neu: To see is to believe (House MD, slash, PG-13: House/Wilson, Stacy)
Titel: to see is to believe
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Charaktere: House/Wilson, Stacy
Thema: # 070. Sturm
Word Count: 4885
Rating: slash, PG-13
Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len fürs Betalesen.

Summe: Irgendwann am Anfang zu Season 3, vor 3.01 Meaning. House unternimmt eine Fahrt nach Short Hills. Oneshot

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics: Seal



Do you cry in your sleep and do you feel ok?
When you run



Everyone says you're amazing now that you're clean
Only you know who the real ones are cause you've seen
There's only one question I want to ask is it here and
When you hear everyone say you're amazing
Does anyone ask you?


Shiva (jüdische Totenwache): Sieben Tage der Trauer, die nach der Beerdigung beginnen und für Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder, Schwester und Ehepartner eingehalten werden.


Er sah Wilson aus den Augenwinkeln eintreten, hielt den Blick aber weiterhin auf die Zeitschrift gerichtet, in der er vorgab, zu lesen. Der Stuhl vor seinem Schreibtisch, den Wilson so oft in Beschlag nahm, dass er eigentlich Miete verlangen sollte, war frei, doch als nach der Zeit, die man normalerweise dazu benötigte, die Distanz von der Tür zum Schreibtisch zurück zu legen, kein Wilson dort Platz nahm, sah er kurz auf. Sein Freund stand noch immer an der Tür, die er zumindest inzwischen hinter sich geschlossen hatte und hielt die Arme lose vor der Brust verschränkt. Ein unübersehbares Stirnrunzeln zierte das Gesicht des Onkologen und House überlegte müßig, ob er die Ursache dafür sein konnte. Nachdem er sich selbst frei von jeder Schuld befand, winkte er mit der Zeitschrift in Richtung Stuhl und Wilson setzte sich endlich in Bewegung.

Doch anstatt sich in den Stuhl zu setzen, trat Wilson um den Schreibtisch herum und zog ihm die Ohrstöpsel des iPods aus den Ohren, schaltete das Gerät ab und schob es – Kidnapper! – in die Tasche seines Kittels. Interessante Taktik.

„Was muss ich bezahlen, um den iPod wieder zu bekommen? Und wenn ich die Geldübergabe platzen lasse, schneidest du ihm dann einen der Ohrhörer ab und schickst ihn mir mit einer neuen Lösegeldforderung per Post zu?“, fragte er, nur milde verärgert. Das versprach interessant zu werden. Interessanter zumindest, als die Zeit alleine tot zu schlagen.

„Wieso hast du nicht gesagt, dass du heute wieder anfängst zu arbeiten? Ich bin nur zufällig vorbei gelaufen und habe dich hier sitzen sehen.“

Er hatte sich geirrt. Das würde nicht interessant werden, nur anstrengend. House warf die Zeitschrift auf seinen Schreibtisch, der noch leerer als sonst wirkte, da Cameron seine Post sofort erledigte und Foreman vermutlich seine Akten alphabetisch sortierte. Da sein Team keinen neuen Fall annehmen würde, so lange er sich im Genesungsurlaub befand, hatte Cuddy sie an andere Abteilungen ausgeliehen. Er lehnte sich zurück und legte die Beine auf den Tisch. Beide. Gleichzeitig. Und ohne sein rechtes Bein mit den Händen hoch zu heben. Er spürte Wilsons Blick wie ein Gewicht auf sich. „Ich arbeite nicht.“

„Okay.“ Wilson seufzte und fuhr sich durch die Haare. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Schreibtisch. „Lass’ mich das umformulieren. Warum drückst du dich hier vor der Arbeit? Ich dachte, du hast Cuddy dazu gebracht, dir noch zwei Wochen zu genehmigen. Oder ist irgendetwas nicht in Ordnung? Hast du...?“

Er hob die Hand, um ihn zu unterbrechen, bevor Wilson sich in seine Spekulationen und damit in unnötige Besorgnis hineinsteigerte. „Es ist nichts. Vielleicht erinnerst du dich, dass ich vor nicht ganz sechs Wochen angeschossen wurde? Der Metzger, den Cuddy auf mich gehetzt hat, wollte seine Handarbeit bewundern.“

„Eine Nachsorgeuntersuchung? Du hast das freiwillig gemacht?“, entgegnete Wilson ungläubig. „Sind das die Vorboten der Apokalypse?“

House schnaubte verächtlich. „Cuddy hat mich dazu verdonnert, sie hat es als Bedingung an die zwei Extra-Wochen geheftet. Außerdem...“ Er stockte einen Moment, aber das war Wilson und er war mit ihm immer ehrlich gewesen. So ehrlich wie er es mit ihm sein konnte. „Ich habe ein MRI machen lassen.“

„Nicht an deinem Hals“, erwiderte Wilson nach einem Moment nachdenklich. „Auch nicht an deinem Bauch. Dein Bein?“

House sah weg, als er das aufdämmernde Verständnis... und etwas anderes... in den braunen Augen entdeckte. Wilsons Gefühle für ihn zu hinterfragen, hieße seine eigenen Gefühle zu hinterfragen. Und er war verdammt schlecht in Gefühlen... „Die Behandlung war experimental, richtig? Und ein Experiment macht nur Sinn, wenn man es weiter verfolgt und dokumentiert. Ich wollte nur sicher gehen, dass sie nicht an irgendeinem anderen armen Schwein herumdoktern, ohne zu wissen, was sie da tun.“

„Du hast Angst, dass es nicht funktioniert.“

Oh ja, überlass es Wilson genau das auszusprechen, was er nicht hören wollte. Er stemmte den Fuß gegen die Tischkante und stieß seinen Stuhl zurück, dann stand er auf und trat dicht vor Wilson. „Sehe ich so aus, als würde es nicht funktionieren?“ Es kam als halbe Bitte heraus; und seine Lippen verengten sich verärgert zu schmalen Streifen. House wandte sich ab und trat zum Fenster. Der blaue Spätsommerhimmel sah nicht mehr ganz so blau aus, eher ein wenig grau. „Hör’ auf, dir Sorgen zu machen.“

„Es tut mir leid“, sagte Wilson hinter ihm – sehr dicht hinter ihm, wie House feststellte. „Ich wollte dich damit nicht belästigen.“

Wenn Wilson wenigstens einmal verärgert klingen würde, aber alles was in seiner Stimme lag, war... Verständnis. Sorge. Nicht ein Hauch von Ironie. Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter, nur kurz. Er wandte den Kopf, um Wilson anzusehen. Doch jetzt waren die braunen Augen undeutbar, selbst für ihn. House öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, schloss ihn jedoch dann wortlos wieder. „Du wohnst immer noch in diesem Hotel?“, fragte er stattdessen nach einem Moment.

„Ja. Es ist... das ist eine praktische Lösung, bis die Scheidung durch ist.“

Da war etwas in Wilsons Stimme, das ihn aufhorchen ließ. „Julie macht Ärger.“ Es war keine Frage, eher eine Feststellung. Dass Wilson nichts erwiderte, war Antwort genug. „Was ist los, presst sie nicht genug Geld aus dir heraus? Sie wusste doch vorher, dass du schon für zwei Ex-Frauen Alimente bezahlst. Soll ich Cuddy fragen, ob sie dir eine Gehaltserhöhung gibt? Oder suchst du dir einen zweiten Job? Ich bin sicher, es gibt Unmengen an Jobangeboten für hochqualifizierte Onkologen, die Geld brauchen. Du könntest Burger braten oder in einem Pornokino saubermachen. Oder...“

„Oder nicht mehr mit dir in der Cafeteria essen und dir kein Geld mehr leihen, um Motorräder zu kaufen. Ich würde ein Vermögen sparen“, unterbrach ihn Wilson trocken.

Aber da war ein amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen und House wischte die „Drohung“ mit einer Handbewegung beiseite. „Du könntest wieder bei mir einziehen“, schlug er beiläufig vor.

Wilson schüttelte den Kopf. „Das hatten wir schon. Es war damals keine gute Idee und es ist noch immer keine gute Idee. Natürlich kommst du um das Vergnügen, die Tür nur halbangezogen aufzumachen und Julie zu sagen, du würdest mir die Papiere geben, sobald ich mit duschen fertig wäre. Und dass sie, wenn sie sich benehmen würde, dabei zusehen könne, was wir davor getan hätten, damit ich eine Dusche brauchte. Ich war beeindruckt, dass sie bis zum nächsten Tag abgewartet hat, mich anzurufen und mich zu beschuldigen, dass ich mit dir schlafen würde. Solche Verdächtigungen helfen einer Scheidung nicht gerade voran.“

House grinste. „Ich dachte, ich lüge deine baldige Ex-Frau besser nicht an, so beeindruckt war ich, dass sie sich in meine Wohnung wagte. Warum hat sie die Unterlagen auch nicht in deinem Büro abgeliefert, wenn sie sie dir schon eigenhändig unter die Nase halten wollte?“

„Du hast sie angelogen. Ich war unter der Dusche, weil ich gerade aus dem Krankenhaus kam und der letzte Klinikpatient sich über meine Hose übergeben hatte. Obwohl ich mich gleich danach umgezogen habe, hing der Geruch immer noch an mir.“

House zuckte ungerührt mit den Schultern. „Dann habe ich das wohl mit dem Abend davor verwechselt.“ Er setzte eine gespielt-verwirrte Miene auf. „Oder hast du da geduscht, weil ich mich über dich übergeben habe?“ Er schlug die Hand vor die Stirn, als wäre es ihm eben erst wieder eingefallen. „Nein. Du hast geduscht, weil wir Sex hatten. In meinem Bett.“ Zufrieden sah er die leichte Röte in Wilsons Wangen. „Und auf der Couch. Und in der Küche. Und in deinem Büro...“

„Könntest du damit aufhören? Wir sind bei der Arbeit. Zumindest ich bin es“, brachte Wilson schließlich heraus. Er warf einen Blick in das nebenan liegende Konferenzzimmer und über die Schulter auf den Korridor außerhalb House’ Büro – verdammtes Goldfischglas – doch beide waren leer. „Ich habe keine Ahnung, was passiert wäre, wenn Julie dich nicht zu sehr hassen würde, um dir zu glauben. So hält sie dich nur weiterhin für einen totalen Arsch und mich für völlig verrückt, weil ich mich mit dir abgebe.“

House zuckte erneut mit den Schultern. „Standest du nicht mit deinem Koffer vor meiner Tür, weil sie dich betrogen hat? Mit dem Poolboy, richtig? Sie hat also keinen Anlass, dir Vorwürfe zu machen, weil du mehr Geschmack beweist als sie.“

Wilson lachte leise. „Ich bin sicher, über meinen „besseren Geschmack“ würde sie gerne mit dir streiten.“ Dann wurde er wieder ernst. „Ich habe vor deiner Tür gestanden, mit meinem Koffer, weil ich nicht wusste, wohin ich sonst gehen sollte. Weil ich hören wollte, wie du dich über mich lustig machst und weil ich dein Bier trinken wollte, bis es aufhört, so verdammt weh zu tun. Und was machst du? Anstatt dich mit mir zu betrinken...“

„...hey, du kannst dir das Bier selbst aus dem Kühlschrank holen“, warf House ein. „Ich bin nicht mit dir verheiratet.“

„Als hätte ich das je von einer meiner Ehefrauen verlangt.“ Wilson fuhr ungerührt fort. „Anstatt dich mit mir zu betrinken, lässt du mich auf dem Sofa alleine und sitzt stundenlang am Klavier. Anstatt dich über mich lustig zu machen, scheinst du tatsächlich zuzuhören. Und anstatt mir schließlich ein Kissen an den Kopf zu werfen und mir zu befehlen, meinen Arsch zum Schrank zu bewegen, um mir den Rest selbst zu holen, packst du mich an der Krawatte und zerrst mich in dein Bett.“

„Ich verwehre mich gegen die Verwendung des Ausdrucks ‚zerren’, Jimmy“, entgegnete House spottend. „Du bist freiwillig mitgekommen und die zwei Bier, die du intus hattest, kannst du nicht als Ausrede bringen, du wärst zu betrunken gewesen, um zu wissen, was du tust.“

„Und das, obwohl ich mir sagte, ich wäre wahnsinnig, würde ich jemals wieder mit dir schlafen.“

„Du hast ja auch nicht ‚mit’ mir geschlafen“, erwiderte House unschuldig.

„Stimmt. Aber auch nur, weil du mich danach aus dem Bett geworfen hast und mir sagtest, ich solle auf der Couch schlafen, du brauchst jetzt mehr Platz als früher – und überhaupt würde ich zu laut schnarchen.“

House sah ihn an. „Komm’ zurück, und probier’ aus, ob sich meine Manieren gebessert haben.“

„Es wird nicht gut gehen, Greg. Für ein paar Tage, vielleicht. Und dann fangen wir an, uns gegenseitig auf die Nerven zu gehen.“ Wilson seufzte und rieb sich den Nacken. „Wieso kommt es, dass ich hier stehe und über diese Dinge mit dir spreche, wenn ich nicht mehr tun wollte, als dich zum Mittagessen einzuladen?“

Er ließ es Wilson durchgehen, dass der das Thema gewechselt hatte und warf einen Blick auf seine Uhr. „Ich kann nicht. Ich muss los.“

„Okay.“ Die Enttäuschung war hörbar in Wilsons Stimme. „Ich dachte nur... wir haben uns so wenig gesehen in letzter Zeit... Aber ich nehme an, du hast jetzt viel... nach zu holen.“

Er sah ihn an und als er Wilson auf seine Unterlippe beißen sah, streckte er unwillkürlich die Hand aus und presste seinen Daumen auf Wilsons Lippen. Als Wilson überrascht lockerließ, rieb er mit der Daumenspitze über seine weiche, feuchte Unterlippe, bis die Zahnabdrücke verschwanden. Ohne ein weiteres Wort trat er um Wilson herum, nahm seine Lederjacke und den Helm, und ging.



Pretend you don't see it, that we can live a lie
So you run, so you run

Everyone says you're amazing now that you're clean
Only you know who the real ones are cause you've seen
There's only one question I want to ask is it here and
When, when you hear everyone say you're amazing
Does anyone ask you?



Er zog den Reißverschluss ein Stück auf, und holte den Zettel, auf dem er sich ihre Adresse notiert hatte, aus der Innentasche seiner Lederjacke. Nicht, dass es nötig gewesen wäre, er erinnerte sich perfekt daran.

Es war nicht der einzige Grund gewesen, nach dem MRI und den Untersuchungen in sein Büro zu gehen, aber eine gute Gelegenheit war eine gute Gelegenheit. Er loggte sich ins interne System des PPTH ein und rief die Datei mit Mark Warners Kontaktdaten auf. Wie er vermutet hatte, befand sich dort nicht nur Stacys und Marks Heimadresse, sondern auch die ihrer Arbeitsplätze. Er druckte die Seite aus und zog kurzentschlossen das Telefon zu sich her, um in der Kanzlei anzurufen und zu fragen, ob Stacy Warner zu sprechen sei. Hätte man ihn mit ihr verbunden, hätte er einfach wieder aufgelegt – wobei ihm erst verspätet einfiel, dass man seine Nummer auf dem Display lesen konnte und wenn Stacy sie erfuhr... Aber dann teilte ihm eine freundliche Stimme mit, dass Stacy Warner den Nachmittag über nicht im Büro sein würde, in wichtigen Fällen aber über das Handy zu erreichen war. Er legte auf, bevor sie ausgesprochen hatte.

Natürlich konnte Stacy beim Einkaufen sein oder auch beim Friseur, nach allem was er wusste. Trotzdem war er sich seltsam sicher, dass sie Zuhause sein würde, als er die Repsol an den Bordstein lenkte, und sie zwischen zwei Wagen parkte. Er blieb sitzen und nahm den Helm ab, um ihn an den Lenker zu hängen, während er das Haus betrachtete, in dem Stacy mit Mark wohnte. Es war genau, was er erwartet hatte – ein langweiliges, durchschnittliches, gutbürgerliches Einfamilienhaus in einer guten Mittelstandsgegend. Wilson würde sich hier sofort wohl fühlen. Ein schiefes, leicht grimmiges Lächeln spielte um seinen Mund, als er an Wilson dachte – und daran, was er dazu sagen würde, wenn er ihn hier stehen sehen könnte... mit seinem Beschützerinstinkt im Overdrive. Er würde wissen wollen, was zum Teufel er hier trieb... was er beweisen wollte. Sich selbst oder ihr oder Wilson. Eine gute Frage.

Er steckte den Zettel in seine Tasche zurück, öffnete die Jacke ganz und nahm die Sonnenbrille ab, um einen Bügel in den Saum seines T-Shirts zu stecken. Eigentlich hatte er nicht weiter als bis zu diesem Punkt geplant.

Wie es aussah, benötigte er auch keinen Plan. Er hatte Glück. Noch während er dasaß und grübelte, stand plötzlich Stacy in ihrem perfekten, kleinen Vorgarten, für den ein Gärtner sich die Hände schmutzig gemacht hatte. Er hob den Kopf und da war sie. In der einen Hand eine Tasche, mit der anderen hielt sie das Handy ans Ohr. Sie ließ es sinken, als sie ihn sah und fast wie in Zeitlupe beobachtete er, wie das kleine Gerät aus ihren Fingern rutschte und auf dem Boden landete.

Sein Herzschlag geriet für einen Moment aus dem Rhythmus, und er spürte eine Art Stechen – seltsamerweise nicht in der Brust, sondern in seinem ausgeweideten Oberschenkel. Er schwang das linke Bein über die Honda und blieb für einen Moment stehen, bis sich seine Muskeln nach der langen Fahrt wieder an den festen Boden gewöhnt hatten. Er trat ein paar Schritte von der Repsol weg und auf sie zu.

Stacy schien kaum bemerkt zu haben, dass sie das Handy hatte fallen lassen, ihre nun freie Hand flog hoch und legte sich über ihren Mund. „Greg.“ Er sah, wie sich ihre Augen weiteten; wie ihr Blick zu seinem Bein glitt und zu seiner rechten Hand, wo der Stock fehlte.

House blieb am Eingangstor stehen, beide Hände in die Taschen der Lederjacke geschoben. „Stacy.“

„Ich wusste nicht... was... wie?“ Stacy unterbrach sich und nahm sich sichtlich zusammen. Sie räusperte sich und legte beide Hände um ihre Handtasche, die sie leicht gegen ihren Bauch drückte, als biete sie Halt. „Ich hätte nicht geglaubt, dich wieder zu sehen. Dein Bein... ich verstehe nicht ganz? Wie ist das möglich?“

„Ich bin gekränkt“, entgegnete House trocken. „Soll das heißen, dass nichts über die Schießerei in der Zeitung gestanden hat?“

„Eine Schießerei? Greg, was ist passiert?“, fragte Stacy entsetzt. „Ich... wir... also Mark und ich, wir haben zwei Monate Urlaub in Europa gemacht, und hatten keinen Kontakt zu irgendjemand in New Jersey. Bitte, Greg, was ist passiert?“

„Jemand hat mich angeschossen.“ Seine Hand glitt unwillkürlich an seinen Hals, berührte sanft die leuchtendrote Narbe an seinem Hals. „Hier und...“, er deutete auf seinen Bauch. „...hier. Er war ein wenig vage darüber, wieso – aber ich scheine diesen Effekt auf Menschen zu haben. Nach der OP haben Cuddy und Wilson mich auf meinen Wunsch in ein Koma mit einem experimentellen Medikament versetzt. Ketamin... eigentlich ein Betäubungsmittel für große Tiere, wie Pferde. Es hat die Nerven in meinem Bein... ich will dich nicht mit medizinischen Einzelheiten langweilen... sie wurden praktisch neu programmiert. Seitdem bin ich schmerzfrei.“

Stacy sah ihn lange an, dann erschien ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht. „Aber Greg, das ist ja... das ist einfach wunderbar.“ Sie löste sich endlich aus ihrer Erstarrung und trat auf ihn zu. Zögernd streckte sie ihm die Hand entgegen, die House ignorierte. „Ich... ich kann es gar nicht glauben. Komm’ doch rein.“

House schüttelte den Kopf. „Du wolltest gerade gehen.“

„Ich wollte mich nur mit einer Freundin treffen, das kann ich verschieben. Ich...“ Sie beobachtete ihn unsicher, als er das Grundstück betrat, an ihr vorbeiging und das Handy aufhob.

Er schnitt eine Grimasse, als er sich nach dem Mobiltelefon bückte, und spürte wie ihr Blick an seinem Bein klebte. So hatte sie ihn angesehen, als sie sich zum ersten Mal bei diesem Paintballspiel begegnet waren. Er stellte sicher, dass sein Gesicht nichts von seinen Gedanken verriet, bevor er sich wieder umdrehte, zu ihr trat und ihre Hand nahm. Sanft bog er ihre Finger auf, legte das Handy hinein und schloss sie wieder darum. „Leb’ wohl, Stacy“, sagte er. Dann nahm er die Sonnenbrille, setzte sie auf und kehrte zu seiner Honda zurück, ohne auch nur noch einmal über die Schulter zurück zu sehen. Er stieg auf die Repsol, startete sie und lenkte sie aus der Parkbucht, weg vom Straßenrand.

Als er das Wohngebiet verließ, hatte sich irgendetwas verändert. In ihm. Noch war er unsicher, ob es ein gutes Gefühl war. Aber eines wusste er: er hatte endgültig mit Stacy abgeschlossen.



Cause I know that you're real, amazing, amazing, amazing

Everyone says you're amazing now that you're clean
Only you know who the real ones are cause you've seen
There's only one question I want to ask is it here and
When you here.
Everyone says you're amazing

I want you to always feel you're amazing



Die Fahrt nach Short Hills dauerte bei gutem Wetter und wenig Verkehr gute zwei Stunden. Und auf dem Hinweg schaffte er es auch in dieser Zeit, obwohl er – für seine Verhältnisse – langsam fuhr. Auf dem Rückweg war er in die Rushhour geraten. Die Blechlawine wurde durch aufkommenden Wind, der sich rasch zu einem Sturm auswuchs, weiter verlangsamt. Mit dem Motorrad konnte er sich durch die spärlich gesäten Lücken schlängeln und kam etwas schneller voran.

Der Regen begann, als er noch eine halbe Stunde von Princeton entfernt gewesen war.

Er parkte die Repsol am Straßenrand und noch bevor er den silberfarbenen Volvo auf der anderen Straßenseite sah, bemerkte er das Licht in seiner Wohnung. Es kam nicht wirklich überraschend.

Wilson saß zusammengesackt auf dem Sofa, als er eintrat – sprang aber sofort auf, als er ihn sah. „Wo zum Teufel warst du?“, fragte er scharf. „Ich habe den ganzen Nachmittag versucht dich an zu rufen. Ich habe dir Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Du gehst nicht an dein Handy. Und deinen Pager habe ich im Bad gefunden – was hast du damit angestellt? Versucht ihn im Klo runter zu spülen?“

Er zog sein Handy aus der Jacke, schüttelte es und hielt es kurz ans Ohr. „Doktor - ich fürchte, der Akku ist tot“, verkündete er dann mit ernster Stimme.

„Verdammt, House. Natürlich muss man Akkus gelegentlich aufladen.“ Wilson presste die Handballen gegen die Schläfen, die Fingerspitzen in seine Kopfhaut gebohrt, als würde das den Druck hinter seiner Stirn lösen.

„Wirklich? Ich dachte, man kauft sich einfach ein neues Handy“, entgegnete House sarkastisch, legte das Handy und den Helm auf die Kommode neben dem Eingang und begann, sich aus seiner nassen Lederjacke zu winden – was bedeutend einfacher war, wenn man beide Hände dazu benutzen konnte, und/oder sich nicht irgendwo dagegen lehnen musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Es war jedes Mal wieder überraschend, wie... Wilson erschien in seinem Blickfeld und er hielt seine Jacke in der Hand. „Hey, wohin willst du?“

„Nach Hau...“ Wilson unterbrach sich selbst. „In mein Hotel“, fuhr er müde fort.

„Wir können uns zusammen das Spiel ansehen.“ Es war nicht wichtig, welches Spiel, es lief immer ein Spiel dank der Segnungen des Kabelfernsehens. Und wenn sie den Rest der Nacht damit verbrachten, auf dem Barsch-Kanal die nationalen Meisterschaften im Fliegenfischen zu sehen, weil Wilson alberne, nostalgische Erinnerungen an Angelausflüge mit seinem Vater hegte, dann sahen sie eben das. Er würde sich natürlich die ganze Zeit über ausgiebig darüber beschweren, leidend seufzen, sich über Wilsons Sentimentalität lustig machen...

„Ich bin müde. Vielleicht erinnerst du dich, nicht alle von uns haben Urlaub.“

Da war auf einmal wieder ein Ziehen in seinem rechten Oberschenkel, ein Fast-Schmerz und er griff automatisch nach unten, um die Handfläche gegen das Narbengewebe zu pressen. Offenbar war Wilson zu abgelenkt mit seiner Aufgebrachtheit, denn es entging ihm. Alternativ interessierte er sich nicht dafür – auf jeden Fall reagierte er nicht darauf. House zog die Hand zurück, lehnte sich jedoch scheinbar lässig gegen die Tür, um Wilson den Weg zu versperren. Und weil er das Gefühl hatte, es wäre besser, nach der langen Fahrt für eine Weile sein kaputtes Bein nicht zu belasten. Das Ketamin hatte den fehlenden Muskel nicht reparieren oder ersetzen können. „Was ist los?“, fragte er. „Du bist angepisst, weil du mich nicht am Telefon erreicht hast. Das ist nicht das erste Mal und du machst sonst keinen solchen Aufstand.“

„Ist dir aufgefallen, was da draußen für ein Wetter herrscht? Es regnet und da ist ein Sturm!“ Wilsons Stimme überschlug sich fast. „Es ist noch keine zwei Monate her, da hat jemand auf dich geschossen und die Polizei hat den Kerl nie gefasst. Und du bist da draußen irgendwo mit dieser verdammten Todesschleuder unterwegs. Entschuldige bitte, dass ich mir Sorgen gemacht habe.“

Er musterte Wilson und sah, dass sein Freund vor Anspannung fast vibrierte. House wählte seine nächsten Worte sehr sorgfältig. „Du bist also sauer auf mich, weil ich unversehrt nach Hause gekommen bin? Während du hier schon Shiva gesessen hast? Soll ich noch einmal los? Ich bin sicher, der Sturm ist inzwischen heftiger geworden und mit dem Regen stehen die Chancen nicht schlecht, dass ich...“ Weiter kam er nicht, denn Wilson drückte ihn plötzlich heftig genug gegen die Tür, den Arm quer über seine Brust gelegt, dass ihm einen Moment lang die Luft wegblieb.

Braune Augen blitzten ihn wütend an. „Sag. So. Etwas. Nie. Wieder.“

Er hatte eine Reaktion erwartet, sie sogar provoziert, aber nicht mit einer so heftigen Reaktion gerechnet. Überrascht von den Worten und vielleicht noch mehr von dem abgehakten Tonfall, in dem sie über Wilsons Lippen kamen und die entweder von zu viel Alkohol oder Wut stammten, hielt er völlig still, obwohl sein erster Instinkt war, Wilsons Griff abzuschütteln. Er roch allerdings keinen Alkohol in Wilsons Atem, nur einen Rest des Mundwassers, von dem er sicher war, dass Wilson eine Flasche davon im Handschuhfach versteckte, wie ein Alkoholiker seinen Notvorrat. Nach seinem Auszug hatte er eine davon gefunden und sie in einem Aufflackern von Wut und Enttäuschung gegen die Wand geworfen. Die Plastikflasche zerplatzte unerwarteterweise und hinterließ ein nach Minze duftendes, hellblaues, abstraktes Spritzmuster, das sich vielleicht noch immer dort befinden würde, wäre ihm nicht Lady mit Putzlappen und Reinigungsmittel zu Leibe gerückt. Überhaupt, Wilson war der passiv-aggressive Typ. Er zeigte sein Missfallen mit leidgeprüften Seufzern, tadelnden Blicken oder sprach nicht mit ihm (was er in der Regel nicht besonders lang aushielt). Aber er packte ihn nicht am Kragen und drückte ihn gegen die Wand... oder Tür... so wie jetzt.

Wilson schien sich im gleichen Moment daran zu erinnern, und ließ ihn los, um einen Schritt zurück zu weichen. Er starrte auf den Boden. „Ich...“

„Wage es nicht, dich zu entschuldigen!“ Es kam schärfer über seine Lippen, als er beabsichtigt hatte und Wilsons Kopf ruckte förmlich hoch. „Seit ich hier bin, entschuldigst du dich. Ich bin es leid.“

House stieß sich ab und ging von der Tür weg, um die Motorradstiefel auszuziehen. Sie fühlten sich plötzlich wie Bleiklumpen an. Seine Jeans waren vom Spritzwasser feucht und klamm, klebten an seinen Beinen, doch er war sich nicht sicher, ob Wilson noch da sein würde, wenn er jetzt ins Schlafzimmer ging, um etwas Trockenes anzuziehen. Das Wohnzimmer war warm, sogar sehr warm, wie ihm auffiel, als er seine Aufmerksamkeit darauf richtete. Wilson musste die Heizung eingeschaltet haben. Es war erst Anfang Herbst und ein lauer Spätsommerabend, den auch Sturm und Regen nur kurzfristig abgekühlt hatten. Früher hätte ein Abend wie dieser die Schmerzen heftiger werden lassen und er versucht, sie mit Wärme... So oder so war er dankbar dafür, dass seine Jeans schneller trocknen würde.

Er bückte sich und zog die Socken von den Füßen, und wurde wieder daran erinnert, dass er gewöhnlich für diese Aktion sitzen musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Hätte das tun müssen. Obwohl ein Teil von ihm immer noch jeden Augenblick auf die Rückkehr des Schmerzen wartete, egal was er tat. Er erinnerte sich daran, dass es vergangen war.

„Wo warst du überhaupt?“, fragte Wilson hinter ihm.

Okay. Es war nicht, als hätte er nicht auf diese Frage gewartet. Für Wilson waren solche Dinge wichtig und einen Augenblick lang fragte er sich, ob es besser wäre, einfach zu behaupten, nur so in der Gegend herumgefahren zu sein. Nach Wilsons Ausraster eben... „Short Hills“, meinte er mit einem Achselzucken, als hätte es nicht mehr Bedeutung, als eine Fahrt zum nächsten Supermarkt.

„Short Hills?“, wiederholte Wilson geschockt. „Was hast du in... hast du...“, er zögerte.

„Ja.“ Er wandte sich seinem Freund wieder zu. „Ich war bei Stacy.“

Wilson starrte ihn einen Moment lang an, wieder diesen undeutbaren Ausdruck in den Augen. Dann wandte er sich abrupt ab und setzte sich wieder auf das Sofa, ohne sich um seine Jacke zu kümmern, die immer noch auf dem Boden bei der Tür lag, wo er sie hatte fallen lassen. „Das... das hätte ich nicht erwartet.“ Seit Stacy zum zweiten Mal aus Gregs Leben verschwunden war, seit der Nacht auf dem Dach, hatten sie kein Wort mehr über sie gesprochen – oder darüber, was nach ihrer Rückkehr aus Baltimore geschehen war. Er war kaum in der Position, House Vorwürfe zu machen, wenn er mit einer verheirateten Frau schlief, oder?

„Wieso?“, fragte Wilson nach ein paar Minuten. „Warum jetzt? Was wolltest du ihr damit beweisen? Oder dir?“

House ließ sich neben ihm auf die Couch fallen und streckte die Beine aus. Er erwischte seine Hand dabei, wie sie sich in Richtung seines rechten Oberschenkels bewegte, um die Narbe zu reiben und stoppte sie, bevor er die Bewegung vollendet hatte. Das war nicht notwendig, erinnerte er sich selbst. Es war alles okay. Er war in Ordnung. „Ich wollte, dass sie es weiß“, sagte er schließlich, den Kopf in den Nacken gelegt, um an die Decke zu starren. „Ich wollte, dass sie sieht, dass sie nicht gewonnen hat.“

„Und was... was hat sie gesagt?“

House zuckte mit den Achseln, sah ihn nicht an. „Sie fand es... wunderbar.“ Die alte Ironie lag in dem letzten Wort. „Sie schien... erleichtert. Ich konnte es ihr ansehen.“

„Und?“

„Und?“, äffte House ihn nach.

„Was hat sie sonst noch gesagt? Getan? Meinetwegen gedacht? Du bist doch sonst so gut darin, die Gedanken anderer Leute zu erraten“, fragte Wilson angespannt. „Was hast du zu ihr gesagt? Wirst du sie wiedersehen? Was? Plant ihr, zusammen durch zu brennen?“ Jetzt klang auch er sarkastisch.

„Ich habe mich von ihr verabschiedet“, sagte House leise, den Blick immer noch an die Decke gerichtet.

„Verabschiedet?“, wiederholte Wilson nach einem langen Moment. „Verabschiedet.“

Da war ein Unterton von Lachen in seiner Stimme und House wandte den Kopf, um ihn anzusehen. Hatte die ewige Sorge-und-das-sich-kümmern endlich Wilsons Gehirn von innen nach außen gedreht? Ein breites Grinsen lag auf dem Gesicht seines Freundes. „Was gibt es da zu grinsen?“, fragte er misstrauisch.

„Du hast dich von ihr verabschiedet“, meinte Wilson. „Das bedeutet, es ist endlich vorbei.“

„Ich habe keine Ahnung, von was du sprichst. Bist du sicher, dass du nichts getrunken hast?“, entgegnete House trocken.

Wilson wandte sich ihm zu, nicht nur den Kopf, er kniete sich auf das Sofa, so dass seine Knie links und rechts von House’ Oberschenkel waren; seine Handflächen lagen seitlich von House’ Schultern gegen die Rücklehne der Couch. So drückte er ihn mühelos gegen das Sofa, hielt ihn an Ort und Stelle.

Nicht, dass House irgendeinen Gedanken hatte, von Wilson weg zu kommen. Er legte den Kopf wieder in den Nacken und sah zu ihm auf. Das Ziehen in dem beschädigten Oberschenkelmuskel verschwand, als Wilson ihn küsste.


Ende