Titel: Behind Blue Eyes
Autor: Lady Charena (März 2013)
Fandom: Torchwood – “Greyfriars Arms Hotel” Alternatives Universum
Episode: --
Wörter: 6935
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Alice und Steven Carter, Alex Hopkins, Rhiannon Davis, Adam Smith, OC
Pairing: Jack/Ianto (Freundschaft, pre/slash), Jack/OMC
Rating: AU, ab 12, slash
Beta: T’Len

Warnungen: Sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern (nicht im Detail) und Andeutungen von Prostitution im ersten Teil der Story.

Summe: Die Story fügt sich an die Plotline aus „Raum 4-12“ an und beginnt nur ein paar Tage später. Jack landet mit einer Pub-Bekanntschaft im Bett. Alice und Steven treffen in Cardiff ein, doch die Arbeit lässt dem Captain nicht viel Zeit, sich um seine Familie zu kümmern. Ianto leidet immer noch unter den Folgen seiner Indiskretion, heimlich Harts Liebesbrief gelesen zu haben...

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

Lyrics von Jonathan Jeremiah „If you only“



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I cannot offer you another life
There’s nothing a million miles away
But I can offer you what you’re here to find
If you only didn’t mind loving me the same

(aus “If you only” by Jonathan Jeremiah)

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Das Bett ächzte, als er sich aufsetzte.

- - -

Das Möbelstück war sichtlich nicht mehr das jüngste und sie hatten es in der vergangenen Stunde ziemlich beansprucht.

Das Knarren des Bettrahmens und das Quietschen der Matratze dominierten den Raum, hatten aber das Stöhnen und Fluchen des anderen Mannes unter ihm kaum übertönt. Zu seiner eigenen Überraschung störte es ihn immens, dass sein Partner unfähig schien, den Mund zu halten, selbst als er das Gesicht des jungen Mannes gegen das fadenscheinige Kissen presste.

Es irritierte ihn genug, um die so sorgfältig geschaffene Illusion zu zerstören und er hatte es plötzlich eilig, es hinter sich zu bringen. Seine Finger bohrten sich in die Hüften des anderen und er wusste, dass seine Bewegungen rein mechanisch waren, Instinkt und Reibung und Hitze, während seine Gedanken bei jemand anderem weilten.

Dabei war er ihm anfangs perfekt erschienen.

Kurze braune Haare, blaue Augen in einem blassen Gesicht und ein einladendes Lächeln hatten ihn auf Anhieb für den jungen Mann eingenommen, der sich im Pub ein wenig zu dicht neben ihn setzte, als unter normalen Umständen angemessen war.

Jack hatte zunächst nur automatisch zurückgelächelt und ihn dann gefragt, was er trinken wolle. Die Frau hinter der Theke stellte unaufgefordert ein Pintglas vor den Neuankömmling, was erahnen ließ, dass er wohl nicht unbekannt in diesem Pub war.

Der junge Mann trank gierig ein paar Schluck Bier, den Blick die ganze Zeit auf ihn gerichtet, ihn abschätzend – von den schmutzverkrusteten Stiefeln über den Militärmantel bis hin zu den frisch geschnittenen Haaren (zu Ehren des Besuchs seiner Tochter am folgenden Tag), kurz auf seinen Händen verweilen. Dann fragte er ihn, sein Englisch von einem schweren walisischen Akzent durchzogen, ob er schon länger in Cardiff lebe oder nur geschäftlich oder als Tourist in der Stadt wäre, denn er höre sich nicht wie jemand an, der hier in der Gegend aufgewachsen sei.

Er spürte ein amüsiertes Zucken um den Mund und schob sein leeres Glas in stummer Aufforderung der Barfrau zu. „So etwas in der Art“, erwiderte Jack unverbindlich und das schien seinem Gegenüber auch schon als Antwort zu genügen.

Sie wechselten ein paar belanglose Worte über das Wetter und dann landete wie zufällig die Hand des jungen Mannes auf Jacks Knie. Und blieb dort liegen. Es war harmlos genug, und doch ein eindeutiges Zeichen. Jack zog sein Bein nicht weg, noch machte er eine Bemerkung darüber. Stattdessen fischte er ein paar Geldscheine aus der Manteltasche und bedeutete der Barfrau mit einer Geste, dass er für sich und seinen Nebenmann die Zeche bezahlen wollte.

Seine neue Bekanntschaft leerte sein Pint und Jacks neues, noch unberührtes Glas Whiskey und stand auf. Er verließ den Pub ohne einen weiteren Blick auf ihn.

Eine Minute später stand auch Jack auf und folgte ihm ohne große Eile. Es amüsierte ihn, diese Art von Protokoll einzuhalten, obwohl ihm klar war, dass mindestens die Hälfte der anderen Gäste genau wusste, was eben vor sich gegangen war.

Ein paar Schritte vom Eingang entfernt stand der junge Waliser mit den blauen Augen und war eben im Begriff im Schein einer Straßenlampe eine Zigarette anzuzünden. Jack pflückte sie aus seinen Fingern und schnipste sie in den Rinnstein. Der andere Mann setzte zum Protest an, doch Jack zog - wie ein Zauberer - aus dem Nichts einen weiteren Geldschein hervor, faltete ihn in der Mitte und steckte ihn in das zerdrückte Zigarettenpäckchen, in dem nur noch ein weiterer Glimmstängel seine einsame Existenz fristete. „Kauf dir morgen eine neue Packung. Morgen. Ich mag den Rauch nicht.“

„Okay.“ Der junge Mann schob die Packung und das Streichholzbriefchen mit dem Adressaufdruck eines Pubs in die Brusttasche seiner Jacke. „Ich bin...“

„Ich bin an Namen nicht interessiert“, unterbrach ihn Jack. Er lächelte, um seinen Worten die Unfreundlichkeit zu nehmen. Vielleicht sollte er ihn bitten, ihn Sir zu nennen... „Wir können nicht zu mir, ich teile eine Unterkunft mit meinen Kollegen.“

Der junge Waliser zögerte und musterte ihn noch einmal spekulativ. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ich habe ein Zimmer, ist ganz in der Nähe. Außer wenn es schnell gehen muss - ich kenne einen Platz um die Ecke, wo wir ungestört sind.“

„Oh, ich habe Zeit.“ Er hatte Alex versprochen, diskret zu sein, oder nicht? Außerdem begann es wieder leicht zu regnen - diese Stadt sollte unbedingt überdacht werden. Er hatte heute keine Lust auf hastiges Gefummel in dieser Kälte und in einer dunklen Ecke, immer einen Blick über die Schulter werfend, um nicht ertappt zu werden. Wortlos griff Jack in die Tasche und zog noch ein paar Geldscheine hervor, die er locker zwischen den Fingern hochhielt. „Können wir dort auch etwas trinken?“

Fast zu gierig griff der junge Waliser nach den Scheinen und sah sich flüchtig um, bevor er sie weit genug ins Licht der Straßenlampe hielt, um sie zu zählen. „Ich habe Bier und Whiskey.“

„Kaffee?“, fragte Jack. Das brachte ihm einen ungläubigen Blick ein. Natürlich, dumme Frage. „Whiskey ist okay.“

Ohne ein weiteres Wort stopfte der junge Mann das Geld in seine weite, schwarze Arbeitshose und drehte sich auf dem Absatz seiner abgetragenen, groben Arbeitsschuhe um. Er ging die Straße entlang.

Jack folgte ihm im Abstand von ein paar Schritten, weniger aufgrund der Passanten, die auf dem Weg nach Hause oder in den nächsten Pub waren, sondern um den anderen Mann in aller Ruhe zu mustern.

Der Körperbau war ähnlich, doch seine neue Bekanntschaft hielt die Schultern gerade und den Kopf aufrecht, in einer Weise die von einem starken Selbstbewusstsein sprach. Sein inneres Auge ersetzte sie für einen Moment mit leicht nach unten gesenkten, von Nadelstreifen bedeckten Schultern und einem über ein Reservierungsbuch gebeugten Kopf.

Es war tatsächlich nicht sehr weit. Sie gingen schweigend von der Hauptstraße ab, durch eine der schmalen Gassen und standen nach ein paar weiteren Biegungen bald vor einem grauen Haus, das einen Anstrich dringend gebrauchen konnte und von einem schmalen Streifen ungepflegten Gartens umgeben wurde. Der junge Mann schloss die Haustüre auf und führte ihn eine schmale Treppe hoch, in eine Dachkammer.

Der Raum war klein, eng und verwinkelt, weil er unmittelbar unter dem Dach lag. Es gab nur ein kleines Fenster, das von einer verschossenen Gardine verhüllt wurde. Die Einrichtung gestaltete sich auch eher spärlich. Ein Schrank der aussah als wäre er mit Gewalt unter die Dachschräge gequetscht worden. Ein Tisch mit zwei unterschiedlichen Stühlen und an der Wand gegenüber das Bett mit seinem altmodischen Metallrahmen. Ein Vorhang trennte eine andere Ecke ab und Jack vermutete dahinter eine Waschgelegenheit. Aber er wettete dass es hier weder fließendes Wasser noch eine Toilette gab. Dazu musste man vermutlich mindestens eine Etage tiefer. Das einzige Licht kam von einer Stehlampe mit gesprungenem Schirm neben dem Bett. Das ganze wirkte, als wäre ein Dachboden mit ausgemusterten Möbeln ausgestattet worden. Aber in Häusern wie diesen – und Räumen wie diesen – lebten Menschen, die sich nicht darum kümmerten, was bei ihren Nachbarn vorging und das war ein unschätzbarer Vorteil.

Nun, er war ohnehin nicht wegen des Dekors hier. Jack trat zum Fenster und zog die Gardine weg. Doch das Gebäude war nicht hoch genug um etwas anderes zu sehen als noch mehr Hauswände und ein paar Dächer.

„Hier.“ Er wandte der unansprechenden Aussicht den Rücken zu und nahm das Glas entgegen, das ihm der junge Mann reichte. Er nickte dankend und nippte an dem billigen Whiskey, während der andere seine Jacke ablegte und die Schuhe von den Füßen kickte. Er stoppte und sah Jack auffordernd an, wartete auf sein Nicken, bevor er begann sein Hemd aufzuknöpfen.

Jack leerte das Glas und stellte es auf dem Fensterbrett ab. Dann trat er zu dem jungen Waliser und zog seinen Mantel aus, um ihn über einen Stuhlrücken zu legen. Augenbrauen wanderten zum Haaransatz hoch, als die Webley in ihrem Holster an seiner Seite sichtbar wurde, doch Jack legte sie mit einer beiläufigen Bewegung ab und bückte sich um seine Schuhe aufzuschnüren. Er stellte sie unter den Stuhl mit seinem Mantel, um sie später auch im Dunkeln finden zu können.

„Was ist das?“, fragte der junge Mann neugierig und deutete auf den Leder-Wriststrap an seinem Handgelenk. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“

„Das ist nichts von Bedeutung.“ Jack durchquerte die letzte Distanz zu dem jungen Waliser und öffnete dessen Gürtel. Der andere griff gleichzeitig nach seiner Hose – Jack hatte seinen eigenen Gürtel bereits mit dem Holster abgelegt – und bot ihm seinen Mund an. Er schmeckte nach Bier, nach dem Whiskey den Jack im Pub und hier getrunken hatte und altem Rauch. Jack verglich ihn unwillkürlich mit dem sauberen Geschmack von Iantos Mund.

„Interessantes Rasierwasser“, bemerkte der Jüngere.

„Ich benutze nie welches.“ Er trat einen halben Schritt zurück, ließ sich von dem jungen Waliser vom Rest seiner Kleidung befreien und beobachtete amüsiert, wie sich die Augen des anderen Mannes weiteten, als er ihn von Kopf bis Fuß musterte. Er war sicher nicht die schlechteste Beute, die der junge Mann in dieser Nacht hatte machen können. Seine Arbeit und seine genetischen Anlagen sorgten dafür, dass er fit blieb und seine „besonderen Fähigkeiten“ dafür, dass seine Haut frei von Narben und Alterungsspuren war. Wirklich beschissen wäre nämlich, unsterblich zu sein und jedes einzelne Jahr zu zeigen, dass man gelebt hatte.

Jack konnte ihm die Gedanken fast vom Gesicht ablesen. Was hatte ihn, einen offenbar nicht gerade unvermögenden ‘Amerikaner’, dazu sauber und attraktiv, in einen zwielichtigen Pub und in das ärmliche Zimmer eines Strichjungen geführt? Vielleicht doch nur ein Tourist, der fern der Heimat den Nervenkitzel suchte. Vielleicht jemand, der perverse Gelüste ausleben wollte und sich dazu jemand nahm, bei dem es unwahrscheinlich war, dass er sich hinterher an die Polizei wandte.

Kalte Luft strich von einer undichten Stelle über die Rückseite von Jacks Beinen, als er dem zögernden jungen Mann unbekümmert den Rücken zu wandte – was, bitte, sollte ihm schon passieren? – und zum Bett ging.

Das Bettzeug war überraschend sauber, weit entfernt von ladenneu, aber offensichtlich erst kürzlich gewaschen, wie ein schwacher Geruch nach Seife verriet. Der Bettrahmen quietschte und die Matratze sackte leicht nach unten, als er auf der Bettkante Platz nahm. Der Mindestlevel an Hygiene – er hatte die gleiche Seife an dem Jüngeren gerochen, als der sich im Pub neben ihn setzte – sagte ihm zu.

Vielleicht war es seine scheinbare Passivität, vielleicht das Wissen um Geldscheine in seiner Tasche, die dazu beitrugen, dass der junge Mann sich entschied. Er folgte ihm, ging vor Jack in die Hocke und drückte seine Knie auseinander.

Jack sah eine Weile auf das braune, leicht wellige Haar des vor ihm knienden Mannes, und schob die Finger hinein. Fragende blaue Augen sahen zu ihm hoch und er machte eine wegwerfende Bewegung, stützte die Ellbogen hinter sich auf und lehnte sich zurück.

Das war, warum er es dieser Tage vorzog, für anonymen Sex zu bezahlen, anstatt sich einen willigen Partner zu erflirten. Es gab keine Erwartungen außer einer angemessenen Entlohnung und er hatte keine Rücksicht auf Gefühle zu nehmen oder darauf, wie langsam oder vorsichtig er sein musste. Er wählte nur erfahrene Partner aus, egal ob es sich um Männer oder Frauen handelte, so konnte er sich nehmen, was er brauchte und anschließend gehen.

Er schloss die Augen und Iantos Gesicht tauchte hinter seinen Lidern auf.

Jack amüsierte sich damit, sich auszumalen wie schockiert der scheue junge Waliser wäre, könnte er ihn jetzt in dieser Situation sehen. Wie Blut heftig in diese blassen Wangen schießen würde, und sich die Röte bis in seinen Nacken ausbreitete.... Verdammt, Jack wollte dieser Linie mit dem Mund folgen. Ihn immer wieder und wieder zum Erröten bringen, bis er jeden Zentimeter seiner Haut gekostet hatte... Wollte ihn auf dem Bett ausbreiten und ihm beweisen, dass er so viel mehr verdiente, so viel mehr sein konnte... Bis Ianto alles vergaß, einschließlich seines eigenen Namens, bis es niemand anderen und nichts anderes mehr für ihn gab als Jack ...

Doch die Ähnlichkeiten endeten rasch. Die Haut unter Jacks Fingern war weiß, aber rau und von bräunlichen Sommersprossen übersäht. Sein Körper war massiver, muskulöser, zeigte nicht Iantos Eleganz, Iantos Statur glich eher der eines Läufers. Das braune Haar unter seinen Fingern fühlte sich trocken an, schien sich gegen seine Berührung zur Wehr zu setzen und er war laut, entweder seinem Naturell entsprechend oder weil er dachte, seine Kunden erwarteten für ihr Geld mehr Enthusiasmus.

Jack wies ihn an, sich wieder auf den Bauch zu legen und den Mund zu halten.

- - -

Er stand auf und trat zu dem Stuhl, auf dem seine Kleidung lag. Schweiß und andere Körperflüssigkeiten klebten auf seiner Haut, doch er beschloss sich nicht hier zu waschen sondern damit zu warten, bis er in seinem Quartier war.

Vielleicht sollte er heute Nacht ins Hotel... nein. Der Zug mit seiner Tochter und seinem Enkel kam früh an, es wäre ein Umweg vom Hotel zum Bahnhof. Sein Zimmer im neuen Torchwood Teamquartier lag näher.

Das Anziehen dauerte nur geringfügig länger als das Ausziehen. Jack rückte die Hosenträger zurecht, befestigte das Holster am Gürtel und stieg in seine Schuhe. Als er den Mantel hochhob, warf er einen Blick zurück zum Bett, wo er nicht mehr als eine bloße Schulter und einen dunklen Haarschopf ausmachen konnte. Der junge Mann schlief... nein, er tat nur so als würde er es, sein Atem ging zu unregelmäßig, zu flach.

Jack zog den Rest Bargeld den er bei sich trug, aus der Tasche und legte die Scheine auf den Tisch. Er wusste, dass es möglicherweise mehr war als der junge Mann sonst in einem Monat verdiente.

Es war nicht seine Schuld, dass Jack mehr wollte, als er ihm zu geben hatte.

Er warf den Mantel um die Schultern und ging ohne einen weiteren Blick zurück zu werfen.

Die Treppe war nicht beleuchtet und als er auf den Schalter drückte, tat sich auch nichts. Also ging er langsam im Dunkeln nach unten. Am Fuß der Treppe fiel ein schmaler Lichtstreifen auf den Boden.

Eine alte Frau in einem geblümten Morgenrock und Lockenwicklern, die unter einem Kopftuch hervorlugten, betrachtete ihn misstrauisch durch den Türspalt. Als er ihr mit ausgesuchter Höflichkeit „Gute Nacht“ wünschte, schlug sie hastig die Tür zu. Vermutlich war sie die Vermieterin und stellte durch ihr Spionieren sicher, dass sie ihren Anteil an den Einnahmen des jungen Mannes erhielt.

Jack atmete die nach Rauch und einer nahen, überquellenden Mülltonne riechende Nachtluft ein und zog den Mantel enger um sich. Es hatte aufgehört zu regnen und ein beinahe wolkenloser Himmel ließ ihn die Sterne sehen, als er den Kopf in den Nacken legte.

Hier in Cardiff schienen sie ihm seltsamerweise näher zu sein als in London – und doch hatten sie an Anziehungskraft verloren, seit ein bestimmtes Paar blauer Augen in seinem Sichtfeld aufgetaucht war.

Er hörte im Dunkeln hinter sich ein Schnüffeln und dann knurrte ihn durch einen Gartenzaun hindurch ein Hund an, der sich offenbar von seiner Anwesenheit gestört fühlte. Der Moment endete abrupt. Jack lachte und machte sich auf den Weg.


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Ianto war das frühe Aufstehen gewohnt, doch an diesem Morgen lag er bereits lange Zeit wach im Bett, als der Wecker auf dem Nachttisch endlich seinen klappernden, scheppernden Wecktanz begann. Er hatte nicht gut geschlafen – hatte es nicht, seit er vor einigen Tagen der Neugier nachgab und diesen verdammten Brief las. Seither verfolgten ihn undeutliche Gestalten und flüchtige Bilder in seinen Träumen und raubten ihm den Schlaf.

Mehr als einmal war er schweißgebadet und – wie er zu seiner Beschämung eingestehen musste – erregt von Phantomberührungen, die sein fiebriger Geist zu fühlen schien, erwacht.

Zweimal hatte er seine Pyjamahose wechseln und auswaschen müssen, weil er wie ein unkontrollierter, hormongeplagter Teenager im Schlaf kam, ohne überhaupt Hand an sich zu legen. Ein paar suggestive Worte auf einem Blatt Papier hatten ihn über Nacht wieder in einen Zwölfjährigen verwandelt, der keine Ahnung hatte, was in seinem Körper vor sich ging.

Und dass alles nur, weil er gelesen hatte, wie dieser John darüber schrieb... beschrieb... was er... tun wolle, wenn er Jack wiedersah.

Sein Magen krampfte sich zusammen, als er die Bettdecke zurück schlug und aufstand. Das eiskalte Wasser aus dem Hahn machte ihn wach, aber es bewirkte nicht viel gegen das Mattigkeitsgefühl, das in seinen Knochen zu stecken schien. Ianto vermied es, sich im Spiegel selbst anzusehen, als er sich wusch.

Eine halbe Stunde später zwang er eine Tasse starken Tee und eine Scheibe trockenen Toast hinunter, bevor er an die Rezeption ging. Rhi war zu beschäftigt damit, das Frühstück vorzubereiten, um seine Anwesenheit mehr als flüchtig zu bemerken und seinen Appetitmangel zu kommentieren. Die meisten An- und Abreisen hatten am Sonntag stattgefunden, so dass es kaum Massenanstürme von Gästen geben würde.

Doch da war eine Ankunft, die erneut ein leises Flackern der Unruhe in seiner Magengrube hervor rief.

„Alice und Steven Carter“ stand in seiner eigenen Handschrift fein säuberlich im Reservierungsbuch.

Ianto warf einen Blick auf die Uhr. Wenn sie den Frühzug genommen hatten, vorausgesetzt sie kamen von London wie er vermutete, dann mussten sie im Verlauf der nächsten Stunde eintreffen. Sicherlich würde Jack sie am Bahnhof abholen und persönlich ins Hotel bringen, und nicht einfach ein Taxi schicken.

Er würde Jack wiedersehen.

Er würde Jack ins Gesicht sehen müssen, mit dem Geheimnis des Briefes und seiner chaotischen Träume hinter seinen Augen.


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Obwohl es noch nicht einmal richtig hell war, wimmelte es auf dem Bahnsteig von Menschen mit und ohne Gepäck. Dazwischen wurden Koffer, Kisten und Kartons ver- oder entladen und weggeschafft.

Jack drehte sich suchend einmal um sich selbst. Er war ziemlich sicher, sich am richtigen Bahnsteig aufzuhalten, aber er entdeckte nirgendwo eine Spur von Alice oder Steven. Zu viele neugierige Blicke lagen auf ihm, als dass er die Menge mit dem Vortex-Manipulator nach seiner Tochter hätte scannen können, ohne noch weiteres Aufsehen zu erregen.

Eine Lautsprecheransage kündigte die Abfahrt des Zuges an, und das Gewimmel wurde noch ein wenig hektischer, als die letzten verspäteten Passagiere in Richtung Gleise spurteten und von bereits ausgestiegenen Fahrgästen, zur Begrüßung angetretenen Verwandten und ihrem Gepäck den Weg blockiert fanden. Dann knallten die Türen zu und nach einem letzten Pfeifsignal setzte sich die Lokomotive in Bewegung.

„Onkel Jack! Onkel Jack! Hier, Onkel Jack!“

Über den Lärm des abfahrenden Zuges, das Quietschen der Räder und dem Geplapper der Leute um ihn herum, überhörte Jack fast das Rufen seines Enkels. Er drehte sich um und sah Steven, der sich wie ein Aal durch die Menge wand. Unter einer etwas zu großen Mütze, die ihm tief in die Stirn gerutscht war, leuchtete sein schmales Gesicht förmlich vor Aufregung. Er ging in die Hocke und breitete die Arme aus und der Junge warf sich in seine Umarmung.

„Onkel Jack! Wir sind ganz früh aufgestanden, es war noch ganz dunkel und ich bin im Zug eingeschlafen. Dann hat Mami mir heiße Schokolade zum Frühstück gekauft und nicht geschimpft als ich sie über meine Handschuhe gekleckert habe und jetzt sind wir hier!“, sprudelte es förmlich aus seinem Enkel heraus.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, kleiner Mann“, sagte Jack lächelnd, als Steven seinen Redefluss für einen Moment unterbrechen musste, um Luft zu holen. Er stand auf und hob seinen Enkel so mühelos hoch als wäre er ein Baby, drückte ihn fest an sich. Steven schlang lachend die Arme um seinen Hals und grub das Gesicht in seinen Mantel. Für seine neun Jahre war er immer noch zu leicht und zu klein - und fühlte sich absolut zu zerbrechlich in Jacks Armen an - aber trotzdem hatte Jack das Gefühl, dass er seit ihrem letzten Besuch deutlich gewachsen war und zugenommen hatte. Der Winter in Italien schien ihm gut getan zu haben.

Er sah über die Schulter des Jungen auf seine Tochter, die einen Gepäckträger für ihre Koffer gefunden hatte und jetzt auf sie zukam. Alice wirkte müde und er verlagerte Steven auf die andere Seite und streckte die Hand nach ihr aus.

Bereitwillig ließ sie sich von ihm umarmen und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Wange zu küssen. „Hey, Dad“, flüsterte sie in sein Ohr, so dass es niemand außer ihm hören konnte.

„Hey, mein Liebling“, erwiderte er ebenso leise und küsste sie auf die Stirn. „Wie war die Fahrt?“, fragte er, als der Gepäckträger mit den Koffern ankam.

Alice löste sich von ihm und rückte ihren Hut zurecht. „Wunderbar.“ Sie griff nach ihrer Handtasche, doch Jack war schneller. Er zog ein paar Geldscheine aus der Tasche und wandte sich an den Gepäckträger. „Schicken Sie das Gepäck bitte mit einem Taxi in das Greyfriars Arms Hotel, dort wird es erwartet.“ Er drückte dem Träger das Geld in die Hand. „Für Ihre Mühe und das Taxi.“ Dann wandte er sich wieder an Alice. „Was haltet ihr davon, wenn ich euch erst einmal richtig zum Frühstück ausführe, bevor wir ins Hotel fahren?“

„Oh ja, bitte, Mami.“ Steven nickte so begeistert, dass ihm die Mütze über die Augen rutschte. „Ich habe soooooolchen Hunger.“

„Ist ja schon gut“, erwiderte Alice lachend und griff zu ihrem Sohn hinüber, um ihm die Mütze aus der Stirn zu schieben. „Ich bin selbst hungrig. Wir hatten auf der Fahrt nur eine heiße Schokolade.“

„Das habe ich Onkel Jack schon erzählt“, erklärte ihr Sohn. „Kann ich jetzt bitte runter?“, setzte er dann fast sachlich hinzu, als würde er Jack nur einen Gefallen tun und fand, dass es langsam genug war.

„Aber natürlich. Ich bitte um Entschuldigung.“ Jack beeilte sich lachend, seinen Enkel auf die Beine zu stellen.

Mit einem „Ich weiß wo der Ausgang ist“ ging Steven stolz vor den Erwachsenen, um ihnen den Weg zu zeigen.

Alice hakte lächelnd den Arm durch den ihres Vaters. „Er wird so furchtbar schnell erwachsen“, sagte sie. „Aber noch ist er nicht bereit, ohne Paddington in seinem Bett zu schlafen. Ich habe ihn dazu überredet, ihn im Koffer fahren zu lassen, damit wir ihn nicht am Bahnhof oder im Zug verlieren und ihn eine andere Familie adoptiert.“

Jack hatte das Spielzeug zu Stevens Geburt geschickt und er war einfach nur ‚Teddy’ gewesen, bis an seinem fünften Geburtstag ein brandneu erschienenes Kinderbuch mit der Post eintraf, das die Geschichte eines Bären namens Paddington erzählte. Von da an beschloss Steven, dass sein Bär ebenfalls Paddington hieß. Seine Oma nähte schließlich einen kleinen Hut, damit sein Paddington wie der Bär im Buch aussah – das er jeden Abend vorgelesen haben wollte – und das Kuscheltier begleitete ihn überall hin. Steven bestand sogar eine Weile darauf, genau wie Paddington-der-Bär um elf Uhr eine Pause einzulegen, Tee zu trinken und ein Marmeladenbrot zu essen.

„Es ist schön, dass ihr beide hier seid.“ Jack drückte die Finger seiner Tochter. Er musterte sie von der Seite, während Alice sich bemühte, ihren Sohn in dem Gedrängel nicht aus den Augen zu verlieren. „Wie geht es dir?“

„Besser.“ Alice wandte ihr Gesicht ihrem Vater zu. „Trotz Mams Tod und dem ganzen Ärger mit Joe.“ Sie strich eine vorwitzige Haarsträhne zurück. „Die drei Monate bei Tante Sophia haben vieles in ein anderes Licht gerückt. Offenbar hat Mam in den letzten Wochen ihres Lebens viel mit ihr geredet. Auch über dich, über euch und wie die Arbeit eure Beziehung zerstört hat. Natürlich hat sie Tante Sophia nicht erzählt, welche Arbeit das war“, setzte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu. „Aber ich glaube sie war mit sich im Frieden, als sie gestorben ist.“

Das klang völlig anders als der bitter anklagende Brief, den Jack nach Lucias Tod erhalten hatte. Darin hatte sie geschrieben, dass sie sich wünsche, ihm nie begegnet zu sein. Jack beschloss das für sich zu behalten, es gab keinen Grund, seine Tochter mit diesem Wissen zu belasten. Denn wären er und Lucia sich nie begegnet, würde Alice nicht existieren...

„Und Joe?“, fragte Jack nach einer kleinen Pause. „Benimmt er sich endlich?“

Bei seinem letzten Besuch in London hatte er die Gelegenheit genutzt, ein paar Fäden zu ziehen und er hatte auch mit seinem Anwalt gesprochen. Eine von Torchwood völlig unabhängige Kanzlei regelte seine privaten finanziellen Angelegenheiten und er hatte veranlasst, dass man Joe Carter ein Angebot unterbreitete. Wenn er sich von seiner Frau und seinem Sohn fernhielt, bezahlte ihm Captain Harkness eine nicht zu verachtende Summe. Das ganze war in einem wasserfesten Vertrag festgehalten worden, nur falls Joe auf die Idee kommen sollte, seinen (vermeintlichen) Schwager auch künftig kräftig zu melken, sobald er das Geld durchgebracht hatte. Alice verdiente manchmal ein wenig hinzu, indem sie Italienisch-Unterricht für Privatpersonen gab, aber ansonsten war sie auf die Unterstützung ihres Vaters angewiesen, da Joe keinen Unterhalt bezahlte.

Joe hatte seinen letzten Job – angeblich wegen eines chronisch kranken Rückens – aufgegeben, als Steven noch ein Baby war. In Unkenntnis der wahren Umstände, nämlich dass Jack der Vater seiner Ehefrau war, sah er in ihm nur den Bruder der das Familienvermögen geerbt hatte und fühlte sich im Namen seiner Frau dazu veranlasst, von Jack zu verlangen, dass er sie unterstützte. Besonders als er Einsicht in den Treuhandfond bekam, den Jack für seinen Enkelsohn angelegt hatte – Geld, auf das Joe keinen Zugriff hatte und über welches Steven mit einundzwanzig Jahren frei verfügen konnte. Es sollte ihm einen guten Start ins Erwachsenenleben verschaffen, selbst wenn Jack sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf der Erde oder in dieser Zeit aufhalten sollte. Alice verfügte über einen ähnlichen Treuhandfond, doch trotz des Drängens ihres Mannes rührte sie das Kapital nicht an und verwandte nur die Erträge. Es war der gleiche Instinkt, der ihr riet, ihm auch weiterhin das wahre Verwandtschaftsverhältnis zwischen ihr und Jack zu verschweigen.

Sie hatten den Bahnhof verlassen und Alice rief zunächst ihren Sohn zu sich, bevor sie sich wieder ihrem Vater zuwandte. „Er hat mich letzten Monat um die Scheidung gebeten“, erklärte sie ruhig, Steven an die Hand nehmend. „Die Familie seiner neuen... Freundin... drängt darauf, dass er sie baldmöglichst heiratet.“

Steven hatte interessiert die Gesichter der Erwachsenen beobachtet. „Papa hat nämlich bald ein neues Baby“, sagte er nun traurig. „Darum will er mich und Mami nicht mehr.“

„Dein Vater ist ein Idiot und ich würde...“

Doch Alice unterbrach ihn sofort. „Jack. Bitte. Nicht vor dem Jungen“, mahnte sie. „Wir können später darüber sprechen.“

„Natürlich.“ Jack legte die Hand auf Stevens Schulter und wechselte das Thema. „Ich kenne ein sehr gutes Café, gar nicht weit von hier, dort bekommen wir alles zum Frühstück, was man sich nur wünschen kann. Worauf hast du Appetit, Soldat?“

„Darf ich alles essen, was ich mag?“, fragte Steven, sichtlich aufgemuntert von der Aussicht auf Frühstück.

„Alles was du magst“, bestätigte seine Mutter. Alice wechselte einen dankbaren Blick mit ihrem Vater, während Steven laut aufzählte, was er frühstücken wollte.


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Ianto sah zu, wie Edwyn den Gepäckwagen in den Fahrstuhl bugsierte – völlig ohne dabei Schrammen irgendwo zu hinterlassen, nicht so wie Mickey – und drehte seinen Füller in den Fingern.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass das Gepäck von Alice und Steven Carter ohne die beiden per Taxi eintreffen würde – aber natürlich machte es Sinn. Bestimmt waren sie so früh in London aufgebrochen, dass sie auf ein Frühstück verzichtet hatten und als Onkel eines Neffen in etwa in Stevens Alter wusste er, wie hungrig der Junge nach der Fahrt sein musste. Es gab in der Nähe des Bahnhofs ein paar ausgezeichnete Cafés, in denen man wunderbar frühstücken konnte und es war sehr wahrscheinlich, dass Jack seine Tochter und seinen Enkelsohn in eines davon geführt hatte.

Ianto, sind sie da?“

In Gedanken versunken, zuckte Ianto zusammen und ließ den Füller auf die Schreibfläche fallen. Er hatte nicht bemerkt, dass seine Schwester an der Rezeption stand, bis sie ihn ansprach.

Rhiannon musterte ihn mit schief gelegtem Kopf, die Hände in ihre Schürze gewickelt. „Ist alles okay? Du siehst aus, als hättest du nicht gut geschlafen.“ Wieso war er nur so nervös?

Er konterte ihre Frage mit einer eigenen. „Warum bist du hier und nicht in der Küche? Ist etwas passiert?“ Sein Blick glitt zur Uhr. Die ersten Gäste nahmen ihr Frühstück um diese Zeit. Rhi sollte am Herd stehen, Speck braten und Eier kochen und darauf achten, dass der Toast nicht zu dunkel wurde.

„Die Mädchen haben alles im Griff“, winkte Rhiannon ab. „Sie kommen schon mal fünf Minuten lang ohne mich klar.“ Ihr Blick glitt durch die leere Empfangshalle. „Amy hat gerade Tosh das Frühstück gebracht und gesagt, ein Taxi ist vorgefahren, also bin ich nur schnell hergekommen, um zu sehen, ob es die Schwester von Captain Harkness ist. Ich dachte, ich könnte ihr gleich das Zimmer zeigen, und ihr erklären, was wir besprochen haben.“ Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Einen ersten Kontakt zu ihr knüpfen.“

Ianto hob die Schultern. „Es war nur ihr Gepäck, am Bahnhof aufgegeben“, erklärte er. „Vermutlich sind sie noch irgendwo frühstücken gegangen.“

Sonntag nach dem Tee setzten sich Ianto und seine Schwester für gewöhnlich zusammen, um die kommende Woche zu besprechen. Und auch erst dann war er mit Jacks Bitte, dass Alice und Steven Anschluss an Rhi und die Kinder finden mochten, herausgerückt. Es war einfach vorher nie der richtige Moment gewesen. Es war nicht so als hätte er Angst vor der Reaktion seiner Schwester.

Bei allen Vorbehalten, die Rhiannon gegenüber dem Captain hegen mochte, sie hatte nicht einen Moment gezögert, ihm zu versprechen, dass sie sich um die beiden kümmern würde.

„Na gut.“ Unschlüssig blieb Rhi einen Moment vor der Rezeption stehen und musterte ihren kleinen Bruder. Ianto hatte seinen Füller aufgehoben und drehte ihn zwischen den Händen, als untersuche er ihn auf Beschädigungen. Er sah sie nicht an und selbst wenn er es getan hätte; sie wusste, dass er sie nicht von seinen Zügen ablesen lies, was er dachte. Es gefiel ihr nicht, dass ihr Bruder Geheimnisse vor ihr hatte. Und sie hatte ihn nicht gefragt, warum er das Gespräch mit Captain Harkness nicht früher erwähnte, wenn nichts weiter dabei gewesen war, als das Arrangement für den Besuch seiner Familie. „Schick Edwyn zu mir in die Küche, wenn sie da sind.“ Rhi wartete, bis Ianto nickte und ging zurück an die Arbeit.


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Steven erzählte lebhaft und mit vielen Gesten von seinem asino – seinem Esel, dessen Pflege auf dem Bauernhof von Tante Sophie seiner Verantwortung übergeben worden war und auf dem er sogar reiten durfte – während er sich in Windeseile durch eine Portion Rühreier mit Schinken arbeitete. Jack beobachtete seinen Enkelsohn fasziniert. Der Aufenthalt in Italien hatte ihm in mehr als einer Hinsicht gut getan. Er hatte viel Zeit damit verbracht, im Freien mit anderen Kindern herum zu toben und war aus seinem Schneckenhaus hervor gekrochen, um seine Scheuheit abzulegen. „Darf ich noch Pfannkuchen haben?“, fragte Steven eben, seine Wangen gerötet. „Und Milch. Bitte und Danke.“

„Natürlich.“ Jack winkte einem Kellner, der ohnehin gerade in ihre Richtung kam.

Doch bevor er seine Bestellung aufgeben konnte, kam ihm der Kellner zuvor. „Sind Sie Captain Harkness?“, fragte der ältere Mann und musterte ihn.

„Ja?“ Aus den Augenwinkeln sah er, wie Alice überrascht den Kopf hob. „Wieso?“

„Es wartet jemand am Telefon auf Sie. Der Anrufer sagte, ich solle nach einem Mann in einem Militärmantel sehen.“ Der Kellner sah sich demonstrativ im Raum um. Jack war der einzige, der seinen Mantel mit an den Tisch genommen hatte und einen Stuhl für ihn in Beschlag nahm.

„Hat er auch seinen Namen genannt?“, fragte Jack, ohne Anstalten zu machen, auf zu stehen. Niemand wusste, dass er hier war. Sie hatten sich spontan für das Café entschieden, weil Steven die enorme, rot-weiß-gestreifte Markise bewunderte, unter der in dieser kalten Jahreszeit aber noch niemand im Freien Platz nahm.

„Er sagte, er wäre ihr Boss, Sir.“ Der Kellner schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob es sich vielleicht um einen Scherz auf seine Kosten handelte, den er nicht verstand. „Und dass der Ofen bereits angeheizt wäre.“

Jack seufzte. „Ich komme in einer Minute. Und dieser junge Mann hier hätte gerne noch eine Portion Pfannkuchen und ein großes Glas Milch.“

„Sehr wohl, Sir.“ Der Kellner verließ den Tisch. „Das Telefon finden Sie bei der Garderobe.“

Er wandte sich an Alice. „Das muss Alex Hopkins sein – du hast ihn einmal getroffen, denke ich. Ich weiß nicht, wie er mich hier gefunden hat, aber ich vermute, dass es dringend ist. Er weiß das ich euch heute abhole.“

„Was sollte das mit dem Ofen?“, fragte Alice, die Stirn gerunzelt.

„Uh... ich bin in letzter Zeit ein paar Mal zu spät gekommen und Alex meinte, beim nächsten Mal grillt er meinen nackten Hin... du-weißt-schon-was... über offener Flamme, bis ich anfange, ihm zuzuhören.“ Jack stand auf. „Seine Methode mir mitzuteilen, dass er es ernst meint. Ich bin gleich zurück.“

Er suchte sich seinen Weg durch den Raum, bis er die Telefonzelle sah, die in eine Nische zurückgenommen war – ein Relikt aus einem anderen Jahrhundert, ausgestattet wie ein Miniaturzimmer, mit Holzintarsien, verblasster Satintapete und lärmdämpfender Polsterung auf der Innenseite der Tür. Das Telefon war allerdings modern (er hatte beinahe eines dieser altertümlichen Geräte mit Sprech- und Hörtrichter erwartet) – und an der Wandhalterung befestigt, damit es nicht gestohlen werden konnte. Der Hörer lag neben der Gabel. „Alex?“, fragte er, als er den Hörer ans Ohr hielt.

„Endlich“, ertönte Alex’ Stimme vom anderen Ende. „Was hast du gemacht? Zuerst gemütlich zu Ende gefrühstückt?“

„Wie hast du mich hier gefunden?“, fragte Jack neugierig, die schnippische Bemerkung ignorierend.

„Benimm dich nicht immer so auffällig, vielleicht bist du dann schwerer zu finden.“ Alex holte tief Luft. „Ich weiß immer, wo mein Team sich aufhält und nur damit du es weißt, Adam war am Bahnhof um ein paar aus London ankommende Ausrüstungsstücke zu holen, er hat dich in ein Café gehen sehen und sich den Namen gemerkt.“

Das Café war einige Straßen vom Bahnhof entfernt. Adam Smith konnte ihn nur gesehen haben, wenn er ihm gefolgt war. Diese kleine Ratte spionierte ihm also immer noch nach.

„Zu deinem Glück“, fuhr Alex fort, bevor Jack eine Antwort darauf geben konnte. „Wir haben einen Notfall und ich brauche dich auf der Stelle hier.“

„Aber Alice und Steven sind gerade erst angekommen“, protestierte Jack. „Du hast mir einen freien Tag gegeben, damit ich mich um sie kümmern kann.“

„Notfall, Jack, hast du diesen Teil überhört? Deine Familie kann warten, sie fahren ja nicht gleich heute wieder ab.“ Hopkins seufzte und es war einen Moment bis auf das Knistern in der Leitung still. „Es tut mir leid, Jack, okay? Das war nicht geplant. Wir haben über einen Polizeikontakt erfahren, dass ein nicht identifiziertes Flugzeug im Cantref Reservoir im Breacon Beacons National Park von ein paar Wanderern gesichtet wurde. Frag mich nicht, wer da um diese Jahreszeit rum läuft und wieso. Aber laut Flugplan hat diese Woche noch kein Flugzeug diesen Teil des Parks überflogen und es wird auch keines vermisst. Vielleicht ist es nur ein kleines, illegal fliegendes Schmugglerflugzeug. Vielleicht ist es etwas, dass aus dem Rift gefallen ist. Pack einfach eine Tasche mit ein paar Notwendigkeiten, ihr werdet vermutlich über Nacht oder auch ein paar Tage bleiben. Geraint triff dich in der Garage. Er packt Schlafsäcke, Verpflegung und alles weitere an Werkzeugen und Geräten, die ihr brauchen könntet, in die Jeeps.“

„Wieso ich? Kannst du nicht ein paar von Yvonnes Drohnen in die Wildnis schicken?“, fragte Jack lustlos. Unter normalen Umständen hätte er nichts dagegen gehabt, einen Ausflug in den National Park zu machen. Aber mit Alice und Steven in der Stadt...

„Du weißt, dass ich dich für so etwas brauche. Wenn es ein normales, irdisches Flugzeug ist, kannst du mit dem zweiten Jeep zurückfahren und ich schicke ein paar der anderen raus, versprochen. Wenn es das Wrack von irgendetwas anderem ist, brauche ich dich um es identifizieren und uns zu sagen, ob es gefährlich ist oder nicht. Das Ding liegt in einem Wasserreservoir aus dem Trinkwasser gewonnen wird und das offenbar ein Geheimtipp unter Anglern ist.“ Alex’ Stimme nahm einen beschwörenden Unterton an. „Ich weiß, du hast dich auf deinen Besuch gefreut und ich mache es wieder gut. Aber ich brauche dich dort. Jetzt.“

„Du meinst, du brauchst mich, um an das Ding ran zu kommen, weil es mich nicht auf Dauer beschädigen kann, falls es strahlt oder ein Leck hat.“ Jack schloss kurz die Augen und rieb sich über die Haare. „Okay. Gib mir eine Viertelstunde, damit ich Alice die Sache erklären und zurückkommen kann. Zum Packen brauche ich nicht lange.“ Er legte auf, ohne auf eine Antwort seines Chefs zu warten und ging zurück.

Alice sah ihm entgegen, aber Steven war völlig in die Vernichtung seiner Pfannkuchen vertieft und gönnte ihm kaum einen Seitenblick, als er wieder Platz nahm.

„Du musst gehen“, stellte Alice fest, als er keine Anstalten machte, weiter zu essen.

„Es tut mir leid. Es ist ein Notfall.“ Jack lächelte schief. „Und um das ganze noch unangenehmer zu machen, muss ich Cardiff verlassen. Für heute, vielleicht auch für ein paar Tage. Es ist etwas in einem Nationalpark passiert, dass wir untersuchen müssen.“

Sie griff über den Tisch und drückte die Hand ihres Vaters. „Wir verstehen das und wir sind nicht hergekommen, um dich von der Arbeit abzuhalten. Steven und ich werden uns ein wenig in der Stadt umsehen und er ist schon ganz wild darauf, das Schloss zu sehen, nicht wahr?“

Steven nickte und leckte sich einen Milchbart von der Oberlippe. „Gibt es da richtig echte Rüstungen?“

„Wir werden sehen. Und benutz deine Serviette, nicht deinen Ärmel“, tadelte seine Mutter liebevoll. „Ich hinterlasse an der Rezeption, wohin wir gehen, falls wir nicht im Hotel sind, dann kannst du uns immer finden“, wandte sie sich wieder an Jack.

„Es ist gut, dass ihr dort wohnt.“ Jack legte seine Hand über Alice’, drückte ihre Finger. „Ianto... also Mister Jones... wird sich um euch kümmern. Er weiß übrigens, wer du bist. Du kannst dich also immer mit allem an ihn wenden.“

Alice nickte. Es überraschte sie, dass ihr Vater noch jemandem anvertraut hatte, dass sie seine Tochter und nicht seine Schwester war, aber dazu war jetzt keine Zeit. „Steven, verabschiede dich von deinem Onkel, du Vielfraß“, sagte sie lächelnd. „Er muss an die Arbeit.“

Jack wuschelte dem Jungen durch die Haare. „Ich bin bald zurück, Soldat. Pass mir gut auf deine Mutter auf.“ Er stand auf, nahm seinen Mantel und küsste Alice auf die Stirn, bevor er ein paar Geldscheine aus der Hosentasche zog und auf den Tisch legte. „Das sollte fürs Frühstück und für die Taxifahrt ins Hotel reichen. Greyfriars Arms, sag einfach, dass du dorthin willst, die Taxifahrer kennen alle den Weg.“

„Ich weiß. Jetzt geh schon, ich will nicht, dass du unseretwegen noch mehr Ärger mit deinem Boss bekommst.“ Alice schüttelte den Kopf. „Ich komme in London alleine zurecht, dann schaffe ich das auch in Cardiff.“

„Ich mache das wieder gut.“ Mit einem Winken in Stevens Richtung eilte Jack aus dem Café und zurück in den Hub.

Mit einem Seufzen wandte sich Alice wieder ihrem eigenen Frühstück zu. Sie hatte es nicht anders erwartet. So lange sie zurückdenken konnte, war Torchwood für ihren Vater immer vor allem anderen gekommen.


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Mrs. Carter.“ Ianto Jones verließ die Rezeption und kam ihr entgegen. „Willkommen im Greyfriars Arms Hotel. Captain Harkness hat alles für Ihren Aufenthalt arrangiert. Und ich habe Ihnen das gleiche Zimmer wie beim letzten Mal gegeben.“

Alice bemerkte, dass er über ihre Schulter sah, als erwarte er noch eine weitere Person. Aber abgesehen von Steven war die Halle leer. Ihr Sohn war ein paar Schritte hinter ihr und damit außer Hörweite, also lehnte sie sich leicht vor und sagte: „Mein Vater wurde weggerufen. Ein Notfall außerhalb Cardiffs.“ Sie sah den jungen Hoteldirektor blinzeln, offenbar hatte er nicht erwartet, dass sie wusste, dass er Beschied wusste... oder dass Jack mit ihr darüber gesprochen hatte. Ein leichtes Schimmern von Röte zeigte sich in seinen Wangen.

„Natürlich.“ Ianto hielt den Schlüssel in der Hand. „Meine Schwester...“, begann er – als auch schon Rhiannon Davis mit einem Teenager in der Uniform eines Hoteldieners zu ihnen stieß.

Ianto wechselte einen Blick mit Edwyn und reichte ihm den Schlüssel, als die beiden Frauen sich begrüßten. Sie hatten sich bereits bei Alice’ letztem Besuch miteinander bekannt gemacht, da sie in ihren Söhnen gemeinsamen Gesprächsstoff fanden. Dann zog er sich an die Rezeption zurück, um die Vormittagspost zu sortieren. So wie es aussah, hatte seine Schwester alles fest im Griff.

Er fragte sich unwillkürlich, welche Art von Notfall Jack wohl aus der Stadt gerufen hatte, erinnerte sich aber daran, dass es besser war, so zu tun als wisse er nichts von Torchwoods Existenz. Aber ein kleiner, verbotener Teil von ihm vermisste den Captain bereits jetzt…



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Well I can be the one to comfort you
Hold you tight and keep you safe
Make you smile the times that you are down
If you only didn’t mind loving me the same

(aus “If you only” by Jonathan Jeremiah)

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Ende