Therapie Mord

 

Textfeld: Haben auch Sie einen schweren, unerwarteten Verlust erlitten? Suchen Sie Rat, Trost und Verständnis? Junge, trauernde Witwe sucht gleichermaßen betroffene Frauen zum gegenseitigen Austausch.
Chiffre 487263 an Ihre Heimatzeitung

 

 

 

 


Ich hätte sie fast überlesen, die kleine, unauffällige Anzeige in der Rubrik „Vermischtes“. Der Wortlaut ist noch exakt der gleiche wie damals, nur die Chiffre-Nummer hat sich geändert. Ich frage mich, warum Frederike gerade jetzt annonciert... aber warum auch nicht. Seit Samstag ist ja noch ein Platz in unserer Gruppe frei geworden – nach Anitas Verhaftung und Rosis Selbstmord sind wir nun also nur noch fünf und ohne neue Mitglieder müssen wir uns nach einem anderen, kleineren Raum umsehen. Am letzten Mittwoch fiel unser zweiwöchentliches Treffen ohnehin vorsorglich aus. Aber ich habe so ein Gefühl, als wäre unsere Zusammenkunft nach Rosis Beerdigung ohnehin die letzte gewesen...

 

Seit ich am Samstag von Erika die Neuigkeiten über Anitas Verhaftung erfuhr, erwartete ich stündlich, dass die Polizei wieder einmal vor meiner Tür stehen würde, um mich zu befragen. Eine sehr peinliche Vorstellung. Meine Nachbarn - von denen mich viele schon von Geburt an kennen – wären einfach erschüttert gewesen, dass jemand außer ihrem Viertel gleich in zwei Unglücksfälle verwickelt sein sollte. Doch gestern abend kam dann der erlösende Anruf von Frederike, unserer Gruppenleiterin. Die Polizei hatte sie gebeten, unsere Gruppe zusammen zu rufen, damit wir am Freitagvormittag vollzählig ins Präsidium kommen und eine Aussage machen könnten. Es sei reine Routine, dass alle Bekannte, Verwandte, Freunde und sonstigen Leute, mit denen eine verdächtige Person Kontakt hatte, überprüft und befragt würden. Und schließlich hat keine von uns etwas zu verbergen.

 

* * *

 

Mit einer Anzeige also hatte vor einem Jahr für mich alles begonnen. Mein Mann Jürgen war damals gerade mal zwei Monate unter der Erde – ein wirklich entsetzlicher Unfall - ich jedoch alles andere als seine ihn untröstlich betrauernde Witwe. Erst eine Woche vor seinem Tod hatte ich meinen Anwalt beauftragt, die Scheidung einzuleiten. Sehen Sie, mein Mann starb vernünftigerweise zwei Tage nachdem ihm der Brief des Anwalts ins Haus flatterte – damit ersparte er mir ein langwieriges und kostspieliges Scheidungsverfahren. Gleichzeitig verlor ich fast alle meine Freunde, die vor allem Jürgens Freunde gewesen waren. Ich bekam anfangs sogar einige Unannehmlichkeiten mit der Polizei. Sie – Jürgens Freunde, nicht die Polizei - gaben unverständlicherweise mir die Schuld an seinem Tod. Niemand sprach es offen aus, natürlich nicht, sind wir doch alle gut erzogen – aber sie alle glaubten nicht an einen Unfall, sondern waren überzeugt, ich hätte Jürgen mit meiner Herzlosigkeit in den Selbstmord getrieben. Immerhin hätte ich ihm noch nie etwas gegönnt. Vor unsere Hochzeit drängte ich auf einen Ehevertrag – doch nicht aus Geiz, wie viele zu wissen glaubten, sondern nur auf Anraten unseres Familienanwaltes, um das Erbe meiner Mutter im Falle einer Scheidung vor einem verschwenderischen Ehemann zu schützen. Und später, als Jürgen seinen Job verlor, speiste ich ihn angeblich nur mit einem Taschengeld ab, anstatt ihm mit den Millionen und dem Einfluss meiner Familie eine neue Stelle zu besorgen. Als hätte Jürgen überhaupt eine Arbeit gewollt. Wie lächerlich. Ich habe fast zehn Jahre lang seine Schulden, die Geschenke für seine Freundinnen, seine Miete, sein Auto, seine Jacht, seine Putzfrau und seine Therapeutin bezahlt. Alles ist schwarz auf weiß festgehalten. Ich glaube, dieser Mann ahnte nicht einmal etwas von der Existenz von Kreditkartenabrechnungen.

 

Die Jacht ging leider bei der Explosion mit drauf – vermutlich muss ich von Glück sprechen, dass man mich zu allem anderen nicht auch noch des Versicherungsbetruges bezichtigte, aber Jürgens Leiche – oder zumindest, was davon übrig war - wurde ja wenige Tage später doch noch gefunden.

 

Wirklich unglaublich, was ein undichtes Ventil an einer alten Butanflasche für eine Wirkung hat – vor allem in Verbindung mit einem Kettenraucher wie Jürgen. Man hat herausgefunden, dass sich das Gas unbemerkt in der Kombüse angesammelt hat und explodierte, als sich Jürgen beim Eintreten eine Zigarette ansteckte.

 

Da ich bei Jürgens Tod bis auf eine sehr bescheidene Lebensversicherungsumme (gemessen an meinem eigenem Vermögen) keine Vorteile - wenn auch kein Alibi - hatte, verdächtigte mich niemand ernsthaft, das Ventil manipuliert zu haben. Es hatte sich wirklich gelohnt, sich den halben Abend von Alexander begrabschen zu lassen – er hatte sich dereinst Hoffnungen darauf gemacht, mein Ehemann zu werden, war ein begeisterter Camper und zauberte – seinen Worten nach – wahre Köstlichkeiten auf einem schlichten Butanherd, ganz ähnlich dem auf der Jacht... Schon nach einer Stunde war er blau und predigte mir – nach einigen vorsichtigen Anfragen – die Gefahren im Umgang mit Gas in allen Einzelheiten. Und hinterher war er so höflich, sich nicht mehr an dieses Gespräch zu erinnern. Er rief mich allerdings seit Jürgens Tod auch nicht mehr an. Zu meinen Gunsten sprach außerdem, dass man abgesehen von Jürgens Fingerabdrücken keine weiteren auf dem Ventil und auf der Gasflasche selbst gefunden hatte. Aber ich bitte Sie, in jedem Vorabendkrimi kann man heutzutage erfahren, dass Fingerabdrücke manchmal auch noch nach Explosionen auf den ausgebrannten Teilen nachzuweisen sind. Natürlich trug ich Handschuhe.

 

Ich blätterte die Anzeigenseiten ohne bestimmten Zweck durch und grübelte gerade darüber nach, ob ich mir diese niedliche, kleine Villa an der Algarve kaufen oder vorerst nur mieten sollte. Mit gerade Vierunddreißig wollte ich mich noch nicht auf einen Ort festlegen. Außerdem überlegte ich, ob ich selbst so eine Anzeige schalten solle, um Jürgens restlichen Sachen zu verkaufen, die nach wie vor in seiner Junggesellenbude in der City lagen. Die Putzfrau hielt alles weiter in Ordnung und hatte auf meine Anweisung hin alle eventuellen Spuren weiblicher Gäste getilgt. Außerdem hatte sie seine Kleider zusammengepackt und weggeschafft, ich hatte mich nicht erkundigt, wohin. In diesem Moment las ich Frederikes Anzeige.

 

Ganz sicher bin ich mir heute noch nicht, was mich dazu bewogen hatte, an diese Chiffre zu schreiben. Vielleicht war es einfach nur Neugier.

 

Als mir Frederike antwortete und mich zu einem Treffen einlud, wäre ich dann fast nicht hingegangen – ich hatte das Interesse längst wieder verloren. Aber dann hatte ich an diesem Abend nichts anderes zu tun und nahm mir ein Taxi zur Grundschule. Zur ehemaligen Grundschule, sollte ich wohl besser sagen, denn inzwischen findet in den Räumen kein Unterricht mehr statt, sondern es tagen dort diverse Kurse und auch weitere Selbsthilfegruppen neben der für Witwen. Es gibt sogar ein kleines Café in der ehemaligen Aula des Gebäudes, in dem auch ich zur Schule gegangen bin.

 

Als ich den Raum betrat, drehten sich sechs Frauenköpfe zu mir um. Irgend jemand hatte die alten Schultische und Stühle aufgestellt, ordentlich in Reih‘ und Glied vor dem Pult und einen Moment lang befiel mich der merkwürdige Gedanke, in eine Schulklasse geplatzt zu sein. Ich roch Kreidestaub und Bleistiftspäne und den eigenartigen Mief, den mein neues Ledermäppchen bis ans Ende des Schuljahrs nicht verloren hatte...

 

Eine schlanke, dunkelhaarige Frau, die auf dem Pult gesessen hatte, sprang herunter und kam auf mich zu. Das leise Klicken ihrer hochhakigen Stiefel auf dem Linoleum brachte mich zurück in die Gegenwart. Sie stellte sich mir als Frederike vor und lächelte. Etwas Anziehendes, Warmes strahlte von ihr ab und ich begann mich sofort wohl zu fühlen. Sie musste älter als ich sein und ich fragte mich, wer dann wohl die junge Witwe war, von der in der Anzeige geschrieben stand.

 

Auch die anderen lächelten und nickten, als Frederike mich mit zu sich nach vorn an die Tafel nahm und mich vorstellte. Dann bat sie mich, mir einen Platz zu suchen. Ich könne mich an den Gesprächen beteiligen, müsse es aber nicht. Dann setzte sie sich wieder auf die Kante des Pultes.

Dunkel konnte ich mich erinnern, dass ich einmal für einige Wochen von einer jungen Aushilfslehrerin unterrichtet worden war, die das auch immer getan hatte. Mir vorzustellen, wie die kleine, eingeschrumpelte Fräulein Sieglinde, meine damalige Klasslehrerin, das gleich mit ihrem umfangreichen Hinterteil zu tun versuchte, verursachte einen Lachanfall.

 

Als ich mich wieder unter Kontrolle bekam und mich verlegen räusperte, blickte Frederike mich ohne Tadel an. Bestürzt darüber, dass ich tatsächlich laut gelacht hatte, stürzte ich mich in Entschuldigungen, doch davon wollte sie nichts wissen. Im Gegenteil, sie forderte mich auf, zu erzählen was mich so erheitert hatte. Alle – bis auf eine stille, blasse Frau, die mir später als Rosi vorgestellt wurde – amüsierten sich herrlich über meine Erzählung, denn fast alle von ihnen hatten eine ähnliche Lehrerin in Erinnerung.

 

Als es dann wieder still wurde, hob eine grauhaarige Frau in der ersten Bank die Hand, als wolle sie sich melden.

 

Frederike nickte ihr zu. „Veronika. Ich freue mich, dass du es dir nicht anders überlegt hast. Es ist alles vorbereitet.“

 

Ich musterte Veronika näher, als sie aufstand und zur Tafel ging. Sie wirkte sehr gepflegt und wenn ich sie auch der Siebzig näher als der Sechzig schätzte (wobei ich nicht ganz falsch lag, hatte sie doch vor kurzem erst ihren fünfundsechzigsten Geburtstag gefeiert), wurde mir doch klar, dass sie immer sehr auf sich geachtet haben musste. Mit ihrer schlanken, aufrechten Gestalt, sorgfältig gekleidet, dezent geschminkt und frisiert, die Hände gefaltet, wirkte sie fast wie ein eifriges Schulmädchen auf mich. Ich blinzelte verwirrt, als sie sich umdrehte und die Tafel aufklappte. Würde sie jetzt Verben an die Tafel schreiben oder eine Rechenaufgabe lösen? Doch sie tat nichts dergleichen. Statt dessen wies sie auf einige großformatige Fotos, die mit runden, schwarzen Magneten auf der Tafelfläche angebracht worden waren. Sie zeigten ein Paar in altmodischer Kleidung, Schnappschüsse von Kindern und einige Porträts. In einem glaubte ich die junge Veronika zu erkennen.

 

Veronika wandte sich der Gruppe wieder zu. „Das ist – war – mein Mann Edwin. Wir waren siebenunddreißig Jahre lang miteinander verheiratet. Vielleicht war auch nur ich mit ihm verheiratet, denn mein guter Edwin ließ – zumindest in jungen Jahren – nichts anbrennen.“

 

Ich spürte mich selbst grimmig lächeln und gedachte einen Augenblick lang meinem seligen Jürgen.

 

„Sicher werden ihr euch wundern, warum ich es so lange an seiner Seite aushielt“, fuhr Veronika mit ihrer glockenhellen Stimme fort. „Aber ich war... dumm, ja dumm war ich. Ich ging unaufgeklärt in die Ehe. Meine Mutter hatte mir nur eingeschärft, ja immer alles zu tun, was Edwin von mir verlangte. Und genau das tat ich. Ich arbeitete als Putzfrau bei Edwins Mutter – natürlich ohne Bezahlung. Ich brachte vier Kinder auf die Welt und zog drei groß, meine Älteste... starb gleich nach der Geburt. Ich kochte anständig, wusch seine Wäsche und hielt das Haus in Ordnung. Einmal im Monat – außer ich war gerade unpäßlich – hängte er seine Hose über mein Bett und legte sich zu mir. Ich hielt das alles für völlig normal.“

 

Sie schwieg einen Moment, drehte sich um und nahm ein Bild von der Tafel, das im Portrait einen alten Mann mit schwammigen, aufgequollenen Gesichtszügen und einem spärlichen Kranz von Resthaar zeigte. Ich hatte schon Hunderte solcher Männer gesehen. Sie saßen auf Parkbänken und an Bushaltestellen, zogen den Bauch ein, bekamen rote Ohren, Wangen oder Nasen und pfiffen jungen, hübschen Mädchen hinterher. Manche machten auch Bemerkungen über diese und jede Rundung und da nie einer von ihnen alleine dasaß, erzählten sie sich hinterher stolz von ihren wahren oder auch nur eingebildeten Eroberungen in jungen Jahren.

 

Verblüfft sah ich zu, wie Veronika das Bild in Streifen und die dann in kleine Schnipsel riss – diese schleuderte sie in die Luft.

 

Fasziniert beobachtete ich, wie die Bildfetzen wie überdimensionales Konfetti zu Boden segelten – offenbar in Zeitlupe.

 

Unweit von mir landete ein Teil eines Ohrs - oder doch eher des Kinns? Ich griff danach, bückte mich unter den Tisch.

 

In diesem Moment fuhr Veronika fort. „Vor genau einem Jahr habe ich ihn getötet.“

 

Langsam richtete ich mich auf, ein Schauer glitt durch mich. Hatte ich geträumt? Gaukelte mir mein Gewissen vor... Ich sah auf und begegnete Frederikes ruhigen Blick. Mir wurde klar, dass sie mich die ganze Zeit über beobachtet hatte, um meine Reaktionen abzuschätzen.

 

Ich weiß bis heute nicht, was sie damals in meinem Gesicht entdeckte – Schuldbewusstsein? – doch sie nickte nur und lächelte verschwörerisch. Und ich lächelte zurück.

 

„Warum hast du so lange gewartet, Veronika?“, fragte eine viel jüngere Frau – sie konnte nur wenig älter als zwanzig sein – in der Bank vor mir. Sie hatte ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und trug einen Tennisdress und Turnschuhe. Neben ihr auf dem Boden stand eine große, teure Sporttasche.

 

„Ich hatte keinen Grund, ihn zu töten.“ Veronika seufzte. „Ich glaubte doch, es wäre normal, wenn ein Mann seine Frau so behandelt. Dann, kurz vor Edwins Siebzigsten fand ich durch einen Zufall etwas auf dem Dachboden, dass mir mein ganzes Elend vor Augen führte.“ Sie schien zu zögern und warf einen hilfesuchenden Blick zu Frederike, die zu ihr trat und kurz beruhigend ihren Arm berührte.

 

Veronika fuhr fort. „Meine Tochter Marianne war auf die Idee gekommen, den Kaffeetisch zur Feier des Tages mit zwei Kerzenleuchtern zu schmücken, an die sie sich noch aus frühester Kinderzeit erinnerte. Sie waren das Hochzeitsgeschenk von Edwins Mutter gewesen und ich konnte sie noch nie leiden. Deshalb lagen sie seit vielen Jahren auf dem Dachboden. Während Marianne in einer Kiste mit alten Zeitschriften kramte, blieb ich mit dem Schuh an einem rostigen Nagel an der Fußbodenleiste hängen. Ich ärgerte mich darüber, wer auf die dumme Idee gekommen war, einen Nagel dort einzuschlagen – für welchen Zweck auch immer. Als ich daran zog, gab er nach und brach ab. Eines der rohen Bretter der Wand rutschte zur Seite. Ich setzte meine Brille auf, richtete die Taschenlampe darauf und betrachtete es näher. Es war nicht wie alle anderen Bretter festgenagelt, auch wenn Staub und Schmutz dies fast unkenntlich machten. Offenbar war es nur von dem Nagel in der Leiste gehalten worden. Dahinter befand sich ein kleiner Hohlraum. Aus Neugier leuchtete ich hinein und entdeckte ein paar von Mäusen zerfledderte Zeitungen. Doch als ich sie herausnehmen wollte, war das Paket un-erwartet schwer. Was soll ich sagen? Zwischen dem modrigen Zeitungspapier befand sich eine verbeulte, schmutzige Metallkassette, wie mein Vater eine gehabt hatte, um sein Geld darin aufzubewahren. Ein merkwürdiges Versteck – oder doch nicht, denn wer kam schon auf den Dachboden. Ich fragte mich, wie lange diese Kassette wohl schon hier oben versteckt war und hob eine der Zeitungen auf, um nach dem Datum zu sehen. Es lag fast dreißig Jahre zurück. Ich rüttelte an der Kassette und versuchte sie zu öffnen, doch es ging nicht und ein Schlüssel war nicht zu entdecken, obwohl ich den Hohlraum komplett ausleuchtete.“

 

Wieder war die junge, blonde Frau vor mir zu ungeduldig, um darauf zu warten, dass Veronika weitersprach. „Was war denn nun in der Kassette?“, fragte Gabriele – ich erfuhr später ihren Namen. „Geld? Schmuck? Oder Wertpapiere?“

 

Veronika lächelte – nachsichtig, wie mir schien – und schüttelte den Kopf. „Etwas sehr viel wertvolleres“, sagte sie. „Ich fand Edwins Tagebücher.“

 

Ich überlegte, ob ich froh sein sollte, dass Jürgen kein schriftliches Vermächtnis seiner Missetaten hinterlassen hatte.

 

„Zuerst dachte ich daran, Marianne zu rufen, damit sie mir half, die Kassette aufzubrechen, aber sie war so vertieft in ihre Suche, dass ich die Metallkassette nahm und damit nach unten ging. Ludwig, ihr Mann, der sich immer so nett um meinen Garten kümmert, machte sie mir in der Garage auf. Zuerst war ich enttäuscht - wie ihr euch vielleicht denken könnt - als sie nur einen Stapel Schulhefte enthielt. Ganz wie Gabriele...“ Sie lächelte der jungen Frau erneut zu. „...dachte ich an etwas wertvolleres. Ich schlug eines der vergilbten Hefte auf. Der Umschlag war staubig, wellig und voll kleiner Löcher. Als ich die Handschrift von Edwin erkannte und sah, dass es sich um ein Tagebuch handelte, das zwei Wochen vor unserem ersten Treffen begann, war ich mehr als erstaunt. Mein schreibfauler Edwin, der sich nicht einmal darum kümmerte, Weihnachtskarten oder eine Einkaufsliste zu schreiben, wenn ich mal wieder meine Brille verlegt hatte, hatte also ein Tagebuch geführt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Leider rief in diesem Moment Marianne nach mir und ich konnte nicht weiterlesen. Ich versteckte die Kassette rasch in einer Schublade und sah nach meiner Tochter. Am gleichen Abend ging ich früh zu Bett und begann in den Tagebüchern zu lesen.“

 

Plötzlich wirkte ihr Gesicht alt und müde unter der Schminke. „Natürlich hatte ich geahnt, dass er mich nur heiratete, weil ich eine gute Partie war. Leidenschaftstürme wie in einem Roman gab es niemals zwischen uns. Doch Edwins verblasstes Gekritzel zu entziffern – wozu ich die ganze Nacht benötigte – ließ mich in diese Zeit zurückkehren und alles mit völlig anderen Augen sehen. Es waren sieben Bände. Eines für jedes der sieben ersten Jahre unserer Ehe. Edwin notierte einfach alles. Die Hochzeit war akribisch festgehalten, die Gäste, der Wert der Hochzeitsgeschenke. Er notierte den Verlauf der Hochzeitsnacht und stolz die Tatsache, dass ich  jungfräulich gewesen war und...“ Sie schwieg einen Moment, schien sich zu sammeln. „Und sogar die Größe des Blutflecks auf dem Laken. Jedes Mal, wenn er mit mir schlief, schrieb er es sich in seinem Tagebuch auf. Später beschrieb er dann meine Schwangerschaft und stellte komplizierte Berechnungen über den Geburtstermin an. Aber mein kleines Mädchen kam fast vier Wochen zu früh zur Welt. Ich... ich habe sie nie lebend gesehen.“

Veronika knetete nervös ihre Finger. Das blonde Mädchen vor mir hatte vor atemloser Spannung den Mund halb geöffnet und sah völlig entrückt auf die alte Frau an der Tafel. Ich wagte keine der anderen Frauen anzusehen.

 

„Die Geburt war sehr lange und schmerzhaft gewesen und schließlich hatte mich die Hebamme mit Äther betäubt. Ich kam erst sehr viel später wieder zu mir. Edwins Mutter saß an meinem Bett, hielt meine Hand und sagte mir, dass ich sehr tapfer sein müsse und dass mein Kind sehr schwach auf die Welt gekommen wäre, es hätte nur zwei Stunden gelebt. Als man sah, wie schlecht es um das Mädchen stand, holte man den Pfarrer und taufte es rasch auf den Namen Maria, damit es nicht ungetauft sterben würde. Ich... hätte sie Laura genannt.“

 

Tränen glitten über Veronikas faltige Wangen, zogen glänzende Rinnen durch den Puder und verschmierten die Wimperntusche. „Auf mein Verlangen holte sie mein kleines, totes Mädchen. Ich habe nie ihr Gesicht vergessen. So winzig, blaurot angelaufen und verzerrt, der ganze Körper verbogen und verkrampft.“

 

Irgend jemand weinte leise, doch ich konnte den Blick nicht von der aufrechten, zierlichen Gestalt an der Tafel abwenden.

 

„Die Hebamme, die sich um mich kümmerte, erklärte mir später, dass Maria... dass meine Laura erstickt sei. Es passiere einfach manchmal, dass bei Säuglingen, die zu früh zur Welt kamen, die Lungen ihre Arbeit nicht richtig aufnehmen wollten und die Kinder erstickten. Ich war wie betäubt.“ Veronika holte tief Luft und zupfte ein Taschentuch aus dem Ärmel ihrer Kostümjacke, um sich die Tränen abzuwischen. „Das alles erlebte ich noch einmal, als ich die Schilderung in Edwins Tagebuch las. Aber da stand noch viel mehr...“ Sie senkte den Kopf. „Laura ist nicht erstickt. Das heißt, nicht von allein. Es lag nicht daran, dass sie zu früh zur Welt gekommen war. Und doch lag es daran. Edwin hat sie getötet. Ich habe es in seinem Tagebuch gelesen. Er drückte ihr ein Kissen aufs Gesicht, als die Hebamme ihn mit dem Neugeborenen alleine ließ, um nach mir zu sehen. Und dann... dann ging er einfach weg und ließ sie sterben. Niemand schöpfte Verdacht. Die Hebamme nicht, der Arzt nicht, der später zu mir gerufen wurde, Edwins Mutter nicht. Und selbst wenn ich es gewusst hätte – wer hätte mir geglaubt...“ Sie brach ab.

 

Frederike trat erneut zu Veronika und legte ihr den Arm um die Schultern. Sie wirkte erschüttert, wie alle anderen – und doch hatte ich das Gefühl, als höre sie diese Geschichte nicht zum ersten Mal.

 

„Aber... warum hat er das getan?“, fragte die stille, blasse Frau, die bereits früher aufgefallen war. Sie saß etwas abseits. Sie war es wohl, die geweint hatte, denn ich sah ihrer geröteten Augen und das zerknüllte Taschentuch in ihren Fingern. „Warum hat er sein Kind getötet, Veronika? Warum?“

 

„Weil er... weil er der festen Überzeugung war, dass Laura nicht seine Tochter sein konnte. Sie war einen ganzen Monat zu früh zur Welt gekommen, doch er glaubte sofort, ich wäre bereits schwanger gewesen, als wir heirateten. Er glaubte, ich hätte ihn in der Hochzeitsnacht ausgetrickst, ihm etwas vorgemacht, weil ich einen legitimen Vater für mein Kind brauchte. Ich... musste immer daran denken, wie er mit seinen großen, fleischigen Händen das Kissen auf das kleine Gesichtchen gedrückt haben muss...“ Veronika brach ab und presste eine ihrer zierlichen Hände auf ihren Mund.

 

Frederike schob ihr einen Stuhl hin und sagte ihr, sie solle sich hinsetzen. Doch Veronika weigerte sich. Sie blieb aufrecht stehen, stützte sich nur mit beiden Händen auf der Rückenlehne des Stuhles ab und sprach weiter.

 

Ihre Stimme war leiser geworden, doch ich musste mich nicht anstrengen, sie zu verstehen – sie sprach in eine atemlose, entsetze Stille hinein. „Noch nie zuvor im Leben war ich so dankbar dafür gewesen, dass wir seit der Geburt unserer Jüngsten nicht nur getrennte Betten, sondern auch getrennte Schlafzimmer hatten, sonst hätte ich vielleicht versucht, Edwin noch in der gleichen Nacht mit bloßen Händen zu erwürgen.“ Sie hob ihre blassen, schmalen Hände und lächelte etwas schief. „Wie nutzlos dieser Gedanke war, kam mir erst viel später in den Sinn. Edwin hätte mich nur ausgelacht. Also blieb ich in meinem Bett liegen und las auch die restlichen Hefte. Was soll ich sagen... ihr könnt euch sicher ausmalen, was darin stand.“ Sie zögerte wieder flüchtig und ich sah, wie sie sich wieder am Stuhl festhalten musste.

 

Frederike sah es wohl auch, denn sie drängte Veronika sanft, eine Pause einzulegen oder sich doch zumindest endlich hinzusetzen.

 

Schließlich gab die ältere Frau nach und setzte sich. Ein wenig der Anspannung floss aus ihrem Körper. „Als es morgen wurde, ekelte ich mich so vor diesem Mann, den ich zwar nie wirklich geliebt, aber mit dem ich doch die Hälfte meines Lebens verbracht hatte. Ich konnte kaum den Gedanken ertragen, ihm bald am Frühstückstisch gegenüber sitzen zu müssen und wäre wohl – Unwohlsein vor-schiebend – im Bett geblieben, hätte nicht Marianne mit ihrer Familie im Gästezimmer geschlafen. Sie blieben bis zu Edwins Geburtstag, um mir bei den Vorbereitungen zu helfen. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machte. Also stand ich auf und bereitete das Frühstück. Ludwig und Edwin teilten sich eine Zeitung und ich richtete meine ganze Aufmerksamkeit auf meine beiden Enkelinnen Laura und Sophia.“

 

„Eine deiner Enkelinnen heißt Laura?“, fragte eine andere Frau unbestimmbaren Alters. Ihr dickes, freundliches, faltenloses Gesicht lächelte. Sie hatte bisher geschwiegen und zupfte nun wie verlegen an ihrem voluminösen Kleid, dass ihren ausladenden Körper nur unzulänglich verhüllte. Der Stuhl, auf dem sie saß, schien unter seinen Falten zu verschwinden und der Tisch, auf den sie ihre schweren Unterarme stützte, winzig.

 

„Ja, Erika. Marianne ist meine zweitälteste Tochter und sie war auch die erste, die ein Kind bekam. Ich bat sie – sollte es ein Mädchen werden und es gab in meiner Familie schon immer mehr Mädchen als Jungen – es Laura zu nennen. Natürlich war sie überrascht darüber, doch sie akzeptierte meinen Wunsch ohne Erklärung.“

 

Gabriele nickte mit dem Kopf, so heftig, dass ihr blonder Pferdeschwanz auf und ab wippte. Sie setzte sich schräg in ihren Stuhl und schlug die gebräunten Beine übereinander. „Wie hast du es gemacht?“, fragte sie und brachte damit alle wieder auf das ursprüngliche Thema zurück. „Hast du ihn überfahren? Erschossen? Erschlagen? Vergiftet?“

 

Veronika schien in ihrem Stuhl zu schrumpfen. „Ja, man könnte sagen, ich habe Edwin so etwas ähnliches angetan, wie ihn zu vergiften. Oh, ich habe kein Rattengift in seine Suppe gemischt. Es war viel einfacher. Ich habe seine Blutdrucktabletten gegen Vitamintabletten ausgetauscht, die ungefähr die gleiche Größe hatten. Edwins Augen waren noch nie besonders gut gewesen und jetzt im Alter war er halb blind. Da ich für Edwin wegen seiner Leber Diät kochen musste, fiel niemand auf, dass ich seinem Essen immer eine Extraportion Butter und Salz zufügte, was seinen Blutdruck in die Höhe trieb. Sein Geschmackssinn funktionierte längst nicht mehr richtig und er bemerkte keinen Unterschied. Ich kaufte Süßigkeiten, angeblich für die Kinder, ließ aber einen Teil davon in Edwins Zimmer stehen – er hatte immer schon gerne genascht und ich musste stets aufpassen, dass er keine Schokolade aß, bei seinen Blutfettwerten wäre das eine Katastrophe gewesen. Außerdem trug ich Ludwig auf, ein paar besonders gute Flaschen Wein zu besorgen – für die Gäste, die zur Geburtstagsfeier erwartet wurden.“

 

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich gab ihm alles das, was der Hausarzt ihm streng verboten hatte. Fett, Zucker, Alkohol – und das in reichlichen Mengen. Edwin klagte wohl hier und da einmal über leichtes Unwohlsein, doch es waren alle viel zu sehr mit den Vorbereitungen beschäftigt, um es zu bemerken. Jeden Abend, wenn ich sicher sein konnte, dass er schlief, ging ich in sein Zimmer, stand vor seinem Bett und sah auf ihn hinab.“

 

Sie seufzte. „Mein Ekel wurde so groß, dass ich am liebsten ein Kissen genommen hätte, um ihn zu ersticken, wie er es mit meiner Laura gemacht hatte. Ohnehin kreisten meine Gedanken fast die ganze Zeit nur um meine tote Tochter.“ Wieder verschränkte sie die Hände ineinander, knetete nervös ihre Finger.

 

„Dann kam also der große Tag – Edwins siebzigster Geburtstag“, fuhr sie fast sachlich fort. „Wir hatten das ganze Haus voll Gäste. Manche hatten wir eingeladen – Verwandte, Bekannte und alte Freunde. Andere schauten unangemeldet vorbei, um zu gratulieren, wie ein paar von Edwins früheren Arbeitskollegen. Und Edwin feierte wie noch nie zuvor in seinem Leben, als hätte er geahnt, dass es sein letzter Tag sein würde. Ich sorgte dafür, dass immer eine Flasche Schnaps und Gläser in seiner Nähe waren, so dass auf das Geburtstagskind angestoßen werden konnte. Zu Mittag gab ich ihm das fetteste Stück des Bratens und auf den Nachtisch eine Extra-Portion Sahne. Es war ja sein Ehrentag. Nachmittags machte ich dann noch starken Kaffee und man setzte sich mit Kuchen und Kognak an den Tisch. Es war etwa gegen vier Uhr nachmittags, als mir auffiel, dass Edwin blass war und stark schwitzte. Seine Bewegungen waren matt, unsicher und von Zeit zu Zeit drückte er die Hand gegen seine Leber. Also nahm ich Ludwig beiseite und bat ihn, mir zu helfen, Edwin ins Bett zu bringen, damit er sich für den Abend ausruhen könne.“

 

Veronika nahm dankbar das Glas Wasser, dass ihr Frederike reichte. Ich hatte kaum mitbekommen, wie sie ihren Platz neben Veronikas Stuhl verließ, um aus ihrer Tasche eine Mineralwasserflasche zu holen. Dieses Mal stellte niemand eine Frage.

 

Ich sah mich um. Die dicke Frau, die nach Veronikas Enkeltöchter gefragt hatte – Erika – spielte mit einer bunten Kette, die um ihren Hals hing. Rosi umklammerte ein Taschentuch in ihren zitternden Fingern und Gabriele wippte mit dem übergeschlagenen Bein. Sie schien völlig in die Betrachtung ihrer Designerturnschuhe vertieft zu sein. Frederike wirkte ruhig und beherrscht, ihr Gesicht zeigte nur in den feinen Fältchen um ihre Augen so etwas wie Trauer oder Verbitterung.

 

Dann richteten sich aller Blick wieder nach vorne, denn Veronika sprach weiter. „Ich stand noch lange vor seinem Bett und sah, wie schlecht es ihm ging. Und alles, was ich fühlte, war Befriedigung. Ich sagte ihm ins Gesicht, dass ich seine Tagebücher gefunden hätte und die Wahrheit wüsste – doch ich weiß nicht, ob er mich überhaupt noch verstehen konnte. Dann ging ich und ließ ihn allein. Ich bat Marianne, mich zum Friedhof zu bringen und schärfte allen anderen ein, Edwin ja nicht zu stören. Brauchte er doch seine Ruhe... Während mein Mann einem Herzinfarkt erlitt, stand ich am Grab meiner toten Tochter und malte mir aus, was für ein Mensch sie wohl geworden wäre, hätte sie nur leben dürfen.“

 

Wieder seufzte sie, doch dieses Mal schwang Erleichterung darin mit. „Als wir zurückkamen, stand ein Krankenwagen vor der Tür und sie transportierten Edwin gerade ab. Er starb keine Stunde später in der Klinik. Niemand dachte an etwas anderes, als dass er sich an seinem Geburtstag etwas zu viel des Guten gegönnt und sein Herz das nicht mitgemacht hatte. Obwohl Dr. Gruber, unser Hausarzt, mich sehr eindringlich befragte, ob ich nicht darauf geachtet hätte, dass Edwin regelmäßig seine Medikamente nahm und Diät hielt. Marianne und Ludwig übernahmen alles weitere. Susanne und Klaus, meine beiden anderen Kinder reisten mit ihren Familien zur Beerdigung an und ich lebte eine Zeitlang abwechselnd bei ihnen – um über den ersten Schmerz hinwegzukommen, wie Susanne das nannte. Als ich zurückkehrte, verkaufte ich das Haus und richtete mir eine kleine Wohnung ein, in der ich bequem von meiner Rente leben kann. Und von der aus ich es nicht weit zum Friedhof habe. So kann ich meine Laura immer dann besuchen, wenn ich es will.“

 

Veronika stand auf und es war klar, dass sie mit ihrer Geschichte fertig war. Einige Minuten lang blieb es sehr still, während sie die Fotos von der Wandtafel löste und die, die Edwin zeigten, in den Papierkorb warf.

 

Dann kehrte sie auf ihren Platz zurück und Erika setzte sich zu ihr. Leise tuschelnd begannen die beiden Frauen, Fotos von Kindern und Enkeln auszutauschen.

 

Nach einer Weile räusperte sich Frederike und alle Aufmerksamkeit wandte sich ihr zu. „Es ist bereits nach zwanzig Uhr und Zeit für uns, nach Hause zu gehen“, sagte sie mit ihrer klaren, akzentuierten Stimme. „Wir treffen uns in vierzehn Tagen wieder hier, zur gleichen Stunde. Kommt‘ alle gut nach Hause.“ Sie nahm eine Tasche, die neben dem Pult stand, wartete aber, bis sich die anderen von ihr und voneinander verabschiedet hatte. Sie umarmte Veronika, die sich müde auf Erikas starken Arm stützte und wechselte einige eindringliche Worte mit Rosi.

 

Dann waren nur noch Frederike und ich im Raum. Als ich gehen wollte, winkte sie mir, zu warten. „Darf ich dich einen Moment sprechen?“, sagte sie. Ich zögerte kurz, was ihr wohl nicht entging, denn sie lächelte. „Ich habe dein Bild in der Zeitung gesehen“, fuhr Frederike fort. „Deshalb habe ich deinen Brief beantwortet. Nicht alle, die auf die Annonce antworten, sind für unseren Kreis geeignet, wie du dir denken kannst. Doch ich dachte, du würdest dich bei uns wohl fühlen. Vielleicht erzählst du uns ja eines Tages, was nicht in der Zeitung stand.“

 

Die Frage war über meine Lippen, bevor ich darüber nachdenken konnte. „Frederike – hat jede Frau in dieser Gruppe ihren Mann getötet?“

 

Ihre ungewöhnlich blauen Augen strahlten mich an und sie führte mich aus dem Raum, um hinter uns sorgfältig abzuschließen. „Um das herauszufinden, wirst du wohl wieder kommen müssen.“

 

* * *

 

Ich kam wieder und besuchte jedes Treffen. Manchmal sprachen wir nur ganz allgemein darüber, wie sich unser Leben verändert hatte, über die Reaktionen unserer Kinder, Freunde, Verwandten, Bekannten und Nachbarn nach dem Tod unserer Männer. Manchmal stand aber auch eine von uns auf und trat an die Tafel.

 

Und natürlich stand auch ich eines Tages dort, hinter mir ein Bild von Jürgen gepinnt. Ich sah die ganze Zeit sein unverschämtes Grinsen, das ich einst als charmant und unwiderstehlich empfunden hatte und berichtete über all die kleinen Demütigungen, die er mich hatte erleiden lassen. Und seine Verbrechen – von denen das letzte sein Todesurteil bedeutet hatte.

 

* * *

 

Seit Veronikas Geständnis waren einige Wochen vergangen. Ich hatte jedes der Treffen besucht, jedoch kaum mehr über die anderen Frauen in meiner Gruppe herausfinden können. Vor allem Frederike blieb mir ein einziges Rätsel. War sie wirklich eine Witwe? War sie reich oder arm?

Hatte sie eine Familie? Kinder? Was hatte sie bewogen, diese Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen? Hatte sie das überhaupt? Was war ihr Geheimnis – ihre Geschichte? Und wie wählte sie aus, wen sie aufnahm? Sie hatte mir erklärt, wie sie auf mich gekommen war, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass zum Beispiel in Veronikas Fall der Tod ihres Ehemanns in die Schlagzeilen geraten war. Rosi sprach während der Treffen kaum, sie hörte aufmerksam zu, doch wirkte stets bedrückt und niedergeschlagen. Darin unterschied sie sich sehr von den anderen Witwen. Erika zum Beispiel blühte von Treffen zu Treffen mehr auf, machte eine Diät und kaufte sich schicke Kleider, obwohl sie – wie Rosi und Veronika auch – zu den weniger wohlhabenden Witwen unseres Kreises gehörte.

 

Gabriele dagegen kam immer direkt vom Tennis in ihrem schicken Sportwagen angebraust. Sie war die nächste nach Veronika, die an die Tafel trat.

 

* * *

 

Ich traf an jenem Abend als eine der Ersten ein. Nur Frederike war wie üblich bereits da – sie hatte schließlich auch den Schlüssel für den Raum. Sie begrüßte mich herzlich, aber merkwürdig geistesab-wesend und las in einem Brief, während sie unbewusst mit einem ihrer Absätze ein schnelles Stakkato auf den Boden trommelte.

 

Es regnete schon den ganzen Nachmittag und während ich meinen Schirm aufspannte und in eine Ecke vor die Heizung schob, damit er trocknen konnte, fiel mein Blick auf die Tafel, die heute – ganz im Gegensatz zu den letzten beiden Treffen – zugeklappt war. Ich spürte das heftige Verlangen, vor zu treten und sie zu öffnen, um nachzusehen, wessen Fotos wohl dort hingen. Aber Frederikes Anwesenheit hielt mich davon ab.

 

Ich hängte meine Jacke auf, setzte mich auf meinen Platz und strich mir das feuchte Haar zurück. Es schien mir wie ein verdrehtes Naturgesetz, dass es immer dann regnete, wenn man vom Friseur kam. Fast 150 Euro hatte ich für Waschen, Nachschneiden und Tönen bezahlt, aber als ich mich hinterher Zuhause im Spiegel betrachtete, fand ich, dass es sich gelohnt hatte. Überhaupt hatte ich das Gefühl, besser auszusehen, mich jünger zu fühlen, als vor Jürgens Tod. Mir war, als würde langsam die Lebensenergie wieder zu mir zurückkehren, die vorher meine Ehe aus mir herausgesaugt hatte. Ich fragte mich, wie es wohl den anderen Frauen ging. Ob sie auch diese Befreiung spürten?

 

Die Tür öffnete sich und Gabriele kam wie ein blonder Wirbelwind hereingestürmt. Ich glaube, ein Geschöpf wie sie – attraktiv, selbstbewusst, fröhlich – hätte ich mir als Tochter gewünscht, wenn ich jemals den Wunsch nach einem Kind verspürt hätte. Sie schleuderte ihre Tasche auf den Tisch, an dem sie gewöhnlich Platz nahm, winkte mir strahlend und atemlos zu und wandte sich dann an Frederike. „Du hast sie bekommen?“, fragte sie.

 

Frederike nickte. „Ich habe sie an der Tafel befestigt.“

 

Gabriele lächelte und zeigte dabei blendend weiße, ebenmäßige Zähne. „Gut“, erwiderte sie. „Sehr gut. Ich glaube, will... ich glaube, ich muss es heute allen erzählen.“

 

„Niemand zwingt dich dazu, Gabriele, vergiss das bitte nicht.“ Frederike wirkte ernst. Langsam faltete sie den Brief wieder zusammen, den sie die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte.

 

Die junge Frau schüttelte ungestüm den Kopf. „Ich will es.“ Sie drehte sich herum und ging zu ihrem Platz, wo sie eine Nagelfeile aus dem Seitenfach ihrer Sporttasche zog und begann, den Nagel ihres Zeigefingers zu bearbeiten.

 

Die anderen trafen ein. Veronika und Erika gemeinsam, die beiden hatten entdeckt, dass sie nicht weit voneinander wohnten und besuchten sich nun häufig gegenseitig. Wenig später huschte Rosi – ohne Schirm und tropfnass bis auf die Haut – in den Raum, um sich zitternd neben die Heizung zu setzen.

 

Als ich zu ihr trat, um ihr eine Packung Taschentücher zum Abtrocknen des Gesichtes zu geben, zuckte sie erschrocken zusammen und starrte mich ängstlich an. Alles an ihr erinnerte mich an ein furchtsames Mäuschen. Ihre kleine, magere, leicht gekrümmte Gestalt. Das schmale, bleiche Gesichtchen mit blutleeren Lippen und grauen Augen, umrahmt von aschblonden Haaren, die sie noch blasser machten. Die einzigen Farbtupfer in ihrem Gesicht waren die hektischen roten Flecken, die dann und wann auf ihren Wangen brannten. Selbst ihre Stimme klang farblos und zittrig, als sie sich für die Taschentücher bedankte.

 

Dann stand Gabriele auf und ich kehrte rasch an meinen Platz zurück. Selbstsicher stand die junge, blonde Frau vor uns. Mir schien, als sehe sie sich jede einzelne von uns genau an, als suche sie nach Ermunterung in unseren Gesichtern. „Ich... ich möchte Veronikas Beispiel folgen und euch erzählen, wie ich meinen Mann tötete.“ Sie räusperte sich und strich sich das lange Haar, dass sie, dieses Mal nicht in einem Pferdeschwanz gebändigt, sondern offen trug, zurück. „Meine Mutter ist eine erfolgreiche Sängerin“, begann sie. „Sie ist ständig auf Tournee. Mein Vater begleitet sie immer, er ist ihr Manager. Geboren wurde ich in Sydney, während eines sechsmonatigen Gastspiels meiner Mutter dort. Trotz ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft stand sie jeden Abend auf der Bühne und möglicherweise kamen mehr Menschen deswegen, als wegen ihrer Stimme. Damit sie keinen Auftritt verpasste, wurde meine Geburt künstlich eingeleitet und zwar während einer Woche, in der sie frei hatte. Ich vermute, das war der längste Zeitraum meines Lebens, in dem sich meine Mutter nur um mich kümmerte.“

 

Gabriele wippte etwas auf und ab, als sie weitersprach, die Hände auf den Rücken gelegt, als halte sie einen Vortrag. „Danach setzte sie ihre Tournee fort und mein Vater kümmerte sich um mich. Ich will nicht einmal sagen, dass das ein schlechter Tausch war – ich liebe meinen Vater sehr und er liebt mich. Ich konnte haben, was ich wollte... nur kein Zuhause, keine Freunde, keine Schule, auf der ich länger als ein paar Wochen blieb. Schließlich wurde eine junge Frau engagiert, die mich privat unterrichtete und uns auf allen Reisen begleitete. Ich empfand sie immer mehr als ein Kindermädchen oder als eine unerwünschte Aufpasserin, obwohl sie sich die größte Mühe gab, sich mit mir anzufreunden. Ich habe drei Monate in Tokio gelebt, ein halbes Jahr in Kanada und fast zwei Jahre in Südfrankreich, bevor es wieder für einige Wochen nach Montreal ging. Mit sechzehn hatte ich dieses unstete Leben endgültig satt und bestürmte meine Eltern, mich zu meiner Tante Sandra nach Deutschland ziehen zu lassen. Anfangs fühlte ich mich sehr fremd, aber Sandra war die jüngste Schwester meines Vaters und nur wenige Jahre älter als ich und so nahm sie mich häufig auf Parties und zu anderen Veranstaltungen mit. Auf den Schulabschluss konnte ich so gerne verzichten und nach einem Beruf stand mir nicht der Sinn – wozu auch, wir hatten ja Geld genug.“

 

Gabriele drehte sich zur Tafel um und öffnete sie. „Mit knapp siebzehn Jahren lernte ich auf einer Vernissage Georg kennen“, fuhr sie fort und nahm das Bild eines Mannes von der Tafel, der mindestens dreißig Jahre älter als Gabriele sein musste. „Er wollte mich zu seiner neuen Geliebten machen, natürlich erst nach meinem achtzehnten Geburtstag. Leider kam keine zwei Monate später seine Ehefrau hinter seine bereits bestehenden Affären und der gute Georg konnte seine Versprechungen nicht mehr einhalten, da ihm die Scheidung fast sein ganzes Vermögen kostete. Aber da war ja dann Ralf, der nicht einmal bis zu meinen achtzehnten Geburtstag wartete. Später kam Dieter, dann Markus, dann Roland und so ging es weiter...“

 

Sie zog ein Foto nach dem anderen von der Tafel und warf es in den Papierkorb. Meistens handelte es sich um ältere, verlebt wirkende Männer. Schließlich blieb ein Foto übrig. Gabriele nahm es in die Hand und betrachtete es fast liebevoll. „Dann begegnete ich mit neunzehn auf dem Tennisplatz Carlos. Es war wie in einer Seifenoper. Carlos fünf Jahre älter als ich, seine Mutter eine Putzfrau in einem Ferienbungalow irgendwo an der spanischen Küste. Sie hatte eine kurze Affäre mit einem deutschen Urlauber, der sie mit dem Kind sitzen ließ. Kurz nach Carlos zweitem Geburtstag starb sie bei einem Verkehrsunfall und er wurde von den Behörden zu seinem Vater nach Deutschland geschickt. Der war nicht sehr begeistert und schob Carlos kurzerhand zu Verwandten ab. Auf seltsame Weise fühlten wir uns sofort seelenverwandt. Wir kannten beide kein wahres Zuhause, keine richtige Familie. Wir waren beide auf der Suche nach Geborgenheit, nach Halt.“

 

Gabriele schwieg einen Moment und riß langsam das Foto, dass einen attraktiven, braungebrannten, jungen Mann zeigte, in zwei Hälften. „Wir verliebten uns ineinander und heirateten schon nach drei Wochen. Es machte Spaß... ja, wir hatten Spaß miteinander... viel Spaß. Aber dann – wir waren gerade erst ein halbes Jahr verheiratet – geschah dieser Unfall. Gegen drei Uhr morgens fuhren wir von einer Party nach Hause. Carlos hatte zu viel getrunken, also steuerte ich seinen Wagen, obwohl ich weder einen gültigen Führerschein, noch viel Fahrpraxis hatte oder wenigstens ganz nüchtern war. Ich gebe zu, es war auch meine Schuld, ich hätte mich nicht von ihm dazu überreden lassen sollen, sondern ein Taxi rufen. Aber ich habe es nicht getan, sondern bin losgefahren. Da war dann plötzlich dieser Radfahrer, als ich in eine Kreuzung einbog. Ich konnte ihn nicht sehen.“ Sie stoppte und starrte auf das zerrissene Foto. „Es gab einen furchtbaren Knall, als wir mit dem Radfahrer zusammenstießen. Wie eine Puppe wurde er auf die Motorhaube geschleudert und einen Moment lang gegen die Windschutzscheibe gepresst. Ich konnte sein Gesicht sehen, die weit aufgerissenen Augen, bevor er seitlich herunter glitt... Es war ein junger Mann, so alt wie Carlos – das stand später in der Zeitung. Ich wollte aussteigen, nach dem Mann sehen und einen Notarzt rufen. Aber Carlos... er war plötzlich nüchtern. Zu der Zeit hatte er gerade Aussichten, nach Beendigung seines Jurastudiums in die Kanzlei eines Geschäftsfreundes seines Vaters einzusteigen. Ein Unfall mit einer jungen, betrunkenen Fahrerin ohne Führerschein und er selbst volltrunken auf dem Beifahrersitz – das hätte seine Karrierepläne vernichtet. Er hielt mich zurück, als ich aussteigen - und schlug mir das Handy aus der Hand, als ich die Polizei anrufen wollte. Dann drängte er mich dazu, auf den Beifahrersitz zu rutschen, während er selbst ausstieg, den Wagen untersuchte und sich dann auf den Fahrersitz setzte. Er wendete, fuhr ein Stück zurück bis zu einer Parallelstraße und von da nach Hause.“

 

„Was ist mit dem Mann passiert, den du angefahren hast?“, fragte Erika leise.

 

Gabriele zuckte mit den Schultern. „Ein anderer Autofahrer hat ihn zwei Stunden nach dem Unfall gefunden, der Mann starb einige Tage später im Krankenhaus, ohne aus dem Koma aufzuwachen. Carlos beschwor mich, niemandem davon zu erzählen. Er ließ den Wagen verschwinden, ich weiß nicht wohin – eines Tages war er einfach nicht mehr da. Vielleicht verkauft, ins Ausland. Oder er verschwand in einer Presse auf einem Schrottplatz.“ Sie warf das zerrissene Foto in den Papierkorb. „Niemand verdächtigte uns. Es gab keine Zeugen und offensichtlich hatte das Auto nicht genügend Spuren am Körper des Mannes hinterlassen, um identifiziert werden zu können. Carlos tat so, als wäre nichts geschehen. Aber ich... es hatte sich für mich alles verändert. Nachts hörte ich den Aufprall, sah die weit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit vor mir. Wenn Carlos mich anfasste, wurde mir übel. Ich ging heimlich zur Beerdigung des Mannes, tat aber so, als würde ich ein Grab in der Nähe besuchen, um nicht aufzufallen. Als Carlos davon erfuhr, wurde er so wütend, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Er tobte vor Wut... ohrfeigte mich sogar. Seine einzige Sorge war, dass die Polizei das Begräbnis vielleicht überwachte und mich dort gesehen haben könnte. Er drohte mir damit, abzuleugnen dass er ebenfalls mit im Auto gewesen war, sollte man mich verdächtigen. Ich war wie betäubt. War das noch der Mann, in den ich mich verliebt hatte? Oder war das vielleicht der wahre Carlos – feige, jähzornig und rücksichtslos... Er ließ mich nicht mehr aus den Augen, verlangte Rechenschaft über jeden Schritt, den ich ohne seine Begleitung unternahm. Gleichzeitig behandelte er mich kalt, als hätten wir uns nie geliebt.“

 

Sie seufzte. „Ich wollte mich von ihm trennen, da hat...“, ihre Stimme wurde leiser. „Er bat mich um eine letzte Aussprache. Ich hatte eine kleine Wohnung gefunden und war gerade dabei, dort einzuziehen. Um es kurz zu machen – er kam vorbei, wir tranken, wir gerieten in Streit, ich drohte ihm an, zur Polizei zu gehen und mich selbst anzuzeigen und hinterher die Scheidung einzureichen... da hat er... er hat mich vergewaltigt.“ Sie presste die Lippen fest zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust.

 

Frederike machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie zu Gabriele gehen und sie in den Arm nehmen, doch sie rührte sich nicht vom Pult weg. Sie spürte genau wie wir anderen, dass Gabriele jetzt weder eine Berührung noch ein Wort von uns akzeptieren konnte. Sie wollte nichts weiter, als ihre Geschichte zu Ende erzählen.

 

 

„Hinterher kam er an und bettelte um Verzeihung. Flehte, ich müsse bei ihm bleiben. Als ich ihm das nicht versprach, sondern sagte, dass ich ihn anzeigen würde... drehte er völlig durch. Er kam auf mich zu und einen Moment lang glaubte ich wirklich, er würde mich umbringen wollen...“ Ein Schauer lief durch Gabriele. „Dann... die Wohnung... sie lag im fünften Stock, in einem dieser neuen Wohnhäuser in der City. Mit einem winzigen Balkonviereck, das wie ein Schwalbennest an der Wand klebt. Als ich vor Carlos davon lief, flüchtete ich mich auf den Balkon, ohne zu erkennen, dass ich damit in eine Falle geriet. Vielleicht hatte ich auch die Idee, um Hilfe rufen zu können und das irgend jemand mich doch da draußen hören musste. Als Carlos mir folgte, da... er stürzte auf mich zu und ich trat zur Seite, so dass er gegen die Wand prallte. Er hing halb benommen über die Kante der Balkonbrüstung... ich musste ihm nur noch einen kleinen Stoß geben...“

 

Ich konnte es plötzlich vor mir sehen. Gabriele, halb nackt, mit blauen Flecken übersät, das hübsche, blonde Haar wirr ins Gesicht hängend. Und ihren Mann, wie er über der Balkonbrüstung zusammen-gesackt ist, die Beine vielleicht ausgestreckt. Ich stellte mir vor, wie sie mit diesen zierlichen, kindlichen Händen seine Fußknöchel umschloss und sie mit einem heftigen Ruck hochzog. Sie spielt Tennis, ihre Arme sind bestimmt kräftiger, als sie aussehen. Eine Bewegung des Mannes, der ihre Bemühungen vielleicht falsch versteht und denkt, sie wolle ihm helfen – er verliert das Gleichgewicht, sackt nach vorne – und fällt über die Balkonbrüstung in die Tiefe. Ich sah Gabriele in den Schatten zu-rückweichen, sich mit wild klopfendem Herzen umsehend, ob sie jemand beobachtet hatte. Doch die Balkons rundum sind leer. Vielleicht stand jemand am Fenster? Von unten erklingen aufgeregte Stimmen, als man die Leiche entdeckt...

 

„Aber wie... wie hast du seinen Sturz erklärt?“ Ich selbst war es, die diese Frage stellte. „Selbstmord? Ein Unfall?“

 

Gabriele hob den Blick und sah mich direkt an. Vielleicht wusste sie, warum gerade ich das gefragt hatte. „Es war doch ein... bedauerlicher Unfall, wie er immer wieder passieren kann.“

 

Sie lächelte, als hätte sie einen Scherz gemacht. Und ich erwiderte das Lächeln.

 

„Glücklicherweise hatte mein Gesicht nichts abbekommen. Carlos war darauf sehr bedacht gewesen. Ich zog mich an, so rasch ich konnte, stellte eine Leiter und Werkzeug - Handwerker, die am nächsten Tag wiederkommen sollten, hatte es dagelassen – auf den Balkon und eilte nach unten. Die Polizei war schon auf dem Weg. Niemand hinderte mich daran, zu Carlos zu gehen. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Er hatte den Sturz überlebt, seine Augen bewegten sich und starrten mich anklagend an. Ich wollte ihn anfassen, aber eine Frau hielt mich zurück. Zum Glück, so waren keine Spuren von ihm an meiner Kleidung – sonst hätte die Polizei mir nie geglaubt, dass es ein Unfall war. Ich wurde verhört und gab an, dass Carlos eine Lampe auf dem Balkon montieren wollte, dabei auf der Leiter das Gleichgewicht verlor und stürzte.“ Gabriele schürzte die Lippen, als wundere sie sich selbst, mit dieser Geschichte vor Gericht durchgekommen zu sein. „Zur Beerdigung kam sogar meine Mutter – nicht einmal zu meiner Hochzeit hatte sie die Zeit dazu gefunden. Sie bot mir an, wieder mit ihr auf Tournee zu gehen, um von allem Abstand zu gewinnen. Aber ich habe – sicherlich eher zu ihrer Erleichterung – darauf verzichtet, wenn es auch schön gewesen wäre, Papa um mich zu haben. Er schien Carlos gemocht zu haben, obwohl er ihn nur ein einziges Mal getroffen hatte.“

 

Sie drehte sich um und klappte die Tafel zu. „Manchmal sehe ich Nachts das Gesicht des Radfahrers vor mir. Manchmal auch das von Carlos. Ich versuche mir die schöne Zeit in Erinnerung zu rufen, all den Spaß, den wir miteinander hatten – aber das kann ich nicht mehr... Ich spiele jetzt sehr viel Tennis und arbeite ab und zu für einen befreundeten Fotografen als Model. Meine Eltern bezahlen meinen Lebensunterhalt.“ Gabriele wandte sich uns wieder zu, die alte Unbekümmertheit legte sich langsam wieder über ihre Züge - oder zumindest schaffte sie es, diesen Eindruck zu erwecken. „Danke, dass ihr mir zugehört habt. Es ist das erste Mal, dass ich über alles sprechen konnte.“

 

Sie stand da, ein blondes, unbekümmert scheinendes Mädchen im Tennisdress, das zwei Menschenleben geopfert hatte. Aber ich war wohl kaum die Richtige, sie dafür zu verteilen – und vermutlich auch keine der anderen Frauen hier im Raum.

 

Ich weiß nicht, was ich einem Mann angetan hätte, wenn der mich vergewaltigt hätte. Wäre ich zur Polizei gegangen? Oder hätte ich das in die eigenen Hände genommen...

 

Ich blickte mich um. Erika saß mit entrüstetem Gesicht und zornigen Augen dar, die feisten Hände zu Fäusten geballt und gegen ihren wogenden, enormen Busen gepresst. Rosi war an der Heizung in sich zusammengesunken, verbarg ihr Gesicht hinter einem Taschentuch und zitterte wie ein geprügelter Hund. Veronika saß sehr aufrecht, fast steif, in ihrem Stuhl, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet. Ihr Gesicht wirkte wie eine Maske. Und Frederike... sie wandte dem Raum – uns – den Rücken zu. Ich konnte die Spiegelung ihres Gesichtes auf der dunklen, regennassen Fensterscheibe sehen, undeutlich, verschwommen – ein Zerrbild ihrer selbst.

 

Wir schwiegen alle, während Gabriele sich auf ihren Platz setzte, in ihrer Tasche kramte und etwas suchte, dass sie offenbar nicht fand. Dann war auch sie still.

 

Frederike räusperte sich und wandte sich uns zu. „Bei unserer nächsten Zusammenkunft wird eine weitere Witwe zu uns stoßen. Normalerweise nehme ich zwar nach dem zweiten Treffen niemanden mehr in die Gruppe auf, aber sie... ich kenne sie schon sehr lange und sie hat mich gebeten, eine Ausnahme zu machen. Es liegt natürlich bei euch...“ Sie blickte eine nach der anderen an. Und jede von uns nickte. Keine schien nach Gabrieles Geschichte noch den Mut zu finden, etwas zu sagen und so trennten wir uns bald, ohne großen Abschied.

 

Vor dem Gebäude stieß ich auf Gabriele, die gerade ihre Tasche verstaute. Es hatte aufgehört zu regnen. „Darf ich dir noch eine Frage stellen?“

 

Sie fuhr zu mir herum, offenbar hatte sie meine Schritte nicht gehört. „Oh – du bist es. Natürlich.“

 

„Der Mann damals – ich meine, der Radfahrer. Hatte er eine Frau? Kinder? Eine Familie?“

 

Gabriele musterte mich, vermutlich versuchte sie herauszufinden, warum dies für mich von Bedeutung war. „Nein, keine Frau und keine Kinder“, erwiderte sie leise. „Nur ein jüngerer Bruder. Ich... habe dafür gesorgt, dass er Geld erhalten hat. Dadurch kann ich seinen Bruder nicht mehr lebendig machen, aber es war das einzige, was ich tun konnte.“

 

„Du hättest dich stellen können.“ Diese Bemerkung rutschte mir heraus.

 

„Ja“, meinte Gabriele und stieg in ihr Auto. „Das hätte ich tun können. Aber dann hätten sie mir bestimmt auch Fragen zu Carlos Tod gestellt.“ Sie sah mich an. „Ich bereue den Tod dieses Mannes, aber nicht, dass ich Carlos getötet habe. Er hat etwas in mir kaputt gemacht, dass vielleicht nie wieder heilen wird. Ich werde mein ganzes Leben mit der Schuld leben müssen.“ Sie legte den Kopf schief. „Oder würdest du dich an meiner Stelle der Polizei ausliefern?“

 

Nein, das würde ich nicht. Was machte ich ihr Vorwürfe? Ich hatte Veronika keine Vorwürfe gemacht, sondern sie verstanden. Vielleicht schockierte es mich bei Gabriele stärker, weil sie noch so jung war. Sie sollte so viel Hass und Schmerz noch nicht kennen. Und so viel Tod. Ich schüttelte den Kopf.

 

Gabriele lächelte. „Kann ich dich mit in die Stadt nehmen?“, bot sie mir an.

 

„Danke, aber ich warte auf das Taxi, dass ich bestellt habe – ich fahre noch nicht nach Hause, sondern treffe mich noch mit jemandem.“

 

„Dann wünsche ich dir einen schönen Abend.“ Gabrieles Lächeln vertiefte sich. Sie winkte, als sie losfuhr und ihr blondes Haar flatterte wie eine Fahne hinter ihr her. Während ich auf das Taxi wartete – ich hatte tatsächlich eine Verabredung, allerdings nur mit einer alten Schulfreundin, die seit vielen Jahren in den USA lebte und sich gerade zu Besuch in Deutschland aufhielt – kam Frederike die Stufen herab. Sie schien mich nicht zu bemerken, als sie - an mir vorbei - die Straße entlang ging. In der Straßenbeleuchtung glitzerten Tränen auf ihren Wangen.

* * *

 

Rückblickend versuche ich zu erkennen, ob mir hätte an Anita irgend etwas auffallen sollen – abgesehen von der fast hündisch ergebenen Haltung, die Frederike ihr gegenüber einnahm. Sobald Anita den Raum betrat, veränderte sich unsere ruhige, selbstsichere Gruppenleiterin in ein nervöses, fast unbeholfenes Geschöpf, das wie gebannt an Anitas Lippen hing. Anita war freundlich, lächelte viel - wenn das Lächeln auch stets oberflächlich blieb und ihre Augen nie erreichte. Sie verstand es wundervoll, andere aufzuheitern. Einmal zauberte sie sogar auf Rosis blasse Lippen ein flüchtiges Lächeln.

 

Vielleicht war ihr Auftreten eine Spur zu selbstsicher, zu kühl, zu distanziert, als dass ich sie mir als Freundin gewünscht hätte. Veronika schien ebenfalls nicht ganz sicher zu sein, woran sie mit Anita war. Ich sah häufig ihren nachdenklichen Blick auf sie gerichtet. Gabriele und später auch Rosi wurden zu wahren Anita-Fans. Gabriele ging sogar soweit, Anitas Kleidungsstil zu kopieren. Was Erika dachte, blieb mir ein Rätsel. Manchmal glaubte ich fast, sie würde Anita hassen, nachdem diese einmal eine wenig schmeichelhafte Bemerkung über das Liebesleben dicker Frauen und ihrer Ehemänner gemacht hatte und dabei in Erikas Richtung blickte. Anita machte nie einen Hehl aus ihrer Meinung, auch nicht daraus, dass sie ihren Mann nur losgeworden war, weil er sich als lästig erwiesen hatte und heuchelte keine Trauer, wo keine war. Sie machte von Anfang an klar, dass sie nichts bereute. Möglicherweise war das ihr Fehler. Es gab zu viele, merkwürdig günstige Todesfälle in ihrer Vergangenheit - vielleicht forderte sie damit das Schicksal heraus...

 

* * *

 

Natürlich war ich auf das nächste Treffen ungemein gespannt, hatte Frederike doch so rätselhaft ihre Freundin angekündigt. Ich kam früh - sogar vor unserer Gruppenleiterin - an und stand auf dem düsteren Korridor vor der verschlossenen Tür zu unserem Raum. Nach ein paar Minuten hörte ich in der Stille des Korridors das rasche klack-klack von Absätzen auf Steinboden, das nur von Frederikes Stiefeln stammen konnte. Ich hörte Stimmen, aber sie waren noch zu weit entfernt, als dass ich einzelne Worte hätte verstehen können.

 

Abrupt stoppten die Schritte. „Bist du vollkommen verrückt geworden?“ Das war Frederikes Stimme, wenn ich sie auch noch nie in dieser Lautstärke und in diesem Tonfall vernommen hatte. „Ist dir nicht klar, dass die Polizei nur darauf wartet, dass du ihnen noch ein Motiv lieferst und diesmal eines, dass dein Anwalt nicht vom Tisch wischen kann?“

 

„Du übertreibst mal wieder maßlos, Frederike“, entgegnete eine mir unbekannte Frau. „Christian wurde von einem Landstreicher umgebracht, der sich in der Hütte eingenistet hatte. Niemand denkt irgend etwas anderes. Ich habe nicht vor jahrelang zu warten, bevor ich mit Sandro zusammenziehe. Ich habe keine Lust zuzusehen, wie ihn mir inzwischen eine Jüngere wegschnappt, nur weil ich alt und hässlich geworden bin.“

 

„Das war nicht deine Idee, ich kenne dich - du bist eine intelligente Frau, Anita. Sandro hat es nur auf dein Erbe abgesehen. Er wird dich ruinieren und dann verschwinden.“

 

Die andere – Anita – lachte. „Eifersüchtig, mein Schatz?“, fragte sie spöttisch. „Glaubst du, die Polizei würde mich weniger verdächtigen, wenn sie von unserer kleinen affaire dû cour wüsste? Wohl kaum. Vergiss‘ nicht, dass du mir eine Waffe besorgt hast. Wenn ich zufällig erwähnen würde, dass ich sie bei dir gefunden habe, könnten sie annehmen, dass du meinen über alles geliebten Ehemann aus Eifersucht ermordet und das Gewehr nur benutzt hast, weil es eben zur Hand war. Hast du eigentlich ein stichhaltiges Alibi für den fraglichen Abend? Ich war auf einer Party und wurde von mindestens zwanzig Personen gesehen.“

 

Es war einen Moment lang sehr ruhig und ich überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Wenn die beiden mich da stehen sahen... Und doch konnte ich mich nicht von der Stelle rühren, als ich erneut Frederikes Stimme hörte.

 

„Das würdest du nicht tun?“ Sie klang ungläubig.

 

Anita lachte – bitter und hart. „Glaubst du, ich würde zögern, wenn es notwendig wäre? Und wem würde man dann mehr glauben? Mir oder einer Frau, die wegen des Verdachtes ihr Baby getötet zu haben, mehrere Monate im Gefängnis saß?“

 

Offenbar ging sie weiter, denn ich hörte leise Schritte, die sich mir näherten. Dann das lautere Stakkato von Frederikes Stiefeln, die ihr folgte. Ich zog mich rasch in eine schattige Ecke zurück, in der jemand Kartons abgestellt hatte und machte mich klein neben ihnen, um nicht gesehen zu werden. Frederike und eine Frau mit hellen, kurzen Haaren, die unter einem teuren Schal hervor blitzten, traten um die Ecke und blieben vor der Tür stehen.

 

Frederikes Hände zitterten so stark, dass sie den Schlüssel fallen ließ. Als sie sich danach bückte, hielt ich den Atem an – bestimmt würde sie mich gleich entdecken, sie sah ja genau in meine Richtung... Doch nichts geschah. Vielleicht war sie zu sehr in Gedanken bei der Frau neben ihr, an die sie sich gleich wieder wandte.

 

„Das... das kannst du nicht... Du weißt genau, dass ich dich nie verraten würde – ich liebe dich doch, Anita.“

 

Anita beugte sich vor und streichelte Frederikes Wange. „Das ist gut – das ist sogar sehr gut, mein Schatz“, sagte sie leise. „Erinnere dich nur immer daran.“ Sie ließ ihre Hand in Frederikes Nacken gleiten, bog deren Kopf nach vorn und küsste sie.

 

Frederike gab einen erstickten Laut von sich. Ich wagte mich etwas weiter aus meinem Versteck und sah, wie sie beide Arme um die Taille der anderen Frau legte, um sie näher an sich zu ziehen.

 

Doch Anita stieß sie zurück. „Willst du, dass uns eine deiner fröhlichen Witwen erwischt? Was würden sie dann von dir denken?“, zischte sie.

 

Frederike sagte nichts. Sie steckte endlich den Schlüssel ins Schlüsselloch und öffnete die Tür. In diesem Moment ging im Flur das Licht an und auf der Treppe waren Schritte und Stimmen zu hören. Sie griff nach Anitas Arm und zog sie mit sich in den Raum.

 

Nur Augenblicke später kamen Erika und Veronika die Treppe herauf, in eine lebhafte Unterhaltung verstrickt.

 

Ich wartete ungeduldig, bis sich die Tür auch hinter den beiden geschlossen hatte, bevor ich aus meinem Versteck trat. Unbehagen erfüllte mich – weniger, über das was ich belauscht hatte – als über die merkwürdige Beziehung zwischen den beiden Frauen. Ich mochte Frederike sehr, auch wenn sie ein einziges Rätsel für mich darstellte. Und Anita... ich wusste nicht, was ich von ihr halten sollte...

 

In diesem Zwiespalt befand ich mich, als ich die Tür öffnete und eintrat. Frederike begrüßte mich mit einem Lächeln, ihr Gesicht ruhig wie sonst. Anita, die neben ihr stand und wie besitzergreifend – ich musste mich wohl irren – die Hand auf ihren Arm legte, nickte mir kühl zu. Veronika und Erika begrüßten und lockten mich gleich zu sich, um auf den neuesten Fotos zu bestaunen, wie Erikas erstes Enkelkind gewachsen war. Kurz danach kam Gabriele, grüßte in die Runde, musterte Anita unverhohlen und setzte sich dann an ihren Tisch. Heute trug sie ausnahmsweise nicht ihren Tennisdress – Ende September war wohl selbst ihr zu kühl dafür – statt dessen hautenge Jeans und ein knallrotes Oberteil, das bei jeder Bewegung unter ihrer schwarzen Jacke hervor blitzte. Sie schien blendender Laune und hatte sich rote Strähnen in ihre blonde Mähne machen lassen. Wie immer huschte Rosi als letzte in den Raum und vervollständigte uns.

 

Dann wandte sich Frederike an uns. „Das ist meine Freundin Anita. Ihr Mann ist erst vor wenigen Wochen umgekommen. Sie möchte sich unserer Gruppe anschließen und ich hoffe, ihr nehmt sie gerne auf.“

 

Gerne war nicht das Wort, dass ich verwendet hätte. Anita war hier und mir war klar, dass sie auch geblieben wäre, hätten wir dagegen protestiert. Ich verstand nur nicht, warum sie hier war. Wir anderen hatten jemanden gesucht, mit dem wir offen sprechen konnten und zwar jemanden, der uns nicht verurteilen würde. Anita wirkte nicht, als wünschte sie ihr Gewissen zu erleichtern. Es schien mir eher so, als hätte sie keines.

 

Frederike wies auf einen freien Platz, doch Anita schüttelte den Kopf. Sie sah – fast herausfordernd – in unsere Runde. „Ich habe gehört, dass man hier offen reden kann. Sicher sind schon alle schrecklich neugierig, zu erfahren, wie ich Witwe geworden bin.“ Sie lächelte und ich musste zugeben, dass auch mich dieses Lächeln in den Bann zog. Plötzlich schienen mir meine vorherigen Gedanken lächerlich.

 

Anita lehnte sich zurück, mit dem Rücken gegen die Tafel, während Frederike mit einem fast resignierten Blick Platz nahm und Erika entschuldigend zulächelte. Denn eigentlich wäre Erika dieses Mal mit ihrer Geschichte an der Reihe gewesen.

 

Anita nahm den Schal ab, den sie um den Kopf geschlungen trug und schob ihn nachlässig in die Tasche ihrer teuren Designerjacke. „Ich wuchs in einer Familie mit vielen Kinder, aber dafür wenig Geld auf. Mit fünfzehn flog ich wegen einiger Kleinigkeiten von der Schule und suchte einen Job. Schließlich fand ich eine Ausbildungsstelle bei einem Friseur. Immer, wenn seine Alte nicht im Laden war, hatte ich das Vergnügen, mich von ihm abgrabschen zu lassen – doch dafür bezahlte er wenigstens gut. Als ich die Lehre abgeschlossen hatte und er meinte, wenn ich mit ihm ins Bett gehen würde, bekäme ich eine feste Anstellung, zog ich ihm eine Flasche Shampoo über – ohne größeren Schaden anzurichten – und warf den Kittel hin. Ich ging zu seiner Frau, um sie zu fragen, was sie vom Angebot meines Meisters hielt und wie es wohl die Handwerkskammer zu schätzen wissen würde, wenn sie in der Zeitung läse, dass man sich als Mädchen begrabschen lassen musste, um eine Lehrstelle zu behalten. Zwei Tage später hielt ich ein hervorragendes Zeugnis in der Hand und einen Scheck – zur Überbrückung der Zeit, bis ich eine neue Stelle gefunden hätte und für treue Dienste. Was sollte ich also tun? Ich hatte keine Lust, in einem Friseursalon zu versauern und für einen Hungerlohn vor fetten Weibern mit dünnen Haaren zu katzbuckeln. Noch weniger stand mir der Sinn danach, einen meiner Freunde zu heiraten und wie meine Mutter mit einem Stall voll Blagen meinen Frust in Alkohol zu ersäufen. Also löste ich den Scheck ein und kaufte mir erst einmal etwas hübsches zum Anziehen, ließ mir eine neue Frisur verpassen und begann, mich in der Lobby eines teuren Hotels aufzuhalten. Einige Tage lang erhielt ich nur indiskutable Angebote, dann setzte sich Klaus-Dieter an meinem Tisch. Klaus-Dieter war nicht besonders groß und nicht besonders ansehnlich mit seiner Glatze und der breiten Knollennase – aber er war reich. Sehr reich. Er ließ sich meinetwegen von seiner Frau scheiden und wir heirateten. Leider starb er schon nach wenigen Jahre – eine verschleppte Grippe, sein schwaches Herz... Die traurige Nachricht erreichte mich auf Lanzarote, wo ich mich vom grauen, deutschen Winter erholte.“

 

Ihr Gesicht verhärtete sich plötzlich und ich fragte mich, ob ihr das selbst bewusst war. Sie schien mir nicht der Typ Frau zu sein, die ihre Gefühle auf einem silbernen Tablett vor sich her trug.

 

„Das Testament war eine herbe Enttäuschung. Sicher, er hatte mir ein kleines Vermögen hinterlassen und das Haus, in dem wir gemeinsam gelebt hatten. Doch der größte Teil fiel seinen fünf Blagen und seiner Ex-Frau zu. Er hatte doch die Frechheit, in sein Testament zu schreiben, wie leid es ihm tue, dass er sie verlassen habe und er auf diese Weise zumindest einen Teil seiner Schuld abtragen wolle.“ Sie zischte verächtlich. „Und dabei habe ich sechs Jahre meiner Jugend für ihn geopfert. Also stand ich mit knapp Siebenundzwanzig wieder dort, wo ich angefangen hatte – nur mit etwas mehr Geld in der Tasche. Die Sucherei ging also wieder los und ich verbrachte einige Jahre damit, die Geliebte diverser reicher Männer zu sein – leider ließ sich von denen keiner dazu bringen, sich scheiden zu lassen und mich zu heiraten. Erst Christian, mein zweiter Mann. In seinem Leben gab es keine Exfrau, nur eine ältliche, kränkelnde Mutter, die ihn fest an der Kandare hatte. Es war ein Kinderspiel: keine drei Wochen, nachdem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten, hielt er um meine Hand an – sehr zum Kummer seiner Mutter. Aber wie das Schicksal es wollte, starb sie einige Monate nach unserer Hochzeit an einer Lungenentzündung.“

 

Anita seufzte. „Ja, danach waren Christian und ich wirklich sehr glücklich. Er hatte seine Firma, ich sein Geld und eine Menge Spaß. Bis mir eines Tages auffiel, dass Christian es plötzlich nicht mehr so eilig hatte, abends nach Hause zu kommen. Ich war nicht umsonst jahrelang Geliebte gewesen, ich wusste genau wie sich Männer verhielten, die ihre Frauen betrogen. Es war auch nicht schwer, heraus zu finden, mit wem mein einfallsloser Christian etwas hatte – ausgerechnet mit einer Sekretärin, einem blassen, unscheinbaren und haltlos dummen Wesen.“

 

Sie lächelte und diese Lächeln, kalt und zynisch, ließ mich innerlich vor ihr zurückprallen. Ich warf einen Blick auf Gabriele und sah fast so etwas wie Begeisterung auf ihrem Gesicht. Nein, ich musste mich irren. Rosi hielt wie fast immer das Gesicht gesenkt, so war nicht zu erkennen, was sie dachte. Veronika runzelte nachdenklich die Stirn und Erika schien gar nicht zuzuhören, sondern war ganz darin vertieft, mit den Ringen an ihren plumpen Fingern zu spielen. Und Frederike... in Anbetracht dessen, was ich zuvor belauscht hatte, war ich natürlich ganz besonders gespannt, was mir der Ausdruck ihres Gesichtes verraten würde. Doch da war nichts bis auf einen Anflug von Ekel, der sich in ihren fest geschlossenen Lippen ausdrückte.

 

„Ich hätte ihm doch etwas mehr Geschmack zugetraut“, fuhr Anita fort. „Nun, im Grunde hatte ich zwar nichts dagegen, wenn er sich auch etwas Abwechslung verschaffte – ich selbst gönnte mir gerne das Vergnügen einer interessanten Bekanntschaft...“ Sie blickte Frederike an, die für einen Augenblick alle Farbe verlor und rasch den Kopf senkte.

 

Ich glaube, es fiel niemandem außer mir auf.

 

„...doch dann kam Christian leider auf die schwachsinnige Idee, sich von mir scheiden zu lassen und seine Sekretärin zu heiraten. Er glaubte, dass diesem dummen Ding schuldig zu sein und mich mit einer großzügigen Summe abfinden zu können. Großzügig!" Wieder gab sie ein verächtliches Zischen von sich. „Ich sollte mit ein paar Brosamen aus dem Nest geworfen werden, damit diese Kuh einziehen konnte. Nun, glücklicherweise wusste noch niemand von der Scheidung. Christian hatte mir versprochen, sich alles noch einmal zu überlegen – doch ich kannte ihn inzwischen sehr gut. Er hatte die Hochzeit mit mir gegenüber seiner Mutter durchgesetzt und er würde auch seine Sekretärin heiraten, wenn ich es nicht zu verhindern wusste. Als er verkündete, dass Wochenende in einer Jagdhütte zu verbringen, die er von einem entfernten Onkel geerbt hatte, war mir klar, dass ich am Ende als Verliererin dastehen würde – oder dem Schicksal auf die Sprünge helfen musste. Der arme Christian – er selbst gab mir die Idee mit dem Landstreicher ein, als er mich kurz nach seinem Eintreffen von der Hütte aus aufgeregt anrief und von der eingeschlagenen Fensterscheibe berichtete. Offenbar hatte jemand dort kampiert und sich an den eingelagerten, alten Konserven gütlich getan.“

 

Anita bewegte ihre Schultern und streckte sich. „Der Rest ist rasch erzählt. Ich besorgte mir ein Alibi, in dem ich mich auf einer Party recht häufig blicken ließ, verschwand aber während eines halbstündigen Feuerwerks um Mitternacht. Ich fuhr zur Jagdhütte, wo ich den armen Christian aus dem Schlaf riss. Wie blass er war und wie sehr er sich freute, als er die Tür öffnete, ängstlich eines der Jagdgewehre seines Onkels umklammernd – mit dem er doch nicht mehr, als auf Dosen schießen konnte – und mich statt eines Einbrechers sah. Es war so einfach. Ich nahm ihm die Waffe aus der Hand und erschoss ihn in der Küche, in der noch klar die Spuren des Eindringlings zu finden waren. Ich ließ das Gewehr fallen und rannte quer durch den Wald zu einem Parkplatz an dem ich mein Auto gelassen hatte, ohne meine eigene Waffe auch nur aus der Tasche genommen zu haben. Das Feuerwerk war zwar vorüber, als ich ankam, aber alle akzeptierten meine Erklärung, mich nur rasch frisch gemacht zu haben. Natürlich überprüfte die Polizei mein Alibi und stieß auch auf diese fragliche halbe Stunde um Mitternacht – aber mehrere Leute sagten aus, mich in dieser Zeit gesehen zu haben. Welch ein glücklicher Zufall, dass es ein Maskenball war und ich ein sehr beliebtes Kostüm trug...“ Sie zuckte geringschätzig mit den Schultern. „Natürlich musste die Polizei den Verdacht gegen mich fallen lassen – zumal dieses Mäuschen von Sekretärin nichts über ihre Affäre mit Christian verlauten ließ und ich so kein wirklich starkes Motiv hatte. Wahrscheinlich dachte sie, sich selbst verdächtig zu machen, sollte sie den Mund aufmachen. Sie starb ohnehin noch vor Ende der Ermittlungen bei einem Autounfall.“

 

Warum überraschte mich das nur nicht mehr... Mir ekelte vor Anita, vor ihrer Kaltschnäuzigkeit. Sie kannte nur kalte Berechnung, nicht diese Verzweiflung, die jede andere von uns empfunden hatte.

 

„Es wurde letztlich festgestellt, dass mein Mann wohl den Eindringling überraschte, der aus irgendeinem Grund zur Hütte zurückgekehrt war, die er zwei Tage zuvor verlassen hatte und der ihm bei einem Gerangel das Gewehr aus der Hand riss und ihn erschoss. Gefunden hat man ihn zwar nicht, aber ich war von jedem Verdacht so ziemlich reingewaschen und verkaufte Christians Firma für einen stattlichen Betrag.“ Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Ich konnte es doch nicht zulassen, dass er mich so abspeist. In meinem Alter ist es nicht mehr so einfach, einen neuen Ehemann zu finden, der meinen Ansprüchen genügt – als Geschiedene schon gar nicht.“

 

Als sie endete, war das Schweigen anders, als es nach Veronikas oder Gabrieles Erzählung gewesen war – betreten, nicht mitfühlend. Anita hatte sich ihres Mannes kaltblütig entledigt, aber nicht, weil er sie gegen eine Jüngere hatte austauschen wollen. Er hatte auch nicht wie Jürgen ein Mädchen geschwängert und es sitzen lassen – worauf das sich das Leben nahm. Er hatte nicht wie Veronikas Edwin ihr Baby getötet und er hatte sie nicht vergewaltigt, wie Gabrieles Mann es getan hatte. Nein, er hätte ihr einfach den Geldhahn zugedreht und das war es, was Anita nicht zulassen wollte. Und das unterschied sie auf eine Weise von uns, die unüberbrückbar war.

 

Fast ohne es zu wollen, blickte ich wieder zu Frederike. Sie wirkte völlig apathisch, schockiert – wie nach einem Schlag ins Gesicht. Ich dachte mir, dass sie ihre Freundin Anita wohl doch nicht so gut kannte, wie sie geglaubt hatte... Oder setzte ihr die Art zu, wie Anita vor uns darüber sprach?

 

Gabriele war die Erste, die aufstand. „Es tut mir wirklich leid, aber ich habe noch eine wichtige Verabredung – meine Mutter ist hier. Seid mir nicht böse, wenn ich jetzt schon gehe.“

 

Veronika und Erika wechselten einen Blick. „Vielleicht...“, begann Veronika. „Vielleicht sollten wir auch gehen. Es ist unheimlich, in der Dunkelheit nach Hause zu laufen und der letzte Bus fährt in zehn Minuten.“

 

Frederike hob langsam den Kopf und warf einen Blick auf die Schuluhr an der Wand. So früh hatte noch nie eine unserer Gruppenstunden geendet. Doch dann nickte sie. „Es macht dann wohl nicht viel Sinn, wenn die anderen hierbleiben. Wir sehen uns in vierzehn Tagen wieder.“

 

Ich sah zu, wie Rosi nach einer flüchtigen, scheuen Verabschiedung das Weite suchte und auch Erika und Veronika gingen, ihr Verhalten merklich frostiger als sonst. Gabriele verschwand ohne ein Wort, nickte nur in meine Richtung. Schließlich war ich die Letzte, die sich noch mit Frederike und Anita im Raum befand.

 

Etwas zögernd trat ich vor zum Pult. „Ich kenne hier in der Nähe eine ruhige Bar – wollen wir nicht etwas trinken gehen, Frederike? Es gibt da einiges, was ich dich gerne mal... unter vier Augen... fragen würde.“ Aus den Augenwinkeln erhaschte ich gerade noch Anitas ablehnende Handbewegung.

 

Frederike lächelte entschuldigend. „Das ist eine sehr schöne Idee, aber lass‘ uns das auf ein anderes Mal verschieben, ja?“

 

„Gut. Dann also bis zu nächsten Mal.“ Was hätte ich anderes sagen sollen? Ich ging.

 

* * *

 

Muss ich noch erwähnen, dass es nie zu diesem Treffen kam? Zuerst war es Anitas Anwesenheit, die es verhinderte, später dann Rosis Selbstmord und letztlich... Anitas Verhaftung. Doch ich greife den Ereignissen vor.

 

* * *

Bei den nächsten Treffen blieb Anita zurückhaltender und die anderen Frauen tauten ihr gegenüber etwas mehr auf. Sechs Wochen nach Anitas erstem Auftritt, war dann endlich Erikas großer Tag. Frederike hatte es uns angekündigt.

 

Als ich – etwas später als sonst – ankam, saß Anita neben Rosi und versuchte eine Unterhaltung mit ihr zu führen. Fast ängstlich bewacht von Frederike, wie mir schien. Sie konnte in der armen Rosi doch auf keinen Fall eine Konkurrenz um Anitas Gunst sehen? Ich kam nicht dazu, weitere Überlegungen anzustellen, denn der Rest unserer Gruppe erschien und Erika trat vor an die Tafel. Zu meiner Verwunderung hatte sie kein Foto mitgebracht und den Grund dafür sollten wir später erfahren.

 

Erika wirkte sehr aufgeregt, als sie da vorne stand. Ich konnte es ihr nicht verdenken, hatte doch ich selbst ein flaues Gefühl im Magen verspürt, als ich vierzehn Tage zuvor in der gleichen Situation gewesen war. Es ist eine Sache, sich Gedanken zu machen – sie laut auszusprechen, eine andere.

 

„Mein Mann... Rüdiger war ein Geizhals“, begann sie leise zu sprechen. „Als ich ihn kennenlernte, fand ich es toll, wie sparsam er war und das er Ziele hatte, die er unbedingt erreichen wollte. Mein Gott, heute weiß ich nicht einmal mehr, welche Ziele das gewesen waren – und vermutlich wusste Rüdiger das längst selbst nicht mehr. Nicht einmal Fotos gibt es von unserer Hochzeit, weil er es für eine überflüssige Ausgabe ansah. Aus dem sparsamen, fröhlichen jungen Mann, in den ich mich verliebt hatte, war über die Jahre ein älterer, fauler und geiziger Mann geworden, der die meiste Zeit seines Lebens auf dem Sofa verbrachte. Wie viele Geizhälse sparte er nicht bei seinen eigenen Bedürfnissen und so floß ein nicht unbedeutender Teil meines Verdienstes als Bier durch seine Kehle. Ich arbeitete zu der Zeit als Nachtschwester im St. Agnes-Krankenhaus und hatte vormittags zusätzlich noch eine Putzstelle. Den Nachmittag hielt ich mir für meine Kinder frei. Stefanie und Jörg litten vermutlich am meisten unter dem Geiz ihres Vaters. Meine Kleidung kaufte ich Secondhand oder holte sie aus der Kleiderkammer, aber die beiden wurden in der Schule gehänselt, wenn sie nicht den neuesten Schulranzen oder die modische Jeans vorweisen konnten, die alle trugen. Aber ich war ja blind...“ Sie zögerte kurz, spielte mit den Holzperlen der Kette um ihren Hals.

 

„Rüdiger war immer besonders stolz auf sein handwerkliches Geschick und vergaß auch nie zu betonen, wie viel wir dadurch sparen würden, dass er die Waschmaschine oder den Toaster selbst reparierte. Wenn mein Gehalt mal wieder vorne und hinten nicht reichte, weil die Miete erhöht worden war oder das Benzin teuerer, bequemte er sich, bei Freunden und Bekannten defekte Geräte zu reparieren – das Geld behielt er natürlich für sich und setzte es in Bier um. Dann verhob ich mich eines Tages, als ein Patient stürzte und erlitt einen Bandscheibenvorfall. Nach der Operation konnte ich nicht mehr im Krankenhaus arbeiten und auch nicht mehr als Putzfrau, das Bücken war mir unmöglich. Eine Zeitlang hielt ich uns mit einem Job bei einer Telefonvermittlung über Wasser, obwohl mir längeres Sitzen zur Qual wurde.“ Wieder stoppte Erika kurz. „Ich hatte immer schon eine kräftige Statur, aber nach der Bandscheibenoperation quoll ich förmlich auseinander – was meinen Zustand natürlich nicht gerade verbesserte. Ich verlor den Job bei der Telefongesellschaft und verkaufte schließlich Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt. Natürlich verdiente ich damit nicht viel und wir konnten bald die Miete nicht mehr bezahlen. Ein Bekannter quartierte uns in einem kleinen Häuschen in seinem Schrebergarten ein. Das war kurz vor Stefanies sechzehnten Geburtstag. Rüdiger fluchte über den schlechten Fernsehempfang und über den weiten Weg zum nächsten Supermarkt. Dass die Kinder fast die doppelte Strecke wie bisher zur Schule gehen mussten, weil das Geld für den Bus nicht reichte, interessierte ihn nicht. Er tat es mit einem lapidaren „Viel Bewegung ist gesund“ ab. Aber alles das nahm ich hin. Ich glaubte, es für Jörg und Steffi tun zu müssen. Sie sollten in einer intakten Familie aufwachsen, auch wenn ich mir manchmal dachte, dass sie besser ohne Vater als mit Rüdiger dran gewesen wären... Dann lief meine Steffi weg. Ein paar Tage nach ihrem sechzehnten Geburtstag – den wir nicht gefeiert hatten, denn schließlich durfte man Kinder nicht zu maßlosen Menschen erziehen, die erwartete, dass ihnen alles im Leben zufalle, wie Rüdiger meinte – kam sie von der Schule nicht nach Hause. Nicht einmal ihrem Bruder hatte sie etwas gesagt. Sie war einfach weg.“

 

Gabriele schüttelte den Kopf verständnislos den Kopf. „Sogar meine Mutter schickt mir zu jedem Geburtstag etwas, egal wo sie ist und wenn sie sich auch sonst nie um mich kümmert“, meinte sie. „Ja, gut - sie lässt das Geschenk von ihrer Sekretärin oder einem Hotelangestellten besorgen, aber sie denkt zumindest daran. Ich kann verstehen, dass deine Tochter sich das nicht mehr gefallen lassen wollte.“

 

Erika nickte. „Ich hatte Geld gespart, um ihr eine Weste schenken zu können, die ihr so gut gefallen hatte. Doch es reichte nicht und ich konnte die Weste erst an dem Tag kaufen, an dem sie verschwand. Rüdiger war außer sich. Nicht wegen Steffis Verschwinden – er sagte, sie würde schon zurückkommen, wenn sie Hunger hätte – sondern weil ich diese Weste von Geld kaufte, das ich ihm verheimlicht hatte. Er riss sie mir aus den Händen und verschwand damit in die Stadt, um sie zurückzugeben und sich von dem Geld Bier zu kaufen. In dieser Nacht, in der ich vor Angst um meine Tochter keine Minute Ruhe fand, wünschte ich mir zum ersten Mal, Rüdiger wäre tot.“ Ein Schauer glitt durch sie. „Zum Glück brachte meine Schwester Steffi drei Tage später zu uns zurück – Steffi war getrampt, hatte sich bei ihr ausgeheult und sie angefleht, bei ihr bleiben zu dürfen. Nachdem ich sie überglücklich in die Arme geschlossen hatte, verzog sie sich in das winzige Zimmer, das sie mit ihrem Bruder teilte und meine Schwester nahm mich beiseite. Was sie mir sagte, klang so unglaublich, dass ich es... ich einfach nicht fassen konnte.“

 

Sie holte tief Luft und unter ihrer korallenfarbenen Bluse hob und senkte sich ihr schwerer Busen. „Steffi hatte meiner Schwester anvertraut, dass Rüdiger... dass ihr eigener Vater ihr an ihrem sechzehnten Geburtstag an die Brüste und zwischen die Beine gefasst und ihr vorgeschlagen hatte, damit in Zukunft etwas zum Familieneinkommen beizutragen.“

 

Sie unterbrach sich und schwieg. In unserer Runde herrschte entsetzte Stille, nur Anita blickte uninteressiert auf einen Punkt über Erikas linker Schulter.

 

„Gütiger Himmel, ihr eigener Vater“, murmelte Veronika und schloss die Augen.

 

„Ich bat meine Schwester, die Kinder für einige Zeit zu sich zu nehmen. Für die paar Tage, die zu den Schulferien fehlten, würde ich sie einfach krank melden. Sie erklärte sich einverstanden und fuhr noch am gleichen Abend mit ihnen ab. Etwa eine Stunde später tauchte Rüdiger auf, legte sich in mein Bett und schnarchte los. Ich dagegen saß in der Küche und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Immer wieder sah ich vor mir, wie Rüdiger mit seinen dreckigen Pfoten meine Tochter antatschte und ihr vorschlug, anschaffen zu gehen, um seinen Bierkonsum zu ermöglichen. Mein Ekel wurde so groß, dass ich um ein Haar das Fleischmesser genommen und es in seinen Wanst gerammt hätte. Ich war schon auf dem Weg zum Küchenschrank, als ich wieder klar im Kopf wurde. Und dann? Rüdiger wäre zwar tot, aber ich im Gefängnis. Meine Schwester konnte sich nicht für immer um die beiden kümmern, sie hatte selbst erst vor wenigen Monaten ein Kind bekommen. Nein, es musste einen anderen Weg geben, Rüdiger loszuwerden – einen, bei dem kein Verdacht auf mich fallen würde.“ Sie leckte sich nervös die trockenen, von der Heizungsluft aufgesprungenen Lippen. „Am nächsten Morgen ging ich in die Bibliothek und suchte nach technischen Büchern. Mir waren Rüdigers Basteleien eingefallen. Wie leicht konnte da ein Unfall passieren.“

 

Gerade in diesem Moment blickte ich zufällig zu Gabriele. Um ihre Lippen zuckte es, als würde sie gleich anfangen zu lachen – oder zu weinen. Sie hatte genau die gleichen Worte benutzt.

 

„Es war gar nicht so schwer, heraus zu finden, was ich wissen wollte. Alles stand so klar in diesen Heimwerkerbüchern, so dass ich mich fragte, ob sie nicht vielleicht für Frauen wie mich geschrieben worden waren, die planten, ihre Männer mit einem defekten Mixer umzubringen.“ Einen Moment lang funkelten ihre Augen, als amüsiere sie dieser Gedanke. „Man muss nur zwei Kabel vertauschen und ein Gehäuse steht unter Strom. Eine gelockerte Mutter und ein Motor kann explodieren. Eine Kupfervase mit ein paar Blumen auf dem Fernseher und er implodiert beim Einschalten... Ich saß den ganzen Tag in der Bibliothek und malte mir aus, wie mein Mann sterben würde und ich mich damit für die ganzen Jahre rächte. Doch als ich wieder Zuhause war, sah ich das ganze nüchterner. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde Rüdiger überleben oder man würde erkennen, dass jemand an einem der Geräte herum manipuliert hatte und dann würden die in der Bibliothek sich an mich und die ganzen Bücher erinnern, die ich gelesen hatte.“ Sie schüttelte den Kopf. „Auf jeden Fall hätte ich alles verlieren – meine Kinder und meine Freiheit. Ich wusste mir keinen Rat. Vermutlich ahnte Rüdiger, dass ich die Wahrheit über ihn und Steffi wusste, denn er verließ nun jeden Tag das Haus bereits am frühen Morgen und kam erst bei Einbruch der Nacht wieder. Ich wusste nicht, wo er sich in der Zwischenzeit herumtrieb und wollte es auch nicht wissen. Erneut verlor ich meinen Job und als Rüdiger am gleichen Abend wieder einmal Geld von mir verlangte und ich keines hatte, beschimpfte und bespuckte er mich, bevor er dann ins Bett torkelte. Nicht ohne sich vorher in der Küche zu übergeben. Während ich saubermachte, wurde mir eiskalt, als ich daran dachte, dass es immer und immer so weitergehen würde. Wenn ich nicht... wenn ich nicht etwas unternahm. Natürlich hätte ich Rüdiger auch verlassen können, mit den Kindern in eine andere Stadt ziehen. Aber wieder hätten dann sie darunter leiden müssen, dass ich mich für den falschen Mann entschieden und seine kleinen Marotten als harmlos angesehen hatte. Außerdem war es Rüdiger zuzutrauen, uns aufzuspüren. Dieser Mann war wie ein Blutegel, der roch, wo sich seine Beute befand. Nein, es wurde mir immer klarer, dass mein erster Gedanke, ihn zu töten, der richtige gewesen war. Also tat ich es...“ Sie knetete nervös ihre plumpen, abgearbeiteten Hände. „Der Zufall kam mir zu Hilfe. Ein Freund von Rüdiger – oder genauer, einer seiner Saufkumpane – bat ihm, sich doch einmal sein Auto anzusehen, er wollte wohl das Geld für eine Werkstatt sparen. Rüdiger quoll nicht gerade über vor Begeisterung, aber er nahm an, weil das Bier wieder mal alle und in der Kasse Ebbe war.

 

Ein undeutbarer Ausdruck huschte über ihr Gesicht. „Er schickte seinen Kumpel zum Bierholen in den Supermarkt, befahl mir, etwas Essbares auf den Tisch zu bringen und machte sich daran, das Auto mit zwei Wagenhebern aufzubocken, um bequemer darunter kriechen zu können. Ich weiß nicht, was mich wieder hinaus trieb. Das Stück Rasen hinter der Hütte, das Rüdiger kurzerhand zur Werkstatt umbenannten hatte, war uneben und von Maulwürfshügeln übersät. Und direkt neben einem dieser Hügel stand der Wagenheber. Ich konnte nicht mehr wegsehen, nachdem ich es einmal entdeckt hatte. Wenn nur die Erde an den Rändern ein klein wenig nachgab, würde der Wagenheber ins Rutschen geraten. Das Auto ruhte ziemlich wacklig auf zwei Holzbrettern, die Rüdiger zwischen Blech und Wagenheber geschoben hatte, um Beulen zu vermeiden. Wenn nur... Ich starrte wie hypnotisiert auf diesen Maulwürfshügel. Nur ein paar Zentimeter und der Wagen würde auf Rüdiger fallen und ich wäre alle meine Sorgen los. Ein paar Zentimeter... Plötzlich stand ich an dem Maulwurfhügel und grub meine Finger neben dem Wagenheber in die Erde, rupfte das Gras heraus, wühlte wie ein Hund und konnte einen Erdklumpen herauslösen. Dann ging alles ganz schnell – der Wagenheber, der nicht ohnehin nie ganz gerade gestanden war, geriet ins Rutschen, wackelte – und fiel um, als unter ihm die Erde wegbrach und der Maulwurfshügel einsackte. Metall kreischte, als der zweite Wagenheber umfiel und ich hörte Rüdiger schreien - dann schlug das Auto ganz auf dem Boden auf. Erst dann trat ich einen Schritt zurück.“

 

Erika barg für einen Moment das Gesicht in den Händen. Ihre Stimme klang dumpf. „Rüdiger wimmerte leise unter dem Auto. Es war so still, dass ich es hören konnte. Ich wich noch weiter zurück und lief wie betäubt ins Haus. In der Küche fiel ich dann einfach um. Es war alles zu viel. Als ich erwachte, kniete ein Notarzt neben mir und zog gerade eine Spitze aus meinem Arm. Man nahm an, dass ich ins Haus gelaufen war, um Hilfe zu rufen, als ich den Unfall bemerkte und dann umkippte – der Schock. Es war eine so bequeme Erklärung, dass ich mir nicht die Mühe machte, sie zu korrigieren. Rüdigers Freund war vom Supermarkt zurückgekommen, hatte die Bierflaschen fallen lassen und Hilfe geholt. Doch als sie das Auto anhoben, war Rüdiger bereits tot. Er hätte keine Überlebenschance gehabt, sein Brustkorb war eingedrückt.“

 

Sie sah auf. „Niemand hat mich je verdächtigt, etwas mit dem Tod meines Mannes zu tun gehabt zu haben, da alle über die wackelige Konstruktion mit den beiden Wagenhebern den Kopf schüttelten. Nur Stefanie... sie sagte einmal etwas sehr komisches zu mir. Sie sagte, dass in der Mülltonne eines unserer Küchenhandtücher gelegen hätte – und das voll Erde und schmutziger Fingerspuren gewesen wäre und sie nicht verstehe, warum. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, dass ich mir die Hände gewaschen hatte – oder auf andere Weise versuchte, die Erde davon abzuwischen oder wann ich das Tuch in die Mülltonne geworfen hatte. Vielleicht wusste sie es... vielleicht weiß meine Tochter etwas, aber sie schweigt. Ich habe jetzt nur noch Jörg zu versorgen und er ist ein guter Junge. Seit sein Vater tot ist, hat er sich prächtig entwickelt, eine Lehrstelle gefunden und ein liebes Mädchen zur Freundin. Steffi ist verheiratet und hat vor ein paar Monaten ein Baby bekommen. Ich bekomme wegen meines Rückens eine kleine Rente, von der ich mit Jörgs Unterstützung gut leben kann.“

 

Sie stockte, schien noch etwas sagen zu wollen, entschied sich dann aber dagegen und setzte sich schweigend auf ihren Platz.

 

Wie immer nach einem Geständnis, trennten wir uns still. Was hätte es auch noch zu sagen gegeben?

 

* * *

 

Vor gut zwei Monaten, in einer Woche zwischen unseren Treffen, rief Frederike mich an, um mir mitzuteilen, dass Rosi tot sei. Sie hatte sich vor einen einfahrenden Zug geworfen und einen Abschiedsbrief an Frederike geschickt. Wir verabredeten uns zu einem Treffen noch am gleichen Abend.

 

Als ich eintraf, waren außer Anita bereits alle da. Frederike hatte zwei Kerzen auf die Fensterbank gestellt und zündete sie gerade an, als ich den Raum betrat. Gabriele versuchte beinahe verzweifelt, ihre unbekümmerte Miene beizubehalten, doch ich sah in ihren Augen die gleiche Trauer wie in Erikas und Veronikas Gesichtern.

 

Frederike setzte sich nicht wie sonst ans Pult, sondern auf die erste Bank in der Mitte und ohne uns abzusprechen, verteilten wir uns im Halbkreis um sie herum. „Ich freue mich, dass ihr alle kommen konntet. Anita wird an diesem Treffen nicht teilnehmen können. Sie... ist auf einer Reise.“ Einen Moment zögerte sie, holte tief Luft. „Ich habe jede von euch angerufen, um euch zu sagen, dass Rosi tot ist. Vielleicht hat die eine oder andere von euch auch inzwischen im Radio gehört, dass sich am Hauptbahnhof eine Frau auf die Gleise geworfen hat und überfahren wurde. Rosi hat mir einen Brief geschickt, in dem sie erklärt, warum sie das getan hat und bittet mich, dass ich ihn euch vorlese.“

 

Plötzlich befiel mich ein heftiger Widerwille. Ich hatte genug von allem, von all dem Tod, der wie eine graue Dunstwolke über uns lag. Aber ich biss mir auf die Lippen und schwieg. Auch anderen nickten nur stumm.

 

Frederike begann zu lesen: „Meine lieben Freundinnen – ich weiß, ich habe euch das nie gesagt, dass ich euch alle als meine Freundinnen betrachte. Unsere Treffen sind sehr wichtig für mich geworden, so viel wichtiger als alles andere. Ich habe zugehört, wie jede von euch erzählte, was sie dazu getrieben hat, ihren Mann zu töten und ich weiß nicht, ob ich den gleichen Mut gehabt hätte, wie ihr, vor euch zu treten und es laut auszusprechen. Aus diesem Grund schreibe ich diesen Brief und bitte Frederike, ihn bei euerem nächsten Treffen vorzulesen. Ich habe meinen Mann nicht getötet, denn ich war zu feige dazu. Aber ich wollte es. Ich war es so leid... eines Abends wollte ich mich vor die Gleise werfen, um zu sterben. Zehn Jahre lang hatte ich es ertragen, mich von ihm vergewaltigen, demütigen und missbrauchen zu lassen. Und in diesen zehn Jahren ist jeden Tag ein Stück von mir gestorben. Der Gedanke an den Tod schien mir nicht mehr furchtbar. Als er mich wieder einmal grün und blau geprügelt hatte, lief ich davon – wir wohnen ganz in der Nähe des Bahnhofes - und plötzlich stand ich inmitten von starrenden Menschen auf dem Bahnsteig. Mein Mann lief hinter mir her und ich wollte springen... wollte auf die Gleise fallen und mich von einem Zug überrollen lassen, damit es endlich aufhören würde. Doch irgend jemand packte mich am Arm und zog mich weg. Mein Mann... hatte die Entfernung unterschätzt, er stolperte mit zuviel Schwung über den Bahnsteig und fiel auf die Gleise, direkt vor einen ankommenden Zug  – ganz so, wie ich es mir ausgemalt hatte, wie es mit mir geschehen würde.“

 

An dieser Stelle brach Frederikes Stimme und drückte die Hand auf den Mund, wie um nicht aufzuschreien. Ich hörte Veronika leise weinen, sah Erikas in Schmerz versteinertes Gesicht und wie Gabriele immer wieder verständnislos den Kopf schüttelte. Um die Tränen, die aus meinen Augen quollen, kümmerte ich mich nicht.

 

Dann hatte sich Frederike wieder soweit im Griff, dass sie auch die letzten Zeilen vorlesen konnte. „Es tut mir so leid, dass ich nicht so stark bin wie ihr und mit meiner Schuld leben kann. Ich habe es versucht und als ich sah, wie frei ihr durch den Tod euerer Männer geworden wart, glaubte ich, es auch zu können... Aber jede Nacht kommt sein Gesicht zu mir und ich höre seinen Schrei, sehe wie er auf die Gleise fällt und rieche das Blut. Ich hätte damals hinterher springen sollen. Ich tue es jetzt.         Rosi.“

 

Frederike ließ den Brief sinken. Keine von uns wagte etwas zu sagen. Sogar Veronikas leises Weinen verstummte und machte einer fast unerträglichen Stille Platz.

 

„Ich werde euch informieren, sobald ich herausgefunden habe, wann Rosi beerdigt wird“, sagte Frederike schließlich leise.

 

Jede der Frauen nickte und ich wusste, dass sie alle kommen würden – wie ich.

 

* * *

 

Auch auf der Beerdigung erschien Anita nicht und zwei Tage später erfuhren wir dann von ihrer Verhaftung. Ein polnischer Lastwagenfahrer hatte sie auf dem Parkplatz gesehen und erst jetzt, als er nach Deutschland zurückkehrte und den Bericht in einer alten Zeitung entdeckte, meldete er sich bei der Polizei. Damit war Anitas wackeliges Alibi endgültig geplatzt. Als dann noch eine entfernte Verwandte von Christians Sekretärin mit einem Brief auftauchte, in dem diese das Verhältnis zu ihrem Chef schilderte und von der bevorstehenden Hochzeit schrieb, konnte auch der beste Anwalt Anita nicht mehr helfen.

 

* * *

 

Ich glaube, es wird keine weiteren Treffen unserer Gruppe geben. Jede von uns hat ihre Geschichte erzählt und aus diesem Grund hatten wir uns doch gefunden.

 

Gabriele hat mich angerufen und mir erzählt, dass sie mit ihrer Mutter nach New York geht und dort studieren will. Was genau, darüber ist sie sich noch nicht sicher, aber sie klang fröhlich und aufgeregt.

 

Veronika und Erika haben letzte Woche einen Wohnwagen gemietet und sind damit bereits auf dem Weg nach Italien, um den Winter in milderem Klima zu verbringen. Vielleicht kommen sie im Frühling zurück, vielleicht auch nicht, wie sie auf einer Postkarte ankündigten, die mich gestern erreichte.

 

Frederike scheint langsam wieder zu ihrem ruhigen Selbst zurückzufinden, jetzt da Anita wegen Mordes an ihrem Ehemann zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Vor ein paar Tagen traf ich sie zufällig in einem Restaurant, in dem ich mit Mike, einem alten Bekannten, ebenfalls zu Abend aß. Ich kam auf dem Weg zur Toilette an ihrem Tisch vorbei. Frederike unterhielt sich angeregt mit einer jungen, sehr attraktiven Frau, die ihre Hand auf Frederikes Unterarm liegen hatte. Als ich sie ansprach, blickte sie auf – und lächelte ohne Verlegenheit. Ich erwiderte ihr Lächeln und wünschte ihr noch einen schönen Abend.  Zwar habe ich ihre Geschichte nun doch nie erfahren, doch ich denke, ich muss es auch nicht wissen.

 

Und ich? Mike träumt davon, in Australien Farmland zu erwerben und im großen Stil ökologische Lebensmittel zu produzieren. Er hat durchblicken lassen, dass ihm nur das Startkapital fehlt. Vielleicht werde ich es ihm geben und ihn begleiten. Ist nicht Australien das Land der zweiten Chance?

 

 

Ende