Titel: And you let her go – Teil 1 von 2
Autor: Lady Charena (April/Mai 2013)
Fandom: Torchwood - Greyfriars Arms Hotel-Universum
Wörter: 5921
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Lisa Hallett, Toshiko Sato, Adam Smith, Rhiannon Davies, Steven, Alice Carter, David, OC’s
Pairing: Jack/Ianto (Freundschaft, pre/slash),
Rating: AU, ab 12, slash
Beta: T’Len

Summe: Ianto besucht Lisa im Sanatorium, doch der Besuch verläuft anders als er sich das vorgestellt hat. Jack darf zu seiner Erleichterung endlich wieder nach Cardiff zurück.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



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Only know your lover when you've let her go
And you let her go

Passenger „Let her go“

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Iantos Herz begann schneller zu schlagen als der Zug stoppte.
Er schulterte den Rucksack seines Großvaters und machte sich daran, auf den Bahnsteig zu treten. Unachtsam schlug er dabei den Rucksack gegen die Zugtür und metallisches Klappern ertönte.

Rhiannon hielt in Pergamentpapier verpackte Sandwiches und Kaffee in der Thermosflasche bereit, als er früh am Sonntagmorgen in die Küche gekommen war. Am Herd herrschte Hochbetrieb, die Mädchen waren mit den Vorbereitungen des Frühstücks beschäftigt. Seine Schwester wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und eilte auf ihn zu, sobald sie ihn in der Tür stehen sah. Er wusste, dass sie über seine Entscheidung nicht besonders glücklich war und dass sie sich Sorgen um ihn machte. Als sie darüber sprachen, bat Rhi ihn, es sich noch einmal zu überlegen und Lisas Entscheidung zu akzeptieren, oder die Reise zumindest für eine Weile zu verschieben und ihr zuerst zu schreiben. Mit einem ungeplanten Besuch setze er Lisa nur unter Druck. Aber Rhi schwieg, als er ihr sagte, sie solle sich vorzustellen versuchen, ihre Eltern hätten ihr damals verboten, Johnny jemals wieder zu sehen. Sie packte den Proviant in seinen Rucksack und drängte ihm Toast und Tee auf, umarmte ihn zum Abschied, aber sie versuchte nicht noch einmal, ihn aufzuhalten.

Natürlich war das nicht die gleiche Situation wie die, in der er sich befand. Niemand hatte Lisa dazu gezwungen, sich von ihm zu trennen. Niemand verbot ihm, sie zu sehen. Ihre Eltern zumindest hatten ihr wohl nicht zur Trennung geraten. Mrs. Hallett hatte besorgt und überrascht reagiert, als er sie im Laden der Familie besuchte. Sie hatte seine Hand zwischen ihren gehalten und gesagt, wie leid es ihr tue, dass alles so gekommen war. Aber sie hatte nicht gesagt, dass sie Lisas Entscheidung für falsch hielt, also vielleicht teilte sie insgeheim die Meinung ihrer Tochter und wollte ihn nur nicht vor den Kopf stoßen…

Jemand rempelte ihn an, und Ianto schreckte aus seinen Gedanken hoch. Ihm wurde bewusst, dass er noch immer auf dem Bahnsteig und damit den anderen Reisenden, die ebenfalls den Zug verlassen wollten, im Weg stand. Er trat hastig zur Seite und sah sich um.

Eigentlich hatte er die Reise schon oft genug gemacht, so dass er den Ausgang des Bahnhofs im Schlaf finden konnte, aber sein Herz raste vor Aufregung so sehr, dass er sich seltsam schwindlig und ein wenig verloren fühlte.

Das hier war unendlich wichtig. Er würde Lisa beweisen, dass er sie noch immer liebte. Die ganze Lisa Hallett – ihr Lächeln, ihre Träume und ihre Wärme, ihre Stimme und ihr Talent; nicht nur ihre Beine. Was spielte es da noch für eine Rolle, dass sie die nicht mehr bewegen konnte. Er würde ihr den Vorschlag unterbreiten, nach Hause zu kommen, damit er für sie sorgen konnte. Dann würde er sie noch einmal bitten, ihn zu heiraten. Sicher in der inneren Brusttasche seiner Jacke verstaut, befand sich das kleine Kästchen mit dem Verlobungsring, den sie ihm bei seinem letzten Besuch zurückgegeben hatte. Sie konnten das alles in Ordnung bringen und ihr Leben neu beginnen. Die Veränderungen spielten keine Rolle. Sie konnten neue Pläne schmieden, andere Träume träumen, die deshalb nicht schlechter sein mussten.

Ianto knöpfte seine Jacke gegen den kalten Wind bis ganz nach oben zu und zog die Mütze aus der Tasche, ein selbstgestricktes Weihnachtsgeschenk von Mica für ihren Onkel. Die Maschen mochten hier und dort ein wenig ungleich sein, größer und kleiner, aber deshalb hielt sie trotzdem warm und Ianto trug sie mit Freude. Mica lernte das Stricken gerade erst und war auf ihr Werk sehr stolz gewesen. Er setzte sie auf, schob die Hände in die Taschen und machte sich auf den Weg. Es waren vom Bahnhof aus nur knappe fünfzehn Minuten bis zum Sanatorium, dafür brauchte er kein Taxi. Die Straße war geräumt und gestreut, obwohl es in der letzten Nacht noch einmal geschneit hatte und er kam problemlos voran.


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Im Sanatorium wurde er nicht gerade begeistert empfangen. Er war zu früh, der Beginn der Besuchszeit lag noch einige Stunden entfernt und Ausnahmen wurden nur äußerst ungern gewährt. Die Schwestern waren noch damit beschäftigt, die Patienten zu waschen und mit Frühstück zu versorgen, die die dazu nicht selbst in der Lage waren, mussten gefüttert werden. Da sich das Sanatorium auf die Behandlung gelähmter Menschen spezialisierte, handelte es sich dabei um die Mehrzahl der Patienten.

Er wartete am Empfang, wo ihn eine Sekretärin neugierig über ihre Schreibmaschine hinweg beobachtete, während sie mit dem Schwesternzimmer in dem Trakt, in dem Lisa untergebracht war, telefonierte. Wie es aussah, hatte er Glück. Nach einem weiteren Telefonat teilte ihm die Sekretärin mit, dass Lisa bereits mit dem Frühstück fertig war und er sie sehen durfte. Sie erklärte ihm – was er sehr wohl wusste – dass es nicht erlaubt war, dass er Lisa allein auf ihrem Zimmer besuchte, das stand nur ihrer Familie zu. Er kannte den Weg in den Besucherraum, hörte aber zu als ihm die Empfangsdame beschrieb, wohin er sich zu wenden hatte und dankte ihr höflich.

Ianto wählte einen Stuhl beim Fenster – er hatte den Raum noch für sich alleine, bis auf eine Frau, die die Fenster am anderen Ende putzte und ihm den Rücken zuwandte – verstaute den Rucksack darunter und wartete. Er wusste aus Erfahrung, dass es ein paar Minuten dauern würde, bis jemand Lisa zu ihm brachte.

Obwohl er nervös war, zwang er sich, still zu sitzen. Seine Hände zitterten ein wenig, also verschränkte er die Arme vor der Brust, schob die Finger in die Achselhöhlen, die Schultern leicht nach vorne gezogen. Vermutlich sah er damit aus als würde er trotz des gut geheizten Raumes frieren, aber das war ihm egal. Seine Sohlen hinterließen zwei matschig-graue Abdrücke auf dem blitzblank geputzten Boden und er stellte die Schuhe verlegen wieder auf den gleichen Fleck, um sie zu verdecken.

Dann hörte er das inzwischen wohlbekannte Geräusch näher kommender Schritte, begleitet von dem leisen Schleifen der Räder des Rollstuhles. Lisa. Ianto sah auf und sein Herz begann noch ein wenig schneller zu schlagen.

Die Schwester stellte den Rollstuhl auf der anderen Seite eines kleinen Tischchens ab und entfernte sich wortlos. Sie hatte vermutlich zu viel zu tun, um die Anstandsdame zu spielen.

„Lisa. Hallo.“ Er stand auf, um sie auf die Wange zu küssen, doch Lisa drehte den Kopf weg.

Ianto. Was machst du hier?“, fragte Lisa sanft. Sie berührte kurz seinen Arm, dann legte sie die Hände zurück auf die bunte Decke, die über ihre Beine gebreitet war. An der Seite des Rollstuhls hing ihre Sticktasche. Ihre Haare waren kürzer als bei seinem letzten Besuch, es umgab ihren Kopf nun wie ein glänzender, dunkler Helm. Vermutlich war es so einfach praktischer zu pflegen, aber ihr Gesicht wirkte dadurch noch schmaler, zerbrechlicher. Sie trug ein warmes, dunkelgraues Wollkleid mit einer weißen Spitzenschürze, in dem er die Arbeit ihrer Mutter wieder erkannte. Die kleinen, weißen Blümchen, die auf den Saum der Ärmel gestickt waren, waren typisch für die von Mrs. Hallett gefertigte Kleidung. Lisa hatte das Talent von ihr geerbt.

Ianto kehrte zu seinem Stuhl zurück. Er schluckte und versuchte die anderen Details auszublenden, um sich nur auf ihr Gesicht zu konzentrieren. „Ich musste dich einfach sehen. Lisa, es gibt so vieles, was ich dir zu sagen habe.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ianto, es tut mir so leid. Aber es war mein Ernst, als ich dir sagte, dass du nicht mehr kommen darfst. Es ist vorbei zwischen uns. Du darfst mich nicht mehr besuchen. Es ist für uns beide das Beste. Du musst mich los lassen.“

Die Worte, die er sich auf der Fahrt zurecht gelegt hatte; die Worte die sie überzeugen sollten ihrer Beziehung eine neue Chance zu geben, lagen auf seiner Zunge wie Steine. Und er konnte sie nicht ausspucken. „Aber… ich dachte… ich liebe dich, Lisa.“

Ianto. Cariad.“ Sie beugte sich vor, nahm seine Finger zwischen ihre Hände und sah ihn an. „Bitte hör mir zu. Wir haben uns beide verändert.“

Es waren ihre Augen. Sie hatten sich verändert. Sie waren ihm fremd geworden.

„Ich verlasse das Sanatorium, Ianto.“

Er starrte auf ihren Rollstuhl, ihre Sticktasche. Überallhin nur nicht in ihr Gesicht und in diese fremden, entschlossenen Augen. Lisa war so viel mutiger als er. Sie war es immer schon gewesen. „Wohin?“ Er brachte selbst dieses eine Wort kaum über die Lippen.

„In ein anderes Sanatorium. Nach St. Davids. Das liegt in der St. Brides Bay, direkt am Meer. Das Klima dort ist besser für meine Lungen, sagt mein Arzt. Und es ist eine von einer Stiftung finanzierte Einrichtung, in der ich nicht nur kostenlos leben kann, sondern auch kostenlos behandelt werde. Das ist eine riesige finanzielle Entlastung für meine Eltern.“

St. Brides Bay. Er erinnerte sich vage, davon gehört zu haben. „Aber das ist... das ist doch mehr als einhundert Meilen von Cardiff entfernt.“

Sie streichelte mit der freien Hand über seine Wange. „Ja, das ist es. Du kannst mich dort nicht besuchen kommen.“

„Und deine Eltern?“ Sein Hals fühlte sich an, als schnüre ihn etwas zu.  

„Du weißt, dass sie nicht mehr jung sind, sie haben mich erst so spät bekommen. Ich sollte das Geschäft übernehmen um sie zu entlasten, aber jetzt wollen sie es noch ein paar Jahre weiter führen und es dann verkaufen und sich zur Ruhe setzen. Irgendwo in der Nähe des Sanatoriums. Es gibt in St. Davids eine Reihe kleiner Cottages, die von Angehörigen der Patienten gemietet oder gekauft werden können“, erklärte Lisa. Sie zog ihre Hand zurück, verschränkte ihre Finger in ihrem Schoß.

„Wieso gibst du uns so einfach auf?“, flüsterte er, auf seine Schuhspitzen starrend.

Ianto. Liebling, sieh mich an.“ Lisa griff in ihre Sticktasche und zog eine lange Nähnadel hervor. Sie schlug die Decke zurück und stieß ohne Vorwarnung die Sticknadel in ihren Oberschenkel.

„Lisa!“ Schockiert starrte er auf die Nadel. „Was machst du da?“

Der dunkelgraue Stoff ihres Kleides ließ nicht erkennen, ob die Wunde blutete. Die Nadel fing das Licht der Deckenlampe ein und glitzerte.

„Ich kann das nicht spüren, Ianto“, sagte sie leise. „Der größte Teil meines Körpers ist taub. Der größte Teil meines Körpers ist ein Gefängnis. Aber es gibt keinen Grund, dass du dich mit mir einsperren willst. Das ist nicht deine Pflicht. Es wäre dumm. Es war mein Unfall. Und ich habe damit gelernt zu leben. Ich muss mein Leben in die eigene Hand nehmen. Jetzt bist du an der Reihe.“

„Nein. Nein, ich... kann nicht...“

Eine Schwester trat zu ihnen, unterbrach seinen stammelnden Widerspruch. "Miss Hallett", sagte sie tadelnd. „Ich werde Ihren Besuch bitten müssen, zu gehen, wenn er Sie so aufregt." Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Schürze und zog damit die Nadel aus Lisas Oberschenkel, wickelte sie ein und steckte das Tuch weg. „Es ist besser, wenn ich Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück bringe und mir die Wunde ansehe. Diese Nadeln sind kein Spielzeug.“

„Sie denken hier, nur weil meine Beine nicht mehr funktionieren, funktioniert auch mein Gehirn nicht, deshalb behandeln sie mich wie ein Baby.“ Lisa drückte Iantos Hand. Und ließ sie dann los. „Geh nach Hause, Ianto. Ich will nicht, dass du mich vergisst, genau wie du immer in meinen Gedanken sein wirst. Aber ich kann und will nicht von dir verlangen, dass du weiterhin dein Leben stillstehen lässt, weil ein Teil von dir immer noch hofft, dass alles gut wird. Ich weiß, dass du mich liebst, aber Liebe ist nicht genug. Ich bin nicht mehr heil. Ich werde nie wieder heil werden. Aber du kannst es.“ Sie wandte den Kopf und sah die Schwester an, die ausdruckslos zusah. „Und jetzt können Sie mich in mein Zimmer bringen. Leb wohl, Ianto.“


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Ianto saß reglos auf dem Stuhl und sah Lisa nach. Der Korridor schien plötzlich endlos in die Länge verzerrt und es dauerte eine scheinbare Ewigkeit, bevor sie nicht mehr zu sehen war.

Jemand fragte ihn, ob ihm etwas fehle und er blinzelte, bis sich die verschwommenen Konturen von seinen Augen zu einem Menschen zusammensetzten. Es war die Frau, die die Fenster geputzt hatte. Sie musterte ihn neugierig, aber freundlich. Sicherlich waren emotionale Ausbrüche in einem Sanatorium keine Seltenheit. Mit einem Lächeln tätschelte sie seine Hand. „Es ist sicherlich nicht so schlimm, wie es im Moment aussieht. Sie sind ein junger Mann, Sie haben Ihr ganzes Leben noch vor sich.“

Wovon sprach sie? Die Putzfrau sagte mehr, aber er hörte nichts, ihre Stimme klang wie ein fernes Summen in seinen Ohren. Ianto zog seinen Rucksack unter dem Stuhl hervor und ging. Er ignorierte die Sekretärin, die ihm nachrief, dass er sich im Besucherbuch austragen müsse und setzte einfach nur mechanisch einen Fuß vor den anderen.

Er versuchte zu denken. Zu atmen. Oder wenigstens zu schreien. Aber die Gefühle steckten in ihm fest wie ein Wachspfropf, der von innen gegen seinen Brustkorb presste.

Die Fahrt zurück nach Cardiff und der Heimweg gingen an ihm vorüber, ohne dass er es bemerkte. Er ging automatisch durch die Bewegungen. Erst als er ins Hotel trat, spürte er, dass er klatschnass war - es regnete.

Er musste sich umziehen, bevor Rhi ihn so sah, sie würde sich Sorgen machen, dass er sich erkältete. Und Tosh… er musste ihr sagen, dass er zurück war, und sie ablösen, damit sie eine Pause machen konnte. Er musste darauf achten, dass sie sich nicht überanstrengte, schließlich war es noch keine Woche her, dass der Arzt ihr erlaubt hatte, das Bett zu verlassen. Er musste… Aber seine Füße führten ihn geradewegs in die Küche.

Es war fast Mittag. Die Vorbereitungen für den Lunch der Hotelgäste liefen. Die Mädchen waren dabei, Suppe aus zwei großen Kochtöpfen in Terrinen umzufüllen und frischgebackene Brötchen in Körbe zu packen, wo sie Stoffservietten warm hielten.

Teilnahmslos blieb er in der Tür stehen und beobachtete das Szenario, dass sich vor ihm ausbreitete.

Steven und David saßen an dem Tisch in der Ecke und beobachteten interessiert wie Rhiannon am Herd Würste mit der Gabel einstach, damit sie später beim Braten in der heißen Eisenpfanne nicht platzten. Die geschmiedete Gabel mit den zwei Zinken und dem extra-langen Griff war ein Erbstück ihrer Großeltern. Die Jungs warteten offenbar gespannt auf ihr Mittagessen.

Rhi bemerkte ihn - vielleicht aus den Augenwinkeln – und drehte sich zu ihm um. Es war, als sehe er seine Schwester in Zeitlupe. Wie das Lächeln von ihrem Gesicht verschwand und durch einen besorgten Ausdruck ersetzt wurde. Wie sich der Haken am Ende der Gabel an ihrer Schürze verhakte, als sie diese ablegte und sie klirrend auf dem Steinfußboden aufschlug.

Dann stand sie direkt vor ihm und die Zeit schnappte zurück in ihren normalen Ablauf. „Ianto? Was ist passiert? Du bist klatschnass. Bei dem Wetter holst du dir doch den Tod. Warum hast du nicht vom Bahnhof aus angerufen? Johnny hätte dich abholen können. Oder du hättest ein Taxi nehmen können.“ Sie stoppte, als ihr auffiel, dass er nicht reagierte. Ungeachtet seines Zustands umarmte Rhi ihn. „Oh mein Gott, Ianto, was ist nur passiert?“, fragte sie leise. „Was hat sie dir angetan?“ Einen Moment lang hasste sie Lisa, obwohl sie genauso wenig an dem Unfall schuld gewesen war wie ihr Bruder oder sonst jemand.

Ianto schüttelte den Kopf, schloss die Augen und ließ sich von ihr festhalten. Rhi war warm von der Arbeit am Herd, sie roch nach frischgebackenem Brot und Äpfeln und er hatte das Gefühl, dass sie das einzige war, das noch Sinn machte.

Rhiannon warf ihren neugierig starrenden Helferinnen ein paar Worte zu und scheuchte sie zurück an die Arbeit. Dann hakte sie Ianto unter und brachte ihn in sein Zimmer, wo sie ihm half, die nasse Kleidung bis auf die Unterwäsche auszuziehen und ihn anschließend ins Bad schickte, damit er heiß duschte.

Unter der Dusche begann er zu zittern und konnte nicht mehr aufhören. Selbst seine Zähne klapperten.

Als er in einen warmen Pyjama gekleidet zurück kam, wartete Rhi mit einer Tasse dampfenden Tees auf ihn, den Edwyn für sie geholt hatte. Er trank ohne Widerstand, obwohl der bittere Geschmack in seiner Kehle kratzte. Außerdem hatte sie den Ofen angeheizt und der Raum erwärmte sich rasch. Seine Schwester stellte keine Fragen mehr, sie deutete einfach nur wortlos aufs Bett und er setzte sich, ließ sich von ihr - als wäre er eins ihrer Kinder – die Decke um die Schultern legen, während er den Rest des Tees trank.

Als Ianto gähnte, nahm sie ihm die Tasse ab und stellte sie beiseite. Dann ging es eigentlich ziemlich rasch. Das Schlafmittel, das sie in den Tee gegeben hatte, begann zu wirken und ihr kleiner Bruder kämpfte bald sichtlich mit dem Schlaf. Er wehrte sich nicht dagegen, als sie die Hände auf seine Schultern legte und ihn nach hinten drückte, bis er sich hinlegte. Rhi deckte ihn zu und strich ihm das Haar aus der Stirn. Seine Haut fühlte sich noch immer ein wenig kühl an. Was war nur passiert? Ianto war so hoffnungsvoll losgefahren und als sie ihn in der Tür stehen sah, blass und abwesend, wie ein Schlafwandler… sie wusste nicht mehr, was sie gedacht hatte. So hatte er nach dem Tod ihrer Eltern ausgesehen und an dem Tag, als sie erfuhren, dass Lisa nie wieder würde laufen können. Sie hob seine Jacke auf und schüttelte sie aus, um sie zum Trocknen aufzuhängen. Ein kleiner Gegenstand fiel zu Boden. Ein kleines Schmuckkästchen. Rhi hob es auf und betrachtete seufzend den Inhalt. Ianto hatte über ein Jahr dafür gearbeitet, Lisa diesen Ring schenken zu können.

Er würde jetzt erst einmal ein paar Stunden schlafen. Hoffentlich ging es ihm dann ein wenig besser und er sagte ihr, was im Sanatorium geschehen war. Rhi warf einen prüfenden Blick auf ihren Bruder, der selbst im Schlaf noch angespannt wirkte und lief zurück in die Küche, der Hotelbetrieb nahm nicht auf ihre privaten Sorgen Rücksicht und die Gäste erwarteten ihr Essen pünktlich.


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Tosh langweilte sich an der Rezeption ein wenig. Ianto hatte während ihrer Krankheit die Bücher perfekt geführt, da war für sie kaum etwas aufzuholen geblieben. Die Rechnungen der letzten Woche waren geschrieben und lagen bereit, um am Montag an die Gäste verteilt zu werden. Rhi hatte ihr etwas zu Essen gebracht und sie gebeten, den Rest des Tages den Empfang zu übernehmen, da es Ianto nicht gut ging. Sie hoffte er hatte sich nicht bei ihr angesteckt. Nicht, dass sie etwas anderes zu tun hatte. Eigentlich war sie mit Andy verabredet gewesen, um beim Mittagessen ihre Genesung zu feiern. Doch dann erreichte ihn Mamas Ruf und er war zum Sonntagsbraten nach Hause geeilt, bemüht darum, den Familienfrieden zu halten. Sie blätterte in einer liegengebliebenen Zeitschrift, als jemand an die Rezeption trat und auf den Tresen klopfte.

„Hallo, Toshiko.“ Lässig lehnte Adam sich gegen den Rezeptionstresen. „Sie sehen heute bezaubernd aus, wenn ich das sagen darf.“

Tosh errötete und rückte ihre Brille zurecht. „Mr. Smith. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich für die Blumen zu bedanken.“

Adam winkte ab. „Das war doch nichts. Ich hoffe, Sie sind wieder ganz gesund.“

„Ja, so gut wie neu. Ich kann wieder arbeiten.“ Sie erwiderte sein Lächeln. Er war nur freundlich, da war nichts dabei. Amy hatte sie zwar damit aufgezogen, dass sie sich wohl lieber einen der mysteriösen Londoner angelte, als Andy zu heiraten, aber das war nicht wahr. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich dachte, ich bezahle meine Rechnung für diese Woche pünktlich. Es wäre mir wirklich unangenehm, Schulden zu machen.“ Er beugte sich vor, senkte seine Stimme zu einem vertraulichen Flüstern. „Ich habe neulich Captain Harkness mit einer Frau gesehen… das ist seine Freundin, richtig? Wir haben da so etwas läuten hören, dass eine Verlobung ansteht und da wollten wir im Kollegenkreis für ein kleines Geschenk sammeln.“

„Oh, nein.“ Tosh stoppte einen Moment damit, die Mappe mit den Rechnungen durch zu sehen. „Das ist seine Schwester.“

„Wirklich“, erwiderte Adam gedehnt. „Nun, das wäre aber peinlich geworden.“ Er lachte. „Ich stehe in Ihrer Schuld, Miss Sato.“ Er nahm die Rechnung entgegen, warf einen kurzen Blick auf die Summe und zog ein paar Geldscheine aus der Tasche. „Das stimmt so.“

„Vielen Dank, Sir.“ Tosh stempelte die Rechnung als bezahlt ab, unterschrieb sie und machte eine Notiz als Beleg. Dann gab sie Smith die Rechnung zurück.

„Ist Miss Harkness…“

Mrs. Carter.“ Tosh wurde rot. Es war sehr unhöflich gewesen, den Gast zu unterbrechen. Aber es war ihr irgendwie so rausgerutscht. „Entschuldigung.“

„Nein, ich muss mich entschuldigen. Ich habe einfach angenommen, sie wäre Miss Harkness. Ich freue mich für Jack, dass er so guten Kontakt zu seiner Familie hält. Um ehrlich zu sein, manchmal mache ich mir Sorgen um ihn. Er kommt mir oft so alleine vor. Leider sind wir nur Kollegen, keine Freunde. Ich denke nicht, dass er überhaupt Freunde hat“, erklärte Adam mit einer überzeugend mitfühlenden Miene.

„Oh, ich denke, er ist mit meinem Chef gut befreundet. Ich habe sie oft miteinander reden sehen. Mr. Jones hat ihn sogar eingeladen mit der Familie Weihnachten zu feiern.“ Tosh heftete den Beleg ab und klappte die Mappe zu, um sie an ihren Platz zurück zu legen.

„Der alte Geheimniskrämer“, erwiderte Adam scherzend. „Er könnte uns wirklich ein bisschen mehr vertrauen, wo wir doch jeden Tag zusammen arbeiten. Wohnt seine Schwester in Cardiff? Das würde bestimmt erklären, warum er unbedingt hier in Wales arbeiten wollte.“

„Nein, ich denke sie kommt aus London.“ Tosh strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zurück. „Aber ich habe gehört, dass ihr Ehemann sie verlassen hat und es ist völlig verständlich, dass sie in so einer Zeit Beistand bei ihrem Bruder sucht.“

„Hübsch und ein Quell der Weisheit“, schmeichelte Adam ihr. „Und leider schon vergeben, wie mir ein kleines Vögelchen gezwitschert hat.“ Er zog eine kleine, viereckige, flache Schachtel aus der Tasche und schob sie Tosh zu. „Bitte nehmen Sie das als ein nachträgliches Geschenk zu Ihrer Verlobung an. Wirklich, es ist nur eine Kleinigkeit“, setzte er rasch hinzu, als Tosh zu protestieren begann.

Nachdem Adam Smith sich verabschiedet hatte, öffnete Tosh die Schachtel. Auf einer dünnen Schicht aus Watte lag eine goldene Anstecknadel in Form einer Rose.


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Adam zog die Zimmertür hinter sich ins Schloss, knüllte die Rechnung zusammen und warf sie in den Papierkorb. Sie hatte ihren Zweck erfüllt und ihm einen Vorwand geboten, die kleine Rezeptionsschnepfe auszuhorchen. Theoretisch konnte er sie im Hauptquartier einreichen und bekam das Geld ersetzt, aber was kümmerte ihn eine Rechnung über ein paar Pfund, wenn er allein in der letzten Nacht ganze fünfzig Pfund im Haus eines Weevilopfers hatte mitgehen lassen. Genau wie die alberne Anstecknadel. Er empfand es als angemessene Entlohnung, immerhin hatten sie dem Typen das Leben gerettet, auch wenn er einige Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Alex-„es gibt Regeln“-Hopkins würde ihn mit einem Fußtritt zurück nach London befördern, wenn er dahinter käme. Aber er war schließlich nicht von der Heilsarmee, und der Typ würde andere Probleme haben, wenn er nach Hause kam, als einen kleinen Einbruch aufzuklären.

Er warf sich aufs Bett, ohne sich um den Dreck zu kümmern, den seine Schuhe auf den Laken hinterließen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Und hatte sich seine kleine Investition nicht ausgezahlt? Harkness hatte also Besuch von seiner Schwester. Oder genauer gesagt, von einer Frau, die er als seine Schwester ausgab. Der Freak wurde wohl unvorsichtig.

Torchwood hatte ein Auge auf alle Angehörigen ihrer „interessanteren“ Angestellten. Natürlich wurden auch viele Agenten angeworben, die keine Familien hatten. Die Arbeit war gefährlich und niemand wollte im Falle des Falles mit unangenehmen Fragen gramgebeugter Verwandtschaft belästigt werden. Außerdem machte der Mangel an Familie die Leute loyaler gegenüber Torchwood.

Der Freak hatte keine Familie. Aufzeichnungen über seine Eltern oder woher er eigentlich stammte, existierten nicht – zumindest nicht dort, wo er danach gesucht hatte. Vielleicht wurden sie im originalen Torchwoodhaus in Glasgow aufbewahrt. Aber dorthin kam man nicht so einfach. Seine Tante hatte ihn in das Geheimnis eingeweiht, dass Harkness viel älter war, als er aussah und schon seit mindestens sechzig Jahren für Torchwood arbeitete. Und wenn man ihn tötete, blieb er nicht tot. Er heilte einfach und wachte wieder auf. Manche sagten, er wäre ein auf der Erde gestrandeter Alien. Für Adam war er einfach nur ein Freak. Es gab alte Gerüchte, dass er vor dreißig oder so Jahren mal eine seiner Teamkolleginnen geschwängert hätte, doch niemand wusste so genau, wo die Frau und das Kind abgeblieben waren. Er hatte einmal Alex Hopkins danach gefragt, doch sein Chef hatte nur gemeint, dass die beiden bei einem Bombenangriff 1941 in London umgekommen wären und ihn gewarnt, Jack nicht darauf anzusprechen. Dann wechselte er das Thema.

Seine Tante würde sich für diese Information interessieren. Und es war immer gut, sein Tantchen bei Laune zu halten, wenn er in diesem Laden Karriere machen wollte. Adam setzte sich auf und öffnete die Nachttischschublade, um einen Briefblock und ein Kuvert heraus zu nehmen. Damit setzte er sich an den Schreibtisch und griff nach einem Füller.

Schwungvoll beschriftete er das Kuvert an Miss Alice Guppy und überlegte, wie viel Porto er für einen Brief nach New York wohl bezahlen musste. Das heraus zu finden überließ er der hilfreichen Miss Sato…


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„Das ist wirklich höchst ungewöhnlich, Captain Harkness. Gästen ist der Aufenthalt in der Küche üblicherweise nicht gestattet.“

Jack verbrannte sich um ein Haar die Finger. Verdammt, der Mann war leise. Er wandte sich um und sah Ianto, der in der Tür stand, die Arme vor der Brust verschränkt. Zur Abwechslung steckte der junge Waliser nicht in einem Anzug – was um diese Uhrzeit auch etwas seltsam gewesen wäre - dafür in einem Pyjama und einem voluminösen Morgenmantel, der so rigoros um die Taille gegürtet war, dass Jack sich unwillkürlich fragte, wie Ianto noch genug Luft bekam. Ein Blick auf die dicken Wollsocken an den Füßen des anderen Mannes erklärte, wieso Jack seine Schritte nicht gehört hatte. "Dann hast du mich wohl erwischt."

„Es ist fast zwei Uhr morgens.“ Brauen hoben sich in einem blassen Gesicht fast bis zum Haaransatz.

Es klang wie eine Frage und Jack bemerkte sehr wohl, dass Ianto noch immer in der offenen Tür stand, obwohl es vom ungeheizten Flur kalt in den Raum zog. Es wäre nur vernünftig gewesen, wenn er zu ihm an den Herd kommen würde. „Wir sind erst seit einer Stunde zurück“, erwiderte Jack, als würde das alles erklären. Er sammelte die Eierschalen ein und warf sie ins Feuer. Es zischte und knackte als sie verbrannten. „Ich hatte übrigens vor, dafür zu bezahlen.“  
Jack zog die Pfanne zur Seite und deutete auf den Tisch neben der Tür. Von einer Milchflasche festgehalten, lagen da ein paar Geldscheine.

Ianto sagte nichts. Er schien zu einer Entscheidung gekommen zu sein, trat in den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Der Captain warf ihm einen Seitenblick zu, während er eine Gabel aus den fürs Frühstück bereitgestellten Behältern nahm und direkt aus der Pfanne aß. Nachdem ein guter Teil der Verpflegung im Camp aus hartgekochten Eiern bestanden hatte (gut zu lagern, leicht zuzubereiten - sogar bei Geraints nicht vorhandenen Kochkünsten - aber auf Dauer doch geschmacklich einseitig) war Rührei nicht unbedingt das, was er sich für seine Rückkehr vorgestellt hatte. Und die Bohnen. Nicht zu vergessen die Unmengen an Bohnen, die es im Camp gegeben hatte. Er hasste Bohnen.

Sie hatten innerhalb von zwei Wochen das ganze Flugzeug in Einzelteile zerlegt. Alex organisierte einen Baukran und es war ein Wunder, wie er die Genehmigungen dafür bekam oder wie der Fahrer es in einem Stück zu ihnen schaffte. Mehr Leute aus Cardiff trafen ein, Arbeiter, um die in Planen gehüllten Flugzeugtrümmer in Kisten zu verpacken und für den Abtransport nach London fertig zu machen. Alex ließ ihn heute mit der ersten Fuhre zum Bahnhof fahren, zurück nach Cardiff. Von dort aus war er direkt ins Hotel und hatte sich durch den Garten den Weg in die Küche gesucht. Die Küchentür sah auch aus wie neu, trotz seiner klammen Finger war es ein Kinderspiel gewesen, das Schloss zu knacken.

Eier und Butter waren das erste, das er fand und er wollte nicht mehr herumstöbern als notwendig. Oder etwas in der Vorratskammer durcheinander bringen. Und Rühreier waren besser als sein letztes Mittagessen im Camp, das Geraint als Eintopf bezeichnete und als halbgaren Kartoffelstücken und Trockenfleisch in einer geschmacklosen Brühe bestanden hatte. "Muss ich mich vor deiner Schwester fürchten?", fragte er um das zu lange anhaltende Schweigen zu überbrücken.

Der junge Waliser war in der Speisekammer verschwunden und kam nun mit einem runden Brotleib zurück, den er wortlos auf ein Holzbrett legte, um mit einem großen Messer Scheiben abzuschneiden. "Rhi würde nie einem zahlenden Gast etwas antun", meinte er schließlich und schob Jack zwei Brotscheiben zu. Er selbst kaute langsam auf einem Kanten herum.

Ianto hatte dunkelviolette Schatten unter den Augen, die wie Prellungen wirkten. Mit ungekämmten Haaren und ohne seine Anzüge wirkte er wieder einmal mehr wie ein Junge, als wie ein Hoteldirektor. Eine Aura nervöser Energie umgab ihn. Mit der einen Hand zerpflückte er sein Stück Brot, mit der anderen nestelte er an den herabhängenden Enden seines Gürtels. Oder seine Finger strichen über die Vorderseite des Morgenmantels, Krümel abstreifend.

"Puuuuh. Glück gehabt." Jack strich sich mit übertriebener Erleichterung imaginären Schweiß von seiner Stirn. "Wollen wir uns nicht setzen?" Er deutete auf den Tisch in der Nähe des Herds - nahe genug, dass Ianto nicht frieren würde - auf dem normalerweise die Tabletts für die auf den Zimmern frühstückenden Gäste gerichtet wurden.

Ianto nickte. Doch während Jack seine Pfanne packte und sich damit an den Tisch setzte, verweilte der jüngere Mann noch ein Weile, räumte das Brot weg, fegte Krümel zusammen und wischte die Arbeitsfläche mit einem feuchten Tuch ab. Er holte eine Tasse und füllte sie mit Wasser. Erst dann  nahm er auf dem Stuhl gegenüber Platz. Jack hatte inzwischen den größten Teil seines Rühreis vertilgt und wischte mit einem Stück des frischgebackenen Brots die Pfanne aus. Vielleicht konnte er Alex davon überzeugen, dass Rhiannon Davies das Catering für Torchwood übernahm.

"Habe ich schon einmal erzählt, wie ich Eier mit grünen Dottern gegessen habe?" Es interessierte ihn mehr, was der junge Waliser um diese Zeit in der Küche trieb, anstatt brav und unschuldig in seinem Bett zu schlummern und schöne Dinge zu träumen. Aber wie er Ianto kannte, würde er ihn damit eher vertreiben, als ihn dazu zu bringen, sich ihm anzuvertrauen.

"Grün?" Ianto hob skeptisch eine Augenbraue. „Ich nehme nicht an, dass das hier in der Gegend war.“

Jack grinste. „Oh, definitiv nicht hier in der Gegend.“ Er erzählte eine fast wahrheitsgemäße Geschichte, wie er auf einem weit von der Erde entfernten Planeten Karisi-Vögel verfolgt hatte, um ihre Eier zu essen, die als besondere Spezialität galten. Wie er auf einen Berghang klettern musste, denn ähnlich wie manche Vögel auf der Erde, bauten die Karisi ihre Nester gerne an Steilhänge. Dabei war er zweimal fast abgestürzt. Und wie er später feststellte, dass die begehrte Spezialität von den domestizierten Verwandten der Karisi stammte (und die waren auf jedem Markt billig erhältlich) und die Eier der wildlebenden hingegen völlig ungenießbar waren. Das ganze beruhte auf einem Übersetzungsfehler seines damaligen Partners.

Er zensierte den Teil heraus, dass er nicht dort war um Urlaub zu machen, sondern um im Auftrag der Time-Agency zwei Männer zu eliminieren, die weder an diesem Ort noch in dieser Zeit etwas zu suchen hatten. Sie hatten auf ihrem Heimatplaneten als illegal erachtete Technologie verwendet, um vor einer Gefängnisstrafe zu fliehen. Er wusste nicht weswegen sie verurteilt worden waren und das hatte ihn auch nicht zu interessieren. Sie griffen damit in den Zeitablauf ein und ein Rücktransport in ihre eigene Zeit wurde nicht gewünscht. Er und sein Partner hatten den Auftrag, die beiden verschwinden zu lassen und ihre Technologie zu zerstören. Er erzählte ebenfalls nicht, dass sie die Technologie stahlen, nachdem sie den ersten Teil ihrer Mission erfüllt hatten, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. So gut wurden sie von der Time Agency nun auch nicht bezahlt. Die Ironie daran war, dass möglicherweise überhaupt erst dadurch die beiden Männer in der Zukunft an diese Zeitreisetechnologie gelangt waren - sie hatten sie auf dem Schwarzmarkt gekauft.

Das würde nicht den Eindruck erwecken, den er bei Ianto hinterlassen wollte. Er wollte nicht wie ein Monster in seinen Augen dastehen. Ihm war die gute Meinung des jungen Walisers wichtig. Trotz der vielen Schicksalsschläge und einer teils vom Krieg überschatteten frühen Kindheit, lebte Ianto ein behütetes Leben. Wenn Jack die ganze Wahrheit erzählt hätte, würde Ianto ihn anblicken und nur ein Monster sehen.

„Was machst du eigentlich um diese Zeit hier?“, fragte er nach einer Weile. „Dein Zimmer ist viel zu weit von der Küche entfernt, du konntest mich nicht hören.“

Ianto sah ihn mit dem schuldbewussten Gesichtsausdruck eines kleinen Jungens an, der mit der Hand in der Keksdose erwischt wurde. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ich konnte nicht schlafen und wollte mir warme Milch holen. Das soll helfen“. Er stand ruckartig auf, verschwand erneut in der Speisekammer und kam mit einer Blechdose wieder. „Nachtisch?“ Sie aßen die dicken, mit Brandy getränkten Scheiben Rosinenkuchen vom Deckel, der sich durchaus als Teller eignete.

Als sie beide zur gleichen Zeit zugriffen, streiften sich ihre Finger und Ianto zuckte zurück als hätte er sich an ihm verbrannt. Er versuchte es zu überspielen, indem er ein Gähnen inszenierte und die Hand vor den Mund hielt.

„Ich beiße nicht“, sagte Jack. Er setzte nicht wie üblich ein flirtendes "außer ich werde darum gebeten" hinzu.

„Ich sollte schlafen gehen“, erwiderte der junge Waliser. Er machte allerdings keine Anstalten, aufzustehen.

Jack dachte an Weihnachten, und wie er sich einen Abend lang nicht als Fremder gefühlt hatte. Das Benehmen beider Geschwister war jedoch merklich abgekühlt, seit er Ianto geküsst hatte. Rhiannon war freundlich, aber es war ein Misstrauen in ihren Augen, dass nicht dort gewesen war, als er im vergangenen Sommer in Cardiff ankam. Er war sich ziemlich sicher, dass sie alles oder etwas davon wusste, was zwischen ihm und Ianto vorgefallen war. „Ich würde mich entschuldigen, aber ich denke nicht, dass es hilft.“ Jack nahm ein weiteres Stück Kuchen, dass aber in seinen Fingern zerbröselte und Krümel über den Tisch verteilte.

Es gab Ianto etwas anderes zu tun, als seinen Blick zu vermeiden. Er stupste mit den Fingerspitzen die Krümel zu einem ordentlichen Häufchen zusammen. „Wofür entschuldigen?“, fragte er schließlich leise.

„Während ich mir am Wasserreservoir den Hintern abgefroren habe, ist mir eines klar geworden, ich habe versucht, dich zu etwas zu drängen, zu dem du nicht bereit bist und das tut mir leid. Es kommt nicht mehr vor. Ich vermisse, wie es vor Weihnachten zwischen uns war. Und den Kaffee. Oh ja, ich vermisse den Kaffee wirklich.“

Ein Lächeln tauchte kurz auf Iantos Lippen auf, das ihn selbst zu überraschen schien. „Es ist nur Kaffee, keine... Magie.“

„Bist du sicher?“ Jack lächelte zurück, doch Ianto wandte sofort den Blick ab und sah wieder auf seine Hände.

„Ich muss dir etwas sagen.“ Der junge Waliser holte tief Luft. Und wechselte das Thema. „Ich habe den Brief gelesen.“


Ende (Tbc)