“, ertönte es hinter ihnen. Rhearn krabbelte unter der Decke hervor und setzte sich verschlafen auf, ihren pinken Plüschsaurier im Arm.

Ianto wandte sich ab – Tosh näherte sich eben der Tardis, ein Messgerät in der Hand, die Gelegenheit nutzend, mehr über die lebende Zeitmaschine zu erfahren – und setzte sich neben seine Tochter auf die Couch.

Jack winkte und öffnete die Bürotür. „Ich bin sofort wieder da“, rief er ihnen zu, bevor er sich zu Tosh und dem Doctor gesellte.

Rhearn kletterte sofort auf seinen Schoß und kuschelte sich an ihren Tad. „Der Lärm hat dich aus dem Mittagsschlaf gerissen.“ Er küsste sie auf den Kopf. „Entschuldige, Baban. Aber wir haben unangemeldeten Besuch.“

Besuch war eines der magischen Worte, die nie verfehlten, das Interesse ihrer Tochter zu erregen. Rhearn hob das Gesicht und gähnte. „Tante Rhi?“, fragte sie dann.

„Nein, Tante Rhi ist es leider nicht.“ Ianto griff nach Rhearns Pullover und sie hob brav die Arme, damit er ihn ihr über den Kopf streifen konnte. Natürlich nachdem sie ihr Plüschtier weggelegt hatte. Es war in der Vergangenheit schon zu ein paar… denkwürdigen… Zwischenfällen gekommen, als Rhearn versuchte, Arm und Plüschsaurier oder Kopf und Kuscheltier zur gleichen Zeit durch die gleiche Kleideröffnung zu quetschen. Es hatte zu ausgerissenen Haaren und einer aufgeplatzten Ärmelnaht geführt.

„Tante Tosh? Unca Owah? Unca Andy?“, fragte Rhearn munter weiter, nun hellwach. Ianto beneidete sie darum, so schnell von Schlaf auf Wachsein umschalten zu können. Allein an ihre Energie zu denken ermüdete ihn manchmal. „Tante Wennie?“

„Nein, Schatz. Das sind doch alles Leute, die du jeden Tag siehst. Besuch ist jemand, der nur ab und zu mal vorbei kommt.“ Ianto strich ihr die Haare zurück, die nun in alle Richtungen ab standen und zog ihr die Schuhe an.

Rhearn rutschte von seinem Schoß und auf den Boden, als Jack mit dem Doctor ins Büro trat. Sie eilte auf die beiden zu und stoppte abrupt, vielleicht einen Meter von ihrem Vater und dem Besucher entfernt stehen bleibend. Den Kopf in den Nacken gelegt, musterte sie den Doctor intensiv.

Der Timelord lächelte und ging vor ihr die Hocke. „Hallo, Rhearn.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Erinnerst du dich an mich?”

Das kleine Mädchen rümpfte die Nase, schlug einen Bogen um ihn und lehnte sich gegen die Beine ihres Vaters. Jack strich ihr über die Haare. „Scheint so, als wäre sie heute ein wenig schüchtern.“ Er sah fragend zu Ianto hinüber, der aufgestanden war, aber vor der Couch stehen blieb, die Arme vor der Brust verschränkt.

Ianto Jones.“ Unbeirrt richtete sich der Timelord wieder auf und winkte Ianto zu. „Die Tardis hat mir versichert, dass wir dieses Mal zu einem besseren Zeitpunkt gelandet sind.“

Doctor.“ Ianto nickte ihm kühl zu. „Noch besser wäre es allerdings gewesen, draußen zu landen, der Luftzug hat eine ziemliche Unordnung verursacht.“

„Oh.“ Der Timelord kratzte sich am Kopf. Er machte einen kleinen Hopser und zuckte zusammen – fast so, als hätte er eben einen leichten, elektrischen Schlag bekommen. „Schon gut. Wir entschuldigen uns.“

„Gibt es einen speziellen Grund für den Besuch oder hattet ihr einfach nur Sehnsucht nach uns?“, warf Jack rasch ein. Er schloss die Tardis mit ein, hörte ihre melodische Stimme in seinem Kopf, als sie ihren Captain begrüßte.

„Oh, nein. Dieses Mal nicht. Wir waren nur gerade in der Nähe und wollten Hallo sagen.“ Der Doctor grinste. „Nicht wie du, Jack.“

Jack musterte seinen alten Freund. Natürlich konnte er sich irren, aber die Aura aus Einsamkeit, die den Doctor umgab, schien dichter als zuvor. Er hatte nichts von einem neuen Companion erwähnt. „Gut. Meine Familie – mein Team – ist nämlich tabu.“

„Soll ich uns Kaffee machen?“, schlug Ianto vor. „Bist du hungrig, cariad?“ Er streckte die Hand aus und Rhearn kam zu ihm, nachdem sie einen Blick mit ihrem Daddy gewechselt hatte, der nickte. „Normalerweise schläft sie um diese Zeit. Und sie ist immer hungrig, wenn sie wach wird.“ Ianto wusste, dass er nervös plapperte. Aber es machte ihn nervös, wie der Doctor ihn musterte, mit zusammen gekniffenen Augen, den Kopf von Seite zu Seite bewegend – und jetzt formte er mit den Fingern auch noch einen Rahmen, wie es manche Möchtegern-Künstler taten. Rhearn griff nach seiner Hand und Ianto war froh über die Ablenkung, nahm sie hoch und setzte sie auf seiner Hüfte zurecht.

„Erwartet ihr etwa wieder ein Baby?“, fragte der Timelord. „Jack, das hättest du mir erzählen müssen. Dann kommt mein Geschenk genau zur richtigen Zeit.“

„W-was?“ Iantos Augenbrauen flogen hoch, während er Jack ansah.

„Das ist mir neu.“ Jack sah den Doctor überrascht an, dann seinen Partner. „Ich schwöre, ich bin nicht schwanger. Kein Alleingang dieses Mal.“

„Oh, aber es ist Ianto. Er glüht. Kannst du es nicht sehen?“ Der Timelord beschrieb einen Bogen um den jungen Waliser, als zeichne er seine Konturen in der Luft nach. „Man sagt doch, dass dieses Glühen bei Menschen auftritt, wenn sie schwanger sind.“

„Nicht ich!“, widersprach Ianto energisch. „Das sagt man über schwangere Frauen. FRAUEN. Männer können nicht schwanger werden, ich meine, nicht jetzt und hier. Noch nicht. Und ich bin ein Mann.“ Jedenfalls war er es noch, als er heute Morgen aufstand… Er blickte an sich herab, als könne er etwas entdecken. Vielleicht war es einfach nur der neue Weichspüler…

„Das kann ich bestätigen.“ Jack wischte sich rasch das Grinsen aus dem Gesicht, als der jüngere Mann ihn böse ansah. „Nein, im Ernst. Ianto ist bestimmt nicht schwanger. Er hatte erst vor kurzem einen Gesundheitscheck und das wäre unserem Arzt sicher aufgefallen.“ Gut dass Owen im Moment bei einer Autopsie im Krankenhaus assistierte – ein Hitchhiker, ein außerirdischer Parasit, musste nach dem Tod seines „Gastgebers“ entfernt werden – er würde Ianto sonst wochenlang mit den Worten des Doctors quälen.

„Kurios. Oh, das ist auch so ein Wort, das sehr angenehm über die Zunge rollt. Kurios.“ Der Timelord fischte in seinen Taschen herum, bis er mit einem Zungenschnalzen seinen Sonic Screwdriver hervorzog. „Das werden wir gleich haben.“

„Ich bin nicht schwanger.“ Ianto presste den Satz zwischen den Zähnen hervor. Wenn das ein Witz sein sollte, fand er es absolut nicht spaßig. Er setzte Rhearn zurück auf die Couch, als der Timelord zu ihm trat.

Jack war alles andere als eine Hilfe. Der kniff nämlich die Augen zusammen und versuchte, nach zu ahmen was der Doctor gemacht hatte – den Kopf hin und her wiegend wie eine wiederkäuende Kuh und dann auch noch das Ding mit den zum Rahmen geformten Fingern.

Bevor Ianto etwas dazu sagen konnte, hörte er die Stimme einer Frau. Sie kam von weit weg, und trotzdem war es, als wäre sie direkt in seinem Kopf. Sie sprach in einer Sprache zu ihm, die er nicht verstand, aber die eher wie eine Melodie klang und eine unglaublich beruhigende Wirkung hatte. Dann verwandelten sich die Worte plötzlich in Walisisch und die Frauenstimme versicherte ihm, dass es keinen Grund zur Sorge gab, dass der Scann völlig harmlos wäre und auch keine Gefahr für seine Tochter bestehe.

Ianto blinzelte und ihm wurde bewusst, dass er die Stimme der Tardis in seinem Kopf hörte. Sie ließ ein besänftigendes Gefühl der Wärme zurück, und es dauerte an, selbst als sie verstummte.

„Einfach nur einen Moment stillhalten“, sagte der Doctor fröhlich und richtete das Werkzeug auf ihn. „Es tut auch überhaupt nicht weh, so sagt man doch hier.“

Bevor Ianto protestieren konnte, umhüllte ihn ein blaues Licht, grell genug das er für einen Moment die Augen schließen musste. Er runzelte die Stirn, hielt aber ansonsten vorsichtshalber vollkommen still, während der Timelord den aufgemotzten Laserpointer wie ein durchgeknallter Dirigent schwenkte.

Er öffnete die Lider, blinzelte und lächelte dann Rhearn beruhigend zu (womöglich brauchte er mehr Beruhigung als seine kleine Tochter) die von der Couch gerutscht und wieder zu ihrem Dada gelaufen war. Und nun das Ganze neugierig von Jacks Arm aus beobachtete.

„Nun?“, fragte er sarkastisch, die Arme vor der Brust verschränkend. „Wie lautet das Urteil?“

Der Doctor schien irgendetwas von einem Display abzulesen. Er sah auf, aber es war Jack, auf den er seinen Blick richtete. „Was hast du gemacht, Jack?“, fragte er, seine Stimme so ernst, wie sie keiner von ihnen zuvor gehört hatte.

„Mit Ianto?“ Die Leichtigkeit in Jacks Stimme klang plötzlich gezwungen. „Das müsste ich schon etwas genauer wissen. Sprechen wir von heute Morgen, in der Dusche, oder...?“

Rhearn rückte auf seinem Arm unruhig hin und her und Jack stellte sie auf den Boden zurück. Sie navigierte um den Timelord herum, und versteckte sich hinter den Beinen ihres Tads. Ianto ging in die Hocke und legte den Arm um sie, damit sie sich gegen seine Seite kuscheln konnte. „Sagt mir vielleicht jemand, was hier vor sich geht?", fragte er.

„Das kann ich vielleicht, wenn ich weiß, wie es dazu kommt, dass Ianto mit Vortex-Energie durchtränkt ist“, sagte der Timelord und sah Jack an.

„Heißt das, wir sind uns jetzt alle einig, dass ich nicht schwanger bin?“, wandte Ianto sarkastisch ein, wurde aber von den beiden anderen Männern erneut nicht beachtet.

„Ich wusste nicht, ob es funktionieren würde. Oder ob es überhaupt einen Effekt hat“, verteidigte sich Jack.

„Was hast du gemacht?“ Ianto war sich selbst bewusst, dass seine Stimme kippte, zu hoch und schrill klang. Rhearn wimmerte leise und drückte ihr Gesicht gegen ihn. „Schon gut, cariad, es ist alles in Ordnung.“ Er rieb beruhigend über ihren Rücken.

„Du bist einfach nicht aufgewacht. Als damals dieses Regal auf dich fiel.“ Jack hob abwehrend die Hände. „Und ich wusste nicht einmal, ob es funktioniert.“

„Was? Wovon redest du, Jack?“

„Ich habe versucht, etwas von meiner Lebensenergie auf dich zu übertragen. Nur damit du schneller heilst. Und du bist aufgewacht“, verteidigte sich der Captain.

„Aber Owen hat gesagt...“

„Owen hat gesagt, ich solle warten. Warten! Ich musste einfach etwas tun.“ Jack sah von Ianto zum Doctor, bevor sein Blick zu seinem Partner zurückkehrte. „Und...“ Seine Stimme nahm einen fast trotzigen Ton an. „Und es hat schon einmal bei dir funktioniert.“  

Der Timelord zog die Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch. „Schon einmal funktioniert?“, wiederholte er. „Was? Wann?“

„Er wurde vor ein paar Jahren beinahe getötet, von seiner... von einem... halb konvertierten Cyberman.“ Jack verschränkte die Arme vor der Brust. „Dein Herz hatte aufgehört zu schlagen, als ich dich aus dem Gezeitenpool gefischt habe. Ich konnte es dir nicht so einfach machen und dich sterben lassen.“

„Jack…“, begann Ianto, doch er wurde vom Doctor unterbrochen.

„Ein halb konvertierter Cyberman?“, fragte der Timelord mit grimmiger Miene. Er ging auf Jack zu, bis sie fast Brust an Brust standen. „Hier? Man könnte meinen, du hättest so etwas mir gegenüber erwähnt.“

„Und wann? Während wir uns Trillionen von Jahren in der Zukunft am Ende des Universums befanden? Als wir vor Saxon auf der Flucht waren? Während meines Spaßurlaubs auf dem Maschinendeck der Valiant?“, gab Jack wütend zurück. „Ich...“

„Jack! Doctor! Schluss damit!“

Zwei überraschte Augenpaare richteten sich auf Ianto.

„Wenn ihr euch unbedingt anschreien müsst, meinetwegen. Aber könntet ihr vielleicht damit warten, bis ich meine Tochter nach Hause gebracht habe?“, sagte er mit beherrschter Stimme. „Ihr macht Rhearn nämlich Angst.“ Er deutete auf das kleine Mädchen in seinen Armen, das sich an ihn klammerte und ihr tränen-verschmiertes Gesicht an seiner Brust versteckte.

Jack trat um den Timelord herum und griff nach ihr, doch Rhearn drehte trotzig den Kopf weg. „Es tut mir leid dass wir dich erschreckt haben, Baban.“ Er küsste sie auf den Hinterkopf und streichelte ihren Rücken. „Es ist alles in Ordnung.“

Ianto sah ihm an. „Klär das mit ihm. Erzähl ihm, was er wissen will.“ Er deutete auf den Timelord, der sie mit einem unbestimmbaren Gesichtsausdruck beobachtete. „Und danach - schlage ich vor - machst du einen langen Spaziergang. Oder findest einen anderen Weg, dich abzuregen. Dann kannst du nach Hause kommen und versuchen, mir zu erklären, was hier eigentlich vor sich geht. In aller Ruhe, ohne unsere Tochter zu verängstigen. Verstanden?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er um Jack herum zur Tür. Ianto warf dem Doctor einen Blick zu, der wieder mit seinem aufgemotzten Laserpointer herum hantierte und verließ das Büro.

„Sie hat erstaunliche empathische Fähigkeiten für ihr Alter“, meinte der Timelord, offenbar für einen Moment abgelenkt. Er steckte den Sonic Screwdriver in die Tasche. „Ich würde sie zu gerne genauer untersuchen, ob sie...“

„Das liegt in der Familie, in den Genen, meine ich“, erwiderte Jack. Er trat hinüber zur Couch und faltete automatisch die mit bunten Sternen bedruckte Decke ordentlich zusammen, die Rhearn für ihren Mittagsschlaf benutzt hatte, um sie über die Rückenlehne zu legen. Ihr heißgeliebter Plüschsaurier kam darunter zum Vorschein und Jack hob ihn hoch, als er sich setzte. "Auf meiner Seite." Er konnte seine Tochter an dem Kuscheltier riechen und spürte, wie der Ärger verpuffte. „Martha wird sie testen, wenn sie älter ist." Sorgfältig setzte er das Spielzeug auf einem Kissen ab. „Ianto hat für Torchwood in London gearbeitet, bevor er nach Cardiff kam. Er war an dem Tag, an dem die Cybermen und die Daleks den Tower zerstörten, nicht in Canary Wharf. Aber seine Verlobte. Lisa.“ Er zögerte einen Moment. „Sie war eine der letzten, die auf den Konvertier-Tischen der Cybermen landeten, gegen Ende der Schlacht, als sie versuchten, Menschen upzugraden, anstatt nur ihre Gehirne in fertige Cyberkörper zu verpflanzen.“

„Aber sie wäre dann auch mit in den Void gezogen worden, als ich den Riss öffnete.“ Der Doctor ging auf und ab, die Stirn in Falten gelegt. „Niemand hat mir gesagt, dass Cybermen zurückgeblieben sind. UNIT sollte sich darum kümmern.“

„Die Teile, die für... den Upgrade ihres Körpers verwendet wurden, kamen nicht über die Ghostshifts aus dem Void, sie wurden hier auf der Erde produziert. Genau wie die Tische selbst. Suzie... Meine damalige Technikerin hat eine Analyse des Metalls gemacht.“ Jack starrte auf den Boden, sich an jene alptraumhaften Tage erinnernd, die sie zwischen Leichen und Trümmern verbrachten. „Wir mussten aufräumen. Die Tische blieben zurück, weil sie nicht mit diesem Void-Zeug überzogen waren, sie wurden nicht in den Riss gesogen. Genauso wenig wie die armen Teufel, die noch am Leben waren. Oder so etwas Ähnliches. Ich und mein Team... wir mussten uns um sie kümmern.“ Er schluckte den bitteren Geschmack hinunter, den die Erinnerungen hervorriefen. „Ianto gelang es, Lisa da raus zu holen, ohne dass wir oder UNIT etwas davon bemerkten. Er versteckte sie in einem abseits gelegenen Torchwoodlabor, das nicht von der Zerstörung betroffen war und es gelang ihm, sie am Leben zu erhalten. Genauer gesagt, sie konnte die Cyberprogrammierung dazu verwenden, ihm zu sagen, wie er eine der Konverter-Einheiten in ein Lebenserhaltungssystem für sie umbauen konnte.“

„Aber das ist unmöglich, Jack. Nicht nur, dass sie überlebte und sogar noch in der Lage war, mit deinem Mister Jones zu kommunizieren. Du sagst, er hat Cyber-Technik benutzt, um sie am Leben zu erhalten. Niemand kann das, nicht hier, nicht in dieser Zeit“, wandte der Doctor ein. „Es wird noch Jahrhunderte dauern, bis die Erde annähernd ein solches technologisches Wissen besitzt.“

Jack lächelte humorlos. „Du hast selbst gesagt, dass Ianto außergewöhnlich ist.“

„Vielleicht sollte ich ihn noch ein wenig genauer untersuchen. Das ist etwas zu außergewöhnlich.“ Der Timelord stopfte die Hände in die Taschen seines Jacketts und wippte auf den Fersen. Er drehte sich ruckartig wieder zu Jack um. „Was ist weiter passiert?“

„Er kam nach Cardiff und... verfolgte mich so lange, bis ich ihm einen Job gab. Ianto kann sehr hartnäckig sein - und kreativ - wenn er etwas will.“ Dieses Mal war sein Lächeln echt, und erreichte für einen Moment seine Augen. „Also Kaffee und enge Jeans nenne ich kreativ.“

Wieder machten die Augenbrauen des Doctors einen Sprung an seinen Haaransatz. „Er hat dich mit Sex geködert? Welche Überraschung“, setzte er trocken hinzu.

„Ich habe mich geändert, seit wir uns das erste Mal begegnet sind, auch wenn du das nicht glaubst.“

„Ich weiß, dass du dich geändert hast“, entgegnete der Doctor. Er trat zu Jack und musterte ihn. „Bist du sicher, dass Rhearn ihre Fähigkeiten nicht von ihm geerbt hat? Oder kannte er dich bereits vor seinem... Bewerbungsgespräch?“

„Direktor Hartmann hatte eine sehr ausführliche Datei über mich. Ianto hatte Zugriff darauf. Man könnte sagen, dass er mich in gewisser Weise kannte.“

Jack warf einen Blick auf die Whiskeykaraffe in der Ecke - er könnte für diesen Teil der Geschichte wirklich einen Drink brauchen - bevor er sich daran erinnerte, dass das geschliffene Kristall nur noch Wasser enthielt, seit sie eine ausgesprochen mobile und äußerst neugierige Tochter hatten. Rhearn und er hatten Apfelsaft aus den alten Gläsern getrunken, die so schwer waren, dass seine Tochter ihres in beiden Händen halten musste. Aber sie hatte trotzdem gestrahlt, sich wie eine Erwachsene fühlend. Der Alkohol befand sich jetzt sicher verstaut in der untersten Schublade seines Schreibtisches, auf der gleichen, abschließbaren Seite, in der er auch seine Waffe unterbrachte.

„Er hatte bald alles fest im Griff, organisierte uns und machte diesen unglaublichen Kaffee. Und er schaffte es, Lisa unbemerkt in den Hub zu schaffen. Er pflegte sie über mehrere Monate.“ Jack konzentrierte sich darauf, über das Lederband seines Vortex-Manipulators zu reiben. „Niemand... keiner von uns... bemerkte etwas davon. Er kontaktierte einen Kybernetik-Spezialisten, einen Arzt, der wohl früher schon einmal mit Torchwood London und später auch mit UNIT zusammen gearbeitet hatte, der ihr helfen sollte. Er kam hierher in den Hub und schaffte es, Lisa von der Einheit zu trennen. Aber das aktivierte offenbar die Cyberprogrammierung wieder. Sie hat den Arzt getötet, während sie versuchte, ihn zu einem Cyberman upzugraden. Ianto war mit ihnen alleine im Hub und als das Team zurückkam, versuchte sie das gleiche mit Gwen. Ianto dachte immer noch, er könne sie erreichen. Er flehte uns an, sie zu retten.“

Der Timelord setzte sich neben Jack. „Der Cyberman köderte ihn mit den Erinnerungen an die Frau? Als die Programmierung aktiviert wurde, starb sie. Oder was immer noch von ihr übrig gewesen war.“

„Ich weiß das. Ich bin den Cybermen schon einmal begegnet, oder genauer gesagt, dem was sie von einem Planeten übriggelassen hatten. Die Time Agency schickte uns hin... Ianto wusste nicht, dass es nichts gab, dass ihr helfen konnte. Sie wollte den Hub zu ihrer Basis machen und sie hätte uns als Material für neue Cybermen benutzt. Mit der Technik in den Archiven wäre sie in der Lage gewesen unbemerkt eine Armee aufzubauen... Es blieb mir nichts anderes übrig, als sie zu töten.“ Jack schloss die Augen.  

Ianto war anderer Meinung?“

„Er liebte sie. Er wollte nicht glauben, dass in diesem Metallkasten nicht mehr die Frau steckte, die er kannte. Aber als er sich weigerte, sich von ihr upgraden zu lassen... tötete sie ihn. Oder so gut wie.“ Jack schwieg einen Moment. „Ich denke, sie brach ihm das Genick. Entweder wäre es das gewesen, oder er wäre ein paar Momente später ertrunken, als sie ihn bewusstlos in den Gezeitenpool warf. Sie hatte mich davor auch ein paar Mal getötet, mit Stromschlägen.“ Er schnitt unwillkürlich eine Grimasse. „Ich war benommen davon, aber ich konnte ihn nicht sterben lassen. Es war nicht geplant, dass ich ihn zurückhole, es ist einfach passiert.“

„Okay, soweit kann ich folgen. Aber wie konntet ihr den Cyberman stoppen? Auf der Parallel-Erde hat Torchwood spezielle Waffen entwickelt, aber hier...?“, fragte der Doctor.

Jack schüttelte den Kopf. „Pures Glück. Die Programmierung war unvollständig und für einen Moment überlagerten Lisas Erinnerungen alles. Sie wollte wieder ein Mensch sein. Für Ianto. Also tötete sie eine junge Frau, die überhaupt nichts mit Torchwood zu tun hatte. Sie war nur hier, um Pizza zu liefern. Sie transplantierte ihr Gehirn in den Körper der anderen Frau. Aber ihr Körper war damit wieder ungeschützt und wir...“ Er brach ab, das Schweigen war beredet genug. „Ianto hat lange gebraucht, sich davon zu erholen. Wir beide brauchten lange, bis wir einander wieder zu vertrauen begannen. Oder es zu mehr zwischen uns kam.“ Er lachte bitter. „Und die Ironie ist, möglicherweise hätten wir nicht die Beziehung, die wir jetzt haben, wären wir Saxon nicht über den Weg gelaufen. Ich hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken an Bord der Valiant.“

Der Timelord nickte, akzeptierte die Bemerkung so, ohne weiteres Nachfragen. „Und war es das einzige Mal, dass du versucht hast, Energie auf ihn zu übertragen?“

„Nein. Er ist seither ein paar Mal verletzt worden. Aber ich habe nichts anderes gemacht, als das Heilen seiner Verletzungen ein wenig zu beschleunigen. Er weiß nichts davon, ich habe darauf geachtet, dass er nichts bemerkt. Ich dachte nicht, dass es ihm schaden würde.“ Jack sah auf. „Ich habe es früher schon ausprobiert, bei anderen Leuten, in meiner Vergangenheit und entweder es klappte nicht oder es zeigte nur eine geringe Wirkung. Er ist der erste, bei dem ich einen Unterschied machen konnte. Der erste, dem ich helfen konnte.“

„Das Problem ist, dass du nicht denkst wenn deine Gefühle im Spiel sind, Jack. Du spielst mit etwas, von dem du nichts verstehst.“ Der Timelord sprang auf und wanderte wieder durch das Büro. „Aber was immer du getan hast, es scheint deinem jungen Mann zumindest nicht zu schaden.“

„Es war nicht gerade jemand hier, den ich um Rat fragen konnte, nachdem du mich zurückgelassen hast, also musste ich es selbst herausfinden.“ Jack stoppte sich selbst, das war ein Gespräch für einen anderen Tag. „Was meinst du damit, dass es ihm zumindest nicht schadet? Was bedeutet es dann? Für Ianto? Was passiert mit ihm?“

„Es könnte die Nähe zum Rift sein“, sinnierte der Doctor, ohne direkt auf seine Frage zu reagieren. „Ich muss unbedingt noch ein paar Messungen machen. Die Riftenergie könnte sich mit der Vortexenergie in dir verbunden haben, und da er – also dein junger Mann - ebenfalls mit Riftenergie getränkt ist, floss ein Stück des Vortex mit deiner Lebensenergie in ihn, erzeugte eine Strömung, von dir zu ihm, angezogen von der Riftenergie in ihm. Theoretisch.“

„Aber das schadet Ianto nicht?“, fragte Jack angespannt.

„Nein. Ich denke nicht. Es sieht nicht danach aus. Im Moment ist es schwer zu sagen, weil er noch sehr jung ist, aber die Vortexenergie scheint seine Alterung zu verlangsamen. Seine Zellsignatur hat sich insofern verändert. Sie teilen und erneuern sich in einer ungewöhnlich hohen Rate und offenbar ohne Ende.“

„Was bedeutet das genau?“

„Es bedeutet genau das, was du versucht hast zu erreichen: er heilt schneller. Es bedeutet, wenn er vorsichtig ist, könnte er älter werden als die meisten Menschen seiner Generation.“ Der Timelord runzelte die Stirn. „Seine Zeitlinie muss einzigartig sein.“

„Wie viel älter könnte er werden?“, fragte Jack, den Zeitlinien im Moment herzlich wenig interessierten. Stattdessen begann sein Herz plötzlich mit all den Möglichkeiten schneller zu schlagen.

„200 oder auch 300 Jahre. Vielleicht noch mehr, denn wie es aussieht, nimmt er weiterhin Vortexenergie von dir auf. Du färbst auf ihn ab. Wortwörtlich. Altern bedeutet, dass die Zellteilungen langsamer werden und schließlich hören die Zellen ganz auf, sich zu teilen. Du alterst sehr langsam, weil die Vortexenergie deine Zellen erneuert, wenn sie das Teilen einstellen. Das scheint auch bei Ianto zu funktionieren, aber in einem geringeren Maß. Sie werden nicht komplett ersetzt, also es würde ihm zum Beispiel keinen Arm nachwachsen, wenn ihm einer abhanden kommt.“

Jack stand so abrupt auf, dass der Plüschsaurier zu Boden taumelte. „Können wir später weiter darüber sprechen? Vielleicht mit Ianto, es betrifft ihn ja schließlich am meisten.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Ich sehe sowieso besser nach den beiden und entschuldige mich für mein Verhalten.“ Er nahm seinen Mantel. „Kann ich dich hier alleine lassen, ohne dass ich mir um den Hub und den Rift Sorgen machen muss?“

„Oh, ich bin beschäftigt“, winkte der Timelord ab. „Und Miss Sato hat ein paar Dinge, die sie mir gerne zeigen würde, weil ihr Schwierigkeiten hattet, sie zu identifizieren. Sie ist ganz wild darauf, in den Datenbanken der Tardis danach zu suchen.“

„Okay.“ Jack lächelte matt. „Aber kommt nicht auf die Idee, Tosh damit an Bord zu locken, um sie als neuen Companion anzuwerben. Sie ist unersetzlich für uns.“

„Ich bin wirklich nicht hier, um deine Familie zu stehlen, Jack. Geh schon. Geh zu deinem jungen Mann und eurem Baby.“ Er sah dem Captain nach und sammelte dann den Plüschsaurier auf, ihn mit einer Hand auf Augenhöhe haltend, während er mit der anderen erneut nach dem Sonic Screwdriver griff. „Und was haben wir hier?“ Das Spielzeug war mit genug DNA bedeckt, um damit ein paar interessante Tests durch zu führen.

Die Tardis sandte eine wortlose Warnung in seine Richtung, doch er winkte ab. „Oh, ich weiß, dass er es nicht böse gemeint hat. Er wollte nur nicht noch einen Menschen verlieren, den er liebt. Aber wir können ihn nicht herum laufen und kleine beinahe-Unsterbliche erschaffen lassen.“ Dieses Mal erhielt der Timelord einen sanften elektrischen Schlag. Er gab einen sehr würdelosen Kiekser von sich und machte einen merkwürdigen kleinen Hopser. Um sich dann über die Haare zu reiben, die mit Spannung knisterten. „Okay, du hast deine Meinung klar zum Ausdruck gebracht. Aber du bist eindeutig voreingenommen, was unseren guten Captain betrifft, das musst du zugeben. Er hat sich in deine Schaltkreise geschmeichelt.“

Er ließ sich in den Stuhl hinter dem Schreibtisch plumpsen und lehnte sich zurück, um an die Decke zu starren. „Du weißt, dass ich ihm das alles…“ Eine weite Geste schloss den ganzen Hub mit ein. „…nicht wegnehmen will. Er scheint mir hier gut aufgehoben; er hat die Aufgabe gefunden, nach der er gesucht hatte. Und Ianto Jones hat positiven Einfluss auf ihn. Dieses Baby… ich war skeptisch, natürlich, wie ernst konnte er es damit meinen… aber es tut ihm ebenfalls gut. Er hat Wurzeln auf diesem Planeten und in dieser Zeit gebildet.“ Die Tardis signalisierte Zustimmung. „Und das wäre nie passiert, wenn ich ihn nicht zurückgelassen hätte.“ Dieses Mal erhielt er wieder einen Schlag, der jedoch sanft genug war, dass es kaum mehr als ein Kribbeln auslöste. „Okay, okay. Trotzdem mein Fehler.“ Er drehte den Sonic Screwdriver und das Plüschtier abwechselnd. „Es lässt sich ohnehin nicht mehr ändern. In seine Zeitlinie ist bereits ein neuer Faden eingewoben der mit jeder Sekunde deutlicher wird.“


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Rhearn schien ihr Sandwich als Spielmaterial anzusehen; anstatt es zu essen nahm sie es auseinander, pickte mit den Fingern genussvoll in der Füllung herum und manschte alles in kleine Brotkügelchen, die sie überall über ihren Teller verteilte.

Und der einzige Grund, warum sie damit durchkam, war, dass Ianto ihr den Rücken zuwandte. Strenggenommen tat er das gleiche wie ihre Tochter – nur mit der Kaffeemaschine. Sie war in ihre Einzelteile zerlegt über den Küchentresen verteilt. Ianto schrubbte mit einer kleinen Bürste an einem hartnäckigen Kalkrand, der es wagte, sich an der Innenseite des Wassertanks festzusetzen und Widerstand zu leisten. Kalkflocken rieselten auf ein Küchentuch und der Geruch der speziellen Reinigungslösung, mit der die Maschine im Inneren gesäubert wurde, erfüllte die Luft.

Keiner der beiden sah in seine Richtung.

Jack wusste, dass Ianto wohl kaum das Öffnen und Schließen der Haustür und seine Schritte im Flur entgangen waren. Er hatte ein wenig gezögert, den Mantel ordentlich an den dafür vorgesehenen Haken gehängt und die Schuhe auf die Schmutzfangmatte gestellt, halb darauf wartend, dass Rhearn ihm entgegenkam, um ihn zu begrüßen, wie an jedem anderen, normalen Tag. Ihre Stimme kam aus Richtung der Küche, untermalt von fröhlicher Musik – er erkannte die CD mit Kinderliedern, die sie aus London mitgebracht hatten, doch sie selbst tauchte nicht auf.

Er blieb im Türdurchgang stehen und räusperte sich. Rhearn saß in ihrem Hochstuhl, was erklärte, warum sie nicht gekommen war um ihn zu begrüßen. Sie drehte den Kopf, wand sich halb aus dem Stuhl, um ihn anzusehen und lachte, als sie die Arme nach ihm ausstreckte. „Dada!“ Sandwichkrümel stoben in alle Richtungen und er sah fettige Fingerabdrücke auf der Front ihres roten Sweatshirts und einen Schmierer von etwas Weißem an ihrer Wange.

„Hey, Liebling.“ Jack trat zu ihr, küsste sie auf die Schläfe und legte einen Moment die Stirn gegen ihre. „Es tut mir leid, dass wir dich erschreckt haben, Baban“, sagte er leise. „Es wird alles gut.“

Rhearn packte mit ihren klebrigen Fingern die Seite seines Gesichts und küsste ihn aufs Kinn, bevor sie ihm auffordernd ein Stück Sandwichbrot hinhielt, das ihrer Zerstörungslust bisher irgendwie entgangen war. Ihre Vergebung war allumfassend und frei von Bedingungen. „Essen? Dada.“

Jack öffnete grinsend den Mund, damit sie ihn damit füttern konnte. „Mmh. Das ist gut. Dein Dad macht die besten Sandwiches der Welt, nicht wahr?“

Sändwitsches.“ Rhearn schien nachdenklich die Verwüstung auf ihrem Teller zu betrachten und fischte dann eine halbe Gurkenscheibe hervor. Sie musterte sie so kritisch wie ein Restaurantkritiker der im Begriff war, einen Stern zu vergeben, bevor sie sie in ihren eigenen Mund steckte und kaute. „Mit ohne Momate“, vertraute sie ihm dann verschwörerisch an.

„Mit ohne Tomate, okay.“ Er rieb mit der Fläche des Daumens den Fleck von ihrer Wange. „Aber Tomaten – pardon, Momaten - sind auch lecker. Ich mag Momaten. Und dein Tad mag Momaten.“ Es schien seine Tochter nicht allzu sehr von der Qualität von Tomaten zu überzeugen, aber ihre Vorlieben änderten sich ja auch noch jede Woche. Vor einer Weile wollte sie keine Bananen mehr essen, ihr Lieblingsobst seit sie alt genug gewesen war, um sie ihm wieder aufs Hemd zu spucken.

Jack sah zu Ianto hinüber, der sich in völlig untypischer Weise nicht an ihrer Unterhaltung beteiligte. Er war offenbar damit fertig, dem Kalk den Garaus zu machen, und polierte jetzt mit einem Spezialtuch das Edelstahlgehäuse auf Hochglanz.

„Bist du noch hungrig? Soll ich dir etwas anderes holen?“ Jack wischte halbherzig die Krümel zusammen und warf sie auf den Teller zurück.

Rhearn schüttelte den Kopf. Sie sammelte etwas des zermatschten Brotes auf und hielt es fest in der Faust. „Percy braucht auch essen.“

Er sah sich automatisch um, doch der Erpel war nirgendwo in Sicht. „Sicher. Du kannst ihn später füttern.“

„Percy hat sein Mittagessen bereits bekommen. Rhearn, du erinnerst dich, dass wir vereinbart haben, dass er nur sein eigenes, spezielles Entenfutter bekommt und nicht das, was wir Menschen essen?“ Ianto mischte sich zum ersten Mal ein.

Jack sah zu ihm hinüber, doch noch immer schien nur die Kaffeemaschine die volle Aufmerksamkeit seines Partners zu erhalten. Er riss ein Papiertuch von der Rolle ab, die auf dem Tisch bereit stand und begann, Rhearns Finger sauber zu machen. „Dein Tad hat recht. Du musst immer auf ihn hören. Dein Vater ist nämlich ein sehr kluger Mann. Menschenessen ist nicht gut für eine Ente. Und Entenfutter…“ Er tippte ihre Nasenspitze an. „…ist nicht gut für kleine Mädchen. Okay?“ Jack hob sie hoch und aus dem Stuhl, um sie auf den Boden zu stellen. „Soll ich dir den Fernseher einschalten und du kannst…“

„Warum gehst du nicht nach oben in dein Zimmer und spielst ein bisschen mit Percy?“, unterbrach ihn die Stimme seines Partners. Ianto drehte sich um und lehnte gegen den Küchentresen, sich die Finger abwischend. Er lächelte und beugte sich zu ihr hinab, um sie auf die Wange zu küssen. „Es ist okay, annwyl. Wir sind beide hier unten in der Küche und du musst nur rufen, wenn etwas ist. Neben dem Käfig steht eine Schüssel mit Salat, davon kannst du Percy so viel geben, wie er essen mag.“

Sie schien einen Moment zu überlegen, dann nickte Rhearn und verließ die Küche. Gleich darauf waren ihre Schritte und ihre Stimme auf der Treppe zu hören. „Eins. Funpf. Zebra… uh… Fanny.“ Nach einer kurzen Pause. „Eins.“ Dann kam die Begrüßung, die sie Percy schon von dort entgegen rief.

Ianto löste sich vom Küchentresen und trat zur Fensterbank, stellte die CD ab. „Wird es das?“, sagte er in die Stille hinein. „Du hast zu ihr gesagt, dass alles gut wird“, setzte er hinzu, als Jack ihn fragend ansah. „Was sollte das ganze? Wieso glühe ich?“ Er formte mit den Fingern Anführungszeichen um das Wort. „Was hast du gemacht? Und was hat Lisa damit zu tun?“

Jack holte tief Luft. Und wiederholte die Erklärungen des Timelords, so gut er es vermochte.

Ianto hob die Hand als er endete, er grub die Finger über der Nasenwurzel in die Haut als ob er Kopfschmerzen abzuwehren versuchte. „Warte. Verstehe ich das richtig? Das, was dich… heilen lässt… diese Vortex-Energie… ist jetzt auch in mir. Du hast mich praktisch damit angesteckt, wie mit der Grippe.“

„So in etwa.“ Jack verspürte eine untypische Nervosität, als er das Gesicht des jüngeren Mannes musterte. Da war eine Maske über Iantos Zügen, die er selbst nach all diesen Jahren noch nicht durchdringen konnte. Er müsste raten, wenn er sagen sollte, was Ianto in diesem Moment fühlte. „Er sagt, es schadet dir nicht. Im Gegenteil. Wenn du dich verletzt, dann solltest du rascher heilen. Und du… alterst langsamer.“

„Was heißt das im Klartext, Jack?“, fragte Ianto frustriert. „Ich bin was? Praktisch so wie du? Wenn ich sterbe, komme ich dann auch zurück?“ Er machte einen Schritt zur Seite, als Jack auf ihn zu kam und hob abwehrend die Hände. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für eines deiner Ablenkungsmanöver. Ich will eine einfache, klare Antwort, Jack. Bin ich wie du?“

Er wich zurück, gab dem jüngeren Mann den Raum, den er offensichtlich brauchte. „Nein, du bist nicht wie ich.“ Jack senkte den Blick einen Moment, als er unwillkürlich Erleichterung in Iantos blauen Augen aufblitzen sah. „Aber so wie es aussieht, und mit einiger Vorsicht, könntest du länger leben als… normal.“

„Wie lange?“, fragte Ianto angespannt.

„Er ist sich nicht sicher. 200, vielleicht 300 Jahre. Vielleicht länger. Er sagt… es geht weiter so lange wir zusammen sind. Es fließt weiter Vortex-Energie von mir zu dir.“ Jack spürte einen Druck wie von einem schweren Gewicht auf seiner Brust, während er auf Iantos Antwort wartete. War das der unausweichliche Punkt an dem alles endete? Er hatte geschworen, dieses Mal alles richtig zu machen und nun… Jack schloss die Augen als würde es den Schlag abmildern, den er erwartete.

„Jack, du weißt, dass ich dich liebe. Als du uns von deiner… als du uns nach der Sache mit Abaddon erklärt hast, wieso du gestorben und wieder aufgewacht bist; als unsere Beziehung ernster wurde… wünschte ich mir, dass ich länger bei dir bleiben kann.“ Ianto räusperte sich und Jack konnte in der Stille seine Schuhsohlen auf dem blitzblanken Küchenfußboden quietschen hören, als er sich bewegte. „Das war bevor wir Rhearn hatten. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie ich mit der Möglichkeit umgehen soll, dass ich länger als sie leben könnte. Ich weiß nicht, wie du mit der Gewissheit lebst, dass du es tun wirst. Jack, ich will nicht meine Kinder überleben. Und jeden, den ich kenne. Ich... es ist nicht norm...“ Er brach abrupt ab und griff nach Jack, der sich abwandte. „Es tut mir leid“, flüsterte er, das Gesicht gegen Jacks Haare gepresst. „Ich habe nicht nachgedacht was ich da sage.“

Er schlang die Arme um Ianto, drückte ihn an sich, spürte das Zittern, dass durch den Körper des jüngeren Mannes glitt. „Aber du hast recht. Niemand sollte das erleben.“ Er presste einen Kuss auf Iantos Schulter. „Ich wollte nie, dass jemand so ist, wie ich. Am wenigsten du, auch wenn es bedeutet, dass ich dich verliere. Es war nicht meine Absicht, meinen Fluch an dich weiter zu geben, alles was ich wollte, war dir zu helfen.“

„Ich weiß. So viel habe ich verstanden. Es war ein… Unfall.“ Ianto wich ein klein wenig von ihm zurück, so dass er in Jacks Gesicht sehen konnte. „Lässt es sich rückgängig machen?“

Jack schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid.“ Er schluckte gegen den Knoten in seinem Hals an. „Bedeutet das… Sind wir…?“

„Nein, das bedeutet es nicht. Wir sind okay… wir werden es sein.“ Ianto beugte sich vor und küsste ihn auf den Mund. „Ich denke, ich brauche ein bisschen Zeit, um mir darüber klar zu werden, was das für mich bedeutet. Oder was ich gerade denke. Oder fühle. Aber es benötigt schon mehr, um mich loszuwerden, Jack Harkness.“

„Was immer es für uns bedeutet, du bist nicht alleine damit. Ich lasse dich nicht alleine damit, Ianto.“ Jack legte beide Hände um das Gesicht seines Partners. „Das verspreche ich dir.“ Er küsste ihn auf die Stirn, die Nase und die Lippen. „Ich liebe dich.“

Ianto antwortete nicht, er verschloss Jack einfach den Mund mit einem Kuss, der mehr sagte als Worte.

„Weißt du, ich könnte jetzt wirklich einen deiner extra-starken Kaffees brauchen“, meinte Jack, seine Stimme vor Erleichterung ein klein wenig zittrig, als sie sich schließlich trennten. „Schade, dass du die Maschine auseinander genommen hast.“

„Wir müssen ohnehin zurück in den Hub, wir können doch Tosh nicht so lange mit dem Doctor alleine lassen. Du bekommst deinen Kaffee dort.“ Ianto räusperte sich erneut und rückte seine Kleidung zurecht. „Wenn du Rhearn von ihrem Haustier weglockst, dann schaffe ich hier schon mal Ordnung.“

Er verstand, dass es nicht so sehr das Bedürfnis nach Ordnung in der Küche, als nach einem Moment Alleinsein um Ordnung in seinen Gedanken zu schaffen war, dass Ianto verspürte. „Natürlich.“ Jack küsste ihn auf die Schläfe und trat einen Schritt weg. „Ich fürchte nur, Percy wird enttäuscht sein.“ Er deutete auf seine besockten Füße. „Keine Schnürsenkel.“

Ianto lächelte. Aber es war eine eher automatische Geste, seine Augen wirkten abwesend. „Ich bin sicher, du schaffst das. Und Rhearn hilft dir sicher gern wenn dir ein winziges Entenbaby Probleme bereitet.“ Das Lächeln erlosch, als Jack die Treppe hoch ging und Ianto sank in den nächsten Stuhl, vornübergebeugt, als hätte er einen Schlag in den Magen erhalten und vergrub das Gesicht in den Händen. Ihm war heiß und kalt und seine Gedanken ein einziges Durcheinander.

Er konnte nur daran denken, dass man eben doch vorsichtig damit sein sollte, was man sich wünschte…



Ende