Titel: You Killed Me With Your Kiss

Autor: Lady Charena
Fandom: SK Kölsch

Spoiler: Staffel 1+2

Paarung: Jupp Schatz, Klaus Taube
Rating: PG

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Seit den Ereignissen in „The Day After“ sind etwa vierzehn Tage vergangen. Jupp ist bei Florian und Klaus eingezogen und das Leben scheint langsam zu seinem normalen Gang zurück zu finden.

 

Noch eine Fortsetzung, die ich nie schreiben wollte J - aber dann lief gestern Abend „Tonight“ von Reamonn im Radio, als ich eigentlich schon halb eingeschlafen war – was dazu führte, dass ich statt zu meinem Schönheitsschlaf zu zwei Seiten hastig gekritzelter Notizen für eine neue Story kam... <gähn> Enjoy.

 

Fortsetzung zu „For The Comfort Of Ignorance “ und “ The Day After”.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics von Nickelback / Reamonn.

 

 

 

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When the night becomes the day
and there’s nothing left to say.
If there’s nothing left to say,
then something’s wrong.
                                           
Reamonn

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Die Kartons mit Jupps Sachen standen immer noch im Flur, obwohl er ihn bereits vor zwei Tagen gebeten hatte, sie endlich wegzuräumen. Klaus ging auf dem Weg in die Küche um sie herum, um das Frühstück für sich und Florian zu machen.

 

Jupp hatte nach dem ersten gemeinsamen Morgen nicht mehr daran teilgenommen, sondern vertrödelte die Zeit, bis Flo sich für die Schule auf den Weg machen musste, im Bad oder mit Zeitung lesen im Wohnzimmer. Entweder aus Protest gegen die ohne seine Zustimmung verhängten Hausregeln, die ihn zu einer radikalen Änderung seiner Junggesellen-Gewohnheiten zwangen oder... oder um ihm aus dem Weg zu gehen, Klaus wusste es nicht. Seit dem Kuss in der Küche war die Atmosphäre zwischen ihnen mehr als nur angespannt. Sie vermieden es, allein miteinander zu sein, so war jedes ‚private’ Gespräch ausgeschlossen. Jupp nutzte die Abende dazu, sich um Flo zu kümmern oder – zusammen mit Anna – den Betrieb im Rättematäng aufrecht zu erhalten. Und Klaus übernahm stillschweigend den größten Teil des Routineschreibkrams, der auch anfiel, wenn sie gerade kein Verbrechen aufzuklären hatten, was ihn bis spät im Büro festhielt. Er deckte Jupp bei Haupt, damit er früh aus dem Büro verschwinden konnte um Florian von der Schule abzuholen oder mit ihm zum Fußballtraining zu gehen; überredete Jenny und Achim im Rättematäng zu kellnern, bis Jupp eine neue Aushilfsbedienung gefunden hatte; brütete mit Anna über der Buchhaltung oder kämpfte sich mit Jupp durch einen endlosen bürokratischen Dschungel. Der nötige Formular- und Antragsaufwand, um das alleinige Sorgerecht für Florian wieder auf Jupp übertragen zu lassen, hielt sie zwei Nächte wach. Zwar hatten sie sich nach der Scheidung das Sorgerecht für ihr Kind geteilt, doch da Flos Hauptbezugsperson seine Mutter gewesen war, wollte das Jugendamt – vor allem auch in Hinblick auf Jupps unregelmäßige Arbeitszeiten – alles sehr genau prüfen. Zum Glück war da Anna, die sich um Flo kümmerte, wenn Jupp und Klaus zum Einsatz mussten. Die neuen Besitzrechte für das Rättematäng und die Wohnung mussten geklärt werden; Behörden, Versicherungen, Melderegister, Bankkonten...

 

Und die ganze Zeit über ertappte sich Klaus dabei, auf den Mann an seiner Seite zu starren und seine eigenen Gefühle zu hinterfragen. Was war es überhaupt, dass er für Jupp empfand? Aus einer stachligen, herausfordernden ersten Begegnung war rasch eine – wohl für sie beide ungewohnte – emotionale Bindung entstanden. Klaus entdeckte, dass er tatsächlich Vertrauen zu einem Mann haben konnte, der Vorschriften die gleiche Bedeutung zumaß wie Geschenkpapier bei einem Kindergeburtstag – hübsch anzusehen, aber an das Geschenk kam man nur dann, wenn man das Papier schnellstmöglich zerfetzte – Verkehrsregeln für Auslegungssache hielt, egal was die anderen Verkehrsteilnehmer davon halten mochten; seinen Machocharme anzuwenden wusste und dabei manchmal eine Borniertheit, Unsensibilität und Voreingenommenheit an den Tag legte, die einem dem Atem verschlug. In solchen Momenten fiel es ihm schwer, auch nur mit Jupp zusammen zu arbeiten. Aber es gab andere Momente, in denen alles ganz anders war. In denen Klaus sich mit Jupps grundlegender Ehrlichkeit und einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit identifizieren konnte, und eine andere Seite an seinem Partner entdeckte. Eine Weichheit, Verletzlichkeit, eine Sehnsucht nach Geborgenheit, die sich wohl kein Mann gerne eingestand – und schon gar nicht ein Jupp Schatz. Aber die Sehnsucht war da gewesen, wenn nicht in seinen Worten, dann doch in seinen Augen, wenn er von Ellen oder Flo oder über das Scheitern seiner Ehe sprach. Und egal, wie sehr ihn Jupp auch aus der Balance brachte, mal wieder seine Sprüche von sich gab oder sogar beleidigte – böse konnte er ihm nie lange sein, wenn er ihn mit diesem jungenhaften Grinsen und einem verzeihungsheischenden Leuchten in den blauen Augen anblickte.

 

Er hatte die Veränderungen an sich selbst wahrgenommen, wenn es auch niemand sonst konnte – wie sein Panzer kühler Professionalität Risse bekam und er zu schnell vor Jupps Freundschaft kapitulierte. Wie er zum ersten Mal seit sehr langer Zeit das Gefühl hatte, an einen Ort zu gehören und mehr als das, zu jemandem zu gehören. Er hatte plötzlich so etwas wie eine Familie mit Jupp, Flo und Ellen.

 

Und er war sich auch des Preises bewusst gewesen, den er dafür zu bezahlen bereit war. Er hatte seine Gewohnheiten, seine Interessen - sein Leben - umgekrempelt und an Jupp angepasst. Beziehungen blieben zwischen seinem Beruf und Jupps Beanspruchung des größten Teils seiner freien Zeit zwangsweise oberflächlich und waren wegen seiner mangelnden emotionalen Beteiligung an sich schon zum Scheitern verurteilt, wie ihm der Seitensprung seines Freundes bei ihrem Karibikurlaub gezeigt hatte. Jupps unerwartetes Auftauchen am Flugplatz hatte ihn seinen gekränkten Stolz schlucken lassen und er hatte sich an seiner Seite in die Arbeit gestürzt.

 

Bei allem, was zwischen ihnen war, Klaus war sich immer sicher gewesen, gab es kein Begehren, keine Liebe. Und so hätte es zwischen ihnen bleiben können, sie hätten weitermachen können wie bisher, blind und unschuldig – wäre Ellen nicht bei diesem Unfall gestorben. Plötzlich war alles anders. Vielleicht nahm er es aber auch nur anders wahr. Als wäre mit Ellen ein Teil von Jupp verschwunden, den er hatte nie erreichen können, aber der wie eine Glaswand zwischen ihnen stand. Eine Umarmung, ein Kuss, hatten genügt, um dieser Wand auf seiner Seite Risse zuzufügen. Er hatte es zugelassen...

 

Klaus zwang seine Gedanken zurück in die Gegenwart. Die Küche war leer, aber die Kaffeemaschine war sichtlich schon in Gebrauch gewesen und ein benutzter Becher stand auf dem Tisch. Die Kanne war noch warm, also schien Jupp heute sehr zeitig aufgestanden zu sein.

 

 

 

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I paid my last respects this mornin' on an early grave
Already said goodbye, nothin’ left to say

Not how I wanted it, I'm hating all of this…

                                                                 Nickelback
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„Klaus?“ Ein vollständig, aber nachlässig, gekleideter Jupp erschien in der Tür, er wirkte unausgeschlafen.

 

„Jupp, was ist...?“

 

„Hast du Flo gesehen? Er ist nicht in seinem Zimmer. Ich... ich wollte ihn gerade wecken. Ist doch Zeit für die Schule.“ Jupp fuhr sich durch die Haare, die ohnehin wild in alle Richtungen abstanden.

 

Klaus trat zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter, zog sie aber wieder zurück. „Vielleicht... ist er früher los und trifft sich vor dem Unterricht mit seinen Freunden. Oder er ist unten in der Kneipe.“

 

„Da war ich schon.“ Jupp ging an ihm vorbei und griff nach dem Kaffeebecher. Er schenkte sich jedoch nichts ein, sondern drehte ihn nur in den Händen, als wisse er nicht mehr, was er damit hatte anfangen wollen. „Seine Schulsachen sind noch in seinem Zimmer.“

 

„Vielleicht ist er oben auf dem Dachboden.“

 

„Verdammt, ich habe schon überall nachgesehen“, blaffte ihn Jupp an. Dann holte er tief Luft, fuhr sich übers Gesicht und wandte Klaus den Rücken zu. „Tut mir leid. Es tut mir leid. Ich mache mir Sorgen um Florian. Was ist, wenn er weg ist.“

 

„Weg?“, wiederholte Klaus. „Was meinst du... du meinst, er ist weggelaufen? Unsinn. So was macht Florian nicht. Er ist doch ein vernünftiger Junge.“

 

„Aber wo zum Teufel steckt er?“

 

Klaus trat zu ihm und nahm ihm den Becher aus der Hand, um ihn auf die Arbeitsfläche zu stellen. „Ich habe so eine Ahnung, wo er ist. Warte einen Moment, ich hole nur meine Jacke.“

 

„Wovon redest du? Wo steckt Flo?“ Jupp folgte ihm, blieb aber wie angewurzelt an der Tür zu Klaus Zimmer stehen. Er sah ihm zu, die Arme vor der Brust verschränkt.

 

Klaus sah ihn an. „Ich denke, er ist bei seiner Mutter.“ Er zog die Tür hinter sich zu. „Auf dem Friedhof.“

 

Jupp wandte sich ab. „Worauf warten wir dann noch?“

 

* * *

 

Sie waren schweigend zum Friedhof gefahren. Jupp parkte den Wagen, stieg aber nicht aus. Seine Hände, die auf dem Lenkrad lagen, zeigten seine Anspannung. „Rede du mit ihm“, sagte er schließlich. „Du kannst das einfach besser.“

 

„Florian ist dein Sohn, Jupp. Du musst endlich lernen, mit ihm umzugehen.“ Klaus studierte sein Profil. „Jupp.“

 

Schatz schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht“, sagte er gepresst. „Bitte, Klaus. Ich kann es nicht.“

 

Nach einem Moment nickte sein Partner und stieg ohne ein weiteres Wort aus dem Auto. Die Hände in die Taschen gestopft, trat er durch das Friedhofstor und eilte zwischen den Grabreihen entlang. Es war noch früh und kalt genug, dass sein Atem kondensierte und wie eine weiße Wolke über ihm hing. Seine Schritte verlangsamten sich ein wenig, als er sich der Grabstelle näherte, an der Ellen bestattet worden war. Flos grüner Anorak leuchtete zwischen den grauen Grabsteinen.

 

Klaus trat hinter ihm. „Florian?“, sagte er leise.

 

Der Junge reagierte nicht. Er saß vor dem Grab auf dem Boden.

 

Klaus hockte sich neben ihn. „Hey. Dein Vater hat sich Sorgen gemacht, als du nicht in deinem Zimmer warst.“

 

Endlich sah Flo ihn an. „Ist er sauer auf mich?“, fragte er leise.

 

„Natürlich nicht.“

 

„Warum ist er dann nicht hier?“

 

Klaus blickte auf das Grab. „Ich weiß nicht, ob ich dir das erklären kann. Für deinen Vater ist das alles genauso fremd und... beängstigend, wie für dich. Er will dir gerne helfen, aber er weiß nicht, wie er das anfangen soll. Es ist schwer, aber du musst versuchen, geduldig mit ihm zu sein.“ Er schwieg einen Moment. „Warum bist du schon so früh hierher gekommen?“

 

„Ich habe von Mama geträumt“, meinte Florian nach einer Weile. „Aber als ich aufgewacht bin, konnte ich mich auf einmal nicht mehr an ihre Stimme erinnern. Und ihr Bild war schon ganz verschwommen in meinem Kopf. Ich dachte, wenn ich herkomme...“ Er brach ab, blickte Klaus mit großen Augen an. „Heißt das, dass ich sie vergesse?“

 

Klaus legte den Arm um Florian, zog ihn an sich. “Du wirst die Stimme deiner Mutter nie vergessen. Du wirst sie immer hören.“ Er tippte mit dem Finger auf Flos Brust. „Da drin, in deinem Herzen. Und da drin ist auch ihr Bild. Dort ist sie immer bei dir. Du wirst sie nie vergessen.“ Er streichelte dem Jungen übers Haar. Aus den Augenwinkeln sah er eine Gestalt – und drehte den Kopf. Es war Jupp, der zu ihnen trat.

 

Florian sah ihn auch. „Papa.“ Er löste sich von Klaus und lief zu seinem Vater, der ihn in die Arme schloss.

 

Jupp hob seinen Sohn hoch und drückte ihn an sich. „Jag’ mir bitte nie wieder so einen Schreck ein, Flo“, flüsterte er, sein Gesicht in Florians Haar gedrückt. „Ich hatte solche Angst, als ich dich nicht finden konnte, kleiner Schatz.“

 

Flo hob den Kopf und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen von den Wangen. „Ich versprech’s, großer Schatz.“ Dann legte er das Gesicht zurück an Jupps Schulter.

 

Jupp hielt ihn fest. Er blickte auf und begegnete Klaus mitfühlendem Blick. Und sah wieder weg. „Ich bring dich jetzt erst mal nach Hause.“ Er wandte sich zum Gehen, stoppte, blickte über die Schulter und Flos Kopf hinweg. „Kommst du, Klaus?“

 

„Natürlich.“ Was sonst hätte er schon antworten können...

 

 

Ende

 

 

 

Fortsetzung in Woke Up This Morning