Title: T'HY'LA
Author: paxstartrek
Type: Short story
Codes: S&Mc,Sa, angst
Rating: G
Summary: McCoy wird von Sarek zum Vulkan gerufen. (ST 7)
Disclaimer: Star Trek, Kirk and Spock belong to Paramount, I just  borrowed them.


McCoy's Shuttle setzte im Hangar der vulkanischen Bodenstation auf. Schon war die heiße Atmosphäre und die hohe Gravitation spürbar. Er hatte sich vorsichtshalber eine Triox-Verbindung verabreicht, um den Aufenthalt angenehmer zu gestalten. Die Unruhe verstärkte sich und mischte sich mit seiner Trauer. Was sollte er hier tun?Sarek hatte ihn persönlich hergebeten, nach vulkanischem Maßstab unter dramatischen Umständen. McCoy hatte den Botschafter nur einmal soerregt gesehen und zwar als Spocks Seele in seinem Kopf weilte und Sarek Kirk bat, Spock zu retten.

Leonard ging durch die hellen Flure der Station und wurde schon von Sareks Adjutanten erwartet. Sie nickten ihm wortlos zu und McCoy folgte ihnen. Sie gelangten zum beeindruckenden Anwesen von Spocks Familie. Nach endlosen geometrisch angeordneten Gärten konnte man das Haus sehen. McCoys Unruhe wuchs mit jedem Meter,den sie zurücklegten. Die Adjutanten ließen ihn vor der Tür allein und informierten den Hausherrn.
Das Tor öffnete sich und Sarek empfing seinen Gast. McCoy trat in die große Empfangshalle, die verziert war mit alten,vulkanischen Symbolen. An der rechten Seite, gegenüber einem riesigen Fenster, hing derglänzende Wandteppich mit dem IDIC-Zeichen. Leonard erkannte ihn. Einst zierte er Spocks Quartier auf der ENTERPRISE.

"Doktor, ich danke Ihnen für ihr schnelles Eintreffen. Ich hoffe auf ihre Hilfe, auch wenn sie selbst gerade so schwer am Verlust ihres
Freundes tragen." Schmerz durchflutete ihn und nahm ihm fast den Atem.
Diese grünblütigen Vulkanier konnten Dinge verdammt gut auf den Punkt bringen. Sarek bat Leonard Platz zu nehmen.
"McCoy, wir alle empfinden den Tod von Captain Kirk als tragisch. Die Föderation hat ihm vieles zu verdanken. Er hat einst meinen Sohn gerettet und dabei fast alles verloren, was ihm wichtig war. Es tut mir leid."

Leonard schaute verwundert auf den Vulkanier. Er war berührt von der offenen Bekundung seiner Empfindungen. Doch er hatte ihn sicher nicht nur hergebeten um ihm sein Beileid auszusprechen. Sarek holte tief Luft.
"Spock befindet sich in einem Zustand tiefer Agonie. Ohne Hilfe von außen, wird Spock aus diesem Zustand nicht mehr herausfinden...und nach kurzer Zeit... sterben."

McCoy erstarrte! Bei dem Gedanken, nach Jim auch noch Spock zu verlieren, entbrannte in seinem Herzen ein unsäglicher Schmerz. Er versuchte sich mühsam zu fassen. Sarek bemerkte sehr wohl seine Erregung und versuchte Ruhe auszustrahlen.
"Doktor, es gibt ein Ritual, um den Betreffenden zu stabilisieren und möglicherweise ins Leben zurück zu bringen. Daran können aber nur die engsten Vertrauten teilnehmen. Sie fungieren sozusagen als Helfer, als Vermittler und als emotionaler Führer. Das größte Problem dabei ist, dass Vulkanier diesem tiefen Schmerz entfliehen wollen und lieber sterben als ohne ihren Partner weiter zu leben. Nun, Spock ist eine wichtige Person. Die Föderation braucht ihn. Er führt gerade wichtige Verhandlungen..."

"Und er ist ihr Sohn, nicht wahr?" unterbrach ihn McCoy. Sarek verstummte. Er hatte ins Schwarze getroffen und es tat ihm fast leid.
Doch in seinem Inneren fühlte es sich so grässlich an, dass er Mühe hatte, überhaupt die Fassung zu bewahren. Sarek verstand seine
Direktheit, ja er schätzte sie sogar. Denn durch die jahrzehntelange Arbeit mit Menschen hatte er ihre Emotionen  zu würdigen gelernt. McCoy fröstelte es, obwohl es so heiß war.

Trotz der bedrückenden Atmosphäre empfand er auch eine seltsame Ruhe und Frieden in diesem Haus.

Sarek bat ihn durch die Empfangshalle zu den persönlichen Räumen. McCoy widerstrebte es fast, so tief in die Privatsphäre der Familie einzudringen. Spock und die Vulkanier selbst um gab immer so eine Art mystischer Hauch. Große schwere Türen öffneten sich und Leonard trat ein. In einer Ecke des Zimmers saß Spock, zusammengekauert und regungslos. Er schien nichts wahrzunehmen und war offensichtlich in einem schlechten Zustand.
"Unsere Ärzte führen ihm regelmäßig Flüssigkeit zu, um ihn wenigstens mit dem Nötigsten versorgen zu können."
Der Arzt in McCoy erwachte ein wenig, aber was sollte er tun, wenn schon die Vulkanier kein Rezept hatten?
"Ich habe die Tempelmönche heute hergebeten. Sie werden am Nachmittag eintreffen. Wir haben für Sie ein Zimmer hergerichtet, abgestimmt auf menschliche Bedürfnisse. Es ist wenig, was wir Ihnen bieten können.

Ich habe unseren Hausarzt angewiesen, ihre Gesundheit zu überwachen. Außerdem versuchen wir, Ihnen alle Wünsche zu erfüllen, um den Aufenthalt erträglicher zu machen."
McCoy war gerührt von so viel logischer Anteilnahme, aber wie lange musste er wohl hier bleiben? Doch es drängte ihn nicht fort, denn er hatte große Angst, Spock zu verlieren und wollte alles tun, um ihm irgendwie zu helfen.

McCoy setzte sich an das leuchtende Terminal und sah sich Informationen zu diesem Ritual an. Außerdem konnte er lesen, welche
anderen medizinischen Maßnahmen bereits ergriffen worden waren. Leonard schaute hinüber zu Spock. Der saß noch immer wie versteinert in seiner Ecke. McCoy setzte sich zu ihm und ließ die schmerzhaften letzten Tage Revue passieren.

Vor fünf Tagen war das Unfassbare geschehen. Jim wollte mit Scotty und Chekov die neue ENTERPRISE auf ihrem Jungfernflug begleiten. Dabei mussten sie zwei Schiffen zur Hilfe eilen und ein Energieband durchqueren. Der Einsatz endete glimpflich aber James Kirk gab dabei sein Leben. Noch am selben Tag verbreitete sich die Nachricht im ganzen Föderationsraum. Auch McCoy wurde sofort informiert. Nur drei Tage später hatte Sarek nach ihm schicken lassen.
Leonard zitterte leicht und wandte seinen Blick wieder Spock zu. Es wurde ihm noch nicht klar, warum Spock in derartige Erstarrung geraten war. Doch er warf alle alten Vorbehalte über Bord. Spock war nach Jim sein engster Freund. Jims Tod hatte ein riesiges Loch in seine Seele gerissen. Er konnte es kaum ertragen, Spock nun hier in dieser elenden Verfassung zu sehen. Übelkeit stieg in ihm auf und er flüchtete aus dem Zimmer.

Wieder an der Luft konnte er sich langsam beruhigen. Sofort eilte ein Hausangestellter herbei und brachte ihn auf sein Zimmer. McCoy legte sich auf das einfache Bett und schloss die Augen. Die angenehme Temperatur und die niedrige Gravitation ließen seine Glieder
entspannen. Er fiel in einen traumlosen Schlaf.
 
+++

Der Türsummer ertönte und Sarek trat ein. McCoy verspürte einen stechenden Kopfschmerz.
"Ich hoffe, Sie konnten ein wenig ausruhen."
Leonard setzte sich langsam auf und begriff, dass er tatsächlich nicht träumte. Dieser Albtraum war Wirklichkeit.

Er folgte Sarek durch die langen Flure des Hauses.
"Wir werden jetzt die Mönche treffen. Haben sie keine Angst, Doktor."
Sie gelangten in einen kleinen Raum wo zwei Mönche auf den Menschen warteten.
"Doktor McCoy?"
"Ja, der bin ich." erwiderte er.
"Sarek bat uns, das Kont´a´faroon durchzuführen. Dazu brauchen wir Ihre Hilfe. Wenn Sie also bereit dazu sind, dann werden wir Sie darauf vorbereiten." McCoy zögerte. Doch dann nickte er und die Mönche begannen.
"Wir werden in kurzen Sitzungen einfache Geistesverschmelzungen durchführen, um Sie mental zu festigen. Außerdem wollen wir Sie
dadurch mit den Grundlagen der Verschmelzung vertraut machen."

Die Mönche gingen behutsam vor, formten zunächst Bilder der Ruhe und Zuversicht. Die fremden Gedanken fühlten sich fast vertraut an. McCoy kam all das sehr bekannt vor. Er fühlte sich wohl trotz derAnstrengung. Sie konnten jetzt seinen Schmerz sehen, doch für
Vulkanier waren die menschlichen Emotionen nicht gefährlich. Ein Grund, warum es so viele enge Freundschaften zwischen Vulkaniern und Menschen gab. Dass diese Spitzohren ihm einmal Beistand gewähren würden?! McCoy schüttelte innerlich den Kopf, was den Mönch sichtlich verwirrte.

Sie wiederholten diese kurzen Verschmelzungen immer wieder und am Ende des Tages fühlte sich Leonard seltsam entspannt. Seine Angst war verflogen. Sarek trat an seine Seite. "Morgen früh werden wir mit dem Ritual beginnen. Solange werden die Mönche ihn noch stabilisieren können."
McCoy wollte noch einmal zu Spock, jetzt wo er weder Furcht noch Erschöpfung spürte. Die großen Türen öffneten sich geräuschlos und Leonard trat ein. Noch immer saß Spock an der gleichen Stelle wie vor ein paar Stunden. Er starrte vor sich hin, ohne ein Bild zu fixieren. Der Arzt setzte sich erneut an das Terminal und konnte sichkonzentriert und ruhig mit den medizinischen Daten auseinandersetzen.

Es war auch kurz etwas über das Ritual zu lesen. Trotz jahrzehntelanger Arbeit mit Vulkaniern staunte McCoy immer wieder über die Möglichkeiten die sie besaßen, um ihr seelisches Gleichgewicht wieder zu erlangen. Er löschte den Monitor, ging zu Spock hinüber und schaute lange auf den zerbrechlich wirkenden Vulkanier... , Ich werde dich finden, mein Freund ! ´

Am nächsten Morgen erwachte McCoy. Er genoss die Erdgravitation in seinem Zimmer und die angenehmen Temperaturen.
"Guten Morgen Doktor!" schallte es aus dem hausinternen Kommunikationssystem.
"Wenn Sie so weit sind, passen wir ihre Umgebung stufenweise der Vulkan-Atmosphäre an." Leonard seufzte. "Ich bin bereit." und dachte schon jetzt voll Wehmut an die kühle Luft, als sich langsam um ihn die schwere Hitze des vulkanischen Heimatplaneten ausbreitete. Nach einer halben Stunde war der Vorgang abgeschlossen und Leonard trat auf den Flur hinaus. Wie überall auf Vulkan war es auch hier auffallend still.

"Bitte folgen Sie mir!" forderte ein Mönch ihn auf und so gingen sie den langen Gang entlang zu Spocks Quartier. Kurz davor musste McCoy eine süßlich schmeckende Flüssigkeit trinken, die in ihm ein angenehmes Gefühl erzeugte.

"Nur um Ihnen das Kommende angenehmer zu gestalten. Es ist eine leichte Droge, die wir bei rituellen Geistesverschmelzungen immer nutzen." McCoy hoffte, dass die Mönche auch wussten, was sie taten.

Sie betraten das Zimmer, in dem Spock bereits auf seinem Bett lag.
Weitere Tempelmitglieder und Sarek saßen respektvoll im Hintergrund.
"McCoy, Sohn von David, du hast dich entschlossen, diesem Vulkanier zu helfen, indem du mit ihm das Kont´a´faroon vollziehen willst. Wenn wir erfolgreich sind, steht er tief in deiner Schuld."
"Spock steht in keiner Schuld zu mir. Er hat mir dutzende Male das Leben gerettet. Ich könnte nur meine Schuld begleichen." sagte Leonard fest. Der Mönch nickte.
"Legen Sie sich hin. Ich werde zunächst meinen Geist mit dem Ihrigen verschmelzen. Dann verbinden wir uns mit Spock. Haben Sie keine Furcht. Es wird finster und leer sein dort. Aber ich bin bei Ihnen."Leonard versuchte sich zu entspannen und lehnte sich zurück. Er spürte die Fingerspitzen auf seinem Gesicht und öffnete seinen Geist.

, Doktor McCoy, ich erbitte Einlass in ihre Gedanken. ´
, Ich stimme zu. ´ lautete die Standardantwort, die Leonard prompt erwiderte. Er sah ein mentales Bild des Mönches, der an seine Seite trat und ihn führte.
, Wir werden nun bei Spock um Einlass bitten. ´ McCoy holte tief Luft und schloss sich dem Mönch im Geiste an.

+++

Er hatte das Gefühl, durch einen Tunnel zu laufen, der am Ende in Dunkelheit endete. Je mehr die Finsternis zunahm, umso angespannter wurde Leonard. Erst als der Mönch ihm ermunternd zunickte, fasste er sich ein wenig.
, Spock, faro ya shani, no me eitara sam. ´ Nur die Muttersprache konnte zu einem Vulkanier in derartiger Agonie durchdringen. McCoy hatte gelesen, dass dieses Vorgehen neurale Restsysteme aktivierte, so eine Art Versicherung für den Ernstfall. Tatsächlich öffneten sich gedankliche Pforten. Dabei spürte Leonard eine vernichtende Leere, die zu beschreiben unmöglich war. Doch den Mönch schien das nicht zu erschüttern, also ging er mutig vorwärts.

Sie wanderten durch eine öde Landschaft ohne konkrete Formen. In der Ferne tauchte etwas auf, das nicht deutlich zu erkennen war.
"Sie müssen jetzt nach ihm rufen, Doktor. Das wird ihn auf ihre Anwesenheit vorbereiten."
McCoy erinnerte sich an das, was er über dieses Ritual gelesen hatte.
Eins stand fest. Auf Vulkan existierte kein Ritual ohne besondere Bedeutung. Warum war Spock nach Jims Tod in ein solches mentales Koma gefallen? Und warum schienen die Mönche genau zu wissen, was zu tun war? Als hätten sie genau das schon viele Male getan. Gab es eine besondere Verbindung zwischen den beiden? McCoy beschloss durch den Tunnel zu laufen, was auch immer sich ihm offenbaren würde.

"Spock, hier spricht McCoy. Ich suche dich. Ta yasha komi, sorek an."
Seine Worte schienen in der Dunkelheit ungehört zu verhallen. Leonard rief erneut nach ihm. Immer und immer wieder den gleichen Satz. Nach einer Weile bedeutete ihm der Mönch, dass er aufhören solle. Jetzt konnte sich McCoy für eine Weile von Spocks Bewusstsein lösen und ausruhen.
Sarek war an seiner Seite. "Der Mönch wird nun vulkanische Formeln sprechen. Wir müssen geduldig sein."
Der Arzt schloss kurz die Augen, doch plötzlich hatte er wieder diese Bilder der Leere vor sich, bedrückend und gespenstisch. Schnell kehrte er in die Realität zurück, denn der Mönch rief ihn zu sich. Erneut trat er in Spocks Geist. Etwas hatte sich verändert. McCoy sah wieder einen Tunnel, einen Pfad durch das Nichts. Am Ende stand das Abbild des Mönches. Leonard lief auf ihn zu.

"Sie müssen jetzt weitergehen", sagte er. "Laufen Sie los und suchen Sie Spock. Denken Sie an Erlebnisse mit ihm und projizieren Sie
Gedanken in sein Bewusstsein. Das wird zum Erfolg führen."
Leonard hätte seine Zuversicht gern geteilt. Er bewegte sich vorwärts ohne weiter nachzudenken und sah Farben, ferne Lichter, die wie Sterne funkelten. Formlose Bilder entstanden und vergingen. Vielleicht war all das die Voraussetzung, um Erinnerungen in Spocks Geist entstehen zu lassen.

McCoy versuchte sich zu konzentrieren und ließ seine Gedanken zurück in die Zeit wandern, als er mit Spock auf der ENTERPRISE gedient hatte. Er dachte an seine erste Begegnung mit ihm, an ernste und komische Momente. Manchmal lächelte McCoy und ein anderes Mal traf ihn tiefer Schmerz.
Ja, er hatte in der Tat viel mit dem Vulkanier erlebt und mochte ihn verdammt noch mal mehr als ihm lieb war.

McCoy umgaben mittlerweile unzählige Farben. Bildfragmente pulsierten überall und bald glaubte er, Bekanntes zu erkennen. Inmitten seiner Erinnerungen rief er gedanklich nach Spock, forderte ihn auf, sich auf die Reise einzulassen. Wenn er Erinnerungen an James Kirk einstreute, spürte er, wie die Bilder, die sich langsam formten, immer wieder erzitterten. Schmerz durchflutete ihn und furchtbare Qualen. Doch McCoy erinnerte sich, dass der Mönch ihm aufgetragen hatte, keine Furcht dabei zu zeigen.

Er blieb stark, auch wenn manchmal alles in ihm erdbebenähnlich zusammen zu stürzen schien. Nach einiger Zeit beruhigte sich die Sache. Leonard spürte die Kraft, die der Mönch ihm sandte. Voll Ehrfurcht vor der vulkanischen Geistesmacht schaute er mutig in die
Bilderlandschaft vor ihm und erkannte vertraute Gesichter. Er schien als formten sich Spocks Erinnerungen neu.

Der Mönch war plötzlich wieder an seiner Seite.
"Sie können sich nun durch seine Bilder bewegen. Suchen Sie nach einer Erinnerung, die sie beide verbindet. Eine möglichst kraftvolle sollte es sein. Haben Sie keine Furcht!"

McCoy ging vorwärts, vorbei an Fragmenten eines ganzen Lebens. Viele Sachen waren unvollkommen. Vor allem konnte er Jim nirgendwo entdecken. Nach einer Weile stieß er auf Erinnerungsfetzen aus ihrer gemeinsamen Zeit. Etwas stach ihm dabei ins Auge, eine differenzierte Darstellung seiner Selbst. McCoy dachte an die frühere Verschmelzung zurück. Sie musste der Grund für dieses detaillierte Bild sein. Leonard fühlte sich plötzlich wie zu Hause. Doch was sollte er jetzt tun?

Er beschloss, diese Erinnerungen aktiv zu nutzen. Vielleicht konnte er sie mit neuem Leben füllen und so eine tragbare Verbindung zu Spock herstellen. Seine Überzeugung wuchs. Der Arzt näherte sich seinem Ebenbild und versuchte, Bewegungen zu imitieren. Während er das tat, schien sein Spiegelbild mit ihm zu verschmelzen. Langsam wurde er eins mit dem Erinnerungsfragment und spürte, wie er Stück für Stück die Bewegungen selbst bestimmte. McCoy suchte weitere Bilder und half durch seine starke Präsenz bei ihrer Verknüpfung. So formten sich langsam komplexere Erinnerungen. Leonard erkannte Ereignisse aus früheren Zeiten. Je mehr er half zusammenzusetzen, desto schneller schien Spocks Geist sich von selbst zu regenerieren.

McCoy hatte jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren als plötzlich der Mönch an seine Seite trat.
"Es ist genug für heute. Sie müssen sich erholen. Ich werde Spock solange in einen tiefen Schlaf versetzen, damit wir das Geschaffene nicht wieder verlieren."
McCoy tauchte langsam wieder ins Hier und Jetzt auf. Erschöpft aber glücklich über die gemachten Fortschritte kehrte er in seinen Raum zurück. Wieder erwartete ihn ein Mönch, der einen erholsamen Schlaf gewährleistete. Trotzdem träumte Leonard von der Verschmelzung. Es schien als suchte sein Geist einen Weg, auch Jim wieder in seine Erinnerungen zurückzubringen.

Der Arzt erwachte am nächsten Morgen und fühlte sich beinahe erholt.
Der Mönch war verschwunden. Leonard erhob sich langsam aus seinem Bett. Als er auf den Garten schaute, bemerkte er ungewöhnlichen Tumult. Was war geschehen?
McCoy eilte die Treppen hinunter und traf auf Sarek. "Was geht denn hier vor?"
Sarek führte ihn hinaus. "Spock hatte eine unruhige Nacht. Wir mussten den Hohepriester holen. Er sagte, Spock müsse sofort in den Tempel. Kommen Sie, wir brauchen ihre Hilfe!"

McCoys Herz schlug bis zum Hals. Er eilte hastig die Stufen des Tempels hinauf.
Als Leonard die Halle der Seelen betrat, sah er Spock regungslos auf dem heiligen Schrein liegen. Alles kam ihm bekannt vor. Nichts hatte sich hier verändert. Schon waren wieder Mönche an seiner Seite, die ihn zu einer Liege neben dem Schrein führten. Rituelle Formeln, spitze Finger des Priesters an seinem Gesicht und Leonard tauchte tief in Spocks Geist ein.

Es fühlte sich gewaltiger an als sonst, aber irgendwie auch beruhigender. McCoy spürte die Präsenz eines ganzen Volkes. An diesem Ort konzentrierten sich ungeheuere  telepathische Energien. Einmal mehr wurde ihm bewusst, wie unendlich stärker der vulkanische Geist im Gegensatz zum menschlichen war. Ihm wurde klar, warum Spock hier her gebracht werden musste. Nur hier konnte das Ritual vollendet werden. Leonard verharrte in stiller Demut.

Spocks Geist hatte sich verändert. Unzählige neue Erinnerungen waren seit gestern entstanden. Obwohl McCoy sich zunächst kaum zurecht fand, spürte er, dass nun ein zentraler Punkt in Spocks Bewusstsein zur Auflösung drängte.Das musste die Unruhe hervorgerufen haben. Leonard driftete durch zahllose Erinnerungen hin zu einer dunklen bedrohlich wirkenden Masse. Um sie herum sah McCoy eine Art Barriere, die es unmöglich machte, dorthin zu gelangen. Der Arzt bewegte sich trotzdem darauf zu.
Ein Image von Spock formte sich aus dem nichts. McCoy erschrak. Das Bild schien unvollkommen, verzerrt, etwas Wichtiges fehlte.Leonard beschloss, Spock anzusprechen.

"Spock, ich bin es, McCoy! Erkennen Sie mich?"

"McCoy, Leonard, Doktor..."
Spock´ s Bild wandte sich schmerzvoll ab.

Leonard ergriff seine Schulter. "Spock, was ist, wie kann ich Ihnen nur helfen?"

"Ich kann nicht... atmen." Der Vulkanier wand sich erneut, von Unruhe gequält.

"Lassen Sie uns dort hingehen, wo alles so dunkel ist, Spock!"

"Ich kann nicht... atmen." wiederholte er monoton.

Eine fremde Stimme sprach zu McCoy. "Gehen Sie, Doktor."
Leonard erkannte den Hohepriester. Ohne Zögern ergriff er Spocks Hand und ging mutig auf die dunkle Masse zu. Spock schien noch unruhiger zu werden, doch McCoy vertraute seiner Kraft. Unaufhaltsam und unbeirrt setzte er seinen Weg fort, die letzte Grenze zu überschreiten.

"Spock, wir müssen uns ansehen, was Sie so sehr quält, vertrauen Sie mir." Leonard hielt ihn. Da streckte der Vulkanier zögernd seine Hand nach der finsteren Erinnerung aus.
"Gut Spock, haben Sie keine Furcht! Ich kenne keinen mutigeren Mann als Sie."
Spock machte den ersten Schritt und tauchte schließlich in den Schmerz ein. McCoy ließ ihn nicht los und wurde so Zeuge der Erinnerung.

Feuer loderte, Hitze stieg ihm ins Gesicht. Der Rauch war so dick, dass er kaum Bilder ausmachen konnte. Plötzlich hörte er Schreie. Doch Leonard konnte nicht sagen, woher sie kamen. Spock schien nicht mehr aufzuhalten. McCoys Hand fest umklammert strebte er immer tiefer in die Szenerie hinein. Die Hitze nahm zu und allmählich erkannte Leonard Umrisse eines Menschen. Das Gesicht wurde deutlich und dann konnte er es erkennen...
Was er die ganze Zeit vermutet hatte, wurde nun grausame Realität. Er sah die letzten Sekunden im Leben von James Kirk, wie sie Spock erfahren hatte. Der Freund löste sich vorsichtig aus Spocks Hand und trat zurück.

Jim stand im Torpedoraum der ENTERPRISE B als eine gewaltige Energiewelle ihn scheinbar in Stücke riss. Neben unbeschreiblicher
Hitze und Erschütterungen vernahm er eine gewaltige mentale Explosion, die etwas zerbersten ließ. Das entstehende Chaos in Spocks Geist war unbeschreiblich. Überall Schreie, Schmerzen erschütterten seine gesamten Erinnerungen. Alle Bilder drohten einzustürzen. Leonard eilte zu ihm und umfasste seinen bebenden Körper. "Spock, ich bin es, McCoy. Diesmal müssen Sie das nicht allein
durchstehen. Lassen sie nicht zu, dass ihr Schmerz wieder alles zerstört. Weichen Sie nicht zurück!" schrie er.Der Vulkanier zitterte noch immer, doch McCoys Kraft vermochte ihn zu stabilisieren. Sie gingen wieder in Richtung der Hitze und der Qual. Und dort lag der tote Jim Kirk.

McCoy rannen Tränen über die heißen Wangen, der Anblick überwältigte ihn. Doch er hielt Spock ganz fest und genau das schien den Vulkanier zu erlösen. Gemeinsame Trauer und gemeinsame Kraft. Er berührte Jims Gesicht und wurde ganz ruhig.

Plötzlich verschwammen beide Bilder zu einer Form. McCoy hatte so etwas nie zuvor in Spocks Erinnerungen gesehen. Was bedeutete das? Licht verdrängte die Dunkelheit und das Chaos verschwand langsam. Die Hinwendung zu Jim war der Schlüssel zu Spocks Geist. Das Bild des Vulkaniers erschien wieder klar und vollkommen. Leonard sah beide auf ihren Missionen so wie er sie in Erinnerung hatte. Der Arzt konnte nicht glauben, wie einfach nun alles wieder zusammen kam.

McCoy war überwältigt von Spocks Emotionen. Er hatte nicht gewusst, wie sehr der Vulkanier lieben konnte. Da war es wieder, das starke Band. Es schien Spock und Jim zu umschlingen. Eine Erinnerung nur noch, doch sie hielt Spock zusammen auf wundersame Weise. Einzelne Bilder formten sich zu einer alten Geschichte. Am Ende zerriss das Band mit einer gewaltigen Explosion...

+++

Langsam löste Leonard sich von Spocks Seele, erschöpft, aber voll Freude. Als er sich nach unendlich langer Zeit in endlosen kleinen
Schritten emporgearbeitet hatte zum Licht der Normalität, sah er als erstes Sarek.

Der Vulkanier schien besorgt und erschöpft. McCoy konnte es ihm nicht verdenken. Schließlich musste er nun schon zum zweiten Mal hilflos daneben stehen, während der Mensch seinem Sohn das Leben wiederzugeben versuchte.Doch dann bemerkte McCoy eine junge Frau neben ihm, eine  Vulkanierin. Vertraute Gesichtszüge, wache Augen, Leonard schluckte.

Das war Spocks Tochter!
Saaviks einst selbstloser Einsatz, um Spock zu retten, schloss damals auch das erste Pon Farr des jungen Vulkaniers ein. Sie, war nach Spocks Rettung vom Genesis Planeten auf Vulkan zurück geblieben. Einige Monate später gebar sie ein Mädchen.

Sarek konnte nicht sprechen. Die Vulkanierin bemerkte es und nahm ungewohnter Weise McCoys Hand.
"Doktor, Sie müssen sich ausruhen. Ich bringe Sie in ihr Quartier."
"Ihr Vater ist ein starker Mann.", erwiderte McCoy mit schwacher Stimme. "So wie Sie, Doktor."

Die junge Frau führte ihn in sein Zimmer. Leonard legte sich auf das schmucklose Bett und spürte eine bleierne Schwere, die ihn zunächst in einen tiefen Schlaf versetzte. Doch bald waren die Nachwirkungen der Verschmelzung zu spüren. McCoy wälzte sich hin und her, nicht wissend, ob er träumte oder wachte.

Ein Mönch kam um seinen Schlaf zu bewachen und wenn nötig eine Aura der Ruhe über den Menschen zu spannen. So schlief McCoy viele Stunden.

+++

Am nächsten Tag weckte ein helles Licht den Arzt, das durch sein Fenster in den kargen Raum schien. Die Vulkanische Sonne stand heute am höchsten vom ganzen Jahr. Bizarre Farben umspielten die Berge. Sareks künstlicher Garten erstrahlte in ungeahntem Glanz. Als Leonard begriff wo er war, fragte er sofort nach Spock. Der Mönch war gegangen, aber die Hauskommunikation funktionierte tadellos. Sarek versprach, ihn persönlich abzuholen. Eine Dusche später, trat der Botschafter in McCoys Quartier.

"Doktor, Sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Die Mönche haben Spock untersucht. Er hat auch schon ein paar Worte gesprochen."
"Was hat er gesagt?", fragte McCoy, der kaum fassen konnte, was in den letzten zwei Tagen geschehen war.
"Nun, bis jetzt nur wenig. Vor allem immer wieder *Jim* und *Tod*. Aber die Mönche sehen das als gutes Zeichen, wenn er das aussprechen kann, was ihn in diese tiefe Agonie gestürzt hat."

McCoys Emotionen fuhren Achterbahn. Er war verwirrt. Während der Verschmelzung hatte er eine wichtige Sache erfahren und wollte unbedingt Gewissheit darüber. Vor allem fragte er sich, wie er Spock nun gegenüber treten sollte. Ob er Sarek danach befragen sollte? Er musste es tun.

"Sarek, wie viel wissen Sie über die Beziehung zwischen Spock und Captain Kirk?"
Der Vulkanier räusperte sich.
"Sie waren verbunden, wie es auf Vulkan üblich ist."
"Wie ist es denn auf Vulkan üblich?" bohrte McCoy weiter.
"Wenn man sich auf unserem Planeten einen Partner erwählt, dann entsteht ein emotionales Band. Man weiß, was der andere weiß, fühlt, was der andere fühlt. Zwei werden eins- T´h´yla...."

"...und wenn einer unvorbereitet stirbt, zerreißt das Band und stürzt den anderen in ein seelisches Nichts." beendete Leonard den Satz.

"Ja, Doktor...so ist es. Und das Kont´a´faroon, durchgeführt mit der Person die dem Zurückgebliebenen am nächsten steht, ist die einzige  Hoffnung, den Tod abzuwenden."
"Soll das heißen, dass ich ihm näher stehe als seine eigene Familie?"  McCoy runzelte die Stirn.
"Bei uns Vulkaniern steht immer der am nächsten, den wir selbst  erwählen. Wenn wir lange von unseren Familien getrennt sind, dann
können Freunde ihren Platz einnehmen, gute Freunde natürlich."
Leonard spürte eine unglaubliche Wärme in sich aufsteigen. Dieser  grünblütige Vulkanier hatte tatsächlich ihn erwählt? Das schien so
faszinierend.

"Was kommt nun?", fragte der Arzt.
"Die Mönche werden ein Training ausarbeiten. Doch wir brauchen Ihre Hilfe."
"Alles was sie wollen." erwiderte McCoy, der sich seltsam befreit fühlte.


Epilog

McCoy schaute aus dem großen Fenster hinunter zu den Gärten, während er Spock aus den Augenwinkeln betrachtete. Sein Aufenthalt hier hatte Spuren hinterlassen in beiden. Nach all den Erfahrungen die er nun mit Spock teilte, blieb ihm am meisten die unglaublich innige Beziehung des Vulkaniers zu seinem ehemaligen Captain in Erinnerung. McCoy ging eine Frage durch den Kopf, die er Spock noch nicht gewagt hatte zu stellen. Bis jetzt. Er wollte jedoch nicht weggehen, ohne eine Antwort zu erhalten.
Spock spürte, dass den Menschen etwas beschäftigte. "Was immer es ist, Doktor, sprechen Sie.", sagte er sanft.

"Nun Spock, ich frage mich, wie Sie mit all den Affären und Liebeleien von Jim klargekommen sind. Er hat doch nur wenige Möglichkeiten ausgelassen, um mit Frauen anzubandeln."

Spock lächelte in sich hinein und erwiderte völlig ruhig:
"Es wäre unlogisch gewesen, damit zu hadern. Keine Frau war jemals eine Gefahr für unsere Freundschaft, unsere Liebe. Jim's einzige Leidenschaft war, Raumschiffcaptain zu sein. Nichts und niemand konnten ihn davon abhalten. Und er betonte unentwegt, dass er nur mit mir an seiner Seite diese Aufgabe erfüllen konnte. Außerdem...", Spock machte eine Pause, "...wusste ich, wie er fühlte für mich."

McCoy war erstaunt über solch vulkanische Gelassenheit. Spock hatte Kirk besser gekannt als irgendwer anderes. Leonard konnte es spüren während der Verschmelzung. Da war kein Zweifel in Spock. So dass es letztlich logisch war, Jim zu seinem Gefährten zu erwählen.

Die letzten Jahre war Spock immer beschäftigt als Botschafter, Jim als Berater für die neue ENTERPRISE. Er hatte sich so sehr auf diesen Jungfernflug gefreut. Und als ob es das Schicksal nicht wollte, dass er ohne ein Kommando auf diesem noblen Schiff war, starb er bei der Erfüllung seiner Pflicht.

McCoy kam es plötzlich nicht sinnlos vor, dass Jim sterben musste. Er war glücklich, Spock gerettet zu haben und somit einen tiefen Einblick in die Beziehung der beiden genießen zu können. Spock trauerte, verständlicherweise.

"Doktor, ich danke ihnen. Jim wäre sicher froh, dass wir beide einen Weg gefunden haben, der half, uns zu erkennen." sagte der Vulkanier ruhig.

McCoy legte seine Hand auf die seine und sagte: " Das glaube ich auch, Spock."

Ende