Inspektor Jury freut sich aufs Fest

T’Len

2007

 

 

 

Fandom: Inspektor Jury

Charaktere: Richard Jury, Racer, Fiona, Cyril (Jury/Plant impl.)

Kategorie: PG, Humor

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Summe: Wieder einmal will Chief Superintendent Racer Richard Jury zum Feiertagsdienst verdonnern, doch diesmal hat der ein Ass im Ärmel.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

 

 

„Na, wie ist er heute drauf?“ Richard Jurys Frage an Fiona Clingmore, die Sekretärin von Chief Superintendent Racer, war eher rhetorischer Natur, denn Racer war nie anders als schlecht drauf. Jedenfalls nicht in den über 20 Jahren, die Jury nun schon für Scotland Yard arbeitete.

 

Entsprechend antwortete Fiona auch nicht, sondern schenkte ihm nur ein mitfühlendes Lächeln während sie weiter ihre Fingernägel lackierte. Wie immer war sie ganz in Schwarz gekleidet und schien ihrem Make Up mehr Aufmerksamkeit zu schenken als allen anderen Vorgängen in ihrem Büro. Cyril, der Kater, saß auf ihrem Schreibtisch und putzte sich ebenfalls. „Ihnen gönnt er wohl auch keine Weihnachtsferien, was?“, fragte Jury und erwiderte das Lächeln.

 

Fionas wurde noch etwas strahlender. „Ich erledige das nur noch zu Ende, dann bin ich weg.“ Richard war sich nicht sicher, ob ihre wedelnde Handbewegung nun den Akten auf ihrem Schreibtisch oder ihren Fingernägeln, die trocknen sollten, galt

 

„Sie können hoffentlich auch bald weg“, fügte Fiona noch hinzu als Jury zur Türklinke griff.

 

Das hoffte er auch, bei Racer war das allerdings zu bezweifeln. Wie Jury ihn kannte, würde er wieder in buchstäblich letzter Sekunde mit einem Fall ankommen, der ihm die Weihnachtstage über beschäftigt halten sollte. So ging das nun schon seit Jahren. Egal, welcher Kollege eigentlich Bereitschaft hatte, irgendwie landeten die Fälle im Endeffekt immer bei Jury. Aber dieses Jahr hatte er einen Trumpf im Ärmel.

 

Er gestattete sich ein kleines Schmunzeln in Vorfreude auf Racers verdutztes Gesicht, wenn er es aus dem Ärmel zog, bevor er ohne anzuklopfen eintrat. Cyril glitt geschmeidig von seinem Sitzplatz und folgte ihm auf leisen Pfoten. Ohne dass Racer es bemerkte setzte er sich unterm Schreibtisch nieder. Richard ließ die Tür einen Spalt breit offen. Zumindest Cyril sollte die Chance haben, dem Chief Superintendenten jederzeit entkommen zu können.

 

„Wo stecken Sie denn so lange, Jury?“, schnaubte Racer. Sein Blick glitt demonstrativ zur Uhr auf seinem Schreibtisch. „Schon im Urlaub oder was?“

 

Jury setzte sich unaufgefordert seinem Chef gegenüber und warf seinerseits einen Blick auf seine Armbanduhr. „Seit exakt 10,34 Minuten, Sir“, erwiderte er.

 

Der Chief Superintendent ignorierte seinen Einwurf und fuhr mit seiner Litanei fort. „Wir sind hier nicht die Schreibtischtäter aus den Ministerien, mit Feierabend gleich nach dem Frühstück, Jury. Das Leben eines Kriminalbeamten ist kein Zuckerschlecken. Das sollten selbst Sie mittlerweile gelernt haben. Ich musste Sie ja buchstäblich von der Pforte wegzerren lassen.“

 

In der Tat hatte Richard gerade das Haus verlassen wollen, als der Wachhabende ihm mitteilte, der Chief Superintendent wünsche ihn dringend und umgehend zu sprechen. Jury war sich sicher, dass Racer genau auf diesen Augenblick gewartet hatte.

 

Nun verfiel Racer wieder in seinen, Jury nur allzu bekannten, Dialog über die Aufgaben von Scotland Yard im Allgemeinen und die Karriere seines Untergebenen im Besonderen. Dabei stellte er diesen stets als absolut unfähig dar. Cyril legte sich flach auf den Boden. Richard hatte schon vor Jahren gelernt, dabei einfach abzuschalten und das Ganze still über sich ergehen zu lassen, während seine Gedanken ganz woanders weilten. Nun blickte er aus dem Fenster hinter Racer, vor dem tatsächlich einige Schneeflocken tanzten.


Es sah glatt so aus, als würde es dieses Jahr endlich wieder einmal weiße Weihnachten geben. Vielleicht nicht in London aber mit Sicherheit in Long Piddleton. Der Gedanke an die schneebedeckten, kleinen Häuschen, die sich eines ans andere geschmiegt die Hauptstraße entlang schlängelten, und die weiße, glatte Fläche des Dorfangers, auf der man so herrliche Spuren hinterlassen konnte, erwärmten Richards Herz.

 

Erneut blickte er auf seine Uhr. Wenn Racer ihn nicht mehr allzu lange aufhielt und die Straßen einigermaßen frei waren, konnte er in drei Stunden schon in Northants sein und nach Marthas garantiert leckerem Abendessen mit einem Glas Port gemütlich am Kamin des Salons von Ardry End sitzen. Oder wir lassen den Kamin und den Port einfach weg und gehen gleich ins Bett, dachte er und lächelte.

 

„Was finden Sie daran so komisch?“, herrschte Racer ihn an.

 

Richard zwang seine Gedanken von schneebedeckten, romantischen Dorfbildern und vor allem von Melrose Plant zurück ins Hier und Jetzt des Büros seines Chefs. Ein Hefter wurde vor ihm hingeworfen.

 

„Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen“, bemerkte Racer hämisch. „Kümmern Sie sich darum und zwar pronto!“

 

Jury war sich sicher, dass der Fall nicht erst kurz vor Feierabend auf Racers Schreibtisch gelandet war. Er hob den Hefter an, als wolle er einen Blick hineinwerfen, ließ ihn aber ungeöffnet wieder auf den Schreibtisch fallen. Zu seinen Füßen streckte sich Cyril.

 

„Ich bin nicht im Dienst, Sir“, erwiderte Jury und erhob sich.


“Wir sind immer im Dienst“, schleuderte ihn Racer entgegen.

 

„Ich diesmal nicht“, betonte Richard. „Smithers, Mayweather, Carruthers und Jones stehen vor mir auf der  Bereitschaftsliste.“

 

Vor wenigen Jahren, vielleicht sogar noch vor einem, wäre es ihm egal gewesen, Weihnachten arbeiten zu müssen. Mitunter war es sogar besser gewesen, als allein in seiner trostlosen Wohnung in Islington zu sitzen, in der er nicht mal einen Weihnachtsbaum hatte, oder zu seiner Cousine, deren dauernd betrunkenen Mann und den nervenden Kindern zu fahren. Dieses Mal aber hatte er bessere Pläne.

 

Von solchen Belanglosigkeiten wie Bereitschaftslisten ließ sich Chief Superintendent Racer nicht abhalten, sein Lieblingsopfer mit einem Auftrag zu beehren. „Sie übernehmen den Fall und damit basta“, sagte er.

 

„Tut mir Leid, Sir“, erwiderte Richard mit ausgesuchter Höflichkeit, obwohl ihn Racer langsam aber sicher nervte. Er wollte endlich weg. „Aber Sie kennen die Regeln. Unverheiratete Kollegen sind beim Feiertagsdienst vorzuziehen. Smithers, Carruthers und Jones sind ledig, Mayweather ist geschieden ohne Kinder.“

 

„Eben, unverheiratete, wie Sie“, Racer betonte das „Sie“ besonders. „Sie wollen doch nicht, dass ein paar arme Kinderchen Weihnachten auf ihren Papa verzichten müssen, nur weil Sie zu faul sind zu arbeiten.“

 

„Aber ich bin verheiratet, Sir“, sagte Richard ruhig. „Und habe damit Anspruch auf freie Feiertage, außer es liegt ein extremer Personalmangel vor, was eindeutig nicht der Fall ist.“

 

Racer schnaubte abfällig. „Sie und verheiratet? Wem wollen Sie denn das wahr machen? Und seit wann denn angeblich?“ Er klang so als sei es schlichtweg unmöglich, dass je irgendjemand auch nur in Erwägung ziehen könnte, Jury zu heiraten

 

Richard warf einen demonstrativen Blick auf den Kalender an der Wand, dann auf seine Uhr. „Seit meinem letzten Urlaub, Sir. Um genau zu sein seit drei Monaten, 21 Tagen und zirka fünf Stunden. Sie finden einen entsprechenden Vermerk selbstverständlich in meiner Personalakte.“

 

Er ging zur Tür. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe Urlaub.“

 

Als hätte er nur auf ein entsprechendes Zeichen gewartet, schoss Cyril unter dem Tisch hervor, sprang mit einem Satz nach oben, sauste über den Schreibtisch, dabei alles durcheinanderwirbelnd, was ihm unter die Pfoten kam, sprang am anderen Ende herab und rannte aus der Tür.

 

Während Racer schrie, er werde den Kater eigenhändig zu einem Weihnachtsbraten verarbeiten, wenn Fiona ihn nicht umgehend aus seinem Büro und seinem Leben entfernte, wünschte Richard ihm freundlich ein schönes Fest und ging.

 

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, da ertönte auch schon die Stimme des Chief Superintendenten aus der Gegensprechanlage und forderte Fiona auf, ihm umgehend Jurys Personalakte zu besorgen.

 

Richard lächelte in sich hinein. Eigentlich fast schade, dass er nicht dabei sein konnte, um Racers Gesicht zu sehen, wenn der bemerkte, wen er geheiratet hatte. Dann dachte er an Melrose, der in Ardry End auf ihn wartete, und daran, wie sie gemeinsam die Feiertage verbringen würden – in friedlicher Ruhe und lange im Bett, wie er hoffte – und wollte nur noch so schnell wie möglich nach Hause und packen.

 

Er beugte sich über den Schreibtisch und drückte Fiona, die damit beschäftigt war, ihr Haar zu brüsten, einen Kuss auf die Wange. „Frohes Fest.“

 

Noch ehe die errötende Fiona darauf reagieren konnte, war er zur Tür hinaus, ein Weihnachtslied fröhlich vor sich hin pfeifend.


Ende