Titel: try walking in my shoes
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Charaktere: House, Wilson
Thema: # 057. Mittagessen
Word Count: 1072
Rating: PG
Anmerkung des Autoren: post Detox. Vielen Dank an T’Len für’s betalesen.


Now I'm not looking for absolution
Forgiveness for the things I do
But before you come to any conclusions
Try walking in my shoes (Depeche Mode)




„Ich hätte mir denken können, dass ein Haken dabei ist“, meinte Wilson, als er sich zu House gesellte. „Eine Einladung zum Mittagessen. Von dir. Und ich bezahle tatsächlich nicht dafür.“ Er nahm ihm gegenüber Platz und spähte in die Papiertüten, die auf dem Tisch zwischen ihnen standen. „Oh, mexikanisch. Burritos. Kein chinesisch. Du bist heute abenteuerlich gestimmt.”

„Du bist heute ausgesprochen guter Laune“, erwiderte House ohne aufzusehen. Er drehte einen Styrofarm-Becher, der vor ihm auf dem Tisch stand. „Gibt es eine neue Schwester auf der Krebsstation? Oder hast du dich etwa mit der Hexe Julie versöhnt?“ Er hob endlich den Kopf und musterte seinen Freund kritisch. „Allerdings keine neue Krawatte. Ist das jetzt ein gutes Zeichen?“

Wilson schwieg. Diese Einladung zum Mittagessen hatte ihn überrascht. Seit der Entzugswoche war ihr Verhältnis... nun, nicht angespannt, aber sein schlechtes Gewissen hatte ihn House meiden lassen. Oder vielleicht war es eher die Vorsicht. Er war kein allzu schlechter Lügner, aber gegen Greg House hatte er keine Chance. Das letzte Gespräch in House Büro hatte ihm gereicht. Wilson wusste, dass er irgendwann wieder versuchen würde, sich in das Leben seines Freundes einzumischen, doch im Moment war er noch damit beschäftigt, seine aktuellen Wunden zu lecken. Ihm wurde plötzlich überdeutlich bewusst, wie lange das Schweigen schon anhielt und wie untypisch verlegen es sich anfühlte. Er räusperte sich und packte einen Burrito aus seiner Papierhülle. „Nun, womit verdiene ich die Ehre?“

House beschäftigte sich wieder damit, seinen Becher zu drehen. „Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass du mich meidest?“

Der jüngere Arzt verschluckte sich fast. „Ähem... nein. Wie kommst du darauf?“

„Jimmy, Jimmy.“ House schüttelte den Kopf und betrachtete ihn mit gespieltem Mitleid. „Wie komme ich nur darauf. Vermutlich weil du nicht mehr in meinem Büro herumlungerst und meinen Kaffee klaust. Oder auf meiner Couch schläfst. Du bist immer beschäftigt, wenn ich dich zu einer Konsultation in die Klinik rufe... Aber du hast recht. Bei den Unmengen von Freunden, die um meine Zeit und Aufmerksamkeit ringen, ist es wirklich verwunderlich, dass mir deine Zurückhaltung auffällt.“ Seine Stimme hatte einen immer sarkastischeren Tonfall angenommen.

Wilson rieb sich unbehaglich den Nacken. „Ich... ich habe in letzter Zeit wirklich extrem viel zu tun. Die Abgabe der Budgetplanungen steht an und... Julie, seit sie ihren neuen Job hat...“ Er brach ab. „Tut mir leid, wenn du dich vernachlässigt gefühlt hast.“ Er runzelte die Stirn. Die Worte klangen irgendwie falsch, zu schwülstig.

House schnaubte verächtlich. „Ja, sicher.“ Er griff in die Tüte mit dem Essen und holte sich ebenfalls etwas heraus.

Eine Weile aßen die beiden Männer schweigend.

House wischte sich die Finger sorgfältig an einer Serviette ab. Er sah nicht auf. „Es würde mich nur interessieren, warum du es getan hast.“

„Was meinst du?“ Da war ein seltsamer Unterton in House Stimme, der Wilson aufhorchen ließ.

Der ältere Mann sah ihn flüchtig an, dann wieder weg. „Warum hast du mit Cuddy diese nette kleine Wette ausgeheckt?“

Wilsons Augen weiteten sich leicht. „Du wusstest das?“, fragte er unsicher.

House zog eine Grimasse. „Natürlich wusste ich es. Cuddy hätte sich nie getraut, so etwas alleine durch zu ziehen. Und die Art und Weise, wie du ständig in meiner Nähe herumgelungert bist, hatte den unverwechselbaren Geruch von unsterblicher Liebe - oder schlechtem Gewissen.“

„Aber... warum?“, entgegnete Wilson, nicht sicher, welche Antwort er hören wollte. Er war überrascht, als House den Kopf hob und ihm einen Blick zuwarf, in dem sich Irritation, Verärgerung und erstaunlicherweise auch Zuneigung zu gleichen Teilen mischten.

„Warum? Weil ich dachte, dass du dich irrst.“ House knüllte die Serviette zusammen und warf sie auf den Tisch. „Ich... rein intellektuell... war ich halbwegs überzeugt, dass du recht hattest... und trotzdem musste ich glauben, dass du dich irrst. Falls das irgendeinen Sinn für dich ergibt.“

„In gewisser Weise“, erwiderte der jüngere Mann nach einem Moment verblüfft.

„Letztlich waren nicht die Entzugserscheinungen das wirkliche Problem.“ House begann seinen Stock in den Händen zu drehen. „Es war der Schmerz. Kein Vicodin zu nehmen bedeutete, dass der Schmerz... da war. Immer. Ohne Pause. Ohne… Erleichterung.”

Wilson schwieg. Es war selten in diesen Tagen, dass House so offen und aufrichtig über seine Gefühle sprach. Und da seine Aufrichtigkeit die Antworten auf Fragen zu beinhalten schien, die Wilson schon seit langem verzweifelt beantwortet zu haben wünschte, wartete er stumm ab.

„Ich musste Möglichkeiten finden, um den Schmerz herum zu denken“, fuhr House nach einem Moment fort. „Du hattest recht mit meiner Hand, ich habe mir die Finger absichtlich gebrochen. Und es funktionierte auch, für eine Weile war mein Gehirn so mit dem neuen Schmerz beschäftigt, dass ich mein Bein kaum noch spürte. Aber es hielt nicht lange genug an.“ Seine Schultern sackten ein wenig nach vorne, nach unten. „Ich bin nicht süchtig, weil ich high werden will. Wenn das der Fall wäre, würde ich nicht das Vicodin nehmen. Ich wäre bei Morphium geblieben oder einem der Derivate. Ich bin süchtig, weil ich es... mag, denken zu können. Wenn der Schmerz das einzige ist, auf das ich mich konzentrieren kann, dann kann ich nicht denken. Und wenn ich nicht denken kann, sterben Patienten. So, wie dieser Junge fast gestorben wäre.“ Er sah auf und grinste schief, als er Wilsons fassungsloses Gesicht sah. Er nahm den Stock und stupste damit die Schulter des jüngeren Mannes an. „Sieh’ mich nicht so mitleiderregend an, Jimmy. Ich bin keine deiner Ex-Frauen.“ Er zog seinen Stock zurück und stand auf, ein wenig steif nach dem langen Sitzen. „Und glaub’ nur nicht, dass ich dir jetzt jeden Tag Mittagessen kaufe.“ Er grinste und der alte Zynismus war zurück in seinem Gesicht. „Na los, beweg’ dich. Oder denkst du, Cuddys schlechtes Gewissen lässt sie darüber hinweg sehen, wenn wir zu spät kommen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich ab und ging ein paar Schritte.

Wilson starrte ihm einen Moment lang nach, dann rieb er sich seufzend den Nacken. Er war sich nicht sicher, ob er jetzt wusste, was er hatte wissen wollen. Und selbst wenn, eine Lösung war es nicht. Automatisch sammelte er ihren Müll ein und warf ihn in den nächsten Müllkorb, bevor er House folgte, der in einiger Entfernung ungeduldig auf ihn wartete. Sicher war nur, dass ihm ein Blick hinter die Fassade seines Freundes gewährt worden war und er schwor sich, dieses Vertrauen nicht zu verletzen.

Ende