Das Hotel

 

Autor: Lady Charena (November 2010)

Fandom: Torchwood

Episode: 1.05 Small Worlds & allgemein TW 1-3

Worte: 41.000

 

Charaktere: Ianto Jones (POV), Jack Harkness, Rhiannon & Mica, Owen Harper, Toshiko Sato, Gwen Cooper, Rhys Williams, Martha Jones, Mickey Smith, Estelle Cole, Suzie Costello, Alice Carter & Steven, PC Andrew Davidson

 

Andere Seriencharaktere erwähnt: TW: Johnny Davies, David Davies, Lisa Hallett, Carys Fletcher, Jasmin Pierce, Alex Hopkins; DW: John Smith (der Doctor - Ten), Rose Taylor, Donna Noble

 

Originalcharaktere, Faeries und Weevil nach Bedarf

 

Pairings: Jack/Ianto pre-slash & canon: Ianto/Lisa, Gwen/Rhys, Rhiannon/Johnny, Suzie/Owen angedeutet, past-Jack/Estelle angedeutet

 

Rating: AU, slash, het, pg12, oneshot

Warnungen: (Neben-) Charaktertod (canon)

 

Summe: Cardiff/Wales, 1962. Die Gegend um das Greyfriars Arms Hotel wird von einer Reihe merkwürdiger Ereignisse heimgesucht. Das Torchwood Institut schickt seinen freien Agenten Jack Harkness von London nach Cardiff, um dort als gewöhnlicher Gast im Hotel abzusteigen; sich unauffällig umzusehen und einen außerirdischen Einfluss auszuschließen. Reine Routine für den Captain, oder so sollte man meinen...

 

A/N: Dieses AU wurde von einer Episode der Serie „Angel“ (2x02 Are you now or Have you ever been) inspiriert. Und in gewissem Maße durch Agatha Christies “Bertrams Hotel”. Charaktere und Situationen aus dem Torchwoodcanon der Season 1 & 2 (besonders Folge 1.5 Small Worlds) sind hier und dort integriert und/oder neu interpretiert.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


Kapitel 1)

 

 

(„There is a monster in my closet“ - poem by Dillon Tinsley)

 

 

 

„Ich habe schon wieder ’ne Beschwerde bekommen.“ Mickey Smith schlidderte hinter den Empfangstresen und rückte seine Mütze – Teil seiner Uniform als Hoteldiener – zurecht, bevor er verspätet ein: „Sir“ anhängte. „Mehrere sogar, aber alle über das gleiche. Zählt immer noch als eine, oder?“

 

Ianto Jones unterdrückte ein sichtliches Zusammenzucken, als er den Kopf vom Gästebuch hob. Gut. Langsam gewöhnte er sich daran, von jemandem, der nicht nur im gleichen Alter wie er war, sondern den er sein ganzes Leben lang kannte (sie waren zusammen aufgewachsen, genau hier in dieser Straße und oh, welchen Unfug sie als Kinder in der Nachbarschaft getrieben hatten...) mit „Sir“ angesprochen zu werden.

 

Zumindest hatte er nicht mehr den Drang, sich zu entschuldigen – oder sich umzusehen, ob sein Vater hinter ihm stand. Nicht, dass dies wahrscheinlich oder möglich war, aber auch dieser Gedanke verlor allmählich seinen Stachel.

 

Mickey schien sich weniger daran zu stören, dass Ianto in kaum drei Jahren von einem Spielkameraden aus Kindertagen zu seinem Arbeitgeber aufstieg, aber vielleicht war er sich der Differenzen zwischen ihnen immer stärker bewusst gewesen.

 

Es war mehr als ihre unterschiedliche Hautfarbe – sie stammten effektiv aus verschiedenen Welten. Ianto war der Sohn eines angesehenen Hotelbesitzers, aus einer alteingesessenen Familie und Mickey wuchs nach dem Tod seiner Eltern (die aus London auf der Suche nach Arbeit nach Wales gekommen waren) bei seiner halbblinden Großmutter und einer ältlichen, alleinstehenden Tante auf, die ihr Auskommen mehr schlecht als recht in einer Schneiderei verdiente. Ianto ging zur Schule und las all die Bücher, die er in die Hände bekommen konnte, während Mickey noch vor seinem siebten Geburtstag eine Reihe von Boten- und Lieferjungenjobs hinter sich hatte, um seine Großmutter und Tante finanziell unterstützen zu können. Als er anfing, für das Greyfriars Arms zu arbeiten, verbrachten er und Ianto jede freie Minute zusammen und es war Iantos Hartnäckigkeit zu verdanken, dass Mickey Lesen und Schreiben lernte. Mickeys Großmutter – die selbst nie lesen gelernt hatte – unterstützte die Bildungsversuche ihres Enkels und genoss, dass Mickey ihr nun jeden Abend vor dem Schlafengehen aus der Bibel vorlesen konnte.

 

„Was ist es dieses Mal?“ Ianto spürte ein unangenehmes, nervöses Zucken in der Magengrube, schob es aber auf die Tatsache, dass er wieder einmal vergessen hatte, seinen Lunch zu essen. Rhiannon würde ihm den Kopf waschen und ihm Vorwürfe darüber machen, wie sorglos er mit seiner Gesundheit umging - aber das war eine Bürde, die man mit einer fast zehn Jahre älteren Schwester zu tragen hatte. Seit dem Unfall, der ihren Eltern das Leben gekostet und Ianto abrupt mit der Verantwortung für die Leitung eines Hotels zurück ließ, versuchte sie ihm gegenüber auch die Rolle einer Mutter einzunehmen. Nicht, dass er das mit fünfundzwanzig noch nötig hatte, vielen Dank auch!

 

„Harper in 2-13 macht schon wieder irgendwelche Experimente in seinem Zimmer, genauer gesagt im Bad. Die Gäste in den Zimmern drum herum beschwer’n sich, dass es stinkt.“ Mickey lehnte sich gegen eine Säule, die Beine vor sich verkreuzt und die Hände in die Hosentaschen geschoben. „Und die hab’n recht. Der ganze Flur stinkt wie Hölle“, setzte er mit gerümpfter Nase hinzu.

 

Ianto seufzte und schloss für einen Moment die Augen.

 

Doktor Owen Harper war ein sarkastischer und zynischer Mann, dessen Äußerungen selten eine andere Form als schneidende Kritik oder Abfälligkeiten annahmen. Er beklagte sich unablässig darüber in Wales „gestrandet“ zu sein; über das Wetter, über das Essen, über die anderen Gäste (in der Regel lautstark und in Hörweite besagter Personen) und gerne auch über die „Ureinwohner und ihre Unfähigkeit eine verständliche Sprache zu sprechen“ im Allgemeinen... Letzteres war vermutlich Iantos eigene Schuld. Er hatte sich einen Spaß daraus gemacht, so viele walisischen Worte wie möglich zu benutzen, wann immer er mit dem Arzt sprach, alleine um den Frust in Harpers Frettchenzügen zu sehen, während er heraus zu finden versuchte, ob Ianto es gewagt hatte, ihn vielleicht zu beleidigen.

 

Er stand auf, strich automatisch seinen Anzug glatt und rückte die makellose Krawatte zurecht. „Ich werde mit ihm sprechen. Danke, Mickey.“ Ianto sah den Leinensack, der neben Mickey auf dem Boden lag. „Oh, Miss Costello schickt dich auf einen weiteren Gang zur Wäscherei? Ist das nicht der dritte in dieser Woche? Und wir haben erst Dienstag.“

 

Mickey grinste. „Sie hat ihr’m Mädchen schon wieder gefeu’rt. Ich bin Carys auf dem Weg zur Suite begegnet, und sie heult’ Rotz und Wasser. Als würde die Miss sie nicht in spätestens zwei Tagen schon wieder einstellen. Oder sobald sie einen ihrer kostbar’n Pinseln nicht finden kann.“ Er zuckte mit den Schultern und zog eine Münze aus der Tasche seiner Jacke. „Wenigstens gibt sie Trinkgeld.“

 

Suzie Costello war Künstlerin. Punktum. Sie war keine reiche Künstlerin, keine berühmte Künstlerin und wer eine Zukunftsprognose wagte, musste vermutlich sagen, dass sie das wahrscheinlich beides auch nie werden würde. Dazu waren ihre Bilder zu wild, zu abstrakt... zu speziell. Aber ihr Vater hatte genug Geld um  seine einzige Tochter auf sogenannte Bildungsreisen durch Europa zu schicken – entweder in der Hoffnung, dass sie dabei tatsächlich etwas lernte und der Kunst abschwor oder einen Ehemann fand, der die Verantwortung für sie übernahm. Miss Costello bewohnte seit fast fünf Wochen eine Suite im Greyfriars Arms und hatte ihre eigene Zofe, Carys, die sie auf ihren Reisen begleitete. Miss Costello hatte sich unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Kopf gesetzt, so viele Bilder von der Bay und Mermaid Quay (wo das Hotel seit rund 300 Jahren angesiedelt war) zu malen, dass sie damit eine eigene Ausstellung veranstalten konnte.

 

Ob sie eine gute Künstlerin war, wagte Ianto nicht zu beurteilen. Er hatte einige ihrer Bilder betrachtet und – obwohl er sein ganzes Leben hier verbracht hatte – keinerlei Ähnlichkeiten zu dem, was sie darstellen sollten, entdecken können. Miss Costellos Gemälde bestanden aus wilden Wirbeln und Linien in aggressiven Farbtönen, die so rein gar nichts mit den eher milden, neblig-trüben und manchmal auch regnerischen Kolorierungen der Landschaft um sie herum zu tun hatten.

 

„Gut, dann kümmere dich zuerst darum – und oh, geh’ doch bitte auf dem Rückweg beim Schuster vorbei und erkundige dich, ob Doktor Smiths Stiefel fertig sind. Miss Rose hat mir gesagt, sie wollen in zwei Tagen abreisen und ich nehme an, er wird seine Stiefel brauchen.“ Ianto machte sorgfältig einen Haken neben einer seiner endlosen Listen an Dingen, die noch zu erledigen waren und verstaute das kleine Büchlein, das er zu diesem Zweck immer bei sich trug, wieder in der Tasche.

 

„Stimmt es, dass sie nach Asien fahren?“, erkundigte sich Mickey neugierig. (Und um, naja, seinen Aufenthalt noch ein wenig zu verlängern. Es regnete mal wieder und Mickey war kein großer Freund von Wasser, seit er als sehr kleines Kind einmal fast in einer Regentonne ertrunken war.) „In den Himi... Himalia. Fühlt sich an wie ein Knoten in meiner Zunge. Schlimmer als damals als du mir walisisch beibring’n wolltest.“ Da keine Gäste in Sicht- oder Hörweite waren, fiel Mickey zurück in die vertraute Form der Ansprache.

 

„Himalaya.“ Ianto erwiderte Mickeys Grinsen, als sie einen Moment Kindheitserinnerungen teilten. „Doktor Smith denkt, er hat dort eine verschollene Kultur entdeckt. Menschen, die vor hunderten, vielleicht tausenden Jahren dort gelebt haben und längst ausgestorben sind.“

 

Einen Augenblick lang fragte er sich, wie es wohl wäre, den Archäologen und seine Stieftochter auf ein Abenteuer wie dieses zu begleiten. Rose Taylor gab sich alle Mühe, abgeklärt und beinahe gelangweilt zu wirken (immerhin begleitete sie den Doktor seit Kindesbeinen auf seinen Reisen), aber Ianto hatte das aufgeregte Funkeln in ihren Augen in ihren Augen gesehen und das kaum wahrnehmbare Zittern in ihrer Stimme gehört, wann immer sie von der nächsten Expedition sprach.

 

Doktor John Smith war seit Schulzeiten ein Freund seines Vaters, doch Ianto konnte sich nicht erinnern, ihn häufiger als ein dutzend Mal in all den Jahren gesehen zu haben. Er war immer unterwegs, überall auf der Welt, in fernen Ländern und noch kaum berührten Gegenden – viele mit Namen, die Ianto erst in den Atlanten und Lexika in der Bibliothek seines Vaters hatte nachschlagen müssen. Er konnte sich jedoch an lange Abende vor dem Kamin erinnern; an unglaubliche Geschichten, die – von Doktor Smiths lebhaften Gesten begleitet und mit passenden Geräuschen untermalt – die Fantasie eines kleinen Jungen in ungeahnte Höhen hatte steigen lassen. Seine Träume von in Dschungeln versunkenen Städten und Schätzen auf dem Grund von kristallklaren Seen in unzugänglichen Gebirgen verblassten mit der Zeit, und waren meistens bis zum nächsten Besuch des Doktors vergessen. Nur manchmal wünschte er...

 

Als Ianto aufsah, befand er sich alleine hinter dem Empfangstresen. Er seufzte und zog seine Taschenuhr (vormals im Besitz seines Vaters und davor seines Großvaters) aus der Westentasche, um einen Blick darauf zu werfen. Es war kurz nach vierzehn Uhr, eine bessere Zeit für einen Besuch bei dem zynischen Arzt gab es nicht. Es war auch eine Uhrzeit, an der die Chancen, dass Doktor Harper noch nüchtern war, gut standen.

 

Er trat einen Moment nach hinten und bat seine Assistentin Toshiko, den Empfang für die Dauer seiner Abwesenheit im Auge zu behalten. Er wusste, dass sie das ungern tat, auch wenn die Zeiten sich langsam besserten und sie nicht mehr so häufig mit unangenehmen Fragen nach ihrer Herkunft belästigt oder einfach nur unverschämt angestarrt wurde. Es war fast ein Jahr her, dass er zum letzten Mal einen Gast des Hauses hatte verweisen müssen, weil der nicht davon abzubringen war, dass Toshiko nicht zum... privaten Amüsement... zur Verfügung stand. Taxierende Blicke waren eine Sache – ihm Geld anzubieten, damit Tosh mit aufs Zimmer ging, eine ganz andere. Sie war ein Gottesgeschenk für seine Bilanzen und Buchhaltung und eine gute Freundin und jede auch noch so kleine Andeutung, die einen Schatten auf ihre Ehre warf, ließ ihn rot sehen.

 

 

 

 

Als er langsam die Hintertreppe in den zweiten Stock hinauf ging – der Aufzug war für Gäste und außerdem hatte er so noch ein paar Minuten mehr, um sich die richtigen Worte zurecht zu legen – fragte sich Ianto (nicht zum ersten Mal) was den Londoner Arzt so aus dem Gleis geworfen hatte, dass er den halben Tag mit übelriechenden Experimenten und Alkohol verbrachte. Und das, wo er zuvor trotz seiner relativen Jugend bereits ein angesehener Chirurg im St. Barts mit späterer Aussicht auf eine lukrative Privatpraxis in der Harley Street gewesen war.

 

Gerüchte besagten, dass es etwas mit dem Tod seiner Verlobten zu tun hatte, die offenbar an einem ungewöhnlich aggressiven Tumor im Kopf verstorben war. Oder genauer gesagt, an der Operation zu dessen Entfernung – einem experimentellen Eingriff, dem sie sich trotz Abraten ihres eigenen Arztes unterzogen hatte. Offensichtlich gab Doktor Harper sich die Schuld daran und fand er habe sie zu der Operation gedrängt, weil er ihre geplante Hochzeit nicht absagen wollte. Nach einem betrunkenen Angriff auf den Kollegen, der den Eingriff vorgenommen hatte, musste der Londoner Arzt sich einer Beurteilung stellen und endete so letztlich in Cardiff, wo er nun Nachwuchs-Chirurgen seine Kunst lehrte. Angesichts der Tatsache, wie oft Ianto seine Hände zittern sah, war der Erfolg möglicherweise fraglich.

 

Es war erstaunlich, was man in einem Hotel so alles erfahren konnte. Seine Schwester Rihannon hatte die Küche und die Hauswirtschaft unter sich und befand sich damit in der Zentrale des kompletten Klatsches und Tratsches. Zimmermädchen schnappten Gespräche auf und fanden zerknüllte Briefe und Telegramme in Papierkörben - ganz zu schweigen von anderen Dingen - beim Bettenmachen und Reinigen der Badezimmer. Besorgungen wurden über Hausdiener in den Auftrag gegeben und Auskünfte eingeholt. Gäste sprachen miteinander und mit dem Personal. An den meisten Tagen schwirrte das Hotel mit Gerüchten wie ein Bienenstock vollgestopft mit Immen.

 

Als er vor Zimmer 2-13 (seine Mutter war gegen jede Form von Aberglauben vorgegangen, daher gab es in diesem Hotel Zimmer mit der Nummer 13) stand, rückte Ianto erneut seine Krawatte zurecht, räusperte sich und klopfte. Ein unangenehm scharfer und zugleich bitterer Geruch lag in der Luft und schien sich wie ein Film auf seine Lippen und seine Zunge zu legen. Sobald er hier fertig war, würde er unbedingt einen Abstecher in seine Räume machen, sich die Zähne putzen und einen Kaffee trinken.

 

Während er auf Antwort wartete, konnte Ianto sich kaum davon abhalten, sein Taschentuch zu zücken und eine matte Stelle auf dem Messingschild mit der eingeschlagenen Zimmernummer zu polieren. Es gab einen Unterschied zwischen ein wenig liebenswerter Schäbigkeit, die mit dem Alter eines Gebäudes kam und echter Schäbigkeit, die in Geldmangel, Vernachlässigung und Gleichgültigkeit beruhte. Bisher gelang es ihnen, auf der Seite von „ein wenig“ und „liebenswert“ zu bleiben.

 

Er musste mit Martha, seiner Hausdame, darüber sprechen. Sie hatte die Gilde der Zimmermädchen und Reinigungskräfte unter sich und offenbar gab es doch noch Dinge, die selbst Martha Jones – nicht verwandt - ungewöhnlich scharfem Auge entgingen. Er zückte sein Notizbuch und einen Bleistift und setzte den Punkt mit auf seine ins Unendliche wachsende Liste.

 

Bevor er dem Drang nachgegeben konnte, das Polieren selbst zu übernehmen – oder erneut zu klopfen – wurde die Tür geöffnete und... Martha kam ihm entgegen, lachend und gestikulierend, das Gesicht in den Raum gerichtet, wo sie sich offenbar lebhaft mit jemand unterhielt.

 

Überrascht trat Ianto einen Schritt zurück, um nicht mit ihr zusammen zu stoßen. „Miss Jones?“

 

Sie wirbelte zu ihm herum. „Mister Jones. Oh, Entschuldigung – ich habe Sie nicht gesehen, Sir.“

 

Ianto lächelte höflich. Wenigstens nannte sie ihn nicht Direktor Jones... Er fühlte sich immer versucht zu entgegnen, dass er ein Hotel und keinen Zoo leitete, wenn jemand das tat. Er fürchtete den Tag, an dem er genau diese Antwort gab und ihn jemand nach dem Unterschied befragte... „Nichts passiert. Es trifft sich gut, dass wir uns begegnet sind. Können wir uns in einer halben Stunde in meinem Büro sehen? Es gibt ein paar Punkte, die wir zu besprechen haben.“ Ianto sah, dass sich das Lächeln in ihrem Gesicht zu einem Ausdruck von Besorgnis wandelte und sprach rasch weiter, um sie zu beruhigen. „Es geht um die üblichen Vorbereitungen des Bettenwechsels für den Herbst und die Reinigung der Teppiche im Foyer – nichts, was nicht warten kann, wenn der Zeitpunkt ungünstig ist.“

 

Martha schüttelte den Kopf. „Nein, das passt mir sehr gut, Sir.“ Als er zustimmend nickte, eilte sie an ihm vorbei und verschwand um die Ecke, in Richtung Hintertreppe.

 

Ianto wandte sich der offenen Zimmertür zu und klopfte an den Türrahmen, bevor er zögernd eintrat. Der Geruch war hier noch viel stärker und Ianto folgte mit hochgezogenen Augenbrauen dem Klirren und Fluchen, das von den gefliesten Wänden des Badezimmers widerhallte. „Doktor Harper?“

 

Der Arzt trug einen fleckigen Laborkittel und drehte sich auch nicht um, als er ein ruppiges: „Was ist nun schon wieder?“, von sich gab.

 

Der Waliser straffte die Schultern. Owen Harper mochte ein Gast sein, aber er würde sich in seinem eigenen Hotel nicht so behandeln lassen. „Es tut mir leid, Sie bei Ihrer zweifellos sehr wichtigen Arbeit zu unterbrechen, Sir“, sagte er trocken. „Aber die Gäste aus den angrenzenden Zimmern haben sich über die Geruchsbelästigung beschwert.“

 

Falls Harper darauf reagierte, sah Ianto es nicht. Stattdessen war der Arzt offenbar vollkommen davon in Anspruch genommen, einzelne weiße Körnchen von einer dafür zweckentfremdeten Untertasse – oh, er musste unbedingt veranlassen, dass das Geschirr aus diesem Zimmer besonders sorgfältig und separat gereinigt wurde, nicht auszudenken was schon alles den Weg darauf gefunden hatte – in eine Phiole zu zählen.

 

„Ich rieche nichts“, schnarrte der Londoner schließlich.

 

„Sir, ich habe es selbst auf dem Korridor gerochen. Im Interesse der anderen Gäste muss ich Sie um mehr Rücksicht bitten.“ Ianto zwang ein höfliches Lächeln auf seine Lippen. „Vielleicht wäre es für beide Seiten vorteilhafter, wenn Sie diese... Untersuchungen... im Labor des Krankenhauses vornehmen? Oder an der Universität? Nur im Gedanke an eine... sterile Umgebung, und eine mehr wissenschaftliche Ausstattung als unser zweifelsohne sehr praktikables Teegeschirr Ihnen bieten kann...“

 

„Heißt dass, Geschirr und Badezimmer sind hier schmutzig?“ Zum ersten Mal drehte sich Doktor Harper zu ihm um und musterte ihn angelegentlich.

 

Ianto spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss und hoffte, dass er nicht sichtlich errötete. Er hatte es so schon schwer genug, sich durch zu setzen. Seine Jugend – und die Tatsache, dass er obendrein noch jünger als seine Jahre aussah – führten nicht gerade dazu, dass ihn jeder Gast ernst nahm. „Selbstverständlich nicht!“ Es gelang ihm mit Mühe, seine Empörung zu unterdrücken. „Unser Haus genießt einen sehr hohen Hygienestandard“, setzte er steif hinzu.

 

„Dann sehe ich kein Problem damit, meine Experimente hier durchzuführen.“ Harper wandte sich zufrieden wieder seinen Testtuben und Phiolen, Fläschchen und Tiegeln zu. „Sonst noch was?“

 

„Der Geruch, Sir.“ Ianto legte die Hände auf den Rücken, so konnte der Arzt nicht sehen, dass er die Finger so fest zu Fäusten geballt hielt, dass seine Fingernägel ins weiche Fleisch der Ballen schnitten.

 

„Ja, ja.“ Der Londoner winkte ab. „Ich kümmere mich darum.“

 

„Gut. Danke, Sir.“ Ianto wandte sich zum Gehen. „Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“ Seine Hand lag bereits auf dem Türknauf, als die Stimme des Arztes aus dem Badezimmer an sein Ohr driftete.

 

„...überkandidelter Teaboy...“

 

Teaboy. Harper würde schon sehen, was der... der Teaboy dafür an extra Reinigungskosten auf seine monatliche Rechnung aufschlug...

 

„Heißt das, ich soll auch keine Obduktionen mehr auf dem Teetisch durchführen?“

 

Eisiger Schock fuhr durch seine Adern und Iantos Blick flog unwillkürlich zum Teetisch – der mit harmlosen Büchern und medizinischen Fachjournalen übersät war – sicherlich hatte der Arzt nur einen Scherz gemacht, oder?

 

Je weniger er darüber nachdachte, umso besser.

 

Aber vielleicht würde er Mickey bitten, ein Auge darauf zu halten, sollten verdächtig große Pakete für Zimmer 2-13 angeliefert werden...

 

Ianto öffnete die Tür und schloss sie - mit vielleicht ein wenig mehr Nachdruck als nötig, aber wortlos - wieder hinter sich. Dann rückte er seine Krawatte zurecht und ging nach unten ins Foyer. Der Kaffee musste warten, obwohl er nach der Unterhaltung mit dem Arzt – und dem Anblick seines fleckigen Laborkittels – das dringende Bedürfnis nach ein paar Momenten Ruhe, frischer Luft und einer Schüssel voll heißem Seifenwasser verspürte.

 

 

 

 

Tosh hob den Kopf von einem Buch, dessen Seiten mit Zahlen und geometrischen Formeln bedeckt waren - und von denen Ianto überzeugt war, dass sie weit über seinen eigenen geistigen Horizont hinausgingen. Er war der unumstößlichen Meinung, dass es eine reine Schande war, dass ihr nicht erlaubt worden war, an einer Universität Physik und Mathematik zu studieren. Sie war brillant.

 

„Alles in Ordnung?“, fragte sie und schob die Brille mit den runden Gläsern hoch, die ihr wieder bis zur Nasenspitze gerutscht war. „Du siehst gestresst aus.“

 

Ianto nahm mit einem Seufzen neben ihr Platz. „Diesen Monat werde ich es tun“, sagte er mit düsterer Stimme. „Ganz bestimmt. Du wirst es sehen.“

 

Toshiko lachte leise. „Das sagst du jeden Monat“, entgegnete sie, sehr wohl wissend, wovon er sprach.

 

„Dieses Mal ist er zu weit gegangen. Ich werde ihm sagen, dass wir das Zimmer leider für eine Renovierung vorgesehen haben. Vielleicht kann ich was an den Leitungen manipulieren, so dass er nur noch kaltes Wasser bekommt und von selbst auszieht?“

 

„Ah.“ Tosh spielte mit ihrem Bleistift. „Und was machst du, wenn er einfach nur ein anderes Zimmer verlangt?“

 

„Ihm sagen dass wir total ausgebucht sind und für die nächsten fünf Jahre leider jede weitere Reservierung ablehnen müssen?“

 

Wieder lachte sie und Ianto spürte das warme Gefühl von Befriedigung in sich aufsteigen. Tosh war immer so ernst. Sie lächelte nur noch selten, seit ihr Verlobter Tommy bei einem Zugunglück ums Leben gekommen war. Völlig mittellos in Cardiff gestrandet, von Tommys Eltern – die mit ihrer Verbindung ohnehin nicht einverstanden gewesen waren – verstoßen, hatte sie gehofft, im Hotel als Zimmermädchen Arbeit zu finden. Ihre Mutter war einige Jahre zuvor nach dem Tod von Toshikos Vater nach Japan zu ihrer Familie zurückgekehrt und ihre Tochter, die sich geweigert hatte, London zu verlassen, blieb alleine dort. Als sie von ihrem Traum erzählte, eines Tages Mathematik zu studieren und zu unterrichten, hatte Ianto sie anstatt als Zimmermädchen als Buchhalterin angestellt.

 

„Er wohnt zu lange hier, um dir das zu glauben. Und das Greyfriars ist zu nahe am Krankenhaus, als dass er freiwillig in ein anderes Hotel umziehen würde. Außerdem sind wir billig“, sagte Tosh pragmatisch.

 

„Nicht billig“, entgegnete Ianto. „Unsere Preise sind… ökonomisch... kalkuliert.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und gab vor, zu schmollen. „Trotzdem muss ich mir doch nicht von ihm gefallen lassen, dass er mich Teaboy nennt.“

 

Tosh verbarg ihr Lächeln hinter einer Hand. „Oh Ianto. Ich bin sicher, dass er es nicht so meint. Er kann auch sehr nett sein. Erinnerst du dich, als mich letzten Winter dieser verwilderte Hund gebissen hat? Er hat meinen Arm genäht und verbunden und die Narben sind kaum sichtbar... und das alles ohne Geld dafür zu verlangen. Nicht einmal für die Medikamente gegen die Schmerzen und das Fieber, die er mir gegeben hat.“

 

Eine steile Falte erschien auf Iantos Stirn. Natürlich erinnerte er sich und diese Freundlichkeit gegenüber Toshiko war so ziemlich der einzige Grund, warum er bisher seine Drohung, dem Arzt zu kündigen, noch nicht nachgekommen war.

 

Im letzten Winter hatte es angefangen.

 

Eins der Mädchen, das bei Rhi in der Küche arbeitete, hatte gesagt, irgendetwas hätte sich zwischen den Unrattonnen aufgehalten, als sie frühmorgens Asche aus dem großen Kamin im Foyer (sie hatten Zentralheizung, aber vor allem im Winter trug ein Feuer sehr zur Atmosphäre bei) nach draußen brachte, wo sie später auf den vereisten Gehweg gestreut werden sollte. Sie war überzeugt gewesen, dass sie etwas aus den Schatten anknurrte.

 

Rhiannon hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst nach zu sehen – überzeugt, dass Amy nicht mehr als eine Katze oder ein paar Ratten aufgescheucht hatte, doch alles was sie vorfand, waren zwei umgestoßene und offensichtlich durchwühlte Tonnen und ein paar undeutliche Abdrücke im grauen Schnee.

 

Ähnliches kam noch ein paar Mal vor und es waren die unterschiedlichsten Personen, die davon berichteten – von Bewegungen in Schatten, von Knurren und Scheppern und anderen bedrohlichen Geräuschen. PC Davidson, der gelegentlich in der Küche zu finden war, um mit Tosh, Martha und Rhi Tee zu trinken, wusste zu berichten, dass ähnliches auch außerhalb Mermaid Quai und in Midtown vorgekommen war und dass Gerüchte von einem Pack verwilderter Hunde die Runde machten. Bis auf umgeworfene Unrattonnen und ein paar blutige Fellreste, die von Katzen stammen mochten, bekam aber nie jemand einen der Hunde zu Gesicht.

 

Und es gab auch keine Berichte darüber, dass Menschen angegriffen worden waren – bis einige Tage vor dem letzten Weihnachten, als Toshiko sich auf dem Weg ins Hotel befand. Sie war mit ein paar der anderen Mädchen im Kino gewesen, aber keines von ihnen wohnte wie sie im Hotel und so war sie auf den letzten Schritten alleine – sie sah nie, was es war, dass sie attackierte. Alles was sie hörte, war ein Knurren und dann prallte etwas gegen ihren Rücken, stieß sie in den Schnee und das nächste, was sie wusste, war ein scharfer, brennender Schmerz an ihrem rechten Arm, bevor sie das Bewusstsein verlor. Mickey und zwei Hotelgäste, die sich in der Lobby aufgehalten hatten, hörten sie schreien und fanden sie. Aber keine Spur von einem Angreifer – außer verwischten Abdrücken im Schnee und einzelnen Blutstropfen, die sich jedoch nach kurzer Zeit verloren.

 

Doktor Harper hatte den Tumult von der Bar aus beobachtet, aber er war sofort nüchtern geworden und seine Hände hatten nicht gezittert, als er Toshiko in Iantos Büro – es war der am nächsten gelegene Raum mit einem Sofa, auf dass sie sie legen konnten - folgte. Mickey wurde nach seiner Doktortasche geschickt. Der zynische Arzt hatte die Nachtwache bei ihr übernommen, und sich abwechselnd mit Martha – die einmal eine Schwesternlehre begonnen hatte – und Rhiannon um Tosh gekümmert, als sich die Wunden infizierten und sie tagelang unter heftigem Fieber litt. Ihr rechter Arm war seither deutlich schwächer als der andere, doch sie hatte gelernt, das zu kompensieren - und Ianto vermutete, dass sie ein wenig in den Londoner verliebt war. Nicht, dass Harper ihr besondere Aufmerksamkeit schenkte…

 

„Erde an Ianto? Haben dich die Feen verschleppt?“

 

Er sah auf und direkt in Tosh‘ Augen, die ihn halb amüsiert, halb besorgt musterten. „Entschuldige“, entgegnete er mit einem Lächeln. „Ich scheine heute nur Erinnerungen nachzuhängen.“

 

„Ist schon in Ordnung.“ Toshiko drückte seinen Arm. „Wir wissen alle, was dich in diesen Tagen immer beschäftigt.“

 

Für einen Moment wusste er nicht, wovon sie sprach, dann… oh... wandte er den Blick ab. Seine Hand glitt in die Tasche und rieb in einer unbewusst tröstlichen Geste die Taschenuhr.

 

„Du weißt, du könntest dir mehr als einen Tag frei nehmen und Zeit mit ihr verbringen. Wir kommen ohne dich zurecht.“

 

„Ich…“, begann Ianto, als die große Uhr hinter ihnen drei Mal schlug. „Ich kann nicht.“ Er räusperte sich. „Wir erwarten heute noch neue Gäste“, wechselte er das Thema. „Im Übrigen bin ich gleich mit Martha verabredet, wir müssen den Plan für den Herbstwechsel und diverse Reinigungsarbeiten durchgehen.“

 

„Na gut. Aber du arbeitest zu hart, Ianto. Wann hast du dir das letzte Mal Urlaub gegönnt? Oder etwas getan, dass dir Spaß macht? Du achtest zwar immer darauf, dass ich über meinen Büchern nicht die Zeit vergesse, aber du bringst die gleiche Achtsamkeit nicht für dich selbst auf.“

 

Er stand auf und begann die Gegenstände hinter dem Rezeptionstresen – wo sich ohnehin alles an seinem Platz befand – neu zu ordnen. „Es geht mir gut. Mach‘ dir keine Sorgen um mich.“ Er spürte eine kleine Hand auf seiner Schulter.

 

„Jemand muss es ja tun.“

 

Dann klickte die Tür zu ihrem Büro leise zu und er wusste, dass sie an ihre Arbeit zurückgekehrt war. Er sollte vermutlich ihrem Beispiel folgen. Aber Toshs Worte ließen ihm keine Ruhe. Er zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete eine kleine Schublade, der er ein Foto in einem silbernen Rahmen entnahm.

 

Sein Schwager Johnny hatte das Bild mit seiner neuen Kamera bei einem Picknick im Sommer gemacht. Die ganze Familie hatte sich in Bute Park eingefunden – damals waren seine Eltern noch am Leben – und Lisa und er hatten gerade ihre Verlobung bekanntgegeben. Nur im kleinen Kreise, verstand sich. Es gab immer noch genug Leute, die sich an Lisas Hautfarbe störten und er wusste, dass sich seine Mutter beim Einkaufen mehr als eine scheinheilig-mitfühlende Bemerkung anhören oder sein Vater im Pub wenig erfreuliche Sprüche überhören musste. Rhi war da nicht so zurückhaltend mit ihrer Meinung, sollte sie jemand auf die Verlobte ihres Bruders ansprechen. Sie hatte ein paar Freundinnen weniger seither; ganze Familien gingen auf Abstand zu ihnen - was sie damit abtat, dass sie mit zwei Kindern, einem Ehemann und der Arbeit in der Küche ohnehin schon ausgelastet genug war.

 

Seine eigene Familie war nie gegen seine Beziehung mit Lisa gewesen, seit dem Moment an, als er – sechzehn, scheu und verlegen, gerade erst ein paar Tage zurück nach einem Jahr auf einer Internatsschule in London – in das Geschäft der Halletts trat und das schönste Mädchen auf der ganzen Welt sah. Er hatte auf der Stelle sein Herz an sie verloren und als sie ihn fragte, womit sie ihm helfen könne, auf dem Absatz kehrtgemacht um die Flucht zu ergreifen. Lisa war drei Jahre älter als er, doch das war nie ein Problem für sie gewesen. Sie hatten sich an seinem einundzwanzigsten Geburtstag verlobt. Sie wollten im Mai des darauf folgenden Jahres heiraten… doch bevor es dazu kommen konnte… geriet die Welt um Ianto herum aus den Fugen.

 

Gelegentlich fühlte er sich, als ersticke ihn alles. Da war manchmal so viel Dunkelheit, so viele Schatten und Kummer in seinem Leben.

 

Der Unfall, der seinen Eltern das Leben kostete und ihn – kaum mehr als volljährig – in den Besitz des Hotels brachte. Er wusste wie viel das Hotel ihnen bedeutet hatte, dass es ein Teil seiner Familie war und dass er es für Rhis – und sollte er irgendwann selbst welche haben, auch für seine – Kinder erhalten musste. Es befand sich seit Generationen in ihrem Besitz, seit ein Vorfahr eine Schenke für Seeleute an diesem Ort betrieb und Reisende gegen Entgelt in einem leeren Stall schlafen ließ.

 

Toshiko brachte ihre stille Trauer um ihren Verlobten mit, und ihre zerstörten Hoffnungen.

 

Der kleine Koffer, den Martha bei ihrer Ankunft in der Hand trug, war leicht mit tatsächlichen Dingen, aber schwer an Erinnerungen… an die Ausbildung zur Krankenschwester (das naheste, was sie an ihren Traum, Ärztin zu werden, heran brachte...doch als Frau und dazu noch mit der „falschen“ Hautfarbe in diese Zeit geboren...), die sie hatte vorzeitig beenden müssen, weil ihr das Geld fehlte; und an ihre zerbrochene Familie – Clive, ihr Vater war zum Trinker geworden, nachdem er seinen Arbeit verloren hatte, worauf ihre Mutter Francine ihre drei Kinder nahm und ihn verließ. Ihre jüngeren Geschwister Trish und Leo lebten nach wie vor bei ihr und den Großeltern in London und Martha vermisste sie sehr; schrieb ihnen fast  jeden Tag Briefe.

 

Und dann, als sie begannen, endlich ihre durch das Trauerjahr verschobene Hochzeit zu planen, hatte seine Lisa diesen furchtbaren Unfall.

 

Ianto seufzte, streichelte Lisas Gesicht auf dem Foto, bevor er den Rahmen wieder in die Schublade legte und sie abschloss.

 

Schritte und zwei lebhafte Frauenstimmen, die auf ihn zukamen, rissen Ianto aus seinen trüben Erinnerungen. Er sah auf.

 

Martha und Rhiannon durchquerten das Foyer. Und seine Schwester balancierte ein vollgepacktes Teetablett gegen die Hüfte.

 

„Ist es nicht ein wenig früh dafür?“, fragte er, als sie ihn erreichte und hielt die Klappe hoch, die den Durchgang für den Raum hinter der Rezeption freigab.

 

Rhi gab ihm im Vorbeigehen einen Stoß in die Seite. „Eher zu spät“, entgegnete sie und stellte das Tablett mit einem leisen, melodischen Klirren von Porzellan und Metall ab. „Du, mein lieber, kleiner Bruder, hast schon wieder das Mittagessen ausfallen lassen. Und wie ich gehört habe…“ Sie warf der jungen Frau, die ihr folgte – und Ianto ein entschuldigendes Lächeln schenkte – einen Blick zu. „…nimmt sich Martha deine schlechten Angewohnheiten zum Vorbild. Also werdet ihr beide euch jetzt sofort hinsetzen und etwas essen. Meinetwegen auch während ihr euch die Köpfe heiß plant.“

 

„Ja, Ma’am.“

 

Das kam gleichzeitig von Ianto und Martha und die beiden sahen sich über diesen Zufall einen Moment verblüfft an.

 

Dann lächelte Ianto schief. „Vorsichtig, Martha. Meine große Schwester ist fürchterlich und nicht zu stoppen, wenn sie ihren Glucken-Modus einschaltet. Muss das mütterliche in ihr sein.“

 

„Du bist nicht zu alt, dass ich das…“ Rhiannon gab ihm einen leichten, tadelnden Klaps auf den Hinterkopf. „…mache. Iss.“ Sie schob ihm eine Tasse hin. „Und kein Gejammer, dass es Tee ist. Du trinkst mir keinen Kaffee auf nüchternen Magen, das kann nicht gesund sein.“

 

„Und seit wann hast du…“ …Medizin studiert? Ianto stoppte sich selbst, die letzten beiden Worte zu sagen. „Hast du mich jemals deinen Tee ablehnen sehen?“

 

„Tausende Male.“

 

Dieses Mal sprachen Martha und Rhiannon gleichzeitig und begannen zu lachen.

 

Rhi schob den Teller mit Sandwiches näher zu ihm, während er Zucker in den starken, für seinen Geschmack etwas zu bitteren, Tee gab.

 

„Wir sollten vielleicht nicht hier an der Rezeption essen“, unternahm Ianto einen letzten Versuch. „Ich meine nur, dass das keinen guten Eindruck macht, wenn Gäste vorbeikommen. Es ist... unprofessionell.“

 

Rhi griff unter den Tresen und zog ein selten genutztes Messingschild hervor, auf dem: ‚Empfang vorübergehend geschlossen – vielen Dank für Ihr Verständnis’ stand. „Problem gelöst.“ Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. „Und wehe, ich komme zurück und diese Teller sind nicht leer.“

 

Ianto blickte auf die Sandwiches, die kalte Pastete, die beiden großen Stücke Kirschkuchen und dem Schälchen mit Clotted Cream dazu, die neben der Teekanne auf dem Tablett standen. Er würde, was immer sie nicht schafften (und da Rhi für mindestens vier serviert hatte, rechnete er damit dass reichlich übrig blieb) wegpacken und für Mickey aufheben. Er hatte immer Hunger. „Wir werden unser Bestes tun.“

 

„Gut. Dann überlasse ich euch der Herbstplanung. Das Gemüse fürs Abendessen schält sich schließlich nicht von selbst.“ Rhiannon verschwand in einem Wirbel von dunklen Locken und dem Geruch nach frischgebackenem Brot.

 

„Ich… wegen vorhin“, begann Martha. „Ich habe mich mit Doktor Harper nur unterhalten. Es stört ihn nicht, wenn ich Fragen stelle und er leiht mir sogar das eine oder andere Fachbuch. Ich wollte nicht, dass du vielleicht… einen falschen Eindruck bekommst.“

 

„Martha, das ist in Ordnung. So lange es nicht deine Pflichten beeinträchtigt, kannst du dich mit Doktor Harper unterhalten, wann immer du möchtest.“ Jetzt, da sie alleine waren, fielen sie in den vertrauteren Ton zurück, der sich in Gegenwart von Gästen nicht schickte. „Okay?“

 

Sie nickte.

 

„Dann machen wir uns jetzt besser an die Arbeit.“ Ianto schob seine Teetasse und sein halbgegessenes Sandwich ein Stück zur Seite und wischte sich die Finger an einer Serviette ab. Er zog sein Notizbuch hervor und Martha griff sofort nach einem bereitliegenden Block, wenn sie auch dem Kirschkuchen einen sehnsüchtigen Blick zuwarf. „Obwohl… Rhi hat mir ernste Konsequenzen angedroht, wenn ich keine Pause mache und dieser Kuchen sieht sehr verlockend aus…“ Er legte sein Notizbuch wieder weg und schob den Kuchenteller unauffällig näher zu Martha. „Stärken wir uns zuerst.“

 

Ianto trank einen Schluck Tee. „Erzähl’ - wie geht es deiner Mutter?“, fragte er, als sie zögerte. Es war ein sicherer Weg, Martha auf andere Gedanken zu bringen. „Hat sie die Grippe gut überstanden? Sicher freut sie sich darauf, Großmutter zu werden. Ist Leo sehr aufgeregt?“

 

Marthas Gesicht begann zu strahlen, als sie von ihrem Bruder und der baldig bevorstehenden Geburt seines ersten Kindes zu berichten begann.

 

Er hörte ihr zu und fragte sich, wie es sein mochte, so ein normales Leben zu führen...

 

 

 

 

Kuchen und Sandwiches verzehrt (Ianto hatte Tosh eingeladen, sich zu ihnen zu gesellen, doch sie hatte sich mit einem Stück Pastete - in eine Serviette gewickelt - und einem Glas Wasser wieder über ihre Bücher gesetzt), und je mit einer zweiten Tasse Tee versorgt, machten sie sich an die Planung.

 

Ianto ging gerade die Liste nochmal durch und glich sie mit der Aufstellung in seinem Notizbuch ab, als sich hinter ihm jemand räusperte. Wie hatte er nur das Öffnen und Schließen der Tür überhören können?

 

„Kundschaft“, sagte eine tiefe Männerstimme mit einem Akzent, den man eher im Norden von Wales fand.

 

Ianto legte den Bleistift in sein Notizbuch, um die Seite zu markieren, an der sie stehen geblieben waren und drehte sich um, nahtlos in seine Rolle als Empfangschef zurückschlüpfend.

 

„Guten Tag, Sir“, sagte er und musterte den großen, ein wenig plumpen Mann, der auf der anderen Seite des Rezeptionstresens stand. „Womit kann ich Ihnen behilflich sein?“

 

Der andere Mann fingerte unbehaglich am Kragen seines Hemdes herum, als trage er seine beste Kleidung, fühle sich aber nicht besonders wohl darin. „Meine Verlobte und ich haben Zimmer gebucht. Rhys Williams und Gwen Cooper?“

 

Obwohl er die Daten im Kopf hatte, schlug Ianto umständlich das Reservierungsbuch auf und suchte den Eintrag heraus. „Sehr wohl. Herzlich Willkommen im Greyfriars Arms Hotel, Mister Williams. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise. Ist Ihre Verlobte nicht mit Ihnen zusammen eingetroffen?“

 

Rhys Williams lachte. „Oh doch, Gwen ist hier. Sie streitet noch mit dem Taxifahrer; denkt, er hat uns zu viel für die Fahrt berechnet. Wir sind doch keine Touristen. Und jetzt hat er unser Gepäck einfach auf den Bordstein gestellt. So ist sie, meine Gwen, spart was sie kann für die Hochzeit“, setzte er mit einem breiten Lächeln hinzu.  

 

Nun, da war offenbar ein Mann, der es nicht erwarteten konnte, verheiratet zu sein. Vielleicht sollte er ihn mit seinem Schwager bekanntmachen. Wenn man Johnny zuhörte, war die Ehe die achte biblische Plage. Nicht, dass er diese Meinung jemals in Hörweite seiner Frau zu äußern wagte.

 

Ianto lächelte höflich und nickte nichtssagend. Er legte das Gästebuch aufgeschlagen hin. „Wenn Sie sich bitte eintragen?“

 

Mister Williams beugte sich über das Buch und begann die erforderlichen Daten in die entsprechenden Zeilen einzutragen, die Unterlippe konzentriert zwischen die Zähne gesogen, als er sich offensichtlich Mühe gab, besonders leserlich zu schreiben.

 

„Ich veranlassen, dass Ihr Gepäck schnellstmöglich auf Ihre Zimmer gebracht wird.“ Ianto legte die beiden entsprechenden Schlüssel auf dem Tresen bereit. „Martha, würden Sie bitte nachsehen, ob Mickey bereits aus der Wäscherei zurück ist?“

 

In diesem Augenblick eilte eine Frau etwa in Rhiannons Alter auf sie zu, einen flatternden Schal um die Schultern geschlungen. Sie starrte Martha einen Moment lang mit unverhohlener Neugier ab, bevor sie sich lächelnd – und dabei eine Lücke zwischen den Vorderzähnen entblößend – ihrem Verlobten zuwandte. „Alles in Ordnung, Rhys?“

 

Martha nickte ihnen höflich zu und verließ eilig die Rezeption.

 

„Ist der Taxifahrer noch am Leben, Schatz?“, fragte Williams grinsend. „Gwen Cooper, baldige Gwen Williams“, stellte er sie vor.

 

Ianto lächelte erneut höflich. Etwas an der Art, wie sie Martha angestarrt hatte… Er wollte annehmen, dass es nur Neugier war, aber wenn sie eine dieser Frauen sein sollte, die über Menschen mit anderer Hautfarbe die Nase rümpfte... „Auch Ihnen ein herzliches Willkommen im Greyfriars Arms Hotel. Ich hoffe, Sie werden einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus haben.“

 

Seine Stimme verriet nichts von seinen Gedanken, nur professionelle, freundliche Höflichkeit. „Bitte zögern Sie nicht, sich jederzeit an mich zu wenden, wenn wir etwas für Sie tun können.“

 

„Vielen Dank, Mister Jones“, meinte Williams nach einem Blick auf das Namensschild, das an Iantos Revers gepinnt war. Er bot seiner Verlobten den Arm an. „Komm‘ Gwen, meine neuen Schuhe bringen mich noch um.“

 

Die Schlüssel vom Tresen nehmend, führte Ianto sie zum Fahrstuhl, um ihnen die Zimmer zu zeigen.

 

 

 

 

Als Ianto wenig später an die Rezeption zurückkam – möglicherweise mehr amüsiert über Miss Coopers Versuch ihm dezent Trinkgeld zu geben als es schicklich schien – manövrierte Mickey gerade einen vollgeladenen Gepäckwagen ins Foyer.

 

„Neue Langzeitgäste?“, fragte er und schob seine Mütze in den Nacken.

 

„Sie haben die Zimmer für zwei ganze Monate gebucht.“ Iantos Augen überflogen den Berg an Koffern und Taschen und Hutschachteln, den Mickey kunstvoll auf den Wagen gestapelt hatte und gestand ein, dass die Frage durchaus berechtigt war. Er begann das Geschirr zurück auf das Teetablett zu räumen. „Sie wollen bis zu ihrer Hochzeit bleiben. Vorher ist das Haus, in das sie gemeinsam ziehen wollen, nicht fertig; sie mussten aber ihre Wohnungen bereits aufgeben.“

 

„Kling’n beide als kämen sie von hier“, driftete Mickeys Stimme vom Fahrstuhl zu ihm zurück. „Wieso wohnen sie dann im Hotel und nicht bei Verwandten oder so?“

 

„Offenbar haben sie die letzten beiden Jahre in London gelebt und nach der Hochzeit wollen sie wieder in Cardiff wohnen. Das sie sich bei uns eingemietet haben, scheint etwas damit zu tun zu haben, dass sich ihre Eltern untereinander nicht mögen. Und wenn sie bei einem von ihnen bleiben würden, wären die anderen beleidigt.“ Ianto schloss abrupt den Mund. Er wurde langsam genauso schlimm wie Rihannon und ihre Klatschkolumne aus Küchen- und Zimmermädchen.  

 

„Könnten ja jeder bei seinen eigenen Eltern wohnen.“ Mickey musterte seine Reflektion in der blankpolierten Messingschalttafel des Lifts.

 

„Mickey, wenn du bald heiraten würdest, möchtest du dann deine Verlobte nur im Haus ihrer Eltern sehen? Immer unter Aufsicht?“

 

„Schätze nich’.“

 

Mit einem leisen ‚ping’ kam der Fahrstuhl an und Mickey manövrierte den Gepäckwagen mit theatralischem Ächzen hinein.

 

„Und achte darauf, dass du nicht wieder die Ecke am Treppenabsatz schrammst!“, rief ihm Ianto hinterher, bevor die Türen sich schlossen. Zwar war der Schaden mit ein paar Pinselstrichen Farbe schnell behoben, aber er fügte einen weiteren Punkt seiner Liste im ewigen Kampf gegen den Zahn der Zeit, der dem Hotel unablässig zusetzte, hinzu.

 

Als sein Großvater die Leitung übernommen hatte, waren zum letzten Mal größere Umbauten vorgenommen worden – er hatte links und rechts an das Hauptgebäude neue Flügel anbauen lassen und damit die Zimmeranzahl verdoppelt. Mit welcher Hoffnung sein Großvater dies unternommen hatte, war und blieb Ianto rätselhaft. Sicherlich hatten sie im Sommer eine erkleckliche Anzahl an Touristen, doch zog es die meisten Menschen mit entsprechendem Einkommen eher nach Europa, ins romantische Paris oder sogar nach Venedig oder an die sonnigen Strände rund ums Mittelmeer. Sein Vater hatte schließlich begonnen, immer mehr Zimmer längerfristig, für mehrere Monate zumeist, an Studenten zu vermieten, die nach Cardiff kamen, um an der Prifysgol Caerdydd zu studieren. Die Zimmerpreise schlossen Frühstück und Nachmittagstee mit ein - und gegen entsprechende Aufschläge auch andere Mahlzeiten, sowie zahllose Dienste, angefangen bei Gängen in die Wäscherei, Bücherei, in Lebensmittelgeschäfte und ähnliches.

 

Die Studenten und ein paar zusätzliche Langzeitgäste wie Doktor Harper und unbefristet bleibende Reisende wie Miss Costello trugen dazu bei, dass sie sich auch außerhalb der Saison über Wasser halten konnten. Aber hätten er und seine Schwester nicht selbst voll mitgearbeitet, dann würden sie wesentlich schlechter da stehen.

 

Ianto warf einen Blick auf die große Kaminuhr auf der anderen Seite des Raumes – halb fünf schon - und stellte das Schild weg und stattdessen die Klingel auf den Tresen. Sollte jemand an die Rezeption kommen, während er weg war, hörte Tosh das Klingeln an ihrem Schreibtisch und würde sich darum kümmern. Dann packte er die drei übriggebliebenen Sandwiches und eine in eine Serviette gewickelte Pastete auf einen Teller, stellte ihn so hin, dass Mickey ihn sehen würde sobald er vom Ausliefern des Gepäcks zurückkam und nahm das Tablett, um es in die Küche zurück zu bringen und zu sehen, ob Rhi mit den Vorbereitungen für den Nachmittagstee fertig war oder seiner Hilfe bedurfte.

 

 

 

 

Eine Stunde später hatten Rhiannon, Amy und Ianto den Tee serviert.

 

Der größte Teil der Gäste traf sich in den beiden dafür eingedeckten Speisesälen, in denen auch gefrühstückt wurde, doch andere bevorzugten es auch, ihr Tablett aufs Zimmer gebracht zu bekommen. Rhiannon hatte stillschweigend das Servieren bei Doktor Harper übernommen, was Ianto dazu bewog, darüber nachzugrübeln, was sie von seinem Besuch bei dem Londoner Arzt wusste – vermutlich jedes einzelne Wort, wie immer sie das auch anstellen mochte. Amy übernahm das Servieren bei Williams und Cooper, die sich von ihrer Reise erholen wollten und ihren Tee in Coopers Zimmer nahmen, sowie die drei Gäste – Doktor Smith, Miss Taylor und Miss Noble, die Sekretärin von Doktor Smith - in der obersten Etage.

 

Was Ianto mit dem... Vergnügen... beließ, sich in Miss Costellos Raum zu begeben, da Carys, die sich sonst um die Mahlzeiten der Künstlerin besorgte, offenbar noch immer nicht wieder in Gnaden aufgenommen worden war.

 

Als er klopfte und eintrat, stand sie in der Nähe des Fensters, wo sie offensichtlich ein Gemälde beim einfallenden Licht zu betrachten versuchte. Ianto stellte das Tablett auf einer Kommode neben der Tür ab – die einzige freie Oberfläche, die er zu entdecken vermochte – und hoffte, sie wäre zu beschäftigt, um ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

 

Nun, sie war es nicht. Und so sah sich Ianto gezwungen, zwanzig Minuten lang ein auf einer Staffelei stehendes Gemälde zu studieren und zustimmende Laute von sich zu geben, während Miss Costello ihm enthusiastisch erklärte, wo und unter welchen Lichtverhältnissen sie das Bild gemalt hatte. Ohne ihre Erläuterungen hätte Ianto angenommen, die Kombination aus grauen Hintergrundtönen, schwarzen Kreise und einem einzigen, roten Punkt in der linken Ecke, wäre das Werk seiner vierjährigen Nichte Mica, die wieder einmal ihre Wasserfarben mit der Erde aus dem Gemüsegarten angemischt hatte.

 

Mica war ein Fan von Miss Costello, seit sie ihr am Anfang des Sommers einen Malkurs gegeben hatte und versuchte ihr nachzueifern. Nun, wenn man die dreißig Minuten, in der sich Künstlerin und Vierjährige miteinander abgegeben hatten und Miss Costello ihr einen alten Pinsel schenkte, so nennen konnte. Seither war jedoch kein unbewacht herumliegendes Blatt Papier vor Mica sicher - oder die Wände in ihrem Kinderzimmer, was das betraf – sie fielen ebenfalls ihren Malkünsten zum Opfer.

 

Er konnte sich schließlich mit dem Hinweis auf ihren kalt werdenden Tee von ihr loseisen und an die Rezeption zurückkehren.

 

Die ruhige Zeit zwischen Tee und dem Auftragen des Abendessens (für die Gäste, die sich nicht selbst versorgten oder in einem der Pubs rundum aßen) nutzte er oft dazu, in seinem Tagebuch zu schreiben. Doch auch das schien in letzter Zeit immer weniger beizutragen, seine Gedanken zu ordnen. Genau wie die Listen, die er...

 

Der Gedanke brach jäh ab, als er einen Mann hinter dem Empfangstresen entdeckte, der dort de-fi-ni-tiv nichts zu suchen hatte.

 

Als Ianto näher eilte, sah er dass der Fremde – in einem altmodischen, grauen Militärmantel gekleidet – gerade ein großes Stück der Pastete von dem Teller, den er für Mickey bereitgestellt hatte – in den Mund schob. Krümel flogen über den Tresen und rieselten auf das Gästebuch, in dem der Fremde ungeniert blätterte (und womöglich Fettflecken hinterließ!).

 

„Oi!“ Ianto stützte die Handflächen auf das blankpolierte Holz und beugte sich vor. „Hier ist nur Zutritt für Hotelangestellte.“

 

Der Fremde hob den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. Blaue Augen in einem leicht sonnengebräunten Gesicht, das einem der Hollywoodschauspieler in den Zeitschriften, die Rhi und Toshiko (heimlich) lasen, gehören konnte, begegneten neugierig seinem Blick. Winzige Fältchen zeigten sich um die Augen des Mannes, als er lächelte und eine Reihe unnatürlich weißer Zähne entblößte.

 

Ianto hatte das Gefühl, plötzlich zu wissen, was mit dem Ausdruck „Haifischlächeln“ gemeint war. Er straffte die Schultern und versuchte die Autorität auszustrahlen, die er besaß. „Wenn es um ein Zimmer geht, dafür ist die Klingel da.“ Leider klang er weniger autoritär, als wie ein Lehrer, der versuchte den Klassenclown in seine Schranken zu weisen – und das mit mangelndem Erfolg. Das nervöse Gefühl in seiner Magengrube entschloss sich zu einer Wiederholvorstellung.

 

Der Mann im Militärmantel zuckte mit den Achseln und leckte sich die Fingerspitzen ab, bevor er seine Hand achtlos am Revers abwischte.

 

Ianto biss sich beinahe auf die Zunge, um keine schneidende Bemerkung über Wolle und Fett zu machen und schnappte sich die Serviette, um sie dem Fremden in die Hand zu drücken.

 

„Ich hoffe, dass ist kein Problem, aber ich war nach der langen Fahrt hungrig.“ Er musterte die Serviette und dann Ianto, als wüsste er nicht recht etwas damit anzufangen.

 

„Wie bitte?“

 

„Ich war hungrig“, wiederholte der Fremde, seine Worte deutlich mit Akzent durchzogen – nicht britisch, aber... oh. Amerikanisch.

 

Ein Amerikaner. Das erklärte in Iantos Augen vieles. Entschuldigte aber deswegen nichts. „Wir haben gerade für unsere Gäste den Tee serviert, Sir. Ich bin sicher, die Küche kann...“, begann er.

 

„Schon gut“, winkte der Amerikaner ab. Er beugte sich vor und zwinkerte Ianto zu. „Ich denke, ich habe eben etwas entdeckt, dass meinem Appetit mehr zusagt als Nachmittagstee.“ Er faltete die Serviette zusammen und stopfte sie in die Brusttasche von Iantos Jackett.

 

Ianto blinzelte ein-, dann zweimal – so etwas war ihm noch nie passiert - und fragte sich, was der Amerikaner damit meinte. Die kalte Pastete vom gestrigen Abendessen? „Womit kann ich Ihnen dann sonst noch behilflich sein, nachdem Sie sich bereits an meinem Lunch bedient haben?“ Die Worte waren über seine Lippen, bevor er den Satz zu Ende gedacht hatte und er begründete seinen Ausrutscher damit, dass sich der Fremde wirklich unverschämt aufführte. Potentieller Gast oder nicht.

 

„Ist das nicht ein bisschen spät dafür? Oder haben sich die Essenszeiten geändert, seit ich weg war?“ Der Amerikaner warf einen Blick auf seine Armbanduhr, schüttelte sie und hielt sie ans Ohr, als ob er so zu erkennen vermochte, ob sie die korrekte Zeit anzeigte.

 

„Es war ein hektischer Vormittag.“ Ianto fragte sich, ob er vielleicht tatsächlich einem amerikanischen Schauspieler gegenüber stand, der einen Film in der Gegend drehte. In Wales, ja richtig, dem Mekka der Filmkünste. Tosh wäre begeistert und Rhi würde ihm vermutlich freie Kost und Logis anbieten. Nicht, so lange er die Leitung des Hotels hatte. „Womit darf ich Ihnen dann behilflich sein?“ Obwohl sie sich nicht wirklich leisten konnten, Gäste abzuweisen, würde er diesen Gentleman gerne an eines der mondäneren Hotels in Midtown weiter dirigieren. Etwas an ihm erinnerte an Jod, das in eine noch geöffnete Wunde träufelte.

 

„Ich kann mir eine Menge vorstellen, für das ich Ihre Hilfe in Anspruch nehmen möchte, aber vielleicht warten wir damit, bis wir uns ein wenig besser kennen“, sagte der Amerikaner und sein Grinsen wurde noch breiter, obwohl das kaum möglich schien. Wie konnte ein Mensch nur so viele Zähne haben? „Ich dachte nicht, dass ich je etwas an Wales vermissen würde“, fuhr er beinahe nahtlos (und für Ianto völlig zusammenhanglos) fort. „Aber dieser Akzent...“

 

„Sir?“ Ianto konnte nicht verhindern, dass seine Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hoch wanderten.

 

„Richtig. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wie heißen Sie?“

 

Die brüske Frage brachte Ianto für einen Moment aus dem Gleichgewicht. „Jones. Ianto Jones, Sir“, stellte er sich vor und verkniff sich, darauf hinzuweisen, dass er ein Namensschild trug.

 

„Gut, Jones.“ Der Amerikaner schüttelte seine Hand, bevor Ianto überhaupt bemerkt hatte, dass er sie ausstreckte. „Captain Jack Harkness. Jemand hat für mich telefonisch ein Zimmer bestellt. Vor... oh... drei oder vier Wochen etwa.“

 

Ianto zog seine Hand zurück und trat hinter den Tresen. Er musste sich mit einer gemurmelten Entschuldigung an dem Amerikaner vorbeischieben, der keinerlei Anstalten machte, ihm Platz zu schaffen, als er nach dem Reservierungsbuch griff.

 

Er hatte alle Reservierungen im Kopf. Und ein Captain Harkness wäre ihm sicherlich aufgefallen, so formulierte Ianto im Kopf bereits die höfliche (aber bestimmte) Absage, die er dem Amerikaner gleich erteilen würde. Doch als er die Seiten zurückblätterte, entdeckte er tatsächlich einen entsprechenden Eintrag – in die unterste freie Zeile des Blattes gepresst – die er normalerweise zur Nummerierung der Seiten unbeschriftet ließ – und (was diese Abweichung erklärte) nicht in seiner Handschrift. Es war auch nicht Toshs präzise Buchstabenführung... Hm. Wer immer die Reservierung damals entgegengenommen hatte, bekümmerte sich offenbar nicht damit, ihn ebenfalls zu informieren. Ianto mochte es nicht, überrascht zu werden.

 

„Sehr wohl.“ Ianto setzte sein professionellstes Begrüßungslächeln auf. „Herzlich Willkommen im Greyfriars Arms Hotel, Captain Harkness. Ich hoffe der Aufenthalt in unserem Haus wird Ihren Erwartungen entsprechen. Und bitte zögern Sie nicht, sich mit allen Anliegen direkt an mich zu wenden.“

 

„Oh, ich kann versprechen, dass ich mit nichts zögern werde.“ Das Haifischlächeln war zurück.

 

Ianto ignorierte das, schlug stattdessen das Gästebuch wieder auf und legte es Harkness vor, in der gleichen Bewegung diskret ein paar verbliebene Krümel von den Seiten wischend. „Wenn Sie sich bitte hier eintragen möchten.“ Er beobachtete aus den Augenwinkeln, wie der Amerikaner seinen Namen und eine Adresse in London in die entsprechenden Zeilen kritzelte.

 

„So, wie ist es hier zu arbeiten?“, fragte der Captain ohne aufzusehen.

 

„Sir?“ Ianto war sich nicht sicher, ob er die Frage richtig verstanden hatte.

 

„Die Hotelleitung, Jones-Ianto-Jones. Ehrliche Leute oder die Sorte Betrüger, die den Gästen das Datum mit als Posten auf der Rechnung addieren und überzogene Preise für jedes kleine Extra verlangen?“ Harkness unterschrieb schwungvoll und sah erwartungsvoll auf.

 

Ianto richtete sich auf, die Schultern steif. „Sir, ich kann Ihnen versichern, dass in diesem Haus alles korrekt abgerechnet wird. Unsere Preise für Dienstleistungen sind im Voraus festgelegt und jeder Gast hat eine Preisliste auf seinem Zimmer“, sagte er eisig.

 

Captain Harkness wirkte nicht sonderlich beeindruckt. „Gut zu wissen“, sagte er leichthin. „So... da die Formalitäten nun geklärt sind – wann endet Ihr Dienst, Mister Jones? Ich bin auf der Suche nach jemandem, der mir die Sehenswürdigkeiten von Cardiff zeigt.“ Wieder ein Zwinkern. „Interessiert, Jantoe?“

 

Dieser unverschämte... Ianto räusperte sich. „Ich bin immer im Dienst.“ Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er die Antwort ernst meinte.

 

„Wirklich?“ Harkness lümmelte sich gegen den Tresen zurück, die Beine vor sich gekreuzt, die Hände in die Taschen seines Mantels geschoben. „Das ist untragbar. Ich sollte mit Ihrem Boss sprechen.“

 

„Sie sprechen mit ihm. Ich bin der Direktor dieses Hotels.“ Iantos Tonfall erinnerte an klirrende Fensterscheiben im Winter. „Und mein Vorname wird Ianto ausgesprochen, mit I nicht J. Oder einfach Mister Jones.“ Die Serviette fiel ihm ein, und er entfernte sie hastig.

 

Der Amerikaner musterte ihn einen Moment, und der Ausdruck in seinen Augen war undeutbar. Dann kehrte das unverschämte Grinsen auf seine Lippen zurück. „Das ist eine angenehme Überraschung, I-an-to.“ Er formulierte den Namen übertrieben korrekt.

 

Ianto verschränkte die Arme auf dem Rücken, die Hände außer Sicht zu Fäusten geballt. „Ich bin sicher es wird kein Problem sein, jemand zu finden, der Ihnen die Sehenswürdigkeiten zeigt; ich werde das sehr gerne für Sie arrangieren.“ Damit war das Thema für ihn beendet. Er nahm die Arme nach vorne und wandte sich zum Schlüsselbrett um. „Zimmer 4-12.“ Als sich seine Finger um das kühle Messing des Schlüsselanhängers schlossen, spürte er eine Hand auf seinem Rücken – so warm, dass die Wärme durch drei Lagen Kleidung bis zu seiner Haut sickerte. Harkness stand so dicht bei ihm, dass seine Hüfte gegen Iantos streifte.

 

„Aber ich bin ein sehr wichtiger Gast. Sollte mir nicht Ihre volle Aufmerksamkeit gelten, Mister Jones?“

 

Er trat einen Schritt zur Seite, als die Stimme des Amerikaners sehr dicht an seinem Ohr erklang – um korrekt zu sein, er konnte den Atem des anderen Mannes gegen seine Wange spüren. „Alle...“ Er brach ab und räusperte sich, als seine Stimme dünn und brüchig klang. „Alle unsere Gäste sind wichtige Gäste, Captain Harkness, und alle werden der gleichen Aufmerksamkeit zuteil.“

 

Harkness lachte leise, bevor er – endlich, glücklicherweise – einen Schritt wegtrat und seine Hand zurückzog, um sie wieder in die Manteltasche zu schieben. „Wir werden sehen, Jones-Ianto-Jones.“

 

Als Ianto sich ihm zuwandte, den Schlüssel in der Hand, vermied er es, dem Amerikaner ins Gesicht zu blicken, sondern sah stattdessen über den Tresen hinweg ins Foyer. „Ihr Gepäck ist noch nicht hier, Sir?“, fragte er.

 

Der Captain trat um den Empfangstresen herum und einen Augenblick später hielt er einen verwitterten Lederkoffer hoch, den Ianto von seinem Platz aus nicht gesehen hatte. „Da ist alles drin, was ich brauche. Nun, zumindest fast alles. Ich hoffe, dass ich den Rest hier finde.“

 

„Ich bringe Sie dann auf Ihr Zimmer.“ Ianto griff nach dem Koffer, um ihn Harkness abzunehmen.

 

Harkness ließ jedoch nicht los und nach kurzem – und ausgesprochen würdelosem – hin und her fand sich Ianto keine Handbreit mehr von dem anderen Mann entfernt wieder. Er zog die Hand im gleichen Moment zurück, wie sich der Amerikaner offenbar entschloss, das Spiel zu beenden. Der Koffer landete auf dem Boden, schlidderte ein Stück weit von ihnen weg.

 

Ianto spürte seine Wangen heiß werden und eilte dem flüchtigen Gepäckstück hinterher. So etwas war ihm doch noch nie passiert! Er bückte sich und hob den Koffer hoch; und als er sich umdrehte, zeigte sich wieder das Haifischgrinsen auf Harkness‘ Gesicht. „Wenn Sie mir bitte auf Ihr Zimmer folgen wollen?“

 

„Oh, dorthin folge ich Ihnen mit Vergnügen.“ Der Captain schloss zu ihm auf – gerade in dem Moment, als der Fahrstuhl das Foyer erreichte und die Türen mit ihrem ‚ping’ auseinander glitten.

 

Ein kleines Mädchen mit Zöpfen schoss heraus und rannte auf sie zu, um sich kreischend an Iantos Beine zu klammern. „Hilfe, hilf‘ mir. Du musst mir helfen. Du musst mich retten.“

 

„Mica.“ Ianto stellte den Koffer und ging vor ihr in die Hocke. „Was um Himmels Willen ist los? Ist etwas passiert?“

 

Ihr Blick glitt von ihm zu Harkness, der zu Iantos Überraschung mit fast so etwas wie einem nostalgischen Gesichtsausdruck auf das kleine Mädchen hinab sah. Verschwunden war das ungebührliche Haifischgrinsen.

 

Der Captain ging vor ihr in die Hocke und Mica zog ihre Hand aus Iantos losem Griff, als hätte sie ihn bereits vergessen. „Mir wurde schon oft gesagt, dass ich sehr gut darin bin, Leute zu retten. Erzählst du mir, was los ist, Prinzessin?“ Verschwunden war das Laute, Lärmende aus seiner Stimme und seinen Gesten, seine Worte ruhig und sanft.

 

„David ärgert mich schon wieder“, erklärte sie mit ernsthafter Miene. „Er hat mich ausgesperrt.“

 

Harkness warf Ianto einen erklärungsheischenden Blick zu.

 

„David ist ihr älterer Bruder und er scheint die letzte Ferienwoche ausschließlich dazu zu nutzen, Unfug zu treiben und seine kleine Schwester zu ärgern“, entgegnete Ianto mit einem Seufzen. „Mica, warum gehst du nicht zu deiner Mam in die Küche? Ich bin sicher, sie wüsste deine Hilfe bei den Vorbereitungen fürs Abendessen zu schätzen.“ War das seine scheue Nichte Mica, die eben dabei war, in Harkness‘ Schoß zu klettern, die kleine Hände fest in den Militärmantel geklammert? Sonst machte sie um neue Gäste einen weiten Bogen. Rose Taylor, die ein paar Mal das Babysitten übernommen hatte, und bis zu einem gewissen Grad auch Suzie Costello, waren Ausnahmen gewesen.

 

Der Captain stand auf und nahm Mica auf den Arm. „Du kennst dich doch bestimmt hier gut aus?“, meinte er. „Zeigst du mir den Weg zu meinem Zimmer?“

 

Mica strahlte, ihr Kummer völlig vergessen. „Ich kenne jedes Zimmer“, sagte sie stolz. „Meiner Mam gehört das Hotel. Halb. Aber ich weiß nicht mehr, welche Hälfte.“

 

Der Amerikaner lachte. „Das ist nicht so wichtig. Arbeitet dein Dad auch hier?“ Er trat mit dem Mädchen auf dem Arm in Richtung Fahrstuhl.

 

Ianto folgte ihnen, amüsiert über das völlig veränderte Verhalten des Captains. Mica warf ihm über die Schulter des Amerikaners einen unsicheren Blick zu und Ianto nickte zustimmend.

 

„Ja“, bestätigte Mica und nickte so heftig, dass ihre Zöpfe wild durch die Luft flogen und Harkness ins Gesicht schlugen.

 

„Whoa, vorsichtig damit, Prinzessin.“ Harkness strich ihr ein paar lose Strähnen aus dem Gesicht zurück und hinter die Ohren. Und dann, in einer automatischen Geste - wie Ianto sie oft bei seiner Schwester beobachtete - glättete er ohne überhaupt hinzusehen ihren umgeknickten Kragen und zog einen heruntergerutschten Strumpf wieder zum Knie hoch, während er Micas Geplapper aufmerksam lauschte.

 

Das war definitiv nicht das erste Kind, das er auf dem Arm hielt, dachte Ianto, als er neben ihm in den Aufzug trat. Und vielleicht erklärte das auch den sehnsüchtigen Ausdruck, den er flüchtig auf dem Gesicht des Captains gesehen hatte. Vielleicht gab es irgendwo eine Mrs. Harkness und ein kleines Mädchen, die auf seine Rückkehrt warteten.

 

Es bedeutete nicht, dass ihm Harkness deshalb plötzlich sympathischer war.

 

 

 

 

Nachdem Hurrikan Harkness sich nunmehr in ein Zimmer verzogen und er Mica zu ihrer Mutter geschickt hatte, kehrte Ianto an die Rezeption zurück. Er öffnete die Schublade und nahm sein Tagebuch heraus, doch er ließ es unaufgeschlagen vor sich auf dem Schreibtisch liegen.

 

Den ganzen Tag hatte er sich beschäftigt gehalten, doch nun starrte ihn das Datum anklagend vom Kalender entgegen.

 

Morgen war Lisas Geburtstag.

 

Und er wusste noch immer nicht, was er mit diesem Tag anfangen sollte.

 

Ihre Eltern würden sie besuchen gehen und hatten ihn eingeladen, mit ihnen zusammen zu fahren. Das Zugticket war bereits sicher in seiner Brieftasche verstaut.

 

Toshiko hatte angeboten, die Rezeption alleine zu übernehmen und Rhi und Martha würden seine restlichen Pflichten zwischen sich aufteilen, so dass er sich den ganzen Tag für sie frei halten konnte.

 

Lisas Geschenk, sorgfältig ausgesucht und verpackt, lag in einer abgeschlossenen Schublade in seinem Nachttisch.

 

Alles, was er tun musste, war morgen früh aufzustehen; seinen Anzug anzuziehen; die Krawatte umzubinden, die Lisa ihm kurz vor ihrem Unfall geschenkt hatte – und rechtzeitig zur Abfahrt ihre Eltern am Bahnhof treffen.

 

Die Fahrt zu dem staatlichen Sanatorium war relativ gesehen nicht lang, doch lange genug, dass sich verlegenes Schweigen zwischen ihnen ausbreiten würde, nachdem alle Höflichkeiten ausgetauscht waren; Lisas Mutter sich nach dem Hotel, nach Rhiannon und den Kindern erkundigt und er im Gegenzug danach gefragt hatte, wie ihr Textilgeschäft lief. Da war immer eine Distanz zwischen ihnen geblieben - selbst nach der Verlobung - die nur Lisas Gegenwart überbrückte.

 

Er hatte sie einmal danach gefragt, als er sie nach Hause brachte. In der Sorge, dass ihre Eltern ihn vielleicht nicht mochten. Lisa hatte gelächelt und seine Hand gedrückt und ihm gesagt, dass es nicht an ihm persönlich lag. Ihre Eltern hatten nur Sorge, dass er wie so viele Männer ein farbiges Mädchen allerhöchstens als inoffizielle Geliebte, aber niemals als legitime Ehefrau ansehen würde.

 

Eine Woche später hatte er ihr einen Verlobungsring gekauft um in aller Form bei ihren Eltern um ihre Hand anzuhalten. Er liebte Lisa und wollte den Rest seines Lebens mit ihr verbringen, das war das einzige, was für ihn zählte. Nicht was andere Leute darüber dachten.

 

Den Rest seines Lebens.

 

Es war alles so anders gekommen, als er es sich ausgemalt hatte.

 

Sein Studium abschließen, Lisa heiraten, an der Seite seines Vaters im Hotel arbeiten, bis er alles gelernt hatte, was er für den fernen Zeitpunkt in der Zukunft brauchte, wenn er für ihn übernahm. Ihr eigenes kleines Heim, eine Familie.

 

Ianto rieb sich mit der Hand übers Gesicht.

 

Es war nichts von ihren gemeinsamen Träumen geblieben.

 

Lisas Unfall lag inzwischen beinahe zwei Jahre zurück und ihr Zustand hatte sich nicht gebessert. Es bestand keine wirkliche Hoffnung, dass er sich jemals bessern würde – es gab nichts als Strohhalme, an die sich ihre Eltern klammerten, wenn sie ihr einziges Kind jeden Sonntag in einem Sanatorium besuchten. Anfangs begleitete sie Ianto jedes Mal. Dann nur noch alle drei Wochen. Schließlich wurden seine Besuche noch seltener, seine Briefe oberflächlicher und Lisa... verstand.

 

Das war zumindest, was sie sagte, doch die Enttäuschung in ihrem Blick fühlte sich an, als ob er Glasscherben hinunter zu würgen versuchte. Sie versicherte ihm, dass es völlig in Ordnung war, wenn er sie nicht so häufig besuchen konnte; dass das Hotel Vorrang nahm. Sie hatte immer verstanden, wie wichtig es für ihn war, sein Erbe zu erhalten und ihn nach dem Tod seiner Eltern darin bestärkt, als er große Zweifel hegte, dieser Aufgabe je wirklich gewachsen zu sein.

 

Das Hotel war am Ende zu allem geworden, was ihm geblieben war – und er ließ sich völlig davon verein nehmen.

 

Er war manchmal so alleine. Umgeben von Menschen, Freunden und Familie, fühlte sich Ianto Jones gänzlich verloren.

 

 

 

 

Das Abendessen war bereits in vollem Gange, als das leise Geräusch von Absätzen auf dem nicht von Teppichen bedeckten Teil des Foyers Ianto aufsehen ließ.

 

Rihannon hatte ihm eine Liste mit Besorgungen gegeben – und da er immer noch nicht sicher war, ob er Lisa morgen besuchte oder nicht (Er hatte im Kopf bereits mehrere Entwürfe von Briefen an sie, in denen er sich dafür entschuldigte, dass er sie nicht hatte besuchen können, ent- und wieder verworfen.) – nutzte er ihre Überprüfung als Vorwand, seine Entscheidung noch ein wenig weiter hinaus zu schieben. Sollte er nicht hier sein, mussten Martha und Mickey mit Rhis Art der Planung (und ihrer Handschrift) klarkommen. Und er tat nur, was jeder gute Arbeitgeber tat, und erleichterte ihnen durch gründliche Vorbereitung die Arbeit.

 

Nun, zumindest hatte er sich so selbst in eine Ecke argumentiert.

 

„Miss Cole“, sagte Ianto überrascht. „Nehmen Sie heute nicht am Abendessen teil?“

 

Estelle Cole war ebenfalls einer der Stammgäste des Greyfriars Arms, sie besuchte Cardiff bereits seit mehr Jahren als Ianto überhaupt auf der Welt war; sie reiste immer gegen Ende des Sommers an und blieb bis einige Tage vor Weihnachten. Dann fuhr sie nach London (Ianto übernahm es, ihre Reise dorthin und ihre Unterkunft zu buchen), wo sie sich bis zum Neuen Jahr aufhielt, bevor sie nach Schottland zurückkehrte, wo sie mit ihrer Schwester lebte. Seine Mutter hatte ihm einmal erzählt, dass sie jedes Jahr in der Erinnerung an eine verlorene Liebe nach London reise. Offenbar hatte sie dort im Ersten Weltkrieg als junges Mädchen einen Soldaten kennen gelernt und sich unsterblich in ihn verliebt, doch er starb einige Wochen später. Eine tragische Kriegsliebe. Seine Mutter fand, es wäre eher Stoff für einen Liebesroman.

 

Miss Cole trat an den Tresen, schob ihm ihren Schlüssel zu und lächelte. „Guten Abend, mein Junge“, sagte sie. „Ich habe Ihre Schwester gebeten, mir eine kleine, kalte Mahlzeit zusammen zu stellen, für später, wenn ich aus Roundstone Wood zurückkomme. Sie kümmert sich auch um Moses, er bleibt so schrecklich ungerne alleine und es wäre mir entsetzlich peinlich, wenn er seinen Kummer wieder an den Möbeln ausließe.“

 

Alarmiert warf Ianto einen Blick auf die Kaminuhr. „Ist es nicht ein wenig spät für einen Ausflug?“, fragte er. „Es ist bereits dunkel.“

 

„Genau deshalb muss ich dorthin.“ Estelle hielt eine Taschenlampe hoch und deutete auf die Kamera, die um ihren Hals hing. „Ich bin sicher, dass ich heute Nacht endlich die perfekten Fotos von meinen Feen machen kann. Sie sind so scheu, aber ich denke, allmählich fassen sie wirklich Zutrauen zu mir. Bald zeigen sie sich auch im Tageslicht, davon bin ich überzeugt. Ich brauche nur ein wenig mehr Geduld und Zeit. Ich habe reichlich von beidem.“ Seinen zweifelnden Gesichtsausdruck bemerkend, griff sie über den Tresen und tätschelte seinen Arm. „Es ist wirklich gut, Ianto, machen Sie sich keine Sorgen - was soll einer alten Frau wie mir dort schon passieren.“

 

„Es ist mir nicht wohl dabei, Sie ohne Begleitung gehen zu lassen, Miss Cole. Ich könnte mit Ihnen kommen. Ein wenig frische Luft schadet mir sicherlich nicht, nachdem ich den ganzen Tag hier verbracht habe.“ Er hatte tatsächlich ein sehr ungutes Gefühl dabei, sie allein da draußen im Dunkel zu wissen. Die Geschichten seiner Großmutter über böse Feen, die Kinder verschleppten, die sich nach Einbruch der Nacht draußen herum trieben, klangen plötzlich gar nicht mehr so weit hergeholt. Miss Cole war hingegen der Überzeugung, dass alle Feen gute Geschöpfe waren, und den Menschen wohl gesonnen.

 

Estelle lächelte. „Sie sind ein guter Junge, Ianto. Ihr Vater wäre so stolz auf Sie, wenn er sehen könnte, wie gut Sie sich um alles kümmern. Nicht nur um das Hotel, sondern um jeden einzelnen Gast.“

 

Röte stieg in seine Wangen, unwillkürlich begleitete von einem schmerzlichen Stich bei der Erwähnung seines Vaters.

 

„Ich liebe Gesellschaft, mein Junge, aber die Feen zeigen sich nicht, wenn ich nicht alleine komme. Oh, und ich erwarte Sie übermorgen bei der Vorführung meiner Fotos, Ianto.“ Estelle ging entschlossen in Richtung Tür. „Mister Fisher im Fotogeschäft ist so freundlich mir bei allem zu helfen; er wird die Fotos in Dias zu verwandeln und einen Projektor aufbauen, damit alle sie sehen können.“ Sie winkte ihm zu, bevor sie ihren Hut zurechtrückte, ihr Umschlagtuch enger um die Schultern zog und forschen Schrittes nach draußen ins Dunkel verschwand.

 

Ianto sah ihr beunruhigt nach, hin- und hergerissen, ob er ihr nicht doch einfach folgen sollte. Wenn er genügend Abstand hielt, bemerkte sie überhaupt nicht, dass er dort war und falls ihr doch etwas zustieß, konnte er ihr rasch zu Hilfe kommen.

 

„Wer war das? Die Frau, mit der Sie eben gesprochen haben. Wohnt sie hier?“

 

Er fuhr herum und sah sich Captain Harkness gegenüber. Woher kam der nur so plötzlich? Ianto räusperte sich, als ihm bewusst wurde, dass er ihn – wie ein hypnotisiertes Kaninchen die Schlange – nur wortlos anstarrte, anstatt die rüde Frage zu beantworten und strich indigniert sein Jackett glatt. „Miss Cole? Ja, sie ist ebenfalls ein Gast in diesem Haus.“

 

„Estelle Cole?“ Die Stimme des Amerikaners klang belegt.

 

Ianto nickte.

 

„Ich glaube, ich brauche einen Drink. Dieser Planet ist verdammt zu klein.“

 

Die letzten beiden Sätze schienen nicht an Ianto gerichtet zu sein, also enthielt er sich einer Antwort. „Kann ich etwas für Sie tun, Captain?“, fragte er stattdessen.

 

„Ich wollte nur...“ Harkness brach ab und starrte zur Tür. „Wo geht sie um diese Uhrzeit hin?“

 

Ianto zögerte einen Moment. „Sie beobachtet Feen“, sagte er schließlich. „An einem Ort namens Roundstone Wood. Es gibt ein paar lokale Mythen darüber, dass der Wald verwunschen ist; dass dort in mondhellen Nächten Feen tanzen. Es ist Miss Coles Hobby und sie... sie ist überzeugt, dass sie diese Feen sehen kann, sie besucht sie schon seit Jahren. Es gibt viele, die sich darüber lustig machen und deshalb versucht sie immer wieder, noch bessere Fotos von ihnen zu machen. Bilder wie die Cottingley-Fotos sind ihr Ziel, verstehen Sie. Manchmal gibt sie Diaschauen und hält Vorträge.“

 

Harkness trat näher und lehnte sich gegen den Empfangstresen, die Arme vor der Brust verschränkt. „Glauben Sie an Feen, Mister Jones?“

 

Sein Tonfall ließ keine Bestimmung zu, ob er sich über ihn lustig machen wollte, oder ob es einfach nur ein Versuch war, Konversation zu betreiben.

 

„Es spielt keine Rolle, ob ich daran glaube oder nicht. Es ist mir nicht wohl dabei, zu wissen, dass sie dort alleine im Dunkeln unterwegs ist.“

 

„Besteht denn die Gefahr, dass sie sich verirrt?“ Der Captain warf erneut einen Blick zur Tür, als könne er Estelle mit den Augen folgen.

 

„Nein, ich denke nicht.“ Ianto beugte sich unwillkürlich vor, als teile er dem Amerikaner ein Geheimnis mit. „Sie hat mich als Kind oft auf ihre Exkursionen mitgenommen, sie kennt sich möglicherweise besser aus, als die Menschen, die in der Nähe wohnen. Aber sie könnte trotzdem über eine Wurzel stolpern oder gar stürzen und sich verletzten. Wenigstens nimmt sie inzwischen eine Taschenlampe mit. Sie ist überzeugt, dass künstliches Licht die Feen verscheucht.“

 

Lachen ertönte von der anderen Seite des Raumes.

 

Ianto trat einen Schritt zurück, als der Blick des Captains von ihm weg- und zu dem Paar hin glitt, das eben aus dem Durchgang zur Hotelbar (zu Zeiten von Iantos Großvater noch ein Herrenzimmer zum Rauchen von Zigarren und dem Lesen von Zeitungen) trat.

 

Eine laut kichernde Miss Costello hing am Arm von Doktor Harper, der sie grinsend zum Lift bugsierte. Offenbar hatte sie beschlossen, ihren Pinseln einen Abend lang Ruhe zu gönnen. Doch dass sie ausgerechnet die Gesellschaft des Londoners suchte…

 

„Würden Sie mir Roundstone Wood zeigen? Bei Tageslicht natürlich. Morgen Vormittag?“

 

Das war nicht gerade eine Frage, die Ianto von dem Amerikaner erwartet hatte. „Ich würde ein Haufen Steine in einem Wald nicht als die Art von Sehenswürdigkeit einstufen, die Sie interessiert.“

 

„Bitte. Es könnte wichtig sein.“ Harkness hob die Schultern und schob die Hände in die Taschen seines Mantels. „Natürlich, wenn Sie bereits unaufschiebbare Pläne für morgen haben, verstehe ich...“

 

„Nein.“ Die Heftigkeit, mit der Ianto ihn unterbrach, erstaunte sie sicherlich beide.

 

Weniger überraschend war die Rückkehr des Haifischlächelns.

 

„I-Ich meine… nichts, was unaufschiebbar ist. Nur Besorgungen für die Küche.“ Er spürte sein Herz bei der Lüge rascher pochen und verräterische Hitze, die sich über seine Wangen ausbreitete.

 

Der Amerikaner musterte ihn. „Okay. Dann bis morgen, Mister Jones.“ Er wandte sich ab. „Oh, übrigens…  Rot ist definitiv Ihre Farbe. Und ich spreche nicht nur von Ihrer Krawatte.“

 

„Captain Harkness?“ Ianto wartete, bis der andere Mann zu ihm zurücksah. „Verzeihen Sie mir meine Neugier, aber es konnte mir nicht entgehen... Sind Sie vielleicht mit Miss Cole bekannt?“

 

Der Amerikaner zögerte, Schatten fielen über sein Gesicht, machten es unmöglich darin zu lesen. „Ich kenne… kannte… jemanden, der mit ihr bekannt gewesen ist – vor vielen Jahren, sie war noch ein junges Mädchen.“

 

Welche Art von nichtssagender Antwort war das? „Dann bin ich sicher, sie würde sich freuen, wenn Sie...“

 

„Sie wird sich nicht mehr an m... an ihn... erinnern. Es ist lange her. Und falls doch, welchen Nutzen hätte es, alte Wunden aufzureißen.“ Mit diesen Worten nickte ihm Harkness noch einmal zu und ging dann.

 

Ianto sah ihm nach. Der Amerikaner steuerte zielstrebig auf den Eingang zur Bar zu. Offenbar hatte er ernst gemeint, dass er einen Drink brauche. Rhiannons Einkaufsliste vergessend, begann er darüber nachzugrübeln, was eine Frau wie Estelle Cole und einen Mann wie Captain Jack Harkness wohl verbinden könne.

 

 

 

 


Kapitel 2)

 

 

(Kiss from a rose – Seal)

 

 

 

In der Küche herrschte die übliche morgendliche Hektik – oder zumindest was einem Außenstehenden so vorkommen mochte. In Wahrheit steckte Methode hinter dem scheinbaren Chaos aus hin und her eilenden Mädchen, die Tee brauten, Speck brieten, Toast schnitten und Tabletts für die Gäste anrichteten, die auf ihren Zimmern frühstückten.

 

„Ich habe dir ein Lunchpaket gepackt“, sagte Rhiannon, als sie ihm eine Tasse Tee und einen Teller mit Toast hinstellte. „Du hast nicht gesagt, wann dein Zug geht. Hast du denn noch Zeit für ein ordentliches Frühstück? Ansonsten mache ich dir rasch ein…“

 

„Kannst du Lunch für zwei daraus machen?“ Ianto hielt den Blick auf eine Toastscheibe gerichtet, unsicher wie seine Schwester auf die Änderung seiner Pläne reagieren würde.

 

„Kein Problem.“ Rhi nahm neben ihm Platz – die Vorbereitungen für das Frühstück liefen im Moment auch ohne sie weiter. „Verrätst du mir auch, wieso?“

 

„Captain Harkness hat mich gebeten, ihm heute Vormittag Roundstone Wood zu zeigen.“ Er rührte sorgfältig den Tee um. „Es muss auch nichts besonderes sein. Ein paar Sandwiches und eine Thermosflasche mit Kaffee, für den Fall, dass wir nicht rechtzeitig zum Mittagessen zurück sind.“

 

„Was? Heute? Wieso hast du ihm nicht gesagt, dass du keine Zeit hast? Johnny kann ihn doch hinbringen, wenn es unbedingt heute sein muss. Wir haben alle als Kinder dort gespielt, er kennt sich so gut aus wie du und ich.“ Rhiannon musterte ihren Bruder. „Ianto, was ist wirklich los mit dir? Es ist Lisas Geburtstag. Und du willst den Tag lieber damit verbringen, Stadtführer für einen neugierigen amerikanischen Touristen zu spielen?“

 

„Es ist komplizierter als das, Rhi.“ Er schob den Teller von sich weg. „Lisa… ich… Sie ist so weit weg.“

 

„Oh, du Dummerchen.“ Sie drückte seinen Arm. „Warum sagst du nicht einfach, wenn du sie öfters sehen willst? Wir finden schon einen Weg, dass du dir häufiger mal einen Tag frei nehmen kannst. Alle werden gerne helfen.“

 

„Nein, du… du verstehst mich nicht.“ Ianto beobachtete zerstreut wie Agnes, eines von Rhis Küchenmädchen, konzentriert in einen Topf mit kochendem Wasser starrte, einen Schaumlöffel in der Hand, den Korb für die Eier in der anderen. „Wir haben uns voneinander entfernt. Bei meinem letzten Besuch wusste ich kaum, über was ich mich mit ihr unterhalten sollte. Es ist… wir haben früher alles miteinander unternommen. Die gleichen Bücher gelesen, die gleiche Musik im Radio gehört, wir hatten die gleichen Interessen. Nach Mams und Tads Tod hat sie mir so viel mit allem hier geholfen, wir waren immer zusammen, ohne sie hätte ich nie alles in den Griff bekommen. Aber jetzt… wir leben in zwei völlig verschiedenen Welten. Über ihre Stickereien, ihre Bücher und die anderen Patienten zu reden, gibt nicht sehr viel Gesprächsstoff her. Und über das Hotel zu sprechen, darüber wie mein Leben jetzt aussieht… ich kann sehen, dass es ihr wehtut, daran erinnert zu werden, wie abgeschnitten von allem sie ist. Was sie alles nicht mehr tun kann. Und sie…“

 

„Was?“, fragte Rhiannon, die Stimme sanfter als ihre Worte, als er nicht weitersprach. „Rück’ mit der Sprache raus, Ianto.“

 

„Lisa gibt mir die Schuld daran, dass sie nicht mehr laufen kann. Sie würde es nie sagen, aber ich kann es in ihren Augen sehen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es.“

 

„Das ist kompletter Unsinn, Ianto. Niemand hat Schuld an einem Unfall.“

 

„Sie wollte mir helfen. Ich habe die Leiter nicht überprüft, die sie benutzt hat. Ich habe sie alleine gelassen, anstatt bei ihr zu bleiben und zumindest die Leiter zu halten. Sie wäre niemals gestürzt, wäre ich da gewesen. Oder vielleicht hätte sie nicht über eine Stunde bewusstlos dagelegen.“

 

Rhiannon griff sein Kinn in zwei Fingern und drehte sein Gesicht zu sich her, ganz so wie ihre Mutter es immer getan hatte. „Ianto, seit wann quälst du dich mit diesem Gedanken? Selbst wenn du bei ihr gewesen wärst, so wie sie gefallen ist, es hätte nichts geändert. Genauso gut kannst du mir die Schuld geben. Ich wollte ihr an diesem Nachmittag eigentlich zur Hand gehen, erinnerst du dich? Aber dann war Mica krank und ich musste sie ins Bett bringen und bei ihr bleiben.“

 

„Deine Tochter war krank, das ist ein Grund. Mica konnte nicht warten. Aber ich habe den halben Nachmittag auf dem Dachboden verbracht, in altem Kram wühlend und über das Blättern in Großvaters Chroniken die Zeit vergessend. Ich kam nur endlich da runter, weil es draußen langsam dunkel wurde und ich nicht weiterlesen konnte, weil ich keine Lampe mitgenommen hatte.“ Mit einem Ruck löste Ianto sich aus dem Griff seiner Schwester und begann wieder konzentriert in seinem noch unangetasteten Tee zu rühren. „Und es ändert nichts daran, dass ich die Leiter einfach aus dem Schuppen geholt habe, ohne zu überprüfen, ob sie noch in Ordnung ist. Sie stand jahrelang da draußen und alles um was ich mir Sorgen machte, waren Spinnweben und der Staub, den ich aufgewirbelt und auf meinen Anzug bekommen hatte.“

 

Es waren die Staubflecken gewesen – oder genauer sein Unmut darüber – die Lisa veranlasst hatte, ihn lachend weg zu schicken, damit er sich umzog. Er mochte es nun einmal nicht, schmutzig zu werden. Und er hatte wirklich die Absicht, sie nur für ein paar Minuten alleine zu lassen. Nachdem Rhi ausfiel, konnten sie das Ausmessen der Fenster für neue Vorhänge (die Lisa mit dem Stoff, den sie im Geschäft ihrer Eltern gekauft hatten, selbst zu nähen vorhatte) zusammen erledigen. Wenn einer maß und der andere aufschrieb, waren sie doppelt so schnell fertig. Was sich nur sein Großvater beim Bau eines Festsaals mit so hohen Wänden gedacht hatte? Sie benötigten eine Leiter, um den Abstand vom Fenster zur Decke auszumessen.

 

Auf dem Weg in seine Privaträume war Ianto die Chronik eingefallen, die sein Großvater Zeit seines Lebens führte und dass er darin sicherlich auch über den Saal etwas aufgeschrieben haben musste. Und da er ohnehin schon schmutzig war, konnte er sie gleich auf dem Dachboden suchen gehen. Er hatte gedacht, es würde nicht mehr als ein paar Minuten in Anspruch nehmen und sie beide amüsieren – doch er musste einen mittleren Berg an Kisten und kaputten Möbeln zur Seite schaffen, bevor er an den alten, wackeligen Schrank kam, in dem die Tagebücher aufbewahrt wurden. Er kannte das genaue Jahr nicht, in dem die Halle gebaut worden war und so ging das Suchen noch eine Weile weiter.

 

Hier und da beim Durchblättern und Überfliegen der Seiten einen interessanten Absatz (wobei sein Großvater einfach alles dokumentiert hatte – vom Wetter angefangen bis zu Inventarlisten und persönlichen Details über die Gäste, die er beherbergte) lesend, bemerkte er kaum, dass aus den wenigen Minuten inzwischen fast zwei Stunden geworden waren.

 

Erst das schlechter werdende Licht erinnerte ihn an Lisa und die Vorhänge und er eilte so rasch er konnte nach unten, bereits an einer Entschuldigung feilend, dass er sie mit der ganzen Arbeit alleine gelassen hatte.

 

Doch statt einer wütenden Lisa fand er seine Verlobte auf dem Boden liegend, seltsam verdreht und mit blutverschmiertem Gesicht. Das Blut der Schramme an ihrer Stirn hatte bereits begonnen, zu trocknen, als er neben sie auf die Knie fiel und panisch ihren Namen rief.

 

Später dachte er an diesen Moment oft zurück und wie er geglaubt hatte, die Kopfverletzung wäre das Schlimmste, was ihr zugestoßen war. Aber es war nur die offensichtlichste Verletzung, wie er im Krankenhaus erfuhr. Lisa stürzte rückwärts, in Richtung Wand... nur dass sich dort keine Wand, sondern ein Kamin mit breitem, weit ausgerücktem Sims befand. Sie fiel in einem so unglücklichen Winkel dagegen, dass Wirbel in ihrer Wirbelsäule brachen.

 

Es hatte eine Weile gedauert, bis sie alle – Lisa inbegriffen – verstanden, was das tatsächlich bedeutete. Sie war gelähmt. Von der Brust an abwärts. Und es war nicht vorübergehend. Sie konnte die Arme bis fast zu den Schultern hochheben und den Kopf drehen, doch ansonsten war sie kaum zu einer eigenständigen Bewegung in der Lage. Ihre Lungenfunktion war eingeschränkt und für eine lange Zeit atmete sie nur mit einem erschreckenden Röcheln, kaum fähig, mehr als ein paar Worte auf einmal zu sprechen, bevor sie nach Atem zu ringen begann und zusätzlichen Sauerstoff benötigte.

 

Der Arzt empfahl ihren Eltern ein Heim zu suchen, in dem sie professionell gepflegt werden konnte – und nach langem Bedenken wurde Lisa in ein gut zwei Stunden von Cardiff entferntes Sanatorium gebracht, in dem man ihre Atemprobleme weitestgehend beheben konnte. Es war die einzige Einrichtung, die sich ihre Eltern leisten konnten. Und sie lehnten strikt ab, dass er sie finanziell unterstützte.

 

„Ianto? Ianto!!“

 

Er hob den Kopf und blinzelte, als Rhi ihn an der Schulter packte und schüttelte. Um sie herum war das Chaos verstummt. Die Küchenmädchen hatten das Buffet im Speisesaal angerichtet und waren nun dabei, die Frühstückstabletts auf die einzelnen Zimmer zu verteilen. „Ja?“

 

„Du bist ein paar Minuten lang nur dagesessen und hast ins Leere gestarrt, ohne etwas zu sagen.“ Rhiannon musterte ihn. „Willst du es dir nicht doch noch anders überlegen? Du kannst ja einen späteren Zug nehmen.“

 

Ianto schüttelte den Kopf – teils als Antwort, teils um die Spinnweben der Erinnerung zu vertreiben, in denen er sich für eine Weile verloren hatte. „Ich werde sie besuchen... an einem anderen Tag, nicht heute.“ Er schob seine Tasse zur Seite, der Tee war kalt und es hatte sich eine Haut auf der Oberfläche gebildet. „Es ist Zeit, dass ich die Rezeption übernehme.“ Er stand auf und wandte sich zum Gehen.

 

„Warte.“ Rhi eilte ihm hinterher. „Du hast noch überhaupt nichts gegessen. Johnny und die Kindern kommen gleich zum Frühstück her, warum isst du nicht mit uns? Tosh ist sicher bereits da und übernimmt die Rezeption bis du kommst.“

 

„Danke, aber...“ Er beugte sich vor, um sie auf die Wange zu küssen, bevor er weiterging. „Ich brauche ein paar Minuten für mich alleine und du weißt, ich liebe deine Familie, aber im Moment ist mir nicht nach Gesellschaft.“

 

„Es ist auch deine Familie, Ianto, vergiss’ das nicht“, driftete Rhiannons Stimme hinter ihm her, bevor die schwere Tür der Küche hinter ihm ins Schloss fiel.

 

 

 

 

An der Rezeption warf ihm Toshiko einen prüfenden Blick zu, als sie ihm einen guten Morgen wünschte und zog sich dann mit den Büchern in ihr kleines Büro hinter dem Empfang zurück. Sie hatte ein untrügliches Gefühl für seine Stimmungen und versuchte weder, ihn in belanglose Konversation zu verwickeln, noch fragte sie, wie es ihm ging. Er war geradezu absurd dankbar für ihre Rücksichtnahme.

 

Das routinemäßige Abstauben und Neuordnen des Schreibtisches, dass er jeden Morgen vornahm, trug weiter dazu bei, seine Nerven zu besänftigen und nach einer Weile verschwand das Gefühl, dass etwas seine Kehle abschnürte.

 

Mickey sah vorbei, vermutlich um den neuesten Tratsch zu verbreiten, doch er verzog sich, als Rhys Williams mit seiner Verlobten an die Rezeption kam, um ihre Schlüssel abzugeben.

 

Ianto erkundigte sich höflich nach ihrem Befinden und wurde von Miss Cooper mit einer detaillierten Beschwerderede über ihre Schwiegermutter in Spe überschüttet, bis Williams offenbar Mitleid mit ihm fand und sie unter dem Hinweis auf die Uhrzeit aus der Tür komplimentierte.

 

Einige Minuten bevor die Kaminuhr neun schlug, bat er Toshiko den Empfang ab jetzt zu übernehmen und ging die Treppe hoch.

 

Er klopfte an Zimmer 4-12 und öffnete die Tür, als von drinnen ein gedämpftes „Herein“ ertönte.

 

Das erste, was Ianto auffiel, war der Zustand der Unordnung in dem sich der Raum befand.

 

Schuhe mit Schmutzkrusten an den Rändern der Sohle waren achtlos neben die Tür geworfen. Der Militärmantel hing schräg über eine Stuhllehne; auf der Sitzfläche darunter ein Hemd, ein Ärmel von innen nach außen gezogen. Ein Paar Manschettenknöpfe in der Form von kleinen silbernen Flugzeugen glitzerten auf dem weißen Stoff. Hosenträger baumelten vom Griff der Badezimmertür. Die Spur der Verwüstung setzte sich auf dem ungemachten Bett fort, das fast unter einem Wust an aufgeschlagenen und offenbar auch auseinandergenommenen Zeitungen (er musste Mickey losgeschickt haben, damit der jede Morgenzeitung in ganz Cardiff holte) und einem halb leer gegessenem Frühstückstablett verschwand.

 

Dem Rand in der Teetasse nach stand es schon eine Weile so da. Verkrustendes Eigelb zierte auch ein kleines Stück Laken, das unter dem Tablett heraushing und Ianto machte sich seufzend daran, die Zeitungen zusammen zu falten und auf dem kleinen Teetisch neben dem Bett ordentlich aufeinander zu stapeln. Er war gerade dabei, die Krümel von dem nun freigemachten Laken auf das Tablett zu wischen, als Harkness aus dem Bad kam.

 

Ianto sah zu ihm hinüber, um ihm einen guten Morgen zu wünschen, und warf fast die Tasse um, die er gerade zurück auf die Untertasse hatten stellen wollen. Porzellan klirrte gegen Porzellan und er spürte Hitze in seine Wangen aufsteigen. Harkness war so gut wie nackt! Der Captain lehnte gegen den Türrahmen, die Arme lose vor der Brust verschränkt, nur ein schmales Handtuch nachlässig um die Hüften geschlungen und musterte ihn amüsiert durch die Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht fielen. Sein Haar war noch feucht.

 

„Ich wollte... Bitte entschuldigen Sie. Um diese Uhrzeit... hatte ich nicht erwartet... Ich wollte Sie nicht stören.“ Seine Zunge fühlte sich an, als hinge ein Bleigewicht an ihr. „Ich komme später wieder. Wenn Sie fertig sind.“ Er umklammerte das Tablett und wandte sich in Richtung Tür. Natürlich hatte er schon davon gehört, dass Amerikaner kein Schamgefühl hatten, aber mit nackten – oder beinahe-nackten (man musste auch für kleine Gnaden dankbar sein) – Tatsachen konfrontiert...

 

„Ianto.“

 

Er stoppte automatisch und drehte sich auf dem Absatz um, den Tadel schon auf der Zunge.

 

„Mister Jones.“ Harkness lächelte entschuldigend und hob die Hände. „Ich fühle mich nicht gestört.“ Er stieß sich vom Türrahmen ab und öffnete den Schrank, in dem er seinen Koffer verstaut hatte, um darin nach einem frischen Hemd zu suchen.

 

Ianto schüttelte den Kopf. Offenbar hatte der Mann noch nichts davon gehört, dass man seine Kleidung so rasch wie möglich aus dem Koffer nahm, um das dauerhafte Festsetzen von Knitterfalten zu vermeiden.

 

Er starrte einen Moment auf breite Schultern; sah deutlich definierte Muskeln in Armen und Beinen. Die Haut war leicht gebräunt, wie von jemandem, der geraume Zeit wenig bekleidet im Freien verbracht hatte. Aber sicherlich nicht in Wales. Hier lief man selten in Gefahr, sich einen Sonnenbrand zu holen. Harkness wirkte bestimmt nicht wie jemand, der viel Zeit in einem Stuhl vor einem Schreibtisch in einem fensterlosen Büro oder gar in einer Fabrikhalle verbrachte. Etwas Unruhiges, Rastloses umgab ihn. Da war etwas, das zu sagen schien, dass Harkness nie lange an einem Ort blieb…

 

Ein indigniertes Schnappen nach Luft gerade so unterdrückend, wandte Ianto hastig die Augen ab, als der Amerikaner ohne große Umstände das Handtuch fallen ließ. Sein Griff um das Tablett war so fest, dass die Knöchel seiner Finger blutleer aus der Haut hervortraten und er wusste nicht zu benennen, ob nun Verlegenheit oder Ärger über Harkness’ Unverschämtheit in ihm überwogen.

 

„Ich erinnere mich, dass Sie gesagt haben, Sie wären immer im Dienst.“

 

Harkness Stimme klang ein wenig gedämpft, als läge Stoff über seinem Gesicht und Ianto hoffte, dass dies bedeutete, dass er dabei war, sich anzukleiden.

 

„Aber ich wusste nicht, dass Sie auch die Tätigkeiten eines Zimmermädchens ausüben. Bedauerlicherweise offenbar ohne die dazu gehörige, niedliche, kleine Uniform.“

 

Ianto biss die Zähne zusammen. Er hatte sich fest vorgenommen, sich nicht mehr vom Spott des Captains reizen zu lassen. „Was immer notwendig ist, Sir. Ich bin ein sehr ordentlicher Mensch.“ Mit diesem kleinen Seitenhieb konzentrierte er sich auf die Eigelbkruste am Bettlaken. Das musste unbedingt eingeweicht werden, bevor der Fleck sich endgültig festfraß.

 

„Ja, das ist mir bereits aufgefallen.“ Die Stimme des Amerikaners klang plötzlich sehr nah, und gleichzeitig wurde ihm das Tablett abgenommen und auf der Kommode neben der Tür abgestellt. „Sie dürfen übrigens wieder hersehen, ich bin angezogen“, fuhr Harkness amüsiert fort.

 

Ianto hob den Blick und sah, wie der andere Mann nach seinen Schuhen angelte und sich aufs Bett setzen wollte, um sie zu schnüren. „Nicht.“

 

Der Captain hielt mitten in der Bewegung inne und sah fragend zu ihm hoch. „Was ist?“

 

„Eigelb. Da ist Eigelb auf dem Laken.“

 

Blaue Augen musterten ihn mit einer Mischung aus Amüsement und etwas, das er als Frage deutete... aber möglicherweise auch Spott sein konnte. „Skandalös.“

 

Definitiv Spott, dann. „Sie hätten sich fast reingesetzt.“

 

Harkness grinste. „Danke.“ Er schob das Laken zur Seite und setzte sich dann, um seine Schuhe zu schnüren. „Hm. Ich könnte wirklich jemand brauchen, der so gut auf mich achtet. Haben Sie schon einmal an eine Stellung als Butler gedacht? Wir können uns sicher auf ein Gehalt einigen und über Extras lasse ich immer mit mir reden.“

 

„Es tut mir leid, aber ich muss dieses... sicherlich sehr großzügige... Angebot ablehnen. Wie Sie sicherlich bemerkt haben, leite ich ein Hotel. Sir.“

 

Der Captain zuckte mit den Schultern. „Ich bin wirklich leichter zufrieden zu stellen, als ein ganzes Hotel voller Gäste.“ Er sprang auf und nahm seinen Mantel. „Weniger Arbeit auch.“

 

Irgendwie wagte er, das zu bezweifeln. Ianto unterdrückte den Impuls ihm spontan eine Schmutzbürste anzubieten. Am Saum des Mantels befand sich der gleiche angetrocknete Schlamm, der auch an den Schuhen haftete. Ein Blatt hatte sich im Kragen verfangen, als wäre der andere Mann erst kürzlich durch eine Hecke geschlüpft und er trat automatisch zu ihm, um es zu entfernen.

 

„Manche sagen sogar, ich wäre zu leicht... zufrieden… zu stellen.“ Harkness zupfte das Blatt aus seinen Fingern, als Ianto es ihm unwillkürlich hinhielt.

 

Als sich ihre Fingerspitzen dabei streiften, zog er hastig die Hand zurück. „Ich bedauere, Sir. Mein Platz ist hier.“

 

„Schade.“ Der Captain sah sich suchend im Zimmer um und zog schließlich mit einem Triumphlaut ein braunes Lederband mit einem – wie sollte er das beschreiben: es sah aus, als wäre etwas in das Leder eingearbeitet, eine Klappe oder so ähnlich, unter der sich noch etwas befand - unter dem Kopfkissen hervor. Der Amerikaner schnallte das Band fest um sein Handgelenk und wandte sich ihm zu, nachdem er den Ärmel darüber geschoben hatte. „Mein Verlust - aber ich schätze, ein Gewinn für Ihre Familie. Mica, war so nicht der Name Ihrer...?“

 

„Nichte. Sie ist meine Nichte.“ Wieso erzählte er das Harkness? Was interessierte ihn, was der andere Mann dachte.

 

„Oh, ich verstehe.“ Der Amerikaner ließ seinen Blick über ihn schweifen. „Und kein Ehering. Interessant.“

 

Ianto schob reflexartig die Hände in die Taschen.

 

„Gut. Ich bin bereit für unseren kleinen Ausflug. Können wir los oder habe ich noch irgendwo Flecken, die unbedingt entfernt werden müssen?“

 

„Jetzt wo Sie es sagen, Sir“, erwiderte Ianto trocken, langsam seine Fassung wiederfindend. „Sie haben da tatsächlich etwas am Kragen.“

 

Der Captain versuchte seinen eigenen Kragen anzusehen und schielte fast dabei. „Wo?“, fragte er und zupfte daran.

 

„Entschuldigen Sie vielmals, Sir. Ich muss mich geirrt haben.“ Ianto wandte sich ab und hielt die Tür auf. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

 

„Rückgrat. Oh, das gefällt mir“, sagte Harkness leise, als er an ihm vorbei und nach draußen in den Korridor trat.

 

Ianto fragte sich, warum diese Worte eine Gänsehaut an seinen Armen hervorrief.

 

 

 

 

Roundstone Wood hatte zu seinem Erstaunen noch immer die gleiche Wirkung auf ihn wie während seiner Kindheit und Jugendjahre - als sie abgelegene Orte wie diese nutzten, um heimlich zu trinken und zu rauchen. Da war das prickelnde Gefühl von unsichtbaren Augen in seinem Nacken und zugleich war es hier so friedlich, so ruhig. Alle Geräusche waren gedämpft, aber das Sonnenlicht, das durch das stellenweise sehr dichte Kronenmeer fiel, warm wo es seine Haut berührte. Und die Farben… Schatten wechselten sich mit Stellen ab, an denen die Blätter ein fast zu grelles, unnatürliches Grün zeigten.

 

Es war nicht wirklich verwunderlich, dass sich um diesen Ort so viele Mythen und Sagen rankten. Die Natur schien so widersprüchlich… vielleicht lag es auch nur daran, dass hier noch alles so wachsen konnte, wie es wollte. Niemand fällte Holz, baute Straßen oder rodete große Flächen um weitere Häuser zu bauen. Es schien fast, als stelle der Waldrand eine unsichtbare Grenze zwischen zwei Welten dar. Und vielleicht war eine davon ein verwunschenes Feenreich, wie seine Großmutter ihm erzählt hatte - und wie Estelle Cole so fest glaubte...

 

Ianto sah einige Schritte entfernt den grauen Militärmantel zwischen zwei Bäumen verschwinden, und beeilte sich, zu dem Captain aufzuschließen. Harkness schaffte es immer wieder, für einige Zeit aus seinem Sichtfeld zu verschwinden und allmählich fragte sich Ianto, ob es Absicht war oder ob er einfach nur nicht besonders lange stillstehen zu vermochte.

 

Als er zu Harkness trat, zog der den Ärmel wieder über das Lederband an seinem Handgelenk. Er hatte ihn schon mehrfach daran herumspielen sehen und fragte sich, was es damit wohl auf sich hatte. „Die Steine sind gleich da vorne.“

 

„Ist es auch ein guter Platz für ein Picknick?“ Der Captain schritt zügig aus, sein Mantel dramatisch hinter ihm her schwingend. „Ich bin nämlich sehr daran interessiert zu erfahren, was sich in Ihrem Rucksack befindet.“

 

„Eine Regenjacke, für den Fall, dass das Wetter sich plötzlich ändert.“ Ianto lächelte unschuldig, als der andere Mann ihm einen überraschten Blick über die Schulter hinweg zuwarf. Oh ja, zwei konnten dieses Spiel spielen.

 

 

 

 

Ianto hatte einen umgestürzten Baumstamm gefunden, auf dem er es sich leidlich bequem machen konnte. Das Holz unter ihm war warm, da sich direkt über ihm eine Lücke im Blätterdach befand und die Sonne durchkam, und roch nur moderat modrig. Aber es war trocken und Ianto dachte nicht daran, sich freiwillig ins Gras zu setzen. Oder etwa auf einen der mit Flechten bewachsenen und Einritzungen versehenen Steine, die Harkness eben zum x-ten Male umkreiste. Dabei fingerte er wieder an dem Lederband an seinem Handgelenk herum.

 

Schließlich wurde er es leid, ihm dabei zuzusehen. Ianto holte die Thermosflasche aus dem Rucksack, schraubte sie auf und goss Kaffee in den Metallbecher. Die Flasche verschließend, stellte er sie vorsichtig auf den Boden, bevor er aufstand und Harkness in den Weg trat. „Kaffee“, sagte er, als er ihm den Becher vor die Nase hielt. „Ich mache ihn selbst.“

 

Der Captain sah ihn einen Moment an, als habe er keine Ahnung, von was der andere Mann spreche, dann breitete sich langsam ein Lächeln über sein Gesicht aus. „Ich habe schon lange keinen anständigen Kaffee mehr getrunken. Und ich bin nie ein wirklicher Freund von Tee geworden.“ Er nahm den Becher und roch daran, bevor er die Augenbrauen hochzog und einen Schluck trank. „Wow. Und ich meine… wow wie in perfekt. Der beste Kaffee, den ich seit Jahrzehnten getrunken habe.“

 

Ah, da war sie ja wieder – die Harkness-typische Übertreibung, höchstwahrscheinlich patentiert. Würde ihn jemand fragen, dann mochte er den Captain Mitte... mit starker Neigung zu Ende... Dreißig schätzen. Er hatte Ianto maximal fünfzehn Jahre voraus, aber kaum Jahrzehnte. „Das freut mich, Sir. Kaffee ist eine meiner Leidenschaften.“ Sobald die Worte seinen Mund verlassen hatten, wusste Ianto, dass es die falsche Formulierung gewesen war.

 

Das Haifischgrinsen war in voller Pracht zurück auf dem Gesicht des Captains. „Dann bin ich wirklich gespannt darauf, auch die anderen kennen zu lernen.“ Er reichte ihm die nun leere Tasse zurück und legte die Handflächen wie im Gebet zusammen. „Darf ich noch eine haben?“

 

Komplettiert wurde die Bitte von großen, runden Augen, Welpen-ähnlich bettelnd. Normalerweise ein Anblick, den Ianto bei einem erwachsenen Mann mehr als verstörend empfunden hätte. Irgendwie schaffte der Amerikaner es jedoch, beides miteinander zu vereinen.

 

„Natürlich, Sir.“ Ianto lächelte nichtssagend und wandte sich ab, um zu seinem Rucksack zu treten. Er nahm sich die Zeit, die Tasse mit Wasser aus einer Flasche auszuspülen und an einem Geschirrtuch abzutrocknen – während er den Blick des anderen Mannes so deutlich wie eine Berührung auf sich ruhen spürte.

 

Er packte die Sachen zurück in den Rucksack und trug ihn mit sich, als er zu Harkness zurückkehrte, der inzwischen seine ruhelosen Umkreisungen eingestellt und auf einem der Steine Platz genommen hatte. Die nachdenkliche Miene des Amerikaners hellte sich jedoch schlagartig auf, als Ianto die Tasse mit frischem Kaffee füllte und sie ihm reichte, bevor er die Sandwiches auspackte, die Rhiannon vorbereitet hatte.

 

„So. Jones-Ianto-Jones. Fünfundzwanzig Jahre alt und seit knapp drei Jahren der Direktor des Greyfriars Arms Hotel in Cardiff. Das ist ein sehr verantwortungsvoller Posten für jemand in Ihrem Alter.“

 

Ianto setzte „Sprechen mit vollem Mund“ auf die Liste der Verfehlungen des Captains. Krümel rieselten über die Vorderseite seines Mantels und er wandte bewusst den Blick davon ab, bevor er einem Gast wie seinen neunjährigen Neffen behandelte – der im Übrigen bessere Tischmanieren aufwies. „Es war nicht meine Entscheidung, bereits in diesem Alter das Hotel zu übernehmen“, sagte er, als er einen Stein in der Nähe wählte, der zwar wesentlich niedriger, aber dafür von weniger Flechten bewachsen war und sich vorsichtig setzte.

 

„Ihre Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, nicht wahr? Wieso hat Ihre Schwester nicht die Leitung übernommen? Sie ist doch einige Jahre älter.“

 

Er ließ sein eigenes Sandwich sinken, sein ohnehin geringer Appetit von einem Moment auf den anderen nicht-existent. Woher wusste Harkness das alles? Er war doch erst seit gestern hier. „Ich... Es war immer klar, dass ich das mache. Meine Eltern haben das so bestimmt, noch bevor ich auf der Welt war. Ich habe die entsprechende Ausbildung gemacht, während Rhi Köchin wurde. Sie hat dann auch früh geheiratet, und bald David und Mica bekommen.“ Wozu erzählte er das dem Amerikaner? Nur, weil er gefragt hatte... Interesse heuchelte? Normalerweise trug Ianto sein Herz nicht so auf der Zunge.

 

„Wieso mussten Sie mit sechzehn eine Strafe bezahlen, damit Sie nicht wegen Diebstahls eines Fahrrads verurteilt wurden?“ Der Captain wischte sich die Finger an seiner Hose ab, als er das Sandwich verzehrt hatte.

 

„Wo-wo-woher wissen Sie das?“ Ianto spürte Blut in seinen Kopf schießen. Niemand außer seiner Familie und Lisa hatte je davon erfahren. Und wieso sollte Rhiannon so etwas einem Gast erzählen? „Und das war ein Missverständnis! Ich habe es nur ausgeliehen!“

 

Der Amerikaner hob die Schultern. „Es gibt immer Wege, etwas über eine Person heraus zu finden, die mich interessiert.“

 

Ianto sah verunsichert zu ihm auf. „Wieso interessieren Sie sich für mich?“, fragte er scharf.

 

Harkness musterte ihn einen Moment. „So, wo sind nun die Feen?“

 

Der abrupte Themenwechsel registrierte nicht sofort mit Ianto. „Feen?“, plapperte er automatisch das letzte Wort nach, das er gehört hatte.

 

„Deshalb sind wir hergekommen, oder?“

 

Er stand auf und begann abgelenkt die Reste ihres Lunches zurück in den Rucksack zu packen. „Ich nehme an, dass Sie möglicherweise deshalb hergekommen sind.“ Seine Hand schloss sich um die stählerne Thermosflasche, fest genug dass seine Fingerspitzen zu schmerzen begannen. „Ich bin nur hier, um den Mist wegzuräumen, den andere hinterlassen. Und das ist alles. Das ist alles, für das sich jemals irgendjemand bei mir interessiert hat.“ Die Bitterkeit in seiner Stimme hätte ihn überrascht – wenn er sich selbst zugehört hätte. Ianto schnallte den Rucksack mit zitternden Händen zu und warf sich den Riemen über die Schulter, bevor er sich blindlings in Bewegung setzte. Er wollte nur noch weg.

 

Aber nach ein paar Schritten schloss sich eine Hand um seinen Oberarm und hielt ihn fest.

 

„Ianto!“

 

Tief Atem holend, drehte er sich zu dem Amerikaner um. „Was?“ Harkness’ Gesicht verschwamm vor seinen Augen zu fleischfarbenen Schlieren und die paar Bissen des Sandwiches, die er hinuntergewürgt hatte, rumorten unruhig in seinem Magen. Plötzlich fühlte er sich heiß, fast fiebrig und da, wo die Hand des Captains seinen Arm umschloss, schien seine Haut zu glühen.

 

„Das ist die falsche Richtung.“

 

Ianto fand sich herumgedreht und ein Arm um seine Schulter führte ihn weg von dem Steinkreis, weg aus den Schatten. Sie hielten auf einer sonnigen Lichtung inne und Ianto brachte keine Gegenwehr auf, als Harkness ihn mit wenig Pomp auf den Boden setzte und seinen Kopf zwischen die Knie nach unten drückte.

 

Die Übelkeit ebbte fast sofort ab.

 

Er spürte das Gewicht des Rucksacks von seiner Schulter verschwinden und einen Moment später presste Harkness den Kaffeebecher in seine Hand, nun mit Wasser gefüllt. Um zu verhindern, dass er alles verschüttete, musste Ianto den Becher mit beiden Händen festhalten. Er zitterte, als habe er einen plötzlichen Fieberanfall erlitten und presste die Stirn gegen den Arm, nachdem er einen Schluck getrunken hatte. „Entschuldigung“, murmelte er. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“

 

„Ich bin überrascht, dass Sie überhaupt etwas gespürt haben. Und mit so einer heftigen Reaktion habe ich schon gar nicht gerechnet“, sagte Harkness von irgendwo über und hinter ihm.

 

„Was?“ Ianto hob den Kopf zu rasch, und musste gegen die erneut aufsteigende Übelkeit anschlucken. Er nippte hastig an dem Wasser, um den schlechten Geschmack in seinem Mund hinunter zu spülen. „Sie wissen, was mit mir los ist?“

 

„Diese Steine sind, oder vielmehr der Ort, an dem sie stehen ist, in einer besonderen Art von Energie getränkt. Wenn es sich um eine Quelle handeln würde, dann wäre das aus der Erde hochsteigende und wieder versickernde Wasser mit dieser Energie gleich zu setzen. Ich habe ein Gerät, mit dem ich sie messen kann, aber die meisten Menschen können sie nicht mal spüren - deshalb dachte ich auch nicht, dass es schaden könnte, eine Weile hier zu bleiben.“

 

Harkness presste seine flache Hand zwischen Iantos Schulterblätter, während er sprach und bewegte sie kreisförmig. Die Berührung schien das Zittern zu beruhigen.

 

„Energie? Was meinen Sie damit? Energie wie in Elektrizität?“ Ianto fand es einfacher, sich auf die Hand des Captains zu konzentrieren als auf das unruhige Rollen seines Magens.

 

„Etwas viel, viel älteres. Etwas, dass es schon seit dem Anbeginn der Zeit auf der Erde gibt. Es hat mit den Geschöpfen, die Sie Feen nennen, zu tun.“

 

„Was? Soll ich jetzt anfangen, an Magie zu glauben? Es gibt keine Feen, Elfen, Gespenster, oder was auch immer.“

 

Harkness lachte leise. „Es gibt so viel mehr, als Sie wissen, Jones-Ianto-Jones.“

 

„Würden Sie bitte damit aufhören, mich so zu nennen, Sir?“

 

„So bald Sie damit aufhören, mich Sir und Captain Harkness zu nennen. Ich bin Jack.“

 

Ianto setzte sich steif auf und die Hand des Amerikaners fiel weg. „Niemals. Das gehört sich nicht. Sir.“

 

„Gut.“ Harkness trat vor ihn, die Hände in die Taschen seines Mantels geschoben und sah auf ihn hinab. „Ich schätze das heißt, es geht Ihnen wieder besser.“

 

„Ja.“ Verlegen wandte Ianto den Blick ab. Rhi sagte immer, er arbeite zu viel. Vielleicht hatte sie doch recht. Wenn ein simpler Spaziergang durch den Wald ihn auf die Knie schickte... „Nur eine momentane Schwäche.“

 

„Diese Geschöpfe... nennen wir sie weiterhin Feen... sind nicht gut. Egal was uns Märchen erzählen“, sagte Harkness eindringlich. „Es gibt sie schon sehr, sehr lange. Länger als die Menschheit. Und sie befinden sich immer etwas außerhalb unseres Blickfeldes; ein Schatten, den man aus den Augenwinkeln sieht oder ein kalter Schauer, der einem an einem sonnigen Tag über den Rücken läuft. Lässt man sie in Ruhe, dann ignorieren sie die Menschen meistens, abgesehen von ein paar eher harmlosen Streichen. Aber sie haben eine seltsame Verbindung zu Kindern. Von Zeit zu Zeit suchen sie sich eines aus und locken es in ihren Bann. Und wenn dieses Kind nicht gerettet wird, dann... verschwindet es ganz einfach. Aber wenn man versucht, einem dieser auserwählten Kinder etwas anzutun, dann töten sie – langsam und grausam, als wäre es ein Spiel für sie. Und vermutlich ist es das auch.“

 

Ianto starrte ihn an. Er konnte sich nicht entscheiden, ob Harkness ihn auf den Arm nahm oder ob er jemandem gegenüber stand, der den Verstand verloren hatte. „Feen? Die Menschen töten?“, wiederholte er langsam.

 

„Wesen... Geschöpfe, die Feen genannt werden, die aber rein gar nichts mit den tanzenden Lichtgestalten und lieblichen kleinen Dingern in Blütenkleidchen zu tun haben, als die sie dargestellt werden.“ Der Captain ging vor ihm in die Hocke, um ihm ins Gesicht zu sehen. „Sie sind gefährlich. Sie können die Elemente manipulieren: Regen und Sturm hervorrufen, Dürre oder Überflutungen oder plötzliches Eis verursachen. Und Orte, die ihnen... wichtig... sind, schützen sie durch diese Energie, deren Auswirkung Sie am eigenen Leib gespürt haben.“

 

„Das ist nicht Ihr Ernst.“

 

„Es ist mein völliger Ernst. Ich bin ihnen zuvor begegnet und ich war dabei, als sie Menschen töteten. Soldaten, die unter meinem Kommando standen. Während eines Truppentransports. Wir fuhren in einen Tunnel und als es wieder hell wurde, waren alle außer mir tot. Erstickt an Rosenblättern die ihnen in die Kehle gestopft wurden. Ich fand später heraus, dass einige von ihnen angetrunken ein kleines Kind überfahren hatten, es starb. Es war eines der Auserwählten.“

 

„Wann war das?“

 

„Neunzehnhundertn...“ Harkness brach ab und zuckte mit den Schultern. „Cleverer Schachzug, um heraus zu finden, wie alt ich bin. Sagen wir, vor einigen Jahren. In einem anderen Teil der Welt. Aber das spielt keine Rolle. Sie können überall sein, und das zu jeder Zeit. Sie sind nicht wie wir an die Gegenwart gebunden. Es gibt für sie keine Grenzen.“

 

„Das ist… das klingt alles völlig verrückt. Ich weiß nicht, was ich glauben soll.“

 

„Es ist in Ordnung, Ian... Mister Jones. Ich bin gewohnt, dass mir kein Glaube geschenkt wird, bevor es nicht alle mit eigenen Augen gesehen haben. Und sogar dann findet immer noch jemand eine sogenannte rationale Erklärung. Nennen wir es ein… Berufsrisiko.“ Der Amerikaner griff nach dem Rucksack und zog das Tuch hervor, das Ianto benutzt hatte, um den Tasse abzutrocknen. Er tränkte es mit dem Rest des Wassers aus der Flasche und hielt es ihm hin.

 

Doch bevor Ianto danach greifen konnte – er hielt noch immer den Becher umklammert – presste der Amerikaner das feuchte Tuch gegen seine Wange, begann den Schweiß abzuwischen. Es fühlte sich gut an, kühl gegen seine immer noch fiebrige Haut und für einen Moment ließ er es zu, bevor er ruckartig den Kopf zurücknahm. Der Captain zog die Hand weg und legte das Tuch über seinen Arm, bevor er aufstand und sich ein paar Schritte entfernte – offenbar wollte er zurück zu dem Steinkreis.

 

„Aber ich glaube Ihnen.“ Die Worte kamen fast von selbst über seine Lippen. Als Harkness sich überrascht zu ihm umdrehte, holte Ianto tief Luft. „Vor einigen Jahren ist ein Mädchen hier im Wald verschwunden. Ihr Name war Jasmin Pierce. Nach einem Streit mit ihrer Mutter lief sie fort, mitten in einem plötzlich anbrechenden Sturm. Ihre Mutter und ihr Stiefvater haben Freunde und Verwandte zusammen getrommelt und sind ihr gefolgt, um sie zu suchen. Es begann zu hageln und Blitzeis überzog die Straße, die zum Wald führte, als sie hierher kamen. Im Juli. Niemand konnte es erklären und alle taten es als verrückte Wetterkapriole ab. Ihr Vater erlitt eine Herzattacke während der Suche und starb. Sie haben noch tagelang nach ihr gesucht, aber nie eine Spur von ihr gefunden – oder eine Leiche. Mrs. Pierce ist schließlich weggezogen. Und ich...“

 

„Ja?“

 

„Ich hatte immer das Gefühl, beobachtet zu werden, wenn ich hier bin. Als bewege sich etwas, um mich herum, aber ich konnte nie etwas sehen. Aber ich dachte, ich bilde mir das nur ein.“

 

Harkness kam zurück. „Dieses Mädchen - Jasmin - war eine Auserwählte. Niemand konnte sie retten, wenn sie mit ihnen gehen wollte. Und hätte man versucht, sie daran zu hindern, sich ihnen anzuschließen, hätten sie auch nicht davor halt gemacht, noch mehr Menschen zu töten.“

 

„Mehr? Sie denken, sie haben...“ Ianto schüttelte den Kopf.

 

„...den Vater des Mädchens getötet? Ich bin sicher. Vielleicht ist er ihnen zu nahe gekommen. Vielleicht ist er ihr zu nahe gekommen und wollte sie mit nach Hause mitnehmen.“

 

„Ich würde das jetzt auch gerne tun. Nach Hause gehen.“ Die Übelkeit war fast völlig verschwunden, wurde aber von hämmernden Kopfschmerzen ersetzt. „Wenn das mit Ihnen in Ordnung ist, Sir. Ich fühle mich nicht so wohl.“

 

„Natürlich. Ich denke, ich habe ohnehin alles herausgefunden, was ich von diesem Ort erfahren kann.“ Die Augen des Captains leuchteten auf. „Oh, heißt das ich darf den Wagen auf dem Rückweg fahren?“

 

Ianto presste seufzend den Metallbecher gegen die Stirn und schloss die Augen.

 

 

 

 

Sie verbrachten die Rückfahrt schweigend, jeder der Männer in seine eigenen Gedanken versunken.

 

Als Ianto ins Foyer trat, wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit nicht ein Mal an Lisa gedacht hatte und brennende Scham stieg in ihm hoch. Er wandte sich wortlos in Richtung seines Büros, wo es eine Couch gab, auf der er sich einen Moment ausruhen wollte.

 

Tosh streckte den Kopf aus ihrem Büro, vergaß aber völlig, was sie sagen wollte, als Harkness Ianto unaufgefordert hinter die Rezeption folgte und ihr galant die Hand küsste. Eine leichte Röte stieg in ihre Wangen und sie rückte hastig ihre Brille zurecht, als der Captain ihr zuzwinkerte, und ihr bereits Komplimente machte, bevor er sich noch nach ihrem Namen erkundigte.

 

Ianto trat in sein selten genutztes Büro und setzte sich, die Schläfen mit den Handballen massierend.

 

„Ich sehe langsam, was Sie an diesem Hotel festhält. Ihre Buchhalterin lässt mich fast bedauern, dass ich keine Bilanzen zu bieten habe, mit denen sie sich näher beschäftigen könnte.“

 

„Miss Sato ist nicht einfach eine Buchhalterin, sie ist brillant mit Zahlen. Sie behandelt Mathematik wie Kunst. Und sie ist eine sehr gute Freundin von mir; was bedeutete, dass ich es gar nicht gerne sehe, wenn man mit ihr spielt“, warnte Ianto.

 

„Okay.“ Harkness hob beschwichtigend die Hände. „Ich verstehe. Finger weg von Miss Sato. Obwohl ich versichern kann, dass ich keinerlei ehrenrührige Absichten hatte. Nicht ihr gegenüber.“ Er nahm in einem Sessel mit hohem Rücken Platz und beugte sich vor, die Unterarme auf die Knie gestützt. „Sie müssen mit Estelle reden und sie davon überzeugen, nicht mehr nach Roundstone Wood zu gehen. Die Feen sind gefährlich. Und mit ihren Fotos und Vorträgen zieht sie zu viel Aufmerksamkeit auf sie.“

 

Gott, die Geschwindigkeit, mit der dieser Mann Themen wechselte, machte ihn erneut schwindlig. „Ich denke nicht, dass sie mir glauben wird“, erwiderte Ianto zögernd. „Sie müssen selbst mit ihr sprechen. Sie sind ja offenbar der Experte für diese Dinge.“

 

Der Captain schwieg einen Moment. „Das ist keine gute Idee. Sehen Sie, Estelle und... mein Vater... waren vor langer Zeit ein Paar. Ich dachte bereits, es wäre die Frau, die ich auf einem seiner Fotos gesehen habe, als sie sich im Foyer mit Ihnen unterhielt. Als Sie mir ihren Namen sagten... Sie denkt, er wäre gefallen, aber er war nur vermisst. Nach dem Krieg ist er nach Amerika ausgewandert, und hat dort eine Familie gegründet.“

 

Ianto hob den Kopf und musterte ihn. „Sie sind... nein, ich meine, Sie sehen Ihrem Vater sehr ähnlich, richtig?“

 

„Wie kommen Sie darauf?“, erwiderte der Amerikaner.

 

„Miss Cole hat ein Foto in ihrem Zimmer, von einem jungen Mann in Uniform. Ich muss es etliche Male gesehen haben, aber wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt sagen, es ist ein Foto von Ihnen. Bis zu diesem Augenblick ist es mir nur nicht aufgefallen.“

 

„Ich weiß, dass ich mich für mein Alter gut gehalten habe – aber so alt bin ich dann doch nicht.“ Harkness lachte. „Ich fasse es trotzdem mal als Kompliment auf, Mister Jones.“

 

„Aber gerade dann wird Sie Ihnen glauben.“

 

Harkness schüttelte den Kopf. „Ich will keine alten Wunden aufreißen.“

 

„Aber vielleicht... ich meine, Ihr Vater hatte sicher seine Gründe, warum er so gehandelt hat und wenn Sie ihr das erklären...“

 

„Sie in dem Glauben zu lassen, das er getötet wurde, war einfacher als ihr gewisse Dinge über... über sich zu erklären, die eine Beziehung letztlich unmöglich gemacht hätten.“

 

Ianto dachte unwillkürlich an Lisa und daran, dass er den Tag mit einem Fremden in Roundstone Wood verbrachte hatte, anstatt an ihrer Seite zu sein. Wie er die Arbeit vorschob, um zu vermeiden, dass er ihr erklären musste, dass er sie noch immer liebte, aber er keine gemeinsame Zukunft für sie sehen konnte. Abgesehen von einem Wunder gab es nichts, dass Lisa ihre Gesundheit, ihre Träume und ihr altes Leben zurückgeben konnte. Vielleicht hätte er den Mut eher aufgebracht, wenn es jemand anderen für ihn gäbe. Wenn er sich in eine andere Frau verliebt hätte und mit ihr eine gemeinsame Zukunft plante. In gewisser Weise dachte er, Lisa würde das sogar verstehen. Es war ein legitimer Grund, sie im Stich zu lassen. Weitaus legitimer als sein schlechtes Gewissen und die Barrieren, die er um sich herum errichtet hatte – aus Angst, wieder verletzt zu werden.

 

„Ich verstehe. Wenn Sie ein Zusammentreffen mit Miss Cole lieber vermeiden würden, ich kann ein Zimmer in einem anderen Hotel für Sie arrangieren“, bot er an.

 

„Nein, das wird nicht nötig sein. Ich vermute, dass ich ohnehin nicht mehr lange hier bleiben werde. Meine...“ Er schien einen Moment zu überlegen und mehrere Begriffe zu verwerfen. „Meine Arbeitgeber lassen mich nie zu lange an einem Ort verweilen und ich nehme an, wenn die Angelegenheit mit den Feen geklärt ist, werde ich woandershin geschickt.“

 

„Ich dachte mir, dass Sie nicht zufällig als Tourist hier sind.“

 

Harkness lachte leise. „Es gibt keine Zufälle. Und ich dachte, ich hätte die Touristen-Nummer perfekt drauf. Was hat mich verraten?“

 

„Ich bin in einem Hotel aufgewachsen. Ich weiß, wie sich Touristen benehmen. Sie stellen vor allem nicht so viele Fragen. Für wen arbeiten Sie?“

 

„Tut mir leid, Ianto. Es ist besser, wenn Sie das nicht wissen... und noch besser wäre, wenn Sie diesen Nachmittag vergessen, nachdem Sie Estelle davon abgebracht haben, diese Sache mit den Feen weiter zu verfolgen.“ Harkness stand auf und ging zur Tür. „Abgesehen davon, dass der Steinkreis Sie krankgemacht hat, hat mir unser Ausflug übrigens gut gefallen.“

 

Als sich die Tür hinter dem Amerikaner geschlossen hatte, lehnte Ianto sich zurück, schloss die Augen und versuchte an gar nichts mehr zu denken.

 

 

 

 

Bis zur Teestunde schaffte Ianto es, sowohl Toshikos als auch Rhiannons neugierigen Fragen über seinen Ausflug nach Roundstone Wood auszuweichen.

 

Er beschloss Harkness‘ Bitte, mit Miss Cole zu sprechen, nach zu kommen – obwohl er alles andere als sicher war, was er ihr sagen sollte, ohne wunderlich zu klingen. Andererseits wollte er mit einer Frau sprechen, die fest an die Existenz von Feen glaubte…

 

Zumindest brauchte er keinen Vorwand, um sie aufzusuchen. Miss Cole trank ihren Tee immer in ihrem Zimmer und heute würde er ihr das Tablett selbst bringen.

 

Ianto stützte das Tablett gegen die Hüfte ab, um eine Hand zum Klopfen an die Tür frei zu machen. Sie antwortete nicht und er klopfte erneut. „Miss Cole? Ich bin es, Ianto. Ianto Jones. Ich bringe Ihren Tee.“

 

Wieder keine Antwort.

 

„Miss Cole? Ist alles in Ordnung?“ Vielleicht war sie ausgegangen… aber sie hatte den Schlüssel nicht an der Rezeption abgegeben. Oder sie war noch immer mit den Vorbereitungen für ihren Diavortrag beschäftigt, der in der Zeit nach dem Tee und vor dem Abendessen stattfinden sollte. Martha, die ihr half, hatte darüber gesprochen, wie aufgeregt sie war, die Fotos vorzuführen, die sie für ihre bisher am besten gelungenen hielt.

 

Einige Schritte weiter befand sich die Wäschekammer für diese Etage und Ianto schaffte es, mit nur einer freien Hand seinen Schlüsselbund aus der Tasche zu ziehen und die Tür aufzusperren. Er platzierte das Tablett auf einem gerade leeren Regal, und rief über das Haustelefon in der Rezeption an, um Tosh zu bitten, nach zu sehen, ob Miss Cole in dem kleinen Raum neben der Bar war, in dem sie ihren Vortrag halten wollte. Die paar Minuten, die er auf ihre Antwort warten musste, zogen sich sehr lange hin. Schließlich war Toshiko wieder da und sagte, dass außer Mister Fisher, der den Projektor aufbaute, niemand dort war. Ianto dankte ihr und legte auf.

 

Er zögerte… dann verließ er die Wäschekammer - automatisch das Tablett wieder mit sich nehmend - und klopfte noch einmal an Miss Coles Tür. Als er noch immer keine Antwort erhielt, benutzte er seinen Hauptschlüssel, um den Raum zu öffnen.

 

Estelle Cole war nicht in Sicht, doch der Anblick des Zimmers verschlug ihm den Atem. Es sah aus, als wäre ein Wirbelsturm hindurchgegangen. Das komplette Mobiliar war verschoben; ein Stuhl und der Teetisch lagen auf der Seite; Papiere und Bücher, Bilder und Kleidungsstücke waren wild verstreut. Dazwischen fanden sich merkwürdigerweise Laub und Äste, und ein paar grünliche Flecken wie von Moos und Flechten. Aber auf den zweiten Blick sah Ianto, dass Möbel und alles andere eine grobe Spirale bildeten, die seine Augen auf das Zentrum lenkte. Und dort befand sich eine Nachbildung des Steinkreises aus Roundstone Wood.

 

Er war sich ziemlich sicher, dass Miss Cole nicht beschlossen hatte, ihr Zimmer mit Kieselsteinen, Zweigen, Moos und Laub umzugestalten.

 

Ianto hielt das Tablett fest und tat das einzige, das ihm in den Sinn kam – er stieg vorsichtig über das Chaos hinweg und lief schnurstracks zu Captain Harkness.

 

 

 

 

Der Amerikaner öffnete nach kurzer Zeit die Tür, hemdsärmelig, die Hosenträger um die Hüften baumelnd. Ein Lächeln hellte sein Gesicht auf, als er sah, wer es war. „Mister Jones.“ Er lehnte gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das bestellt habe, aber wenn in der Kanne mehr von Ihrem wunderbaren Kaffee ist, werde ich ab sofort ein großer Fan von Teatime…“ Harkness brach plötzlich ab und seine Stimme wurde ernst. „Was ist passiert?“

 

„Sie ist… Miss Cole…“ Die ganze Situation schien so absurd, dass ihm einen Moment die Worte fehlten. „Es ist Miss Cole, Sir.“

 

„Estelle? Was ist mit ihr?“ Harkness griff nach seinem Ellbogen und manövrierte ihn in den Raum.

 

Ianto leckte sich nervös über die Lippen. „Ich weiß nicht, was mit ihr ist… ich weiß nicht, wo sie ist. Aber ihr Zimmer… es ist…“

 

„Was, Ianto?“, fragte der Captain. Er sah auf das Tablett und nahm es ihm ab, um es zur Seite zu stellen. Dann drückte er Ianto in einen Stuhl. „Okay, ganz ruhig und fangen Sie am Anfang an. Was ist passiert?“

 

Also holte er tief Luft und berichtete, was er vorgefunden hatte. Als er fertig war, sah er Harkness an, der an ihm vorbei auf die Wand starrte. Was erwartete er eigentlich von dem Amerikaner? Natürlich schien er eine Menge zu wissen, aber hier lag offensichtlich ein Einbruch und Vandalismus vor und das fiel in den Zuständigkeitsbereich von PC Davidson. „Ich hätte nicht herkommen sollen. Die Polizei…“

 

„…kann in diesem Fall nichts ausrichten“, unterbrach ihn der Captain. Er setzte sich in Bewegung und trat zu dem Schreibtisch unter dem Fenster. Eine der Schubladen war abschließbar, und er öffnete sie, um ein Waffenholster an einem Gürtel heraus zu nehmen. Er schnallte es um, zog eine Waffe hervor und prüfte sie. Dann griff er nach seinem Mantel und warf ihn sich über die Schultern. „Gehen wir.“

 

„Was?“ Verwirrt hatte Ianto seine Bewegungen durch den Raum verfolgt.

 

„Zeigen Sie mir Miss Coles Zimmer.“ Er hielt die Tür auf und wartete, bis Ianto aufstand, um ihm zu folgen.

 

Er trottete wie benommen hinter Harkness her und seine Gedanken klärten sich erst, als sie vor Miss Coles Raum standen. Und auch erst dort fiel ihm auf, dass der Captain ohne erst nach der Zimmernummer zu fragen direkt hierhergekommen war.

 

Harkness griff nach seiner Schulter und hielt ihn zurück, als er den Schlüssel umdrehte und eintreten wollte. Er dirigierte ihn wortlos hinter sich und stieß die Tür selbst auf, die Waffe gezogen.

 

Ianto beobachtete vom Korridor aus, wie er den Raum rasch und offensichtlich ziemlich professionell durchsuchte. Zumindest kam es ihm professionell vor, nicht dass er da in irgendeiner Weise Erfahrungen vorweisen konnte. Harkness steckte die Waffe zurück und er sah, wie der andere Mann wieder an dem Lederband um sein Handgelenk herumfingerte.

 

„Es ist okay“, sagte Harkness nach einer Weile. „Es ist nichts Gefährliches hier.“

 

Er betrat den Raum und stellte sich neben den Captain, der auf den erschreckend realistisch nachgebildeten Steinkreis hinabsah. „Aber was ist es?“

 

„Eine Warnung.“ Harkness seufzte. „Estelle ist ihnen zu nahe gekommen und sie haben das…“ Er deutete auf die Verwüstung. „…als Warnung angerichtet.“ Das Bett, als einziges Möbel im Raum nicht angerührt, befand sich noch an seinem Platz und war mit Rosenblättern übersät. Der Amerikaner nahm eine Handvoll davon und ließ sie langsam auf den Boden rieseln. „Sie duften nicht, das tun sie nie“, meinte er gedankenverloren.

 

„Was ist, wenn sie Miss Cole etwas angetan haben?“, fragte Ianto. „So wie den Männern im Zug, von denen Sie mir erzählt haben.“

 

„Das glaube ich nicht. Sonst hätten sie nicht gewartet, bis Estelle den Raum verlassen hat. Sie hätten sie gleich hier getötet, ohne dass irgendjemand etwas bemerkt hätte. Oder es hätte verhindern können.“

 

Ein Schauer lief durch Ianto. „Das ist grauenhaft… Aber was können wir tun?“

 

„Wie lange dauert es, den Raum in Ordnung bringen zu lassen?“

 

Er blickte Harkness verständnislos an. „Bitte?“

 

„Ich halte es für besser, wenn Estelle das hier nicht sieht. Sie würde es womöglich noch als Bestätigung ansehen, dass die Feen Kontakt zu ihr suchen.“

 

Der Captain trat zum Kamin und befingerte abwesend ein Foto, das vornüber gekippt war. Das Glas war gesplittert, aber Ianto konnte selbst auf die Entfernung sehen, dass es das Foto war, das Harkness‘ Vater zeigte. Und was für ein merkwürdiger Zufall das doch war… Ianto schüttelte den Kopf und zwang seine Gedanken in die Gegenwart und auf die zu lösende Situation zurück.

 

Er zog seine Uhr aus der Tasche und warf einen Blick darauf. „Sie bereitet sicher noch ihren Vortrag und die neuen Dias vor. Vermutlich kommt sie erst kurz vor dem Abendessen zurück in ihr Zimmer. Das gibt uns etwa zwei Stunden.“ Er überschlug das Ganze im Kopf. „Rhi ist in der Küche beschäftigt. Aber ich kann Martha und Toshiko bitten, mir zu helfen, und Mickey weiß ebenfalls, wie man mit einem Besen und einer Kehrschaufel umgeht. Die Möbel scheinen nicht beschädigt zu sein, es geht also nur darum, alles wieder an seinen Platz zu stellen und das Zeug weg zu schaffen, dass hier nichts zu suchen hat. Zu Viert sollten wir es in kurzer Zeit fertig bringen. Und ich kann mich darauf verlassen, dass sie nicht über das sprechen werden, was sie gesehen haben, wenn ich sie darum bitte.“

 

„Rechnen Sie meine Hilfe mit ein.“ Harkness drehte sich zu ihm um. Ein schiefes Grinsen spielte um seinen Mund. „Und ich weiß, was Sie jetzt denken. Ich habe Ihren Blick in meinem Zimmer bemerkt. Ja, ich bin durchaus in der Lage, aufzuräumen. Aber wo bleibt da das Vergnügen.“

 

„Ich gehe und hole die anderen.“ Ianto stolperte auf dem Rückweg zur Tür fast über eine umgestoßene Kommode. Die Hand bereits auf dem Türknauf, sah er über die Schulter zurück. Der Amerikaner betrachtete wieder die Fotos auf dem Kaminsims. Es sah fast so aus, als streichle er mit den Fingerspitzen über eines davon – ähnlich wie Ianto das Foto von Lisa in seinem Schreibtisch berührte. „Captain Harkness?“ Er wartete, bis der andere Mann zu ihm hersah. „Wenn das nur eine Warnung ist… was werden sie dann erst tun, wenn sie glauben, dass sie nicht ernst genommen werden?“

 

„Ich hoffe, dass wir das nicht herausfinden müssen, Mister Jones.“

 

Er nickte und verließ den Raum.

 

 

 

 

Erschöpft lockerte Ianto den Knoten seiner Krawatte, als er in sein Zimmer trat, um sich rasch zu waschen. Am liebsten hätte er seinen Anzug ausgezogen und wäre ins Bett gekrochen um sich die Decke über beide Ohren zu ziehen. Aber ihm blieben nur zehn Minuten, um sich frisch zu machen, bevor der Diavortrag begann und er hatte Estelle versprochen, dort zu sein.

 

Mit vereinten Kräften hatten sie es gerade noch so geschafft, Miss Coles Zimmer wieder in Ordnung zu bringen. Martha und Mickey übernahmen es, die Reinigungsutensilien zu verstauen und den Unrat nach draußen zu schaffen.

 

Zumindest war Estelle nichts passiert. Er hatte inzwischen von Rhiannon erfahren, dass die beiden Frauen just dann im Garten gewesen waren, um nach Moses zu suchen, als Toshiko auf Iantos Anfrage hin nach ihr sehen wollte. Der Kater fand sich schließlich in einem Geräteschuppen wieder, wo er offensichtlich auf der Jagd nach Mäusen gewesen war.

 

Ianto schaltete das Licht ein und blieb wie angewurzelt stehen. Sein ordentlich gemachtes Bett war mit tiefroten Rosenblütenblättern übersät.

 

 

 

 

Es waren nur wenige Stühle besetzt und das hauptsächlich mit Gästen des Hotels. PC Davidson war da, entweder hatte er Zuflucht vor dem strömenden Regen draußen genommen oder war auf der Suche nach einem seiner „Spooky-Doos“, wie er es nannte, wenn etwas Ungewöhnliches seine Aufmerksamkeit erregte. Ianto kannte seine eindrucksvolle Sammlung an Grusel- und Mystery-Romanen, die diese Neigung nährten. Doch heute Abend erregte mehr etwas… oder jemand… anderes seine Aufmerksamkeit – es war kaum zu übersehen, wie er immer wieder neugierige Blicke dorthin warf, wo Miss Cooper zwei Reihen weiter saß. Sie schien jedoch völlig in die Betrachtung ihrer Fingernägel vertieft zu sein, und wenn er sich nicht täuschte, schlief ihr Verlobter Rhys im Stuhl neben ihr sogar.

 

Doktor Harper und Miss Costello hatten in der letzten Reihe, dicht bei der Tür, Platz genommen und waren offensichtlich weitaus mehr miteinander beschäftigt, als mit dem, was auf der Leinwand zu sehen war.

 

Mickey lungerte draußen herum, er hatte die Aufgabe erteilt bekommen, am Ende des Vortrags das Licht wieder anzumachen. Toshiko hielt die Stellung an der Rezeption. Von den anderen Hotelangestellten war nur Martha gekommen; sie saß in der ersten Reihe, obwohl sie aufgrund ihrer Hilfe bei den Vorbereitungen sicherlich den Vortrag inzwischen auswendig kannte.

 

Von seinem Standort, gegen die Wand neben der Tür gelehnt, konnte Ianto in dem abgedunkelten Raum gerade noch so die Hand des Arztes sehen, die über Miss Costellos Oberschenkel wanderte. Praktisch vor aller Augen! Er war froh, dass der Londoner gegenüber Toshikos Schwärmerei blind war. Sich vorzustellen, dass sie so behandelt wurde…

 

Neben ihm räusperte sich Harkness und lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf sich. „Nein. Nein, das ist falsch“, sagte er, wie als Antwort auf Estelle Coles Ausführungen. „Sie irrt sich“, sagte er leise. „Das war, was ich meinte. Sie ist überzeugt, dass sie gut sind.“

 

Unterdrücktes Kichern driftete von Miss Coopers Platz zu ihnen herüber und Ianto beobachtete, wie Harkness ihr einen irritierten Blick zuwarf. Wenn Ianto noch Zweifel daran gehegt hätte, wie ernst der andere Mann die ganze Angelegenheit nahm, wären sie spätestens jetzt vollkommen ausgeräumt worden.

 

Er zog langsam die Hand aus der Tasche; vorsichtig, um nicht eines der Rosenblütenblätter die sich darin befanden, mit zum Vorschein zu bringen. Was ihn in erster Linie dazu bewogen hatte, sie vom Bett zu nehmen und einzustecken, bevor er den Raum verließ… er wusste es nicht mehr. Vielleicht war es einfach nur der Schreck gewesen und er dachte nicht klar.

 

Harkness neigte sich ihm zu und Ianto richtete sich ein wenig steifer auf, als die Schulter des anderen Mannes gegen seine presste. „Würden Sie mit mir essen?“

 

„Bitte?“ Hatte er sich verhört?

 

„Ich möchte Sie einladen, mit mir zu Abend zu essen. Nicht hier im Hotel, wo Sie immer im Dienst sind“, sagte der Captain leise, sein Mund dicht genug an Iantos Ohr, dass er seinen Atem auf der Haut spürte.  

 

„Aber wieso?“

 

„Ich habe doch gesagt, ich interessiere mich für Sie, Mister Jones.“

 

„Das ist… wirklich nicht notw…“

 

Mickey knipste plötzlich das Licht an und signalisierte damit das Ende des Vortrags. Vereinzelt ertönte höflicher Beifall und Ianto fuhr zurück, als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt.

 

Er trat einen Schritt zur Seite. „Der Vortrag ist zu Ende“, verkündete er unnötigerweise. „Wir sollten…“

 

„Jack? Nein, das ist einfach unmöglich!“

 

Ianto zuckte mitfühlend zusammen, als Miss Coles Stimme plötzlich hinter ihnen erklang und Harkness sich langsam umdrehte.

 

„Bitte entschuldigen Sie, aber Sie sehen jemandem sehr ähnlich, den ich vor langer Zeit gekannt habe.“ Estelle Cole sah zu dem Amerikaner auf, ihre Miene eine Mischung aus Schock und Unglauben. „Oh, das ist als ob ich einen Geist sehe.“

 

„Ich kann Ihnen versichern, ich bin kein Geist, Miss Cole. Estelle…“

 

Ianto griff nach ihrem Arm, als Miss Cole ein wenig schwankte. Mit einer Hand umfasste sie fest Iantos Unterarm, die andere presste sie vor den Mund.

 

„Es ist sogar die gleiche Stimme“, flüsterte die alte Frau. „Das ist richtig unheimlich.“

 

„Estelle.“ Der Captain griff nach ihrem anderen Arm. „Ich bin ganz sicher kein Gespenst oder sonst eine Erscheinung. Ich denke, Sie haben meinen Vater gekannt. Jack Harkness? Mein Name ist ebenfalls Jack, ich bin nach ihm benannt.“ Seine Stimme war sehr ruhig, sehr sanft und erinnerte Ianto an die Weise, wie er mit Mica gesprochen hatte. „Ich kann das alles erklären.“

 

Harkness sah ihn über ihre Schulter hinweg ratsuchend an und Ianto angelte nach dem an nahesten stehenden Stuhl und zog ihn zu sich her. Miss Cole nahm dankbar darauf Platz.

 

Der Amerikaner folgte seinem Beispiel und zog einen zweiten Stuhl zu sich hin. Als Estelle Cole wieder nach Harkness‘ Hand griff, verließ Ianto wortlos den inzwischen - abgesehen von ihnen – leeren Raum und zog die Tür hinter sich zu.

 

Doktor Harper und Miss Costello hatten sich zu Gwen Cooper und ihrem Verlobten an die Bar gesellt und wenn er ihre Gesten und das laute Gelächter richtig deutete, dann amüsierten sie sich gerade prächtig über Miss Coles Vortrag, während sie ihren Appetit mit ein paar Drinks anregten. Andy Davidson saß mit einem Bier in einer Ecke und starrte wieder neugierig zu der Truppe am Tresen hinüber.

 

„Ist alles in Ordnung?“ Martha stand plötzlich an seiner Seite. „Du siehst müde aus.“

 

„Es war ein langer, seltsamer Tag.“ Ianto wandte sich ihr zu. „Danke für deine Hilfe beim Aufräumen von Miss Coles Zimmer.“

 

„Selbstverständlich.“ Martha strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr zurück. „Wer macht so etwas nur? Sie ist eine so liebe, alte Dame, die keinem Menschen etwas zuleide tut. Denkst du, es war jemand, der etwas gegen ihre Feenfotos hat? Als wir den Unrat entsorgt haben, hat mir Mickey erzählt, dass die Steine in der Mitte ziemlich genau so arrangiert waren wie die, die wir auf Miss Coles Fotos mit den Feen gesehen haben.“

 

„Ich wünschte, ich würde so einiges verstehen, was zur Zeit in diesem Hotel vor sich geht, Martha.“ Ianto strich seine Weste unter dem Jackett glatt und warf einen Blick auf die Uhr. „Es ist fast Zeit, das Dinner zu servieren. Ich sehe, ob Rhiannon bereit ist, die hungrigen Massen zu füttern.“ Er bot Martha den Arm an. „Begleiten Sie mich in die Küche, Miss Jones?“

 

„Mit Vergnügen, Mister Jones“, sagte Martha lächelnd und hängte sich bei ihm ein.

 

Als sie das Foyer verließen, blickte Ianto über die Schulter zurück und sah Harkness in eben jenes treten. Estelle Cole hatte sich bei ihm eingehakt und blickte mit einem strahlenden Lächeln zu dem Amerikaner auf, der eben etwas zu ihr sagte, dass sie lachend die Hand vor den Mund schlagen ließ. Offenbar brauchte er sich um die beiden keine Sorgen machen.

 

 

 

 

Erst Stunden später, als Ianto wieder in sein Zimmer trat, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, Harkness von den Rosenblütenblättern auf seinem Bett zu erzählen. Nun das konnte er auch morgen nachholen.

 

Als er sich daran machte, die inzwischen welken Blütenblätter von den Laken und in einen Papierkorb zu befördern, fiel sein Blick auf Lisas Foto auf seinem Nachttisch. Sich einen Augenblick nicht um den Zustand seines Bettes bekümmernd, setzte er sich und nahm den Bilderrahmen in die Hand. „Es tut mir leid, Lisa.“ Wofür er sich genau entschuldigte, nun darüber war sich Ianto Jones in diesem Moment selbst nicht so klar.

 

 

 

 

Dass er keinen Schlaf fand, hatte wohl so viel mit dem plötzlich aufgezogenen Gewitter zu tun, wie mit den zahllosen Gedanken, die durch seinen Kopf schwirrten. Lisa, diese Kreaturen, für die er die Bezeichnung Feen eigentlich nicht mehr verwenden mochte; Miss Cole und was mit ihrem Zimmer passiert war… das Mysterium Captain Harkness…

 

Ianto überlegte gerade, ob er den alten Trick mit der warmen Milch versuchen sollte und ob sich dafür der Gang in die Küche lohnte, als jemand an seine Tür klopfte. Korrektur… jemand hämmerte gegen seine Tür.

 

Er schaltete die Lampe auf dem Nachttisch ein und stand auf, um seinen Morgenmantel über zu ziehen, bevor er öffnete.

 

Womit er nicht hatte rechnen können, war ein klatschnasser Owen Harper, der in den Raum stolperte und als erstes – bevor er eine Erklärung für sein Auftreten bot – lautstark nach einem Handtuch verlangte. In der Annahme, dass es leichter sein würde, einfach zu tun, was der Arzt wollte, holte Ianto ein Handtuch aus dem Bad und reichte es dem Londoner.

 

Harper verschwand darunter, über das Wetter fluchend, während er seine Haare trocken rieb und sein Gesicht abwischte.

 

„Darf ich fragen, was Sie zu mir führt, Doktor Harper?“, fragte Ianto höflich.

 

Der Arzt starrte ihn an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. „Richtig. Habe ich das noch nicht gesagt? Vor dem Hotel liegt eine Leiche. Die Frau, die heute Abend diesen albernen Vortrag gehalten hat. Cole, richtig?“

 

Ianto wich einen Schritt zurück und dann noch einen, bis er gegen die Bettkante stieß und sich schwer hinsetzte. „Wie bitte?“ Nicht einmal der Londoner würde so weit gehen, und über so etwas einen Scherz machen. „Miss Cole... Estelle Cole?“

 

„Ja, wir… ähem, ich habe sie gefunden, als ich aus dem Pub um die Ecke kam. Ich habe sie mir kurz angesehen. Sie scheint einfach umgefallen zu sein, vielleicht das Herz – war ja wohl auch nicht mehr die Jüngste, was? Und dann ein bisschen zu viel Aufregung und ‚bamm’ das war’s. Ich dachte mir, Sie wollten das vielleicht wissen.“

 

„Aber...“

 

„Nicht mein Job. Dieses Kaff wird doch einen eigenen Arzt haben, oder? Der kann sich da draußen wertvolle Körperteile abfrieren. Ich habe eine Verabredung.“ Harper schüttelte sich, warf ihm das Handtuch zu und verschwand ohne ein weiteres Wort.

 

„Ich…“ Er starrte ihm eine Weile nach, in der Erwartung, dass der Arzt gleich wieder auftauchen würde. Aber niemand kam. Was sollte er jetzt machen? Das war keine Situation, auf die er vorbereitet war… Harkness. Er musste den Captain informieren. Harkness würde wissen, was zu tun war.

 

Ianto ließ das Handtuch fallen, schlüpfte hastig in die erstbesten Kleidungsstücke, die ihm vor die Hände gerieten und eilte die Treppen hoch. Er war atemlos, als er vor Zimmer 4-12 stand (eher Schock als die Anstrengung) und versuchte wenigstens einen Anschein von Würde zu zeigen, als er die Hand hob und klopfte.

 

Nach einer scheinbar sehr langen Zeit öffnete Harkness die Tür. Ianto konnte nicht sagen, ob er den anderen Mann aus dem Bett geholt oder ob der Captain so wenig wie er Schlaf gefunden hatte. Zumindest ist er dieses Mal angezogen, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf, und er hätte fast laut darüber gelacht, wäre die Situation nicht so völlig humorlos gewesen.

 

„Mister Jones“, sagte der Amerikaner gedehnt, breit lächelnd. „Langsam geben mir Ihre Besuche wirklich zu denken.“

 

„Ich brauche Ihre Hilfe.“ Ianto griff haltsuchend nach dem Türrahmen, als die Realität ihrer Situation wie eine Welle über ihm zusammenschlug. „Ich… ich weiß nicht, was ich sonst machen soll.“

 

„Sind noch mehr Steinkreise im Hotel aufgetaucht?“, fragte Harkness alarmiert. „Ich denke nicht, dass der Sturm heute Nacht auf ihr Konto geht, die Wettervorhersage in der Zeitung erwähnte Reg…“

 

„Miss Cole… es ist Miss Cole.“ Die Worte kamen nur als Flüstern über seine Lippen, aber der Amerikaner verstummte sofort. „Sie ist… ich glaube... sie ist tot.“

 

Die Gesichtszüge des Captains erstarrten und die Farbe seiner Augen wechselte von Blau zu einem eisigen Grau. „Was ist passiert? Wo und wann?“, sagte er tonlos.

 

„Ich weiß es nicht. Doktor Harper hat sie gefunden. Draußen im Sturm.“ Ianto schluckte hart. „Er denkt, es war ihr Herz.“

 

Harkness verschwand wortlos für einen Moment in sein Zimmer und als er zurückkam, hatte er den Mantel an und seine Waffe umgeschnallt. „Zeigen Sie es mir.“ Er packte Iantos Oberarm und zog ihn mit sich. „Jones, mit mir!“

 

„Aber ich…“, setzte Ianto an, nicht dass der Amerikaner ihm Gehör schenkte. „…ich weiß doch nichts über die…“ Er brach ab und folgte ihm resigniert.

 

Der Regen war eiskalt und drang sofort durch sein Hemd bis auf die Haut, hämmerte gegen sein Gesicht, seine Kopfhaut. Ianto strich sich mit einer Hand das Haar aus der Stirn zurück und starrte auf Harkness, der einige Schritte von ihm entfernt ins Dunkel verschwand. Er wollte nicht hier sein. Er wollte das alles vergessen und mit seinem Leben fortfahren, ohne ständig das Gefühl zu haben, über die Schulter nach Schatten Ausschau halten zu müssen.

 

„Ianto!“

 

Seine Beine setzten sich in Bewegung, bevor sein Kopf Gelegenheit hatte, weitere Einwände zu äußern.

 

Harkness stand nur ein paar Schritte entfernt, vor ihm auf dem Boden ein dunkler Umriss. Donner grollte über ihnen und der Wind wirbelte abgerissenes Laub und kleinere Zweige durch die Gegend.

 

„Ist sie wirklich…?“, begann Ianto. Doch die Frage erübrigte sich, als er den ersten Blick auf sie warf. Reglos... leblos, völlig durchnässt -  Estelle Cole wirkte nicht mehr wie ein Mensch; wie die sanfte, ältere Frau, die er gekannt hatte - sondern eher wie eine hingeworfene Lumpenpuppe. Mit leeren Augen starrte sie blicklos in den Nachthimmel. Schaudernd verschränkte er die Arme um sich selbst.

 

„Es ist meine Schuld“, sagte Harkness leise und kniete neben ihr nieder, um ihre Augen zu schließen. „Ich habe nicht in Betracht gezogen, dass sie so rasch nach der Warnung zuschlagen würden. Ich hätte ihr ausreden müssen, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen, anstatt in Erinnerungen zu schwelgen. Stattdessen... möglicherweise... haben sie sie aus reinem Trotz getötet; einfach nur, weil ich mich eingemischt habe.“ Er streichelte sanft die Wange der toten Frau und zog dann seufzend ein rotes Blütenblatt aus ihrem Mund. „Es tut mir leid, Estelle. Ich wollte dich nie so im Stich lassen.“

 

Ianto blinzelte, versuchte sein Gehirn wieder auf Touren zu bringen. Sie konnten nicht die ganze Nacht hier herumstehen und Schuldzuweisungen vornehmen. „Wir müssen die Polizei rufen.“

 

Der Captain streifte seinen Mantel ab und breitete ihn über sie. „Nein, niemand von der lokalen Polizei. Überlassen Sie das mir.“ Er stand auf. „Ich brauche einen Drink; nein, mehrere. Und eine Gesprächsanmeldung nach London.“ Vorsichtig hob er Estelle hoch und trug sie zum Hotel zurück.

 

Ratlos folgte ihm Ianto.

 

Aufgrund des schlechten Wetters und der späten Stunde war niemand mehr im Foyer, als sie dort wie ein makabrer Leichenzug eintrafen. Ohne Zögern ging Harkness zum Lift und Ianto schloss zu ihm auf, um den Knopf zu drücken, der die Kabine rief. Unter dem Mantel baumelte einer von Miss Coles Armen hervor und streifte seine Hüfte. Ianto musste ein Erschauern unterdrücken.

 

Die Lifttüren öffneten sich und als sie eintraten, bemerkte Ianto die Spur aus Rosenblättern, die sich quer durch die Lobby hinter ihnen herzog. Er schnappte nach Luft und sah, wie ein weiteres Blütenblatt aus Miss Coles Ärmel glitt und zu Boden segelte.

 

„Natürlich waren sie es“, sagte Harkness grimmig, als er seinen Blick bemerkte. „Es war nicht Estelles Herz. Sie haben sie getötet und sie haben keine Spuren hinterlassen, die ein Arzt entdecken würde.“

 

Mit ihrem typischen ‚ping’ glitten die Lifttüren wieder auf und Ianto ging wortlos voraus, um mit seinem Generalschlüssel – glücklicherweise hatte er instinktiv den Schlüsselbund eingesteckt, als er beinahe kopflos aus dem Zimmer stürzte – um die Tür aufzusperren.

 

Mit einem Nicken trat der Captain an ihm vorbei, um Estelle auf ihrem Bett abzulegen. Vorsichtig zog er seinen Mantel unter ihr hervor und warf ihn über das Fußende des Bettes. „Würden Sie bitte von der Rezeption eine Verbindung nach London für mich anmelden. Ich bin in fünf Minuten dort.“ Harkness drehte sich nicht zu ihm um, als er sprach.

 

„Natürlich, Sir.“ Ianto war froh, den Raum verlassen zu können. Seine nassen Schuhe quietschten leise, als er die Treppe nach unten eilte und das Telefon über den Empfangstresen zu sich herzog.

 

 

 

 

Er hätte die Zeit zwischen dem Anruf beim Amt und dem Zustandekommen der Verbindung eigentlich dazu nutzen können, sich wenigstens abzutrocknen, oder zumindest etwas Warmes über sein durchnässtes Hemd anzuziehen. Aber er dachte nicht einmal daran. Er dachte an gar nichts; folgte Harkness‘ Anweisungen, sammelte die Rosenblüten auf und warf sie angewidert in den nächsten Papierkorb und stand dann da, um auf ihn zu warten.

 

Regenwasser tropfte aus seinem Haar, über sein Gesicht und landete auf der ledernen Schreibunterlage vor ihm. Er hob die Hand und wischte sich die Stirn ab, doch das war bestenfalls eine temporäre Lösung. Sein Blick blieb auf den Lift gerichtet.

 

Fünf Minuten tickten vorbei, dann zehn. Ianto behielt die Uhr im Blick und hoffte, dass Harkness an der Rezeption auftauchen würde, bevor der Rückruf vom Amt kam. Allerdings kam er nicht umhin, sich zu wundern, wen der Captain um diese Zeit in London erreichen wollte. Seine geheimnisvollen „Arbeitgeber“?

 

Das Klingeln des Telefons ließ ihn erschrocken zusammenzucken und er wandte sich zu dem Apparat um. Er meldete sich und bat die Dame in der Vermittlungsstelle, einen Moment zu warten.

 

Eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrgenommen, ließ ihn auf dem Absatz herumwirbeln. Harkness stand am Empfangstresen und streckte die Hand aus. „Geben Sie mir den Hörer.“

 

Wortlos streckte er dem Captain den Hörer hin und schlüpfte unter dem nun straff gespannten Telefonkabel durch, um ihm für seinen Anruf Privatsphäre zu bieten. Die Finger von Harkness’ anderer Hand schlossen sich um seinen Unterarm, stoppten ihn.

 

Unbehaglich blieb Ianto neben ihm stehen und lauschte, wie der Amerikaner dem Amt die Nummer in London mitteilte, mit der er sprechen wollte. Ein Knistern und Knacken ertönte, laut genug dass es Ianto ebenfalls hören konnte und dann meldete sich eine Stimme, die jedoch zu undeutlich erklang, als dass er hätte bestimmen können, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte.

 

„Alex, hör’ auf dich darüber zu beschweren, dass ich deinen Schönheitsschlaf gestört habe.“

 

Harkness’ harsche Stimme ließ Ianto unwillkürlich zusammenzucken. Der feste Griff um seinen Arm hinderte ihn jedoch erneut daran, die Flucht zu ergreifen.

 

„Ich habe hier eine Situation... eine Leiche... die Familie muss... Nein! Verdammt, Alex, ich war es nicht. Erspar’ mir deine Versuche, witzig zu sein, ich bin nicht in der Stimmung. Ihr habt mich zu spät hierher geschickt. Nein, kein Weevil. Etwas... Lokales. Im Hotel. Nein, ich denke nicht, dass jemand anderes in Gefahr ist. Nichts, was wir tun können.“ Der Captain schien einen Moment seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Verbindung zuzuhören. „Ich rufe dich an, weil ich will, dass du herkommst. Bring’ den Doc mit. Es ist mir egal, dass du mein Boss bist, Alex, es ist wichtig. Du sollst dich selbst darum kümmern. Gut. So früh wie möglich. Wenn du mich nicht findest, wende dich im Hotel an jemand namens Ianto Jones, er kann dir vermutlich sagen, wo ich bin. Nein, ich habe keine... ich bin erst zwei Tage hier, Alex. Ich werde vorgeben, dass ich das jetzt nicht gehört habe, Alex. Ja. Nein, ich habe keine Zivilisten in die Sache verwickelt. Ja, ich schreibe den verdammten Bericht für Yvonne, wenn du mir die Hexe vom Hals hältst. Dir auch Gute Nacht.“ Letzteres wurde vom Knallen des Hörers begleitet, als der auf die Gabel krachte.

 

Ianto schwieg. Harkness ließ seinen Arm los, als falle ihm erst jetzt auf, dass er ihn festhielt und wandte sich ihm zu. Er rieb sich übers Gesicht. „Gut, das wird passieren: Alex wird die Leiche und ihre Sachen mitnehmen und das Gästebuch wird zeigen, dass Miss Cole überraschend frühzeitig abgereist ist. Sicherlich fällt Ihnen etwas ein, das Sie Ihrem Personal erzählen können, sollte jemand fragen. Jemand wird sich um die Familie kümmern, und ihnen eine passende Geschichte auftischen. Vielleicht ein Unfall. Oder schlichtes Herzversagen, wie Ihr Doktor Harper vermutet hat. So etwas kommt vor. Sie war nicht mehr die Jüngste und es gibt schließlich keine äußeren Verletzungen.“

 

Wieder fragte sich Ianto, für welche Organisation der Amerikaner arbeitete. Wer immer es war, musste unglaublich machtvoll sein. „Sollten Sie mir das wirklich alles erzählen?“

 

„Nein. Aber es ist ein bisschen später dafür, oder? Nach allem denke ich, dass Sie die Wahrheit verdienen, Mister Jones.“ Er steuerte auf die Bar zu. „Zumindest ist es jetzt vorbei. Trinken Sie etwas mit mir?“

 

Ianto fragte sich, ob nun ein guter Zeitpunkt war, um Harkness von den Rosenblättern in seinem Bett zu erzählen. Vielleicht nicht. „Ich weiß, dass wir uns nicht kennen und Sie daher kaum viel Wert auf mein Urteil legen werden – aber ich denke nicht, dass das was Miss Cole zugestoßen ist, Ihre Schuld war. Selbst wenn Sie sie gewarnt hätten, es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie es nur als Beweis angesehen hätte, dass sie Recht hat. Es ist sehr schwierig, die Überzeugungen eines Menschen zu ändern, den man gerade zum ersten Mal getroffen hat. Manchmal... können wir ja nicht einmal die beschützen, die uns am nahesten sind und die wir lieben.“ Den letzten Satz fügte er nur sehr leise hinzu. „Sie haben alles getan, was möglich war, aber diese... Geschöpfe... haben Ihnen keine Zeit gelassen. Niemand kann Wunder vollbringen.“

 

„Wunder sind meistens das, was von mir verlangt wird.“ Harkness sah über die Schulter hinweg zu ihm. „Ich lege Wert darauf, was Sie denken, Mister Jones, auch wenn wir uns noch nicht lange kennen. Ich bin ein Mann, der auf seine Instinkte hört, Ianto – und meine sagen mir, dass ich Ihnen vertrauen kann. Nur eines: Wenn Sie jemand anderes als ich auf die Ereignisse der letzten Tage ansprechen sollte, dann tun Sie so, als hätten Sie keine Ahnung, wovon diese Person redet. Alex ist ein guter Kerl, fast so etwas wie ein Freund, aber die Leute für die wir beide arbeiten haben bestimmte Ansichten darüber, wer was und wie viel von dem wissen sollte, was um uns herum vorgeht.“

 

Er nickte und folgte dem Captain, das Licht in der Bar anknipsend, als sie eintraten.

 

 

 

 

Als er erwachte, hatte er das vage Gefühl, etwas vergessen zu haben… Bis ihm einfiel, was in der Nacht zuvor passiert war und er sich plötzlich wünschte, er hätte vergessen. Woher der üble Geschmack in seinem Mund und das Hämmern hinter seinen Schläfen stammten, war dagegen kristallklar...

 

Es war draußen bereits hell geworden, als Harkness ihm das Glas aus der Hand nahm, an dem er sich während der vergangenen halben Stunde (oder so) festgehalten hatte.

 

* *

 

Erst als er neben dem anderen Mann an der Bar saß und beobachtete, wie der Amerikaner sich stetig durch eine Flasche schottischen Whiskeys arbeitete – ohne dabei Anzeichen von Trunkenheit erkennen zu lassen – wurde ihm das ganze Ausmaß der Ereignisse bewusst.

 

Estelle Cole war tot.

 

Eine Frau, die er kannte, seit er kurze Hosen und Kniestrümpfe getragen hatte, war tot.

 

Und es war nicht ihr Alter oder eine Krankheit oder ein Unfall gewesen... es waren...

 

...Feen...

 

Oder wie immer man diese Geschöpfe nennen wollte, die sie so sehr geliebt hatte, dass sie sie für unabdingbar gut hielt. Sie hatten sie getötet.

 

Und war das nicht blanke Ironie?

 

Zu allem Überfluss war er nun inmitten einer Art Verschwörung gelandet und womöglich ins Visier einer unbekannten, aber offenbar sehr machtvollen Organisation geraten, die sich mit Dingen beschäftigten, die überhaupt nicht existieren sollten!

 

Er spürte Lachen in sich hoch blubbern, irgendwo in dem grauen Grenzbereich zwischen Hysterie und Panik. Versuchte es zu ersticken und musste dabei unbewusst einen Laut von sich gegeben haben, denn Harkness wandte sich ihm ruckartig zu.

 

„Alles in Ordnung?“, fragte der Amerikaner ernst, aber nicht ohne Sympathie.

 

Was hätte er in diesem Moment nicht für das Haifischgrinsen und eine unverschämte Bemerkung gegeben... Dieser Gedanke erschreckte ihn so sehr, dass er Schluckauf bekam. Der hastig hinuntergestürzte Whiskey brannte in seiner Kehle und beim nächsten ’hick’ auch in seiner Luftröhre – was ihn zum Husten brachte und Harkness veranlasste, ihm auf den Rücken zu klopfen, bis er aufhörte mit hochrotem Kopf nach Atem zu ringen.

 

Der Captain verschwand hinter die Bar und kam mit einer neuen Flasche zurück, um ihre Gläser aufzufüllen.

 

„Was trinken wir?“, fragte Ianto plötzlich. „Ich muss das auf Ihre Zimmerrechnung setzen.“ Er gab sich einen mentalen Kick. Der Amerikaner musste ihn ja für einen rechten Geizkragen halten, dass er ausgerechnet jetzt an so etwas dachte. Aber inmitten des Chaos fand Ianto immer Halt an Routinen.

 

Harkness musterte die Flasche mit zusammengekniffenen Augen und stellte sie mit einem Schulterzucken zurück auf die Theke. „Ist mir egal. Ich bezahle die Rechnung nicht.“

 

„Was?“ Ianto setzte sich aufrecht... oder zumindest ein wenig aufrechter... hin. „Wer dann?“

 

„Das Torchwood Institut.“ Harkness legte einen Finger über die Lippen. „Aber... Pssscht. Das ist streng geheim.“

 

Das Torchwood Institut? fragte Ianto – nun, zumindest war er sich ziemlich sicher, dass er das fragte, aber er hörte nichts und der Amerikaner starrte nur weiterhin in sein Glas.

 

Er leerte es mit einem Schluck und verzog kurz das Gesicht. „Estelle war... als... mein Vater... sie kennen gelernt hat...“ Wenn überhaupt, klang seine Stimme plötzlich nüchterner als zuvor. „In London. Sie war siebzehn Jahre alt und sie wunderschön. Er liebte sie auf ersten Blick.“ Harkness starrte die Flaschen auf dem Regal hinter der Bar an. „Aber nichts war damals von Bestand. Versprechen wurden ständig gebrochen. Doch so zu sterben...“

 

„Wissen Sie, dass sie nie aufgehört hat, an ihn zu denken? Dass sie jedes Jahr nach London gefahren ist, nur um sich zu erinnern? Sie hat es meiner Mutter erzählt. Da war nie jemand anderes für sie gewesen; sie hat nie geheiratet, eine eigene Familie gegründet. Und nur, weil...“ Es klang plötzlich zu sehr nach Lisas Schicksal, und er brach ab. „Wegen eines gebrochenen Versprechens“, fügte er bitter hinzu.

 

„Sie haben dann also noch nie ein Versprechen gebrochen, Jones-Ianto-Jones?“

 

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

 

„Das dachte ich mir“, stellte Harkness ohne Spott fest. Und schenkte ihre Gläser nach.

 

Ianto gab es auf, zu zählen, das wievielte es war.

 

* *

 

„Hey!“ Er versuchte nach dem Glas zu greifen, dass der Captain ihm weggenommen hatte – und verfehlte es. Beide. Huh. Wieso hielt der Amerikaner plötzlich zwei Gläser hoch?

 

„Zeit, schlafen zu gehen, Mister Jones.“

 

„Ich bin... bin aber nicht müde.“ Ah, er musste nur weiter ausholen – und tat das mit so viel Schwung, dass es ihn fast vom Barstuhl warf. Harkness’ Griff nach seiner Schulter bewahrte ihn davor, mit dem Gesicht voran auf dem Fußboden aufzuschlagen und half ihm, sein Gleichgewicht (wenn auch wackelig) wieder zu finden.

 

„Das habe ich auch nicht gesagt.“ Harkness zog ihn auf die Beine, eine Hand auf seiner Hüfte, als er erneut schwankte. „Sie werden mir für den Kater sicherlich nicht danken, aber ich bin sehr dankbar für die Gesellschaft heute Nacht, Ianto.“

 

Sie standen dicht beieinander und Ianto grübelte abwesend darüber nach, warum er das Gefühl hatte, zu dem Amerikaner mit den blauen Augen aufzusehen, wenn sie doch so ziemlich gleich groß sein mussten... Aber zu denken machte ihn nur schwindliger und er schloss die Lider.

 

„Ianto?“

 

Er wollte nicken, besann sich im letzten Moment eines besseren, und gab nur ein zustimmendes/fragendes „Hm?“ von sich.

 

Finger umgriffen sein Kinn und er dachte an Rhi und an ihr Gespräch in der Küche über Lisa und eine Woge blanken Elends stieg in ihm auf. Blindlings griff Ianto nach dem Arm des anderen Mannes, dessen Hand noch immer auf seiner Schulter lag und ihn aufrecht hielt.

 

„Es wird besser, Ianto. Was immer es ist, was Sie so bedrückt. Es wird besser“, sagte eine Stimme leise, dicht an seinem Ohr. „Es wird nicht gut, aber besser und irgendwann vielleicht okay.“

 

Warmer Atem auf seiner kalten Haut. So warm. Der Alkohol hatte ihn vergessen lassen wie sehr er fror, dass seine Kleidung noch immer klamm und feucht war.

 

Wieso war der Amerikaner so nüchtern? Er musste die doppelte Menge Whiskey getrunken haben, wenn nicht noch mehr...

 

Starke Finger um sein Kinn und warmer Atem auf seiner Haut und dann ein unerwarteter, sanfter Druck von etwas Weichem gegen seine Wange, gegen seine Schläfe...  

 

Irgendwie schaffte er es danach ohne weitere Zwischenfälle (und aus eigener Kraft) aus der Bar bis in sein Zimmer.

 

Wieso hatte er nur so viel getrunken? Schläfrig fand Ianto seinen Weg in das winzige Badezimmer, das er sein eigen nannte und drehte das Wasser voll auf. Es war kalt und nass und ließ ihm jedes einzelne Haar zu Berge stehen. Aber der Nebel in seinem Kopf klarte sich auf und er füllte hastig ein Glas, um zu trinken. Sein Magen akzeptierte die Flüssigkeit fast ohne Grummeln und er fand die Packung mit Aspirin beinahe ohne nach ihr suchen zu müssen. Sie lag schon einige Zeit in seinem Schrank, seit er im Frühjahr mit einer heftigen Grippe zu kämpfen hatte, aber er nahm nicht an, dass es seine Wirkung eingebüßt hatte und spülte das bittere Pulver mit weiteren, großen Schlucken Wasser hinunter.

 

Ianto hielt abrupt inne, die Zahnbürste im Mund, nun den Geschmack von Zahnpasta statt Alkohol auf der Zunge und starrte sein Spiegelbild an, ohne wirklich etwas zu sehen, als eine weitere Erinnerung ihren Weg in den Vordergrund seines Bewusstseins fand.

 

Hatte Harkness ihn tatsächlich auf die Wange und auf die Schläfe geküsst, bevor er ihn wie ein übermüdetes Kind ins Bett schickte?

 

 

 

 

Toshiko sah ihm von der Rezeption aus entgegen. „Ich würde Guten Morgen sagen, aber dazu ist es ein wenig zu spät“, meinte sie lächelnd. „Ist alles in Ordnung? Du siehst aus, als hättest du nicht geschlafen.“

 

„Kaum. Ich meine... dieses Gewitter hat mich ewig wach gehalten.“ Kaffee. Er brauchte Kaffee, wenn von ihm erwartet wurde, dass er sich durch den Tag log.

 

„Oh ja, es war grässlich.“ Toshiko deutete auf das Gästebuch, das aufgeschlagen auf dem Tresen lag. „Ianto, hat Miss Cole mit dir gesprochen? Ist es wegen dem, was mit ihrem Zimmer passiert ist?“

 

Er konnte gerade noch so ein Zusammenzucken unterdrücken. „Was meinst du?“

 

„Weißt du nichts von ihrer Abreise? Sie ist fort. Ihre Sachen sind alle weg. Als ich heute Morgen an die Rezeption kam, lag ihr Schlüssel hier und sie war im Gästebuch ausgetragen.“ Tosh musterte ihn durch die blitzenden Gläser ihrer Brille.

 

„Es tut mir leid“, log er. „Ich habe es für einen Augenblick vergessen, schieb’ es darauf, dass ich noch nicht völlig wach bin. Sie ist sehr früh im Morgengrauen abgereist. Ich hatte ihr gestern Abend noch ein Taxi bestellt und ein Zugticket für den ersten Zug nach London besorgt.“ Er hoffte, dass es einen so frühen Zug gab. Aber Toshiko hatte sicherlich keinen Grund, ihm nicht zu glauben und es nachzuprüfen, richtig?

 

„Natürlich. Kein Wunder, dass sie nach Hause wollte. Die Arme hat sich bestimmt fürchterlich erschreckt.“ Tosh legte das Gästebuch an seinen Platz zurück. „Das ist der einzige Grund, den ich mir denken kann, dass sie Moses hiergelassen hat. Ich habe ihn vorhin im Garten gesehen.“

 

„Was? Sie hat was?“ Sein Herz schlug plötzlich bis zum Hals. Dieser vermaledeite Kater. Wen auch immer Harkness da heute Nacht angerufen hatte, sie wussten nichts von Moses. Und er hatte es versäumt, den Captain auf das Haustier hinzuweisen. Er trieb sich ständig irgendwo herum und vielleicht war Miss Cole nur aus dem einen Grund während des Gewitters ins Freie gegangen, um Moses zu suchen. „Ich bin sicher, sie... Ich werde sie anrufen, später, und es ihr sagen. Es sollte sich arrangieren lassen, ihn ihr nach zu senden.“

 

Was sollte er nur mit dem Vieh machen, wenn er es fand? Es in eine Kiste stecken und als Frachtpost zu Miss Coles Schwester schicken? Weiter lügen und behaupten, sie hätte ihn dagelassen; ihn Mica schenken? Alle wussten, dass sie den Kater liebte. Warum sollte sie ihn ohne wichtigen Grund hergeben?

 

Er beschloss, dass sich Harkness darum kümmern konnte. Der Amerikaner schien ohnehin auf alles eine Antwort zu wissen.

 

„Gut. Und du bist sicher, dass alles mit dir in Ordnung ist?“ Tosh lächelte, doch ihr Blick war nachdenklich. „Du bist ein bisschen grün um die Nase.“

 

„Nur Kopfschmerzen. Ich werde es überleben.“ Vermutlich die ersten wahren Worte an diesem Tag. Er hoffte, das Rhi ihm heute keine Fragen stellte, die er nicht beantworten konnte. Sie behauptete, es ihm an der Nasenspitze anzusehen, wenn er log. Und heute war ihm ganz sicher nicht danach, diese Theorie zu testen. „Macht es dir etwas aus, den Rest des Vormittags an der Rezeption zu bleiben? Ich habe ein paar Dinge zu erledigen.“

 

„Natürlich.“ Tosh nahm eine Unterschriftenmappe vom Schreibtisch und schlug sie auf. „Ich habe die Monatsabrechnungen fertiggemacht. Willst du sie dir ansehen? Dann kann Mickey sie noch vor dem Lunch verteilen.“

 

„Du bist ein Engel, Toshiko.“ Ianto küsste sie impulsiv auf die Wange und sah, wie sie lächelnd errötete und so tat, als wehre sie ihn ab. „Und ich weiß, dass es unnötig ist, die Rechnungen noch einmal zu kontrollieren, wenn du sie gemacht hast.“

 

„Oh, und du wirst dich freuen, zu hören, dass ich Doktor Harpers speziellen Aufschlag für den ganzen Ärger, den er uns verursacht, nicht vergessen habe.“ Ihre Augen funkelten schelmisch. „Denkst du, er bemerkt es überhaupt?“ Sie öffnete eine Schublade, um Kuverts heraus zu nehmen und begann, die erste Rechnung sorgfältig zu falten.

 

„Und falls, nimmt er es sich bestimmt nicht zu Herzen. So weit ich weiß, bekommt er die Kosten für den Aufenthalt in Cardiff erstattet.“ Ianto sah ihr einen Moment lang zu. „Tosh, ich möchte dich um noch einen Gefallen bitten.“ Er wartete, bis sie aufsah. „Bitte sprich’ mit niemandem über das, was wir in Miss Coles Zimmer gesehen haben. Auch nicht mit Martha oder Mickey. Ich... ich weiß selbst nicht genau, was passiert ist.“

 

„Weiß er es denn?“, fragte Toshiko.

 

„Er?“

 

„Captain Harkness.“ Sie strich eine Haarsträhne zurück. „Ich denke, dass er ganz genau weiß, was hier vor sich geht. Und ich habe gesehen, wie er ein Foto aus einem zerbrochenen Rahmen nahm und in seine Tasche gesteckt hat. Denkst du nicht, wir sollten Andy danach fragen? Er könnte...“

 

„Nein“, unterbrach Ianto sie, bevor sie den Satz beenden konnte. Er dachte an den geheimnisvollen Alex, den Harkness angerufen hatte, und der eine Leiche einfach so verschwinden lassen und ein Zimmer ausräumen konnte, ohne dass jemand etwas davon bemerkte. „Captain Harkness ist nur ein Gast, wie alle anderen auch. Was er weiß oder nicht, ist nicht unsere Angelegenheit.“ Was würde dieses Torchwood Institut wohl erst mit neugierigen Hotelangestellten oder Polizisten machen, die sich in Dinge einmischten, die sie nichts angingen?

 

Aber was, wenn... Ianto musste an die Blütenblätter denken, die er in seinem Bett gefunden hatte. Was, wenn diese Dinger mit Miss Coles Tod nicht zufrieden waren? Was, wenn sie nun hinter ihm her waren? Er war mit Harkness in Roundstone Wood gewesen. Was, wenn es ihnen nicht genügte, ihm Angst einzujagen? Was, wenn sie sich als nächstes Rhis Cottage vornahmen und es verwüsteten? Oder sich einem der Kinder näherten? Mein Gott, was wenn sie sich an Mica oder David vergriffen?

 

„Ianto? Alles in Ordnung?“

 

Er sah auf, als Tosh seinen Arm berührte.

 

„Du bist gerade kalkweiß geworden.“

 

Ianto zwang sich zu einem Lächeln. „Ich habe nicht gefrühstückt. Das ist alles. Du weißt doch, ohne Kaffee bin ich zu nichts zu gebrauchen.“

 

„Wenn du sicher bist...“

 

„Ja. Danke für deine Nachfrage. Es geht mir gut, mach’ dir bitte keine Sorgen.“ Er drückte beruhigend ihre Hand, bevor er hinter dem Empfangstresen hervortrat.

 

Auf der Treppe kam ihm Mickey entgegen.

 

„Mickey, gut dass ich dich treffe... hast du vielleicht irgendjemand gesehen, der nicht hierher gehört? Fremde?“

 

„Nein.“ Mickey lehnte sich gegen die Wand. „Erwarten wir wieder neue Gäste?“

 

„War nur eine Frage, vergiss es. Doktor Smith reist heute ab, hast du sein Gepäck bereits abgeholt?“, erkundigte sich Ianto.

 

„Ist alles erledigt. Oh, Rhi will dich sprech’n“, rief ihm Mickey über die Schulter nach.

 

Hoffentlich war es nicht, um ihm Frühstück – oder, korrigierte er sich mit einem Blick auf seine Taschenuhr – Lunch aufzudrängen. Er hatte das Gefühl, sein Magen würde darüber alles andere als glücklich sein. Aber das musste ohnehin warten, bis er mit Harkness über Moses gesprochen hatte.

 

 

 

 

Der Captain öffnete die Tür nachdem Ianto das zweite Mal geklopft hatte. Er sah in beneidenswerter Weise allerdings nicht so aus, als hätte er eine beinahe schlaflose Nacht hinter sich oder leide gar unter den Auswirkungen ihres Alkoholkonsums, als er ihn wortlos in den Raum winkte.

 

Ianto öffnete den Mund, doch schloss ihn wieder, ohne einen Ton von sich gegeben zu haben, als er sich umsah. Verschwunden war die Unordnung. Keine auseinander geblätterten Zeitungen, keine verstreuten Kleidungsstücke, keine schmutzigen Schuhe. Der Mantel hing ordentlich auf einem Bügel an der geschlossenen Schranktür. Der Koffer war auf dem Boden davor platziert, offensichtlich griffbereit.

 

Selbst das Bett war gemacht. Das einzige, was hervorstach, war eine Blechdose – verbeult und möglicherweise sogar etwas rostend – die neben einer Flasche und einem Glas auf dem kleinen Teetisch stand.

 

Harkness balancierte auf der Tischkante und beobachtete ihn, die Ellbogen auf die Oberschenkel und das Kinn in die verschränkten Hände gestützt. „Ich kann Ihre Fragen nicht beantworten“, sagte er, bevor Ianto es tun konnte. „Nicht, weil ich es nicht will. Die… Organisation… für die ich arbeite, legt großen Wert darauf, hinter den Kulissen zu arbeiten und es dabei zu belassen. Alex ist mein Boss, aber auch ein Freund, und ich habe ihm versichert, dass Sie nichts von Bedeutung wissen.“ Ein flüchtiges Grinsen zuckte um seine Mundwinkel. „Ich habe ihm auch … möglicherweise… und nicht ganz unabsichtlich… den Eindruck vermittelt, eine gewisse Handhabe gegen Sie zu haben, die Ihr Schweigen sicherstellt.“

 

„Handhabe?“ Es war das erste Wort, das er sprach, seit er den Raum betreten hatte. „Ich verstehe nicht?“

 

Der Captain griff nach seinem Glas. „Und das ist möglicherweise besser so.“

 

Ianto stemmte die Hände in die Hüften, bevor er sich selbst bei dieser Geste ertappte (Rhi sagte, er versuche ihre Mutter zu imitieren, ohne den gleichen Effekt zu erreichen) und die Arme stattdessen hinter dem Rücken verschränkte. Er blinzelte und fragte sich, ob sein Kater vielleicht auch sein Gehör beeinträchtigte, denn er wurde aus nichts schlau, was der Amerikaner von sich gab.

 

„Es gibt ein Problem“, sagte er, unruhig die Lippen befeuchtend; unsicher wie der andere Mann reagieren würde – vor allem angesichts dessen, was er zuvor über seine Arbeitgeber gesagt hatte. „Wir haben Moses vergessen.“

 

Harkness füllte sein Glas auf. „Moses?“, wiederholte er. „Arbeitet er auch hier im Hotel?“

 

„Es ist eine Katze, ein Kater, genau genommen. Er gehört… gehörte Miss Cole.“ Ianto strich seine Krawatte glatt. „Sie wäre niemals ohne ihn abgereist. Miss Sato ist es bereits aufgefallen – “ Er hob beschwichtigend die Hand, um Harkness‘ Frage zuvor zu kommen. „ – ich habe ihr gesagt, ich würde mich darum kümmern und ich bin sicher, sie wird es nicht weiter verfolgen, wenn der Kater weg kommt.“

 

„Es ist ein Kater. Wie schwer kann es sein, ihn verschwinden zu lassen.“ Harkness hob die Schultern. „Schenken Sie ihn Ihrer Nichte. Kinder lieben Haustiere, und kleine Mädchen lieben Katzen.“

 

„Weil das absolut niemand auffallen wird“, erwiderte Ianto trocken. „Jeder hier kennt Moses; sie hat ihn die letzten fünf, sechs Jahre jeden Sommer mitgebracht. Die Kinder haben mit ihm gespielt; Rhi ihn mit Häppchen aus der Küche gefüttert und zweimal die Woche mussten wir auf die eine oder andere Art eine Suchaktion nach ihm organisieren, weil er nicht von selbst zurück zum Hotel zurückfand – oder wenigstens so tat, als hätte er sich verirrt.“

 

„Dann verschenken Sie ihn an eine andere Familie. Irgendwo in Cardiff muss es doch Katzenliebhaber geben.“ Der Amerikaner leerte sein Glas und stellte es beiseite. Er griff stattdessen nach der Blechdose und begann in ihrem Inhalt – Briefe und Fotos, so weit Ianto sehen konnte – zu blättern, als suche er nach etwas.

 

„Natürlich.“ Ianto wandte sich zum Gehen. „Ich werde mich darum kümmern, Sir. Meine Absicht war nur, Sie darüber zu informieren. Entschuldigen Sie bitte die Störung.“

 

„Wann hätten Sie mir davon erzählt?“, fragte Harkness, noch bevor er die Hand auf die Klinke legen konnte.

 

„Sir?“ Ianto wandte sich zu ihm um. „Ich denke, das habe ich eben.“

 

„Ich spreche von den Rosenblüten in Ihrem Bett.“ Der Amerikaner kickte einen Stuhl in seine Richtung, offenbar eine Aufforderung an ihn, Platz zu nehmen.

 

Ianto blieb bei der Tür stehen. „Mit allem was vorgefallen ist, habe ich es vergessen zu erwähnen. Woher wissen Sie…?“

 

„Ich hatte eine sehr anregende Unterhaltung mit einer bezaubernden jungen Dame namens Martha Jones, die mich freundlicherweise mit zusätzlichen Handtüchern versorgt hat.“ Harkness wirkte völlig in den Inhalt der Blechdose vertieft. Seine Finger glitten liebkosend am gezackten Rand eines Fotos entlang, das bereits vergilbt zu sein schien. „Und im Laufe dieses charmanten Gesprächs verriet sie mir, dass es ihr Sorge bereitet, dass beim Leeren des Papierkorbs in Ihrem Zimmer Rosenblütenblätter gefunden wurden – exakt wie jene, die wir bei Miss Cole entfernt haben.“

 

Er schloss für einen Moment die Augen. „Ich habe es nicht auf die leichte Schulter genommen. Nur mit allem, was passiert ist… Es war eine Warnung, oder? Wir waren in Roundstone Wood und das ist ihr Weg mir mitzuteilen, dass ich meine Nase nicht in Sachen stecken soll, die mich nichts angehen. Ich habe nicht vor, irgendetwas in der Art zu tun.“

 

„Es hat genug Tod hier gegeben.“ Der Captain verschloss die Blechdose sorgfältig und stellte sie ab. „Ich will nur, dass Sie vorsichtig sind.“

 

Ianto sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

 

„Bitte?“, setzte Harkness hinzu, die Handflächen wie zum Gebet aneinander gepresst. „Ich denke, ich bin nicht mehr in der Lage, ohne Ihren Kaffee zu leben.“

 

„Sie haben doch nur eine Tasse davon getrunken.“ Er spürte seine Wangen mit Verlegenheit warm werden.

 

„Das war völlig ausreichend.“ Der Captain lächelte und stand auf. „Und wo wir schon beim Thema sind… ich denke, ich habe das Frühstück versäumt, wie wäre es mit einem gemeinsamen Luncheon? Sie schulden mir ohnehin ein Abendessen. Wir waren verabredet.“

 

„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich zugesagt hatte – Sir.“ Ianto räusperte sich.

 

„Es gibt mir die Möglichkeit, mehr über Sie zu erfahren und Sie im Auge zu behalten. Für den Fall, dass es doch eine Warnung war und nicht nur ein Streich, um uns Angst einzujagen.“ Harkness nahm seinen Mantel und Ianto trat automatisch zu ihm, um ihn ihm hinzuhalten, damit er hineinschlüpfen konnte. „Also, Lunch? Irgendwo, wo Sie nicht ständig arbeiten, Mister Jones?“

 

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“ Er zögerte. „Ich meine, ich habe meine Pflichten schon zu sehr vernachlässigt.“

 

„Manchmal wird Pflichtbewusstsein überbewertet.“

 

Ianto trat einen Schritt zurück, zu dicht stand der andere Mann bei ihm. „Das denke ich nicht. Es tut mir leid.“ Der Türknauf in seinem Rücken stoppte ihn abrupt. „Ich muss wirklich gehen, Sir.“ Er öffnete die Tür.

 

„Wir unterhalten uns noch. Wegen der Katze, okay?“

 

Er spürte Harkness‘ Blick den ganzen Weg bis zur Treppe.

 

 

 

 

Der Rest des Tages verlief wesentlich unspektakulärer. Sehr zu Iantos Erleichterung.

 

Er verabschiedete Doktor Smith und seine Begleiterinnen und Rose versprach, Briefe zu schreiben, sobald sie etwas Interessantes gefunden hätten.

 

Mickey kam mit Beschwerden über Miss Costello an, die zwar nun Carys wieder in Gnaden aufgenommen hatte, ihn aber trotzdem zu Besorgungen quer durch die Stadt schickte. Er vermutete den Grund ihrer schlechten Laune darin, dass Doktor Harper bereits dazu übergegangen war, seine Gunst in Richtung Miss Cooper zu senden – wann immer ihr Verlobter gerade nicht hinsah. Ob sie dieses Interesse jedoch auch erwiderte, darüber schien sich der Klatschzirkel noch nicht völlig einig zu sein.

 

Miss Blackthorpe aus 3-07 klagte über einen verstopften Abfluss ihrer Badewanne; Martha fand Kopfkissenbezüge mit Mottenlöchern und David schaffte es, drei Blumentöpfe seiner Mutter auf einmal von der Fensterback zu kicken.

 

Alles in allem ein ziemlich gewöhnlicher Tag.

 

Es war tatsächlich erst nach dem Abendessen – Toshiko war bereits gegangen – als er Harkness wiedersah.

 

Der Amerikaner lehnte gegen die Rezeption.

 

„Was kann ich für Sie tun, Sir?“, fragte Ianto höflich.

 

„Die Frage lautet eher, was ich für Sie tun kann, Mister Jones.“ Harkness lächelte. „Wir werden die Nacht zusammen verbringen.“ Er lehnte sich vor und holte tief Luft. „Ist das Kaffee?“, fuhr er fort, den Blick sehnsüchtig auf die silberne Kanne auf dem Schreibtisch gerichtet.

 

„Ja. Und… wie bitte?“ Ianto machte sich automatisch daran, eine Tasse für den Amerikaner einzugießen und schob sie ihm zu.

 

„Nur zu Ihrer Sicherheit natürlich.“ Harkness nahm einen Schluck und gab ein wohliges Seufzen von sich. „Wow. Das nenne ich den Himmel in einer Tasse.“

 

„Ich denke, ich bin ziemlich sicher in meinem eigenen Haus“, erwiderte Ianto, den zweiten Kommentar ignorierend.

 

„Schlösser und Riegel und Türen bedeuten nichts für diese Geschöpfe.“ Blaue Augen fixierten ihn. „Das heißt natürlich, ich bekomme Ihr Schlafzimmer zu sehen“, meinte der Captain mit dem ihm eigenen Haifischgrinsen.

 

„Wohl eher mein Büro. Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, können wir die Nacht dort verbringen.“ Ianto war sich nicht sicher, was an seiner Antwort so amüsant war, dass Harkness sich fast an seinem Kaffee verschluckte. Er deutete auf die beinahe leere Tasse des Amerikaners. „Dort ist auch alles, um mehr Kaffee zu kochen.“

 

Einen Moment später stand Harkness neben ihm und rieb sich die Hände. „Worauf warten wir dann noch?“

 

Kopfschüttelnd zeigte ihm Ianto den Raum.

 

 

 

 

Zu Iantos Erleichterung (und möglicherweise Harkness‘ Enttäuschung, wer konnte das so genau sagen), verlief die Nacht völlig ungestört. Sie unterhielten sich eine Weile, während der Captain – wie es schien – literweise Kaffee trank und Fragen stellte: über Cardiff, über Wales, über Iantos Kindheit, über seine Pläne mit dem Hotel. Da schien kein bestimmtes Muster hinter seinen Fragen zu sein und doch hatte Ianto das Gefühl, dass sie alles andere als wahllos waren. Bis er irgendwann in einer Gesprächspause plötzlich und unerwartet einschlief.

 

Als er erwachte, hatte er keine Schuhe und kein Jackett mehr an, und seine Krawatte war gelockert worden. Über seinen Beinen lag eine Decke, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie im Büro aufbewahrte.

 

Am Fenster, durch das die Morgendämmerung zu erkennen war, lehnte der Amerikaner und musterte ihn. Die Intensität seines Blicks ließ wieder verlegen Wärme in seine Wangen steigen.

 

„Ist Moses eine schwarze Katze, mit einem weißen Fleck auf der Brust, und weißen Pfoten? Denn dann glaube ich, ich habe ihn eben gesehen.“

 

Ianto gähnte. „Ihnen auch einen wunderschönen, guten Morgen, Captain Harkness“, sagte er trocken und stand auf, um sich zu strecken. Dass ihn das unverschämte Grinsen des Amerikaners kaum mehr störte, zeigte nur wie sehr er sich in der kurzen Zeit an ihn gewöhnt hatte. Er war sich allerdings nicht sicher, ob das nun gut oder schlecht war.

 

„Wir sollten gleich versuchen, ihn zu fangen, bevor ihn noch jemand anderes sieht.“ Harkness griff nach seinem Mantel und warf ihn sich um die Schultern. Woher nahm der Mensch nur diese Energie um so eine frühe Stunde? Das war einfach nicht normal.

 

Ianto zog seufzend sein Jackett und seine Schuhe an, rückte seine Krawatte zurecht und fuhr sich glättend über die Haare. So wie es aussah, mussten frische Kleidung und ein rasches Bad noch eine Weile warten.

 

Es war noch früh genug, dass die Luft unangenehm kühl und feucht war, doch gleichzeitig hatte sie einen belebenden Effekt. Zumindest während der ersten Minuten, dann begann Ianto, Harkness um seinen langen, warmen Mantel zu beneiden, mochte er auch noch so übertrieben dramatisch hinter ihm her schwingen.

 

Er schloss zu dem Captain auf, der ein paar Schritte von ihm entfernt innegehalten hatte. Ianto schob unbehaglich die Hände in die Taschen seiner Hose. Es war dunkel gewesen und mitten in einem Sturm, aber er war sich ziemlich sicher, dass sie an der gleichen Stelle befanden, an der sie Estelle Coles Leichnam gefunden hatten.

 

Moses saß wie ein Klagemal exakt dort, den Schwanz ordentlich um die Hinterbeine geringelt.

 

„Ist er, wo ich denke, dass er ist?“, fragte Ianto.

 

„Ja.“ Harkness musterte den Kater. „Ich hatte es bereits mit wesentlich größeren Katzen zu tun, er sollte kein Problem sein, oder? Wir schnappen ihn uns einfach.“

 

„Ich könnte in die Küche laufen und sehen, ob ich etwas finde, mit dem wir ihn anlocken können“, bot Ianto an. „Das dauert nur eine Minute.“

 

„Oder wir kürzen die Angelegenheit ab und ich mache einfach… das.“ Der Captain bückte sich, packte Moses am Nackenfell und hob ihn hoch. „Das war leicht.“

 

Moses schien diese Behandlung alles andere als zu gefallen und er verlieh seiner Meinung mit den Krallen Nachdruck.

 

„Whoa.“ Harkness hielt die fauchende und sich windende Katze auf Armeslänge von sich weg, was ihn jedoch nicht davor bewahrte, einige hässliche Kratzwunden an den Händen davon zu tragen. „Halten Sie mal.“ Ohne weiteres Prozedere drückte er Ianto den Kater in die Arme – und bevor Moses und Hoteldirektor wussten, was mit ihnen geschehen war, hatte er den Mantel ausgezogen und benutzte ihn dazu, ihn in einem losen Ball um den Kater zu wickeln.

 

Moses maunzte kläglich in seinem „Käfig“ aus unnachgiebigem Wollstoff.

 

„Problem gelöst“, verkündete Harkness grinsend. „Und ich brauchte noch nicht einmal ein Dinosauriernetz.“

 

„Richtig.“ Iantos Aufmerksamkeit glitt zu den blutenden Kratzwunden an den Händen des Captains. „Sie sollten das schnell sauber machen, wer weiß, wo Moses sich rumgetrieben hat. Er könnte allen möglichen Schmutz an den Krallen haben. Wir haben einen Erste-Hilfe-Kasten in der Rezeption, ich könnte…“

 

„Das ist nicht nötig“, winkte der Amerikaner ab. Er spähte in das Bündel, aus dem ihm Moses streitlustig entgegen starrte. „Okay, was fangen wir mit dir an, du kleine Kratzbürste?“

 

„Ich kann sehen, ob ich eine Kiste auftreibe, oder einen stabilen Karton, in den wir ihn stecken können, bevor er beschließt, Ihren Mantel als seine neue Katzentoilette zu betrachten.“

 

Harkness‘ entsetzter Blick sagte ihm, dass der Captain an diese Möglichkeit noch nicht einmal gedacht hatte. Aber Ianto erinnerte sich sehr gut, wie Moses bereits am ersten Tag von Miss Coles Aufenthalt eine kleine Überraschung in den Schuhen von Doktor Harper hinterlassen hatte… Sie hatten nie herausgefunden, wie und wann der Kater es geschafft hatte, in den Raum des Arztes zu schlüpfen und ihn wieder zu verlassen, ohne dass jemand etwas davon bemerkte. Das einzige, was Harper davon abzuhalten schien, seine Todesdrohungen gegen den Kater umzusetzen, war offensichtlich Moses‘ Fähigkeiten, sich vorübergehend unsichtbar zu machen und nur dann aufzutauchen, wenn Harper nicht da war.

 

„Oh. Ich bitte darum.“ Harkness drückte ihm das Bündel in die Arme.

 

„Wenn… wir keinen Platz für ihn finden, haben Sie dann vor, ihn…  verschwinden zu lassen? Ich meine, die Bay ist nicht weit, und niemand kümmert sich um eine tote Katze...“

 

Der Amerikaner sah ihn erstaunt an. „Nein. Natürlich nicht.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe es oft mit… nennen wir sie Monster… zu tun, ich hoffe ich erscheine nicht selbst wie eines.“

 

„Das wollte ich damit nicht sagen.“ Ianto presste die Lippen zusammen und drehte sich auf dem Absatz um, sich darauf konzentrierend, wo er ein passendes Behältnis für den Kater finden würde.

 

„Ich suche ein gutes, neues Zuhause für ihn“, rief ihm Harkness hinterher. „Irgendwo auf einer Farm, wo es mehr Mäuse gibt, als er im Rest seines Lebens fressen kann. Ich bin kein Monster, Ianto.“

 

„Das habe ich nie behauptet, Sir.“ Ianto sah einen Moment über seine Schulter zurück, bevor er seinen Weg fortsetzte.

 

 

 


Kapitel 3)

 

 

 

 

 

Nachdem er Harkness seinen Mantel (gründlich von Katzenhaaren und Schmutz gesäubert) und die Kiste mit Moses gebracht hatte, verschwand der Captain für drei Tage. Laut dem Zimmermädchen war sein Koffer noch in seinem Raum und in der Post befand sich ein Scheck von einer Londoner Anwaltskanzlei, die im Voraus für Harkness‘ Aufenthalt bezahlte, so ging Ianto davon aus, dass er vor hatte, zurück zu kommen.

 

Und auch ohne den Amerikaner fiel genügend Arbeit an für ihn. Neben den üblichen Angelegenheiten, die der Alltag in einem Hotel mit sich brachte – wie Rhis ausufernder Streit mit dem Milchmann, der ihrer Ansicht nach weniger lieferte als er abrechnete – beschäftigte Ianto vor allem ein Anruf von Lisas Mutter.

 

Sie hatte mit keinem Wort seine Abwesenheit an Lisas Geburtstag erwähnt, doch die Nachrichten waren trotzdem nicht gut. Lisa hatte sich in ihrem geschwächten Zustand eine Lungenentzündung zugezogen. Dadurch wurden ihre Atemprobleme noch verstärkt, so dass sie sogar ihre Stickarbeiten hatte aufgeben müssen.

 

Er war hin und her gerissen. Ein Teil von ihm wollte Lisa besuchen, wollte ihr beistehen – aber ein anderer (und er schämte sich nicht wenig dafür) wollte überall lieber sein, als an ihrem Krankenbett. Sie war immer so stark gewesen, so voll Leben. Der Unfall hatte sie zu jemandem gemacht, der… in seinem eigenen Körper eingesperrt war wie in einem Gefängnis. Und er war schwach genug, sie nicht so sehen zu wollen.

 

Doch am Ende gewann sein schlechtes Gewissen und er telefonierte mit dem Sanatorium, um seinen Besuch anzukündigen und schickte Mickey los, um ihm bei der nächsten Runde Besorgungen auch gleich ein Zugticket zu beschaffen.

 

Als er mit Rhi, Martha und Tosh über seine Pläne sprach, sicherten sie ihm ihre volle Unterstützung zu und dennoch packte Ianto am Morgen seiner Abreise mit einem Gefühl des Widerwillens die kleine Tasche, die ihn auf seine Reise begleiten würde.

 

Zuoberst legte er das Geschenk, dass er Lisa zum Geburtstag gekauft hatte – eine wunderschön gearbeitete, mit keltischen Mustern versehene Armspange. Es hatte einige Zeit gedauert, genügend Geld zu sparen, dass er sie ihr kaufen konnte – doch er wusste, sie würde ihr gefallen.

 

 

 

 

„Mister Jones.“

 

Als er an die Rezeption trat, um Toshiko zu fragen, ob alles soweit geklärt war, stand dort der Amerikaner und streckte ihm lächelnd die Hand entgegen.

 

„Captain Harkness.“ Ianto erwiderte höflich das Lächeln und den Handschlag. Sein Blick fiel auf die Finger des anderen Mannes, die keine Spur mehr von Moses Krallen zeigten. Seltsam. Vielleicht hatten die Kratzer schlimmer ausgesehen, als sie tatsächlich gewesen waren. „Wir dachten schon, Sie wurden abberufen. Von… Ihren Arbeitgebern.“

 

Tosh schlüpfte ungesehen zurück in ihr Büro.

 

„Nein.“ Der Amerikaner lehnte sich gegen die Rezeption. „Ich habe – nachdem ich Moses gut untergebracht hatte - einen kurzen Trip nach London unternommen, um ein paar Dinge zu klären. Ihre bezaubernde Miss Sato hat mir gerade erzählt, was ihr letztes Jahr zugestoßen ist. Und dass Sie noch immer ein Problem mit etwas haben, dass Sie für verwilderte Hunde halten.“

 

Ianto spürte einen kalten Schauer über seinen Rücken laufen. „Sie wollen mir nicht sagen, dass das auch diese Feen-Dinger waren?“

 

„Es klingt nicht danach, nein. Sie hätten nicht so lange gewartet. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, welches Interesse sie an Unrattonnen entwickeln könnten. Oder haben Sie wieder Rosen in Ihrem Bett vorgefunden?“ Harkness beugte sich interessiert vor. „Oder sonst irgendwelche Überraschungen, von denen ich wissen sollte?“

 

Ianto schüttelte den Kopf.

 

„Na gut. Aber ich habe einen Verdacht, wer… oder was… dieses andere Problem verursachen könnte und deshalb werde ich wohl noch eine Weile in Cardiff bleiben. Lust, mich auf ein neues Abenteuer zu begleiten, Mister Jones?“

 

Eher schneite es in der Hölle. Er straffte die Schultern. „Ich denke, ich verzichte dieses Mal, Sir. Das Hotel lastet mich völlig aus, wie Sie wissen.“

 

„Ist das wirklich alles, an was Sie denken? Ihre Arbeit? Ich erinnere mich, dass Sie gesagt haben, Kaffee wäre eine Ihrer Leidenschaften. Verraten Sie mir die anderen?“ Der Captain musterte ihn. „Dieser Anzug steht Ihnen übrigens ausgezeichnet. Haben Sie etwas Besonderes vor?“

 

„Sir, ich… ich bin nicht sicher, was…“

 

„Zu heftig? Ich habe gehört, dass ich gelegentlich ein wenig zu… forsch vorgehe.“

 

War da tatsächlich ein reuevoller Unterton in der Stimme des Amerikaners, oder war das nur Wunschdenken auf seiner Seite? „Gelegentlich, Sir, ist es etwas... schwierig, Ihre Absichten klar zu erkennen.“

 

„Wirklich?“ Harkness lachte, doch es klang ein wenig gezwungen. „Das höre ich selten.“

 

„Ich muss mich jetzt leider verabschieden, Sir. Der Zug wartet nicht auf mich.“ Ianto nahm seine Tasche hoch, und stellte sie demonstrativ auf den Schreibtisch. Harkness‘ Blick folgte ihm, als er zu einem Schrank trat und seinen Mantel holte.

 

„Eine Reise? Beruflich oder zum Vergnügen?“, erkundigte sich der Captain neugierig.

 

„Es ist…“ Ianto stockte einen Moment. Aber warum nicht, es war schließlich kein Geheimnis und jeder konnte es ihm erzählen. „Ich besuche meine Verlobte, Sir.“

 

„Ah, dann gibt es also doch noch etwas anderes als Arbeit für Sie. Ihre Verlobte wohnt nicht hier?“

 

„Nein, nicht mehr. Es ist eine komplizierte Geschichte.“ Ianto zog seinen Mantel über und sah Harkness an. „Kann ich noch etwas für Sie tun? Ansonsten können Sie sich mit allen Fragen natürlich während meiner Abwesenheit an Miss Sato wenden.“

 

„Ihre Verlobte muss eine besondere Frau sein. Wenn Sie sich ihretwegen vom Hotel losreißen können, meine ich.“ Der  Captain streckte ihm die Hand hin. „Ich hoffe, wenn Sie zurück sind, nehmen Sie endlich meine Einladung zum Essen an und erzählen mir von ihr.“

 

Ianto griff zögernd danach. „Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Captain“, sagte er, ohne auf die Worte des anderen Mannes einzugehen.

 

„Mister Jones.“ Harkness nickte.

 

 

 

 

Er fühlte sich vollkommen erschöpft, als er endlich auf seinem Bett Platz nahm und – uncharakteristisch achtlos - die Schuhe einfach von den Füßen kickte.

 

Sein Besuch bei Lisa war besser und gleichzeitig schlechter verlaufen, als er sich erhofft hatte. Sie war deutlich geschwächt gewesen, und sie war wegen ihrer Schwierigkeiten zu Atmen nicht in der Lage, sich viel mit ihm zu unterhalten – doch sie hatte sich sichtlich gefreut, dass er da war und der Griff ihrer Hand in seiner war fest gewesen. Sie hatte seine Entschuldigung und seine vage Erklärung, warum er an ihrem Geburtstag nicht bei ihr gewesen war, mit einem Lächeln akzeptiert. Und als er die Armspange für sie auspackte und sie vorsichtig um ihr dünnes Handgelenk schloss, hatte sie ihn geküsst.

 

Ianto berührte unwillkürlich seine Wange.

 

Er hatte ihr von Rhi erzählt, von den Kindern und der einen oder anderen Kapriole der Gäste. Aber es war selbst ihm aufgefallen, dass er nicht wirklich bei der Sache… bei ihr… war. Lisa sagte nichts, aber er schämte sich dafür, dass er seinen Gedanken mehr in Cardiff waren, als bei ihr. Dass ihn mehr beschäftigte, was Harkness wohl in seinem Hotel anstellte, während er nicht dort war. Und wovon hatte er nur gesprochen, als er meinte, er würde einen Verdacht haben, wer sein Unwesen in den dunklen Gassen trieb und Toshiko attackierte?

 

Sie tranken gemeinsam Tee und Lisa scherzte matt, dass sie seinen Kaffee mehr als ihre Beine vermisse. Diese Worte sorgten für eine sehr unbehagliche Stimmung, bis es an der Zeit für ihn war, zu gehen, die Besuchsstunden sich dem Ende zuneigten.

 

Er verließ sie mit dem Versprechen, bald zu schreiben und sie wieder zu besuchen. Und doch konnte er nicht verhindern, dass er erleichtert aufatmete, als er das Sanatorium und seine bedrückende Atmosphäre hinter sich ließ.

 

 

 

 

Der Morgen kam für ihn zu bald - und gleichzeitig nicht früh genug – und folgte auf eine unruhige Nacht voll mit Albträumen, in denen Lisa nicht von der Leiter stürzte, sondern von unsichtbaren Geschöpfen gehetzt wurde, bis sie zusammenbrach. Er träumte, neben ihr auf dem Boden zu knien und es war nicht Blut, das ihren Körper bedeckte, sondern ein Meer aus unzähligen, roten Blütenblättern.

 

Ianto machte sich für den Tag fertig, nachdem er - lange bevor der Wecker klingelte - wach in einem Sessel gesessen hatte, zu aufgewühlt von seinem Albtraum um weiter zu schlafen.

 

Er wusste, dass Rhiannon alles über seinen Besuch bei Lisa würde wissen wollen und dass er dies am besten so früh wie möglich aus dem Weg schaffte.

 

Zu seiner Überraschung fand er jedoch neben seiner Schwester auch Captain Harkness in der Küche, umgeben von Rhi, Amy, Martha, Toshiko und einigen Zimmer- und Küchenmädchen. Tee trinkend und offenbar hofhaltend erzählte er seinen staunenden Zuhörern gerade von einer Reise nach Indien.

 

Er blieb einen Moment an der Tür stehen und lauschte der Beschreibung einer Herde Elefanten, die Harkness mit einer Dutchess So-und-so beobachtet hatte. Er gab zu, dass der Amerikaner ein begnadeter Geschichtenerzähler zu sein schien – wenn auch seine Geschichten alle einen falschen Ton beinhielten. So erwähnte er zum Beispiel mit keinem Wort, was er überhaupt an erster Stelle in Indien gemacht hatte. War er geschäftlich dort gewesen? Wenn ja, welcher Art von Geschäften ging er eigentlich nach?

 

Was war das Torchwood Institut? 

 

Wer war Jack Harkness?

 

Captain Jack Harkness… er war ein Pilot gewesen, so hatte er zumindest Mickey erzählt, bei der Royal Air Force – aber wieso diente ein Amerikaner in Großbritannien? Er hatte aus der Geschichte mit Estelle Cole geschlossen, dass sein Vater möglicherweise Brite war (und in die USA auswanderte) und es seinen Sohn auf die Insel gezogen hatte. Aber war er überhaupt Amerikaner oder war der Akzent nur Teil seines... Kostüms? Wieso trug er Militärkleidung aus den Vierzigern; diesen Mantel und einen alten Armeerevolver…?

 

Carys hatte Martha erzählt, dass sie ihn in der öffentlichen Telefonzelle in der Lobby mit einer Frau namens Yvonne hatte sprechen hören – und dass es klang, als hätte er mit ihr gestritten.

 

Yvonne, die Frau, die Harkness eine Hexe genannt hatte, als er mit seinem Freund/Vorgesetzten in London telefonierte?

 

Und da waren die Briefe der Anwaltskanzlei, die seine Rechnungen bezahlte…

 

Das alles ergab keinen wirklichen Sinn für ihn.

 

Es war Rhiannon, die ihn zuerst sah und ihn an den Tisch dazu winkte. Ianto setzte sich an das entfernteste Ende und bekam eine Tasse Tee zugeschoben.

 

Dann beendete Harkness seine Erzählung mit der Beschreibung es des Picknicks, das sie abgehalten hatten, während die Elefanten unbeeindruckt ringsum um sie herumwanderten und verbeugte sich übertrieben, als die Frauen lachend Beifall spendeten. Der Captain verließ die Küche mit wehendem Mantel und einem Teller voll noch warmen Gebäcks, um damit die Zeit bis zum Frühstück zu überbrücken.

 

Rhiannon scheuchte ihr Personal an die Arbeit zurück und setzte sich neben ihn, um ihn prüfen zu mustern, bevor sie ihn über Lisa ausfragte.

 

 

 

 

„Wie ich sehe, habt ihr euch mit dem Captain angefreundet“, meinte Ianto nach einer Pause; er hatte seiner Schwester alles über Lisas Zustand berichtet, was er hatte berichten können – nicht viel, angesichts der Situation. Jetzt war er für jeden Themenwechsel dankbar.

 

„Findest du eigentlich nicht auch, dass es seltsam ist, dass ein Mann wie er nicht verheiratet ist?“, entgegnete Rhi zu seiner Überraschung.

 

„Woher weißt du, dass er es nicht ist? Und… nun, du hast doch eben selbst gehört, er ist ständig unterwegs. Würdest du mit Johnny verheiratet sein wollen, wenn er einen LKW nicht zwischen Cardiff und Newport, sondern zwischen Cardiff und Afrika hin und her fahren würde?“

 

„Theoretisch gefragt?“, entgegnete Rhi. „Bei einem so gutaussehenden Mann würde ich es mir vielleicht überlegen. Was? Ich bin verheiratet, Ianto, nicht blind, du musst mich nicht so verblüfft ansehen. Und deshalb ist mir auch aufgefallen, dass er keinen Ring trägt und seine Art zu flirten… glaub‘ mir. Er ist nicht verheiratet. Vermutlich ist er der Typ Mann, der eine feste Beziehung scheut wie der Teufel das Weihwasser.“ Sie zog die Nase in einer Geste hoch, die Ianto als Nachdenklichkeit zu interpretieren wusste.  „Oder... vielleicht ist er… ich habe da so etwas gehört…“

 

„Oder was? Was hast du nun wieder gehört?“ Innerlich stöhnte Ianto auf. Natürlich war die Gerüchteküche noch immer am Brodeln. Vermutlich würde Harkness’ Aufenthalt noch in einem Jahr Gesprächsstoff bieten.  

 

Rhiannon beugte sich näher zu ihm und senkte die Stimme – nicht, dass ihrem Gespräch jemand Aufmerksamkeit schenkte. Alle waren damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten. Iantos Magen grummelte beim Gedanken an Toast und Eier. Und Kaffee, viel Kaffee.

 

Leider verhielt sich seine Schwester mit einem Gerücht in der Regel so wie ein Bluthund mit einer frischen Fährte. Es gab keine Möglichkeit, sie von der Verfolgung abzuhalten. „Ich meine, er ist charmant und alles. Aber vielleicht ist er ein wenig zu charmant. So als verberge er etwas. Vielleicht ist er... nicht ganz… normal? Beth hat mir gestern Morgen im Vertrauen erzählt, dass ihr Bruder ihn in einem Pub hat gehen sehen, vor ein paar Tagen.“

 

„Und?“ Normal? Von was sprach sie? „Wenn es nicht normal ist, in Pubs zu gehen, dann ist ganz Wales von Verrü...“

 

„Und er hat den Pub wohl auch nicht alleine verlassen“, unterbrach sie ihn.

 

Oh. Oh! Darum ging es also. Der Captain war wohl mit einer Frau gesehen worden. Vermutlich hatte seine Schwester Harkness höchstpersönlich in die Küche eingeladen, nur um heraus zu bekommen, ob es wahr war und um wen es sich handelte. „Das geht uns jetzt aber wirklich nichts an, Rhi.“

 

„Beth’ Bruder hat ihn später wieder gesehen, als er nach Hause ging. In der Straße hinter dem Pub.“ Rhiannon flüsterte fast in sein Ohr.  

 

„So?“, fragte Ianto.

 

„Mit einem anderen Mann.“

 

„Rhi...“, begann er – in welche Richtung ging dieses Gespräch eigentlich? Gerade war noch die Rede davon gewesen, dass Harkness eine Art von Frauenheld zu sein schien und jetzt…

 

„Er sagte, die beiden hätten... na ja... vertraut miteinander gewirkt.“

 

„Rhiannon!“ Er senkte seine Stimme sofort wieder zu einem Flüstern. „Du kannst so was doch nicht einfach behaupten. Das ist... das ist... illegal!“ *)

 

„Er flirtet mit jedem. Vor allem mit dir, mein Schatz, auch wenn du das nicht merkst“, beharrte Rhi.

 

„Du irrst dich. Ich habe nie auch nur… irgendetwas… in der Art bemerkt.“ Ianto hob unwillkürlich die Hand und rieb seine Wange, die sich viel zu warm anfühlte.

 

„Beruhige dich“, winkte Rhi ab. „Ich habe dich ja nicht beschuldigt, dass du ihn ermutigst. Ich dachte nur, du solltest es wissen. Für den Fall, dass er  jemanden... nun ja, hierher... mit ins Hotel bringt. Wir haben einen Ruf zu bewahren.“

 

„Ich bin sicher, Beth’ Bruder hat sich geirrt.“ Ianto schüttelte den Kopf. „Er ist jede Nacht betrunken. Vielleicht hat er ihn mit jemand anderem verwechselt.“

 

„Ja, weil in diesen Tagen so viele Typen in einem Militärmantel durch Cardiff laufen.“ Sie stand auf. „Ich muss mich um den Toast kümmern.“

 

Ianto saß da, taub gegenüber dem Chaos um ihn herum und das flaue Gefühl in seinem Magen ignorierend. Er dachte daran, wie Harkness ihn auf die Wange und die Schläfe geküsst hatte. Aber das bedeutete überhaupt nichts. Oder? Abgesehen davon, dass sie beide derartig betrunken gewesen waren, dass er sich kaum an mehr erinnerte…

 

 

********************************

*) Wikipedia: Male homosexual acts were decriminalized under the Sexual Offences Act 1967, Section 1, although the age of consent for such acts was set at 21, whereas the age of consent for heterosexual acts was 16. However, the legislation applied only in England and Wales.

 

 

 

 

Zwischen dem Klopfen an seine Zimmertür und einem viel zu dicht an seinem Ohr gesprochenen „Ianto?“ vergingen sicherlich nicht mehr als ein paar Sekunden. Zumindest kam es ihm nicht länger vor. Ianto fuhr schlaftrunken hoch und griff nach dem Lichtschalter der Nachttischlampe. Doch etwas blockierte seinen Weg, seine Hand klatschte gegen etwas zugleich Weiches und Unnachgiebiges.

 

„Aua.“

 

Das war nicht aus seinem Mund gekommen. Ianto fand endlich den Lichtschalter - und sah sich Captain Harkness gegenüber, der sich über ihn beugte. Und eine Hand gegen sein rechtes Ohr presste.

 

„Ich schätze, das habe ich verdient.“ Harkness grinste. „Aber ich hoffe sehr, wir können das in naher Zukunft wiederholen, vorzugsweise dann ohne dass Sie mich schlagen?“

 

Er blinzelte einige Male, nicht sicher, ob er träumte oder wach war. „Kann ich etwas für Sie tun, Sir?“ Es war nicht unbedingt die brennendste Frage, die er im Moment beantwortet haben wollte. Das war eher: was-zum-teufel-treiben-sie-mitten-in-der-nacht-in-meinem-zimmer? Gefolgt von: und-halb-in-meinem-bett? Rhis Worte vom Morgen suchten sich ausgerechnet diesen Moment aus, um wieder in seinem Bewusstsein aufzutauchen.

 

Harkness setzte sich ungeniert auf die Bettkante. „Tut mir leid, dass ich Sie wecken musste, Ianto. Zumindest, dass es nicht unter angenehmeren Umständen geschieht.“ Er zwinkerte ihm zu. Doch dann wurde seine Miene ernst. „Ich brauche ein Zimmer.“

 

„Noch eines?“ Gut, nicht die intelligenteste Frage, aber angesichts der Situation sah er sich nicht im Stande mit mehr aufzukommen. Ianto rückte zurück, bis er aufrecht im Bett saß, das Kopfteil in seinem Rücken und unterdrückte die Regung, seine Bettdecke über die Brust hochzuziehen wie prüde, alte Jungfer. Er trug schließlich einen Pyjama.

 

„Ja, noch eines.“ Vielleicht war es nur das matte Licht und die Schatten, die den Raum außerhalb des Lichtkegels füllten, doch für einen Moment sah Harkness müde und... alt… aus. „Ich mache das mit dem Erklären nicht besonders gut, ja?“ Er rieb sich übers Gesicht. „Ich habe... überraschend Besuch bekommen und brauche ein Zimmer für sie. Möglicherweise nur für ein paar Tage, vielleicht auch für längere Zeit, das kann ich jetzt noch nicht sagen.“

 

„Natürlich, Sir.“ Ianto schlüpfte in seine Rolle zurück – als wäre es absolut nichts ungewöhnliches, sich in seinem privaten Schlafzimmer, im Bett, mitten in der Nacht, mit einem Gast zu unterhalten. Ihm fiel zum ersten Mal auf, dass Harkness komplett angekleidet war, inklusive seines Mantels, so als wäre er gerade von draußen gekommen. „Für eine Person?“ Er überlegte, wie er am diplomatischsten aus dem Bett kam – nachdem Harkness keine Anstalten machte, sich von der Bettkante weg zu bewegen und er – da das Möbel auf der anderen Seite an die Wand grenzte – praktisch über den anderen Mann hinweg klettern musste, um es zu verlassen.

 

„Zwei“, erwiderte Harkness. „Eine Frau und ein Kind.“

 

„Natürlich, Sir“, wiederholte er. „Das ist kein Problem.“ Ianto warf einen Blick auf den Wecker neben der Lampe. Kurz nach drei Uhr morgens. Himmel, besaß der Mann wirklich keinen Anstand? „Wann treffen Ihre Gäste ein? Ich benötige nur fünf Minuten um etwas... Passenderes anzuziehen.“

 

Selbstverständlich veranlasste diese Bemerkung Harkness dazu, ihn auf geradezu unverschämte Weise von Kopf bis Fuß zu mustern und Ianto spürte, wie ihm Blut heiß in die Wangen schoss.

 

„Oh, nicht meinetwegen.“ Der Captain grinste, doch irgendwie wirkte er abwesend, gedankenverloren – fast so, als käme die Reaktion automatisch. „Sie sind übrigens schon da. Genauer gesagt, sitzen die beiden in einem Taxi, das vor dem Hotel wartet. Ich habe sie eben vom Bahnhof abgeholt.“ Endlich stand er auf und trat zur Tür. Dort wandte er sich um und sah Ianto an, der die Gelegenheit genutzt und sich in seinen Morgenmantel gewickelt hatte. „Danke. Ich... Vielen Dank, Ianto.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er so abrupt wie er gekommen war.

 

Ianto sah ihm fassungslos nach. Dieser Mann... Er schüttelte den Kopf. Ihm fehlten die Worte für Captain Jack Harkness. Noch immer kopfschüttelnd machte er sich daran, sich anzukleiden. Er konnte schließlich Gäste nicht im Pyjama und mit Pantoffeln an den Füßen begrüßen. Egal um welche Uhrzeit.

 

Erst als er die Tür hinter sich zuzog, fragte er sich, wie Harkness überhaupt in den Raum gekommen war – er vergaß nie, abzusperren.

 

 

 

 

„Alice Carter. Meine... Schwester und ihr Sohn Steven“, stellte Harkness die Frau vor, die neben ihm stand, als Ianto die Rezeption betrat.

 

Er hatte das leichte Zögern nicht überhört. Schwester, hm. Und der kleine blonde Junge, der sich scheu hinter Harkness Beinen verbarg? Oh, es gab keinen Zweifel daran, dass sie miteinander verwandt waren. Die gleichen blauen Augen – auch wenn die des Captains schon längst den staunenden Ausdruck kindlicher Unschuld verloren hatten.

 

„Willkommen im Greyfriars Arms Hotel, Mrs. Carter.“ Ianto reichte ihr einen Schlüssel, den Harkness nahm, bevor sie auch nur Anstalten machen konnte, danach zu greifen. „Zimmer 4-17. Auf dem gleichen Korridor wie Captain Harkness – ich hoffe, das ist Ihnen so angenehm?“

 

Eines der möglicherweise patentierten Harkness-Lächeln blendete ihn fast.

 

„Perfekt, Ianto. Sie haben wie immer genau meine Gedanken erraten. Das war, um was ich Sie bitten wollte.“ Der Amerikaner beugte sich zu dem Jungen hinunter und hob ihn auf den Arm. „Hoch mit dir, Soldat. Höchste Zeit, dass du ins Bett kommst. Hier gibt es nichts, vor dem du dich fürchten musst.“ Steven legte den Kopf gegen Jacks Schulter und musterte Ianto scheu durch den Mob seines blonden Haares.

 

„Er ist ein wenig schüchtern“, erklärte Alice. „Und müde von der Reise. Wir waren den größten Teil der Nacht unterwegs und es war unmöglich, im Zug zu schlafen.“

 

„Selbstverständlich.“ Ianto trat hinter der Rezeption hervor und nahm den Koffer, nach dem Alice Carter gerade hatte greifen wollen. „Erlauben Sie mir.“ Der Junge war nicht der einzige, der erschöpft wirkte.

 

Der Captain warf ihm einen dankbaren Blick zu und legte seinen freien Arm um die Taille seiner Schwester, als er sie in den Lift führte.

 

 

 

 

„Ich wollte mich noch einmal dafür bedanken, dass Sie Alice und mir heute Nacht geholfen haben.“

 

Harkness tauchte plötzlich neben ihm auf, als Ianto die leeren Platten vom Frühstückbuffet abräumte und säuberlich stapelte. Zwei der Mädchen waren an Grippe erkrankt und die Küche daher mit Personal unterbesetzt. Mit Tosh an der Rezeption, hatte Ianto sich bereit erklärt, Rhi zu helfen. Geschirr spülen, Gemüse putzen, Tabletts zusammenstellen - er konnte sogar leidlich kochen, da seine Mutter der Meinung gewesen war, es könnte auch einem Jungen nicht schaden, zu wissen, wie viel Arbeit und Mühe und Liebe in einem Mahl steckten und es ihm früh beigebracht hatte.

 

„Das war selbstverständlich, Sir. Dies hier ist immerhin ein Hotel – es ist einzig dazu da, um Reisenden Unterkunft zu bieten.“ Ianto räusperte sich, als Harkness um ihn herum nach einem übriggebliebenen Speckstreifen griff. „Bitte nicht.“ Er zog die Platte weg. „Ich meine... das Essen ist kalt, Sir. Wenn Sie das Frühstück verpasst haben, kann die Küche...“

 

„Nicht notwendig. Ich habe bereits mit Alice und dem Kleinen gefrühstückt.“ Harkness wischte sich die Finger an der Hose ab.

 

„Wird ihre Schwester länger in Cardiff bleiben, Sir?“ Er stapelte schmutziges Geschirr auf ein Tablett, und gab sich Mühe, nicht zu neugierig zu erscheinen. Andererseits stellte der Amerikaner ständig Fragen...

 

„Nein. Das heißt, ich denke nicht, dass sie lange bleiben will.“ Der Captain zögerte. Gegen den Buffettisch lehnend verschränkte er die Arme vor der Brust. „Sie hat ihren Mann verlassen - oder um ganz ehrlich zu sein, er hat sie mit einer anderen Frau betrogen. Nicht zum ersten Mal. Alice war mit Steven den Sommer über in Italien, um seine Großmutter zu besuchen. Und als sie zurückkam, hatte er sich seine Geliebte sogar ins Haus geholt. Eine Nachbarin hat sie darauf angesprochen, noch bevor sie einen Fuß in die Tür gesetzt hatte. Und als sie Joe vor die Wahl stellte, setzte er sie und den Jungen praktisch auf die Straße. Das Gute daran ist, dass sie einen großen Teil ihrer Sachen bei sich hat.“ Harkness schnitt eine Grimasse. „Ich konnte ihn noch nie leiden. Auf jeden Fall braucht sie jetzt meine Hilfe und ich dachte, es wäre besser, sie zu mir zu holen, anstatt sie allein mit dem Jungen nach London zu schicken. Nur, falls ihr Mann es sich anders überlegen und sie suchen sollte. Ich kann allerdings für nichts garantieren, wenn er tatsächlich hier auftaucht.“

 

Ianto überlegte einen Moment, als er durch die Informationen sortierte, die der Captain geliefert hatte. Wie immer hatte er das Gefühl, nur die stark editierte Fassung der Wahrheit zu hören zu bekommen.

 

Bedauern zeigte sich in Gesichtszügen des älteren Mannes, als er fortfuhr; Iantos anhaltendes Schweigen ignorierend.

 

„Es wird nicht lange gut gehen. Sie ist so dickköpfig und unabhängig wie ihre Mutter.“

 

Er warf ihm einen Blick zu und erwartete, dass Harkness seinen Versprecher korrigierte.

 

„Und es wird ihr bald gegen den Strich gehen, bei mir unter zu kriechen und mich für sie sorgen zu lassen.“ Harkness lachte leise und das Bedauern verwandelte sich in einen Ausdruck der Nostalgie. „Sie haben keine Vorstellung, wie viel Überredungskunst es benötigte, sie wenigstens dazu zu bringen, Geld von mir anzunehmen. Zumindest habe ich sicher gestellt, dass Joe im Fall einer Scheidung seine Finger nicht in die Trustfonds stecken kann, die ich für sie und Steven angelegt habe.“

 

Ianto nickte – mehr Erwiderung schien der Captain auch nicht zu erwarten.

 

„Aber zumindest, bis ich andere Vorkehrungen für sie getroffen habe, wird sie hier im Hotel bleiben. Ich bezahle ihr Zimmer und komme für alles auf, was die beiden brauchen. Alice... und ich, wir haben uns entfremdet. Sie findet meine Arbeit zu gefährlich, als dass ich mich in ihrer und in der Nähe ihres Jungens aufhalten sollte. Sie hält mich für gefährlich. Ich habe Steven zuletzt gesehen, als er zwei war. So traurig der Anlass auch ist, vielleicht bietet er uns eine Möglichkeit, uns wieder anzunähern.“

 

„Vielleicht kann ich einen kleinen Beitrag leisten. Nicht zur Verbesserung Ihrer persönlichen Beziehung mit Ihrer Schwester, aber dazu, dass sie hier sicher ist“, entgegnete Ianto nach einem Augenblick.

 

„Inwiefern?“ Harkness musterte ihn neugierig.

 

„Ich kann sie unter einem anderen Namen in das Gästebuch eintragen. Sollte sich so jemand nach ihr erkundigen, egal ob persönlich oder telefonisch, kann niemand unabsichtlich Auskunft geben.“ Ianto sah den anderen Mann an. „Es ist natürlich nur eine kleine Sache, aber sie ist sicherlich nicht die einzige Frau mit einem Kind, die in einem Hotel wohnt. Es sollte es zumindest ein wenig erschweren, wenn jemand mit einer nur allgemeinen Beschreibung nach ihr fragen würde. Außerdem ist die Rezeption nur von mir - oder von Miss Sato in meiner Abwesenheit - besetzt, sollte sich jemand nach ihr erkundigen, in dem Fall kann ich veranlassen, dass nur Sie darüber informiert werden.“

 

„Mister Jones!“

 

„Sir?“ Ianto zog fragend die Augenbrauen hoch.

 

„Mir gefällt, wie Sie denken.“

 

„Danke, Sir.“

 

Harkness grinste. „Und mir gefällt, wenn Sie mich so nennen. Kann ich Sie immer noch nicht dazu überreden, für mich zu arbeiten?“

 

„Bedauere, mein Platz ist wirklich hier“, erwiderte Ianto ohne eine Spur des Bedauerns. „Sir“, setzte er mit einem Lächeln hinzu.

 

„Zu schade. Aber ich bin ja noch eine Weile hier. Vielleicht kann ich Sie dazu bringen, Ihre Meinung zu ändern.“ Harkness nahm das vollgepackte Tablett und steuerte auf die Tür zu.

 

„Sir!“, protestierte Ianto. „Sie sind Gast in diesem Hotel.“ Er sah sich unwillkürlich um, als fürchte er, jemand könne sie sehen. „Sie können doch nicht...“

 

„Unsinn. Sie sparen sich einen Gang in die Küche, wenn ich das zweite Tablett nehme, und ich kann Ihre Gesellschaft noch einen Moment länger genießen.“ Harkness drückte mit dem Ellbogen die Tür auf. „Worauf warten wir?“

 

Ianto schloss den Mund und holte das zweite Tablett, um mit ihm zum Captain aufzuschließen. „Was ist mit Steven?“, fragte er. „Wie alt ist er? Ich nehme an, er muss bald wieder in die Schule.“

 

„Er ist jetzt… acht Jahre alt.“ Harkness lächelte Martha zu, die ihnen entgegen kam und hastig ihr Erstaunen zu verbergen suchte, als sie ihm mit einem Tablett voll schmutzigen Tassen sah. „Alice unterrichtet ihn selbst. Sie war vor ihrer Heirat Lehrerin. Es gibt... auf unserer Seite der Familie eine... Erbkrankheit. Man kann es auch einen Fluch nennen.“ Für einen flüchtigen Moment wurde sein Lächeln bitter, bevor der Ausdruck verschwand. „Wir konnten nicht sicher sein, dass Steven nicht betroffen ist, also hat Alice sich entschieden, ihn so viel wie möglich in ihrer Nähe zu behalten.“

 

Vor der Küchentür stoppte Harkness abrupt und lachte. „Sie sind wirklich bemerkenswert, Mister Jones. Mit einer einfachen Frage bringen Sie mich dazu, über Dinge zu sprechen, an die ich seit sehr langer Zeit nicht einmal mehr gedacht habe.“

 

„Es war nicht meine Absicht zu...“, begann Ianto, und dieses Mal wusste er, dass sich Röte über sein Gesicht ausbreitete.

 

„Nein, keine Entschuldigungen. Ich denke, es ist nur fair, nachdem ich Ihnen bereits eine Menge privater Fragen gestellt habe.“ Der Captain zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht viel Gelegenheit, über die beiden zu sprechen. Bei meiner Arbeit ist es besser, Familie und Privates strikt voneinander getrennt zu halten.“

 

Ianto öffnete die Tür mit dem Ellbogen – lange Erfahrung machte das einfach – und hielt sie auf, so dass der andere Mann an ihm vorbei in den Raum treten konnte. „Vielleicht kann Steven sich ein wenig mit meinem Neffen David anfreunden, so lange er hier wohnt. David ist zehn und sehr lebhaft – er kommt eindeutig nach meiner Schwester“, schlug er vor.

 

„Und welche verborgenen Tiefen haben Sie?“

 

„Ich, Sir?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin als pedantischer Langweiler bekannt, ganz ohne verborgene Tiefen.“

 

Harkness sah ihn an. „Das halte ich für eine grobe Fehleinschätzung Jones-Ianto-Jones.“

 

Rhiannon eilte auf sie zu, die Hände an einem Tuch abtrocknend und Ianto stellte sein Tablett auf der Spülbank ab. „Wegen Steven und David?“

 

„Das ist eine gute Idee. Ich werde mit Alice darüber sprechen.“ Der Captain warf Rhiannon ein Lächeln entgegen. „Und mit Ihrer Schwester, wenn Sie nichts dagegen haben.“

 

Ianto duckte sich hinter ihm aus dem Raum. „Viel Glück.“

 

 

 

 

Wieder fand sich Ianto plötzlich in der Gesellschaft des anderen Mannes. Er stellte fest, dass es ihn von Mal zu Mal weniger störte. Vermutlich bedeutete es, dass man sich einfach an alles gewöhnen konnte. Auch an neugierige Amerikaner mit einem absoluten Mangel an Gespür für Privatsphäre.

 

Harkness lehnte neben ihm gegen das Geländer, den Rücken der Bay zugewandt. „Leben Sie gerne hier?“

 

„In Cardiff?“ Ianto zögerte einen Moment. Diese Frage hatte er sich bisher nie gestellt. „Ja, ich denke schon. Während meiner Ausbildung habe ich neun Monate in London gewohnt und das war anders und aufregend, aber ich habe mich dort nie Zuhause gefühlt.“

 

„Wie fühlt sich das an? Ich meine, irgendwo zu Hause zu sein?“

 

Ianto sah ihn an. „Sir?“

 

Im gleichen Augenblick winkte Harkness ab. „Vergessen Sie die Frage.“

 

„Sie waren schon einmal in Wales?“, fragte Ianto nach einer Weile.

 

„Sogar hier in Cardiff. Aber das ist länger her, als Sie sich vorstellen können.“ Harkness verschränkte die Arme vor der Brust. „Wieso?“

 

„Es war nur… Sie haben eine Bemerkung darüber gemacht, bei Ihrer Ankunft.“

 

„Und daran erinnern Sie sich noch?“ Der Captain lachte.

 

„Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis“, entgegnete Ianto sachlich.

 

„Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, Mister Jones.“ Harkness wandte sich ab und stützte die Ellbogen auf das Geländer, um ebenfalls in die Bay hinaus zu sehen.

 

Zu seiner Überraschung störte es Ianto kaum, dass sie so dicht nebeneinander standen, dass seine Schulter leicht gegen die des anderen Mannes presste.

 

 

 

 

Es kam seltener vor, als man annehmen mochte, das Ianto nachts von einem Anruf aus dem Schlaf gerissen wurde. Und noch weniger oft waren es gute Nachrichten, die um diese Uhrzeit eintrafen.

 

Ianto angelte schlaftrunken nach dem Hörer und lauschte auf das Klicken, das verriet, dass der Anruf automatisch von dem Apparat an der Rezeption zu diesem Anschluss umgestellt worden war. Einen Augenblick später erklang Gwen Coopers aufgeregte Stimme am anderen Ende der Verbindung.

 

Und Ianto war schlagartig hellwach.

 

Er beruhigte Miss Cooper, so gut er es vermochte - und nachdem er ihr mehrere Male versichert hatte, dass er ihre Worte ernst nahm und sie nicht als einen schlechten Traum abtat. Als Ianto den Hörer auflegte, war er halb und halb entschlossen, einfach wieder ins Bett zu gehen und die kostbare Zeit, die ihm bis zum Klingeln des Weckers bleiben würde, mit Schlafen zu verbringen.

 

Nur...

 

Nun, da war die Sachen mit diesen Geschöpfen, die laut Captain Harkness für Miss Coles Tod verantwortlich waren. Mangels anderer Erklärungen hatte er sich dazu durchgerungen, ihm zu glauben, ja... und genau das war der Grund dafür, dass er stattdessen aufstand, sich gegen die nächtliche Kühle fest in seinen Morgenmantel wickelte und ans Fenster trat. So sehr er auch angestrengt ins Dunkel starrte, da war nichts. Zumindest nichts, dass er sehen konnte.

 

Was, wenn sie zurück waren?

 

Der Captain schien überzeugt, dass sie nicht so lange gewartet hätten; dass die Rosen wirklich nur als Mahnung gedacht gewesen waren.

 

Und wenn er sich irrte?

 

Was, wenn sie genau jetzt zurückgekommen waren und Miss Cooper zufällig eines von diesen Wesen gesehen hatte, als sie ihr Fenster öffnete, um frische Luft in den Raum zu lassen? Was, wenn sie in diesem Moment durch den Garten – oder womöglich durch das Hotel – schwirrten?

 

Konnte er das Risiko eingehen, dass Miss Cooper einfach nur geträumt hatte?

 

Er wandte sich vom Fenster ab und sein Blick fiel auf das zusammengeschrumpfte Häufchen getrockneter Rosenblütenblätter, die er beim Abräumen seines Bettes zurückbehalten hatte. So, wie sie da auf der ledernen Schreibunterlage im Mondschein lagen, wirkten sie völlig harmlos – sogar romantisch.

 

Ianto konnte nicht anders, als jedes Mal, wenn er sie ansah, daran zu denken, wie Harkness eines davon aus Miss Coles Mund gezogen hatte. Ein Schauer, der nichts mit der Temperatur zu tun hatte, lief durch ihn.

 

Der Zeiger der Wanduhr kroch quälend langsam übers Zifferblatt, während er versuchte, eine Entscheidung zu treffen.

 

Am Ende resignierte er und beschloss, das einzige zu tun, das ihm im Moment als logische Reaktion erschien – er würde Harkness um Rat fragen.

 

 

 

 

Zum ersten Mal sah sich Ianto einem weniger als perfekt erscheinenden Captain gegenüber. Selbst klatschnass in einem Sturm oder nur mit einem Handtuch bekleidet, hatte der Amerikaner eine unnatürliche Perfektion ausgestrahlt.

 

Als er ihm jetzt die Tür öffnete... barfuss, nur mit einer grauen Hose bekleidet an der die Hosenträger lose an den Seiten herunterbaumelten, mit in alle Richtungen abstehenden Haaren und dem Abdruck der Knopfleiste des Kissenbezugs noch auf der Wange... hatte Ianto das erste Mal den Eindruck einem völlig gewöhnlichem Menschen gegenüber zu stehen.

 

„Ich muss mit Ihnen sprechen.“ Es war selbst ihm zu früh für Förmlichkeiten. Oder Entschuldigungen. Und da war immer noch die Nacht, in der Harkness einfach in seinem Zimmer auftaucht war, um Unterkunft für seine Schwester zu fordern. So gesehen war Ianto ein Muster an Höflichkeit.

 

Harkness trat einen Schritt zurück und bedeutete ihm, ein zu treten. Er gähnte und strich sich durch die Haare. „Ich habe offensichtlich keinen Besuch erwartet. Aber das heißt nicht, dass ich mich nicht...“

 

„Sie müssen mit mir kommen“, unterbrach ihn Ianto.

 

„Jetzt sofort?“ Der Captain zog die Augenbrauen hoch. „Nicht, dass ich grundsätzlich abgeneigt wäre, aber es ist erst halb fünf.“

 

„Sie können die Uhr lesen – gratuliere, Sir.“

 

Der Amerikaner schnitt eine Grimasse. „Kein Sarkasmus im Morgengrauen bitte, Mister Jones. Nicht vor... oh, mindestens neun Uhr und nach meiner ersten Tasse Kaffee.“

 

„Irgendjemand... irgendetwas... treibt sich im Garten herum.“ Ianto rieb sich übers Gesicht. Es laut zu sagen war etwas anderes, als in Gedanken. Er holte tief Luft. „Miss Cooper hat mich angerufen. Sie war sehr aufgebracht und zuerst dachte ich, sie hätte einfach nur schlecht geträumt, aber dann begann ich an... an diese Dinger zu denken, die Miss Cole getötet haben. Und ich...“

 

„Sie dachten: Was wenn sie zurückgekommen sind?“ Harkness wirkte nun völlig wach. „Das glaube ich nicht. Wie ich Ihnen schon sagte, sie sind nicht besonders geduldig, sie hätten nicht so lange gewartet.“

 

Ianto lehnte sich neben der Tür gegen die Wand. „Ich hätte nicht so panisch reagieren sollen. Es tut mir leid. Belassen wir es dabei, dass wir nun quitt sind.“ Er wandte sich ab, um zu Gehen.

 

„Nein.“

 

Der Captain packte ihn an der Schulter, hielt ihn zurück. Er lockerte sofort seinen Griff, als Ianto ihn ansah.

 

„Ich wollte damit nicht sagen, dass Sie sich irren. Oder dass nicht trotzdem etwas da draußen unterwegs sein kann. Geben Sie mir zwei Minuten, damit ich mich anziehen kann und wir sehen gemeinsam nach.“

 

Harkness zog langsam seine Hand zurück, dabei zeichneten seine Fingerspitzen eine Line an Iantos Arm entlang. Die Berührung wirkte seltsam entspannend auf ihn. So als würde der andere Mann damit einen Teil der Verantwortung von Iantos Schultern nehmen.

 

„Gut.“ Ianto lehnte sich wieder gegen die Wand und beobachtete wie Harkness – scheinbar lang darin geübt, sich hastig und im Halbdunkel anzuziehen – den Rest seiner Kleidung lokalisierte. Als letztes vervollständigten seine Waffe und der Militärmantel Harkness’ Erscheinung.

 

Der Amerikaner öffnete die Tür und sah ihn auffordernd an: „Dann zeigen Sie mir mal, wo’s langgeht.“

 

 

 

 

Zehn Minuten später fragte sich Ianto, ob er den gesunden Menschenverstand, dessen er sich immer gerühmt hatte, möglicherweise in seinem Zimmer vergessen hatte. Direkt neben der dicken Jacke, die auf einem Kleiderbügel an seinem Schrank hing, anstatt ihn in der Morgenkühle warm zu halten. Der Sommer schien dieses Jahr nahtlos in den Herbst übergegangen zu sein, ohne eine angenehme Übergangszeit, in der man sich schrittweise an das veränderte Wetter gewöhnen konnte.

 

Er zog den Kopf zwischen die Schultern und starrte neidvoll auf Harkness in seinem langen Mantel, der plötzlich gar nicht mehr so übertrieben und dramatisch, als vielmehr praktisch und wärmend aussah.

 

„Alles in Ordnung?“ Der Amerikaner wandte sich zu ihm um, hob den Blick von dem Lederband an seinem Handgelenk.

 

Die Klappe war offen und selbst auf Distanz und im Halbdunkel des Gartens konnte Ianto Lichter daran blinken sehen. Was zum Teufel trug der Amerikaner da mit sich herum?

 

Ianto nickte und schob die Hände tiefer in die Taschen seiner Hose. „Schöner Mantel“, meinte er trocken. „Nicht mehr so richtig modern allerdings.“

 

„Oh, aber dafür könnte er die interessantesten Geschichten erzählen, wenn...“ Weiter kam Harkness nicht, denn plötzlich bewegte sich etwas in den Sträuchern links von ihnen.

 

Eine dunkle, gedrungene Gestalt krachte mit einem Knurren in den Amerikaner und sie taumelten beide zu Boden.

 

Für ein paar lange Sekunden stand Ianto wie erstarrt da, dann sah er sich um und fand einen nicht allzu kleinen Ast, der wohl dem Sturm zum Opfer gefallen war. Ohne lange darüber nach zu denken, hob er ihn vom Boden auf, rannte dorthin wo Harkness unter dem Angreifer fast zu verschwinden schien und drosch auf ihn ein.

 

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Plötzlich richtete sich der Eindringling auf und Ianto starrte fassungslos auf monströs-verzerrte Gesichtszüge und geifernde Reißzähne. Das... Ding... Monster... holte aus und Ianto spürte einen Luftzug und dann einen scharfen Schmerz an seiner Wange.

 

Bevor er reagieren konnte - oder auch nur zurück weichen - kam der Captain auf die Beine  und zerrte das Ding von ihm weg.

 

Das Wesen schüttelte ihn ab und Harkness krachte gegen einen Baum, der einige Schritte hinter ihm stand. Dann schien es einen Moment zu überlegen und verschwand wieder in den Schatten zwischen den gleichen Sträuchern, in denen es aufgetaucht war.

 

Ianto starrte Harkness an, der in sich zusammengesunken am Fuß des Baumes lag. Dieses Ding konnte jederzeit zurückkommen. Zum Haus war es zu weit, vor allem im Halbdunkeln und mit Harkness, von dem er nicht wusste, wie schwer er verletzt war.

 

Ratlos drehte er sich einmal um die eigene Achse – und erblickte ein Stück entfernt den Geräteschuppen, in dem Moses gerne auf Mäusejagd gegangen war. Er wurde nicht mehr benutzt, war aber ziemlich intakt und aus stabilem Holz mit einem gemauerten Fundament erbaut. Was Ianto vor allem vor Augen stand, war der große Riegel, mit dem man die Tür verschließen konnte. Er hatte sich immer gefragt, wozu sich einer an der Innenseite befand, so dass man die kleine Hütte von innen verriegeln konnte - doch jetzt war er der Person, die auf diese geniale Idee gekommen, zutiefst dankbar.

 

Vielleicht kein idealer Ort, aber eine kurzfristige Zuflucht. Entschluss gefasst, eilte er zu Harkness, der sich eben mit einem Stöhnen aufsetzte und packte ihn an den Schultern, um ihm auf die Beine zu helfen. „Oh mein Gott“, flüsterte er entsetzt, als er die klaffende Wunde am Halsansatz des Captains sah. Seine Hemdbrust war zerfetzt und blutbedeckt.

 

Der Amerikaner machte Anstalten, seinen Griff abzuwehren. „Nichts passiert. Nur ein… Kratzer. Ich hatte schlimmere Verletzungen beim Rasieren.“ Der brüchige Ton seiner Stimme besagte etwas anderes.

 

„Wir müssen hier weg.“ Ianto hakte den Arm des Captains um seinen Nacken, legte seinen eigenen Arm um die Taille des anderen Mannes und hielt ihn so aufrecht, als Harkness gefährlich schwankte. Mit der anderen Hand deutete er in Richtung Geräteschuppen. „Dorthin. Schaffen Sie das?“

 

Statt einer Antwort richtete sich Harkness auf und machte einen Schritt vorwärts.

 

Es erinnerte zugegeben mehr an ein betrunkenes Stolpern, doch sie schafften es in den Geräteschuppen und Ianto öffnete mit zitternden Händen die Tür, die glücklicherweise nicht abgeschlossen war. Er manövrierte Harkness hinein und schob ächzend den Riegel hinter ihnen zu.

 

Es war dunkel hier drinnen – viel dunkler als draußen, weil die Fensterläden der beiden kleinen Fenster links und rechts vor Jahren zugenagelt worden waren. Ianto konnte über ihnen gerade so die Spalten in den Brettern ausmachen, aus denen die Decke bestand und fluchte, als sein Knie gegen etwas Metallisches schlug und der scharfe Schmerz, der durch sein Bein schoss, ihn für einen Moment sogar das Brennen an seiner Wange vergessen ließ.

 

Neben ihm im Dunkeln lachte Harkness, leise und atemlos. „Ianto?“

 

„Sir?“

 

„Ist es unter diesen Umständen unangemessen, wenn ich Ihnen vorschlage, mich Jack zu nennen? Und zu duzen?“

 

„Ich denke, es ist unabhängig von den Umständen unangemessen“, flüsterte Ianto zurück.

 

„Oh. Nur du... so eine Antwort kann nur von dir kommen.“

 

„Sir?“

 

Schweigen.

 

„Captain Harkness?“

 

Ianto musste einen Anflug Panik niederkämpfen. Was wenn der Amerikaner schwerer verletzt war, als er tat? Was, wenn er das Bewusstsein verloren hatte... womöglich starb? „J-Jack?“, flüsterte er unsicher.

 

„Okay für den Anfang. War doch gar nicht so schwer“, kam es amüsiert aus dem Dunkel.

 

„Bastard“, zischte Ianto, bevor er sich selbst stoppen konnte.

 

„Das habe ich schon ein paar Mal zu hören bekommen“, erwiderte Harkness amüsiert.

 

Ianto tastete sich an der Wand entlang, bis er gegen den anderen Mann stieß und ließ sich langsam neben ihm auf den Boden sinken. Seine Schulter presste gegen Harkness’ und er spürte, wie der ältere Mann sich gegen ihn lehnte.

 

„Was war das?“

 

„Etwas, dass eigentlich nicht hier sein sollte.“ Harkness seufzte.

 

„Das heißt, Sie wissen, was es ist?“, fragte Ianto scharf. Er näherte sich allmählich dem Ende seiner Geduld.

 

Plötzlich schlug etwas gegen die Tür und sie konnten ein Schnüffeln wie von einem großen Hund hören, dann ein Knurren.

 

„Verdammt. Es muss völlig ausgehungert sein. Bestimmt gibt es in ganz Cardiff keine Katzen und keine nicht umgekippte Unrattonne mehr“, wisperte Harkness direkt in Iantos Ohr. „Wer weiß, wie lange sie schon hier sind. Vermutlich hat sie niemand vorher gesehen, weil sie sich erst akklimatisieren mussten. Oder es gab nur ein paar wenige und jetzt sind es so viele, dass sie sich gegenseitig den Platz und das Futter wegnehmen und deshalb an die Oberfläche kommen.“

 

„An die Oberfläche von woher?“, fragte Ianto genauso leise zurück – und zuckte zusammen, als das Grollen direkt hinter ihm zu erklingen schien – wenn auch hinter einer hoffentlich soliden Wand. „Von was reden wir? Sind das irgendwelche wilden Tiere, die eingeschleppt wurden? Oder die aus einem Zirkus entlaufen sind?“ Er erinnerte sich daran, wie Doktor Smith ihm einmal erzählt hatte, wie im Zeitalter der Entdecker oft durch das Einschleppen fremder Tierarten ganze Landstriche entvölkert und komplette Tierpopulationen ausgerottet worden waren. Konnte so etwas hier und jetzt auch noch passieren?

 

„Nein.“ Harkness’ Hand geisterte an seinem Arm entlang und legte sich schwer auf seine Schulter. „Das ist nicht die richtige Zeit und Gelegenheit für Förmlichkeiten. Ich kann alles erklären, aber zuerst muss ich es uns vom Hals schaffen. Ein Weevil, der menschliches Blut gekostet hat, ist genauso unberechenbar wie ein Hund oder Wolf, der das gleiche tut. Sie verlieren ihre natürliche Scheu vor Menschen und betrachten sie schließlich nur noch als große, dumme und langsame Beute.“

 

Der Captain holte tief Luft und Ianto spürte ihn sein Gewicht auf die andere Körperhälfte – diejenige, die nicht mit dem Baum in Kontakt gekommen war – verlagern. Diese eher subtile Bewegung sagte ihm, dass der ältere Mann alles andere als ‚in Ordnung‘ war. „Was können wir tun?“

 

„Wir? Nichts. Ich werde etwas tun. Allein.“ Seine Finger bohrten sich fast schmerzhaft in Iantos Schulter, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Ianto, das ist wichtig. Keine Heldentaten, okay? Ich gehe jetzt da raus, alleine. Und du bleibst hier drin, egal was passiert, bis ich sage, dass es sicher ist, heraus zu kommen. Verstanden?“

 

Da war nichts mehr in seinem Tonfall, dass scherzend (...oder – hier im Dunkeln konnte er es sich eingestehen, dass Rhi recht gehabt hatte – flirtend) klang. Nur eine stählerne Entschlossenheit und mehr Autorität, als Ianto sich je erträumen konnte, zu besitzen. In diesem Moment glaubte er unumwunden, dass der Captain seinen militärischen Rang nicht einfach erfunden hatte. „Verstanden, Sir.“

 

„Gut. Guter Junge.“

 

Etwas begehrte in Ianto auf, als Junge bezeichnet zu werden, doch diese innere Stimme verstummte geschockt, als Harkness ihn auf die Schläfe küsste und sich dann hochstemmte, seine Schulter als Stütze verwendend.

 

Etwas klickte im Dunkeln über ihm. „Eine Kugel wird nicht ausreichen, um ihn zu stoppen. Aber eine komplette Kammer voll Patronen sollte genug sein. Wir sind hoffentlich weit genug vom Hotel entfernt und es ist früh genug, dass nicht sofort jemand angelaufen kommt, weil er Schüsse gehört hat. Aber wenn doch, werde ich die Erklärungen übernehmen. Es ist überhaupt besser, wenn niemand erfährt, dass du bei mir warst und was du gesehen hast.“

 

„Ja, Sir“, flüsterte er, einen Knoten in der Kehle.

 

„Ich verspreche, dass ich alles erkläre, Ianto, zumindest alles was ich erklären kann. Sobald das hier vorbei ist.“

 

„Ich verstehe, Sir.“

 

„Ianto?“

 

Er schwieg, verunsichert was der andere Mann von ihm hören wollte. Dann erinnerte er sich. „Ich verstehe, Jack“, sagte er, der Name fremd und schwer auf seiner Zunge.

 

„Ich sehe doch noch Hoffnung für uns.“

 

Er hörte den Amerikaner leise lachen und dann das Quietschen und Schaben, das der lange nicht geölte Riegel verursachte, als er zurückgeschoben wurde.

 

„Schieb’ den Riegel sofort wieder zu, wenn ich draußen bin.“

 

Einen Moment tauchte Jacks Silhouette in der nun geöffneten Tür auf, doch noch bevor sich Iantos Augen an das hellere Licht des anbrechenden Morgens draußen gewöhnt hatten, hatte er den Schuppen verlassen und die Tür schloss sich hinter ihm.

 

Ianto rappelte sich auf, ging mit tauben Beinen zur Tür und fummelte einen Augenblick mit unkooperativen Fingern an dem Riegel herum, bevor der endlich wieder zu glitt; lehnte sich mit dem Rücken gegen das raue Holz und schloss die Augen. Sein Atem war laut in der Stille des Schuppens und er glaubte, das Hämmern seines Herzens von den Wänden widerhallen hören zu können.

 

Der erste Schuss fiel und die restlichen folgten so rasch, dass er kaum Gelegenheit hatte, zu zucken.

 

Danach war es wieder still – und in der Stille hörte Ianto eine Reihe beunruhigender Geräusche: Knacken und Knistern, ein Rumpeln... Was, wenn Jack sich geirrt hatte? Was, wenn dieses Ding ihn getötet hatte? Aber die Schüsse...

 

„Ianto?“ Sein Name wurde von einem Klopfen gegen die Tür begleitet. „Ianto? Es ist vorbei.“

 

Er drehte sich um und hatte wieder einen Moment lang mit dem widerspenstigen Riegel zu kämpfen, der ein paar Mal durch seine schweißnassen Finger glitt, bevor er ihn öffnen konnte, und die Tür aufging. Ianto stolperte vorwärts, ins Freie und direkt in die Arme des anderen Mannes, der ihn festhielt.

 

„Okay, okay“, flüsterte Harkness und legte eine Hand auf seinen Hinterkopf, um sein Gesicht nach unten unter sein Kinn zu drücken, so dass es gegen seine Brust gepresst wurde, als wäre er ein Kind, dem ein schlimmer Anblick erspart werden sollte. „Es ist okay. Alles vorbei.“ Seine freie Hand glitt ohne festes Muster über Iantos Schultern und Rücken und als Ianto aufsah, waren sie sich so nah, dass sich ihre Nasen fast streiften.

 

Ianto wich abrupt und verlegen zurück, brach aus Jacks loser Umarmung aus. „I-Ich...“, er stoppte, wusste nicht mehr, was er eigentlich hatte sagen wollen. Er trat ein paar Schritte zur Seite und blieb wie angewurzelt vor dem... Ding... stehen.

 

Die grotesken Gesichtszüge waren auch leblos nicht angenehmer anzusehen und das Blut, das um den Kopf des Wesens ins Gras sickerte, war genug das er den Blick abwenden musste. Ianto spürte mehr als das er sah, wie Harkness hinter ihn trat. Er schüttelte die Hand ab, die sich auf seine Schulter legte.

 

„Ianto – würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass ich älter bin, als ich aussehe?“

 

„Fischen Sie wieder nach Komplimenten, Sir?“, entgegnete er tonlos.

 

„Ich meine das ernst, das gehört zu meiner Erklärung. Und können wir bitte die Förmlichkeiten und das ‚Sir’ endlich vergessen?“ Harkness wartete auf eine Antwort, doch Ianto blieb sie ihm schuldig. „Du hast gesehen, wie ich angegriffen und verletzt wurde, aber jetzt ist keine Wunde mehr da. Wie erklärst du dir das?“

 

„Ich nehme an, es war... ich habe mich getäuscht.“ Ianto verschränkte die Arme vor der Brust. „Es ist immer noch ziemlich dunkel. Ich war aufgeregt. Und…“ Er  wagte einen Blick über die Schulter. Harkness sagte die Wahrheit. Sein Hemd war nach wie vor in Fetzen und mit Blut bedeckt, doch die klaffende Wunde an seinem Halsansatz war verschwunden. „…und das ganze Blut stammt wohl von diesem... Ding, das uns angegriffen hat.“, schloss er unsicher.

 

„Diese Dinger nennt man Weevil - und sie sind... sagen wir, nicht gerade einheimisch in diesen Breiten.“ Jack lehnte gegen die Außenwand des Schuppens, und zog den Mantel enger um sich als wäre ihm kalt.

 

„Hier in Wales?“ Ianto musterte ihn erneut aus den Augenwinkeln. Trotz der Sonnenbräune war Harkness sichtlich blass und er hatte den Eindruck, dass es ihm schwer fiel, richtig zu atmen.

 

„Hier auf der Erde.“ Sein Grinsen war humorlos.

 

Ianto blinzelte, sagte aber nichts und Harkness schien das als positives Signal aufzunehmen, weiter zu sprechen.

 

„Es war echt, ich meine, das Blut und die Wunde an meinem Hals. Ich... heile nur sehr schnell.“

 

„Sehr schnell?“ Da war ein scharfer Unterton in Iantos Worten, der ihn selbst überraschte. „Eine solche Wunde und geheilt in was… zehn Minuten? Das ist nicht...“

 

„...nicht normal, ich weiß. Ich bin nicht... normal“, erwiderte Jack mit einer Grimasse. Er lachte müde. „Ich bin sogar unmöglich.“

 

„Das ist doch kompletter Unsinn.“

 

„Ist es das?“ Jack zog seinen Mantel auseinander und zwang seinen Blick förmlich auf die Risse in seinem blutgetränktem Hemd, durch die seine Haut hervor sah. Ohne weitere Umstände riss er die Stoffreste weg und Ianto konnte selbst im matten Licht des Morgens die roten Linien auf seiner Brust sehen – die wortwörtlich vor seinen Augen verschwanden. „Ich bin... etwas ist mit mir passiert“, sagte Harkness so leise, dass Ianto Mühe hatte, ihn zu verstehen. „An einem anderen Ort, vor langer Zeit, ich kenne selbst nicht alle Details. Ich habe noch niemand getroffen, der es mir erklären kann. Seither altere ich nicht mehr und ich heile sehr schnell und bin praktisch...“ Er brach abrupt ab und starrte auf die Stofffetzen in seiner Hand.

 

„Praktisch was?“, wiederholte Ianto tonlos.

 

„Nichts.“ Harkness grinste humorlos. „Reicht das nicht?“

 

Ianto war sicher, dass ihm der Amerikaner wieder etwas verschwieg. Was? Was konnte ein noch größeres Geheimnis sein, als das was er ihm bereits gesagt hatte?

 

„Dieser Planet ist einfach zu klein.“    „Die Menschen in diesem Jahrhundert haben keine Ahnung, was ihnen entgeht.“    „...einheimisch... nicht hier auf der Erde...“

 

Er hatte Bemerkungen wie diesen bisher keine große Beachtung geschenkt. Sie als Teil des überschwänglichen Wesens abgetan, das der Captain an den Tag legte. Er konnte nicht meinen... nein, das war unmöglich. Das war etwas aus Andys Büchern. Er wich unwillkürlich einen Schritt zurück, dann noch einen.

 

Harkness beobachtete seinen Rückzug mit einem unübersehbaren Ausdruck von Resignation; er schien keine andere Reaktion von ihm erwartet zu haben.

 

Das machte das Ganze umso schlimmer. Er hatte gerade mit eigenen Augen gesehen, wie die Wunden auf seiner Brust heilten. Wenn er Jack – Captain Harkness – als Irren abtat, was war er dann selbst?

 

Allerdings gab es immer noch die Möglichkeit, dass er bewusstlos war; ihn dieses Ding mit den monströsen Gesichtszügen und Klauen doch erwischt hatte und er gerade halluzinierte, während er verblutete. Er berührte seine Wange, spürte die rauen Kanten der Kratzer und klebriges Blut an seinem Kinn und Hals. Das war wirklich passiert.

 

Er war so in seine eigenen Gedanken und die damit wachsende Panik verstrickt, dass es einen Moment dauerte, bis er bemerkte, dass Harkness auf die Knie gesunken war, beide Arme um seine Körpermitte geschlungen. Ianto war neben ihm, bevor er darüber nachdenken konnte und griff nach seinen Schultern, um ihn zu stützen. „Was ist los, Jack?“

 

„Es ist schon okay. Es ist nichts. Nur ein paar innere Verletzungen, die gerade heilen. Der ganze Prozess ist ... nur nicht gerade schmerzlos. Ich brauche nur einen Moment, um mich zu erholen. Der Blutverlust macht mich immer so müde. Dann... wir müssen den Kadaver wegschaffen, damit ihn niemand sonst sieht.“

 

„Mickey kann mir dabei helfen. Er wird seinen Mund über das halten, was er sieht. Ich vertraue ihm.“

 

„Nein. Niemand außer uns darf davon wissen.“

 

Ianto stand auf und half ihm auf die Beine. „Ich bringe Sie zuerst in Ihr Zimmer, damit Sie sich ausruhen können. Und dann schaffe ich dieses... dieses Ding hier weg. Um diese Zeit kommt noch niemand hierher, es sollte für eine Weile in Ordnung sein.“

 

 

 

 

Er war sich nicht sicher wie, doch sie schafften es zurück ins Hotel und ungesehen in Harkness‘ Zimmer. Kaum hatte er den anderen Mann relativ unzeremoniell auf dem Bett deponiert, eilte er wortlos aus dem Raum.

 

Was sollte er jetzt machen?

 

Also tat Ianto, was er immer tat, wenn die Ereignisse um ihn herum zu viel wurden. Er packte seine Verwirrung und die Fragen weg, in eine ferne Ecke seines Bewusstseins, und konzentrierte sich auf den nächsten Schritt; in Gedanken eine Liste erstellend.

 

Zuerst musste er sich vergewissern, dass die Schüsse keine Aufmerksamkeit hervorgerufen hatten. Sie befanden sich in der Stadt, nicht auf dem Land, wo so etwas vielleicht eher zu erklären war. Aber es war noch früh und sie befanden sich etwas abseits von den nächsten Wohnhäusern - und es bestand die Hoffnung, dass die meisten Gäste es im Halbschlaf als etwas… als etwas Banales abtaten, die Fehlzündung eines Transporters, eines vorbeifahrenden LKWs vielleicht, oder etwas in der Art.

 

Dann musste er einen Weg finden, dieses… dieses Ding… (er scheute davor zurück, es bei dem Namen zu nennen, den Harkness ihm gegeben hatte) weg zu schaffen. Und wo sollte er mit dem Kadaver überhaupt hin? Es musste ein Ort sein, an dem niemand aus Versehen über das Ding stolpern konnte. Und wo es sich… eine Weile hielt…

 

Gott, wie war er nur in diese Sache geraten.

 

Ianto sackte gegen den Empfangstresen an der Rezeption und presste die Handballen in die Augenhöhlen. In seinen Schläfen pochte es dumpf. Er ließ die Arme sinken – aber das Pochen hörte nicht auf.

 

Es war nicht in seinem Kopf. Es war an der Tür!

 

Er richtete sich auf und musste mehr als nur einen Anflug von Panik niederkämpfen. Seine Hände flogen über seine Kleidung, rückten sie zurecht, wischten Schmutz und Staub aus dem Schuppen ab. Gott, seine Hände. Da war getrocknetes Blut an seinen Fingern! Hatte er es etwa auch im Gesicht? Die Kratzer auf seiner Wange!

 

Da war keine Zeit in sein Büro zu gehen und sich zu waschen. Also zog Ianto zum ersten Mal in seinem Leben die Hand in den Ärmel und fuhr sich damit übers Gesicht; wie ein kleiner Junge, der sich mit Eiscreme beschmiert hatte. Auf dem Weg zur Tür rieb er seine Hände, vor allem die Handflächen, gegen die Hose, bis seine Haut brannte. Dann knöpfte er sein Jackett bis oben hin zu, um die Blutflecke auf seinem Hemd zu verdecken. Auf dem dunklen Stoff konnte man zum Glück nichts erkennen, falls sich dort ebenfalls welche befanden. Er hoffte, es würde ausreichen.

 

Ianto holte tief Luft und öffnete die Tür. Er konnte sich gerade noch selbst davon zurück halten, sie umgehen wieder zuzuknallen. Direkt vor Andy Davidsons Nase.

 

„A-Andy.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Handflächen in die Achselhöhlen. „Guten Morgen. Ist es schon Morgen? Was führt dich hierher?“

 

„Hi, Ianto.“ Davidson musterte ihn neugierig und Ianto unterdrückte den Drang, von einem Bein auf das andere zu treten. „Mann, wie machst du das nur? Schläfst du etwa in den Dingern auch? Oder ist das nur ein Pyjama, der aussieht wie ein Anzug?“ Er lachte.

 

Er brachte ein Lächeln zustande. „Übung, Andy, viel Übung.“ Er räusperte sich. „Was kann ich für dich tun? Rhi hat eine besonders lange Einkaufsliste für mich, deshalb muss ich jetzt eigentlich los.“

 

„Gee, nein, ich möchte nicht schuld daran haben, wenn du mit deiner Schwester Ärger bekommst.“ Andy schob seine Mütze aus der Stirn. „Ich bin nur hier, um zu fragen, ob du etwas Ungewöhnliches gehört hast? Jemand hat auf der Wache angerufen, weil er dachte, er hat hier in der Gegend Schüsse gehört.“

 

„Ich… nein, nein tut mir leid, Andy. Ich habe nichts gehört.“ Er dachte gerade noch rechtzeitig an seine beschmutzten Hände, als diese schon beinahe auf dem Weg waren, um eine nicht-vorhandene Krawatte zurecht zu rücken.

 

„Klar. Kein Problem, vermutlich war es nichts. Ich meine, Schüsse, ja? Hier in Cardiff? Hier passiert doch nie was, wie in den Filmen.“ Andy wirkte sehr enttäuscht, als er die Schultern hob. „Lässt du es mich wissen, wenn du was von den Gästen hörst? Nur, weil ich einen Bericht darüber schreiben muss.“

 

„Natürlich. Obwohl ich sicher bin, dass du das vermutlich vor mir erfährst, wenn du das nächste Mal in der Küche auftauchst.“ Ianto zwang ein weiteres, mattes Lächeln auf seine Lippen und hoffte, dass PC Davidson es der frühen Morgenstunde zu schrieb.

 

„Stimmt. Deine Schwester muss die best-informierteste Person in ganz Wales sein.“ Andy tippte an seine Mütze. „Übrigens, du hast da was an der Wange. Bis bald, Ianto.“

 

„Bis bald, Andy. Ich wünsche dir einen schönen Tag.“ Ianto schloss die Tür hinter dem Rücken des Constable und lehnte sich mit weichen Knien dagegen. Sein Herz schlug bis zum Hals und für einen langen Moment hatte er mit Übelkeit zu kämpfen.

 

Keine Zeit für so etwas. Keine Zeit, die Nerven zu verlieren. Seltsamerweise war es Lisas Stimme, die er in seinen Gedanken hörte.

 

Ianto stieß sich von der Tür ab und gab den Drang nach, seinen Anzug glatt zu streichen und starrte dann auf seine Hände. Sie bebten und er ballte die Finger zu Fäusten.

 

Das Ding im Garten. Daran musste er jetzt zu allererst denken. Wie schaffte er es da weg? Zu schwer zum Tragen, ziehen würde zu lange dauern… sein Blick fiel auf den Gepäckwagen, der in einer Nische neben der Rezeption stand. Doch die kleinen, drehbaren Räder waren völlig ungeeignet, um durch Gras zu rollen. Rollen… Rollen war ein gutes Stichwort. Da war eine Sackkarre in einem kleinen Nebenraum zur Vorratskammer, sie benutzten sie nur selten – aber zusammen mit einem Seil sollte er den… das… Weevil-Ding aus dem Garten schaffen können. Aber wohin? Oder sollte er es einfach dort lassen? Nur in den Geräteschuppen schleifen und hoffen, dass niemand – und das schloss Mica und David mit ein – sich zufällig dorthin verirrte?

 

Nein. Zu riskant.

 

Der Keller? Es war nicht viel da unten. Aber es war kühl. Sie lagerten Holz und Kohle für den dekorativen Kamin im Foyer dort im vorderen Teil. Dahinter gab es Räume, die vermutlich seit den Zeiten seines Großvaters nicht mehr betreten worden waren. Er wusste, dass er die Schlüssel dafür in seinem Schreibtisch hatte.

 

Ianto atmete tief ein und machte sich an die Arbeit.

 

 

 

 

Es war nicht leicht gewesen, den Weevil zuerst in die Sackkarre zu hieven und ihn dann daran fest zu binden. Da war nicht nur das Blut, das die ledrige Haut des Geschöpfs rutschig und schwer zu greifen machte. Der Geruch, der von ihm ausging… Ianto sah sich gezwungen, die Luft anzuhalten, so lange er sich über es beugte.

 

Glücklicherweise gab es eine Rampe, die in den Keller führte, denn er glaubte wirklich nicht, dass er die Sackkarre Treppenstufen hinab gebracht hätte. Auch so kippte sie einmal um und Ianto hatte Mühe, sie mit dem festgebundenen Kadaver wieder aufzurichten, um seinen Weg fort zu setzen.

 

Er schaffte das Ding so tief in den Keller wie er konnte, und legte ihn zwischen Stapeln an leeren Holzkisten ab, die mit einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt waren. Hier war offenbar sehr lange niemand gewesen. Zur Sicherheit kam er mit einer Stück Segeltuch zurück, dass aus welchem Grund auch immer dort aufbewahrt wurde und das bereits Moder angesetzt hatte. Er deckte den toten Weevil damit zu und floh förmlich aus dem Keller, nur anhaltend, um mit unsicheren Händen die Schlösser hinter sich abzuschließen.

 

Ianto eilte direkt in sein Schlafzimmer, zog seinen Anzug mit wenig Sorgfalt aus, ließ ihn auf den Boden fallen und schrubbte seine Haut so lange mit Wasser und Seife, bis sie rot war und brannte. Er zog frische Kleidung an, brachte seine Haare in Ordnung und versuchte erfolglos, den weitäugigen, geschockten Ausdruck aus seinem Gesicht zu bringen. Es gelang ihm nur teilweise.

 

Dann stieg er langsam die Treppen zu Harkness‘ Zimmer hoch.

 

 

 

 

Jack wollte auf Förmlichkeiten verzichten, und oh ja, Ianto konnte ihm diesen Wunsch erfüllen. Er klopfte nicht, wartete nicht, bis der andere Mann öffnete. Stattdessen zog er seinen Generalschlüssel aus der Tasche und schloss die Tür selbst auf.

 

In Harkness‘ Raum brannte nur die Lampe neben dem Bett, ansonsten hüllten die zugezogenen Vorhänge ihn in Schatten und Halbdunkel. Jack saß auf dem Bett, ziemlich so, wie Ianto ihn abgeladen hatte. Er hatte weder den Mantel ausgezogen, noch sonst etwas von seiner offensichtlich ruinierten Kleidung entfernt.

 

Erst als Ianto direkt vor ihm stand, hob der ältere Mann den Blick. „Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass du zurückkommst.“

 

Wortlos hielt ihm Ianto die Handtücher hin, die er auf dem Weg zu ihm aus der Wäschekammer geholt hatte.

 

Der Captain ignorierte sie.

 

„Auch gut.“ Er legte sie auf einen nahestehenden Stuhl und holte tief Luft. Dann überbrückte er den letzten Schritt zu Harkness, bis seine Knie fast Jacks berührten. Ohne dabei besonders sanft vorzugehen, zerrte er den Militärmantel zuerst über seine Schultern, dann unter Harkness hervor und legte ihn über das Fußende des Bettes. Er knöpfte den Kragen und die Manschetten der Überreste des Hemdes auf und ließ die Fetzen auf den Boden fallen. Er entfernte die Hosenträger und warf sie beiseite.

 

Dann trat er einen Schritt zurück und hielt Jack die Hand auffordernd hin.

 

Der ältere Mann musterte ihn einen Moment, bevor ein Lächeln um seine Lippen glitt und er ließ sich von Ianto auf die Beine helfen und in Richtung Badezimmer schieben.

 

Ianto schloss mit Nachdruck die Tür hinter ihm.

 

„Bekomme ich hier keine Hilfe?“, kam die Stimme des Captains gedämpft durch das Holz.

 

Iantos Blick fiel auf die Handtücher und er hob sie auf, und reichte sie nach drinnen. „Ich bin sicher, Sie kommen damit alleine klar, Sir.“ Er war überrascht, dass seine Stimme fast normal klang.

 

Einen Moment lang sah er sich orientierungslos um – was sollte er jetzt tun? Was war als nächstes zu erledigen? – dann ließ er sich in den Sessel am Fenster fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.

 

„Ich weiß, dass das alles ein wenig viel zu verkraften ist.“

 

Er hatte das Öffnen und Schließen der Tür überhört. Ianto hob langsam den Blick. „Wirklich?“

 

Harkness hatte seine schmutzige Hose durch eine lose sitzende Pyjamahose ersetzt. Sein Oberkörper war unbedeckt und es war unübersehbar, dass seine Haut unversehrt war – keine Verletzungen, keine Narben. Nur makellose, sonnengebräunte Haut.

 

Jack setzte sich wieder auf die Kante des Bettes und rieb seine Haare trocken. „Noch irgendwelche Fragen?“

 

Ianto wollte den Kopf schütteln, als ihm etwas einfiel. „Alice und Steven?“

 

Der Captain ließ das Handtuch sinken und starrte einen Moment lang auf seine bloßen Füße, bevor er antwortete. „Alice ist meine Tochter. Steven ist mein Enkel. Alice‘ Mutter hat mich verlassen, weil sie nicht mit dem ganzen klarkam. Mit den Geheimnissen, die ich vor ihr haben musste. Mit dem… was ich bin.“ Er seufzte. „Sie lief mit unserer Tochter weg, noch bevor sie vier Jahre alt war, änderte ihre Namen. Es dauerte Jahre, bis ich die beiden fand, aber Lucia ließ mich nicht einmal mit ihr sprechen. Sie drohte damit, wieder mit ihr weg zu laufen, sollte ich es auch nur versuchen. Ich sah sie in dieser Zeit nur wenige Male, von weitem, mit ihren Freunden spielend oder auf dem Schulhof.“ Seine Finger spielten mit dem Handtuch, wickelten es um seinen Unterarm, rollten es wieder ab. „Alice war fast zwanzig, bevor ich Kontakt mit ihr aufnehmen konnte, ohne sie zu gefährden. Das war erst, nachdem Lucia beschlossen hatte, zu ihrer Familie nach Italien zurück zu kehren. Das Torchwood Institut würde sie nur zu gerne in die Hände bekommen, um zu sehen, ob sie so ist wie ich... ob sie meine… Fähigkeiten… geerbt hat. Genau wie Steven. Deshalb hat sie ihn auch Zuhause unterrichtet. Das britische Schulsystem ist unglaublich gut organisiert.“ Die Worte sprudelten förmlich aus dem älteren Mann heraus, als hätte er zu lange darauf gewartet, sie zu jemandem zu sagen.

 

Ianto blinzelte. „Sonst noch etwas, dass ich wissen sollte?“

 

„Ich bin kein Amerikaner“, bot Harkness mit einem schiefen Grinsen an.

 

„Okay.“ Er stand auf, seine Bewegungen steif und schwerfällig, wie bei einem alten Mann. „Ich… ich werde… ich denke, ich werde jetzt nach unten gehen, eine Notiz für Toshiko schreiben, dass ich krank bin und in mein Bett kriechen.“ Er rieb seine Stirn. „Vielleicht verstehe ich das alles ein wenig besser, wenn ich endlich aufwache.“

 

„Was immer es wert ist“, rief ihm Jack nach. „Es tut mir wirklich leid.“

 

Ianto zog die Tür sanft hinter sich ins Schloss.

 

 

 

 

Entgegen seiner Ankündigung gelang es Ianto nicht, Schlaf zu finden. Stattdessen lag er hellwach im Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte an die Decke, bis gegen Mittag Rhiannon mit einem Tablett vor der Tür stand.

 

„Erzählst du mir, was mit dir los ist?“, fragte sie, während sie ihm eine Schale mit Suppe reichte. „Du bist seit Tagen so komisch und jetzt stehst du nicht mehr auf?“

 

„Rhi, ich… ich würde es erklären, wenn ich nur wüsste wie.“ Er konzentrierte sich darauf, an einem Faden zu zupfen, der aus der Umkettelung des Serviettenrandes gelöst hatte.

 

„Ist es… Hat es etwas mit deinem Besuch bei Lisa zu tun?“

 

Er unterdrückte ein leicht hysterisches Lachen. „Nein. Nein, damit hat es nichts zu tun.“

 

„Hoffentlich hast du dich nicht bei Mabel und Amy angesteckt. So wie es aussieht, geht in Cardiff die Grippe um; es war bereits die Rede davon, den Schulanfang zu verschieben. Lieber Himmel, wenn ich diesen Satansbraten noch länger im Haus habe, kann ich mir eine eigene Werkstatt für Blumentöpfe kaufen. Und…“

 

Ianto rührte in seiner Suppe und ließ die so herrlich normalen Klagen seiner Schwester wie eine tröstende Umarmung über sich hinweg branden. Er hatte Rhi noch nie so sehr geliebt, wie in diesem Moment.

 

 

 

 

In der folgenden Nacht gelang es ihm, einige Stunden Schlaf zu finden – wenn er auch unruhig und von Alptraumbildern durchzogen war – und er fühlte sich besser. Nicht gut, aber besser.

 

Toshiko informierte ihn, dass Captain Harkness das Hotel am Nachmittag des Vortages verlassen hatte und für einige Tage abwesend sein würde, aber natürlich plane, zurück zu kommen. Er wusste nicht recht, ob er erleichtert sein sollte, oder nicht.

 

Während sich die Gäste beim Abendessen befanden, ging er in den Keller – doch da war nichts. Er fand weder die Segeltuchplane, noch einen Weevil-Kadaver zwischen den Holzkisten… die plötzlich völlig frei von Staub waren.

 

Zweifellos das Werk des mysteriösen Torchwood Instituts.

 

(Aber er hatte Jack nie gesagt, was er mit dem Kadaver angefangen hatte, oder?)

 

Oder ein Anzeichen dafür, dass er sich das alles nur eingebildet hatte. Wer konnte das schon so genau sagen.

 

Ianto schloss den Keller wieder sorgfältig hinter sich ab. Mit den Schlüsseln, die sich die ganze Zeit, ausnahmslos, in seinem Besitz befunden hatten.

 

 

 

 

„Man kann nicht wirklich etwas sehen, weißt du, nicht von hier aus.“

 

Ianto zuckte zusammen und verlor fast das Gleichgewicht, als er plötzlich angesprochen wurde. Er drehte sich um. Jack Harkness stand hinter ihm, die Hände in den Hosentaschen, sein Mantel wie ein Cape um die Schultern geschlungen. „Jac… Captain Harkness. Woher wussten Sie, dass ich hier bin?“

 

Das Dach des Hotels – das man über eine Luke vom Dachboden aus über eine wackelige Leiter erreichen konnte – war als Kind sein Lieblingsort gewesen… trotz des nachdrücklichsten Verbots seiner Eltern. Es war die eine Sache, in der er immer den Gehorsam verweigerte. Und er fand stets einen Weg, dorthin zu kommen, auch nachdem die Luke mit einem Vorhängeschloss (Mickey hatte ihm gezeigt, wie man mit diesen fertig wurde) versehen wurde und sein Vater die Leiter abbauen ließ. Er hatte hier die Comics gelesen, die er auf dem Dachboden versteckt hielt, oder war stundenlang Träumereien nachgehangen. Im Laufe der Jahre zog es ihn immer seltener hierher. Erst nach dem Tod seiner Eltern fand er sich häufiger auf dem Dach – vielleicht auf der Suche nach den Erinnerungen an eine glückliche Kindheit. Lisa hatte gewusst, dass sie ihn hier finden konnte und manchmal saßen sie nebeneinander, mit dem Rücken gegen den Kamin gelehnt (ihre Kleidung mit einer alten Decke vor Schmutz geschützt), ohne ein Wort zu sprechen.

 

Harkness lächelte und zuckte mit den Schultern. „Ich bin gut.“ Als Ianto ihn nur weiter ansah, zog er die Hand aus der Tasche und schob den Ärmel zurück, um das Lederband an seinem Gelenk zu zeigen. „Das hier hat es mir verraten. Ich kann damit nach einer ganz bestimmten Person suchen lassen, wenn ich… bestimmte Daten von ihr habe.“

 

Oh, wieder eine dieser vagen Erklärungen. Wunderbar. Ianto setzte sich und ließ den Kopf gegen die von Regen und Wind und Schnee in Jahrzehnten samtweich geschliffenen Ziegelsteine des Kamins fallen. Er schloss die Augen.

 

Der andere Mann setzte sich neben ihn. Es war wenig Platz auf dem Absatz rund um den Kamin, bevor das Dach sich nach unten schwang und so berührten sie sich – Schultern, Hüften, Beine. „Hast du dich schon entschieden, ob du mir glaubst? Meine Erklärungen hätten vielleicht besser sein können…“

 

„Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich überhaupt etwas glauben werde, Sir.“ Es war die Wahrheit… und wieder nicht. Ianto hatte sich noch nicht entschieden.

 

„Klingt für mich wie ein Anfang.“ Der Captain lachte leise. „Ich war in London, um meinen Vorgesetzten zu sagen, was ich entdeckt habe.“ Er legte eine Pause ein, schien auf eine Antwort zu warten.

 

Ianto brummte nichtssagend.

 

„In Cardiff befindet sich eine Art von Rift… ein Riss im Gefüge von Raum und Zeit. Es gibt ihn schon seit langer Zeit, aber jemand hat ihn verschlossen. Doch offensichtlich beginnt er nun wieder, sich zu öffnen.“ Jack räusperte sich. „Wie ein Riss in einer Manteltasche, oder Hosentasche, fallen Dinge durch den Rift. Dinge, die nicht von der Erde stammen, manchmal sogar Lebewesen, wie Weevil. Manchmal kommen sie auch aus der Zukunft oder der Vergangenheit.“

 

„Das klingt… das klingt absolut verrückt“, entgegnete Ianto nach einer Weile.

 

„Ich weiß.“ Der Captain rutschte ein wenig hin und her, vielleicht auf der Suche nach einer bequemeren Sitzposition. Allerdings schien es nur dazu zu führen, dass er noch enger gegen Ianto gepresst war.

 

Es war nicht einmal unangenehm. Hier oben war es kühl, aber Harkness strahlte wie ein Ofen Wärme ab. „Bedeutet das, es werden noch mehr von den Din… Weevils hier auftauchen?“

 

„Ich fürchte, ja. Ianto…“ Die Stimme des Captains klang nun sehr ernst. „Muss ich dich daran erinnern, dass du mit niemand darüber sprechen darfst, was ich dir erzählt habe? Ich meine, mit niemandem außer mir. Die meisten Menschen sind nicht bereit, zu akzeptieren, dass es mehr gibt als diesen kleinen Planeten.“

 

„Und du denkst, ich bin es?“ Ianto bemerkte kaum, dass er in eine vertraulichere Form der Anrede gewechselt hatte.

 

„Ja. Ich denke, du bist etwas ganz Besonderes, Jones-Ianto-Jones.“ Es war einen Moment still. „Ich habe meine Vorgesetzten überzeugt, dass es notwendig ist, in Cardiff eine Basis aufzubauen, um den Rift dauerhaft zu überwachen. Und wir müssen etwas gegen das Weevil-Problem unternehmen, bevor sie zu viel Aufmerksamkeit auf sich lenken. Alex wird herkommen, um die Leitung zu übernehmen und ein Team mitbringen. Aber bis es so weit ist, bleibe ich erst einmal hier. Wer weiß, vielleicht ist es ganz gut, zur Abwechslung mal länger an einem Ort zu bleiben. Irgendwohin zu gehören. Vielleicht sogar… jemanden zu finden, zu dem man gehören kann.“

 

Ianto wandte den Kopf und sah ihn an. „Heißt das, du willst Zimmer 4-12 für länger mieten?“

 

Jack lächelte – nicht das Haifischlächeln, etwas weniger strahlend, aber dafür wesentlich ehrlicher. „Das heißt es. Natürlich nur, wenn ich überhaupt noch willkommen bin.“

 

„Natürlich.“ Das Wort war über seine Lippen, bevor er überlegen und zögern konnte.

 

„Könntest du dir – nach allem was du jetzt weißt – vorstellen, für mich zu arbeiten? Nicht als Butler. Aber mit mir bei Torchwood? Ich bin sicher, egal wie gut Alex‘ Team ist, wir könnten jemand mit deinen Fähigkeiten brauchen... Administration, Organisation, Archiv... jemand der gründlich und genau und organisiert ist.“

 

„Nein, Jack.“ Er schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Aber… das ist nichts für mich. Mein Platz ist hier.“

 

„Ich verstehe.“ Jack lehnte sich ebenfalls gegen den Kamin zurück. „Vielleicht ist das auch besser so. Es ist ein ziemlich gefährlicher Job. Und wir sind gerade erst dabei, uns kennenzulernen.“

 

Ianto schloss die Augen wieder. Er würde etwas Normales tun, sobald er das Dach verließ. Zum Beispiel Lisas Brief beantworten, in dem sie von dem angekündigten Besuch eines Lungenspezialisten berichtete, der das Sanatorium im Frühling besuchen wollte und ihr vielleicht dabei würde helfen können, ohne Schwierigkeiten zu atmen. Auf den neuesten Tratsch warten; den Beschwerden nachgehen, die Mickey einsammelte.

 

„Deine Geheimnisse sind bei mir sicher“, sagte er.

 

Jack lächelte. „Ich weiß. Das ist sehr gut. Auch wenn ich ein paar für mich behalten muss...“ Er ergriff die Hand, die Ianto ihm hinstreckte – doch anstatt sie zu schütteln, hielt er sie nur in seiner, während sein Daumen Kreise in Iantos Handrücken rieb.

 

Ianto spürte Hitze in seine Wange steigen. Und ein Kribbeln in der Magengegend, das verwirrend, aber alles andere als unangenehm war…

 

 

Ende