Weg ohne Wiederkehr

T’Len

2006

 

 

 

Fandom: SK Kölsch

Charaktere: Jupp, Falk, (Klaus)

Kategorie: G

Hinweise: Charakter-Death, AR

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Summe: Jupp bekommt eine traurige Nachricht aus Brüssel und erfährt einige Wahrheiten.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

 

"Komm doch mit", sagte Jupp Schatz und setzte sich auf den Schreibtisch seines Kollegen Falk von Schermbeck.

 

"Jupp, ich habe dir bereits gesagt, dass ich etwas anderes vorhabe", erwiderte dieser.

 

"Mensch gegen die Bayern, das ist nicht irgendein Spiel, das ist der Knaller der Saison. Seit Ewigkeiten ausverkauft. Andere würden sich um die Karten reißen. Da muss man einfach dabei sein", versuchte Jupp seinen Freund doch noch zu überzeugen.

 

"Ich nicht", betonte Falk. "Hast du denn sonst niemanden, den du mitnehmen kannst? Was ist mit Flo?"

 

"Ich hab die Karten schon vor Monaten für Flo und mich gekauft", antwortete Jupp. "Aber jetzt ist er auf Klassenfahrt."

 

"Dann verkauf sie halt auf dem Schwarzmarkt", schlug Falk vor. "Bringt bestimmt einiges ein. Darfst dich nur nicht erwischen lassen."

 

"Sehr witzig", bemerkte Jupp.

 

"Oder nimm deine Mutter mit."

 

"Du bist heute wirklich ein Scherzkeks." Jupp setzte seinen Schmollblick auf, der nicht nur bei seiner Mutter sondern auch bei Falk meist seine Wirkung nicht verfehlte. "Komm doch mit. Klaus ist auch immer mitgegangen."

 

"Aber ich bin nicht Klaus", erwiderte Falk. "Und ich habe wirklich schon etwas vor."

 

"Lauter knackige Jungs in kurzen Hosen, darauf steht ihr Schwulen doch", lockte Jupp. "Ballack spielt auch mit."

 

"Du bist unmöglich, Jupp", antwortete Falk mit gespielter Empörung. Er kannte Jupps Sprüche ja zu genüge.

 

"Bitte."

 

"Nein!"

 

"Du willst doch nur wieder auf so ne Schwulenparty, wo du einen abschleppen kannst."

 

"Ober-Heten-Macho", Falk klang keineswegs beleidigt. Er kannte Jupp längst gut genug, um zu wissen, wie er ihn zu nehmen hatte.

 

"Schwuchtel", Jupp knuffte Falk spielerisch in die Seite. Woraufhin dieser ihm einen Kuss zuwarf.

 

"Ich freue mich, dass Sie sich so gut amüsieren", sagte Heinrich Haupt, der gerade ihr Büro betrat. Er gestikulierte Achim und Gino durch die Scheibe zu ihrem Büro, sie möchten zu ihnen kommen. "Leider habe ich eine schlechte Nachricht für Sie."

 

Jupp rutschte vom Schreibtisch und trat Haupt entgegen. "Was ist los, Chef?", fragte er. Haupts angespannter Gesichtsausdruck schien nichts Gutes zu bedeuten. Die Augen waren von tiefen Schatten umgeben. Fast als hätte er geweint.

 

"Ich bekam soeben Nachricht von Interpol aus Brüssel", begann Haupt.

 

"Klaus", warf Achim ein.

 

Haupt nickte unmerklich. "Es gab während eines Zugriffs einen tragischen Unfall. Herr Taube wurde heute morgen erschossen."

 

Achim schluchzte auf. "Oh Gott", murmelte Gino. Aus dem Gesicht des jungen Italieners war jede Farbe gewichen.

 

"Klaus, nein", flüsterte Jupp. Er taumelte rückwärts, merkte kaum, dass Falk aufgestanden und an seine Seite getreten war, nun zugriff, um seinen Sturz zu verhindern.

 

Wie aus weiter Ferne drangen Haupts Worte an sein Ohr. "Sie müssen nach Brüssel und alles regeln, Herr Schatz. Herr Taube hat sie zu seinem Nachlassverwalter bestimmt.“

 

///

 

Er kam sich wie ein Eindringling vor, fast wie ein Einbrecher. Obwohl er einen Schlüssel hatte. Der Anwalt hatte ihn ihm gegeben gemeinsam mit Klaus Testament.

 

Taube, so hatte der Mann Jupp erklärt, habe darum gebeten, dass Jupp alles regele, sollte ihm etwas zustoßen. Eine Möglichkeit, mit der man in ihrem Beruf immer rechnen musste, auch wenn Jupp die Gedanken daran gern verdrängte.

 

Aber es erschien ihm typisch für Klaus, dass der für den Fall der Fälle alles geregelt hatte. Dein Großteil seines Vermögens hatte er Flo hinterlassen. Wenn der Junge 18 war, würde er auf die Sparkonten zugreifen können. Auch Jupp und seine ehemaligen Kollegen hatte er bedacht. Zudem verfügte Klaus, dass er verbrannt und die Asche in Köln beigesetzt werden sollte. Jupp sollte alles nötige veranlassen, wie auch die Wohnung auflösen. Von einer Familie war nie die Rede und offensichtlich hatte Klaus auch keinen neuen Lebenspartner gehabt. Dass Klaus ausgerechnet in Köln bestattet werden wollte, wo ihm doch angeblich die Kölsche Lebensart so wenig zusagte, überraschte Jupp doch ein bisschen. Aber offensichtlich hatte Klaus sich ihnen verbundener gefühlt, als er je zugab. Er für seinen Teil jedenfalls hatte immer bedauert, dass Klaus nach Brüssel gegangen war. Aber er verstand, dass der Freund die Karrierechance nutzen wollte. Köln war ja diesbezüglich nach seiner BKA-Zeit eher ein Rückschritt gewesen. Trotzdem war Klaus geblieben und sie ein verdammt gutes Team geworden.

 

Der Anwalt hatte Jupp auch einige Zeitungsartikel über den Einsatz gezeigt. Zudem hatte er anschließend mit Klaus Kollegen gesprochen. Er hatte einfach genau wissen wollen, was passiert war. Außerdem wollte er den Moment, wo er in Klaus Wohnung gehen würde so lange wie möglich hinauszögern. Er fürchtete den Augenblick, in dem ihm richtig bewusst werden würde, dass Klaus nie mehr zurück kam, dass sie nie wieder gemeinsam ein Bier trinken oder ein Spiel ansehen würden, dass sie nie wieder zusammen streiten und lachen würden, dass er nie wieder die Stimme des Freundes hören, sein Gesicht sehen würde.

 

Seit Monaten, so erfuhr er, war Interpol einem Menschenschmugglerring auf der Spur gewesen. Zwangsprostitution, Kinderpornografie, die ganze schmutzige Palette, vor allem mit jungen Mädchen aus Osteuropa. Als kurz hintereinander drei Prostituierte tot aufgefunden wurden, hatte man Klaus als Spezialist für Serienmörder hinzugezogen. Deshalb war er auch dabei gewesen, als man schließlich zuschlug und das Versteck der Bande aushob. Eigentlich nur in zweiter Reihe und somit scheinbar aus der Schusslinie. Doch eines der Bandenmitglieder war entkommen, hatte sich versteckt und aus dem Hinterhalt auf die Beamten geschossen, als diese die Mädchen in Sicherheit bringen wollten. Die Kugel traf Klaus mitten in den Kopf. Er war auf der Stelle tot, versicherten seine Kollegen Jupp, als wäre dies ein Trost.

 

Nun stand er also in Klaus Wohnung und kam sich fremd und hilflos vor. Irgendwie erwartete er fast, dass Klaus jeden Moment zur Tür hereinkommen und sich beschweren würde, dass er sich erst Ewigkeiten nicht gemeldet und dann unangemeldet aufgetaucht war. Danach würden sie sich lachend in die Arme fallen.

 

Jupp gab sich einen Ruck und begann sich in der Wohnung umzusehen. Drei Zimmer - Wohnraum, Schlafzimmer und das dritte hatte Klaus offensichtlich als eine Kombination von Arbeitszimmer und Fitnessraum benutzt, jedenfalls fand sich neben seinem Laptop auch ein Trimmrad dort - Küche, Bad.

 

Er war nie hier gewesen. Zwar hatten sie nach Klaus Weggang aus Köln Kontakt gehalten, dann und wann miteinander telefoniert, die üblichen Grüße und kleinen Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag - Seitens Klaus an Flo immer etwas großzügiger - ausgetauscht, aber wiedergesehen hatten sie sich nicht. Wie es im Leben so spielte, man fand zwischen Arbeit und anderen Verpflichtungen einfach nicht die Zeit und wenn man sie sich nehmen konnte tausend Ausreden, warum man es doch nicht tat.

 

Einige Möbelstücke erkannte Jupp wieder. Klaus hatte sie schon in Köln besessen. Doch auch damals war er nur selten in der Wohnung des Freundes gewesen. Meist hatten sie sich bei ihm getroffen oder im Rättematäng. Es war immer so gewesen, als wäre Klaus in seine Welt gekommen, doch hätte er es tunlichst vermieten Klaus Welt zu betreten, fast so als fürchte er, was ihn dort erwarten könne.

 

Jupp griff nach einem gerahmten Foto, dass in einem offenen Fach des Wohnzimmerschranks stand. Es zeigte ihn und Klaus mit einem lachenden Flo in der Mitte. Zwei andere Bilder zeigten ihn, Ellen und Flo bzw. Klaus mit Flo und Ellen. Jupp wusste genau, wann diese Bilder aufgenommen worden waren. Nach Flos Theaterauftritt in der Schule. Sie waren zusammen dort gewesen. Wie eine richtige Familie. Vater, Mutter, Sohn und - er grübelte, was war Klaus eigentlich für sie? Für Flo mit Sicherheit ein lieber Onkel, für Ellen ein guter Freund. Und für ihn? Eigentlich mehr als das. Ein Vertrauter, ein wahrer Partner, wie er vorher keinen gekannt hatte.

 

Die Wohnung war hell und modern möbliert. So wie Klaus es wohl liebte. Geliebt hatte, korrigierte er seine Gedanken und schluckte schwer. Er hatte nicht geweint, nicht als Haupts Botschaft langsam in sein Bewusstsein drang, nicht während er seine Mutter und Flo informierte, nicht während der langen, verdammt einsamen Fahrt nach Brüssel. Er gestattete sich keine Tränen. Nicht weil er sie als Schwäche ansah, sondern weil er fürchtete, damit würde er sich die Endgültigkeit der ganzen Situation eingestehen. Wenn er um Klaus weinte, dann gestand er sich ein, dass seien Hoffnung, alles könne sich als bloßer Irrtum erweisen, ein Trugschluss war.

 

Jupp setzte sich auf das weiße Sofa, das mitten im Raum stand und zog den Brief hervor, den der Anwalt ihm gegeben hatte. Eine persönliche Nachricht von Klaus an ihn. Er hatte sie nicht im Anwaltsbüro lesen wollen. Seine Hände zitterten, als er den Umschlag öffnete.

 

"Lieber Jupp", stand da geschrieben, in Klaus charakteristischer Handschrift, nicht mit dem Computer. Der Brief, so stellte Jupp fest, war erst vor etwa einem Vierteljahr geschrieben. Fast so, als hätte Klaus geahnt, dass ihm etwas zustoßen würde.

 

"Ich hoffe, dass du diesen Brief nie lesen wirst. Nein, diese Einleitung ist albern, denn wenn du sie liest, ist eingetreten, was ich nicht hoffe und mir ist etwas zugestoßen.

 

Ich hoffe jedenfalls, du verzeihst mir, dass ich dich zu meinem Nachlassverwalter bestimmt habe. Ich weiß, es wird dir nicht leicht fallen, mit den Erinnerungen an Ellen und was wir, was vor allem du damals durchgemacht hast, die das Ganze sicher hervorrufen wird. Aber ich wüsste sonst niemanden, den ich mit dieser Aufgabe betrauen könnte.

 

Du wunderst dich vielleicht, warum ich nie meine Familie erwähnt habe. Unser Verhältnis war nicht das beste, um es vorsichtig auszudrücken, und über die letzten Jahre eigentlich nicht mehr existent. Gründe dafür gab es viele, ich möchte dich nicht mit den Details belasten. Bitte informiere sie, was mit mir passiert ist."

 

Es folgte eine Postanschrift und Telefonnummer. Jupp beschloss einen Brief zu schreiben. Er war sich nicht sicher, ob er zu einem Anruf in der Lage war. Zumal Klaus gebeten hatte, seine Familie erst nach seiner Beisetzung zu informieren. Er wollte sie offensichtlich nicht dabei haben. Jupp fragte sich unwillkürlich ob die Probleme etwas mit Klaus Homosexualität zu tun hatten. Konnten seine Eltern nicht akzeptieren, dass er Männer liebte? Oder steckte etwas anderes dahinter?

 

Er las weiter. "Ich habe Flo zu meinem Haupterben bestimmt. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich. Ihr wart für mich immer wie eine Familie, mehr als meine eigene es je war. Ich weiß, du hast dich manchmal gefragt, warum ich in Köln geblieben bin, wo es doch eigentlich ein beruflicher Abstieg für mich war. Aber ich fühlte bei euch - beruflich wie privat - etwas, was ich vorher nicht gekannt hatte. Ich fühlte mich akzeptiert, angekommen, zu Haus. Ich möchte, dass du weißt, dass es eine ganz besondere Zeit für mich war, dass sie mir sehr viel bedeutet hat."

 

Jupp wischte sich über die Augen. Verdammter Mistkerl, dachte er, warum bist du nur weggegangen? Es war doch alles perfekt mit uns. Falk war ein prima Kerl und ein guter Profiler, doch irgendwie war er nicht wie Klaus. Zumindest nicht, was ihre private Beziehung anbetraf.

 

"Ich möchte dir noch etwas schreiben und ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Aber ich möchte, dass du verstehst, warum ich Köln verließ, warum ich Köln verlassen musste. Du sollst wissen, was ich für dich empfunden habe.

 

"Ich habe mich in dich verliebt, Jupp. Nein, das ist nicht ganz richtig, ich habe dich geliebt. Wahrlich geliebt. Ich liebe dich noch immer, in dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe. Ich kann dir nicht sagen, wann, wieso und wie es passiert ist. Liebe ist nicht logisch, es gibt keine Erklärung dafür. Ich weiß nur, dass diese Gefühle da waren und irgendwann immer stärker wurden.

 

Mir war immer bewusst, dass du sie nie erwidern würdest, Jupp. Das ist nicht deine Natur. Und mir graute vor dem Tag, an dem du herausfinden würdest, was mit mir los war, an dem ich mich vielleicht verraten würde durch eine unbedachte Geste, ein falsches Wort. Ich wollte deine Freundschaft, deine Achtung nicht verlieren. Und das wäre unweigerlich passiert. Du hättest mit nicht mehr vertraut, das hätte auch unsere Zusammenarbeit zerstört.

 

Ich musste gehen, um uns beide zu schützen. Ich hoffte, Raum und Zeit würden mir helfen, meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Zumindest redete ich mir das ein. Doch es hat nicht wirklich funktioniert. Auch deshalb kam ich nie zu Besuch. Ich fürchtete, alles würde wieder aufflammen. Jupp, ich bin zu vernünftig, zu alt, um etwas und jemanden hinterher zu rennen, das und den ich nie bekommen kann. Aber ich konnte nicht damit Leben, es täglich vor meinen Augen zu haben, dich zu sehen, ohne dich berühren zu können, ohne dir sagen zu können, was ich fühle. Also bin ich feige davon gelaufen.

 

Verzeih mir bitte.

 

In Liebe, Klaus."

 

Jupp ließ den Brief sinken und vergrub den Kopf in den Händen. Es fiel ihm schwer, zu realisieren, was er soeben gelesen hatte. Klaus hatte ihn geliebt, vielleicht sogar begehrt. Warum hatte der verdammte Kerl nie etwas gesagt? Warum war er deshalb gegangen und geradewegs in den Tod gerannt? Sie hätten das doch hinbekommen. Irgendwie. Bestimmt. Er war doch kein untolerantes Arschloch, auch wenn Klaus ihn manchmal dafür gehalten hatte – und er sich wahrscheinlich auch als solches aufgeführt hatte. Irgendwie hätte er schon damit leben können, dass sein Freund ihn scharf fand, redete er sich ein. Sie waren doch beide vernünftige Erwachsene. Sei nicht albern, antwortete eine andere innere Stimme, du wärst in Panik geraten bei dem bloßen Gedanken daran. Auch wenn Klaus sich ihm mit Sicherheit nie genähert hätte.

 

Doch jetzt würde er nie erfahren, was gewesen wäre, wenn....

 

Es klingelte an der Tür. Jupp zuckte zusammen, beschloss jedoch das Geräusch zu ignorieren. Er wollte niemanden sehen. Nicht jetzt. Er konnte es nicht. Erst mal musste er verarbeiten, was er soeben gelesen hatte. Wahrscheinlich irgendwelche Nachbarn, die Wohnung war in einer recht exklusiven Gegend, wie ihm schien,  oder weitere von Taubes Kollegen, die ihr Beileid ausdrücken wollten. Das Klingeln blieb hartnäckig. Schließlich klopfte es an der Tür und eine vertraute Stimme rief seinen Namen.

 

Schwerfällig erhob er sich. Er fühlte sich wie ein alter Mann. "Ich liebe dich", immer wieder hämmerten Klaus Worte durch seinen Kopf. Nie hätte er geahnt, dass sein Freund solche Gefühle für ihn hegen konnte.

 

Er öffnete die Tür. "Was machst du denn hier?"

 

Falk von Schermbeck trat ein. "Ich habe Haupt bekniet mir freizugeben", erklärte er. "Du warst so durcheinander, als du weggingst. Ich dachte du könntest etwas Beistand gebrauchen. Die Adresse habe ich von Interpol."

 

Jupp führte ihn stumm ins Wohnzimmer. "Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll." Er zuckte hilflos mit den Schultern. "Ich denke immer noch, er kommt gleich wieder."

 

"Ich weiß", erwiderte Falk. Er selbst fühlte sich ziemlich hilflos. Er hatte zwar Klaus Taube nie persönlich kennen gelernt, wusste nur aus den Erzählungen der Kollegen und vor allem durch Jupp von ihm. Aber ihm war durchaus bewusst, wie schwer die Nachricht von seinem Tod alle getroffen hatte und besonders Jupp. Die beiden waren enge Freunde gewesen. Und auch ihn machte der Tod eines Kollegen, selbst wenn er ihn nicht gekannt hatte, betroffen.

 

Jupp setzte sich wieder aufs Sofa und nahm den Brief in die Hand. Gedankenverloren drehte er ihn hin und her, während Falk ihn besorgt musterte. Das ganze nahm Jupp mehr mit, als er je zugeben würde.

 

"Er hat mich geliebt", sagte Jupp plötzlich. Er musste es einfach aussprechen, mit jemanden darüber reden.

 

"Ich weiß, ihr wart gute Freunde", erwiderte Falk.

 

Jupp schüttelte vehement den Kopf. "Nein, du verstehst nicht, er hat mich geliebt, richtig geliebt, als Mann."

 

Jupp sprang auf und begann mit schnellen Schritten im Raum auf und ab zu laufen. "Er ist deshalb nach Brüssel gegangen. Er wollte nicht, dass ich von seinen Gefühlen erfahre. Verdammt, warum hat er nie etwas gesagt? Wenn er in Köln geblieben wäre, dann wäre er jetzt nicht tot."

 

"Jupp, Selbstvorwürfe bringen überhaupt nichts", sagte Falk ruhig.

 

"Was verstehst du schon", erwiderte Jupp bitter. "Es ist immer meine Schuld. Ellen, wenn ich nur diese verdammte Konsole rechtzeitig besorgt hätte... und nun Klaus. Ich treibe alle in den Tod, die mir etwas bedeuten."

 

„Du solltest besser so viel Abstand wie möglich, zwischen dich und mich bringen“, fügte er sarkastisch hinzu.

 

Falk stand auf und hielt Jupp in seinem verzweifelten Lauf auf. Er wusste, dass Jupp sich nach wie vor die Schuld am Unfalltod seiner Ex-Frau gab, so unsinnig dies auch erscheinen mochte. Wenn er sich nun auch noch für den Tod seines ehemaligen Partners verantwortlich fühlte... "Sei nicht albern. Du bist wütend, Jupp und das ist ganz normal. Du bist wütend auf ihn, dass er dich für immer verlassen hat. Aber da du es nicht mehr an ihm auslassen kannst, richtest du die Wut gegen dich. Aber du bist nicht Schuld. Niemand ist Schuld, außer der, der die tödliche Kugel abgefeuert hat. Verstehst du mich? Doch damit änderst du nichts. Du machst ihn nicht wieder lebendig, indem du dich mit Vorwürfen quälst."

 

"Aber wenn er nicht..."

 

"Klaus Taube war ein erwachsener Mann. Er wusste genau, was er tat", unterbrach Falk ihn. "Er tat, was er für das beste hielt, für euch beide. Er ging, weil er es wollte, weil er es für das richtige hielt, nicht weil du ihm dazu getrieben hast."

 

"Was weißt du schon, wie Klaus gedacht hat", erwiderte Jupp bitter.

 

"Wahrscheinlich verstehe ich ihn besser, als du ahnst", antwortete Falk.

 

Jupp sah ihn prüfend an. War Falk etwa auch in ihn verliebt? Schwer vorzustellen bei den ganzen, dauernd wechselnden und vor allem wesentlich jüngeren Freunden, die er ständig hatte. Er war nicht nur diesbezüglich so ganz anders als der zurückhaltende Klaus. Oder vielleicht doch nicht? War alles nur Fassade? Jupp konnte und wollte jetzt nicht darüber nachdenken.

 

Falk führte Jupp zum Sofa, kniete sich dann vor ihm hin und ergriff seine Hände. "Jupp, was wäre passiert, wenn Klaus dir seine Gefühle gestanden hätte, wenn er dir gesagt hätte, dass er dich liebt? Wie hättest du reagiert?"

 

Jupp zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht", sagte er leise. "Wahrscheinlich wäre es mir unangenehm gewesen. Oder ich hätte Panik gekriegt."

 

"Hättest du sie erwidern können?", hakte Falk nach.

 

Jupp schüttelte unsicher den Kopf. "Ich glaube nicht. Ich bin nicht... so", sagte er leise. „Ich mag... ich mochte ihn, sehr sogar. Aber Liebe, nein.“

 

"Siehst du." Falk setzte sich neben Jupp. "Klaus wusste das. Hätte er dir etwas gesagt, es hätte eure Beziehung belastet. Privat wie beruflich und das hätte für euch fatale Folgen haben können. Er wusste, dass du ihm nicht das geben kannst, was er sich erträumte. Sicher war eine räumliche Trennung für ihn leichter zu ertragen, als seine unerfüllten Wünsche ständig vor Augen zu haben."

 

Er legte seinen Arm um Jupp. "Schau Jupp, was passiert ist, ist tragisch und du hast alles Recht, um ihn zu trauern. Lass deine Wut raus, wegen mir gern an mir, weine oder was immer dir hilft. Aber mach dir keine Vorwürfe. Unser Beruf ist gefährlich. Das weißt du genauso gut wie ich, das hat auch Klaus gewusst. Wir nehmen das Risiko in kauf, leben täglich damit, aus welchem Grund auch immer. Das mag jetzt hart klingen, aber in Köln hätte ihm genauso etwas passieren können, selbst wenn er dir seine Gefühle gestanden hätte und ihr ein Paar geworden wäret. Es gibt keine Garantien, Jupp, vor allem nicht in unserem Beruf."

 

Jupp legte den Kopf an Falks Schulter. "Ich frage mich nur dauernd, was wäre gewesen wenn..."

 

"Das Leben ist voller verpasster Möglichkeiten", erwiderte Falk. "Es bringt nichts ihnen nachzutrauern. Man muss nach vorn schauen, nicht zurück. Ich bin sicher, das würde Klaus auch von dir erwarten. Er will bestimmt nicht, dass du in Selbstmitleid zerfließt."

 

"Warum hat er es mir überhaupt geschrieben? Warum sein Geheimnis nicht für sich behalten?", fragte Jupp.

 

"Ich nehme an, er wollte, dass du ihn letztendlich wirklich verstehst", erwiderte Falk.

 

"Es tut so weh", sagte Jupp leise.

 

"Ich weiß." Er streichelte zärtlich über Jupps Haar. "Behalt ihn als guten Freund in Erinnerung und als einen ganz besonderen Menschen, dem du und der dir viel bedeutet hat."

 

Jupp nickte "Ich bin froh, dass du da bist", sagte er zu Falk.  "Danke."

 

"Dafür sind Freunde da", erwiderte Falk leise.

 

Jupp lehnte den Kopf an seine Schulter und dann gestattete er sich endlich zu weinen.

 

Ende