Abschied

  T’Len

2009

 

 

 

 

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Fandom: Torchwood

Charaktere: Rhiannon, Jack

Kategorie: G, Rhiannons POV

Hinweise: Post Children of Earth (Spoilers)

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Summe: Rhiannon begegnet einem Fremden

 

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Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

Rhiannon Davies beobachtete den fremden Mann am Grab ihres Bruders schon seit einigen Minuten. Wie jeden Mittwoch war sie allein gekommen, um die Blumen zu gießen, Blätter, die von den Bäumen am Rand des Friedhofes herüber geweht waren, zu beseitigen und all die anderen Handgriffe zu tun, die man tat, um das Grab eines lieben Menschen in Ordnung zu halten, dabei stets bemüht, den eigenen Schmerz zu verdrängen. Sie hatte aufgehört, um Ianto zu weinen, als irgendwann ihr Verstand ihr sagte, all ihre Tränen würden nichts an der Tatsache ändern, dass ihr Bruder nie mehr zurück kommen würde und vor allem nichts daran, dass sie ihn – was ihr erst nach seinem Tod so richtig bewusst geworden war - viel zu wenig gekannt hatte. So viele verlorene Gelegenheiten, das war es, um was sie mittlerweile am meisten trauerte. 

 

Sie wusste, Rituale halfen, mit der Trauer umzugehen. Behaupteten zumindest die Ratgebersendungen im Fernsehen. Ihr Ritual war es, jeden Mittwoch Vormittag hierher zu kommen, wenn Johnny zur Arbeit gefahren und die Kinder in der Schule waren. Dann war der Friedhof menschenleer und sie in ihrer Trauer allein. Niemand hörte sie, wenn sie all ihre Fragen laut aussprach, niemand würde sie deshalb für verrückt halten, weil sie mit ihrem toten Bruder redete, während sie an seinem Grab stand. Sonntag Nachmittag würde sie, wie jeden, mit der ganzen Familie herkommen. Auch wenn ihre Kinder deshalb noch so protestieren mochten, sie würde schon dafür sorgen, dass sie ihren Onkel in Erinnerung behielten und zwar nicht nur als gelegentlichen Geldspender.

 

Nun stand sie hinter den Bäumen auf dem Hauptweg und spähte zum Grab hinüber. Ob er aus den gleichen Gründen wie sie zu so früher Stunde gekommen war? Zunächst hatte er nur bewegungslos da gestanden. Dann beugte er sich herab, um eine einzelne Rose auf den Stein zu legen. Seine Finger fuhren den Schriftzug entlang. Anschließend verharrte er wieder. Mit seiner aufrechten Haltung und seinem seltsam militärisch anmutenden Mantel wirkte er wie eine Ehrenwache.

 

Das musste "Er" sein. Iantos Boss, der für ihren Bruder offensichtlich soviel mehr als nur das gewesen war. Jack war sein Name. Jack Harkness. Captain Jack Harkness, um genau zu sein. Wieso Iantos Boss einen militärischen Rang hatte, war nur eine der vielen Fragen auf die sie im letzten halben Jahr nie eine Antwort erhalten hatte. Seit wann führten Captains Büros? Iantos Kollegin, diese Gwen Cooper, hatte ihr den Namen genannt. Oder war es eher ihr Mann gewesen? Rhys Williams fand sie sympathisch. Er schien echte Sympathie für sie zu empfinden, ihre Situation zu verstehen. Aber seine Frau hasste sie.

 

Nein, hassen war vielleicht ein zu böses Wort. Immerhin hatte sie mit ihrem Mann alles getan, um ihre Kinder zu retten. Dafür war sie ihr dankbar. Aber ansonsten war diese Gwen Cooper ihr suspekt. Sie traute ihr nicht. Sie hatte schon früh in ihrem Leben gelernt – lernen müssen -  Menschen zu misstrauen, die zu offen und freundlich ihr gegenüber waren. Meist verbargen sie dahinter etwas und das war nichts Gutes.

 

Gwen Cooper war freundlich zu ihr gewesen, sehr freundlich sogar. Ob sie Hilfe bei der Beerdigung brauche? Oder sonst eine Unterstützung?, wollte sie wissen. Die ganzen Angelegenheiten mit den Behörden hatte sie geregelt, bevor Rhiannon überhaupt nur daran denken konnte. Eine Woche nachdem Ianto gestorben war, stand ein nagelneuer Wagen vor ihrer Tür. Keine Versicherung zahlte so schnell. Auch Iantos Wohnung hatte Gwen ausgeräumt. Als Rhiannon sie deshalb zur Rede stellte, musste man ihre Stimme in halb Cardiff gehört haben, so laut war sie geworden. Gwen Cooper hatte nur leise und freundlich erwidert, dies sei so Vorschrift, vielleicht habe er ja wichtige Unterlagen mit nach Hause genommen. Als würde ihr Bruder etwas aus dem Büro stehlen!

 

Rhiannon hatte so viele Fragen, zum Beispiel, was für eine Arbeit Ianto eigentlich gemacht hatte. Dass er nicht der einfache Angestellte gewesen war, für den sie ihn jahrelang gehalten hatte, war ihr längst klar geworden. Kein durchschnittlicher Mitarbeiter eines Amtes hätte die Police für eine Lebensversicherung zahlen können, die nun eine Million Pfund zugunsten ihrer Kinder überwiesen hatte. Hatte Ianto für die Regierung gearbeitet? Für den Geheimdienst? Rhiannon glaubte ihren eigenen Bruder nicht mehr zu kennen. Dass er sich in einen Mann verliebt hatte, schien ihr da noch die geringste Überraschung zu sein.

 

Und was war eigentlich vor einem halben Jahr geschehen? Warum hatten sich die Kinder so seltsam verhalten? Warum hatte das Militär sie ihnen wegnehmen wollen? Was hatten sie mit ihnen vor? Sie mochte nicht die Schlaueste sein, nicht die beste Bildung genossen haben, aber dass damals etwas mächtig zum Himmel gestunken hatte, hatte sie von Anfang an gespürt. Sie hatte seitdem die wildesten Spekulationen gehört, von Verschwörungen in den höchsten Regierungskreisen bis hin zur Alieninvasion. Natürlich versuchten die Politiker alles unter den Teppich zu kehren und die Medien spielten fleißig mit. Sie war sich sicher, Gwen Cooper war eine von denen, die alles vertuschten. Sie glaubte ihr kein Wort, das heißt wenn sie überhaupt einmal eine Antwort auf ihre Fragen bekam, die aus mehr als einer höflichen Floskel bestand.

 

Eigentlich wusste sie nicht einmal genau, warum und woran ihr Bruder gestorben war. „Er ist ein Held. Er hat sich geopfert, damit wir alle in Frieden weiter leben können. Er ist für uns gestorben“, hatte Gwen ihr gesagt. Und dies war der einzige Satz, den Rhiannon ihr je geglaubt hatte. Vielleicht auch nur, weil sie ihn glauben wollte, weil es ihr etwa leichter machte, Iantos Tod zu akzeptieren, wenn er nicht völlig sinnlos gewesen war. Hatte de Tod je überhaupt einen Sinn? Irgendwann hatte sie Gwen Cooper gesagt, sie solle sich um ihre eigene Familie kümmern und die ihrige in Ruhe lassen. Dann hatten die besorgten Besuche und freundlichen Anrufe aufgehört. Gott sei Dank. Sie hätte diese Frau keinen Tag länger ertragen.

 

Aber „Ihn“ hätte sie gern getroffen. Rhiannon bezweifelte, dass er ihr ihre Fragen beantworten hätte, aber sie hätte gern gewusst, wer der Mann war, der Ianto soviel bedeutete. Zumindest hätte ihr dies das Gefühl gegeben, ihren Bruder ein klein bisschen besser zu verstehen. Doch sie hatte „Ihn“ nie gesehen. Weder war er zur Trauerfeier erschienen, noch zur Beerdigung. „Wichtige Termine“ hatte Gwen Cooper ihn entschuldigt. Zunächst war Rhiannon wütend auf ihn gewesen. Was konnte wichtiger sein, als dem Mann, den man geliebt hatte, die letzte Ehre zu erweisen? Sie hoffte zumindest, dass er Ianto genauso geliebt hatte, wie dieser offensichtlich ihn.

 

Aber dann glaubte sie zu verstehen. Vielleicht wollte er ja der Familie die Peinlichkeit eines Aufeinandertreffens ersparen. Er wusste womöglich nicht, ob sie Bescheid gewusst hatten und wie sie darüber dachten. Wenn er annahm, sie hätte Ianto abgelehnt, wenn sie gewusst hätte, dass er einen Mann liebte, dann wollte er womöglich sein Andenken in den Augen seiner Familie nicht beschmutzen. Oder er hatte es einfach vorgezogen, allein und still um seinen Liebsten zu trauern statt vor aller Augen. Es musste für ihn womöglich noch viel schmerzhafter sein als für sie. Immerhin, soviel hatte sie erfahren, war Ianto im Dienst gestorben, also ja wohl unter seiner Verantwortung. Plagten ihn womöglich Schuldgefühle? Nein, sie konnte ihm nicht böse sein, dass er nicht gekommen war.

 

Sie sah, wie er noch einmal über den schwarzen Stein – wenigstens den hatte man sie selbst aussuchen lassen, wer die Beerdigungskosten bezahlt hatte, war nur eine der Fragen, auf die es bis heute keine Antwort gab - strich und sich dann in die ihr abgewandte Richtung zum Gehen wandte. Hastig trat sie hinter dem Baum hervor und lief zum Grab. Er wandte ihr den Rücken zu.

 

„Sie sind Jack, nicht wahr?“, fragte sie.

 

Er drehte sich zu ihr um und nickte. „Jack Harkness.“

 

Sie ergriff die ausgestreckte Hand. „Rhiannon. Rhiannon Davies. Ich bin… war Iantos Schwester.”

 

„Ich weiß.“

 

Er musterte sie mit seinen blauen Augen. Gott, er war wirklich so attraktiv, wie Ianto gesagt hatte. Wenn statt diesem Zug tiefer Traurigkeit ein fröhliches Lächeln in seinen Augen und um seinen Mund gewesen wäre, er hätte wohl jedes Frauenherz erobern können – oder das jedes schwulen Mannes, korrigierte sie sich. Gleichzeitig umgab ihn eine Aura des Geheimnisvollen, die ihn ebenso attraktiv machte wie sein Aussehen. Sie konnte augenblicklich verstehen, was ihren Bruder zu diesem Mann hingezogen hatte.

 

Sie merkte, dass sie noch immer seine Hand schüttelte und ihn anstarrte. Sie errötete wie ein Schulmädchen und zog die Hand hastig zurück. „Er hat Sie sehr geliebt.“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und so sprach sie einfach das Erste aus, was ihr in den Kopf kam. Seltsam, obwohl sie diesen Fremden nicht kannte, spürte sie ein gewisses Vertrauen zu ihn. Andres als zu Gwen Cooper. Vielleicht ja einfach, weil Ianto ihm offensichtlich vertraut hatte.

 

„Ich weiß“, sagte er leise. Für einen Moment erschien es ihr, als wollte er noch etwas hinzufügen, dann verschleierte sich sein Blick mit Trauer. Er wandte sich ab, blickte auf den Grabstein. Als er sie erneut ansah, waren seine Augen wieder klar und schienen sie zu durchdringen.

 

„Ich möchte, dass Sie wissen, dass wir kein Problem damit...“ Sie räusperte sich. „Ich meine, Sie wären uns jederzeit willkommen gewesen, in unserer Familie.“

 

„Und sind es heute immer noch“, setzte sie hastig hinzu. „Wir würden uns freuen, wenn Sie uns besuchen. Und Sie können natürlich auch jederzeit hierher kommen.“ Sie machte eine Geste, den ganzen Friedhof umfassend.

 

„Danke“, erwiderte er. „Aber ich werde für lange Zeit nicht mehr in der Gegend sein, für sehr lange Zeit.“

Er zog einen Umschlag aus einer Tasche seines Mantels und reichte ihn ihr. „Ich wollte ihnen diesen schicken, aber wer traut schon dem britischen Postsystem?“

 

Für einen winzigen Augenblick umspielte ein Lächeln seine Lippen, dass ihn in Rhiannons Augen noch attraktiver machte, als er eh schon war. Doch dann war da wieder nur Traurigkeit in den schönen Zügen. Er deutete aufs Grab. „Bitte sorgen Sie dafür, dass er nie vergessen wird, dass er mehr ist, als ein kurzer Augenblick in der Ewigkeit.“

 

In der Annahme, er hätte ihr Geld zugesteckt, weil er dachte, sie könnte die Grabpflege nicht allein finanzieren, wollte sie ihm sagen, dass dies nicht nötig sei. Für ihren Bruder würde sie immer genug Geld übrig haben und wenn sie an anderen Dingen sparen musste. Doch dann dachte sie, eine Zurückweisung würde ihn nur kränken. Also nahm sie den Umschlag dankend an und sich vor, künftig jeden Sonntag einen zweiten Strauß frischer Blumen mitzubringen, als Gruß von ihm.

 

„Er wird nie vergessen werden, das schwöre ich Ihnen“, sagte sie und klang so feierlich wie bei ihrer Hochzeit.

 

Er nickte dankbar und ergriff erneut ihre Hand. „Leben Sie wohl, Rhiannon Davies und werden Sie und Ihre Familie glücklich.“ Sie fand, er klang so, als würde er für sich jede Hoffnung auf Glück aufgegeben haben. Sie spürte, wie ihre Kehle zugeschnürt war und Tränen in ihre Augen stiegen.

 

Bevor ihr noch eine passende Antwort einfiel, hatte er sich umgedreht und schritt weit ausholend davon.

 

Sie konnte ihre Neugier nicht beherrschen und öffnete den Umschlag. Er enthielt ein zusammengefaltetes Blatt Papier, dass sie in sauberer Handschrift wie erwartet bat, das beiliegende Geld für Iantos Grab aufzuwenden und für welchen Zweck auch immer, den sie noch als geeignet erachten würde, um Iantos Leben zu ehren und ihm würdig zu gedenken.  Eine Stiftung, eine Spende an eine Organisation, die ihm wichtig gewesen wäre, oder ähnliches.

 

Dann sah sie den Scheck und riss die Augen weit auf. Das konnte nicht möglich sein! 250 000 Pfund! Für diese Summe würde sie ja den ganzen Friedhof kaufen können, wenn sie das wollte.

 

Sie wollte ihm hinterher, ihm sagen, dass sie unmöglich soviel Geld annehmen konnte. Wollte ihm endlich all die Fragen stellen, die ihr so auf der Seele brannten. Doch Jack Harkness war längst aus ihrem Blickfeld verschwunden.

 

Und sie hatte das Gefühl, dass sie ihn in ihrem Leben nie wieder sehen würde.

 

Ende