Justice Night

T’Len

2006

 

 

 

Fandom: Laurie R. Kings Holmes/Russel-Bücher, speziell „Justice Hall“

Charaktere: Marsh/Alistair

Kategorie: NC-17

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Summe: Die Cousins verbindet weitaus mehr als Freundschaft

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

/*/*/ Wechsel der Zeitebene

 

 

 

„Ali. Mitternacht. Kapelle. M.“ Die Nachricht, die ein Diener ihm brachte, war knapp, aber unmissverständlich. Alistair wunderte sich kurz, warum ihn Marsh unbedingt in der kleinen Kirche von Justice Hall treffen wollte, aber wie immer hinterfragte er die Anordnung seines Freundes nicht für eine Sekunde. Wenn Marsh ihn zu einem geheimen Treffen beorderte, würde dies schon seine Richtigkeit haben. Sich vergewissernd, dass weder jemand von den Partiegästen noch der Dienerschaft es bemerkte, schlüpfte er zur angegebenen Zeit heimlich aus der Hintertür des Herrenhauses und ging zur Kapelle.

 

Es schien ihm irgendwie seltsam, wie alle Leute immer noch den vorweihnachtlichen Maskenball genießen konnten, so als ob rein gar nichts ungewöhnliches während der letzten Stunden geschehen wäre. So als ob nicht vor kurzem ein neuer, bis dato unbekannter Duke ihnen präsentiert worden wäre, als ob nicht kurze Zeit später besagter kindlicher Duke fast ermordet worden wäre, als ob nicht die Polizei ein Mitglied der gastgebenden Familie wegen dieses Verbrechens festgenommen hätte. ‚Die Leute sind so oberflächlich und nur auf ihr Vergnügen ausgerichtet’, dachte er und fröstelte innerlich.

 

Als seine Hand den Türknopf zur Kappelle berührte, wurde die Tür von innen geöffnet. Marsh zog ihn hinein, verriegelte die Tür hinter ihnen. Dann nahm er Ali an der Hand und führte ihn zum Altar.

 

Die Kapelle wurde nur von wenigen Kerzen erhellt. Plötzlich erinnerte sich Alistair an einen anderen, noch nicht ganz so kalten Herbstag vor rund 25 Jahren. Und er erinnerte sich an eine Nacht wenige Tage vor diesem Tag, der alles in seinem Leben zu verändern schien.

 

/*/*/*

 

Ein beharrliches Klopfen an der Tür seines Schlafzimmers und das Rufen seines Namens weckten Alistair. Er kletterte aus seinem Bett und öffnete Marsh. Sein Freund trat sofort zum Feuer und warf einige Holzscheite hinein, um es wieder stärker zu entfachen, rieb sich dann seine Hände. Alistair bemerkte, dass er geritten sein musste, da er Reitstiefel trug. Badger Old Place, Alistairs Zuhause, war zwar nicht allzu weit entfernt von Justice Hall, aber das dünne Hemd und die Hose, die Marsh anhatte, waren nicht für eine kalte Herbstnacht gemacht. Er musste gefroren haben.

 

Marsh bemerkte Alistairs besorgten Blick und zuckte mit den Schultern. „Ein dicker Mantel ist nicht die richtige Kleidung, wenn du unbemerkt über enge, geheime Gänge und Treppenhäuser verschwinden willst“, sagte er leichthin. „Ich erfriere schon nicht so schnell.“ Dann blickte er seinen Cousin eindringlich an. „Ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.“

 

Der plötzlich sehr ernste Ausdruck auf Marshs Gesicht ließ Alistair innerlich erschauern. Was auch immer dafür gesorgt hatte, dass sein Freund heimlich und mitten in der Nacht von Justice Hall nach Badgers geritten war, es musste etwas sehr Ernstes sein.

 

Alistair kletterte zurück in sein Bett und klopfte auf die Matratze. „Besser du kommst auch unter die Decke und wärmst dich auf“, schlug er vor. Ohne zu zögern zog Marsh seine Stiefel aus und schlüpfte unter die Bettdecke, sich dabei nah zu Alistair legend. So, wie sie es als Kinder oft getan hatten, wenn der eine bei dem anderen übernachtete und sich nachts ins Bett des Freundes stahl, weil es so viel angenehmer war einzuschlafen, als wenn man allein in einem großen Gästezimmer lag.

 

„Ich werde Iris morgen einen Heiratsantrag machen“, sagte der Ältere plötzlich.

 

Alistair fuhr hoch und starrte ihn an. „Du willst... was?“, fragte er entsetzt. Dann ließ er sich wieder in die Kissen fallen und fügte hinzu: „Aber was ist mit unseren Plänen... mit Palästina?“

 

Er wandte Marsh seinen Rücken zu, plötzlich fürchtend, dass er nicht in der Lage wäre, die Tränen zurückzuhalten, die er in sich aufsteigen fühlte. Wie konnte Marsh so einfach ihre Pläne über den Haufen werfen? Vor noch nicht einmal zwei Monaten waren sie zusammen durch die Wüste gereist, die Gesellschaft des anderen und die Freiheit, die dieses karge Land ihnen gab, über alles genießend. Bis sie schließlich nach England zurück kehren mussten, wollten sie nicht riskieren, der Duke, Marshs Vater, würde jemand schicken, um sie nach Hause zurück zu holen.

 

Alistair wunderte sich immer noch, warum der alte Duke ausgerechnet ihn gebeten hatte, nach Palästina zu reisen und Marsh zurück nach England zu bringen, statt jemanden, der Älter war und vor dem sein Cousin sicher mehr Respekt hatte, als vor einem gerade einmal 17-Jährigen. Dass seine Eltern mit dieser nicht gerade leichten und ungefährlichen Reise einverstanden gewesen waren, wunderte ihn ebenso. Gut, er war Marshs bester Freund, seit er sich erinnern konnte, und wahrscheinlich glaubten sie deshalb, er habe den größten Einfluss auf ihn, aber gerade deswegen war er zutiefst versucht gewesen, mit ihm in Palästina zu bleiben und seinen Auftrag einfach zu vergessen. Er hatte sich nie so zu Hause gefühlt, so glücklich und so frei wie in Marshs einfachem Ziegenhaarzelt in der Wüste. Das einfache Leben konnte ihm Dinge bieten, die er im Wohlstand zu Hause nicht fand, vor allem Freiheit und inneren Frieden. Und mit Marsh an seiner Seite wäre er bis ans Ende der Welt gezogen. Es war lediglich Marshs trotz allem stark ausgeprägter Sinn für Verantwortung gewesen, der sie schließlich nach Hause zurück gebracht hatte, aber nicht ohne einander zu schwören, dass sie spätestens in die Wüste zurück kehren würden, wenn Alistair die Schule beendet hatte.

 

Und jetzt plötzlich redete Marsh über Hochzeit. Nicht mit irgendjemanden, mit Iris, die er seit Jahren kannte und von der Alistair wusste, dass Marsh die Freundschaft mit ihr genauso viel bedeutete wie die mit ihm. Alistairs Herz schmerzte und er wusste nicht, ob es vor Enttäuschung oder Eifersucht war.

 

„Ali, Liebster“, Marsh zog ihn in seine Arme. „Es wird sich nichts ändern, das verspreche ich dir. Nicht zwischen uns, nicht an unseren Plänen.“

 

„Wie kannst du das sagen?“ Alistair schluchzte nun doch auf, ob er wollte oder nicht. „Du lässt dich nieder, spielst den braven Ehemann und wirst irgendwann sicher sogar Vater. Du gibst Bälle für die Freunde der Familie und nimmst an Jagdgesellschaften teil. Du wirst wie dein Vater werden.“

 

Marsh drehte ihn zu sich herum. „Nein, das werde nicht, garantiert nicht“, sagte er eindringlich.

 

Ali schüttelte den Kopf.

 

„Schau“, erklärte Marsh, seine Hand ruhte für einen Augenblick zärtlich auf Alis Hinterkopf und Marsh Mund war ihm so nah, dass Alistair heftig schlucken musste, weil seine Kehle plötzlich staubtrocken wurde „Meine Familie drängt mich energisch zur Heirat. Henry ist beinahe 40, seit zehn Jahren verheiratet und noch immer ist kein Erbe in Sicht. Mein Vater wird langsam nervös. Er lässt mich ohne Ehe nicht wieder gehen.“

 

„Aber wenn du verheiratet bist, wirst du auch nicht gehen können“, erwiderte Ali. „Deine Frau wird erwarten, dass du bei ihr bleibst.“

 

„Deshalb werde ich Iris fragen“, erklärte Marsh. „Wir heiraten. Meine Familie ist zufrieden, ich ziehe mit ihr nach Paris um und nach einer Weile gehe ich nach Palästina. Du besuchst mich in deinen Ferien und kommst für immer nach, sobald du die Schule beendet hast und alles wird gut, so wie wir es immer wollten. Du wirst sehen. Wir werden zusammen sein.“

 

Alistair war jedoch nicht so zuversichtlich wie Marsh. „Wie kannst du so sicher sein, dass Iris da mitmacht? Sie wird ihren Ehemann doch bei sich behalten wollen“, fragte er skeptisch.

 

Marsh lächelte. „Deshalb frage ich sie und niemand anderen.“

 

Ali sah ihn verständnislos an.

 

„Schau“, erklärte er, „Es gibt etwas, das du nicht über sie weißt. Ich versprach ihr, es für mich zu behalten und offensichtlich hast du es nicht von selbst bemerkt. Iris ist nicht an Männern interessiert. Sie fühlt sich mehr zu Frauen hingezogen, verstehst du... sie ist lesbisch.“

 

Dies war wirklich neu für Alistair. Gut, sie würde unter diesen Umständen Marsh nicht für sich beanspruchen, aber er sah ein anderes Problem. „Dann heiratet sie dich doch nicht.“

 

„Sie wird, da bin ich mir sicher. Iris’ Familie ist noch schlimmer als meine, was das Thema Hochzeit anbetrifft“, antwortete Marsh. „Außerdem bekommt sie ein nicht unbeträchtliches Erbe ausbezahlt, wenn sie verheiratet ist. Sie will ihr eigenes Leben führen ebenso wie ich. Zu heiraten gibt uns beiden endlich die Freiheit, die wir suchen.“

 

Er sah seinen Freund eindringlich an. „Es ist nur eine Zweckehe nicht mehr, glaube mir, Ali. Nichts wird sich zwischen uns und an unseren Plänen ändern.“

 

Mit dieser Versicherung fielen sie in schweigende Vertrautheit. Bald darauf war Alistair eingeschlafen.

 

///

 

Er wachte später in der Nacht auf. Das Feuer war schon beinahe niedergebrannt. Aber es war nicht so sehr das Knistern des Holzes, das ihn geweckt hatte als sein eigener Zustand der Erregung. Schuldbewusst nahm er ihn zur Kenntnis.

 

Es war nicht das erste Mal, dass er sich durch Marshs Nähe erregt fühlte. Schon in Palästina war ihm klar geworden, dass das, was er für seinen Cousin empfand, mehr als Freundschaft war. Gerade deshalb waren ihm ihre Pläne so wichtig. Nicht, dass er sich irgendetwas anderes als Freundschaft von Marsh erhoffte. Dass Marsh ebenfalls ein intimes Interesse an ihm haben könnte, wagte er sich nicht mal zu erträumen. Dem Umstand, dass Marsh ihn in besonders zärtlichen Augenblicken Liebster nannte, maß er nicht die von ihm erhoffte Bedeutung bei Sie waren einander schon immer sehr vertraut gewesen und hatten in Palästina gelernt, das zwei Bruder, als die so dort galten, durchaus Zärtlichkeit für einander zeigen konnten.

 

Doch dies hieß nicht, dass Marsh ihn so liebte, so begehrte, wie er es mit ihm tat. Allein ihm nahe zu sein, war Ali genug. Und das konnte er nur richtig in Palästina. Nicht in England, wo ihre Familien erwarteten, dass sie so funktionierten wie es ihr Stand gebot.

 

Alistair rutschte unruhig hin und her. Er hätte sich gern selbst berührt, doch mit Marsh so nah bei sich, wagte er es nicht. Was, wenn der Freund aufwachte, und bemerkte, was er da tat? In Palästina hatte er sich mitunter in die sternenklare Nacht hinaus gestohlen, um sich unter freiem Himmel Erleichterung zu verschaffen. Doch jetzt lag er eingeklemmt zwischen der Wand und Marsh. Würde er versuchen, aus dem Bett zu klettern, würde er ihn erst recht wecken.

 

Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Vorsichtig schob er seine Hand in den Bund seiner Hose und berührte sich selbst. Er zuckte zusammen, als die Hand plötzlich weggeschoben wurde.

 

„Lass mich das machen“, flüsterte Marsh, den Mund dicht an seinem Ohr. Dann berührte seine Hand ihn, streichelte ihn zärtlich.

 

Ali stöhnte unwillkürlich auf, als Marsh begann, seine erregte Männlichkeit weiter zu stimulieren. Er konnte kaum fassen, was gerade geschah. Marsh schien nicht abgestoßen von einem Zustand, ja nicht einmal verwundert. Statt dessen berührte er ihn auf eine Art und Weise, die ungeheuer zärtlich und stimulierend zugleich war.

 

Alistair ließ sich willenlos zurück fallen in Marshs Umarmung, genoss die Stimulierungen, die seine Erregung ins Unermessliche steigerten. „Ich liebe dich“, flüsterte Marsh an seinem Ohr.

 

Alis Herz schlug schneller. Nicht nur vor Erregung sondern vor allem vor Freude. Marsh liebte ihn, Marsh wollte ihm nah sein, so sehr wie er es seit Monaten auch wollte. Marsh berührte ihn. Das war zu viel für ihn.

 

„Nichts wird uns je trennen, Liebster“, versprach Marsh als Ali in seinen Armen stöhnend zum Höhepunkt kam.

 

///

 

Erst langsam fand Ali wieder in die Realität zurück. Sein Herz schlug noch immer rasend schnell als Folge des eben Erlebten. Er wollte nach Marsh greifen, sicher, dass dies den Freund auch erregt haben musste, doch der schob seine Hand von sich und schüttelte den Kopf.

 

„Nicht her“, sagte er und küsste Ali sanft. „In Palästina werden wir uns lieben.“

 

Für Alistair klang es wie das Versprechen vom Paradies. Er kuschelte sich in Marshs Arme und schlief wenige Augenblicke später ein.

 

Als er am Morgen aufwachte, war der Freund verschwunden.

 

///

 

Zwei Wochen später hatten Marsh und Iris tatsächlich geheiratet. Es war eine kleine Zeremonie gewesen, nur Ali und eine Freundin der Braut waren dabei. In der Tat hatten sie sogar gewartet, bis Marshs Eltern für ein Wochenende zu Freunden gefahren waren. Marsh wollte unter keinen Umständen die Farce soweit treiben, dass es die in ihren Kreisen üblichen großen Feierlichkeiten gab.

 

Als Marsh in der kleinen Kapelle des Schlosses seinen Eheschwur leistete, lag sein Blick nicht auf Iris sondern wanderte zu Ali und seine Augen sagten ihm deutlich, dass die Worte eigentlich nur ihm galten.

 

///

 

Es war in der Heiligen Nacht, dass erneut ein Klopfen an seiner Tür Alistair weckte. Marsh stürmte, als er die Tür öffnete, in sein Zimmer und begann sofort, auf und abzulaufen. Diesmal schürte Ali das Feuer, Marsh schien es gar nicht zu bemerken.

 

Alistair musterte den Freund besorgt. Irgendetwas stimmte nicht, dass konnte er deutlich spüren.


„Iris ist schwanger“, sagte Marsh plötzlich.

 

Ali taumelte rückwärts aufs Bett. „Was?“, brachte er krächzend hervor. „Aber ich dachte... ihr“, stotterte er dann. Seine Gedanken rasten. War alles, was Marsh über Iris gesagt hatte nur eine Lüge gewesen, um ihn in Sicherheit zu wiegen? War die Ehe doch „echt“, Marshs angebliche Liebe für ihn hingegen die Farce?

 

„Wir haben es nur einmal getan, in der Hochzeitsnacht. Wir... wir waren betrunken und neugierig“, gestand Marsh. „Ich hatte noch nie mit einer Frau, sie nie mit einem Mann... Gott, wir dachten doch nicht, dass es gleich passiert.“

 

„Und nun?“, fragte Ali, seine Stimme klang rau.


„Ich weiß es nicht.“ Marsh blieb vor dem Bett stehen. „Sie will das Kind nicht, denkt über Abtreibung nach. Ich will es eigentlich auch nicht. Andererseits, meine Familie wäre froh über einen Erben und irgendwie sehe ich mich in der Pflicht.“

 

Ali konnte nicht anders, er musste plötzlich auflachen.

 

„Was ist so komisch daran?“, fragte Marsh mit gerunzelter Stirn. Ihm war alles andere als zum Lachen zumute, sah er doch seine Lebenspläne gerade total auf den Kopf gestellt. Er wollte nicht wie sein Vater enden, als Herr über Justice Hall, der Bälle gab und Jagden ritt, als Mann mit Familie aber ohne Träume. Und vor allem, er wollte nicht auf Ali und ihre Liebe verzichten. Doch er konnte Iris in der jetzigen Situation auch nicht allein lassen, das stand fest.

„Die Ironie der Geschichte“, erwiderte Alistair. „Dein Bruder und seine Frau warten seit zehn Jahren vergeblich auf ein Kind. Sie wären heilfroh eines zu bekommen. Iris und du, ihr wollt keines, und bei euch klappt es sofort.“

 

Marsh starrte Ali an während seine Gedanken plötzlich auf Hochtouren arbeiteten. „Das ist es!“, rief er. „Das ist die Lösung. Ich muss sofort zu Iris.“

 

Er küsste Ali auf die Wange. „Danke, Liebster.“ Dann stürmte er hinaus.

 

Zurück blieb ein einsamer und verwirrter Alastair.

 

///

 

Am nächsten Tag hatte Marsh ihm seinen Plan erläutert. Iris würde das Baby bekommen, heimlich, und es dann Henry und Sarah geben, so dass die behaupten konnten, es sei das ihrige. Somit wäre allen Betroffenen gedient. Sein Bruder und dessen Frau hätten das lang ersehnte Kind, das Haus seinen Erben, Marsh und Iris aber ihre Freiheit.


Erstaunlicherweise stimmten Henry und Sarah, die über Weihnachten nach Justice Hall gekommen waren, dem Plan recht schnell zu. Da sie sowieso seit einiger Zeit in Italien lebten, verwunderte es niemanden, dass auch Marsh und Iris dem englischen Winter dorthin entflohen. Zuhause würde so niemand etwas von Iris’ Schwangerschaft und Sarahs nicht vorhandener bemerken, bis jene mit einem Baby nach Justice Hall zurück kehrte.


„Du wirst sehen, alles wird gut, jeder bekommt, was er will, und wir sind bald in Palästina“, hatte Marsh ihm zum Abschied versichert.

 

Ali war nicht so optimistisch gewesen. Was, wenn es sich Sarah und Henry anders überlegten und das Kind plötzlich nicht mehr wollten? Wenn Sarah vielleicht in der Zwischenzeit doch selbst schwanger wurde? Dann saßen Marsh und Iris mit dem Kind fest.

 

Und was, wenn es ein Mädchen wurde? Dann stand die Erbfrage noch immer offen, würde sein Vater womöglich weiter Druck auf Marsh ausüben. Seine eigene Familie hatte die Erbfolge nicht so strikt geregelt. Würde seine Schwester einen Sohn haben, könnte de Badgers und den Titel erben. Somit sah sich Alistair selbst nicht in der Pflicht, etwas zu tun, was er unter keinen Umständen tun wollte. Doch sein Zweig der Hughenfort-Linie war nur ein untergeordneter, beim Duke kam es auf die direkte männliche Erbfolge an.

 

Ali war nie so froh, wie an dem Sommertag, als er Marshs Telegramm erhielt. „Alles nach Plan. Sehe dich in P. M.“

 

Wenige Wochen später kehrten Henry und Sarah mit ihrem Sohn Gabriel nach Justice Hall zurück. Zwar wunderte sich jeder, dass das freudige Ereignis nicht vorher angekündigt worden war, verstand jedoch, dass Sarah und Henry aufgrund der vorherigen Probleme keine falschen Hoffnungen wecken wollten bis alles gut gegangen war. Der alte Duke war zu froh über den ersten Enkel, dass er keine Einwände erhob, als sein zweitältester Sohn sich mit seiner Frau in Paris niederließ.

 

Kurz drauf war Marsh Richtung Palästina verschwunden.

 

/*/*/

 

Alis Gedanken kehrten ins Hier und Jetzt zurück. Marsh hatte ihn vor den Altar der Kapelle geführt. „Ich wünschte, ich könnte dir hier die Ehe versprechen“, sagte er leise. „Vielleicht werden die Menschen eines Tages verstehen, dass Liebe keine Geschlechtergrenzen kennt.“

 

Er zog zwei schmale Ringe aus der Tasche seines Burnus. Alistair fand es irgendwie bezeichnend, dass sie noch immer in ihre Kostüme vom Ball gewandet, mithin wie Araber gekleidet, in einer christlichen Kirche standen. Sie hatten sich nie viel aus Konventionen gemacht, das machte dieser Augenblick wieder deutlich und schon längst sahen sie die Beduinenbrüder Mahmoud und Ali als ihre einzig wahren Identitäten an.

 

„Aber niemand kann uns daran hindern, einander unsere Liebe zu schwören“, sagte Marsh feierlich und nahm Alis Hände in die seinen. „Es tut mir leid, wie ich dich die letzten Monate behandelt habe“, sagte er. „Dass ich unsere Beziehung dem hier“, er machte eine weite Geste in die Kapelle hinein, griff dann wieder Alis Hände. „Opfern wollte. Bitte, verzeih mir.“

 

Ali verstand und nickte. Marsh war bereit gewesen, ihr Leben in Palästina aufzugeben, um seiner Familienpflicht gerecht zu werden und nach dem Tod seines Bruders und Gabriels die Herrschaft über Justice Hall anzutreten. Auch wenn dies für ihn selbst den langsamen seelischen und körperlichen Untergang bedeutet hätte, und das Ende ihrer Liebe.

 

Egal, wie diskret sie gewesen wären, die mächtigen Mauern von Justice Hall dun Badgers Old Place schienen überall Augen und Ohren zu haben. Selbst wenn sie sich die eine oder andere gemeinsame Nacht stehlen konnten, zusammen leben wie in Palästina würden sie nie können. Sie beide wären Gefangene ihres Standes und dessen Konventionen gewesen. Zwar hätte Ali zurück in die Wüste kehren können, doch zum einen wollte er dort nicht ohne Mahmoud leben – es wäre nicht dasselbe - zum anderen befahl ihm sein Pflichtgefühl, an der Seite des Freundes zu bleiben. Erst recht als dessen Leben durch ihren Cousin Ivo, der – wie sich mittlerweile herausstellte – selbst das Erbe antreten wollte und somit alle, die vor ihm standen aus dem Weg zu räumen suchte, in Gefahr geriet.

 

Glücklicherweise hatten Holmes und Russel, die Ali in seiner Verzweiflung über Marsh unverkennbaren körperlichen und seelischen Verfall zur Hilfe gerufen hatte,  dann herausgefunden, dass Gabriel bevor er im Krieg unter falschen Anschuldigungen – nicht zuletzt auf Betreiben Ivos – hingerichtet wurde, eine junge Kanadierin heiratete und einen Sohn zeugte. Der junge Gabe war somit der legitime Erbe und Marsh und Ali, nachdem alle Probleme aus dem Weg geräumt waren, endlich wieder frei.

 

Marsh gab Ali einen der Ringe. Dem wurde bewusst, dass sein Freund nie einen Ehering getragen hatte, nicht einmal die letzten Monate auf Justice Hall, als er für all die anderen ganz offiziell Iris’ Ehemann gewesen war.

 

„Nichts und niemand wird uns mehr trennen. Ich liebe dich“, begann Marsh feierlich seinen Schwur.

 

///

 

Die Party war noch immer im Gang als sie sich später in Marshs Zimmer schlichen. Das lag weit genug weg vom großen Saal, so dass sie den Trubel nicht hörten. Selbst wenn der Lärm bis zu ihnen gedrungen wäre, sie hätten es nicht bemerkt. Zu versunken waren sie in ihrer eigenen Welt, als sie sich küssten, berührten, liebkosten.

 

„Diese Nacht ist nur für dich, lass dich verwöhnen“, sagte Marsh, als er begann, Ali zu entkleiden. Und der verstand. Sein Geliebter wollte die letzten Monate wieder gut machen, die Zeit, in der er ihn, gefangen in einem Gefühlschaos aus Trauer über den verlorenen Sohn und Verzweiflung über die eigene Unfähigkeit der ungewollten, doch vom Pflichtgefühl diktierten Situation zu entfliehen, von sich gestoßen und ihre Liebe verleugnet hatte. 

 

Als Marsh, sonst eher der dominante Part in ihrer Beziehung, später über ihn kniete und ihn in sich aufnahm, sich ihm ganz hingab, da fühlte Ali sich endlich wieder frei und glücklich.

 

///

 

Als Ali am Morgen erwachte stand Marsh am Fenster und starrte hinaus auf den nebelverhangenen Garten Justice Halls. Alistair stand auf und trat an seine Seite. Als er sanft Marshs Arm berührte, wandte der sich zu ihm um. Sein Blick war grimmig, seine Haltung entschlossen, die unendliche Zärtlichkeit der letzten Nacht, mit der er sich Alistair hingegeben hatte, verschwunden. Der Traum von der Freiheit der Wüste war vorerst ausgeträumt. Sie waren zurück in der bitteren Realität eines kalten Dezembertages in England.

 

„Sie werden ihn laufen lassen“, sagte Marsh leise.

 

Ali brauchte nicht zu fragen, wen sein Freund meinte. Ivo Hughenfort, ihr entfernter Cousin, der Schuld am Tod Gabriels war und gestern Nacht versucht hatte den kleinen Gabe ebenso zu ermorden wie vor einigen Tagen Marsh. Doch nichts davon würde man ihm richtig nachweisen können. Der Schuss auf Marsh sah aus wie ein Jagdunfall. Dass er Gabriel eingeredet hatte, im Krieg lieber schweigend in den Tod zu gehen, als sich mit dem Namen seiner Familie reinzuwaschen und somit Schande über diese zu bringen, war allenfalls Beeinflussung eines jungen, idealistischen Mannes aber keine Straftat. Und was den Vorfall letzte Nacht auf der Balustrade von Justice Hall anbetraf, stand Ivos Wort gegen das ihrige und er behauptete, der Junge habe sich verlaufen und er ihn retten wollen, bevor er in die Tiefe stürzen konnte.

 

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Ivo wieder frei kam und auch ein Gerichtsprozess würde ihn kaum verurteilen. Selbst wenn Ivo es künftig nicht mehr wagen würde, etwas gegen Gabe zu unternehmen, um doch noch ans Erbe der Hughenforts zu kommen, da der Verdacht wahrscheinlich sofort wieder auf ihn fallen würde, seine Taten durften nicht ungesühnt bleiben. Nur wenn Ivo tot war, wären Gabe und seine Mutter ihres Lebens wieder sicher.

 

„Das darf nicht geschehen“, sagte Ali mit fester Stimme. „Das wird nicht geschehen.“

 

„Du weißt, was das bedeutet?“, erwiderte Marsh.


„Natürlich.“ Sie würden die Sache selbst in die Hand nehmen, sobald Ivo wieder auf freien Fuß war. Er würde für seien Taten büßen müssen und für niemanden mehr zur Gefahr werden. Bis dahin mussten sie alles für Gabe und seine Mutter klären. Danach würden sie England sofort verlassen und aller Wahrscheinlichkeit nach nie wieder einen Fuß in das Land ihrer Geburt setzen. Sie würden endlich frei sein – und für immer zusammen. So wie sie es sich gestern Nacht in der Kapelle versprochen hatten – und noch einmal später, während sie sich liebten.

 

Ali griff seinen Dolch, der mit dem Kostüm, was er gestern Nacht getragen hatte, auf einem Stuhl lag. Marsh beugte sich zu ihm und küsste ihn flüchtig auf die Wange, dann legte er seine Hände auf die Schultern seines Gefährten.

Mit fester Stimme sagte er: „Die Gerechtigkeit wird endlich siegen.“

 

Ende