Titel: Have a Merry Little Christmas Time
Autor: Lady Charena (Dezember 2011)
Fandom: Torchwood
Episode: --
Wörter: 9861
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Rhiannon & Johnny, Mica und David, Tosh, Martha, Mickey, Andy, Alex Hopkins
Pairing: Jack/Ianto (pre/slash), Rhiannon/Johnny, Tosh/Andy, Martha/Mickey
Rating: AU, pg, slash (flirten, ein Kuss)
Beta: T‘Len

Summe: Das Jahr neigt sich zu Ende, Weihnachten steht vor der Tür – und Jack wird von Ianto eingeladen, mit dessen Familie die Feiertage zu verbringen.

A/N: Eine Fortsetzungsstory zu „Das Hotel“ (Adventskalenderstory 2010)  - zu finden über mein Profil oder im Archiv der TOS Twins (http://tostwins.slashcity.net/thotel.htm) und spielt in einer Alternativen Zeitlinie in 1962.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.




Mit einem leisen Seufzen legte er den Füller zur Seite und trocknete den Absatz, den er neu geschrieben hatte, sorgsam mit einem Löschblatt um Schmierer zu vermeiden. Dann faltete er den Brief zusammen und verstaute das Schreibzeug seines Vaters wieder in der Schublade.

Ianto entdeckte einen Tintenfleck an der Seite seines Zeigefingers und rieb gedankenverloren daran.

Er hatte Lisa erst letzte Woche besucht, da war wenig Neues in seinem Alltag, dass er ihr jetzt schon berichten konnte.


Es war ein guter Tag gewesen. Lisas Zustand hatte sich über den Sommer sichtlich verbessert. Das Atmen fiel ihr leichter und ihr war die Aufregung anzumerken gewesen, als sie ihm berichtete, dass sie im nächsten Jahr von einem berühmten Lungenspezialisten aus dem Ausland untersucht werden würde, der nach England kam, um sich mit seinen britischen Kollegen auszutauschen. Sie legte große Hoffnungen darauf und er hatte es nicht über sich gebracht, ihren Enthusiasmus zu dämpfen, auch wenn er wusste, dass ihre Eltern und ihr Arzt nicht an einen echten Erfolg glaubten. Er hatte ihr jedoch versprochen, während der Behandlung herzukommen, wann immer es ihm möglich war und ihr beizustehen.

Aber es hatte sich nicht nur ihre Gesundheit verbessert. Lisa fertigte ihre Stickereien jetzt nicht mehr nur noch an, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Mutter eines anderen Patienten – eines jungen Mannes, der nach einem Unfall mit seinem Motorrad seine Beine nicht mehr bewegen konnte – hatte ihre Stickereien gesehen und sie gefragt, ob sie auch bezahlte Auftragsarbeiten übernehmen würde. Lisa zögerte nicht lange und bestickte Kissenbezüge nach den Ideen der Frau. Sie war begeistert davon und empfahl Lisa unter ihren Freundinnen und Bekannten weiter – und jetzt konnte Lisa sich kaum vor Aufträgen retten. Über das Stoffgeschäft ihrer Eltern bezog sie ihre Materialien günstig, und eine der Freiwilligen im Sanatorium brachte die fertigen Stickarbeiten zur Post. Es war sehr aufregend. Zum ersten Mal verdiente sie eigenes Geld. Es war vielleicht kein Vermögen, doch es tat Wunder daran, das Lisa sich nicht mehr nutzlos fühlte.


Er beschloss, morgen weiter zu schreiben. Vielleicht ergab sich noch etwas bis zum Tee.

Sein Blick fiel auf das winterliche Gesteck auf dem Empfangstresen und lenkte seine Gedanken auf die bevorstehenden Festtage.

Martha und Rhiannon waren Samstagnachmittag mit Johnny und den Kindern in den Wald gegangen (nicht nach Roundstone Wood – er bekam noch immer eine Gänsehaut beim bloßen Gedanken an diesen Ort) und mit Säcken voll Tannenzweigen, Stechpalmen, Moos und einigen Bündeln Misteln zurückgekommen. Aus dem Garten hinter dem Hotel stammten die Thuja-Zweige, aus denen Rhi, Tosh und Martha Kränze geflochten hatten. Verziert mit roten Bändern und kleinen goldenen Ornamenten, die sie von ihren Großeltern geerbt hatten, schmückten sie alle Türen. Um den Sims des Kamins wand sich eine mit Bändern und Glaskugeln geschmückte Thuja-Tannen-Girlande, die aufgrund der Hitze bereits kurz nach dem Aufhängen die ersten Nadeln abwarf und ihn nötigte, einige Male am Tag aufzufegen. Rhi hatte die zahllosen kleinen und großen Töpfe mit Weihnachtssternen, die überall verteilt waren, aus Ablegern selbst gezogen – sie wachte über die Pflänzchen als wären es Kleinkinder.

David und Mica bemalten unter Marthas Aufsicht Strohsterne mit Goldfarbe, die nun das Zentrum kunstvoll gefalteter Schleifen aus breiten, steifgestärkten roten Stoffbändern schmückten. Zusammen mit einem Stechpalmenzweig hingen die Schleifen jetzt an den Türen der Gästezimmer, die über die Feiertage bewohnt sein würden.

Als er Martha geholfen hatte, den Wäschewagen nach unten zu bringen, war ihm aufgefallen, dass auch an der Tür zu Captain Harkness’ Raum eine solche Schleife hing. Da der Captain – oder genauer gesagt, Torchwood – die Zimmermiete voll bezahlte auch wenn Harkness sich nicht hier befand, musste es nichts bedeuten.

Harkness war Anfang des Monats abgereist. Es war natürlich nicht so, dass Ianto der Rückkehr des Torchwood-Agenten entgegenfieberte, oder dass er gelernt hatte, ihn zu vermissen, wenn er nicht da war – die übergroße Persönlichkeit und die haarsträubenden Geschichten... und den zutiefst einsamen Mann dahinter.

So war es natürlich nicht.

Es war nur... sein Leben war so absolut bis ins kleinste Detail geregelt. Wenn er morgens aufstand, wusste er genau wie er den Tag verbringen würde – und womit. Jack (er hatte endlich nachgegeben, und nannte ihn bei seinem Vornamen) passte nicht in diese engen Grenzen seines Lebens. Jack war unberechenbar, er war Abenteuer und etwas wie... er war Gefahr. Ianto spürte es, wenn Jacks Blick wie eine Berührung an seinem Körper entlang glitt oder seine Fingerspitzen mit leichtem Druck über Iantos Finger strichen, zufällig, wenn er im Begriff war, ihm etwas zu reichen oder etwas von ihm entgegen zu nehmen. Gefahr, die seine Haut zu Gänsehaut werden ließ und die feinen Härchen in seinem Nacken aufrichtete.

Wenn der andere Mann sich in seiner Nähe aufhielt, war es als färbe ein wenig von ihm auf Ianto ab, und mache sein eigenes Leben interessanter, bunter, aufregender. Jacks Nähe ließ sein Herz schneller schlagen, seine Handflächen feucht werden und seinen Nacken prickeln.

Ianto senkte den Blick auf die dicke rote Kerze in der Mitte des kunstvollen Gebildes aus Tannenzweigen und Glasornamenten, als ihm seine Gedanken vom Vortag zurück in den Sinn kamen. Es war… ungehörig, so zu denken. So über einen anderen Mann zu denken.

Und doch konnte er nicht damit aufhören. Nur hoffen, dass Jack nichts – oder gar sonst jemand – davon bemerkte.


+++


Er stellte das „Rezeption vorübergehend geschlossen“-Schild auf den Tresen, steckte den Kopf kurz ins Büro um Tosh Bescheid zu geben, dass er für eine Stunde nicht da sein würde, bevor er seinen Mantel anzog, nach Mütze und Handschuhen griff und das Hotel verließ.

Rhis Besorgungsliste knisterte in seiner Tasche. Zum Glück hatte seine Schwester das meiste längst vorbestellt und er musste nur noch einmal die Bestellungen überprüfen und festlegen, wann genau sie im Hotel angeliefert werden mussten. Die Geschenke für die Kinder (neue Kleidung, Süßigkeiten und ein Puppenteegeschirr für Mica, sowie ein Fahrrad für David – es war gebraucht, aber größer, so dass gleich für Davids nächsten und übernächsten Wachstumsschub vorgesorgt war) hatte Rhi schon vor einem Monat mit ihrem Mann zusammen besorgt, und Ianto ging davon aus, dass sie auch ein Geschenk für ihn und Kleinigkeiten für die anderen gefunden hatte. Eine unerwartete Auslastung in den Flautemonaten Oktober und November – und eigentlich sollte Ianto nichts davon wissen, dass es sich bei den Gästen, die den kompletten obersten Flur gebucht hatten, um Jacks… Kollegen… handelte – hatte dazu geführt, dass zumindest finanziell das Jahr besser endete, als es begann.

Einen Nachteil hatte die perfekte Organisation seiner Schwester, stellte Ianto fest, als er einen weiteren Punkt auf Rhis Liste abhakte – sie ließ ihm viel Gelegenheit, seinen Gedanken die Zügel schießen zu lassen. Vielleicht hatte sie ihn auch nur deshalb los geschickt, um ihre Lieferanten abzuklappern, weil er (und er zitierte Rhi hier wörtlich): „mit seiner Trauermiene die Leute abschreckte“. Trotz seines Protests beharrte sie darauf, dass es damit zu tun habe, dass er nur an seine Arbeit denke und jetzt in der ruhigeren Jahreszeit nichts mit sich anzufangen wisse. Er hätte ihr die lange Liste an Reparaturen und Ausbesserungen zeigen können, denen er sich in den nächsten Monaten widmen musste, doch er war sich ziemlich sicher, dass es nicht war, was sie ihm sagen wollte.

Er schob seine Mütze aus der Stirn und kratzte sich diskret, als die Wolle juckte. Sein nächster Stopp war das Postamt. Als er die Straße überquerte und fast von einer Frau mit Kinderwagen gerammt wurde, hörte er das eilige Klatschen von Stiefelsohlen auf Asphalt und wandte sich um. Er sah einen graublauen Mantel um eine Ecke verschwinden.

Ianto runzelte die Stirn. Das hatte wie der Mantel des Captains ausgesehen. Aber Jack war nicht in Cardiff, oder? Wenn er hier wäre, würde er doch im Hotel wohnen… Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Überhaupt, was ging ihn an, wo der andere Mann sich aufhielt. Er warf einen letzten, neugierigen Blick über die Schulter und ging dann weiter.

Einige Minuten später verstaute er das Pergamenttütchen mit den Briefmarken in der Innentasche seines Mantels und knöpfte ihn hastig wieder zu, als er das Postamt verließ. Die Posthalterin hatte begonnen, ihm neugierig Fragen nach seinen geheimnisvollen Gästen aus London zu stellen, wurde aber abgelenkt, als zwei ältere Frauen eintraten und lautstark ihre unterschiedlichen Meinungen über das Porto für das Paket, dass sie zwischen sich trugen, austauschten. Die Posthalterin eilte zur Schlichtung, Ianto ergriff die Flucht nach draußen.

Er warf einen Blick in die Richtung in die der Mantel – möglicherweise Jacks Mantel – verschwunden war und blieb unschlüssig stehen. Vielleicht hatte der Captain eine andere Unterkunft gefunden. Ianto runzelte erneut die Stirn. Nein. Jack ließ – oft zu seiner Verlegenheit – kaum eine Gelegenheit aus, zu erwähnen, wie wohl er sich im Hotel fühle.

Über sich selbst den Kopf schüttelnd, machte er zwei Schritte auf die Kurzwarenhandlung zu, um die Stofftaschentücher abzuholen, die auf Rhis Liste standen, als er erneut zögerte.

Dann machte Ianto auf dem Absatz kehrt und bog um die Ecke.

Zu seiner Enttäuschung – doch nicht wirklich unerwartet – gab es nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Ein wenig versteckt hinter Wohnhäusern und den Geschäftsfronten lagen eine Reihe Lagerhäuser. Nüchterne, graue Steinfassaden, von den Jahren rauchgeschwärzt, zwischen denen sich nichts regte.

Nach einem Moment zog Ianto die Schultern hoch, wandte sich ab, und ging zurück.


+++


„Wird er zu einem Problem?“ Alex trat neben ihn, um durch das staubblinde Fenster des alten Lagerhauses nach unten zu sehen, wo Ianto Jones sich umsah, bevor er langsam wieder in die Richtung verschwand, aus der er gekommen war.

Jack wandte sich ihm zu, musterte die ausdruckslose Miene seines Vorgesetzten. „Nein. Nein, Alex. Das war meine Schuld. Er muss mich gesehen haben und ist mir wohl gefolgt. Ich rede mit ihm, wenn du es für nötig hältst, aber ich bin sicher, es ist nur ein Zufall.“

Alex lachte leise. „Keine Angst, ich habe nicht vor, deinen kleinen Hotelier an den nächsten Weevil zu verfüttern.“

„Er ist nicht… mein… kleiner Hotelier.“ Jack wandte sich von dem Fenster ab, und trat in den Raum zurück, um sich in einen abgewetzten Sessel zu fläzen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und platzierte seine Stiefel auf der Kante von Alex‘ Schreibtisch.

„Ich habe ja nicht gedacht, dass ich ausgerechnet Suzie irgendwann recht geben muss.“ Alex folgte ihm in den Raum der temporär als sein Büro eingerichtet war.

„Mmmpf.“ Jack war eindeutig zu sehr mit seinen Wriststrap beschäftigt, als dass er Alex‘ Worten irgendwelche Aufmerksamkeit schenken konnte.

„Sie hat gesagt, dass es dir die blauen Augen von Mister Jones angetan haben.“ Er stieß Jacks Füße vom Tisch und nahm auf der Schreibtischkante Platz.

„Hat sie das.“

„Nun, nicht in diesen Worten.“ Alex musterte ihn, doch Jack spielte noch immer mit seinen blinkenden Lichtern herum. „Und ich denke, es waren nicht seine Augen, die sie erwähnte… Aber ich denke, das war, was sie sagen wollte.“

„Keine Angst, Alex“, entgegnete Jack spottend. „Ich halte mich an meine Anweisung, die Finger von den Einheimischen zu lassen.“

„Das war nicht, was ich gesagt habe.“ Er schwieg einen Moment. „Hast du ihm denn schon mitgeteilt, dass du ausziehst?“

Jack kreuzte die Knöchel. „Ich bleibe im Hotel.“

„Und gibt es dafür einen bestimmten Grund?“ Er erhielt ein Achselzucken als Antwort. Alex seufzte. „Du bist nicht hier, um dir eine Familie zuzulegen, Jack.“

Der ältere Mann sah auf und Alex glaubte für einen Moment Panik in seinen Augen zu entdecken. Dann zuckte Jack wieder mit den Achseln und wandte den Blick an die Decke.

„Ich habe dich mit ihnen gesehen. Die Davies-Familie scheint fast bereit, dich zu adoptieren und was deinen neugierigen Hoteldirektor betrifft…“

„Er mag es nicht, wenn man ihn Direktor nennt.“ Jack setzte sich ruckartig auf. „Und es hat rein praktische Gründe, im Hotel zu wohnen…“

Ein schriller Alarmton aus dem Funkgerät, das auf dem Schreibtisch stand, beendete die Unterhaltung, bevor Alex mehr sagen konnte.


+++


Ianto kam pünktlich zur Teezeit zurück und lieferte die Einkäufe, die er gleich mitgebracht hatte, bei Rhi in der Küche ab. Seine Schwester war deutlich abgelenkt, während er ihr berichtete – und als er ihrem Blick folgte, wurde ihm auch klar, wieso.

In einer Ecke der Küche, so weit wie möglich von den geschäftigen Treiben der Vorbereitungen des Tees entfernt, schenkte Toshiko gerade Andy Davidson ein. Die roten Wangen und Ohrenspitzen des Constable mochten natürlich auch etwas damit zu tun haben, dass er aus der Kälte kam, aber vielleicht war der Grund dafür auch das schüchterne Lächeln auf Toshs Lippen.

„Es ist sein dritter Besuch“, flüsterte Rhi, während sie Gebäck auf einer Platte anrichtete.

„Andy ist oft hier, weil er immer Tee und was zu essen von dir bekommt“, erwiderte Ianto trocken. „Das ist wie mit einer streunenden Katze, wenn man sie ein Mal füttert…“

„In dieser Woche!“ Seine Schwester gab ihm einen Stoß mit dem Ellbogen in die Seite. „Zwischen den beiden bahnt sich etwas an!“

„Und das weißt du woher?“ Ianto winkte Tosh zu, die genau in diesem Moment in seine Richtung blickte. Sofort sah sie wieder weg und nestelte an ihrer Brille.

„Ich bin nicht blind.“ Rhiannon drückte ihm einen Korb mit Rosinenbrötchen in die Hände. „Schließlich sehe ich dir auch jedes Mal an der Nasenspitze an, wenn du verliebt bist.“

Darauf erwiderte er lieber nichts. „Gut für die beiden“, sagte er nur, und verließ die Küche, bevor seine Schwester eine Antwort für ihn fand.


+++


An der Rezeption erwarteten ihn die Nachmittagspost und ein Stapel Zeitungen, die Mickey eigentlich längst auf die Zimmer hätte verteilen sollen. Ianto trat hinter den Tresen und begann die Briefe zu sortieren, als sein Blick auf eine Leiter fiel.

Eigentlich war sie nicht zu übersehen, sie stand mitten im Foyer. Auf dem Boden daneben fand sich ein Korb mit kleinen Bündeln aus Mistelzweigen, mit roten Bändern zusammen gebunden und offenbar nur darauf wartend, an Deckenbalken und über Türdurchgängen befestigt zu werden.

Ahnungsvoll richtete Ianto die Augen nach oben. Tatsächlich baumelte direkt über ihm ein Mistelbündel. Martha! Das musste unbedingt da weg, das machte einen völlig unprofessionellen Eindruck… Und am Ende nahm noch jemand den alten Brauch wörtlich und er… wollte ihn… Nein. Wirklich. Nicht über seiner Rezeption!

Er hörte das leise Zufallen einer Tür und etwas, das wie unterdrücktes Gelächter und Geflüster klang. Ianto verließ die Rezeption und trat um die Ecke, in Richtung des seitlichen Ausgangs zum Garten. Er blieb wie erstarrt stehen, als er Mickey und Martha sah – in dem mistelgeschmückten Türdurchgang, sich küssend. Es war definitiv kein freundschaftlicher Kuss auf die Wange, den er da sah. Eher der leidenschaftliche Kuss zweier Liebender. Ob Rhi auch das  wusste? Ianto machte lautlos kehrt.

Ein paar Minuten später kamen die beiden in Sicht und Mickey kletterte mit einem Mistelbündel unter dem Arm auf die Leiter, während Martha sich zu ihm gesellte.

Sie klang leicht außer Atem und ihre Augen strahlten, als sie sich erkundigte, ob er alle Besorgungen erledigen konnte.

„Wie ich sehe wart ihr auch recht fleißig“, bemerkte Ianto trocken und deutete nach oben.

Martha lachte, beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. „Der hängt schon genau richtig“, meinte sie und wirbelte davon, bevor er ein Wort über die Lippen brachte. Verwundert sah er ihr nach und spürte Hitze in seinen Ohren aufsteigen.

„Das ist ein sehr interessanter Brauch“, erklang eine bekannte Stimme amüsiert hinter ihm. „Darf jeder mitmachen?“

„Was?“ Ianto wirbelte herum und fand sich Jack Harkness gegenüber. „Captain. Ich wusste nicht…“ Er unterbrach sich und spürte, wie sich die Röte über sein ganzes Gesicht ausbreitete. „Willkommen zurück, Sir. Ihr Zimmer…“

Das amüsierte Lächeln verschwand von Jacks Gesicht und wurde von einem angedeuteten Schmollen ersetzt. „War ich so lange weg, dass wir zu den langweiligen Förmlichkeiten zurückkehren müssen?“

Ungewohnt nervös – vielleicht weil er sich nur zu bewusst war, dass er noch immer unter dem Mistelzweig stand – trat Ianto ein wenig zur Seite und lächelte. „Hallo, Jack“, sagte er.

„Schon besser.“ Jacks Grinsen blitzte wieder auf. „Um zu meiner Frage zurück zu kehren…“ Er deutete nach oben zu den Misteln.

„Was zwischen Martha und dir passiert, ist nicht meine Sache.“ Ianto wandte sich hastig ab und beschäftigte sich damit, um aus einem abgeschlossenen Fach Jacks angesammelte Post zu holen. Sein Mund war plötzlich trocken. Harkness hatte nicht etwa ihn  gemeint… Er richtete sich auf und schob dem Captain ein Bündel Briefe zu.

„Ich werde das in Erinnerung behalten.“ Jack ignorierte die Umschläge. „In nächster Zeit werde ich häufiger in Cardiff sein. Ich hoffe, du hast mein Zimmer nicht weiter vermietet.“

„Natürlich nicht.“ Unwillkürlich straffte Ianto die Schultern; empört über eine solche Unterstellung. „Es wurde ja weiterhin bezahlt, da kann ich es doch nicht an jemand anderen geben.“  

„Ich habe das nicht ernst gemeint, Ianto.“ Jack grinste und nahm schwungvoll seinen Rucksack ab, um ihn auf die Theke plumpsen zu lassen. „Ich käme niemals auf die Idee, meinem Lieblings-Hotelbesitzer unlautere Geschäfte zu unterstellen.“

„Du hast es, als wir uns das erste Mal begegnet sind“, erinnerte ihn Ianto.

Jack öffnete den Rucksack. „Damals kannten wir uns noch nicht.“ Er stellte eine leicht eingebeulte Blechdose vor Ianto. „Ich habe dir etwas aus London mitgebracht. Kaffee“, verkündete er mit erwartungsvoller Miene.

„Es… gibt Kaffee in Wales.“ Ianto zog eine Augenbraue hoch, als er die etwas schäbige Dose musterte. Die Buchstaben, mit denen sie beschriftet war, ergaben keinen Sinn für ihn. Vielleicht eine ausländische Marke.

Jack beugte sich über den Tresen. „Keinen wie diesen“, flüsterte er verschwörerisch. „Das sind Kaffeebohnen aus der Zukunft.“

„Aber ist das nicht gefährlich?“, fragte Ianto. Er wirkte, als wäre er nicht sicher, ob er die Dose so rasch wie möglich aus dem Haus schaffen solle oder sie lassen, wo sie war.

„So lange du es für dich behältst… Es ist Kaffee, völlig ungefährlich“, versicherte der Captain ihm. „Es ist eine Sorte, die es jetzt noch nicht gibt. Die Bohnen sind geröstet, man kann ihn nicht mehr anpflanzen, also völlig ungefährlich.“

Ianto konnte den Sprung zum Kaffeeanbau nicht völlig nachvollziehen, verzichtete aber auf Fragen. Manchmal war es besser, Dinge nicht zu wissen. Vor allem wenn diese Dinge mit Harkness‘ Arbeit zusammenhingen. „Ich nehme an, du hast sie mir nicht ohne Hintergedanken mitgebracht.“

„Ich bin nicht dafür verantwortlich, welche Gedanken du bei mir weckst, Mister Jones“, grinste Jack. Dann legte er die Handflächen wie zum Gebet zusammen. „Nur eine Tasse? Bitte?“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt.“ Er hielt es nicht für weise, zu erwähnen, dass er vermisst hatte, sich mit Jack über einer Kanne Kaffee zu unterhalten.

Der Captain schulterte seinen Rucksack wieder, nahm den Stapel Post und zwinkerte Ianto zu, bevor er – nicht ohne zuvor noch einen langen Blick auf den Mistelzweig über der Rezeption zu werfen – in Richtung des Lifts verschwand.

Mickey und Martha waren samt Korb und Leiter verschwunden, vermutlich um ihre Kussfallen auch in anderen Räumen aufzuhängen. Ianto lehnte sich gegen die Wand und drehte die Kaffeedose in den Händen.


+++


Die Zeit flog dahin und alle Vorbereitungen für die Feiertage traten in ihre letzte Phase.

Alle Dekorationen waren angebracht; Ianto und Johnny hatten neben dem Kamin die Strümpfe für die Kinder (und natürlich auch für die Erwachsenen) aufgehängt und der kleine Saal, der stets als Räumlichkeit für Familienfeiern diente, war gefegt und geschrubbt. Der Teppich, sonst auf dem Dachboden, war von Mickey so lange mit Schnee bearbeitet worden, bis er seinen muffigen Geruch verloren hatte und nahm (nun wieder trocken) dem Raum das Saalähnliche. Einige Sofas, über die Jahre ausgemustert, doch nicht weggeworfen, zogen sich als Sitzgelegenheiten unter festlich rot-grün gemusterten Überwürfen, die Martha und Tosh genäht hatten, an einer Wand entlang. Vor den Fenstern verliehen die weißen Tischdecken den zusammengeschobenen Tischen den Eindruck, es handele sich um eine einzige lange Tafel.

An der kurzen Querseite des Raumes stand der Weihnachtsbaum, der mit seinem Duft nach Wald und Bienenwachs die Luft erfüllte.

Die Kinder hatten sich mit Enthusiasmus darauf gestürzt, beim Schmücken des Raums und ihrer Mutter in der Küche zu helfen. Sogar David vergaß für ein paar Stunden, dass er sich für das ganze eigentlich schon zu alt hielt und dekorierte zusammen mit seiner Schwester eifrig die Lebkuchenfiguren, die Rhiannon wie am Fließband produzierte. Sie klebten Mandelkerne und kandierte Früchte mit Zuckerguss fest und durften zur Belohnung einige davon an ihre Freunde verschenken. Der Rest verschwand in großen Blechdosen, um zum Weihnachtstee serviert zu werden.

Ein Blech wundervoll duftender, dunkler Mince Pies stand zum Abkühlen da; die beiden Pies, die am Vierundzwanzigsten zusammen mit einem Glas Sherry für den Weihnachtsmann hingestellt werden würden, mit weißglitzerndem Zuckerguss verziert.

In der Vorratskammer reihten sich Früchtekuchen an Früchte- und Ingwerbrote und Gläser mit eingemachten Früchten und Gemüsen standen neben den Terrinen ihrer Großmutter, in denen süße und herzhafte Pasteten und Puddings darauf warteten, serviert zu werden. Ein gewaltiger Plumpudding – bereits vor Wochen zubereitet – ruhte in einer enormen Porzellanschale, die mit Stechpalmenzweigen und Rotkehlchen verziert war. Unter essiggetränkten Leintüchern harrten zwei gefüllte Gänse in ihren Bratreinen dem Moment, an dem sie in den Ofen geschoben wurden.

Es war ein so vertrautes Bild – seine Großmutter und seine Mutter hatten genau wie Rhi an Weihnachten Anstrengungen unternommen, eine ganze Armee zu verköstigen – dass er staunend wie ein Kind vor den Regalen in der Speisekammer stand und ein Prickeln der Trauer hinter den Lidern spürte.

Die Tür ging hinter ihm auf und zu und einen Moment später legte seine Schwester den Arm um seine Mitte und ihr warmer Geruch nach Hefe und Zimt umhüllte ihn wie eine zweite Umarmung. Mit der anderen Hand deutete Rhi auf eine leere Stelle im Regal. „Dort würde Tad’s furchtbarer Früchtepunsch stehen. Erinnerst du dich noch, wie Johnny bei unserem ersten gemeinsamen Weihnachten versucht hat, ihn „nachzubessern“? Und Tad ihm damit drohte, die Einwilligung zu unserer Hochzeit zurück zu nehmen? Es war natürlich eine leere Drohung, aber… Und Mam würde sich darum sorgen, ob sie auch genug für den Wohltätigkeitsverein und die Kirche gegeben hätte.“ Ihre Stimme schwankte ein wenig und sie lehnte sich gegen ihren Bruder. „Sie wären so stolz auf uns, Ianto, davon bin ich überzeugt.“

„Ich weiß, dass sie es wären.“ Ianto küsste seine Schwester auf die Schläfe, dann drückte er ihren Arm. „Komm‘, wir gehen besser zurück an die Arbeit, sonst denken die anderen noch, wir drücken uns.“

Rhi lachte leise, und trat ans Regal, um einen von Mica detailverliebt dekorierten Schneemann-Lebkuchen aus einer der Dosen zu nehmen. Sie hielt ihn Ianto hin, als sie die Speisekammer verlassen hatten. „Warum nimmst du nicht den mit zu deinem Captain und lädst ihn ein, mit uns zu feiern?“

Mein Captain?  Ianto schloss den Mund, den er noch immer offen hatte, und schluckte seinen Protest hinunter. „Er… er ist ein Gast, Rhi.“

„Na und?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wir haben zuvor Gäste eingeladen mit uns zu feiern.“

„Aber er… hat sicher andere Pläne“, entgegnete Ianto lahm.

„Hat er nicht.“ Rhi faltete den Schneemann geschickt in eine Serviette. „Er hat Mickey mit ein paar Paketen zur Post geschickt und ihm dabei erzählt, dass seine Familie im Ausland ist. Außerdem wollte er wissen, in welchem Pub er etwas zu Essen bekommt.“ Sie drückte ihm die Serviette in die Hand. „Ihr seid befreundet, also ist es nur recht und billig, wenn du ihn einlädst.“

„Ich würde nicht sagen, dass wir befreundet sind“, erwiderte Ianto mit gerunzelter Stirn.

„Ach ja?“ Rhi trat zum Herd und hob den Deckel von einem der Kochtöpfe, um etwas zu überprüfen.  „Ihr habt sicherlich genug Zeit miteinander verbracht, dass es danach aussieht.“

„Er war auch oft genug in der Küche.“

Rhi drohte ihm mit einem Kochlöffel. „Lass das nur nicht Johnny hören.“

„Was soll ich nicht hören?“, fragte Johnny Davies, der in genau diesem Moment mit einem Korb Brennholz in die Küche trat.

„Mein kleiner Bruder fühlt sich dieses Jahr eher wie Scrooge, ignorier‘ ihn, Johnny.“ Rhi zog etwas aus der Schürzentasche und hielt es über ihren Kopf. Es war ein kleiner Mistelzweig, mit dem sie auffordernd wedelte. Johnny stellte lachend den Korb ab und trat zu seiner Frau, um sie zu küssen – und Ianto nutzte die Gelegenheit, aus der Küche zu flüchten.

Harkness war nicht in seinem Zimmer, als Ianto pflichtschuldig die Einladung abliefern wollte, also ließ er den Lebkuchen-Schneemann und eine Notiz zurück. Er hoffte, Jack würde ihm die Unhöflichkeit nachsehen.


+++


Endlich war der Heilige Abend da. Rhiannon hatte einen späten Tee bereitet, nach dem Mica und David dem Brauch in ihrer Familie folgend, nachsehen durften, was sich in ihren Strümpfen befand, um so die Wartezeit auf den Morgen zu verkürzen. Die Erwachsenen saßen zusammen und plauderten bei Kaffee, Portwein und Sherry bis es Zeit für die Mitternachtsmesse war.

Nach der Messe – und dem Austausch von Feiertagswünschen mit Nachbarn und Freunden – übernahm es Johnny, die Kinder ins Bett zu bringen, während Martha, Toshiko, Amy, Rhi und Ianto in der Küche Ordnung schafften.

Amy war die erste, die sich verabschiedete und nach Hause ging. Wenig später zogen sich auch Martha und Tosh in ihre Zimmer zurück und die beiden Geschwister blieben alleine in der Küche.

Rhi füllte irdene Schälchen mit dickem, süßem Rahm und stellte sie auf ein Tablett. Auf ein zweites Tablett kamen ein mit Stechpalmenzweigen bemalter Teller mit den Mince Pies und ein kleines Glas Sherry für den Weihnachtsmann.

Es waren die Schälchen mit Rahm, die Ianto kritisch beäugte. Es war ein alter Brauch, den Fae kleine Gaben anzubieten und sie damit den Bewohnern des Hauses gegenüber milde zu stimmen.

Doch nach den Ereignissen im Spätsommern und Miss Coles Tod – von denen seine Schwester keine Ahnung hatte – war er wenig begeistert von der Vorstellung, dass sich in ihrem Garten wieder diese Kreaturen herumtreiben mochten. Allerdings behielt er diesen Gedanken für sich, als Rhiannon ging, um Sherry und Pies neben den Kamin zu stellen und es ihm überließ, die Fae zu versorgen.

Ein Schwall eisiger Luft schlug ihm entgegen, als er die Küchentür öffnete, um die Schälchen auf dem Treppenabsatz zu platzieren, genau wie es vor ihm seine Eltern und Großeltern und deren Vorfahren getan hatten.

Dichter Schneefall hatte seit ihrer Rückkehr eingesetzt und Ianto wischte Schneeflocken weg, die ihm in die Augen gerieten.

„Ich wusste nicht, dass im Garten Katzen wohnen“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Obwohl er an Jacks unerwartetes Auftauchen eigentlich inzwischen gewöhnt sein sollte, zuckte Ianto zusammen und verschüttete Rahm auf die Stufen. Er richtete sich auf und drehte sich zu dem anderen Mann um.

Schuhe, Mantelsaum und Hosenbeine des Captains waren schneeverkrustet und auf seinen Schultern hatte sich eine Schneeschicht gebildet. Er musste längere Zeit in diesem Wetter unterwegs gewesen sein.

„Das ist nicht für eine Katze“, erklärte er mit einem Schulterzucken. „Es ist… ähem… eine alte Tradition für die… Fae kleine Gaben zu hinterlassen. Es soll ihren Schutz garantieren.“

Ein fragender Ausdruck zeigte sich in Harkness‘ Gesicht, bevor er verstand und eine Grimasse schnitt.

Ianto arrangierte mit dem Fuß die Schälchen in eine ordentliche Reihe, die Hände gegen die Kälte in die Taschen geschoben, die Schultern nach oben gezogen. „Ich schätze, es ist mehr als nur ein Aberglaube.“

Harkness kam die Stufen herauf und blieb neben ihm stehen, auf die Rahmschälchen sehend.

Instinktiv streckte Ianto eine Hand aus, um den Schnee von den Schultern des Captains zu fegen. Der schwere Wollstoff seines Mantels fühlte sich kalt und feucht an und er fragte sich, womit Jack den Abend verbracht hatte. Als der andere Mann den Kopf hob, standen sie so dicht voreinander, dass er Schneeflocken erkennen konnte, die sich in Jacks Haaren verfangen hatten und auf seinen Wangen schmolzen. Als die blauen Augen direkt in seine blickten, spürte er trotz der Kälte Hitze in seinem Gesicht aufsteigen und sein Puls schlug rascher. Ianto ließ die Hand, die noch auf Jacks Schulter ruhte, hastig zurück an seine Seite fallen. „Wir sollten hinein gehen. In der Küche ist es wärmer“, meinte er, als er zurück trat und mit dem Rücken gegen die Küchentür stieß. „Und ich denke, es ist noch heißer Tee in der Kanne.“

„Ich habe mich noch nicht für die Einladung bedankt“, sagte Harkness leise.

„Es ist…“, begann er und wusste dann nicht, wie er fortfahren sollte. Selbstverständlich?  Das war es nicht. Keine Mühe?  Nein, das klang genau nach dem Gegenteil. „Es ist uns eine Freude“, beendete Ianto den Satz schließlich ein wenig steif.

Jack lachte leise, sein Atem eine weiße Wolke, die einen Moment zwischen ihnen hing. „Die Freude ist ganz meinerseits.“ Seine Augen glitzerten sehr blau im Licht, das durch die Küchenfenster nach draußen fiel und er sah einen Moment nach oben. „Eine Tasse Tee wäre sehr willkommen.“

Da er noch immer gegen die Küchentür lehnte, fiel Ianto fast rückwärts in den Raum, als er sie aufdrückte. Verlegen schüttelte er Harkness‘ stützende Hand ab und goss Tee in eine Tasse. Dunkel und ein wenig bitter durch die lange Ziehzeit neben dem Herd, schwappte Tee über den Rand, als er die Tasse Jack zuschob.

Der andere Mann schien sich daran nicht zu stören. „Ich hätte da eine Frage“, meinte Jack, während Ianto mit einem Putzlappen den verschütteten Tee aufwischte.

„Ja?“ Ianto sah das andere Tablett wieder an seinem Platz, also hatte Rhi den Imbiss für den Weihnachtsmann bereit gestellt und war höchstwahrscheinlich ins Bett gegangen. Die Vorbereitungen für das große Weihnachtessen machten es erforderlich, dass sie früher als sonst aus den Federn musste. Er sollte sich ebenfalls zur Ruhe begeben, anstatt hier mit Jack zu stehen.

„Was ist es in diesem Haus mit all den Mistelzweigen überall?“, fragte Jack. „Ich meine, ich weiß, weshalb sie aufgehängt werden“, setzte er mit einem Lachen hinzu. „Aber der schieren Anzahl nach muss es hier besonders viele Pärchen geben.“

Ianto faltete umständlich den Putzlappen und hing ihn zum Trocknen auf. „Es ist so, seit ich mich zurück erinnern kann. Meine Eltern haben nach ihrer Hochzeit damit angefangen. Obwohl ich der erste bin, der zugibt, dass Martha und Mickey es ein wenig übertrieben haben – nicht, dass Rhi sie nicht dazu angestiftet hat.“

Ein paar Tassen, Gläser und Teller standen in der Spüle und Ianto drehte den Wasserhahn auf, um sie abzuspülen.

„Wir standen vorhin draußen vor der Küchentür auch unter einem Mistelzweig“, meinte Jack hinter ihm, wo er seinen Mantel an den glühenden Kohlen im Herd trocknete.

Zwei Tassen klirrten in seinen plötzlich ungeschickten Händen zusammen, doch überstanden es unbeschadet. Er ließ das restliche Geschirr, wo es war, drehte den Hahn ab und trocknete seine Finger ab. „Ich… es ist spät. Gute Nacht, Sir.“

„Gute Nacht, Ianto.“

Als er an der Tür über die Schulter zurück sah, stand Jack noch immer neben dem Herd. In der einen Hand die Tasse, in der anderen den kleinen Mistelzweig, den Rhi aus ihrer Schürze gezogen hatte, als Johnny in die Küche kam. Er musste ihn aus der Holzkiste genommen haben.


+++


„Ich denke du kannst wieder aufhören, ihn anzustarren.“ Rhi gab ihren Bruder lachend einen nicht gerade subtilen Stoß mit dem Ellbogen.

„Gib zu, du hättest auch nicht gedacht, dass er einen Anzug besitzt“, zischte Ianto ihr zu.

Die beiden Geschwister sahen zum Weihnachtsbaum, wo Jack den Baum bestaunte und sich geduldig von Mica die Bedeutung der einzelnen Dekorationen erklären ließ. Sie hatte ihm bereits ihre Geschenke gezeigt, während David mit seinem Vater das neue Fahrrad auf der Straße ausprobierte, ungeachtet des anhaltenden Schnees.

„Oder dass er so gut darin aussieht.“ Rhi giggelte, als er ihr einen tadelnden Blick zuwarf und eilte mit einem Korb frischgebackenen Brots auf den Tisch zu.

Mickey und Martha waren nach dem Frühstück mit einem großen Korb an Leckereien aufgebrochen, um den Tag bei Mickeys Großmutter und seiner Tante zu verbringen, bevor er Martha zum Zug brachte. Den zweiten Feiertag würde sie mit ihrer Familie verbringen. Sie hatte das ganze Jahr für das Ticket gespart.

Andy Davidson war eingetroffen – ohne Uniform, dafür mit einem Geschenk, das er verstohlen Toshiko überreichte. Die beiden saßen auf einer Couch, vertieft in eine Unterhaltung, die hauptsächlich aus langen Pausen und noch längeren Blicken, gefolgt von Erröten, bestand. Andy folgte ihr wie ein eifriger Welpe in die Küche, als Tosh Rhi zur Hand ging. Die meisten der Mädchen, die sonst hier arbeiteten, hatten frei bekommen, um das Weihnachtessen in ihren eigenen Familien zu erleben.

Ianto beschäftigte sich damit, die Weihnachtskarten durch zu sehen, die Rhi auf einem kleinen Tisch aufgestellt hatte. Die Antworten darauf zu schreiben würde im neuen Jahr ihm zufallen.

Harkness‘ Arm streifte seinen, als der andere Mann neben ihn trat und wahllos nach einer Karte griff. Ianto sah auf und bemerkte den abwesenden Ausdruck im Gesicht des Captains. Er fragte sich unwillkürlich, an was Jack dachte. Vielleicht dachte er an seine Tochter und ihren Sohn. Oder andere Familie. Er musste irgendwann oder irgendwo Familie haben. Bevor er eine Bemerkung machen konnte, rief sie die Glocke zu Tisch.


+++


Unter Gelächter und Scherzen suchte sich jeder seinen Platz. Mica bestand darauf, neben Jack zu sitzen und strahlte übers ganze Gesicht, als Rhiannon lachend nachgab und sie umsetzte. Jack bot ihr seinen Arm an und geleitete sie zum Tisch, ihre kleine Hand an seinem Ellbogen. Er zog einen Stuhl heraus und Mica quietschte begeistert, als er sie kurzerhand hoch in die Luft, dann über die Lehne hob und auf der Sitzfläche platzierte.

Der Platzwechsel führte dazu, dass Jack Ianto gegenüber saß, der nicht wie erwartet am Kopfende der Tafel Platz nahm. David saß seiner Schwester gegenüber, nachdem Rhi sich versichert hatte, dass es sie nicht störte, mit den Kindern zu sitzen. Andy und Tosh folgten als nächste, doch die beiden schienen außer einander kaum etwas wahrzunehmen.

Dicke rote Kerzen und aus Thuja geflochtene Ringe, geschmückt mit Stechpalmen, setzten festliche Farbpunkte zwischen weißen Tellern, funkelnden Gläsern und blankpoliertem Besteck. Rhiannon nahm strahlend das Lob dafür entgegen und eilte dann in die Küche, um nach der Suppe zu sehen.

Während Ianto die Gläser füllte, verteilte Johnny – vor allem zum Jubel seiner Kinder – Weihnachtskracher und bald waren alle damit beschäftigt, mit ihren Nachbarn die Kracher zu öffnen und die darin verborgenen Kleinigkeiten zu bewundern. Das meiste fand früher oder später seinen Weg zu den Kindern. Vor allem Andy konnte die pinkfarbene Papierkrone, die er in seinem Ende des Krachers fand, gar nicht schnell genug auf Micas Locken platzieren. Zugegeben, sie stand ihr wesentlich besser.

Jack lachte mit den anderen über das glühendrote Gesicht des Constable, als Ianto sein Glas füllte, und dann wieder Platz in seinem Stuhl nahm. „Ich denke Rhiannon hat sich dieses Jahr selbst übertroffen“, sagte er. „Das ist der größte Baum, an den ich mich erinnern kann.“

„Wir haben geholfen“, verkündete David und zupfte am Ärmel seines Onkels.

„Natürlich, das habe ich nicht vergessen“, versicherte Ianto seinem Neffen und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn zurück. „Und ihr habt beide wirklich ausgezeichnete Arbeit geleistet.“

„Ja, alles ist…“ Jack machte eine Pause, und sein Blick war weder auf den gedeckten Tisch, noch auf den Baum gerichtet, sondern direkt auf Ianto. „…exquisit.“

„Ich habe solchen Hunger“, verkündete David, die plötzliche Stille zwischen den Erwachsenen nicht bemerkend.

In diesem Moment brachten Rhiannon und Sally, die Küchenhilfe, zwei große Terrinen mit der Vorspeise.

Ianto sah auf seinen Teller, als in seinem Sichtfeld ein blau-goldener Kracher auftauchte. Jack lächelte. „Es ist noch einer übrig“, meinte er. „Wollen wir beide…?“

Dieses Mal ging das größere Ende zu Ianto und eine Münze fiel auf das Tischtuch.

„Was ist das, Onkel Ianto?“, fragte David neugierig.

„Eine Münze.“ Ianto hob sie hoch und versuchte die Inschrift zu lesen. Aber genau wie mit der Kaffeedose war ihm die Sprache fremd.

„Wieso hat sie ein Loch?“ Mica kniete auf ihrem Stuhl, um sie ebenfalls sehen zu können.

„Damit kann man sie an einer Uhrenkette festmachen“, erklärte Jack. Er zog seine hervor, um sie ihr zu zeigen. „Siehst du, so wie hier.“

Die Augen des kleinen Mädchens weiteten sich. „Ist das wirklich echt?“, flüsterte sie fasziniert.

„Ein wirklich echter Zahn von einem wirklich echten Krokodil das ich wirklich echt in Indien gesehen habe“, flüsterte Jack zurück.

„Mica, setz‘ dich vernünftig hin und iss ordentlich“, tadelte Rhi, als sie mit der Suppe zu ihnen kam.

„Wir unterhalten uns nur.“ Jack zwinkerte Mica zu und lächelte dann Rhi zu, die daraufhin fast mit der Suppenkelle seinen Teller verfehlte.

Ianto verstaute die Münze in seiner Tasche. Er würde Jack später danach fragen, was sie zu bedeuten hatte. Und wie hatte er sie in den Kracher fabriziert? In den anderen, die sein Schwager verteilt hatte, fand sich so was nicht.

Zum Auftakt hatte Rhi eine cremige Pilzsuppe gewählt (sie erinnerten sich noch beide mit Schaudern daran, dass ihre Großmutter nach altem englischen Rezept Austernsuppe servierte, die als einzige der Großvater mochte) und servierte sie mit noch warmen, knusprigen Brot. Und bald verstummten die Gespräche zugunsten des Essens.

Nachdem die Gänse und die Platten und Schalen mit den Beilagen unter großem Hallo serviert und verzehrt worden waren, kam der Höhepunkt des Festmahls.

Ianto und Tosh zogen die Vorhänge vor die Fenster, so dass der Raum nur noch von den Kerzen am Weihnachtsbaum und auf dem Tisch erleuchtet war, als Johnny, der sich neben der Tür platziert hatte, das Licht löschte.

Konzentration zeigte sich auf Rhiannons Gesicht, als sie die große Platte hereintrug, auf der der Plumpudding wie ein überdimensionierter, plumper Ball lag. Blaue und rote Flämmchen züngelten um den Porzellan-Mistelzweig, der in der Mitte steckte.

Mica, die auf ihren Stuhl geklettert war, um besser sehen zu können, verlor das Gleichgewicht und landete fast auf dem Tisch. Jack schnappte sie im letzten Moment, bevor einer ihrer Zöpfe an einer der Kerzen Feuer fing und setzte sie lachend in seinen Schoß. Ianto, der das ganze beobachtet hatte, aber auf der anderen Seite des Tisches zu weit weg war, um sie rechtzeitig zu erreichen, trat zu ihm, um ihm das Mädchen abzunehmen.

Mica schmollte, als sie die Absicht ihres Onkels erkannte und Jack schüttelte den Kopf. „Es ist in Ordnung“, sagte er. „Sie stört mich nicht. Wir sind Freunde, richtig Prinzessin?“

Doch die ignorierte ihn um David die Zunge heraus zu strecken, der ihr unverblümt mitteilte, wie doof sie doch wäre.

Ianto drückte Jacks Arm, sagte leise: „Danke“, bevor er auf die andere Seite des Tisches zurückkehrte, um seinen Neffen zurecht zu weisen und Rhi beim Austeilen des Plumpuddings zu helfen, bevor die Flämmchen ausgingen.

Rhiannon stellte den Kindern ihre Portionen hin (sie hatte für sie einen extra Pudding ohne Alkohol zubereitet) und eine vor Jack. Sie strich ihrer Tochter rasch übers Haar und zwinkerte dem Captain zu. „Sie müssen sich etwas wünschen, bevor die Flammen aus sind“, riet sie ihm. „Meine Großmutter hat immer gesagt, dass dieser Wunsch dann auch ganz sicher in Erfüllung geht.“

Jack sah sie einen Moment an, dann glitt sein Blick zu Ianto, der mit einer Kaffeekanne herum ging. „Wirklich? Danke für den Tipp.“

„Wenn Mica anfängt Sie zu stören, schicken Sie sie einfach zurück auf ihren Platz.“ Rhi wirbelte weiter. Es war unmöglich zu übersehen, wie sie das ganze genoss.

Johnny schaltete das Licht wieder ein. Schälchen mit Brandybutter oder dicker, gelber Vanillesoße wurden umher gereicht; Komplimente an die Köchin gerichtet und das eifrige Klappern von Löffeln gegen Porzellanteller ertönte.

Als Ianto mit der Kaffeekanne zu ihm kam, sah Jack lächelnd zu ihm hoch. „Ich denke, es funktioniert.“ Als ihn der jüngere Mann fragend ansah, schob er ihm seine Tasse hin. „Selbstgemacht?“

„Nicht heute.“ Ianto setzte sich, nachdem er Jacks Kaffee eingegossen hatte und drückte David eine Serviette in die Hand. „Aber Sally ist auch sehr gut darin.“

Mica, die sich unbeobachtet glaubte, stippte mit dem Finger in die Brandybutter und verzog das Gesicht, nachdem sie davon gekostet hatte. Sie hielt sich lieber an ihren Pudding. Vanillesoße tropfte auf die Tischdecke.

Ianto sah auf und begegnete Jacks amüsierten Blick. „Unsere Eltern haben uns nie nach dem Motto behandelt, dass man Kinder nur sehen aber nicht hören solle. Mica und David werden es auch nicht. Das Ergebnis ist, dass es ziemlich wild bei Tisch zugehen kann.“

Jack lachte, aber sein Blick wurde ernst. Er rückte Micas Papierkrone zurecht. „Ich beneide dich um deine Familie, Ianto.“

Gelächter am anderen Ende des Tisches unterbrach sie, bevor Ianto etwas darauf erwidern konnte.

Johnny hielt mit schmerzverzerrtem Gesicht einen kleinen, silbernen Knopf hoch. „Ich habe drauf gebissen“, klagte er.

Rhi klatschte lachend in die Hände. „Übertreib‘ nicht so. Es ist der Junggesellenknopf.“

„Oh, Johnny. Das bedeutet, dass du Junggeselle bleibst“, spottete Andy Davidson.

„Wieso kommt der nur zehn Jahre zu spät.“ Johnny schnitt eine Grimasse und legte den Knopf auf seiner Serviette, bevor er sich zu seiner Frau beugte und sie entschuldigend küsste.

Jack war der nächste, der etwas Silbernes in seinem Pudding fand. „Ein Ring.“ Er hielt ihn zur Begutachtung hoch. „Was hat das zu bedeuten?“

Rhis Augen blitzten auf. „Es bedeutet, dass eine Hochzeit ansteht. Oder zumindest eine neue Liebe.“ Sie beugte sich leicht vor, als ob sie noch mehr fragen wollte, doch auch die anderen hatten sich daran gemacht, ihre Portionen nach den eingebackenen Glücksbringern zu durchsuchen und die ‚Glücklichen‘ diskutierten die Bedeutung ihres Fundes.

Tosh errötete, als sie ebenfalls einen Ring hervorzog. Andy Davidsons Ohren nahmen einen Rotton an, der dem der Weihnachtssterne auf der Tafel Konkurrenz zu machen drohte, als er sein Glas an ihres klickte. Um sich gleich darauf spöttische Bemerkungen gefallen lassen zu müssen, als er ein Schwein in seinem Pudding entdeckte.

Zwischen Iantos Augenbrauen zeigte sich eine steile Falte, als er ein kleines, silbernes Objekt auf seiner Gabel balancierte.

„Was ist das?“, fragte Jack neugierig.

„Ein Fingerhut“, entgegnete Ianto knapp und ließ das Symbol in seiner Serviette verschwinden.

„Und was bedeutet es? Eine Karriere als Schneider? Eine Liebste, die dir etwas Selbstgestricktes schenkt?“

„Nein.“ Ianto pausierte mitten im Griff nach seiner Tasse. „Die Bedeutung ist die gleiche wie von Johnnys Junggesellenknopf. Der Knopf für einen Mann, den Fingerhut für eine Frau. Er soll mir sagen, dass ich niemals heiraten werde.“ Er nahm seine Tasse und schnitt eine Grimasse. „Natürlich gilt das nur, wenn man an diesen alten Aberglauben auch wirklich glaubt.“


+++


Vom Pudding waren nur noch das Porzellanornament und ein paar wenige Löffel voll vorhanden, als Rhiannon die Tafel aufhob.

Johnny holte ein Radio aus einem Schrank und stellte es an. Er drehte daran herum, bis er einen Sender fand, der Weihnachtsmelodien sendete. Sally und Rhi machten sich daran, die Reste des Festmahls in die Küche zu schaffen. Tosh, die helfen wollte, wurde weggeschickt und kurz darauf konnte man sie neben Andy an einem Fenster stehen sehen, wo sie sich leise miteinander unterhielten. David schnappte sich einen der Lebkuchensterne vom Weihnachtsbaum, wurde von seinem Vater dabei erwischt und damit „bestraft“, ein Weihnachtsgedicht aus einem Buch vorzulesen. Mica belegte einen amüsierten Jack weiterhin mit Beschlag, und führte ihm die neue Kleidung für ihre Puppe vor, die ihr der Weihnachtsmann gebracht hatte. Er saß neben ihr vor dem Baum auf dem Boden, die Knie untergeschlagen, den Kragen seines Hemdes gelockert und schien die teils amüsierten, teils überraschten Blicke der anderen zu ignorieren.

Ianto machte sich daran, Teller zusammen zu stellen und Besteck einzusammeln. Weihnachten hin oder her, das Geschirr würde sich nicht von alleine spülen. Und Teil des Feiertagsbonus für die Küchenmädchen war, dass sie sich nicht darum kümmern mussten.

Es hatte etwas beinahe hypnotisches an sich, die Teller zu stapeln und die Gabeln zu sortieren und seine Gedanken glitten – wie so oft in letzter Zeit – zu Jack Harkness. Aber dieses Mal war es nicht die mysteriöse Arbeit des Captains, oder die anderen Dinge, die ihm der andere Mann vor Monaten enthüllt hatte (und von denen er noch immer nicht allen vollen Glauben schenken konnte). Es war der sehnsuchtsvolle Ton in seiner Stimme, als er gestand, Ianto um seine Familie zu beneiden. Sein geduldiger und liebevoller Umgang mit Mica, die ihre Scheu ihm gegenüber völlig abgelegt hatte. Und die Blicke, die Jack in seine Richtung schickte, wenn er vorgab, ihn nicht anzusehen.

„Er ist ein glattes Wunder mit Kindern.“

Ianto ließ fast einen Dessertteller aus den Händen gleiten, als Rhi plötzlich neben ihm auftauchte und diese Bemerkung machte. „Was?“

„Dein Freund, der Captain. Ich habe noch nie gesehen, dass Mica so schnell zu jemand Zutrauen gefasst hat. Und wie er sich beim Essen um sie gekümmert hat, als wäre sie seine eigene. Ich sage dir, sie war nicht das erste Kind…“ Sie unterbrach sich, als sie nach einem Glas griff, dass beinahe über die Tischkante gesegelt wäre. „Du unterhältst dich doch immer mit ihm. Rück‘ mit der Sprache raus. Er muss etwas gesagt haben. Hat er eine Frau? Kinder? Oder wenigstens Neffen und Nichten? Diese Frau, die mitten in der Nacht aufgetaucht ist, und für deren Zimmer er bezahlt hat…“

„Das war seine Schwester, Rhi und sie brauchte seine Hilfe. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen. Er spricht wirklich nicht über so etwas.“ Ianto stapelte Tassen auf ein Tablett. „Und bitte tu‘ mir den Gefallen und halte dich mit deiner Neugier zurück. Er ist immer noch ein Gast.“

„Und dein Freund.“ Rhi stupste ihn sanft in die Seite. „Du hast so wenige Freunde. Deshalb interessiert er mich.“

„Ich habe Freunde“, protestierte Ianto. „Mickey, und Andy. Ich bin auch mit deinem Mann befreundet. Martha und Tosh sind ebenfalls meine Freunde.“

„Es ist anders mit deinem Captain“, beharrte Rhi, als sie die vollen Tabletts aus dem Raum trugen, wo ein Servierwagen wartete. (Seine kleinen Rollen waren nur sehr schwer über den Absatz zu bugsieren, der den Eingang von der Halle trennte, deshalb stand er vor der Tür.) Sie lachte. „Wenn du eine Frau wärst, würde ich sagen, er wäre eine gute Partie für dich.“ Rhi zwinkerte ihm zu. „Aber vielleicht stört ihn das ja gar nicht.“

Ianto stoppte den Servierwagen so abrupt, dass fast ein Tellerstapel das Gleichgewicht verlor und über den Rand kippte. „Rhiannon Elisabeth Davies“, sagte er scharf. „Ich glaube, du hast zu viel vom Brandy genascht, als du den Pudding angerichtet hast. Du redest Unsinn.“ Klirrend setzte sich der Wagen wieder in Bewegung.

Rhi zuckte mit den Schultern und lächelte, bevor sie ihm folgte.


+++


„Einer der Ringe ist weg“, informierte Rhiannon ihn, als er nach einer zweiten Fahrt ein Tablett Gläser in die Küche brachte.

„Bist du sicher?“, fragte er, froh das Rhi nicht mehr zu dem Thema von vorhin zurück kehrte. „Vielleicht lag er zwischen den Tellern und ist mit den Speiseresten im Abfluss verschwunden?“

„Nein, Sally und ich haben vorher alles durchgesehen.“ Rhiannon stapelte geschickt Teller ins Abtropfgestell, jeden Millimeter ausnutzend.

„Vielleicht hat Tosh ihren als Souvenir behalten.“ Ianto stellte die Gläser ab und machte sich auf die Suche nach frischen Trockentüchern.

„Toshiko würde so etwas nie tun. Nicht ohne dich oder mich zu fragen“, rief ihm seine Schwester hinterher, als er fast in dem gigantischen, viktorianischen Wäscheschrank verschwand.

„Er kann auf dem Weg zur Küche auf den Boden gefallen sein. Vielleicht taucht er beim Saubermachen auf.“

„Hoffentlich.“ Rhi strich sich eine Strähne aus der Stirn. „Du weißt, dass sie von Grandma stammen und ich an ihren Sachen hänge. Erinnerst du dich, es war ihre Idee, absichtlich zwei Ringe in den Pudding zu tun, weil sie glaubte, dass so ein heimliches Pärchen sie bekommen würde.“

Ianto nickte. Er hatte diese Geschichte jedes Weihnachten zu hören bekommen. Entweder von seiner Mutter oder von seiner Schwester. Seine Mam-gu hatte immer nur amüsiert gelächelt. „Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir ein neues Set Figuren besorgen, meinst du nicht? Sie sind sehr alt und wir wissen nicht genau, woraus sie eigentlich gefertigt sind. Und die neuen sind größer, um zu verhindern, dass sie jemand versehentlich verschluckt. Wir wollen doch nicht, dass am Ende dein Pudding mehr als nur die Figur in Gefahr bringt.“

Rhi seufzte. „Vermutlich hast du recht. Aber schade ist es trotzdem, dass das Set nicht mehr vollständig ist. Die Münze ging schon verloren, als du noch ein kleiner Junge warst. Aber Mica hätte sie sicher gerne als Erinnerung an ihre Urgroßmutter, wenn sie alt genug ist.“ Sie machte sich wieder an die Arbeit. „Ianto, sei‘ ein Schatz und hol mir mehr Holz. Ich brauche noch mehr heißes Wasser. Weißt du, das ist der einzige Grund, warum ich gerne eine moderne Küche hätte.“

„Träum‘ weiter, Schwester.“ Ianto zog Johnnys Mantel an, der noch zum Trocknen in der Küche hing und tauschte das Trockentuch gegen die Holzkörbe ein.

Er holte tief Luft und trat nach draußen in die klirrende Kälte, gegen die die Frühnachmittagsonne nichts ausrichten konnte.


+++


Jack war verblüfft über den Eifer, mit denen die anderen die Weihnachtslieder aus dem Radio mitsangen – auch wenn mehr als einmal Gelächter ausbrach, weil jemand den Text vergessen hatte, oder eigene Textzeilen erfand. Aber die Worte schienen auch nicht das Wichtigste daran zu sein.

Er war in einer Zeit geboren worden, in der Religionen wie die auf der Weihnachten beruhte, in der Regel zu einer Fußnote der Geschichte geworden waren. Teile der Rituale hatten die Zeit überdauert, aber ihr Ursprung war verloren gegangen.

Viel bedeutender schien das Gefühl von Zusammengehörigkeit zu sein; der Zugehörigkeit zu dieser Familie. Und er dachte, als er die Hand des kleinen Mädchens in seiner spürte, dass sie ihn mit ihrer Einladung anboten, zumindest ein Stück weit in diese Familie aufgenommen zu werden.

Jack hoffte, dass er sich nicht irrte. Es fühlte sich gut an.

Vielleicht wäre der Moment nur noch besser, wäre Ianto anstelle von Mica an seiner Seite gewesen…

Er sah Rhiannon ohne ihren Bruder zurückkehren, einen mit Zuckerguss, Mandeln und kandierten Früchten bunt verzierten Weihnachtskuchen in den Händen, den sie abstellte, bevor sie sich neben ihren Mann setzte und unter seinen Arm schlüpfte. Johnny wandte sich ihr zu, zog sie an sich und küsste sie. Mica entdeckte ihre Eltern und ließ seine Hand los, um auf den Schoß ihrer Mutter zu klettern.

Jack schlenderte zum Fenster hinüber und sah nach draußen, der Familienidylle den Rücken zuwendend. Sein Atem beschlug die Scheibe, aber er sah trotzdem Ianto einen schmalen, freigeschippten Pfad zum Holzschuppen entlanggehen.

Kurzentschlossen verließ er den Raum.


+++


„Wir müssen unbedingt noch mehr Asche streuen“, sagte Ianto, als hinter ihm die Tür des Schuppens knarrte. Rhi hatte gesagt, sie würde ihm Johnny zum Helfen schicken. „Ich bin ausgerutscht und um ein Haar gefallen, so glatt ist es unter dem Schnee.“

„Und es wäre wirklich eine Schande, diesen Anzug zu ruinieren.“

Ianto ließ das Holzscheit fallen, das er gerade in den Korb schichten wollte und wirbelte herum. „Oh. Jack. Ich dachte es wäre… jemand anderes… ich meine, Johnny. Er sollte mir helfen.“

„Ich kann das übernehmen.“ Jack trat neben ihn und begann wahllos Scheite in den zweiten Korb zu werfen.

„So geht das nicht. Die Scheite für den Herd müssen eine bestimmte Dicke und Länge haben, sonst passen sie nicht richtig in die Kammer und das Feuer brennt nicht ordentlich.“ Er begann das Holz zurück zu sortieren.

Jack trat einen Schritt zurück, um nicht im Weg zu sein und schob die Hände in die Taschen seiner Hose. Es war eisig in dem Schuppen. „Ich brauche einen Rat von dir?“

Ianto sah über die Schulter. „Von mir?“

„Wie kann ich mich bei deiner Schwester für die Einladung bedanken?“ Jack zögerte. „Ich möchte mich irgendwie erkenntlich zeigen. Vielleicht…“

„Kein Geld“, unterbrach ihn Ianto und wischte sich Staub und Schmutz von den Händen. „Rhi wäre beleidigt. Es gefällt ihr, Gastgeberin zu sein. Familie und Freunde zu versammeln, zu bewirten. Unsere Mutter war genauso. Sie wäre so glücklich gewesen…“ Er stockte, sah einen Moment auf den Boden, bevor er sich Jack zuwandte. „Entschuldigung, ich schweife ab. Ich muss darüber nachdenken.“

„Danke.“ Der Holzkorb stand zwischen ihnen und er fand keinen unauffälligen Weg, ihn zu umrunden. „Es war… wirklich das beste Weihnachten, das ich je erlebt habe.“

Ianto musterte ihn, als frage er sich, ob er das ernst meine. „Der Tag ist noch nicht zu Ende“, sagte er schließlich. „Rhi hat einen späten Tee geplant, statt des Abendessens. Und bisher haben nur die Kinder ihre Geschenke ausgepackt. Die werden auch dabei sein.“ Er bückte sich, hob den Korb mit Brennholz hoch und drückte ihn Jack in die Arme. „Und wie ich meine Schwester kenne, wäre sie gekränkt, wenn du nicht ebenfalls dabei bist. Und Mica ist bestimmt furchtbar enttäuscht. Sie bekommt nicht immer die volle Aufmerksamkeit.“

Jack presste den Korb an sich, ohne auf Spinnweben und Schmutz zu achten. „Und du? Wärst du auch… enttäuscht?“

„Ich…“ Ianto spürte trotz der Kälte im Schuppen seine Ohrenspitzen heiß werden. „Ich muss das Holz in die Küche bringen.“ Er nahm den zweiten Korb und drängte sich an dem anderen Mann vorbei aus dem Schuppen.

Jack folgte ihm langsam und mit dem unguten Gefühl, dass er einen Fehler gemacht hatte. Ianto Jones war ernsthaft und sarkastisch. Intelligent und warmherzig. Manchmal auf geradezu berührende Weise naiv. Und er hatte das, was sich zu einer soliden Freundschaft zwischen ihnen hätte entwickeln können, riskiert weil er den jungen Mann zu etwas drängen wollte, zu der er nicht bereit war. „Ianto? Einen Moment. Ich möchte das erklären…“

Ianto drehte sich zu ihm um und geriet dabei offenbar auf eine unter dem Schnee verborgene Eisplatte. Der Korb landete neben dem Pfad in einer Wehe und  versank darin halb, als Ianto das Gleichgewicht verlor und auf ihn zu schlidderte. Jack reagierte instinktiv, warf seinen eigenen Korb zur Seite und streckte die Arme aus, um den Waliser aufzufangen. Ianto prallte gegen ihn und in einem Gewirr von Gliedmaßen gingen sie beide zu Boden.

Er knallte mit dem Rücken hart genug auf, dass es Jack für einen Augenblick den Atem verschlug. Möglicherweise kam es auch davon, dass Ianto auf seinem Brustkorb lag und ihn verwundert anblinzelte. „Alles okay?“, fragte er, ohne seinen Griff um die Taille des jüngeren Mannes zu lockern. Iantos Hände waren auf seinen Schultern, zwischen ihren Körpern eingeklemmt.

„Oh“, kam es gleichsam atemlos und überrascht von Ianto, der auf ihn nieder sah. „Ja. Ich den…“

Er wusste noch bevor er die Hände um Iantos Gesicht legte, dass er dabei war, einen noch viel größeren Fehler zu begehen. Es hielt ihn nicht davon ab, den Kopf zu heben und Ianto das Wort mit einem Kuss abzuschneiden. Vielleicht war es nur Schreckstarre, die ihn davon abhielt, sofort zu reagieren, aber Jack war entschlossen, das Beste aus diesem Moment zu machen. Er war sicher, dass es keine Wiederholung geben würde. Die Lippen gegen seine waren kalt und blieben reglos und er hörte Ianto einen erstickten Laut von sich geben.

Und dann - für einen Moment so kurz dass er später fast überzeugt war, dass er es sich eingebildet hatte – küsste ihn Ianto zurück. Es war der leichteste Druck seiner Lippen gegen Jack, das Wispern einer Zungenspitze gegen seine Unterlippe. Dann war es vorbei und Ianto drehte den Kopf weg.

Er stemmte die Handflächen links und rechts von Jacks Kopf gegen den Boden und rollte sich von ihm weg, so dass Jack gezwungen war, ihn los zu lassen.

„Ianto?“

Schritte knirschten durch den Schnee und einen Augenblick später tauchte Johnny auf. „Hey, ist alles okay?“ Er streckte die Hand aus und half seinem Schwager auf die Füße. Bevor er es auch bei Jack tun konnte, war der bereits auf den Beinen. „Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, Kumpel. Ich konnte meinen Mantel nicht finden…“ Johnny klopfte Ianto auf den Rücken. „Oh Mann, du solltest vielleicht besser reingehen, du zitterst ja wie Espenlaub. Ich kümmere mich um das Holz für den Herd und streue mehr Asche auf den Weg.“

Ianto nickte, ohne einen von ihnen anzusehen. „Danke, Johnny, ich gehe mich umziehen. Sir.“

Jack sah ihm nach, die Hände in die Hosentaschen geschoben.

„Ihnen ist wohl nicht kalt?“, fragte Johnny, während er die Holzscheite aufsammelte.

„Was?“ Jack sah ihn an. „Oh. Ja. Ich sollte auch gehen und etwas Trockenes anziehen. Entschuldigen Sie mich bitte bei Ihrer Frau.“ Ohne auf Johnnys Antwort zu warten, eilte er auf die Küchentür zu.


+++


Ianto eilte durch die Küche, die Frage seiner Schwester nach seinem Zustand ignorierend und weiter in sein Zimmer hinter dem Büro.

Hastig und mit zitternden Händen zog er Johnnys Mantel aus und warf ihn über eine Sessellehne. Schnee klebte auf dem Rücken des Kleidungsstücks. Seine Kleidung darunter war trocken, trotzdem zog er sich hastig um.

Dann wusch er sich Gesicht und Hände - mit dem vagen Gedanken, ob er versuche, Jacks Berührung abzuwaschen.

Aber es war nicht nur Jack gewesen, nicht wahr?

ER hatte ihn zurück geküsst.

Ianto setzte sich auf die Kante seines Bettes. Was hatte er sich dabei gedacht? Hatte er überhaupt gedacht?

Er war nicht… so. Er hatte Lisa.

An die er seit Tagen kaum gedacht hatte.

Was sollte er jetzt tun? Als ob nichts geschehen wäre? Wie sollte er Harkness unter die Augen treten?

Oder jemand anderem. Er hatte das Gefühl jeder müsste ihm am Gesicht ablesen, was passiert war.

Sein Blick glitt wie auf der Suche nach einer Antwort durch den Raum – und fiel auf einen schmalen, länglichen Karton, der auf dem Schreibtisch vor dem Fenster lag. Er hatte ihn dort zuvor nicht gesehen.

Ianto stand auf und öffnete mit klammen Fingern den Karton. Weißes Seidenpapier knisterte und öffnete sich zu mattglänzendem, rotem Stoff. Nein, kein Stoff. Es war eine Krawatte, die er hervorzog. Eine rote Krawatte, die sicherlich von konservativeren Gemütern als zu auffällig beurteilt würde. Ianto liebte sie auf den ersten Blick und er nahm sie ganz aus dem Karton, um den glatten, luxuriösen Stoff durch die Finger gleiten zu lassen. Eine Karte mit viktorianischem Weihnachtsmotiv befand sich auf dem Boden der Verpackung. Er klappte sie auf und fand eine Nachricht:


Rot ist deine Farbe, Ianto.

Bitte betrachte sie als ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit für all die Mühen, die mir meinen Aufenthalt in Cardiff so angenehm machen.

Frohe Weihnachten,

Jack


Ianto setzte sich wieder auf die Bettkante, und – die Krawatte lose um seine Finger gewickelt – vergrub das Gesicht in den Händen.


+++


Jack betrachtete sich im Spiegel über dem Waschbecken und fuhr sich durch die Haare.

Was war die richtige Reaktion? Sollte er aus dem Hotel ausziehen, seine Rechnung begleichen und seine Unterkunft bei den anderen im vorläufigen Hauptquartier von Torchwood Drei – Cardiff – beziehen? Oder bleiben und so tun, als wäre nichts passiert?

Nun, das funktionierte nur, wenn Ianto das gleiche tat.

Sollte er versuchen mit ihm zu reden, sich zu entschuldigen… selbst auf das Risiko hin, dass er sich eine gebrochene Nase einhandelte?

Dieser Tag hatte sich von einem Moment auf den anderen von einem der besten Tage seines Lebens auf diesem Planeten zu einer unangenehmen, unsicheren Situation verwandelt.

Er zog seinen Mantel an und schnallte seinen Vortex-Manipulator um. Jack bedauerte es, diesen Ort mit seiner warmen, harmonischen Atmosphäre zu verlassen. Aber es war besser, die Peinlichkeit zu vermeiden, die sicherlich aufgekommen wäre, würde er sich wieder zu den anderen an den Weihnachtsbaum gesellen. Ianto würde sich vielleicht gezwungen sehen weg zu bleiben, und er gehörte zu seiner Familie. Seiner Familie. In der in dieser Zeit kein Platz für ihn  war.

Jack war auf halben Weg ins Hauptquartier, als ihm einfiel, dass er ein Geschenk auf Iantos Schreibtisch hinterlassen hatte. Er hoffte, der junge Mann würde es im gleichen guten Willen annehmen, in dem Jack es für ihn gekauft hatte.

Er schüttelte die Schneeflocken aus seinem Gesicht und ging weiter. Ein Schild im Schaufenster eines Lebensmittelgeschäfts, das allen ein frohes Fest wünschte, wie eine spöttische Erinnerung daran, was er in einem gedankenlosen, lustvollen Moment verspielt hatte.



Ende