Titel: Trost

Autor: Lady Charena
Fandom: SK Kölsch

Spoiler: Staffel 1+2

Paarung: Jupp Schatz, Klaus Taube, Florian
Rating: gen

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Klaus versucht Flo zu erklären, dass sein Vater ihn liebt, auch wenn er kaum Zeit für ihn hat.

Hintergrund: Die Episode „Vätersorgen“, in der alle noch mit den Nachwirkungen des Schocks von Ellens Tod zu kämpfen haben. Jupp findet nicht wirklich den richtigen Zugang zu seinem Sohn.

Die Szene mit Doris Büssow am Ende von „For The Comfort Of Ignorance“ ist das Gespräch für das Jupp Flo mit dem Fotoalbum alleine lässt.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

„Da ist ja ein Foto von der Mama!“ Florian sah seinen Vater erwartungsvoll an, doch der schien auf irgendwas anderes zu starren, auf jeden Fall blickte er nicht auf das Fotoalbum. Er war ja daran gewöhnt, dass sein Papa nicht viel Zeit für ihn hatte, aber nachdem er jetzt wieder hier wohnte... Und dann musste Papa wieder telefonieren und es war auf einmal, als wäre er überhaupt nicht mehr da, obwohl er noch immer neben ihm auf dem Bett saß. Das kannte er schon. Bestimmt musste er gleich mit Onkel Klaus weg und irgendeinen Verbrecher fangen. Es war immer so.

 

Flo senkte den Blick wieder auf das Album und blinzelte die Tränen weg. Er war schließlich ein großer Junge, und große Jungs weinten nicht. Aber er vermisste seine Mutter schrecklich. Sie konnte doch nicht einfach plötzlich so weg sein. Jeden Morgen, wenn er aufwachte, war er sich sicher, sie würde gleich in sein Zimmer kommen und lachend schimpfen, weil er noch nicht angezogen war. Aber sie kam nicht.

 

„Ich muss noch einmal ins Präsidium, Flo.“ Jupp stand auf. „Taube ist nebenan.“

 

Er blickte wieder auf, nickte. Und sah seinem Vater hinterher. Dann legte er den Kopf auf das Fotoalbum, als könnte er so die Frau auf dem Bild spüren. Auf dem Kartonseiten des Albums perlten seine Tränen ab und rannen davon.

 

* * *

 

Klaus saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Bett, den Laptop auf den Knien. Er rieb sich müde die Augen und massierte den Nasenrücken, bevor er die nächste Datei aufrief. Bei diesem Mord passte einiges nicht zusammen. Eine Ex-Prostituierte heiratete einen schwulen Mann, damit der eine Vorzeigeehefrau hatte. Seinen Lover, den er schon lange vor der Ehe kannte, behielt er natürlich bei – eine Beziehung, die man mit jemand führte, dessen Namen man sich auf den Penis tätowieren ließ, war bestimmt keine flüchtige Angelegenheit. Und ganz abgesehen davon hatte er noch einen Hang zu Strichern, der ihm jetzt das Leben gekostet haben könnte. Anders als Jupp war Klaus nämlich nicht völlig überzeugt, dass Doris Büssow ihren Mann wegen des Erbes getötet hatte, auch wenn es ihm schwer fiel, Verständnis für diese Farce einer Ehe aufzubringen. Aber weshalb hatte sie dann alle Spuren verwischt? Er würde gleich morgen früh noch einmal mit ihr sprechen. Am besten ohne Jupp, der sich von Doris Büssows beißendem Spott auf die Palme bringen ließ. So, wie er heute beim Verhör ausgerastet war... Einen Moment lang hatte Klaus wirklich befürchtet, Jupp würde sich dazu hinreißen lassen, die Frau zu schlagen. Oder ihn, als er seinen Partner von ihr wegzerrte und anordnete, dass man die Verdächtige zurück in ihre Zelle brachte. Er seufzte und machte sich wieder an die Arbeit.

 

Das Klopfen an seiner Tür war so leise, dass Klaus es fast überhört hätte. „Ja?“

 

Langsam ging die Tür einen Spalt auf und Florian steckte zögernd den Kopf ins Zimmer. „Onkel Klaus?“

 

Klaus lächelte. „Komm’ rein.“ Er klappte den Laptop zu und legte ihn zur Seite. „Solltest du nicht schon im Bett sein? Was ist los, kannst du nicht schlafen?“, fragte er, als ihm auffiel, dass der Junge barfuss und im Schlafanzug war.

 

Florian schüttelte den Kopf, dann nickte er. „Der Papa ist noch mal weg“, sagte er. „Dabei wollten wir doch zusammen das Fotoalbum ankucken.“

 

„Und jetzt fühlst du dich allein.“ Klaus klopfte neben sich auf das Bett. „Setz’ dich zu mir, Flo“, sagte er. „Hat Jupp gesagt, wohin er will?“

 

„Ins Präsidium.“ Der Dreizehnjährige setzte sich neben ihn und sah ihn mit großen, enttäuschten Augen an. „Warum muss er arbeiten, Onkel Klaus? Du bist doch auch Zuhause.“

 

Klaus legte einen Arm um die Schultern des Jungen. „Vielleicht wollte er nur etwas nachprüfen. Ich arbeite auch, Flo, aber ich habe meine Arbeit hier drin.“ Er wies auf das Laptop. „Nein, bleib’ ruhig“, setzte er hastig hinzu, als Florian Anstalten machte, aufzustehen. „Du störst nicht. Ich wollte sowieso eine Pause machen.“ Er blickte Flo an, bemerkte die Tränenspuren auf den Wangen des Kindes. „Der Fall, an dem wir gerade arbeiten ist nicht so einfach für deinen Vater, Florian. Und er vermisst deine Mutter sehr.“

 

„Ich doch auch. Aber er ist nie da.“ Flos Augen füllten sich wieder mit Tränen und Klaus nahm ihn in die Arme, drückte ihn an sich.

 

„Dein Vater hat dich lieb, glaub’ mir das“, sagte er leise und strich über Flos Haare. „Er weiß nur einfach nicht so richtig, wie er dir das zeigen soll. Ich weiß, wie schwer das ist, aber du musst geduldig mit ihm sein. Ihr müsst euch erst beide an die neue Situation gewöhnen. Und wenn wir diesen Fall gelöst haben... ich verspreche dir, ich rede mit deinem Vater. Vielleicht nimmt er sich ein paar Tage frei und dann kümmert er sich nur um dich.“ Klaus war entschlossen, Jupp notfalls dazu zu zwingen. Und wenn er ihn eigenhändig aus dem Büro schleifen und die Tür des Rättematäng zunageln musste, damit Jupp sich ein paar freie Tage nahm. Haupt würde ihm sicher keine Steine in den Weg legen und den Urlaub genehmigen. Florian brauchte ihn jetzt am meisten. Er hörte Flo leise schniefen und zog mit einem Lächeln ein Taschentuch aus der Hose, das er ihm in die Hand drückte.

 

Flo löste sich von ihm, setzte sich auf und putzte sich die Nase. „Onkel Klaus?“, fragte er zögernd. „Bin ich schuld daran, dass Mama tot ist?“

 

Entsetzt blickte Klaus ihn an. „Florian! Nein, natürlich nicht! Es war ein Unfall. Wie kommst du nur auf so eine Idee?“

 

„Ich habe gelauscht, wie Anna und Papa sich gestritten haben. Unten, beim Aufräumen. Anna sagte, dass das alles nur passiert ist, weil Mama noch schnell die Konsole für meinen Geburtstag kaufen wollte.“ Er zog die Knie an und schlang die Arme darum. „Und weil ich die Konsole doch unbedingt haben wollte...“ Flo begann wieder zu weinen.

 

Klaus drehte den Jungen an den Schultern zu sich herum, bis Flo ihn ansah. „Es ist nicht deine Schuld gewesen, Florian. Niemand hat schuld daran. Es war ein Unfall und so schrecklich das auch ist, solche Unfälle geschehen manchmal und niemand kann sagen, warum. Aber es war nicht deine Schuld, hörst du? So was darfst du nicht mal denken, verstanden? Ich bin sicher, dass Anna von etwas ganz anderem gesprochen hat und du sie nur falsch verstanden hast.“ Er konnte sich sehr wohl denken, worum es in diesem Streit gegangen war – nämlich darum, dass Jupp versprochen hatte, die Konsole zu besorgen und – wie so oft – sein Versprechen nicht eingehalten hatte. Anna und Ellen hatten darüber vor dem Unfall gesprochen.

 

Florian nickte schließlich. „Darf ich noch hier bleiben?“, fragte er dann.

 

„Na klar, Sportsfreund.“ Klaus zog ein Kissen heran. „Aber ab unter die Decke mit dir. Morgen ist Schule.“ Er wartete, bis Flo sich zugedeckt hatte. „Und morgen Nachmittag ist Fußball-Training, da musst du doch ausgeschlafen sein. Wenn wir rechtzeitig mit der Arbeit fertig werden, dann holen der Papa und ich dich ab, einverstanden?“

 

Flo nickte. „Ich bin aber noch nicht müde“, meinte er und gähnte prompt. „Am Samstag ist ein Eishockey-Spiel. Anna hat mir die Karten zum Geburtstag geschenkt. Glaubst du, dass Papa mit mir da hingeht?“

 

„Das wird er sicher.“ Klaus tat so, als wäre ihm eben etwas Wichtiges eingefallen. „Flo, ich hab’ da ja noch was für dich. Von deinem Vater.“ Er stand auf und holte ein Comicheft aus einer Einkaufstüte, die am Paravent lehnte. „Verrate ihm nicht, dass ich vergessen habe, es dir zu geben.“ Zwar hatte er das Heft besorgt, als er einkaufen war, aber was machte so eine kleine Lüge schon, wenn Flos Augen zumindest für einen Moment mit Begeisterung aufleuchteten.

 

„Batman, toll. Das neue Sonderheft. Ich bin bestimmt der Erste von meinen Freunden, der es hat. Danke, Onkel Klaus.“

 

Klaus hob die Hände. „Ich sage deinem Vater, dass es dir gefällt.“

 

„Ich darf doch noch darin lesen, oder?“

 

„Klar. Bis der Papa nach Hause kommt – falls das nicht zu lange dauert.“ Klaus setzte sich wieder auf die andere Hälfte des Bettes und griff nach seinem Laptop.

 

Dann war es eine Zeitlang bis auf das leise Klicken der Tasten und dem Umblättern der Seiten still. Klaus sah ab und zu auf und nach Florian, der ganz in die Welt von Gothams dunklem Helden vertieft war. Aber als er das nächste Mal aufsah, schlief Flo, das Heft noch aufgeschlagen vor sich. Er lächelte, strich ihm übers Haar, legte den Comic auf den Nachttisch und zog die Decke um den Jungen hoch. Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

 

* * *

 

Geraume Zeit später wurde seine Tür geöffnet und Jupp kam herein. „Klaus, hast du Flo...“ Er stoppte, als er seinen schlafenden Sohn entdeckte.

 

Klaus speicherte den Bericht ab, an dem er gerade arbeitete und schloss den Laptop. Dann legte er ihn beiseite und stand auf, um zu seinem Partner zu treten. Er zog Jupp auf den Flur und schloss die Türe. „Wo zum Teufel warst du?“, fragte er scharf, die Stimme jedoch gedämpft, um Flo nicht zu wecken. „Wieso lässt du ihn einfach alleine, wenn du ihm schon versprichst, den Abend mit ihm zu verbringen?“

 

„Ich wollte noch was von der Büssow wissen.“ Jupp stopfte die Hände in die Taschen, seine Miene ärgerlich. „Außerdem habe ich Flo nicht alleine gelassen, du bist doch da.“

 

„Aber ich bin nicht sein Vater, verdammt noch mal, Jupp.“ Klaus hielt ihn auf, als Jupp an ihm vorbei wollte. Diesmal war Weglaufen definitiv keine Option, ein unangenehmes Gespräch zu beenden. „Konnte das nicht bis morgen warten? Bekommst du eigentlich mit, wie es in Flo aussieht? Was um dich herum vorgeht? Hast du eine Ahnung, dass der Junge dachte, er wäre Schuld am Tod seiner Mutter – weil er sich die Konsole gewünscht hat?“

 

Jupp wandte sich von ihm ab und lehnte sich gegen die Wand. Klaus Worte ließen ihn ähnlich atemlos wie ein Schlag in den Magen. „Ich... das wusste ich nicht. Woher... wieso glaubt Flo das nur?“, fragte er leise.

 

„Weil er dich und Anna deswegen streiten gehört hat. Und irgendetwas, das dabei gesprochen wurde, bezog er auf sich. Er dachte, wenn er sich nicht die Konsole gewünscht hätte, wäre Ellen dort nicht ausgestiegen und der Unfall nicht passiert.“ Klaus Stimme hatte einen merklich sanfteren Tonfall angenommen, als er sah, wie betroffen sein Freund war.

 

Jupp rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Das wusste ich nicht. Ich... wie sollte ich wissen, dass er sich die Schuld daran gibt? Er hat doch nie was gesagt. Er hätte das nie hören dürfen.“ Er lehnte den Kopf zurück, starrte an die Decke. „Und das Schlimmste ist, Anna hatte recht - es war meine Schuld.“

 

Klaus seufzte. Manchmal waren sich Vater und Sohn auch zu ähnlich. „Es war ein Unfall“, entgegnete er mit fester Stimme. „Und niemand hat daran schuld. Weder du, noch sonst jemand.“

 

Um Jupps Mundwinkel zuckte es freudlos. „Ich habe diese verfluchte Spielekonsole nicht besorgt, obwohl ich drei Monate dazu Zeit hatte“, entgegnete er bitter. „Wenn ich nur ein verdammtes Mal gehalten hätte, was ich immer verspreche, dann wäre das nie passiert. Ellen wäre... sie wäre nicht...“ Er brach ab, ballte die Hände zu Fäusten und schlug sie gegen die Wand.

 

„Hör’ auf damit, willst du Flo wecken?“ Klaus griff hastig nach seinen Händen, drückte sie nach unten. „Glaubst du das wirklich? Denkst du tatsächlich, dass Ellens Tod etwas mit dir zu tun hat? Damit, dass du so bist, wie du nun einmal bist? Ellen hat das akzeptiert. Klar, sie war sauer und enttäuscht, aber sie hatte dir schon längst verziehen, als sie mit Anna zum Einkaufen gefahren ist. Ellens Tod war ein Unfall, keine... mystische Strafe des Schicksals für deine Nachlässigkeit. Deine Schuldgefühle nützen niemandem etwas.“

 

„Was verstehst du schon davon! Sie war nicht deine Frau.“ Jupp machte sich aus Klaus Griff los.

 

„Nein. Aber ich hatte sie auch sehr gerne. Glaubst du, du hast das Monopol auf Schuldgefühle? Denkst du, ich hätte nicht auch schon akzeptieren müssen, dass es Dinge gibt, auf die wir keinen Einfluss haben?“ Klaus packte Jupp beim Revers der Jacke. „Wenn du endlich aufhören würdest, dich nur schuldig zu fühlen, würdest du vielleicht auch mitbekommen, dass dein Sohn dich braucht. Nicht Anna. Nicht mich. Dich. Ich habe dir das schon einmal gesagt: Werde erwachsen und zwar vor Flo. Du bist jetzt alleinerziehender Vater. Du trägst jetzt für mehr als nur für dein Leben die Verantwortung. Und wenn du das vermasselst, dann verlierst du Florian. Dann wirst du eines Morgens aufwachen und feststellen, dass er nur noch dem Namen nach dein Sohn ist, aber ihr euch fremd geworden seid. Und das kannst du nicht wollen.“

 

Jupp starrte ihn an, dann blickte er zu Boden und blinzelte ein paar Mal. „Nein“, sagte er dann heiser. „Ich liebe Flo doch.“ Er löste Klaus Hände von seiner Jacke und fuhr sich dann mit dem Handrücken über die Augen. „Aber... ich weiß einfach nicht, wie ich mit ihm umgehen soll. Ich will nichts falsch machen.“

 

„Nicht mit ihm zu reden, ihm nicht zuzuhören, nicht für ihn da zu sein – das ist das einzige, was du falsch machen kannst.“ Klaus wandte sich von ihm ab und holte tief Luft. „In was für Situationen du mich bringst, Jupp“, fuhr er dann fort. „Da stehe ich mitten in der Nacht auf deinem Flur und erkläre dir, wie du mit deinem Sohn umzugehen hast.“ Er sah auf, als er Jupps Hand auf der Schulter spürte und lächelte. „Aber irgendjemand muss das ja schließlich tun. Und wozu bin ich sonst dein Partner.“

 

„Für eine... für einen alleinstehenden Mann verstehst du ne Menge von Vätern und Söhnen.“ Jupp schluckte sichtbar. „Danke.“

 

Klaus sah einen Moment zur Seite, als hätte Jupp etwas berührt, das besser nicht angerührt werden sollte. Dann zuckte er mit den Schultern. „Geh’ und hol’ Flo aus meinem Bett, damit ich auch schlafen gehen kann, das reicht mir als Dank“, meinte er leichthin. „Und ich habe deinem Sohn versprochen, dass wir ihn morgen vom Training abholen. Vergiss’ das nicht.“

 

„Mach’ ich.“ Jupp sah ihn noch einen Augenblick an, dann nickte er und ging in Klaus Zimmer.

 

Er folgte ihm und sah zu, wie Jupp seinen Sohn aus dem Bett hob und in die Arme nahm. Florian wurde nicht richtig wach, murmelte nur etwas und drehte den Kopf an den Hals seines Vaters. Klaus sah ihnen hinterher, als Jupp Flo in sein eigenes Zimmer brachte, dann schloss er sacht die Tür. Als er zum Bett zurückkehrte, fiel sein Blick auf das Batman-Heft. Klaus strich mit den Fingerspitzen darüber, dann schüttelte er den Kopf und setzte sich wieder aufs Bett, um den Laptop zu öffnen. Aber es dauerte lange, bis er seine Gedanken so weit gesammelt hatte, dass er sich wieder auf seinen Bericht konzentrieren und ihn beenden konnte.

 

 

Ende