Titel: Aus dem Mund von Kindern und Betrunkenen…
Autor: Lady Charena (Oktober 2013)
Fandom: Torchwood - Greyfriars Arms Hotel-Universum
Wörter: 5057
Charaktere: Ianto Jones, Jack Harkness, Alex Hopkins, Rhys & Gwen Williams, Mica Davies, Originalcharaktere: Tomos “Tomi” Williams, Geraint Miller, Lana Thyme, Alis
Pairing: Jack/Ianto (Freundschaft, pre/slash)
Rating: AU, ab 12, slash/het
Beta: T’Len

Summe: Torchwood muss einen rätselhaften Mord-durch-Alien aufklären, während Iantos und Tomis Freundschaft auf die Probe gestellt wird.

Anmerkung: Ein winziges bisschen Gwen-bashing, bin so frei…

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Ianto sah auf seine Uhr - die Taschenuhr, die er von seinem Großvater geerbt hatte - als er aus dem Büro trat. Zehn Minuten vor halb eins. Tomis Einladung zum Mittagessen war eine willkommene Abwechslung und Tosh hatte sich bereit erklärt, ihn so lange an der Rezeption zu vertreten. Sie hatte dafür ihre eigene Pause früher genommen. Er nickte Toshiko mit einem Lächeln zu, und gab vor, nicht zu bemerken, wie sie den Brautmodekatalog hastig unter dem Reservierungsbuch versteckte.

Die letzten vier Tage hatte er seinen alten Freund eher selten zu Gesicht bekommen, als Tomi die Runde machte und Verwandte und frühere Schulfreunde besuchte, die in Cardiff oder in der Nähe davon wohnten.

Weit gehen musste er nicht. Tomi wollte hier im Hotel essen. Und er hatte ihm eine Überraschung versprochen.

Ianto fragte sich, um was es sich da wohl handeln konnte.

Das Essen selbst war sicherlich keine Überraschung. Rhi hatte ihm bereits beim Frühstück davon berichtet, dass es eins von Tomis Lieblingsgerichten, eine Geflügelpastete geben würde. Er hatte im Voraus dafür bezahlt und Rhis Einkaufsliste löste bei Edwyn einiges an Stirnrunzeln aus. Vor allem Dosenspargel aufzutreiben war etwas schwierig gewesen. Der verkaufte sich eigentlich nur an Weihnachten und zu Ostern, wenn genau diese Art von Pastete gegessen wurde. Aber schließlich gelang es dem jungen Hotelboten, zwei Dosen aufzutreiben, die er stolz mit den anderen Einkäufen in die Küche schleppte.

Als Ianto zwei Minuten später im Speisesaal stand, wusste er zumindest, womit ihn Tomi überraschen wollte. Er saß nicht alleine am Tisch, sondern mit einem Paar, das ihm den Rücken zuwandte, ihm jedoch trotzdem bekannt vorkam. Tomi winkte, als er ihn entdeckte und auch die beiden anderen drehten sich nach ihm um. „Hey, Ianto. Wir sind hier.“

Ianto erkannte sie sofort. Gwen und Rhys Williams. Sie hatten letztes Jahr ein paar Nächte im Hotel verbracht, bevor ihr eigenes Haus bezugsfähig gewesen war. Gwen Williams hatte damals Alarm geschlagen, als der Weevil im Garten auftauchte...

Er setzte ein höfliches Lächeln auf, verbarg die Enttäuschung darüber, dass dies alles andere als ein zwangloses Mittagessen mit seinem alten Freund sein würde und trat an den Tisch.

"Ianto, darf ich dir meinen Cousin Rhys und seine Frau vorstellen?", meinte Tomi mit einem entschuldigenden Blick in seine Richtung. "Als ich Rhys erzählt habe, dass Rhiannon für mich Pastete nach Tante Betis Rezept macht, hat er sich selbst zum Mittagessen eingeladen."

Er meinte es eindeutig als Scherz, aber Ianto konnte sehen, wie Gwen Williams flüchtig verärgert die Augenbrauen zusammenzog. Vielleicht hatte sie andere Pläne gehabt, die Tomi und ihr Gatte unwissentlich durchkreuzten.

"Es ist schön, Sie wiederzusehen. Mrs. Williams." Er nickte ihr höflich zu. "Mr. Williams." Sein Lächeln war echter, als er Rhys die Hand schüttelte und dann auf dem freiem Stuhl neben Tomis Platz nahm.

„Wir haben letztes Jahr hier gewohnt“, wandte Gwen sich an Tomi. „Ein paar Tage. Und es hat sich überhaupt nichts verändert. Die anderen Hotels... sind ja alle so modern. Offenbar ist Cardiff ein neues Ziel für amerikanische Touristen und die erwarten ja einen ganz anderen Standard. Mit Telefon und Fernseher auf jedem Zimmer. Ich würde ja lieber irgendwo Urlaub machen, wo den ganzen Tag die Sonne scheint.“ Sie strich sich das Haar zurück und wandte sich wieder an Tomi. „Mein Rhys hat gute Chancen auf eine Beförderung in der Spedition, wenn sein Chef nur endlich in Ruhestand gehen würde. Dann könnten wir auch Urlaub irgendwo anders machen. Suzie Costello hat uns in ihr Haus auf Marb-Ella eingeladen. Das ist in Spanien.“

Ianto verkniff sich, ihr für die Geographiestunde zu danken oder sie darauf hin zu weisen, dass sie den Ort falsch aussprach. Auch er las Zeitungen. Dass die Williams Suzie Costello kannten, hatte er allerdings auch nicht gewusst. „Die meisten Gäste im Greyfriars Arms sind Studenten, Mrs. Williams. Sie kommen hierher um die Universität zu besuchen und können sich keine teuren Hotels leisten“, erwiderte er.

„Was hörst du auch auf diese überkandidelte Schnepfe“, mischte sich ihr Ehemann ein, bevor Gwen darauf antworten konnte. „Iantos kleine Nichte malt bessere Bilder als diese angebliche Künstlerin.“

„Offensichtlich verdient sie aber damit Geld“, gab seine Gattin spitz zurück.

Es versprach ein fröhliches Mahl zu werden, dachte Ianto sarkastisch.

Doch bevor sich das Ganze zu einem Ehestreit auswachsen konnte, kam zum Glück Alis mit dem Servierwagen an den Tisch und brachte die Suppe.

Aber Ianto hatte sich zu früh gefreut.

Gwen Williams schickte die Hühnersuppe (Rhi verschwendete nichts und darin war schließlich das Huhn für die Hauptspeise gekocht worden) zurück, weil sie zu viele der großen, gelben Fettaugen enthielt und verlangte außerdem eine Portion ohne Nudeleinlage.

Alis huschte verschüchtert ihre Schürze wringend aus dem Speisesaal. Sie war es nicht gewöhnt so abgekanzelt zu werden – schon gar nicht vor den Augen und Ohren des Chefs. Ianto hätte ihr gerne ermunternd zugenickt, doch sie wagte es nicht, ihn an zu sehen.

Rhys bemerkte gutmütig, dass man schließlich nur an solchen Fettaugen erkennen könnte, dass die Suppe nicht aus einer Dose kam und das es sich um ein gutgenährtes und gesundes Huhn gehandelt hatte. (Dabei sah er so aus, als kenne er den Unterschied nur zu gut.) Er leerte seinen Teller rasch.

Während seine Frau mit zusammengekniffenen Lippen da saß, kam er von Hühnersuppe in der Dose auf Schildkrötensuppe in der Dose und erzählte dann einen Schildkrötenwitz, den Ianto zwar nicht verstand, der aber Gwen zum Kichern und Erröten brachte.

Vermutlich war es ein privater Scherz zwischen den Eheleuten. Zumindest besänftigte es Gwen so weit, dass sie an dem frischen Teller Suppe nichts auszusetzen hatte und Alis mit einem gnädigen Nicken entließ.

Ianto nahm sich vor, Rhi danach zu fragen, wie sie die Fettaugen des Anstoßes so schnell weggezaubert hatte und aß seine eigenen mit Genuss.

Tomi hob den Blick nicht von seinem Teller. Entweder fühlte er sich tatsächlich wegen Gwens Benehmen verlegen oder er versuchte das Lachen zu unterdrücken.

Der Frieden hielt jedoch nur so lange an, bis Alis die Suppenteller abräumte und das Hauptgericht servierte. Die junge Küchenhilfe war so nervös, dass sie fast Gwens Wasserglas umwarf.

Mrs. Williams warf einen Blick auf die Pastete und schob den Teller ein Stück von sich - verkündend, dass sie wegen ihrer Diät auf keinen Fall diese dicke, fettige Kruste essen konnte. Ihr Ehemann schien diese Skrupel nicht zu hegen. Er hob ohne große Umstände den Teigdeckel von ihrer Portion (Rhi buk kleine Pasteten, so dass jeder Gast seine eigene bekam, statt einer großen, die in Stücke geteilt wurde) und packte sie auf seinen eigenen Teller, ließ ihr die dampfende Füllung. Sie stocherte kritisch darin herum.

Ianto fand nicht, dass es etwas daran auszusetzen gab. Rhi hatte sich heute definitiv selbst übertroffen: das Fleisch war weich und saftig, der Spargel schmeckte fast wie frischer und die Erbsen waren jung, prall und knallig grün, nicht eingeschrumpelt und gräulich, wie so oft außerhalb der Saison. Alles wurde von einer cremigen Soße bedeckt und von knusprigem, goldgelb gebackenem Teig umgeben. Seine Schwester hätte das jederzeit in einem der feineren Restaurants in der Innenstadt servieren können.

Tomi und Rhys lobten das Gericht ebenfalls und befanden es einstimmig als sehr viel besser als Tante Betis Version, auch wenn das Rezept von ihr stammte.

Mrs. Williams pickte hingegen nur lustlos in ihrem Essen herum, befand das Gemüse als zu hart und die Unterseite der Pastete als zu weich und wollte von ihm wissen, ob seine Köchin auch wirklich frischen Spargel verwendet hatte. Es war schließlich so schwer, ehrliches Personal zu finden.

Ianto unterließ es, sie über seinen Verwandtschaftsstatus mit seiner "Köchin" zu korrigieren. Und darüber, dass Spargel jetzt noch gar nicht frisch zu bekommen war, weil es sich um ein Saisongemüse handelte.

Ihr Teller war noch mehr als halb voll, als sie sich entschuldigte, um sich die Nase pudern zu gehen.

Kaum hatte sie den Raum verlassen, beugte sich Rhys vor. "Gwen ist gerade ein wenig empfindlich wegen ihrer Figur und heikel was das Essen angeht", sagte er. "Aber das kommt davon, dass wir gerade erfahren haben, dass sie ein Baby erwartet." Er strahlte vor Stolz, als Tomi ihm gratulierte und auf die Schulter klopfte. Auch Ianto brachte seine Glückwünsche an den Mann und schüttelte Rhys Hand. Er fand Rhys sympathisch, fragte sich aber, wie er wohl zu einer eindeutig so viel ambitionierteren Frau gekommen war.

Rhys Williams hatte LKW-Fahrer sein wollen, seit er hinter ein Lenkrad durfte, aber seine Ehefrau hatte ihn stets dazu gedrängt, einen besseren Posten zu finden, also saß er jetzt in der Spedition an einem Schreibtisch und organisierte die Fahrten anderer Fahrer. Manchmal sprang er selbst ein, wenn jemand krank wurde. Nach der stichelnden Bemerkung, die seine liebende Gattin vor dem Essen von sich gegeben hatte, war ihr das jedoch noch nicht gut genug. Im letzten Jahr hatte Rhys Williams sich eines Abends alleine in der Bar wiedergefunden, nachdem seine Frau mit Freundinnen ausgegangen war, und er hatte sich freimütig mit Ianto und dem damals noch unglücklich auf Freiersfüßen wandelnden Andy unterhalten. Allerdings war damals nicht zur Sprache gekommen, dass er mit Tomi verwandt war. Andererseits war Williams kein sonderlich seltener Name und woher hätte er auch wissen sollen, dass Ianto seinen Cousin kannte.

Rechtzeitig zum Servieren des Desserts war Gwen Williams zurück und Ianto machte sich auf eine weitere Runde Beschwerden gefasst. Doch beim Anblick des Tellers verzogen sich ihre frisch geschminkten Lippen zu einem Lächeln, das die Zahnlücke zwischen ihren Vorderzähnen entblößte, bevor sie sich mit reichlich undamenhafter Eile darüber hermachte.

Ianto war von ihrer Reaktion wieder überrascht. Dieses Mal positiv. Rhi machte diesen einfachen, viereckigen Kuchen so oft für die Kinder, dass selbst David - der als heranwachsender Junge selten etwas verschmähte, das auch nur im entferntesten essbar war (so lange es sich nicht um Gemüse handelte) - klagte, seine Mam könnte mal was anderes machen. Natürlich war der Biskuit selbst gebacken und die Füllung aus frischer Sahne, selbst eingekochter Himbeerkonfitüre und selbst eingemachten Himbeeren um Längen besser als die üblichen fertig gekauften Kuchen mit Fruchtfüllungen aus der Fabrik. Trotzdem war es ein sehr alltägliches Dessert und es kam ihm übertrieben vor, dass Gwen Williams es nach all der Kritik an den beiden Gängen zuvor so lobte. Und dann drei Portionen verschlang! Die Diät war wohl für den Moment vergessen.

Während der Unterhaltung glitt Iantos Aufmerksamkeit von Zeit zu Zeit ab.

Als er heute Morgen aufstand, lag ein kleines, in Stoff eingeschlagenes Päckchen auf dem alten Waschtisch, der nun neben der Tür als Ablagefläche diente. Er war sich sicher, dass es am Abend noch nicht dort gelegen hatte, denn er hielt sein eigenes Zimmer selbst sauber und erinnerte sich deutlich, dass er alles abgestaubt hatte, bevor er zu Bett gegangen war. Offenbar hatte sich Jack mal wieder nicht von der verschlossenen Tür von einem nächtlichen Besuch abhalten lassen. Vermutlich sollte er froh sein, dass Jack ihn nicht geweckt hatte… andererseits war er auch ein wenig darüber enttäuscht.

Der Captain hatte ihm gestern gestanden, dass er von seinem Boss zur Nachtschicht verdonnert worden war, zur Strafe, weil er etwas von einem Fundort „in Sicherheit gebracht hatte“ – wie er es mit einem Augenzwinkern umschrieb. Bevor er gegangen war, hatte Jack die Hand auf seinen Arm gelegt und sie dort liegen lassen, obwohl sie jederzeit jemand sehen konnte. Er spürte wie die Wärme, die von seiner Berührung ausging, und dieses Kribbeln, als marschierten die Bewohner eines ganzen Ameisenhügels über seine Haut. Ianto zog den Arm erst weg, als Mica durch die Halle auf sie zu stürmte, um Jack ihr neuestens Kunstwerk zu präsentieren.

Jack wechselte einen Blick mit ihm, und hob dann lachend das kleine Mädchen auf den Empfangstresen. Mica wartete mit sichtlich angehaltenem Atem, während Jack das Bild auf dem Tresen glatt strich und allem Anschein nach ernstlich betrachtete. Dann befand er es für großartig und bot ihr an, es ihr abzukaufen. Bevor Ianto protestieren konnte, zauberte er aus einer der Taschen seines Mantels eine Münze und hielt sie Mica vor die Nase. Ganz und gar nicht scheu, griff Iantos Nichte danach und schob – nachdem sie die Münze kritisch betrachtet hatte – Jack die Zeichnung hin. Sie nahm ihm noch das Versprechen ab, ihr von seinem nächsten Ausflug nach London wieder die tollen Malstifte mitzubringen und ließ sich dann wieder auf den Boden heben.

Als sie dorthin zurück verschwunden war, woher sie gekommen war, wandte sich Jack amüsiert wieder Ianto zu. Und schüttelte den Kopf, bevor Ianto etwas anmerken konnte. „Es ist wunderbar, sie zu verwöhnen, so lange sie noch so jung sind“, sagte er und rollte die Zeichnung sorgfältig zusammen. Ianto kramte in einer Schublade mit Utensilien nach einem Gummiband und ihre Finger streiften aneinander, als er es an Jack weiterreichte. Er spürte einen Kloß im Hals und sah weg, als der andere Mann lächelte und die Geste wiederholte, dieses Mal mit Absicht.

Alices Ankunft an der Rezeption setzte dem ein Ende. Sie trug Hut und Mantel und war gerade dabei, ihre Handschuhe anzuziehen. Ihr Blick glitt zwischen ihnen hin und her und Ianto spürte seine Wangen warm werden. Sie lächelte ihm freundlich zu und wandte sich dann an ihren Vater, um ihn daran zu erinnern, dass sie bald aufbrechen mussten, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein.

Jack warf ihm einen Blick zu, teils amüsiert, teils bedauernd und sagte zu ihm, dass sie dieses Gespräch unbedingt später fortsetzen müssten. Er nahm die Zeichnung und hakte seine Tochter unter, um Steven abzuholen und sie alle in ein Taxi zu verfrachten.

Er hatte Jack an diesem Tag nicht mehr gesehen. Vermutlich war er an die Arbeit zurück gerufen worden. Und eigentlich hatte er auch selbst genug zu tun, um Zeit verschwenden zu können, an etwas zu denken, dass unmöglich war.

Bis er das kleine Päckchen auf dem Waschtisch fand. Und darin das schönste Paar Manschettenknöpfe, die er je gesehen hatte und ein zusammen gefaltetes Stück Papier.



Sie haben die gleiche Farbe wie deine Augen.
Ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit, für deine Hilfe mit Alice und Steven.

J.


Eingelegt in eine silberne Fassung war ein graublauer Stein, wie ihn Ianto noch nie zuvor gesehen hatte – der aber tatsächlich seiner Augenfarbe sehr ähnlich kam. Sie waren elegant, aber dabei unauffällig genug um sie jeden Tag zu tragen – und bestimmt sehr viel wertvoller als die, die er besaß. Es juckte ihn in den Fingern, sie anzuprobieren, aber er legte sie zurück, wickelte sie wieder in das Stoffstück und verstaute das Päckchen samt der Nachricht in einer kleinen Schublade des Sekretärs neben dem Fenster. Sie wurde mit dem kleinen Schlüssel an seinem Schlüsselbund abgeschlossen. Er konnte dieses Geschenk nicht annehmen.

Unwillkürlich die Manschetten seines Hemdes glättend, schob Ianto jeden weiteren Gedanken an Jack zur Seite und bereitete sich auf weiteren höflich-gezwungenen Smalltalk vor.

Nach dem Essen verkündete Gwen, dass sie noch Einkäufe zu erledigen hätte. Ianto nutzte die Gelegenheit, sich mit dem Hinweis, zurück an die Arbeit zu müssen, zu entschuldigen. Die beiden anderen Männer zogen sich für einen kleinen „Verdauungstrunk“ in die Bar zurück, nachdem Tomi Ianto den Schlüssel dafür abgeluchst hatte.


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Auf einen Schlag war Jack sehr froh, auf das Mittagessen verzichtet zu haben. Eigentlich waren er und Geraint auf dem Weg in den Pub um die Ecke gewesen, um dort zu essen, als ein Wagen neben ihnen stoppte und Alex sich aus dem Fenster lehnte. Auf dem Rücksitz saß Dr. Thyme. Ihr Boss beorderte sie kurzangebunden einzusteigen und fuhr los, noch bevor Jack die Wagentür völlig geschlossen hatte.


Jetzt standen sie vor etwas, das aussah wie ein überdimensionaler Kokon, und in einem Netz in einer Ecke des Raumes hing. Es war kein Netz wie von einer Spinne, mit einem klaren Muster. Es waren nur klebrige Fäden, die in alle Richtungen von den Wänden und der Decke fielen. Das Problem war, dass der Kokon sehr groß war. Und dann die Hand, die daraus hervor ragte. Es war kein großer Gedankensprung, an zu nehmen, dass sich eine Leiche in der Hülle aus gesponnenen Fäden befand. Höchstwahrscheinlich war es eine menschliche.

„Hast du so etwas schon einmal gesehen?“, fragte Alex, während Lana ihr Zeichentalent dazu nutzte, eine Skizze ihres grausigen Fundes anzufertigen.

Die Botanikerin schien allerdings unbeeindruckt, tappte lediglich ab und zu leicht mit der Spitze ihrer Stiefel auf den hölzernen Fußboden. Ein paar Strahlen der Mittagssonne fielen durch schmutzige Fenster, denen – genau wie dem Rest des kleinen Hauses – schon lange keine Pflege mehr angediehen war. Aufgewirbelter Staub umkreiste den Saum ihres Rockes wie eine Aura. Über ihnen waren Schritte, knarzende Holzbretter und ein gelegentlicher Fluch zu hören, als Geraint den kleinen Speicher unter dem Dach des einstöckigen Hauses untersuchte.

„Ich denke im Kino“, erwiderte Jack, die Arme vor der Brust verschränkend. „In einem Film mit einer sehr großen Spinne, die aus dem Haus eines Wissenschaftlers entwischte. Hat jemand in der Nachbarschaft eine gigantische Spinne gesehen?“

„Ich glaube, wir hätten davon gehört, wenn es so gewesen wäre“, meinte Alex trocken. Er berührte einen der Fäden und schnitt eine Grimasse als sein Finger daran kleben blieb. Mit einiger Mühe löste er sich davon und versuchte seine Hand an der Hose zu reinigen – was darin endete, dass nun Fusseln und Staub an seinen Fingern klebten.

Jack nahm einen von Lanas Zeichenstiften und wickelte damit ein kleines Stück des Kokonfadens auf und steckte den Stift samt klebrigem Anhängsel in eine Glasphiole, die er zufällig in der Tasche hatte. Was es genau war, konnte die Eierkopfbrigade aus London heraus finden. Seine Arbeit begann eher, sollte das auftauchen, was den Kokon gesponnen hatte. Wenn es sich auch nicht um eine Riesenspinne handelte, war es vermutlich ein gefährliches Wesen. Und allzu klein war es wohl auch nicht.

„Fällt dir auch etwas Hilfreiches ein?“, fragte Alex, endlich damit fertig, seine Hand zu reinigen.

Statt zu antworten bückte Jack sich und zog sein Messer aus dem Stiefelschaft. Er ließ die lange Klinge herausspringen. „Gehen wir nachsehen was in der Wunderkugel steckt?“

Sein Vorgesetzter schnitt eine Grimasse, zog aber selbst ein Messer aus der Tasche. „Lana, vielleicht treten Sie vorsichtshalber einen Schritt zurück.“

Die Botanikerin ließ den Block sinken und warf ihnen einen Blick zu, bevor sie nickte. „Ich bin mit der Skizze fertig. Aber sollten wir nicht auf die anderen warten und Fotos davon machen, bevor Sie den Kokon zerstören?“

„Ich habe nicht vor, es zu zerstören“, erwiderte Hopkins und trat widerwillig näher an das Geflecht aus klebrigen Fäden. „Aber wir müssen wissen, was sich da drin befindet. Vielleicht sind Eier da drin. Oder irgendwelcher Nachwuchs.“

Jack kappte zwei Verbindungsfäden und vermied es geschickt, von den herabfallenden Enden getroffen zu werden. Alex tat das gleiche auf der anderen Seite und der Kokon platschte zwischen ihnen auf den Boden, etwa mit dem Geräusch, wie es ein Sack voll nassem Sand produzierte. Staub wirbelte auf und ein säuerlicher Geruch erfüllte die Luft.

Alex presste die Lippen fest zusammen, als er das Messer in das eine Ende des Kokons stieß. Er verzog das Gesicht als eine frische Wolke an Gestank aufstieg, schlimmer als zuvor und ihn zwang, durch den Mund zu atmen, was es ein wenig erträglicher machte.

Es war wie durch einen trockenen Gipsverband zu schneiden. So kam es Alex zumindest vor. Jack arbeitete sich von der anderen Seite vor und nach einer gefühlten Ewigkeit stießen die beiden Schnitte in der Mitte des Kokons zusammen. Ohne sich mit dem anderen Mann abstimmen zu müssen, fasste jeder von ihnen eine Hälfte und sie zogen sie gleichzeitig auseinander.

Mit einem trockenen Knirschen riss der Kokon auf und die Hälften fielen auf dem Boden. Vor ihnen lag die zusammengekrümmt - irgendwie eingeschrumpft aussehende - Leiche eines Mannes mittleren Alters. Aber das war nur eine grobe Schätzung. Sie gingen davon aus, dass es ein Mann war, weil er einen grauen Overall trug, wie ein Handwerker und dass er nicht alt war, weil er einen Kopf voller schwarzer Haare hatte. Gesicht und Hände sahen aus wie die einer geschmolzenen Wachspuppe. Vielleicht eine Art von Säure, die das Gewebe zerstörte. Er dachte unwillkürlich an Spinnen. Die spritzten doch mit ihrem Biss ihren Opfern eine Flüssigkeit ein, die sie innerlich auflöste. Hatten sie es hier mit etwas Ähnlichem zu tun?

Jack machte einen Schritt zurück und fluchte leise in einer Sprache, die Alex unbekannt war. Auch die vorher so kühle Miss Thyme presste nun ein Stofftaschentuch gegen Mund und Nase.

Ein mulmiges Gefühl, das nicht nur mit dem Gestank zu tun hatte, breitete sich in Alex‘ Magengrube aus. Irgendwo in Cardiff trieb sich ein Geschöpf herum – oder mehrere davon – die sich Menschen als Nahrung (zumindest nahm er das an) suchten. Wer wusste in wie vielen Kellern und verlassenen Gebäuden noch solche Kokons hingen. Sie mussten sich an die Polizei wenden, heraus finden ob es vermisste Personen gab. Nicht, dass er sich viel davon versprach. Cardiffs Fabriken, die Kohlenminen und Schiffe zogen Menschen aus ganz Wales und aus Schottland und England an, die sich hier Arbeit versprachen. Nicht alle wurden sofort vermisst, sollten sie verschwinden.

Geraint kam zurück, von Kopf bis Fuß mit Staub bedeckt, und berichtete, dass er im Rest des Gebäudes nichts gefunden hatte. Dann warf er den ersten Blick auf die Leiche, wurde grün um die Nase und zog einen Flachmann aus der Tasche, um seinen Magen mit ein paar kräftigen Schlucken Brandys zu beruhigen. Alex wünschte, er könnte seinem Beispiel folgen. Jack stieß die Leiche mit dem Fuß an, rollte sie so auf den Rücken. Der Mann hatte keine Augen mehr, vermutlich hatte die Säure sie aufgelöst. Die Alternative war… ekelerregend. Und Hopkins hatte schon eine Menge Schafe und Lämmer gesehen, denen von Krähen die Augen ausgepickt worden waren.

Stattdessen räusperte er sich. „Geraint, benutz das Funkgerät im Wagen und gib im Hub Bescheid, dass wir hier Hilfe brauchen. Sie sollen eine große Plane mitbringen, irgendetwas festes, wasserdichtes, in dem wir die Leiche transportieren können. Und dann will ich, dass Doktor Bowen das genau ansieht. Wir müssen herausfinden wer das ist. Bestimmt hat er irgendwo Angehörige, die ihn vermissen.“ Alex wandte sich Jack zu, als Geraint nach draußen eilte, sichtlich erleichtert den Raum verlassen zu dürfen. „Sieh dich bitte hier genau um. Vielleicht fällt dir etwas auf, oder du findest doch noch etwas, dass dir bekannt vorkommt. Fang damit an, die Umgebung zu durchsuchen, ich schicke dir noch ein paar der anderen, damit sie dir helfen. Und hör dich um, du hast doch Kontakte auf der Straße, vielleicht ist irgendjemand etwas aufgefallen.“

„Ja, Sir, jawohl.“ Jack salutierte zackig. „Ich suche nach etwas, von dem ich nicht weiß, wie es aussieht, und von dem ich auch sonst nichts weiß, außer dass es vermutlich versuchen wird, mich zu fressen. Oder in einen Kokon einzuspinnen.“ Er wischte sein Messer an der Hose ab und ließ die Klinge wieder einschnappen.

Sein Vorgesetzter ignorierte es. Er wandte sich an Lana. „Miss Thyme und ich fahren zurück in den Hub. Vielleicht finden wir dort etwas in den Akten, das mit dem hier vergleichbar ist.“

Die Botanikerin nickte. „Mit Vergnügen“, meinte sie angewiderte und schlug ihren Zeichenblock zu, ihn wieder in ihrer großen Umhängetasche verstauend. Jack reichte ihr das Glasröhrchen, in dem er eine Probe der Spinnfäden untergebracht hatte, obwohl da vermutlich nicht mehr gebraucht wurde, jetzt wo sie den kompletten Kokon in den Hub schaffen würden. Sie steckte es ohne hinzusehen in die Tasche und folgte Alex.

„Hey Boss“, rief Jack Hopkins nach. „Ich hatte noch kein Mittagessen.“

Alex schüttelte den Kopf, ohne sich nach ihm umzudrehen. „Dann kauf dir irgendwo ein Sandwich.“ Gott, wie konnte Jack auch nur an Essen denken nach dem, was sie gesehen hatten. Er war wahrlich abgehärtet nach mehr als einem Jahrzehnt der Arbeit für Torchwood, aber selbst ihm wurde beim Gedanken an das augenlose Gesicht übel. Nachdem er Lana den Vortritt gelassen hatte, sah er sich doch noch einmal um. Jacks Miene war ausdruckslos, als er sich über den Körper beugte und mit der Messerspitze in der großen Brusttasche des Overalls herum stocherte, vielleicht auf der Suche nach einem Ausweis.

Dann ging er, die kalte, feuchte Luft draußen in tiefen Atemzügen einatmend.


###


Ein dünner Lichtstrahl fiel unter der Küchentür durch und in den Flur. Ianto lächelte, fuhr sich über die Haare und öffnete die Tür. "Hey, Jack, was ist es denn heute Nacht..." Er unterbrach sich, als nicht wie erwartet Jack sich zu ihm umwandte, sondern Tomi - schuldbewusst einen Teller mit Kuchen an die Brust drückend.

"Nur ich!", rief sein Freund mit einem breiten Grinsen. "Tut mir leid, wenn du jemand anderen erwartet hast." Er stopfte Kuchen in seinen Mund und Krümel verteilten sich in alle Richtungen.

Ianto blinzelte und verschränkte die Arme vor der Brust. „Bist du... betrunken?“, fragte er.

„Ein bisschen. Ich war mit Johnny, Rhys und eine paar von den Jungs meine Heimkehr feiern.“ Tomi ließ sich auf die Bank am Küchentisch in der Ecke fallen und streckte die Beine vor sich aus. Er balancierte den Kuchenteller auf dem Bauch. „So“, fragte er, um einen großen Bissen von Rhis Apfel-Pie herum. „Du hast offenbar Captain Jack um diese Zeit hier erwartet.“ Er klang ein wenig klarer – wenn auch weit davon entfernt, nüchtern zu wirken - und musterte Ianto unter halb gesenkten Lidern hervor.

„Nein. Ich meine...“ Ianto nahm am anderen Ende der Bank Platz. „Er arbeitet oft bis spät in die Nacht. Und deshalb hat er eine Verabredung mit Rhi, dass er sich selbst mit Essen versorgen kann, wenn er endlich nach Hause kommt, und vorher keine Gelegenheit dazu hatte. Und als ich das Licht sah... Was machst du eigentlich hier?“

„Ich brauchte unbedingt etwas Süßes.“ Tomi grinste albern. „Und da ich keine der Schönheiten aus dem Pub dazu bezirzen konnte, mich zu begleiten...“ Er deutete auf den Teller. „Außerdem hoffe ich, er saugt einen Teil des Alkohols auf und mein Kater wird nicht allzu schlimm.“

Rhis Kuchen ist gut, aber erwarte keine Wunder.“ Ianto lachte leise. Er hätte Jack gerne wegen der Manschettenknöpfe befragt, aber diese Unterhaltung entpuppte sich allmählich als genauso amüsant. „Soll ich dir Tee machen, um den Kuchen runter zu spülen?“

Tomi schüttelte den Kopf. „Wasser reicht. Oder besser, kann ich ein Glas Milch haben?“

„Kein Problem.“ Ianto stand auf und holte die Flasche aus dem Eisschrank. Rhi hatte immer abgekochte Milch fürs Frühstück der Kinder oder für seinen Kaffee bereitstehen.

Sein Freund griff gierig danach, als er das Glas vor ihn stellte und trank es auf einen Zug halb aus. Ianto füllte es nach, bevor er sich wieder setzte.

„Du triffst den Captain wohl oft hier?“, fragte Tomi nach einer Weile und wischte sich Milchreste und Krümel mit dem Ärmel ab.

„Ich sagte doch...“, begann Ianto, der das Gefühl hatte, sich verteidigen zu müssen.

„Jaja, er und Rhi haben eine Verabredung.“ Tomi wedelte mit der Hand. „Ist er ein guter Freund?“

Ianto wusste nicht, was er darauf antworten sollte. „Er ist okay, denke ich“, sagte er schließlich. Er wagte nicht, seinem Verhältnis zu dem anderen Mann einen Namen zu geben. Selbst wenn, welchen? Selbst in seiner Erinnerung spürte er wieder das Kribbeln der Haut, als Jack ihn berührt hatte.

„Er... sieht irgendwie nicht so recht wie dein Typ aus.“ Tomi trank noch einen Schluck Milch. Vom Kuchen war nichts mehr übrig.

„Mein Typ?“ Ianto schluckte, als sich ein Quietschen in seine Stimme einschlich. „Ich... habe einen Typ von Freunden?“, setzte er sarkastisch hinzu.

„...verglichen mit mir oder Mickey...“

„Findest du das nicht ein wenig albern? Wir haben uns als Kinder kennen gelernt. Ich bin sicher, du hast in zwischen auch jede Menge Freunde, die anders sind als Mickey oder ich.“ Ianto stand auf und zog den Gürtel seines Morgenmantels enger zu. „Hör zu, es ist spät. Ich habe einen langen Tag vor mir und sollte wirklich ins Bett gehen.“

Tomi kam leicht schwankend ebenfalls auf die Beine. „Du bist sauer auf mich“, stellte er fest. „Nur weil ich wissen wollte, was an diesem Jack so toll ist?“

„Ich hoffe, dein Kater ist nicht so schlimm“, sagte Ianto, ohne auf seine Worte einzugehen. Er ging zur Tür. „Edwyn holt dir gerne etwas aus der Apotheke, wenn du Aspirin oder etwas für den Magen brauchst. Aber schreib es ihm vorsichtshalber auf einen Zettel, damit er nicht mit Schuhcreme oder so etwas zurück kommt.“

„Wie gut kennst du ihn?“, fragte Tomi hinter ihm. „Er ist merkwürdig.“

„Was meinst du?“ Ianto runzelte die Stirn und sah über die Schulter auf ihn. „Er ist Amerikaner. Die sind alle ein wenig merkwürdig.“

Tomi trat zu ihm. „Guter Junge“, spottete er. „Immer noch der brave, naive Ianto. Du lebst immer noch in deiner kleinen, sicheren Welt, oder? Wie er mit dir spricht. Wie er dich ansieht. Ich habe das zuvor gesehen. Er flirtet mit dir und er ist noch nicht einmal besonders subtil. Sogar du musst das bemerkt haben. Ich gebe zu, er sieht nicht aus wie die Puppenjungs in London, aber du siehst es diesen Typen nicht immer an.“ Er schüttelte den Kopf. „Mir hat mal in einem Pub einer die Hand auf den Oberschenkel gelegt, der sah aus wie der Weihnachtsmann auf den Karten, die deine Mam immer verschickt hat.“

Ianto schluckte, er spürte seine Wangen brennen. „Du bildest dir das nur ein. Und du bist immer noch betrunken. Geh ins Bett und schlaf deinen Rausch aus.“ Er eilte aus der Küche und atmete erst wieder, als er die Tür seines Zimmers hinter sich schloss.

Er trat an den Schreibtisch und schloss die Schublade auf. Holte die Manschettenknöpfe heraus. Sie aus ihrer Stoffhülle wickelnd, setzte er sich damit auf sein Bett und drehte sie im Licht. Silberne Reflektionen tanzten über seine Haut und langsam beruhigte sich sein Herzschlag wieder.

Tomi war betrunken. Sonst hätte er nie so mit ihm gesprochen. Vermutlich würde er sich morgen früh nicht mehr daran erinnern. Und er würde ihn sicherlich nicht daran erinnern.

Ianto legte die Manschettenknöpfe in die Schublade seines Nachttisches und zog den Morgenmantel aus, um ihn ordentlich über einen Stuhlrücken zu legen. Dann knipste er das Licht aus und kroch unter die Decke.

Er lag noch lange wach.



Ende (Tbc…)