Titel: Ein neues Jahr
Autor: Lady Charena (Februar/März/Juli 2012)
Fandom: Torchwood - Hoteluniversum
Episode: --
Wörter: 12.189
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Rhiannon, Martha Jones, Alex Hopkins, OCs
Pairing: Jack/Ianto (Freundschaft, pre/slash), [Tosh/Andy, Martha/Mickey erwähnt]
Rating: AU, pg
Beta: T‘Len

Summe: Das neue Jahr bringt Veränderungen, nicht nur für Ianto selbst.

A/N: angesiedelt nach „Have yourself a merry little Christmas“ (http://tostwins.slashcity.net/tmerry.htm)

Eine Fortsetzungsstory zu „Das Hotel“ (Adventskalenderstory 2010)  - zu finden über mein Profil oder im Archiv der TOS Twins (http://tostwins.slashcity.net/thotel.htm) und spielt in einer Alternativen Zeitlinie in 1962/1963.



Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.







„Ianto! Ianto!“

Alarmiert eilte er aus seinem Büro. „Martha? Was ist passiert?“ Der strahlende Ausdruck in ihrem Gesicht besänftigte die Befürchtungen, es hätte einen Unfall oder so etwas gegeben, die in ihm aufstiegen.

Martha strich das Papier glatt, das sie in den Fingern unbewusst zerknüllte und hielt es ihm hin.

Ianto las sorgfältig die Nachricht, die einen offiziellen Briefkopf mit Wappen aufwies. Kurz zusammengefasst enthielt das Schreiben eine Bestätigung, dass Miss Martha Jones an das University College Hospital in London aufgenommen worden war. Ihre Ausbildung zur Laborassistentin begann im Februar und wurde über eine Stiftung bezahlt.

„Es war Doktor Harper“, sagte Martha, als er sie erstaunt ansah. „Wirklich. Er hat mir geschrieben, dass er mich für die Stelle vorschlagen will. Er sagte, er kenne jemand im Komitee, das für die Vergabe zuständig ist. Und später soll ich in seinem Labor arbeiten und ihm bei seinen Forschungsarbeiten helfen.“

„Das ist großartig, Martha.“ Er trat hinter der Rezeption hervor, um sie zu umarmen. „Ich... wir alle... werden dich furchtbar vermissen, aber das ist eine einmalige Chance für dich. Und du verschwendest dein Talent nicht weiter mit Betten kontrollieren und dem Zählen von Handtüchern.“

„Danke.“ Martha wich einen Schritt zurück und sah ihn an. „Du weißt aber schon, dass ich immer gerne hier gearbeitet habe? Und ich werde euch auch entsetzlich vermissen.“ Tränen schimmerten ihn ihren Augen. „Du und Rhi, ihr habt mich nie wie eine Angestellte behandelt.“

„Wo wirst du wohnen?“, dirigierte Ianto das Thema vom Abschiednehmen weg. „Bei deiner Mutter und deiner Schwester?“

„Mam und Tish wohnen schon bei Leo, um mit dem Baby zu helfen, da ist wirklich kein Platz mehr für mich. Ich kann ein Zimmer im Schwestern-Wohnheim haben. Meine Unterbringung wird auch über das Stipendium bezahlt.“ Sie zögerte. „Da ist aber noch etwas, dass dir nicht gefallen wird...“

Ianto nickte. Er wusste was sie als nächstes sagen würde. „Mickey geht mit dir, nicht wahr?“

Sie lächelte scheu. „Wir wollen zusammenbleiben. Uns vielleicht sogar bald verloben, auch wenn wir mit einer Hochzeit mindestens noch warten müssen, bis ich meine Ausbildung abgeschlossen und eine feste Anstellung bei Doktor Harper habe.“

„Ich kann nicht sagen, dass ich wirklich überrascht bin. Mickey ist seit dem Moment in dich verliebt, an dem du durch die Tür gekommen bist.“ Er drückte ihren Arm. „Ich wünsche euch beiden wirklich nur das Beste. Hat Mickey etwa auch schon einen neuen Job?“

„Leo sagt, sie stellen immer wieder neue Arbeiter in der Fabrik ein, in der er arbeitet und dass er sicher ist, er kann Mickey dort unterbringen. Oh, Gott, Ianto, ich bin so aufgeregt. Ich fahre nach Hause!“ Martha umarmte ihn und eilte dann weiter, ihren kostbaren Brief fest umklammernd, vermutlich um Rhiannon die frohe Nachricht zu verkünden.

„Und sag’ Mickey er kann wieder auftauchen“, rief Ianto ihr nach. „Ich reiße ihm nicht den Kopf ab weil er mit meiner Hausdame nach London durchbrennt. Höchstens ein bisschen.“ Deshalb verdrückte sich sein Freund also so auffällig, sobald Ianto in seine Nähe kam. Sie waren Freunde praktisch seit sie Laufen konnten und Iantos Mutter ihm erlaubte, draußen mit anderen Kindern zu spielen. Er würde Mickey vermissen. Und Martha.

Er hörte sie lachen, als er sich wieder der Empfangstheke und dem Poststapel zuwandte, der in der Zwischenzeit eingegangen war.

Eine paar Zeitungen, Briefe für Langzeitgäste, ein Brief für Rhi (der nach Rechnung aussah) und zwei große Umschläge aus steifem, braunem Papier. Sie waren an Captain Jack Harkness adressiert und ohne Absender-Vermerk.

Ianto lehnte sie seitlich gegen die Wand mit den Postfächern, wo sich die restlichen Briefe des Captains bereits befanden. Er hatte sie seit längerem nicht abgeholt und das Fach war randvoll. Seine Kleidung war nach wie vor in seinem Zimmer und ab und zu war morgens das Bett benutzt, das hatte er von einem Zimmermädchen gehört, doch selbst gesehen hatte er den älteren Mann nicht. Jack ging ihm aus dem Weg. Vielleicht sollte er es nicht, aber Ianto vermisste ihn. Er konnte nicht erklären, wann und wieso er angefangen hatte, sich auf die Gespräche mit dem Captain zu freuen; auf die noch so unglaublichsten Geschichten, die er zu erzählen wusste. Jack zu kennen gab ihm das Gefühl, weniger alleine zu sein, weil der ältere Mann verstand, was es bedeutete, von Menschen umgeben und trotzdem einsam zu sein.

Oh, dafür hatte er jetzt so keine Zeit. Zwei seiner Angestellten verließen ihn in weniger als zwei Wochen. Für Mickey Ersatz zu finden sollte nicht schwer sein, es gab genug Jungs in der Umgebung, die den Job übernehmen konnten und er würde Tosh fragen, ob sie bereit war, Marthas Aufgaben ihren hinzuzufügen und mehr Stunden für ihn zu arbeiten. Er hoffte nur, dass sie nicht die nächste war, die ihn... oder das Hotel, natürlich... verließ. Die Dinge zwischen ihr und PC Andy hatten sich seit Weihnachten rasant und dahingehend entwickelt, dass Davidson nun an jedem freien Abend hier saß, um sie zu treffen. Er fragte sich, wie Andys Mutter auf die Aussicht reagieren mochte, eine japanisch-stämmige (wenn auch in London geborene) Schwiegertochter zu bekommen. Würde man sie einfach akzeptieren, oder standen ihnen die gleichen Schwierigkeiten bevor, wie damals Lisa und ihm?

Überall um ihn herum befanden sich neuerdings glückliche Paare und es war, als lebten sie in einer anderen Welt. Einer von der er ausgeschlossen war.

Natürlich hatte er Lisa, die auf ihn wartete...

Doch von Lisa glitten seine Gedanken unwillkürlich zurück zu Jack Harkness. Und zu dem, was an Weihnachten vor dem Holzschuppen passiert war. Die Erinnerung ließ seine Wangen mit brennender Scham heiß werden. Er konnte noch immer Jacks Körper unter seinem spüren... die Hände um sein Gesicht... das Weiten von Jacks Pupillen sehen, als er in die intensiven, blauen Augen des anderen Mannes starrte... seinen Geschmack auf den Lippen...

Es war kaum mehr passiert als dass Jacks Mund seinen berührt hatte und doch war er noch nie so geküsst worden.

„Hey, Brüderchen, alles in Ordnung?“, riss ihn plötzlich die Stimme seiner Schwester aus seiner Grübelei.

Ianto drehte sich zu ihr um. „Was?“, fragte er unwirsch. Aber er hatte es schon als Kind gehasst, wenn sie ihn so nannte.

„Okay, da ist heute Morgen wohl jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden.“ Rhiannon hob besänftigend die Hände. „Ich wollte nur fragen, ob du mir ein paar Sachen besorgen kannst. Amy ist krank und ich stecke mitten in der Arbeit. Heute ist Backtag.“

„Und ich habe nichts zu tun?“ Iantos Blick streifte über den aufgeräumten Empfangstresen, aber da war nichts, das er vorschieben konnte. Sie erwarteten keine neuen Gäste, Tosh hielt die Buchhaltung peinlich genau und pünktlich bereit und unter dem prüfenden Blick seiner Schwester konnte er sich plötzlich nicht an einen einzigen, dringenden Punkt auf seiner endlosen zu-erledigen-Liste erinnern.

„Ich glaube du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der nach Feiertagen tatsächlich schlechter gelaunt ist als vorher“, stellte Rhiannon nüchtern fest. „Seit wann bist du so griesgrämig?“

„Das bin ich nicht“, verteidigte sich Ianto. „Ich habe nur keine Lust auf ein Verhör durch meine große Schwester.“

Rhi stützte die Ellbogen auf die Theke und beugte sich zu ihm vor. „Und es hat überhaupt nichts damit zu tun, was an Weihnachten passiert ist?“, sagte sie leise.

Ianto erstarrte. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe keine Ahnung von was du sprichst“, entgegnete er spröde.

„Ich habe euch gesehen, Ianto. Vom Küchenfenster aus.“ Rhiannon sah auf ihre Fingernägel, als sie ihren Bruder überrascht nach Luft schnappen hörte. „Es war keine Absicht, ich habe dir nicht hinterher spioniert oder so, es war nur das Johnny seinen Mantel suchte und ich sagte, vielleicht hast du ihn genommen... Und da habe ich dich mit dem Captain gesehen.“

„Ich... ich weiß nicht... was du meinst...“ Ianto schluckte gegen den Kloß in seiner Kehle an, seine Stimme war rau. „...was du meinst das du gesehen hast...“ Er wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Wand stieß und lehnte sich dagegen. „Ich bin auf einer Eisplatte ausgerutscht. Wir sind beide in den Schnee gefallen, weil Ja... weil Captain Harkness versucht hat, mich aufzufangen. Dann kam Johnny und hat das Holz wieder eingesammelt.“

„Er hat dich geküsst, Ianto!“ Ihre Worte fielen wie Bleigewichte in die Stille zwischen ihnen. „Und komm mir nicht wieder damit, dass ich an dem Abend zu viel getrunken habe. Er hat dich die ganze Zeit über fast... verliebt angesehen. Meine Augen funktionieren tadellos.“ Sie schüttelte den Kopf. „Vielleicht... vielleicht akzeptiert man solche Dinge in London oder wo immer er sonst herkommt, aber hier... Ianto, du musst vorsichtig sein. Wenn euch jemand anderes gesehen hätte... Du weißt wie schnell sich schmutzige Gerüchte verbreiten und selbst ohne den geringsten Beweis bleibt das Getuschel und Gerede und... sie würden das Hotel in Verruf bringen mit ihrer schmutzigen Fantasie darüber, was hier vor sich geht. Und vielleicht müsstest du aus Cardiff weg gehen.“

„Du... du sagst das, als würde ich ihn ermutigen... dazu.“ Dieses Gespräch konnte nicht wirklich stattfinden, oder? Gleich würde er in seinem Bett aufwachen und alles stellte sich nur als ein böser Traum heraus.

„Hast du ihn denn entmutigt? Es sieht nicht danach aus. Und ich glaube wirklich nicht, dass du so naiv bist, dass du nichts bemerkt hast.“ Rhi sah zum ersten Mal wieder auf, in das blasse Gesicht ihres Bruders und sah, dass er mit den Tränen zu kämpfen hatte. „Oh Gott, das wollte ich nicht“, sprudelte es aus ihr hervor und sie eilte hinter den Tresen, um ihn in die Arme zu schließen. „Es tut mir leid, Ianto. So habe ich es nicht gemeint. Ich will doch nicht sagen, dass du etwas Falsches getan hast. Nur... bitte sei vorsichtig. Ich will dich nicht verlieren, nur weil dieser Mann dir den Kopf verdreht.“

„Ich... ich bin völlig verwirrt“, flüsterte er, das Gesicht wie ein Kind gegen die Schulter seiner Schwester gepresst. „Ich will das alles nicht und trotzdem... Er...“ Ianto stockte. „Ich kann nicht aufhören, daran zu denken... an ihn...“

Rhi küsste ihn auf die Stirn. „Du hast es dir noch nie leicht gemacht, wenn du dich verliebt hast.“ Sie sagte es eher zu sich selbst und spürte, wie ihr Bruder stocksteif in ihrer Umarmung wurde.

„Ich bin nicht in ihn verliebt“, wisperte Ianto. „Ich bin nur...“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht so.“

„Du bist nur verwirrt“, bekräftigte Rhi. „Erinnerst du dich, als ich kurz vor der Verlobung mit Johnny stand und plötzlich dachte, ich wäre Hals über Kopf in Andrew verliebt? Ich glaubte, ich würde etwas verpassen, wenn ich so früh heirate und den Rest meines Lebens mit ein- und demselben Mann verbringe. Aber es ging vorbei und ich kann mir jetzt überhaupt nicht mehr vorstellen, ohne Johnny zu sein. Ich weiß, dass du dir dein Leben anders vorgestellt hast. Mit Lisa. Und mit all den Plänen, die ihr hattet.“ Sie strich ihm durchs Haar, wie sie es bei einem ihrer Kinder getan hätte, wenn es aufgebracht zu ihr gelaufen kam. „Du hast dir nie wirklich Zeit genommen, darüber nachzudenken, oder? Darum zu trauern, was ihr beide verloren habt. Ich liebe Lisa fast wie eine Schwester und ich hätte mir nichts Besseres für dich wünschen können, als dass ihr beide miteinander glücklich werden könnt. Aber das wird nie geschehen. Selbst wenn sie irgendwann das Sanatorium verlassen kann, wird sie nie ein normales Leben führen. Sie wird immer auf Pflege angewiesen sein. Nie all die Dinge tun, die ihr geplant habt. Und sie weiß das. Aber ich glaube, du hast das noch nicht realisiert. Und jetzt ist da dieser Mann mit seinem Charme und seinem guten Aussehen und diesen unmöglichen Geschichten, die dir ein anderes Leben zeigen. Aber du darfst dich nicht von ihm einwickeln und zu etwas zwingen lassen, dass du nicht bist.“

„Rhi...“, wandte Ianto schwach ein, doch sie hörte nicht auf ihn.

„Ich habe Angst, dass er dich ausnutzt“, fuhr sie fort. „Deine...“

„Meine Naivität?“, entgegnete Ianto bitter. Er wich unwillkürlich von ihr zurück und ihre Arme fielen zurück an ihre Seite. Sie verschränkte die Hände über der Schürze – eine Haltung, die er von ihrer Mutter wieder erkannte.

„Nein. Du hast einen Hang dazu, dich selbst hintenan zu stellen und die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen als deine. Wir wissen nicht wirklich etwas darüber, wer er ist und woher er kommt, nur das was er dir erzählt.“ Rhi sah ihm in die Augen. „Er... flirtet... mit dir, aber du hast keine Ahnung, welche Motive dahinter stecken. Was ist, wenn er mit dir spielt? Er wird von hier wieder verschwinden und dir bleiben die Gerüchte und das Getuschel und dein ruinierter Ruf. Bitte sei vorsichtig, Ianto. Lass ihn nicht so nahe an dich heran.“

Er wandte den Blick von ihr ab und starrte stattdessen auf die Spitzen seiner blankpolierten Schuhe. Was sollte er antworten? Sie hatte recht was Jack betraf. Aber nichts davon erklärte seine Gefühle. Erklärte nicht, was er gespürt hatte, als Jack ihn berührte – schon vor dem verhängnisvollen Fall im Schnee.  

„Wieso kommst du nicht in die Küche und wir trinken Tee“, meinte sie schließlich, als das Schweigen zu schwer wurde. „Ich habe dich nicht beim Frühstück gesehen.“

„Du musst mich nicht ständig füttern, Rhi. Ich bin nicht eins deiner Kinder.“ Das kam schärfer über seine Lippen als beabsichtigt. „Gib mir fünf Minuten, okay?“, gab er seufzend nach, als sie ihn nur ansah.

Ianto wartete, bis sie in Richtung Küche verschwunden war, dann ging er in sein Zimmer, um sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Mit den rotumrandeten (es hätte noch gefehlt, dass er vor seiner Schwester anfing los zu heulen wie ein Kleinkind, das sich das Knie gestoßen hatte) glänzenden Augen und geröteten Wangen sah er aus als hätte er Fieber. Und so fühlte er sich auch. Krank. Vielleicht war das die Lösung. Vielleicht war er krank und diese Krankheit war der Grund für seine Verwirrtheit. Für die... Gefühle... die Jacks Nähe in ihm auslöste.

Er wusch sich die Hände noch einmal, trocknete sie sorgfältig und inspizierte seine Kleidung nach Wasserflecken, bevor er einen weiteren Blick in den Spiegel warf. Er sah besser aus... seine Wangen hatten ihre normale, blasse Farbe zurück... besser, aber nicht normal.

Auf dem Weg zur Tür streiften seine Augen das Foto von Lisa und ihm, aufgenommen am Tag ihrer Verlobung und er schluckte hart. Vielleicht war es an der Zeit, sie zu besuchen. Mit ihr zu sprechen, sie lachen zu sehen, ihre Hand zu halten. Vielleicht würde er dann wieder heil.


########


„Hal-lo! Sieh dir nur mal an, wie eilig er es plötzlich hat, nach Wales zurück zu fahren“, rief eine helle Frauenstimme hinter ihm her.

„Hey, Harkness! Man munkelt eine Provinzschönheit hat es dir angetan“, gesellte sich eine zweite dazu. „Ein naives Bengelchen vom Land. Ist er besser als die Jungs in London? Ich wette, er ist zumindest billiger. Und sauberer, wenn man ihm erst mal den Mist hinter den Ohren weggewaschen hat.“

Er fragte sich, wieso die beiden ihn so hassten. Es konnte nicht sein, weil er ein Mann war – Torchwood behandelte Frauen schon längst als gleichwertig als ihre Geschlechtsgenossinnen noch für das Wahlrecht protestierten und mehr oder weniger Besitz ihrer Väter oder Ehemänner waren. Eine Frau war gegenwärtig Direktorin des Instituts. Wenn überhaupt, hatten die beiden wesentlich mehr Freiheiten als er. Sein Kontrakt machte ihn zu Torchwoods Eigentum. Und jeder wusste, dass sie nicht nur zusammen lebten um die Miete zu teilen, sie hatten wohl kaum ein Recht, sich über ihn zu ereifern.

Mit einem erzwungen-höflichen Lächeln wandte er sich zu den beiden Frauen um. „Guppy. Holroyd. Alles in Ordnung im Schlangennest?“ Das war die inoffizielle Bezeichnung für den Laborkomplex, der unter Guppys Kontrolle stand – nur, dass niemand außer ihm wagte, ihn vor ihr und Holroyd, ihrer rechten Hand, zu verwenden. Jack fand, dass er genug unangenehme Zeiten mit den beiden dort verbracht hatte, um sich nicht mehr daran zu stören.  

Sie musterten ihn kühl, offenbar wütend darüber, dass er auf ihre Beleidigungen nicht stärker reagierte.

„Alles bestens. Wir bekommen in einigen Monaten ein zweites Baby.“ Emily legte demonstrativ schützend eine Hand auf ihren leicht gewölbten Bauch.

„Wirklich. Meine Glückwünsche“, entgegnete Jack trocken. „War das Erste nicht ein Junge? Habt ihr ihn trotzdem behalten oder in einem Schilfkörbchen die Thames runtergeschickt?“

„Wenigstens wissen wir, wo unser Kind ist“, entgegnete Alice spitz.

Die beiden hatten ihren Spitznamen „Die Torchwood Barrakudas“ nicht zu unrecht. Wenn sie zu bissen, ließen sie nicht locker, bis Blut floss. Sie versuchten offenbar ihn zu einer Reaktion zu zwingen, aber Jack behielt sein nichtssagendes Lächeln bei. Er wusste wo Melissa war und hatte besondere Anstrengungen unternommen, dass Torchwood darüber in Unkenntnis blieb. „Oh ja? Sind seine Reste in der Speisekammer? Für besondere Gelegenheiten?“

Einen Moment dachte er, sie würden ihn körperlich attackieren, doch Emily legte die Hand auf Alice’ Unterarm, stoppte sie wortlos. Alice hasste ihn vom ersten Moment an mit einer Leidenschaft, für die Jack keine Erklärung wusste – aber die sie einmal dazu geführt hatte, ihn eigenhändig bei vollem Bewusstsein zu sezieren, um die Grenzen seiner Regenerationsfähigkeiten zu testen. Er erinnerte sich nicht im Detail daran – vielleicht lag es an den Elektroschocks, mit denen sie zu dieser Zeit auch sehr gerne an ihm experimentiert hatten – aber jemand erzählte ihm, dass sie Emily die Tür des Sektionssaals von außen verschließen ließ, damit niemand den Raum verlassen konnte. Erst der damalige Direktor stoppte sie. Zu groß war seine Sorge, dass Alice in ihrem... wissenschaftlichen... Eifer eine Methode finden könnte, ihn dauerhaft zu beschädigen oder gar endgültig zu töten.

Man munkelte, dass nicht nur die Leute, die unter ihr arbeiteten, sondern sogar Yvonne höchstpersönlich Angst vor ihr hatte.

„Direktor Hartman schickt uns nächstes Jahr als Liaison in die neue UNIT-Niederlassung in New York“, meinte Alice triumphierend.

Er konnte sich vorstellen wie groß die Erleichterung in London sein würde, wenn man die beiden Giftspritzen auf einem anderen Kontinent versetzte.

„Wie bedauerlich, dass sie dich nicht auch nach Amerika gehen lässt“, setzte Emily hinzu und legte den Arm um ihre Partnerin.

„Ja. Hollywood könnte Jack entdecken.“ Sie lachten bösartig. „Und natürlich gibt es dort auch viele hübsche Jungs.“

Er drehte sich auf dem Absatz um und ging weiter. „Sorry... Ladys... ich habe einen Zug zu erreichen.“

„An was denkst du? Eine Neuverfilmung? Die Schöne und Der Freak? Oder vielleicht Frankensteins Monster“, drifteten ihre Stimmen hinter ihm her.

Er fragte sich, welcher arme Idiot wohl dieses Mal als Samenspender für das Baby hatte herhalten müssen. Ob Emily ihn nach der Paarung verzehrt hatte? Oder vielleicht doch Alice...

Jack atmete auf, als er aus dem Gebäude und ins Freie trat. Das Ticket für die Fahrt zurück nach Cardiff steckte bereits in seiner Manteltasche. Alles was er zu tun hatte, war seine Reisetasche aus der Pension zu holen, in der er während seines Aufenthaltes in London geschlafen hatte; es ablehnend, in sein alters Quartier zurück zu kehren. Eine billige Absteige, so verschieden wie nur möglich zu seinem Raum in Iantos Hotel...

Er schlug den Mantelkragen gegen den kalten Wind und noch kälteren Nieselregen hoch – kein Schnee hier - steckte die Hände in die Taschen und zog die rechte Hand überrascht wieder heraus, als etwas darin knisterte. Es war das Zugticket. Und eine Tarotkarte. Die Liebenden.


Faith hatte ihm die Karten gelegt, bevor er Wales verließ. Allein der Gedanke an die seltsame Kind-Frau mit ihren toten, leeren Augen ließ einen Schauer über seinen Rücken laufen, der nichts mit der Witterung zu tun hatte.

Sie hatte sich nicht verändert, obwohl mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen war, seit er ihr das erste Mal in einer kleinen Taverne in Cardiff begegnet war.

Wortlos drehte sie die eine Karte um. „Der Teufel. Eine Illusion.“ Sie legte eine neue Karte offen. „Der Turm. Er zerstört die Illusionen.“ Ein emotionsloses Lächeln spielte um ihre kindlichen Lippen und sie blickte ihn ohne zu Blinzeln an, anstatt auf die Karten zu sehen. Ihre blassen Finger schienen sie kaum zu berühren, als drehten sie sich selbst mit der Bildseite nach oben. „Der Stern. Das Ziel der Reise wird erreicht.“

Und wieder erklärte sie ihm, dass er warten müsse. Warten auf den Doctor. Er würde ihn wiedersehen, aber nicht bevor ein neues Millennium begonnen hatte. Nun, Millennia verloren erheblich an Reiz, wenn man erst einmal mehrere davon erlebt hatte…

Obwohl er sich jetzt wie ein Idiot vorkam, hatte es sich damals völlig normal angefühlt, sie zu fragen, ob sie in ihren Karten einen bestimmten, jungen Mann in seiner Zukunft sehen könne. Sie hatte keine Miene verzogen, aber für einen Moment schien ein seltsames Licht in ihren toten Augen, ließ sie aufleuchten.

Dieses Mal war er sicher, dass sich die Karte von selbst bewegte. Die Liebenden. Gefolgt von Der Mond. Faith berührte die erste Karte mit den Fingerspitzen und als sie die Hand zurückzog, zeigte die Karte nicht mehr Frau und Mann, sondern Mann und Mann. „Er ist in einem tiefen Zwiespalt, aber wenn er seinen Weg gefunden hat, wird er ihn für eine lange Zeit mit dir teilen, Captain.“ Sie hielt die Hand flach über die Tischplatte, mit der Innenseite nach unten und bewegte sie langsam von links nach rechts. Alle Karten drehten sich gehorsam mit der gemusterten Seite nach oben, verbargen ihre Gesichter.

Er hatte ihr zugenickt und war aufgestanden, um den Tisch zu verlassen. Als er sich noch einmal umwandte, nur ein paar Schritte von ihr entfernt, war sie nicht mehr da. Verschluckt von den Schatten des alten, schummrig beleuchteten Pubs.


Jack war sich sicher, dass er die Karte noch nicht in der Tasche hatte, als er in den Zug stieg, um nach London zu fahren. Er hatte sie nicht vom Tisch genommen und selbst dorthin befördert. Woher also kam sie nun?

Er dachte daran, wie sich das Bild auf der Karte geändert hatte und beschloss nicht weiter darüber nachzugrübeln. Vorsichtig verstaute er die Tarotkarte wieder in der Tasche, wischte sich den Regen aus den Augen und machte sich auf den Weg in die Pension. Wie er zu den Barrakudas gesagt hatte, der Zug wartete nicht auf ihn.


########


Der Korb schlug bei jedem Schritt rhythmisch gegen seine Seite, aber Ianto schenkte dem keine Beachtung. Er zog den Kopf ein, als ihm eine schneidende Bö Schnee ins Gesicht blies und geriet auf dem eisigen Grund fast ins Schliddern. Laut der Vorhersage im Radio hätte sich das Wetter heute eigentlich bessern sollen.

Er hätte den Wagen nehmen sollen, anstatt Johnny zu erlauben, ihn sich für die Fahrt mit seinen Freunden zu einem Rugby-Spiel im Norden auszuleihen. Oder wenigstens den Bus, anstatt sich hier langsam in einen Eiszapfen zu verwandeln.

Ianto fühlte Feuchtigkeit in seinen Kragen sickern und zog den Schal enger um seinen Hals. Trotz dicker Mütze und Handschuhen fühlten sich seine Ohren und Finger taub an. Sein Atem bildete eine weiße Wolke vor seinem Gesicht. Er nickte Mrs. Miller grüßend zu, zog aber den Kopf ein und eilte weiter, bevor sie auf die Idee kam, die Straße zu überqueren und ihn in ein Gespräch zu verwickeln; sich nach seiner Schwester und den Kindern zu erkundigen und möglicherweise ganz zufällig zu erwähnen, dass ihre jüngste Tochter Cerys immer noch nicht verheiratet war.

Der Wind ließ plötzlich nach, aber dafür schien der Schnee noch dichter als zuvor zu fallen. Es kam ihm so vor, als schreite er durch einen Vorhang aus kalten, weißen Flocken die alles um ihn herum dämpften. Er hörte das Knirschen seiner eigenen Schritte, das Knattern eines LKW-Motors irgendwo hinter ihm. Andere Passanten eilten dick vermummt, die Köpfe eingezogen an ihm vorbei, plötzlich aus dem Schneetreiben auftauchend und ebenso abrupt wieder verschwindend.

Zwanzig Minuten später verließ er einen kleinen Gewürz/Tee- und Kräuterladen - auf den Rhi schwor – mit den letzten drei Posten auf der Liste, die ihm seine Schwester mitgegeben hatte: einem kleinen Glas mit Currypulver, einer Papiertüte mit Rosinen und einer zweiten mit Süßholzwurzeltee für Micas Husten.

Er zog die Mütze tiefer in die Stirn als er wieder ins Schneetreiben trat. Und beinahe mit einem vorbeieilenden Mann zusammenstieß.

„Ianto Jones, bist du das? Ich habe dich fast nicht erkannt bei diesem Wetter – das vermisse ich übrigens in London überhaupt nicht“, fragte Aiden lachend und klopfte ihm auf die Schulter. „Blwyddyn Newydd Dda.”

„Blwyddyn Newydd Dda.” Ianto schüttelte die Hand seines früheren Schulfreundes. „Deine Mutter hat nicht erzählt, dass du über die Feiertage nach Hause kommst.“ Aiden war vor ein paar Jahren aus Cardiff weggezogen und Mrs. Bryn hielt die halbe Stadt über seine Fortschritte auf dem Laufenden.

„Sie wusste nichts davon. Wir wussten es mehr oder weniger selbst nicht.“ Aiden grinste. „Gott, du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als wir vor der Tür standen, Ianto.“

„Wir?“, fragte Ianto. „Du lebst mit jemand zusammen?“

Aiden hob die Hand und wackelte mit dem Ringfinger. Natürlich war wegen des Handschuhs nichts zu sehen, aber Ianto wusste die Geste zu deuten. „Ich bin verheiratet, Ianto, was sagst du dazu? Sabrina und ich haben zwei Tage vor Weihnachten geheiratet – irgendwann wird mir Mam dafür verzeihen, dass wir nicht die ganze Familie eingeladen haben. Aber wir hatten es eilig. Sabrina ist im siebten Monat schwanger und wir wollten nicht, dass das Kind unehelich zur Welt kommt.“

„Das ist ja wunderbar. Ich gratuliere dir.“ Ianto zuckte zusammen, als Aiden ihn überschwänglich umarmte und auf den Rücken klopfte.

„Wir müssen uns unbedingt treffen, bevor wir nach London zurück fahren, ja?“, sagte Aiden. „Wir machen ein Date zu Viert daraus, okay? Du und Lisa und ich und Sabrina.“

Ianto zuckte zusammen als hätte ihm der alte Freund einen Schlag in die Magengrube verpasst. „Das ist leider nicht möglich“, sagte er, sein Mund trocken. „Hat deine Mutter dir nichts erzählt?“ Als Aiden den Kopf schüttelte und ihn fragend ansah, fuhr er fort: „Lisa hatte vor einigen Jahren einen Unfall. Sie lebt seither in einem Sanatorium, sie kann nicht mehr laufen und ihre Eltern schafften es nicht, sich um sie und um den Laden zu kümmern“, sagte er leise.

„Oh mein Gott, das tut mir wirklich leid, ich hatte keine Ahnung.“ Aiden wirkte ehrlich erschüttert. „Ich… ich dachte sicher ihr beide wärt inzwischen verheiratet und hättet mindestens ein oder zwei Kinder.“

Eine verlegene Pause breitete sich zwischen ihnen aus. Ianto schob die Hände in die Taschen seines Mantels und Aiden betrachtete die Eisblumen am Schaufenster des Teeladens.

„Ich… muss dann mal weiter“, meinte Aiden schließlich. „Sabrina hatte plötzlich solche Lust auf heiße Schokolade, aber es war kein Kakao mehr da, ich wollte nur hier rasch welchen holen. Die beiden warten bestimmt auf mich.“

„Natürlich.“ Ianto zwang ein Lächeln auf seine Lippen. „Ich wünsche dir und deiner Frau das Beste. Und natürlich auch für das Baby.“

„Richte deiner Schwester meine Grüße aus.“ Aiden wich seinem Blick aus.

Sie schüttelten einander wieder die Hände, Aiden bedankte sich noch einmal und verschwand dann rasch in den Laden. Ianto sah ihm einen Moment nach, dann hob er die Schultern und setzte seinen Weg fort. Er wünschte, er könnte sagen, dass so etwas zum ersten Mal passiert war… aber das war es nicht und es wurde nie einfacher.

Plötzlich musste er an die Nacht des Jahreswechsels denken.


Sylvester war im Gegensatz zu Weihnachten eine eher ruhige Angelegenheit.  Rhi hatte für alle ein Festessen gekocht. Martha und Mickey waren zurück, dafür verbrachte Tosh den Abend bei Andys Eltern. Er wollte sie ihnen endlich offiziell vorstellen. Am Morgen davor hatte er Ianto anvertraut, dass er bereits einen Verlobungsring gekauft hatte.

Nach dem Essen spielten sie eine Weile mit den Kindern, und nachdem sie ins Bett geschickt worden waren, tranken die Erwachsenen heißen Cider mit Gewürzen und schottischen Whiskey, für diese Gelegenheit aufgespart. Sie unterhielten sich und ließen das Jahr Revue passieren, erinnerten einander an die guten und die schönen Momente, genau wie an die traurigen und unangenehmen.

Einem alten walisischen Brauch folgend, öffneten Ianto, Rhiannon und Johnny um Mitternacht die Türen des Hauses, um symbolisch das alte Jahr hinaus zu lassen, und das neue Jahr zum Eintreten zu bewegen.

Ianto lehnte einen Augenblick gegen den Türrahmen des Haupteinganges und atmete die schneidend kalte Luft tief ein, um den Alkoholdunst in seinem Kopf zu klären. Er starrte hinaus ins Dunkel, wo jenseits der Laterne im Hof dichter Schnee fiel. Irgendwo brandete Musik und Gelächter auf, auf der anderen Seite der Straße feierten Leute ebenfalls die Ankunft des neuen Jahres.

Er schlang die Arme fest um sich selbst, obwohl es nicht viel dazu tat, die Kälte abzuwehren und schloss die Augen. Wie jedes Jahr um diese Zeit dachte er an Lisa, hoffte dass das kommende Jahr dasjenige sein mochte, in dem das Wunder geschah und sie wieder gesund werden würde.

Ianto öffnete die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Durch den Schneefall konnte er ein paar vereinzelte Sterne sehen, aber keine bestimmte Konstellationen ausmachen. Sie hatten Stunden auf dem Dach verbracht und Konstellationen gesucht und er hatte gebannt den Geschichten von fernen Planeten und Sonnen gelauscht, gegen Jacks Schulter gelehnt… Jack. „Blwyddyn Newydd Dda, Jack. Wo immer du bist.”

Er hoffte es war die Kälte, die seine Wangen brennen ließ, als Rhi und Johnny unvermittelt auftauchten und ihn damit aufzogen, dass er wohl in der immer noch offenen Tür festgefroren wäre...


Ianto hatte unwillkürlich den Kopf in den Nacken gelegt und in den grauen Himmel gestarrt, wo um diese Tageszeit und bei diesem Wetter natürlich kein Stern zu sehen war. Er senkte den Blick und sah sich um, in Gedanken verloren war er in eine Nebenstraße gewandert. Links von sich entdeckte er eine Bewegung im Schneetreiben, nur einen grauen Schatten. Hinter sich hörte er das Klatschen von schweren Stiefeln auf Asphalt, jemand rannte trotz Schnee und Eis über die Straße. Ianto sah über die Schulter, aber er konnte nicht mehr als eine dunkel gekleidete Gestalt ausmachen.

Einen Moment später rammte ihn jemand und Ianto verlor auf dem überfrorenen Schnee das Gleichgewicht. Der Korb mit seinen Einkäufen wurde zur Seite geschleudert und landete irgendwo im Rinnstein. Ianto knallte auf den Boden, landete auf dem linken Arm und vergaß über den weißglühenden Schmerz für ein paar Minuten alles andere. Er hörte Stimmen – zwei, vielleicht drei Personen und dann ein paar dumpfe Knalle, als hätte jemand Böller gezündet oder ein LKW hatte Fehlzündungen.

Er rollte sich langsam auf die rechte Seite, und setzte sich vorsichtig auf, den linken Arm mit der rechten Hand an seinen Körper pressend. Ianto erstarrte.

Das Ding vor ihm auf dem Boden zuckte noch ein Mal, dann lag es völlig reglos. Sofort begann der Wind es mit einer feinen, weißen Decke aus Schneeflocken zu bestäuben.

Trotzdem sah er genug von der grauen Haut, die feucht schimmerte und mit feinen Schuppen bedeckt war, und die ihn an einen Schlangenledergürtel erinnerten, den Doctor Smith von einer seiner Reisen mitgebracht hatte. Das Gesicht... das Gesicht hatte keine erkennbaren Züge. Zwei horizontale Schlitze, in denen schwarze Augen wie Glasmurmeln saßen und leer nach oben starrten. Darunter keine Nase, nur zwei winzige, tropfenförmige Löcher in der grauen Haut, gefolgt von einer weiteren, annähernd dreieckigen Öffnung, in der ebenfalls dreieckige Zähne auszumachen waren. So wie das... Geschöpf... gefallen war, verschwand der Rest seiner Gliedmaßen unter einer Art schwarzen Umhangs. Nur eine graue Hand mit drei Fingern, die in dunkle, spitze Fingernägel ausliefen, war zu sehen. Um das schlaffe Handgelenk wand sich ein grünes, in komplizierte Knoten geflochtenes Band, von dem bronzefarbene Perlen hingen.

„Keine Bewegung“, befahl ein untersetzter Mann mit rötlichen Haaren und einer Motorradkluft, der wie aus dem Nichts auftauchte und einen Revolver auf ihn richtete.

Ianto hatte nicht die geringste Absicht, sich zu bewegen. Es war eine Sache gewesen, Jacks Geschichten über... über... die Existenz solcher Kreaturen zu hören. Er hatte einen Weevil und die Fae gesehen. Ein kleiner Teil seines Verstandes war bereit es zu akzeptieren, doch der größere Teil von ihm schrie dass er sich den Kopf angeschlagen hatte und sich das alles nur einbildete.

Zwei weitere Männer tauchten auf, und auch sie hielten Revolver in den Händen. Doch ihre Waffen waren auf das graue Ding im Schnee gerichtet, nicht auf ihn.

Einer von ihnen, der Älteste der drei Bewaffneten, hatte im Hotel gewohnt. Es war Jacks Boss, Alex Hopkins.

Jack.

Er sollte endlich aufhören, an ihn zu denken. Aber da war diese Stimme, die darauf beharrte, dass er froh sein würde, ihn zu sehen. Und erleichtert. Jack würde wissen, was zu tun war. Das hier war so fern seiner Welt... so bizarr, dass es direkt aus einer der Erzählungen des Captains stammen musste.

"Mister Jones", sagte Hopkins und seine Stimme klang unerwartet freundlich. "Es ist okay. Thom, Geraint, das ist Ianto Jones - ein Freund von Jack - und er war Torchwood bereits früher behilflich. Vergewissert euch, dass der Oatu tot ist und schafft ihn von hier weg, bevor uns noch jemand sieht. Ich kümmere mich um Mister Jones."

Eine innere Stimme fragte ihn, worin dieses "sich kümmern" bestehen mochte. Er war Zeuge von etwas geworden, das niemand wissen sollte.

Als der ältere Mann auf ihn zukam, rutschte er instinktiv zurück, bis er mit dem Rücken gegen eine Hauswand stieß.

Alex Hopkins ging vor ihm in die Hocke und hielt die leeren Hände hoch, nachdem er seine Waffe in ein Holster an seinem Gürtel gesteckt hatte. Er blockierte den Blick auf die beiden anderen Männer und das… Ding. „Es ist alles okay. Die beiden sind erst vor ein paar Tagen aus London zu uns gestoßen und wussten nicht, dass Sie kein ahnungsloser Passant sind", sagte Hopkins beruhigend. "Ich weiß, Sie werden für sich behalten, was Sie eben gesehen haben."

„Ich bin ein ahnungsloser Passant“, beharrte Ianto.

„Es fällt mir schwer, das zu glauben. Ich weiß, wie sehr Jack von Ihnen eingenommen ist.“ Alex musterte ihn. „Darf ich mir Ihren Arm ansehen? Ich bin kein Arzt, aber ich habe ein paar Kenntnisse über Erste Hilfe.“

Ianto senkte den Blick auf den Boden.

„Ich kenne ihn seit über zwölf Jahren“, sagte Hopkins, während er vorsichtig Iantos Arm von der Schulter bis zum Handgelenk abtastete. Er sah den jungen Mann zusammenzucken und versuchte ihn abzulenken. „Vielleicht kenne ich ihn so gut, wie es möglich ist, ihn zu kennen. Jack hat sich mit Händen und Füßen gesträubt, nach Cardiff zu fahren und jetzt will er nicht mehr weg. Er hat sogar unsere Direktorin davon überzeugt, dass es notwendig ist, die alte, in den Zwanzigern aufgegebene Basis hier wieder in Betrieb zu nehmen und ihn auf Dauer hier zu stationieren.“ Er klopfte Schnee von Iantos Mantel und half ihm auf die Beine. „Ich denke nicht, dass etwas gebrochen ist, aber ich fürchte, Sie kommen nicht um ein paar Prellungen herum.“

Ianto lehnte gegen die Hauswand und hielt seinen schmerzenden Arm, während er mit einer gewissen Benommenheit beobachtete, wie Alex Hopkins seine verstreuten Einkäufe einsammelte und wieder im Korb verstaute. Die beiden anderen Männer und das Ding mit der grauen Haut waren verschwunden. Wären nicht die Fußspuren im Schnee und ein paar dunkle Flecken zurückgeblieben, hätte er glauben können, er hätte sich das Ganze wirklich nur eingebildet.

Finger tauchten in seinem Blickfeld auf, schnipsten um seine Aufmerksamkeit zu erregen. „Ianto? Sind Sie noch bei mir?“ Er blinzelte, nickte dann und sah den anderen Mann direkt an. Hopkins musterte ihn erneut. „Ich denke, ich begleite Sie besser nach Hause“, sagte der Leiter von Torchwood Cardiff. Er trug den Korb, und Ianto stützte seinen schmerzenden Arm mit der freien Hand.

Alex dirigierte ihn aus der Gasse zurück auf die Straße und ging neben ihm her.

„Was war das?“, fragte Ianto nach einer Weile. „Oder sollte ich das besser nicht fragen?“

„Sie nennen sich Oatu – oder zumindest klingt ihr Name so ähnlich. Und das ist auch schon so ziemlich alles, was wir über sie wissen. Vielleicht erfahren wir mehr, wenn sich unser Arzt mit der Leiche beschäftigt hat.“ Hopkins lachte leise. „Ich wette Jack lässt in seinen Geschichten alles sehr abenteuerlich klingen, aber ich verbringe die eine Hälfte meiner Zeit damit, Papierkram zu erledigen und die andere damit, um mein Leben zu rennen.“

„Jack ist… nicht hier?“, fragte der junge Waliser zögernd.

„Er ist in London.“ Alex sah ihn interessiert an. „Hat er das nicht gesagt?“

Jones errötete. „Ich habe… seit einer Weile nicht mehr mit ihm gesprochen. Oder ihn gesehen.“

Jack war seit Weihnachten in einer merkwürdigen Stimmung. Er flirtete und scherzte, hatte immer einen flotten Spruch auf Lager, aber Alex kannte Jack lange genug, um zu sehen, dass er etwas anderes dahinter verbarg. Zuerst hatte er angenommen, dass es seine übliche Rastlosigkeit war, dass das Novum Cardiffs verflogen war und ihn die Wanderlust packte.

Aber nun dachte er, dass es möglicherweise etwas mit dem blassen jungen Mann an seiner Seite zu tun hatte. Die Einladung, Weihnachten mit der Davies-Familie zu verbringen, bedeutete offenbar eine Menge für Jack. Sie saßen manchmal in ruhigen Nächten im Büro und unterhielten sich über einem Glas Scotch – und Alex erinnerte sich plötzlich, wie oft Jack über den jungen Waliser sprach. Er hoffte, Jack hatte keine Dummheiten gemacht. Er hoffte, Jack hatte sich nicht in Jones verliebt. Oder war es bereits zu spät? Hatte Jack einen Annäherungsversuch gemacht und Jones ihn zurückgewiesen? Es würde sicherlich einiges erklären. Unter anderem Jacks Laune und das Stillschweigen zwischen ihm und Jones.

Sie gingen schweigend nebeneinander her bis das Hotel vor ihnen auftauchte. Rhi fegte die Vordertreppe, als Alex und Ianto sich näherten. Sie wandte sich um, als sie sie bemerkte – und sah die beiden Männer fragend an. Ihr Blick fiel auf Iantos Arm, den er noch immer festhielt.

„Mrs. Davies“, sagte Hopkins rasch. „Hallo. Keine Sorge, Ihr Bruder hatte nur einen kleinen Unfall, aber er ist okay. Das Eis ist hier wirklich stellenweise heimtückisch.“

„Was ist passiert?“, fragte Rhiannon und eilte an die Seite ihres Bruders. „Ianto?“

„Ich bin ausgerutscht, hingefallen und auf meinem Arm gelandet. Mr. Hopkins war so freundlich, mich zurück zu begleiten. Ich bin okay, Rhi“, wehrte er sie ab und ging ohne ein Wort ins Haus.

Alex reichte ihr den Korb. „Guten Tag, Mrs. Davies.“ Er ging bevor Rhi eine Frage stellen konnte.

Sie sah ihm einen Moment verblüfft nach, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und folgte Ianto. Er war in seinem Zimmer und versuchte seinen Mantel auszuziehen ohne seinen verletzten Arm dabei zu sehr zu bewegen.

Rasch stellte Rhi den Korb zur Seite, kam ihm zu Hilfe und nahm ihm den feuchten Mantel ab. „Ich hänge den zum Trocknen auf und hole dir Arnika-Tinktur zum Einreiben für deinen Arm. Kommst du alleine mit dem Pullover zurecht?“

„Ich bin ausgerutscht und hingefallen, Rhi. Kein Krüppel.“ Kaum war das Wort über seine Lippen, wurde er blass und setzte sich rasch hin.  

Wortlos zog ihm Rhi den Pulli über den Kopf, und knöpfte sein Hemd auf, um es ihm über die Schultern zu ziehen. „Das sieht böse aus“, meinte sie schließlich und betrachtete die bereits ins bläuliche verlaufenden Prellungen an seinem Arm. „Kannst du ihn bewegen? Wenn nicht rufe ich Doktor Burgess an.“

„Ich kann ihn bewegen, es tut nur weh.“ Ianto hob den Arm um es zu demonstrieren. „Mir ist kalt, Rhi. Kannst du mir etwas Heißes zu Trinken besorgen? Tee ist okay.“ Er wusste in der Küche stand immer eine Kanne bereit.

„Natürlich. Und ich bringe die Arnika-Lotion. Erinnerst du dich, wie gut sie geholfen hat, als David von der Schaukel gefallen ist? Nach einer Woche waren seine blauen Flecken weg.“ Rhi eilte aus dem Raum.

Ianto lehnte sich in seinem Stuhl zurück, kickte seine nassen Stiefel von den Füßen und rieb sich mit der unverletzten Hand übers Gesicht. Hatte er wirklich gesehen, was er glaubte, gesehen zu haben? Das graue Gesicht mit dem dreieckigen Mund und den schwarzen Augen tauchte in seiner Erinnerung auf und er schloss die Lider.

Ein paar Minuten später war Rhi zurück und reichte ihm einen Becher. „Ich habe einen Tropfen Whiskey reingetan. Es war noch ein Rest von Sylvester da“, sagte sie und begann – während er an dem Tee nippte – seinen Arm mit der Tinktur einzureiben. Seine Haut verfärbte sich leicht orange und er mochte den Geruch nicht, aber sie fühlte sich kühl an und schien den brennenden Schmerz sofort ein wenig zu mildern. Vielleicht war es auch der Whiskey.


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Alex war gerade erst in ihr vorläufiges Hauptquartier in dem alten, zugigen Lagerhaus zurückgekehrt, als Schritte auf der Holztreppe zu seinem Büro zu hören waren. Er zog den Mantel enger um sich und legte mehr Holzscheite in den Ofen. Niemand hatte das Feuer geschürt, während er mit Thom und Geraint hinter dem Oatu hergewesen war und es war bis auf ein paar matt glühende Kohlen heruntergebrannt, so dass der Raum schnell ausgekühlt war.

Er erwartete ein Klopfen an der Tür – oder in Jacks Fall – einfach das Öffnen. Aber die Schritte gingen an seinem Büro vorbei, über eine weitere, knarrende Holztreppe und dann konnte er das Zuschlagen einer Metalltür hören.

So, es war also Jack, zurück von seinem Ausflug nach London. Yvonne hatte ihn hinzitiert, aber Alex wurde nicht über den Grund dafür informiert. Es wurde ihm lediglich mitgeteilt. Allerdings hatte Hopkins eine ziemlich gute Ahnung, worum es ging. Yvonne war alles andere als glücklich mit Jacks Ansinnen, sich hier in Wales häuslich nieder zu lassen. Vielleicht fürchtete sie, dass er sich hier zu sehr ihrer Kontrolle entzog (was gleichzeitig bedeutete, sie nahm an, dass Alex ihn nicht in den Griff bekam – es war schließlich kein Geheimnis, dass sie seit Jahren befreundet waren, selbst als Alex den Platz von Jacks Vorgesetzten einnahm) oder mehr über diesen Rift und die alten Anlagen von Torchwood 3 wusste, als ihr lieb war.

Nach einem Moment stand er auf und verließ sein Büro – und die angenehme Wärme des Ofens – und stieg die beiden kurzen Treppen hoch, in Jacks Zimmer.

Nun, angesichts der Tatsache, dass es sich eher um einen Verschlag unter dem Dach handelte – er würde nie verstehen, wieso sich Jack ausgerechnet den kältesten und zugigsten Raum im ganzen Gebäude ausgesucht hatte, wenn er mit den anderen ein Quartier im Nebengebäude beziehen konnte – war es vielleicht nicht überraschend, dass Jack im Hotel bleiben wollte.

Sein Atem kondensierte zu einer weißen Wolke, als er die schwere Metalltür hinter sich ins Schloss fallen ließ. Schnee bestäubte die Leiter, die zum Dach führte und den Boden darum herum. Der Grund dafür wurde klar, als Alex nach oben sah. Die Dachluke stand trotz der Kälte offen und der Wind blies hier und da einen Schneewirbel herein.

Jack saß in voller Montur auf der klapprigen Pritsche, die als Bett diente und schien weder den Schnee noch einen fluchenden Alex zu bemerken, der die Leiter hochkletterte um die Luke zu schließen. Er kramte in einer Blechdose in der vor etlichen Jahren wohl mal Kekse gewesen waren, die aber jetzt hauptsächlich aus Rost zu bestehen schien.

Alex zog den einzigen Stuhl im Raum – genaugenommen das einzig andere Möbel, abgesehen von der Schlafpritsche – neben das Bett und lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. „Wie war London?“, fragte er, und zwang seine Zähne dazu, nicht zu klappern. „Ich habe schon gehört, dass du Yvonne überzeugt hast, dich ein weiteres halbes Jahr hier zu lassen. Womit hast du sie bestochen?“

Der andere Mann sah endlich auf. „Ich hatte etwas, dass sie wollte“, entgegnete er knapp.

„Und was war das, Jack? Dein erstgeborenes Kind?“ Angesichts der Umstände klang die Phrase wie ein grausamer Scherz. Alex hob die Hand. „Du weißt, was ich meine.“

Jack schnitt eine Grimasse. „Nein, dieses Mal hat sie sich mit meinem Wissen zufrieden gegeben. Der Doctor war in London, über die Feiertage, obwohl ich nicht annehme, dass er deshalb dort war. Sie haben Spuren eines Kampfes entdeckt, etwas das wie die ausgebrannte Hülle eines Spacehoppers aussah.“ Jack zuckte mit den Schultern. „Das einzige, das zu identifizieren war, ist eine außerirdische Waffe und sie wollte von mir wissen, wie sie funktioniert.“

Alex’ Augen verengten sich misstrauisch. „Und du hast ihr gezeigt, wie sie sie verwenden kann?“

„Ja.“ Jack grinste. „Wenn sie eine Möglichkeit findet, die Batterie aufzuladen. Aber ich schätze, es dauert noch vierzig, fünfzig Jahre, bis das der Fall sein wird.“

Hopkins erwiderte das Grinsen. „Das hast du ihr vermutlich nicht gesagt“, entgegnete er trocken.

Jack zuckte mit den Schultern. „Ich habe mich nicht direkt auf einen spezifischen Zeitraum festgelegt. Aber es hat ihr gereicht, um mich für weitere 6 Monate hier zu lassen.“

Er stellte die Blechdose zur Seite und Alex konnte einen Blick hinein werfen. Fotos, Briefe, eine Kinderzeichnung. Und einen Ring, der aber zu klein und plump war, um ein Schmuckstück zu sein. Er erinnerte Alex – vermutlich wegen der noch nicht so lange zurückliegenden Weihnachtsfeiertage – an eines der Ornamente, die seine Großmutter im Plumpudding versteckte, als er ein Kind gewesen war.

Nun zog Jack etwas aus seiner Tasche, strich es glatt und legte es in die Box. Es war eine Spielkarte... nein, eine Tarotkarte, wie sie Wahrsager verwendeten.

„Ich wusste nicht, dass du einen Hang zu Esoterik hast.“

„Muss diese Gegend sein.“ Jack hämmerte den Deckel mit der Faust auf die Keksdose. Rost bröselte ab und fiel auf die dünne Matratze. „Dieser ganze Aberglaube. Was war hier los, während ich vor Yvonne katzbuckeln musste?“

„Und trotzdem willst du unbedingt hier bleiben...“ Hopkins streckte die Beine aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Das sollte interessant werden. „Oh, das übliche. Ein paar weitere Weevil sind aufgetaucht, sie scheinen sich prächtig zu vermehren. Wir mussten zwei töten, sie hatten einen Mann bei helllichtem Tage attackiert. Glücklicherweise erinnerte er sich nicht mehr daran, was ihn angegriffen hatte – wir haben es wieder den verwilderten Hunden in die Schuhe geschoben. Und dein Lieblingshotelier war in einen kleinen Zwischenfall verwickelt.“

Plötzlich hatte er Jacks volle Aufmerksamkeit. Der andere Mann setzte sich ruckartig auf. „Was ist passiert?“, fragte er scharf.

Alex zog eine Augenbraue hoch. Sieh mal einer an... „Er hatte einen Zusammenstoß mit einem Oatu – im wörtlichen Sinne. Keine Sorge, er wurde nicht verletzt, aber er ist gestürzt und mit dem Arm aufgekommen. Das gibt ein paar hässliche Prellungen, das wird er überleben.“

„Bist du sicher?“, fragte Jack angespannt. „Sie haben diese kleinen Druckluftwaffen, mit denen giftige Dornen verschossen werden. Die sind so spitz, dass man kaum merkt, wenn man getroffen wird.“

„Dieser hier hatte keine Waffe.“ Je angespannter der andere Mann wirkte, desto gelassener erschien Alex. „Er ist durch einen Rift-Riss gefallen. Nach allem was wir über die Oatu wissen war er vielleicht gerade auf dem Weg nach Hause zu Frau Oatu und freute sich darauf, den Abend mit seinen kleinen Oatus zu verbringen.“ Hopkins schraubte den Sarkasmus eine Stufe herunter. „Wir hätten versucht, ihn lebend zu fangen, aber Thom und Geraint waren vor mir und als sie gesehen haben dass er einen Passanten anzugreifen schien, haben sie ihn erschossen. Ich denke, der Oatu ist einfach nur in Panik geflohen und hat Jones dabei umgerannt, der wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort war.“

Jack beugte sich vor. „Du hast ihn untersuchen lassen, oder? Ich meine Ianto, nicht den Oatu.“

„Nein. Ich habe ihn nach Hause gebracht und ihn der Obhut seiner Schwester übergeben. Ich bin nicht völlig dämlich, Jack, ich habe seinen Arm abgetastet und keinen Bruch gefunden. Er konnte ihn offenbar bewegen, auch wenn es wehtat. Es ist besser, keine große Sache daraus zu machen. Und er hat es recht gut weggesteckt, denke ich.“

„Was soll das heißen?“ Jack runzelte die Stirn. „Du hast ihm doch sicher Retcon gegeben, oder? Er wird sich morgen an nichts mehr erinnern.“

„Nein.“ Bis zu diesem Moment hatte Alex nicht an seiner fast instinktiven Entscheidung gezweifelt. „Ich habe ihm gesagt, dass ich darauf vertraue, dass er für sich behält, was er gesehen hatte. Er hat auch die Begegnung mit dem Weevil und mit diesen Fae für sich behalten, oder? Ich meine, ich habe nichts dagegen, wenn er mit dir darüber spricht... was es vermutlich einfacher für ihn macht.“

„Nur, dass er nicht mit mir spricht“, murrte Jack – allerdings so leise, dass Alex ihn nicht gehört hätte, hätte er nicht direkt neben ihm gesessen. „Seit wann verstößt du gegen Torchwoods Regeln und lässt einen Zeugen unbehelligt?“

Hopkins zuckte mit den Schultern. „Du vertraust ihm. Das ist gut genug für mich.“

„Alex, du hast keine Ahnung.“ Jack rieb sich übers Gesicht, seine Schultern sackten nach unten. Als er weiter sprach, klang seine Stimme so müde wie seine Haltung suggerierte das er sich fühlte. „Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Ja?“, fragte Alex, als nichts weiter kam.

„Als er mich eingeladen hatte... Weihnachten mit seiner Familie zu verbringen...“ Jack ballte die Hände zu Fäusten, presste sie frustriert gegen die Schläfen. „Ich habe für eine Weile vergessen, dass ich nicht wirklich dazugehöre. Und Ianto... wir hatten einen kleinen Zusammenstoß draußen vor dem Holzschuppen.“

„Okay?“, entgegnete der andere Mann gedehnt, als Jack wieder stoppte. „Mach es nicht so spannend. Zusammenstoß wie in... ihr hattet eine Meinungsverschiedenheit? Was, bist du seiner Schwester zu nahe gekommen?“

„Nein.“ Jack holte tief Luft. „Es war glatt. Er ist ausgerutscht und ich wollte ihn abfangen. Dabei sind wir beide auf dem Boden gelandet. Er auf mir.“ Er blickte Hopkins spöttisch an. „Er muss den Winter hassen.“ Dann machte er eine vage Geste mit der Hand. „Ich habe ihn geküsst. Verdammt, Alex, du hättest an meiner Stelle der Versuchung auch nicht widerstanden.“

„Ich bin sicher, ich hätte, aber wir reden nicht von mir“, entgegnete sein Boss nach einem Moment. „Und ich nehme an, das deine... Aufmerksamkeit... nicht willkommen war?“

Der Captain stand auf und begann im Raum auf und ab zu wandern. „Er hat mich zurückgeküsst. Nur einen Moment lang, aber es war lange genug, dass ich es mir nicht nur eingebildet habe. Dann tauchte sein Schwager auf und es war vorbei.“

Alex seufzte. „Jack, ich habe dir gesagt, du sollst die Finger von ihm lassen, oder etwa nicht? Das hier ist nicht London, du kommst nicht mit ein paar Geldscheinen und einer Verwarnung davon, wenn du mit einem deiner Jungs erwischt wirst und jemand bei der Polizei bestichst, den Bericht verschwinden zu lassen. Hier ist Torchwood schon so lange abwesend, dass wir nicht mal mehr ein Gerücht sind und wir haben keinen Einfluss auf die Polizei. Yvonne wird sich sicher nicht aufraffen, ihre Kontakte zu bemühen und dich aus dem Gefängnis zu holen, sondern eher denken, dass es dir recht geschieht.“

„Ianto ist nicht einer meiner Jungs“, erwiderte Jack ächzend. „Er ist nicht...“ Er lehnte sich gegen eine Wand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Er ist... verwirrend. Normalerweise kann ich Menschen ziemlich gut lesen, aber er... Ich schwöre, einen Moment ist er interessiert – lehnt gegen meinen Arm, wenn wir nebeneinander sitzen; streift meine Schulter unter dem Vorwand einen Fussel zu entfernen; antwortet auf meine Zweideutigkeiten und seine Blicke... – und im nächsten starrt er mich aus diesen unschuldigen blauen Augen schockiert und naiv an.“

„Was hast du gedacht? Dass er mit dir flirtet und den Unnahbaren nur spielt? Hast du ihn dir wirklich mal genau angesehen, ohne darauf konzentriert zu sein, was sich unter den schicken Anzügen befindet?“ Alex schüttelte den Kopf. „Ich habe ein paar Erkundigungen über ihn eingezogen. Die Leute hier tun zwar gerne so, als würden sie nicht mit Fremden reden, aber am Ende können sie Gerüchten und Geschwätz so wenig widerstehen wie alle anderen auch. Du weißt, dass er seine Eltern früh verloren hat und dass später seine Verlobte einen Unfall hatte, seit dem sie gelähmt ist?“

Jack nickte, starrte aber auf die schmelzende Schneepfütze um die Leiter zum Dach.

„Er hat die Leitung des Hotels übernommen, obwohl ihn viele für zu jung und damit ungeeignet hielten, damit es der Familie erhalten bleibt. Sein Schwager versteht nichts davon, und seine Schwester hat nicht die nötige kaufmännische Ausbildung – er hat dagegen die Hotelfachschule besucht und ein halbes Jahr in London in einem Hotel gearbeitet, um Erfahrungen zu sammeln. Und dann waren natürlich die Leute, die sich an seiner Verlobten störten. Ihren Eltern gehört ein Stoffgeschäft und sie kommt aus einer guten Familie – aber ein dunkelhäutiges Mädchen, dass einen drei Jahre jüngeren walisischen Jungen heiraten will, dessen Familie schon seit mehr als einem Jahrhundert fest etabliert ist? Unmöglich. Es hat die Altvorderen auf die Barrikaden gebracht, aber zum Zeitpunkt der Verlobung lebten Iantos Eltern noch und sein Vater hatte einigen Einfluss, den er ausgeübt hat, damit die beiden in Ruhe gelassen wurden. Dann verlor er auf einen Schlag seine Eltern und sah sich von einem Tag auf den anderen mit der Verantwortung für ein Hotel, für seine Schwester und ihre Familie, für Gäste und Angestellte konfrontiert. Kaum hatte er die Zügel richtig in der Hand, fiel seine Verlobte beim Ausmessen von Gardinen von einer Leiter und knallte so unglücklich gegen den Kaminvorsprung, dass ihre Wirbelsäule an mehreren Stellen brach. Sie kann nicht mehr laufen, konnte lange Zeit kaum aus eigener Kraft atmen. Er hat sie jeden Tag besucht, verbrachte so viele Stunden an ihrem Krankenbett, wie er nur konnte, selbst wenn er dafür dann die Nächte durcharbeiten musste. Die Ärzte rieten ihren Eltern, sie in ein Sanatorium zu geben, in dem sie professionell gepflegt werden konnte – ihre Mutter schaffte das nicht alleine. Obendrein gibt er sich die Schuld an ihrem Unfall. Offenbar hat er sie mit der Arbeit für eine Weile alleine gelassen um etwas nachzuschlagen und denkt, er hätte den Unfall verhindern können, wäre er bei ihr gewesen. Von einem Moment auf den anderen waren ihre gemeinsame Zukunft, ihre Pläne und Träume zerstört. Ich würde sagen, er hat allen Grund der Welt, verwirrt zu sein.“

„Ich wusste einiges davon“, erwiderte Jack fast trotzig. „Ich denke auch gelegentlich mit dem Kopf, Alex. Er spricht nie über Lisa und wenn, dann klingt es fast so, als hätte er mit ihr abgeschlossen. Ich meine, sie wird nie laufen können, richtig? So oder so werden die beiden nie ein gemeinsames Leben führen. Es ist nicht, als ob er sie betrügt, wenn er sich in jemand anderen verlieben sollte. Wenn er mit jemand anderem eine Beziehung eingeht.“

„Warum sollte er aufgehört haben, sie zu lieben, nur weil sie nicht bei ihm sein kann.“ Alex sah ihn an. „Du kannst ihn nicht zwingen, etwas für dich zu empfinden, nur weil du Interesse an ihm hast.“

„Ich will ihn nicht einfach nur ins Bett zerren, Alex. Er ist keine flüchtige Eroberung!“, erwiderte Jack hitzig. „Wenn das alles wäre, hätte ich es längst getan. Ein bisschen Aufmerksamkeit, jemand der sich für ihn interessiert und eine Menge Alkohol und er wird sehr anlehnungsbedürftig. Vielleicht würde er sich am Morgen danach nicht einmal erinnern und ich könnte mir die verlegenen Blicke und das peinliche Schweigen sparen. Aber er...“ Jack brach ab, presste die Lippen zu schmalen Strichen zusammen. „Ich will ihn kennen lernen. Ich will ihn lachen sehen und wissen, dass ich ihn dazu gebracht habe. Ich will sehen, wie sich seine Augen mit Verlangen verdunkeln und wissen, dass ich der Grund dafür bin. Ich will... ihn.“ Er klang sehnsüchtig.

„Du bist in ihn verliebt“, stellte Alex nüchtern fest. Vielleicht, reflektierte er, hätte ihn dieses Gespräch schockieren sollen. Jack sprach über Gefühle die ein Tabu waren. Mehr noch, nach ihnen zu handeln war tatsächlich strafbar. Ein Verbrechen. Und die Konsequenzen – sollte ihre Beziehung bekannt werden – waren für beide Männer unabsehbar ernst. Aber er kannte Jack zu lange; hatte sich daran gewöhnt, dass Jack mit anderen moralischen Maßstäben aufgewachsen war und dass er aus einer Zeit stammte, in der man Homosexualität nicht mehr als Krankheit betrachtete. Oder sie überhaupt als abnormal ansah. „Schlag ihn dir aus dem Kopf, Jack. Unter diesen Umständen sowieso. Du kannst entweder sein Freund sein – so wie es aussieht, braucht er einen – oder du siehst ihn nie wieder. Auf jeden Fall solltest du schnellstmöglich aus dem Hotel ausziehen.“ Er stand auf und schob den Stuhl zurück an seinen Platz. „Denk an die Konsequenzen für ihn. Für seine Familie. Du wirst nicht den Rest deines Lebens hier verbringen, aber er muss es.“ An der Tür stoppte er und sah zurück. „Ich wusste nicht, dass Jack Harkness über einen mickrigen Kuss so den Kopf verlieren kann“, sinnierte er.

Jack erwiderte nichts. Er starrte wieder auf den Boden, oder vielleicht auf die Spitzen seiner Stiefel.


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„Ianto? Kann ich dich einen Moment sprechen?“

Martha fand ihn, als er sein Zimmer verließ. Sein Arm war besser – nun, da war noch immer dieser klopfende Schmerz, wenn er ihn bewegte, aber ein paar Päckchen Aspirinpulver in einem Glas Wasser aufgelöst hatten ihn gedämpft – und nach einer Nacht guten Schlafes fühlte er sich deutlich klarer im Kopf. Das bizarre Erlebnis gestern in der Seitengasse hatte er fest in eine dunkle Ecke seines Bewusstseins geschoben. Rhi hatte ihn gezwungen, den Nachmittag und Abend im Bett zu verbringen, hatte ihn mit Wärmflaschen, heißer Suppe und diversen, übel schmeckenden Kräutertees versorgt, damit er sich keine Erkältung holte. Sie ließ ihn nicht aus den Klauen, auch als er sich über ihre Gluckenhaftigkeit beschwerte. Vermutlich lag es daran, dass sie eine Mutter war. Trotzdem musste sie ihn nicht wie eines ihrer Kinder behandeln.

„Was ist passiert? Noch mehr gute Nachrichten?“, fragte er und zwang ein Lächeln auf seine Lippen.

Er könnte schwören, sie war gerade rot geworden, auch wenn ihre Hautfarbe verhinderte, dass man es sah. „Nein. Leider eine schlechte. Der Abfluss in Jacks... ich meine Captain Harkness’... Zimmer ist verstopft.“

Irgendetwas kribbelte in seinem Magen und sein Puls beschleunigte sich ein wenig. „Er ist hier?“, fragte er. „Ich meine, er ist aus London zurück?“ Sein Blick glitt hinüber zu den Postfächern. Ja, die angesammelten Briefe waren verschwunden. „Wer war an der Rezeption?“

„Oh, ich denke es war Mickey.“ Sie musterte ihren Vorgesetzten – und Freund. „Er muss irgendwann letzte Nacht eingecheckt haben und ist heute Morgen sehr früh wieder verschwunden. Das Bett ist unbenutzt, aber das Waschbecken war schmutzig. Amy hatte große Mühe, es sauber zu machen, offenbar hat er darin etwas verbrannt und als sie es ausspülen wollte, kam das Wasser wieder hoch, mit einer Menge Asche. Soll ich Mister Rhynd anrufen, damit er sich das ganze mal ansieht?“

Jason Rhynd war der örtliche Klempner, der schwindelerregende Preise für seine Dienste veranschlagte – und nicht begeistert sein würde, um diese Zeit und bei diesem Wetter ins Hotel gerufen zu werden. Seit Ianto es rundum abgelehnt hatte, die teilweise antiken Rohre austauschen zu lassen, fühlte sich der Klempner in seiner Berufsehre gekränkt. Offenbar hing er der Vorstellung nach, mit einem Hotel ließ sich ein Vermögen verdienen und Ianto war aus reinem Geiz nicht dazu bereit zu renovieren.

„Ich sehe es mir erst selbst an“, beschied Ianto. Wenn es nur ein verstopfter Siphon war, konnte er das leicht selbst reparieren und das Geld für wichtigere Reparaturen sparen.

„Ist das okay mit deinem Arm?“, fragte Martha besorgt. „Rhi hat es mir erzählt. Wenn du möchtest, kann ich ihn mir mal ansehen. Ich habe im Krankenhaus gelernt, wie...“

„Danke, aber das ist nicht nötig.“ Ianto lächelte erneut, um die Unterbrechung abzumildern. Er konnte Krankenhäuser nicht ausstehen, hatte zu viel Zeit in einem davon verbracht, in den grauen Tagen nach Lisas Unfall. „Es fühlt sich schon viel besser an. Der Winter muss mich hassen.“ Er drehte den Arm, um seine Beweglichkeit zu beweisen und musste sich auf die Innenseite der Wangen beißen, um nicht vor Schmerz aufzustöhnen. Die Wirkung des Aspirins hielt nicht so lange an, wie er gehofft hatte. Er wartete bis sie nickte und zurück an ihre Arbeit ging, bevor er gegen die Tür zu seinem Zimmer sackte und mit der freien Hand den Arm an die Brust presste. Er widerstand der Versuchung, mehr Aspirin zu nehmen und beschloss, sich stattdessen mit Arbeit abzulenken.

Glücklicherweise war sein linker Arm betroffen. Er holte einen Werkzeugkasten, einen Eimer und eine Handvoll Wischlappen aus einem Putz-Schrank und ließ sich selbst mit seinem Generalschlüssel in Jacks Zimmer. Der andere Mann war unverkennbar hier gewesen. Sein Rucksack hing über der Stuhllehne, die Schranktüre stand halb offen und auf einer Zeitung neben der Tür standen Schuhe zum Trocknen. Aber der Mantel war nicht hier, also hielt sich der Captain außer Haus auf. Auf dem Tisch lagen noch ungeöffnete Briefe, ordentlich gestapelt, neben einem Bündel offensichtlich ungelesener, da gefalteter, Zeitungen, die Mickey jeden Morgen lieferte. Er musste mit Jack darüber reden. Es war Geldverschwendung, Zeitungen zu bestellen, wenn er nicht in Cardiff war.

Amy hatte natürlich das Bad sauber gemacht, frische Handtücher gebracht, abgestaubt und den Papierkorb geleert. Falls Harkness auf seinem Zimmer gefrühstückt hatte – was unwahrscheinlich schien, wenn er früh gegangen war – räumte sie das Geschirr weg und machte das Bett. Aber Martha hatte erwähnt, dass das Bett unbenutzt aussah, als Amy den Raum betrat.

Ianto erinnerte sich, dass es ihn nicht zu kümmern hatte, was Gäste in ihren Zimmern trieben, so lange sie nichts zerstörten. Vielleicht übernachtete Jack irgendwo anders und war nur hergekommen um sich umzuziehen. Vielleicht lag seine Abwesenheit darin begründet, dass er eine Frau kennen gelernt hatte und bei ihr lebte.

Das, was vor dem Holzschuppen passiert war blitzte vor seinem inneren Auge auf und für einen Moment flüsterte eine verräterische Stimme in ihm: Und was, wenn es keine Frau ist...?

Er schüttelte den Kopf und ermahnte sich, an die Arbeit zu denken und an sonst nichts. Ianto trat ins Bad und sah sofort, was Amy gemeint hatte. Das Waschbecken war mit schwarzen Rändern versehen. Er hängte sein Jackett an die Türklinke, krempelte die Ärmel hoch, und biss sich auf die Unterlippe, als die Bewegung eine Welle frischen Schmerzes durch seinen linken Arm schickte. Dann stellte er den Eimer bereit, wählte eine Rohrzange und begann den Siphon abzumontieren.

Nach ein paar Drehungen konnte er ihn abnehmen und Wasser lief in den Eimer. Vermischt mit etwas, das wie verbranntes Papier aussah. Ianto fischte ein paar Stücke hervor und erkannte an der festen Textur, dass es sich um Fotos gehandelt haben musste. Die Hitze hatte sie unkenntlich gemacht, zumal sie offenbar zuvor in Stücke gerissen wurden.

Wieso hatte Harkness die Fotos auf seinem Zimmer im Waschbecken verbrannt, anstatt sie zum Beispiel in den Kamin im Foyer zu werfen. Dort wären sie ordentlich verbrannt. Mit einer Zange zog er mehr Reste von Fotos aus dem Rohr, die sich dort verkeilt hatten und spülte den Siphon aus.

„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass ich so eine Schweinerei hinterlassen hatte“, sagte Jack plötzlich hinter ihm. „Ich bezahle die Reparatur natürlich.“

Ianto hätte fast den schweren Siphon fallen lassen, was dem Becken nicht gut bekommen wäre. Aber im Bad hatte er den Schlüssel im Schloss nicht gehört, oder das Öffnen der Tür.

„Es tut mir wirklich leid, Ianto.“ Er wusste, dass Jack hinter ihm im Türdurchgang stand. Er konnte sein Aftershave riechen.

Ianto blinzelte, drehte sich aber nicht sofort um. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte – oder für was der Captain sich entschuldigte. Für den verstopften Abfluss? Dafür, dass er ihm aus dem Weg gegangen war? (Nun, Ianto hatte sich auch keine große Mühe gegeben, ihm in den Weg zu geraten) Oder für das, was an Weihnachten passiert war...

Schließlich wandte er sich Jack langsam zu. „Es ist... der Wasserdruck ist ziemlich schwach...“, murmelte er. „Alte Leitungen. Deshalb hat es alles verstopft.“

„Ich werde daran denken“, versprach Jack. Er kam näher und Ianto wäre zurückgewichen, wenn er Platz dazu gehabt hätte.

Der ältere Mann hielt beschwichtigend die Hände hoch, dann verstaute er sie demonstrativ in den Hosentaschen. Seinen Mantel musste er im anderen Raum gelassen haben.

„Es ist schnell repariert.“ Ianto wandte sich ab, kniete wieder auf den Boden.

„Alice’ Mutter... die Mutter meiner Tochter... ist vor einigen Wochen gestorben.“ Die Stimme des Captains klang rau. „Ich habe erst jetzt davon erfahren, in der Post waren mehrere Briefe ihres Anwaltes. Sie hat mir einen Brief geschrieben, dass sie sich wünscht, sie wäre mir niemals begegnet.“

Ianto spielte mit der Rohrzange anstatt sie zu benutzen. „Deine Frau ist gestorben?“

„Wir waren nie verheiratet.“

Er konnte Jacks Beine sehen, als der andere Mann sich neben dem Waschbecken gegen die Wand lehnte – obwohl sich ihm der zur Seite geklappte Handtuchhalter in den Rücken bohren musste. „Oh“, sagte Ianto, dem keine bessere Antwort einfiel. „Mein Beileid, trotzdem.“

„Sie wurde in Italien beerdigt, in dem Ort, in dem sie geboren wurde. So hat sie es arrangiert. Offenbar kam ihr Tod... nicht überraschend.“ Jack klang bestürzt und Ianto sah zu ihm auf. Blaue, schmerzerfüllte Augen trafen seine – und der jüngere Mann senkte rasch den Blick. „Es war auch ein Brief von Alice dabei. Sie hat es wie ich erst später erfahren, offenbar kannte Lucias Anwalt ihre neue Adresse noch nicht und sie hatte nicht viel Kontakt mit ihrer Mutter in den letzten Jahren. Die Nachricht hat sie erst nach Weihnachten erreicht. Sie ist mit Steven hingefahren.“ Jack seufzte und rieb sich übers Gesicht als versuche er unangenehme Gedanken weg zu wischen. „Es war eine dumme Idee, die Fotos zu verbrennen.“ Er tippte auf das Lederband an seinem Handgelenk. „Aber sie sind da drin sicherer als wenn ich sie mit mir herumtrage.“

Ianto hatte keine Ahnung von was er sprach, aber es war wohl nicht weiter wichtig. „Natürlich, Sir.“ Er hatte endlich seine Nervosität so weit im Griff, dass er den Siphon wieder befestigen konnte. „Damit sollte alles erledigt sein.“ Er stand auf, klopfte sich die Hose ab (Amy wäre beleidigt, könnte sie ihn sehen) und drehte den Wasserhahn auf. Mit einem leisen Gurgeln verschwand das Wasser im Ausguss. Ianto klappte den Werkzeugkasten zu und hob ihn hoch, um zu gehen.

Jacks Hand schloss sich ebenfalls um den Griff.

Er ließ los und der Captain stellte die Werkzeugkiste zurück auf den Boden. Dann griff Jack nach seinem anderen Arm, dem verletzten Arm, umfasste sein Handgelenk und drehte es leicht. Ianto verbiss sich einen Schmerzenslaut und grub stattdessen wieder die Zähne in die Innenseite seiner Wangen.

Jacks Augen klebten förmlich an den ins Violett gehenden Prellungen, die sich von seiner weißen Haut besonders deutlich abhoben. Ianto hatte völlig vergessen, dass er zur Arbeit den Ärmel hochgekrempelt hatte und sie nun frei sichtbar waren. Er griff nach dem Ärmel um ihn herunter zu ziehen und seine Finger kollidierten mit Jacks. „Es sieht... sieht schlimmer aus als es ist.“

Die Fingerkuppen des anderen Mannes zeichneten einen besonders dunklen Fleck nach und sie waren sehr heiß auf Iantos Haut. Es fühlte sich an als hätte er Fieber und Ianto spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Sein Arm wurde in Jacks Griff taub. Zumindest fühlte er den Schmerz nicht mehr, nur die federleichte Berührung.

Ianto blinzelte. Seine Augen brannten, Schweiß musste in sie geraten sein.

Der Raum war nicht geheizt, aber Ianto spürte Hitze vom Körper des anderen Mannes abstrahlen, fast so als stände er neben einem frisch geschürten Feuer. Das war nicht richtig. Er sollte seine Hand aus Jacks Griff befreien und gehen.

Dann beugte Jack sich vor und presste einen Kuss gegen seinen Oberarm, er konnte die Berührung seiner Lippen durch den Stoff des Hemdes spüren.

„Er hätte dich töten können.“ Jacks Finger glitten wieder über seinen Arm, als hätten sie ein Eigenleben entwickelt. „Ich hätte hier sein sollen. Das war unverzeihbar.“

„Ich... ich...“ Ianto blinzelte, seine Stimme zitterte und er räusperte sich. „Ich muss. Ich muss jetzt gehen.“ Er war sich sicher dass seine Wangen glühten, seine Verlegenheit verrieten. Das flatternde Gefühl breitete sich wieder in seinem Magen aus.

„Bitte nicht.“ Jack hielt noch immer seine Hand fest und hob sie nun an, um einen Kuss auf seinen Handrücken zu pressen. „Ianto, jeder verlässt mich. Ich bin allein.“

Langsam wurde sein Kopf wieder klarer und damit kehrte auch der Schmerz in seinem Arm wieder in sein Bewusstsein zurück. Ianto ließ den Arm sinken und spürte, wie sich Enttäuschung in ihm ausbreitete. Er hasste sich dafür. Hasste sich für diese Schwäche. Erst gestern hatte er sich selbst davon überzeugt, dass er Jack nicht ermutigte. Nun, wenn er das nicht tun wollte, warum stand er dann noch hier. „Das hier hat nichts mit mir zu tun. Es ist diese Frau... deine Frau“, flüsterte er.

„Ich habe Lucia seit fast dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Sie bedeutet mir nichts mehr... aber sie war die Mutter meiner Tochter.“ Jack hatte ihn fast unbemerkt weiter in den Raum und gegen das Waschbecken dirigiert. „Du weißt, wie es ist, alleine zu sein. Bitte... können wir uns einfach nur unterhalten? Wie früher. Auf dem Dach. Ich vermisse unsere Gespräche, Ianto.“ Jack stand dicht genug vor ihm, dass sich ihre Körper fast streiften.

Das Waschbecken presste kalt in Iantos Rücken. „Ich...“ Jacks Mund schnitt ab, was er zu sagen versuchte.

Seine Lippen streiften Iantos geschlossenen Mund und ohne nachzudenken senkte er die Lider und öffnete die Lippen. Es war oh so anders als mit Lisa, ohne dass er Worte für den Unterschied wusste. Sein Magen verkrampfte sich und er ballte die Fäuste, schob sie zwischen sich und Jack um ihn von sich weg zu stoßen. Jack folgte der Berührung, aber es stoppte den Kuss nicht und Ianto brachte es nicht über sich, auf die Zunge zu beißen, die den Weg in seinen Mund gefunden hatte, und die über seine streichelte. Er stellte mit Entsetzen fest, dass ihm gefiel, was Jacks Lippen gegen seine in ihm auslöste. Ein warmes Prickeln, fast schmerzhaftes Stechen, das sich durch seinen Unterkörper bahnte und...

Eiskaltes Entsetzen rann durch ihn und er stieß Jack wieder weg. Dieses Mal ließ ihn der ältere Mann los. Ianto trat von ihm weg, in Richtung Tür. „Ich kann nicht, Jack. Das… das ist nicht richtig.“ Er hob abwehrend eine Hand als Jack den Mund öffnete – und Jack blieb stumm. „Es tut mir leid. Ich bin nicht… Ich kann nicht sein, was du… suchst.“ Den Eimer und das Werkzeug vergessen, wandte er sich ab und verließ das Badezimmer. Aber nach nur zwei Schritten stoppte er und blickte über die Schulter zurück. Der Mann, der ihm verloren nachsah, war nicht der arrogante Captain, der vor fast einem halben Jahr ins Hotel marschiert war und seinen Lunch gestohlen hatte – sondern der Mann mit den müden, alten Augen, den er nach Estelle Coles Tod sah.

Als handelten seine Füße aus eigenem Antrieb, kehrte er um, trat zu Jack und küsste ihn auf die Wange. Es war eine tröstende Geste, genau so hätte er auch seine Nichte küssen können, wenn sie sich das Knie schrammte. Dann verließ er endgültig das Zimmer.

„Ich denke du könntest alles sein, was ich je gesucht habe, Ianto Jones“, sagte Jack, als die Tür ins Schloss fiel.


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Ianto war noch immer völlig außer Atem, als er zurück an die Rezeption ging. Wo zu seiner Überraschung eine vertraute Gestalt wartete. Lisas Mutter sah sich unbehaglich um. Sie knetete ihre Hände und stand sehr steif vor dem Empfangstresen.

„Mrs. Hallett. Ist Lisa etwas passiert?“, fragte er angespannt, jede Förmlichkeit vergessend.

Über ihre Züge – eine ältere Ausgabe Lisas, aber die Ähnlichkeit war unverkennbar – glitt ein beruhigendes Lächeln. „Lisa hat geschrieben. Sie wird operiert. Ianto, sie haben Lisa Hoffnung gemacht, dass eine Operation ihr helfen wird, dass sie sich besser bewegen kann. Nicht ihre Beine, leider Gottes wird sie wohl nicht wieder laufen können, aber sie sagen, sie kann ihren Oberkörper freier bewegen, wenn alles gut geht. Sie wird wieder in einem Stuhl sitzen und sticken können, ohne nach ein paar Minuten um Luft ringen zu müssen.“ Sie griff mit beiden Händen nach seinen, drückte seine Finger fest. „Ich dachte, dass du das wissen solltest, Ianto. Du hast immer so treu zu unserer Tochter gestanden, und sie wird uns alle jetzt brauchen – aber dich besonders. Ihr Vater und ich werden sie am Wochenende besuchen und wir hatten gehofft, dass du mit uns kommst.“

Er konnte noch immer den Druck von Jacks Mund gegen seinen spüren. Ianto schluckte. „Natürlich, Mrs. Hallett“, erwiderte er. „Ich habe versprochen, immer für sie da zu sein. Ich liebe sie.“

Über ihre Schulter hinweg sah er plötzlich Jack – offenbar war er ihm gefolgt. Und dem Ausdruck seines Gesichts nach hatte er einen Teil ihres Gesprächs mit an gehört. Jack lächelte schief, nickte ihm dann zu und wandte sich ab.

Ianto sah ihm nach, kaum ein Wort von dem hörend, was Mrs. Hallett zu ihm sagte. Er sollte erleichtert sein. Bestimmt würde der andere Mann jetzt Abstand nehmen. Stattdessen krampfte Bedauern seinen Magen zusammen.



Ende





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Die Bedeutung der Tarotkarten laut Wikipedia:


VI - Die Liebenden:  Innige Verbindung, Liebe im höchsten Ausmaß, eine harmonische Liebesbeziehung, starke Verbundenheit, Leidenschaft, Anziehungskraft, Reiz

XV - Der Teufel:  Abhängigkeit, feste Grenzen, das Negative überwiegt, Versuchung, an die Materie geschmiedet

XVI - Der Turm:  drastische Veränderungen, Zusammenbruch des Egos, alte Systeme stürzen ein, Auseinandersetzung, innere Unruhe, Durchleben von stürmischen Zeiten

XVII - Der Stern:  Offenheit, Klarheit der Gefühle, Bereitschaft zur Aufnahme von kosmischen Energien, Erfüllung, Hoffnung, eine kleine Erleuchtung

XVIII - Der Mond:  Das Erwachen der Gefühle, Grenzen müssen überschritten werden, intuitives Verständnis, kontinuierlicher Wandel, den jetzigen Weg weitergehen


(Da ich absolut nichts von Tarot verstehe oder mehr darüber weiß, als das was ich bei Wikipedia nachlesen konnte, habe ich mich für die Szene mit Faith an den dort geschilderten Bedeutungen der Karten und an Jacks Begegnung mit Faith in „Fragments“ orientiert. Fehler bitte ich zu entschuldigen, es war keine böse Absicht.)