Ein Baby für Zwei


Autor: Lady Charena (Februar 2017)
Fandom: Torchwood
Worte: 4350
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, OCs: Baby Adele, Melanie Jones
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, pg12, slash


Summe: Baby Adele ruft in Ianto alte Fragen wach.

Anmerkung: Ein Oneshot aus dem „Herzkind“ - Universum (Adventskalenderstory 2014).


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





Kapitel 1


„Scheint so, als würden sie mich doch nicht brauchen.“ Jack wirkte teils enttäuscht, teils erleichtert, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Auch gut, so habe ich mehr Zeit für euch zwei Hübschen...“

„Sssschchchchch!“, unterbrach ihn Ianto. „Geht das auch ein bisschen leiser, Adele ist gerade wieder eingeschlafen.“ Der junge Waliser saß, oder eher lag, auf dem Sofa, die langen Beine vor sich ausgestreckt. Entgegen seiner Befürchtung schien Adele sich jedoch nicht an Jacks Rückkehr zu stören. Der vier Monate alte Säugling gab ein leises Schmatzen von sich und schlief selig weiter.

„Was ist mit deinem T-Shirt passiert?“, fragte Jack amüsiert und streichelte mit den Fingerspitzen über den dunklen Flaum am Hinterkopf des schlafenden Babys, bevor er sich neben Ianto setzte. „Oh, warte – Partnerlook? Moment, ich mache mit.“ Jack begann sein Hemd aufzuknöpfen, zumindest so lange, bis Ianto seine Hand wegschlug. „Was? Es ist warm genug. Ihr beide habt die richtige Idee. Nur auf die Windeln sollten wir beide besser verzichten. Deine Mutter ist halb verzweifelt, bis sie Windeln gefunden hat, von denen du keinen Ausschlag bekommen hast...“

„Du hältst es wirklich keine fünf Minuten ohne eine peinliche Anspielung auf meine Kindheit aus.“ Der Waliser rollte mit den Augen. „Sie hat Schluckauf bekommen und mir den Rest ihrer letzten Mahlzeit drauf gespuckt. Und angefangen zu weinen, also konnte ich nicht weg, um mir ein sauberes aus dem Schlafzimmer zu holen. Aber der direkte Hautkontakt gefällt ihr ohnehin besser.“

„Sie hat offensichtlich jetzt schon einen ausgezeichneten Geschmack.“ Jack beugte sich vor und küsste Iantos bloße Schulter. „Liegt ihr bestimmt in den Genen.“

„Spielst du darauf an, dass ich dich gestern dazu gezwungen habe, dir ein paar Klamotten aus diesem Jahrtausend zu besorgen? Wenn wir uns in deinem üblichen Outfit mit Adele in der Öffentlichkeit blicken lassen, halten dich am Ende noch alle für ihren Großvater.“

„Hey! Wenn du gerade kein schlafendes Baby auf dir liegen hättest, würdest du für diese Frechheit büßen“, drohte Jack grinsend und gab ihm einen Klaps auf den Oberschenkel. „Ich erzähle dir gleich was von wegen Großvater.“

„Wenn du sie jetzt weckst, dann schläft Addie heute Nacht in meinem Bett und du kannst es dir mit ihrer Kuscheldecke auf der Couch bequem machen“, gab Ianto unbeeindruckt zurück.

Mit einem amüsierten Schnauben lehnte Jack sich gegen den Rücken der Couch zurück und streckte wie sein Liebhaber die Beine lang aus. Er rieb mit der Fußsohle über Iantos nackte Füße. „Du erinnerst dich offensichtlich nicht mehr, aber ich bin großartig mit Babys, Mister. Ich habe nie eine Klage von dir gehört.“

„Nun, ich hatte damals auch noch nicht sprechen gelernt.“ Ganz vorsichtig setzte Ianto sich etwas auf, zwar angenehm für Adele war für ihn selbst diese Haltung weniger bequem.

„Rückblickend war das gar keine so gute Idee. Ich denke, unsere Beziehung war besser, bevor du mir freche Antworten geben konntest.“

„Und ich dachte, das ist eines der Dinge an mir, die du liebst.“

„Absolut.“ Jack küsste ihn – vorsichtig, um das Baby nicht zu wecken. „Weißt du, du hast auch immer am besten so geschlafen, bei mir. Und bei Ifan.“

„Ich weiß. Mama hat mir die Fotos sicherlich hundert Mal gezeigt.“ Er streichelte Adeles winzige Faust mit dem kleinen Finger und sie rührte sich, schien zu versuchen, danach zu greifen. Ianto hielt unwillkürlich den Atem an. „Das war...“, flüsterte er. „Hast du das gesehen? Hast du gesehen, sie hat versucht nach mir zu greifen. Denkst du, sie erkennt mich?“

„Wieso sollte sie dich nicht erkennen. Du hast ihr schon vorgelesen, bevor sie auf die Welt kam.“

„Es gibt Berichte über Studien, dass Vorlesen die Entwicklung fördert und zwar schon vor der Geburt und geschadet hat es bestimmt niemand...“, begann Ianto sich zu verteidigen.

Doch Jack unterbrach ihn lächelnd. „Du wolltest nur sicher sein, dass sie bereits in deine Stimme verliebt ist, wenn sie geboren wird. Genau wie der Rest von uns.“

„Du hast ihr vorgesungen. Hast du versucht, mich auszubooten?“, erwiderte der junge Waliser trocken.

„Ich glaube, ich belege einen guten zweiten Platz. Niemand kann sagen, ich wäre ein schlechter Verlierer.“ Jack gab der Versuchung nach und berührte die winzigen, runzligen Füßchen, die daraufhin leicht gegen seine Handfläche kickten. Vielleicht träumte sie schon davon, Laufen zu lernen? „Hey, denkst du, wir sollten ihr nicht besser wieder ihre Söckchen anziehen? Ich glaube ihre Zehen fühlen sich ein wenig kalt an.“

„Holst du mir ihre Decke? Sie liegt auf dem Sessel da drüben.“ Ianto berührte den dunklen Flaum auf ihrem Kopf, dann prüfend ihren Rücken. Er mochte es vor Jack nicht zugeben, aber so sicher wie er sich im Umgang mit Adele zeigte, war er in Wirklichkeit nicht. Sie war so klein, so zerbrechlich. Und obwohl er gewohnt war, mit zerbrechlichen und empfindlichen Dingen umzugehen – hochkomplizierte Elektronik musste man mit Samthandschuhen anfassen – war so ein lebendes, atmendes Geschöpf etwas völlig anderes.

„Nur, wenn ich ihr später das Fläschchen geben darf“, holte ihn Jacks Stimme aus seinen Grübeleien.

„Du darfst ihr auch hinterher die Windeln wechseln.“ Ianto sah lächelnd zu seinem Partner hoch, der aufgestanden war, um die mit bunten Sternen bestickte Babydecke zu holen.

„Ich bin sicher, ich weiß auch noch, wie das geht“, erwiderte Jack grinsend.

„Solange du dich daran erinnerst, dafür nur eines von deinen T-Shirts zu verwenden und keins von meinen.“ Die kleine Spitze konnte sich Ianto nicht verkneifen. Jack sparte sich diese Anekdote schließlich auch nie auf, wenn er von dem Tag erzählte, an dem er im Park sein Findelkind entdeckte und es unter den Augen Torchwoods nach Hause schmuggelte.

„Hardiharhar. Es war ein Notfall. Ich hatte keine Babykleidung bei mir rumliegen, als du in mein Leben geschneit bist, du Naseweis.“ Jack breitete die Decke vorsichtig über Adele, achtete darauf das ihre Füßchen bedeckt waren und setzte sich wieder neben ihn.

„Ich bin sicher, du hast das Beste aus der Situation gemacht.“ Ianto legte den Kopf an Jacks Schulter und schloss die Augen, als sein Partner den Arm um seine Taille legte. Adele hatte die richtige Idee. Irgendwie könnte jetzt auch ein kleines Schläfchen halten…

„Was hältst du davon, wenn ich für uns drei koche?“, fragte Jack ein wenig später. „Bist du hungrig? Ich könnte essen.“

„Traust du dir das zu?“, fragte Ianto schläfrig. Oh, das war falsch herausgekommen. Jack konnte kochen, ihm fehlte nur die Gelegenheit dazu. Sie waren beide oft beschäftigt und wenn sie Zeit füreinander fanden, wollte keiner von ihnen lange in der Küche stehen. Und sich Pizza liefern zu lassen oder etwas vom Chinesen an der Ecke mitzunehmen, war ja so bequem. Er drehte den Kopf, sah Jack an. „Ich meine, wenn du dir die Mühe machen willst, gerne. Mir reicht es aber auch vollkommen, wenn du das übriggebliebene Curry von gestern Abend in die Mikrowelle stellst.“

„Höre ich da Zweifel an meinen kulinarischen Fähigkeiten?“, neckte ihn Jack. „Mal sehen - ich mache für dich eines der Fläschchen aus dem Kühlschrank warm und für Adele und mich werfe ich je ein Steak in die Pfanne, richtig? Mit Backkartoffeln und Salat oder denkst du, sie bevorzugt Knoblauchbrot?“

„Klingt genau richtig.“ Lächelnd schloss Ianto die Augen wieder. „Es kann aber noch fünf Minuten warten, ja? Ich finde es gerade so gemütlich.“


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Ianto räumte Teller und Besteck in die Spülmaschine, während Jack dafür sorgte, dass Adele ihr Fläschchen trank.

Sie hatte friedlich in ihrer Babywippe (kein Wäschekorb für sie) geschlafen, bis zu dem Moment, als Jack mit zwei Portionen Kaffee-Eis an den Tisch zurückkam, die er als Überraschungsdessert eingekauft hatte.

Bevor Ianto aufstehen konnte, um sich um sie zu kümmern, hatte Jack bereits die Wippe hochgehoben und sie auf den Stuhl neben den Waliser gestellt. Dann holte er eines der vorbereiteten Fläschchen aus dem Kühlschrank und steckte es in den Fläschchenwärmer.

Adele schien zu gefallen, was sie sah. Sie brachte die Wippe zum Schaukeln und gluckste und gurgelte vor Begeisterung, als Ianto eine bunte Stoffpuppe vor ihr tanzen ließ. Schließlich griff sie danach, packte ein Bein und zog daran. Und als Ianto losließ, steckte sie zufrieden das Bein der Stoffpuppe in den Mund, um daran zu nuckeln.

Das Fläschchen war warm und Jack befreite vorsichtig die Puppe aus ihrem Griff, um Adele aus der Wippe zu heben und ihr stattdessen die Flasche zu geben.

Ianto lehnte sich zurück und genoss das Eis – und den Anblick seines Partners, der leise mit Adele sprach, während sie trank. Vielleicht sollte es befremdlich wirken, Captain Jack Harkness in Hemd und Jeans, ein Tuch über die Schulter geschlungen, damit weitere Flecken vermieden werden könnten… und mit einem Baby auf dem Arm. Sein Team hatte ihren furchtlosen Anführer sicherlich so noch nie gesehen. Ianto sah den Mann, den er liebte, so lange er denken konnte. Sicher, die unschuldige Kinderliebe war mit der Zeit in eine andere Form von Liebe gewachsen, aber sie war nicht weniger unerschütterlich.

„Ianto?“

„Hm?“ Der junge Waliser sah auf. Jack war vor ihm stehen geblieben. Adele hatte aufgehört zu trinken und schien ihn aus ihren großen, dunklen Augen neugierig zu mustern. „Hast du etwas gesagt?“

„Dein Eis schmilzt“, entgegnete Jack mit einem verschmitzten Lächeln. „Du warst gerade mit deinen Gedanken kilometerweit weg, oder? Muss aber etwas sehr Gutes gewesen sein, an das du gedacht hast.“

Adele spuckte den Nuckel aus, gurgelte und griff in die Luft. Jack setzte sie auf seinen Arm und stellte das Fläschchen ab, um ihren Rücken sanft zu reiben.

„Das war es.“ Mehr sagte Ianto nicht dazu, er löffelte stattdessen sein Eis auf und stand auf, um den Tisch abzuräumen. „Willst du, dass ich sie dir abnehme?“, bot er dann an.

„Kein Problem. Ich halte sie gerne noch eine Weile.“ Jack deutete auf die Kaffeemaschine. „Warum machst du uns nicht einen Verdauungs-Espresso, während ich diese junge Dame in eine frische Windel packe?“

„Koffein um diese Zeit? Hast du auch vor, heute Nacht noch irgendwann zu schlafen?“, fragte Ianto skeptisch, öffnete aber den Schrank, um Tassen zu holen.

„Hast du?“ Jack warf ihm über die Schulter ein Augenzwinkern zu, auf dem Weg ins Bad, um Adele zu wickeln.


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„Das ging schnell“, murmelte Ianto, das Gesicht in sein Kissen vergraben. „Addie muss dich wirklich mögen.“ Er hatte sich inzwischen auf den Bauch gedreht. Ein Spalt zwischen den Vorhängen ließ ein wenig Mondlicht in den Raum, in dem seine Haut beinahe silbern schimmerte.

Jack setzte sich auf die Bettkante neben ihn, anstatt es sich wieder auf seiner Hälfte des Bettes bequem zu machen. Sein Blick folgte den Narben auf Iantos Rücken, die im Halblicht stärker hervortraten als sonst. „Ich glaube, sie wollte uns nur testen“, meinte er mit leisem Lachen. „Ich habe ihr ein bisschen was vorgesummt und sie ist gleich wieder eingeschlafen.“ Er ließ seine Fingerspitzen den gleichen Pfad wie seine Augen nehmen und Ianto holte hörbar Atem. „Es gibt nur eines, was mir Sorgen macht.“

„Was?“ Ianto drehte den Kopf zur Seite, um ihn anzusehen.

„Ihr Name. Ich finde, sie hätte einen hübscheren Namen verdient.“

Jetzt war es Ianto, der lachte. „Adele ist ein sehr schöner Name. Und ich finde ihn passend, schließlich wurde sie nach einem Adele-Konzert gezeugt.“ Er rollte zur Seite und machte Platz für Jack. „Aber da du nicht ihr Vater bist, fürchte ich, du kannst da auch nicht viel machen.“

Mehr Aufforderung brauchte Jack nicht. Sie waren immerhin beide schon wach und es galt die Zeit zu nutzen, bis Addie das nächste Mal nach Aufmerksamkeit verlangte…

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Kapitel 2 (von 2) wird nächsten Sonntag gepostet!

 

Kapitel 2


„Okay, ich bin sofort wieder zurück.“

Ianto stand auf, als die Türklingel einen Besucher verkündete. Vielleicht hatte Jack wieder mal seinen Schlüssel vergessen (und Ianto verbat sich ausdrücklich, dass er in diesem Fall das Schloss knackte), obwohl es etwas zu früh für seine Rückkehr schien. Abende wie der vergangene waren selten. Aber er hatte versprochen sich nachmittags frei zu nehmen, damit sie gemeinsam das schöne Wetter für einen Spaziergang mit Addie nutzen konnten.

Adele wippte und griff nach der Kette mit bunten Tierfiguren, die über ihr hing.

„Finger weg von meinem Laptop“, warnte er lächelnd und kitzelte den Bauch des Babys „Du bist zu jung für Online-Poker. Aber wenn dir in der Zwischenzeit eine Lösung für mein Problem mit den offenen Vektoren einfällt, lass dich nicht abhalten. Ich gebe dir die Hälfte meiner Prämie ab.“

Es klingelte erneut und Ianto verließ das Wohnzimmer. Er sah auf den Monitor neben der Tür und deaktivierte mit einem Lächeln den Alarm.

„Mama! Was machst du hier?“ Überrascht umarmte Ianto seine Mutter.

„Was denkst du, was ich hier mache“, erwiderte Melanie lächelnd und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Wange zu küssen. „Ich möchte mein jüngstes Enkelkind besuchen.“

„Und dabei sicherstellen, dass ich nicht mit ihr überfordert bin?“, fragte Ianto und nahm ihr die Jacke ab, um sie an die Garderobe zu hängen.

„Ich habe nicht angeboten, mich um sie zu kümmern, weil ich denke, du kommst mit ihr nicht klar“, stellte Melanie fest, während sie ins Wohnzimmer ging und Adele auf den Arm nahm. „Hallo, Baby. Wie geht es meiner kleinen Addie? Freust du dich, die Oma zu sehen?“

„Mama, ihr Kopf...“ Ianto suchte nach einer diplomatischen Form, seiner Mutter zu sagen, dass er dachte, sie sollte den Kopf des Babys besser abstützen. „Weißt du, ihre Nackenmuskeln...“

„Danke, mein Sohn“, erwiderte Melanie trocken und küsste Adele auf die Stirn. „Weißt du, dass ich schon ein paar Babys auf dem Arm gehalten habe? Sie haben es alle überlebt, du eingeschlossen.“

„Ich meine ja nur...“ Ianto zuckte mit den Achseln. „Sie haben im Kurs extra darauf hingewiesen.“

Melanie lachte und trat zu ihrem Sohn, der ganz geknickt drein sah. „Ich finde es großartig, dass du diesen Kurs gemacht hast, aber Adele ist ein Baby, keiner deiner Computer oder eines deiner Mathe-Probleme. Du musst mehr auf sie und auf dein Gefühl hören, als auf deinen Verstand.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Und ich bin sehr, sehr stolz auf dich, Ianto. Von einem Tag auf den anderen die Verantwortung für ein vier Monate altes Baby zu übernehmen ist nicht einfach, cariad.“

„Wer hätte gedacht, dass es sich auszahlt, dass ich immer mal wieder auf Mica und David aufgepasst habe.“ Ianto legte den Arm um seine Mutter. „Was hältst du davon, wenn ich uns Kaffee mache? Ich habe fantastische neue Bohnen. Und wir können anfangen, Addie alles über Kaffee beizubringen, was sie wissen muss.“

Melanie lachte. „Das hat noch Zeit. Du hast dich auch erst für Kaffee interessiert, als die Pubertät fast hinter dir lag.“

„Zuerst war es nur wegen Jack. Er trinkt ihn wie Wasser.“ Ianto hob die Stoffpuppe auf, die aus der Wippe gefallen war. „Erinnerst du dich noch, wie tapfer er meine ersten, grässlichen Versuche getrunken und gelobt hat?“

„Da wir gerade von Jack sprechen… Ich weiß, du hast gesagt, er hat kein Problem mit Adele, aber was hält er davon, dich teilen zu müssen?“ Melanie folgte ihrem Sohn in die Küche und setzte sich, während Ianto Tassen aus dem Schrank holte. Adele schien ihm dabei zuzusehen, zufrieden an ihrem Daumen nuckelnd.

„Er ist total verliebt in sie. Und er geht wundervoll mit ihr um.“ Ianto drehte sich zu ihr um. „Ich glaube, ich verstehe zum ersten Mal wirklich, wie es damals für ihn gewesen sein muss, mit mir. Welche Verantwortung er damit auf sich genommen hat. Und welches Risiko er eingegangen ist, mich vor Torchwood zu verstecken. Genau wie du und Tad.“

Melanie schüttelte den Kopf. „Das war es wert. Du warst das wert. Du hast unser Leben so sehr bereichert. Ich denke, Jacks noch mehr als meins und das deines Vaters. Er war einsam und resigniert, als er dich gefunden hat. Aber du… selbst als du kaum älter als Addie jetzt warst, du musstest ihn nur anlächeln und es war als fiele die Last einer ganzen Welt von ihm ab. Du warst unser Sternenkind. Ein Geschenk des Himmels, sozusagen.“

Ianto räusperte sich und beschäftigte sich wieder mit den Tassen. „Danke, Mama. Wenn wir jetzt nicht das Thema wechseln, dann brauchen wir Taschentücher dringender als Kaffee.“

„Warte, bis du dein erstes Enkelkind in den Armen hältst, dann darfst du auch anfangen, sentimental zu werden“, entgegnete Melanie lächelnd und streichelte Adele über den Kopf, die eingeschlafen war.

Ianto schwieg und kippte Kaffeebohnen aus einer Dose in die Kaffeemaschine.

„Cariad, ich habe mir immer vorgenommen, nicht eine von diesen Müttern zu sein, die immer nach Enkelkindern fragen – und deine Schwester hat mich ja in der Hinsicht schon reichlich beschert – aber wenn ich dich mit Adele sehe… Du bist erst fünfundzwanzig, du hast noch viel Zeit für so etwas...“

„Du meinst, ob ich eigene Kinder in meiner Zukunft sehe?“ Ianto verschloss die Kaffeedose sorgfältig und verstaute sie wieder im Gefrierfach. „Ich habe darüber noch nicht wirklich nachgedacht. Bisher war ich vollkommen damit zufrieden, Onkel zu sein. Und solange ich mit Jack zusammen bin, stellt sich die Frage eigentlich auch nicht. Er hat mir erzählt, dass es zwar  in der Zukunft Männern theoretisch möglich ist, schwanger zu werden, aber ich denke wir hätten inzwischen festgestellt, wenn das bei mir funktionieren würde.“

Seine Wangen verfärbten sich leicht rot, als Melanie amüsiert lachte. „Ich meine...“ Bei aller Liebe, er hatte nicht vor, mit seiner Mutter über sein Liebesleben zu sprechen. Das ging dann doch zu weit. „Und bei Jack auch nicht.“ Er schüttelte den Kopf, als das seine Mutter nur dazu brachte, noch mehr zu lachen. Adele schlug die Augen auf und schien sie verwundert zu beobachten.

„Schon gut, cariad.“ Melanie wiegte das Baby und blinzelte die Lachtränen weg. „Wir wechseln besser nochmal das Thema.“ Sie schnupperte. „Das sind aber nicht deine tollen Kaffeebohnen, die ich da rieche. Ich denke, diese junge Dame braucht eine frische Windel.“

„Windeln sind im Bad“, meinte Ianto.

„Oh nein, junger Mann.“ Melanie stand auf und hielt ihm Adele hin. „Ich habe in meinem Leben genug schmutzige Windeln gewechselt. Das darfst du machen. Keine Sorge“, fuhr sie fort, als Ianto verblüfft das Baby nahm. „Ich behandle deine Kaffeemaschine gut.“

Da ihm darauf eine Antwort fehlte, entschied sich Ianto für den wortlosen Rückzug ins Bad.

Als er ein paar Minuten später mit einer frisch gewickelten Adele zurückkam, standen nicht nur zwei dampfende Tassen Kaffee auf dem Tisch, Melanie nahm auch gerade ein Fläschchen aus dem Wärmer und hielt es prüfend gegen ihren Handrücken.

„Hat Rhi dich angerufen?“, fragte sie und nahm ihre Enkeltochter auf den Arm, um sie zu füttern.

„Ja. Heute Vormittag.“ Ianto lehnte sich gegen die Arbeitsfläche und nippte an seiner Tasse. „Sie kommen morgen zurück und holen Addie gegen Mittag bei mir ab.“ Er schwieg einen Moment. „Ich meine, ich bin froh, dass es ihnen so rasch gelungen ist, Johnnys Mutter nach ihrem Schlaganfall in einem Pflegeheim unterzubringen.“

„Aber es hätte dir auch nichts ausgemacht, dich noch ein paar Tage länger um Adele zu kümmern.“ Melanie lächelte. „Nun, Mica und David sind weniger begeistert, dass ihre Eltern wieder da sind. Für sie ist es Abenteuer bei uns zu wohnen. Ich muss aber zugeben, ich habe sie gerne um mich, aber ihr Alltag schafft mich. Mica geht zum Musikunterricht und zum Sprachkurs und David zum Rugbytraining und zur Nachhilfe und all die anderen Termine, die Kinder heutzutage haben. Es ist mir auf Dauer zu viel und schließlich muss ich mich ja auch ab und zu um deinen Vater kümmern. Wir haben auch Termine. So gesehen hätte ich besser Mica und David bei dir einquartiert.“ Sie sah das Baby liebevoll an. „Du kannst Addie ja jederzeit besuchen kommen. Es ist nun wirklich nur ein Katzensprung von Cardiff nach Newport. Und sicher hat Rhi nichts dagegen, wenn du dich ab und zu als Babysitter anbietest.“

Trotzdem würde er sie vermissen.


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Ianto rollte sich auf den Rücken. Hätte er geschlafen, wäre ihm das leichte Schaukeln der Matratze vielleicht sogar entgangen, aber er war schon wach gewesen, so hörte er auch das Geräusch des Schlüssels und das kurze Piepen der Alarmanlage, als Jack seinen Code eingab.

„Habe ich dich geweckt? Ich wollte dich nicht wecken“, meinte Jack, der auf der anderen Seite des Bettes Platz genommen hatte, um seine Socken auszuziehen.

„Ich war wach.“ Ianto knipste die Lampe neben dem Bett an und drehte sich dann auf die Seite, den Ellbogen unter den Kopf geschoben, um Jack dabei zuzusehen, wie der sich des Rests seiner Kleidung entledigte. „Ich dachte nicht, dass du heute noch vorbeikommst.“

„Es sieht nach einer ruhigen Nacht aus, also habe ich beschlossen, mir ein paar Stunden frei zu nehmen.“ Jack ließ sich schwungvoll nach hinten fallen und rollte herum, bis er Gesicht zu Gesicht mit seinem Liebhaber lag. „Und warum bist du noch wach?“, fragte er, den eigenen Ellbogen unter den Kopf schiebend. Seine andere Hand landete auf der freien Fläche zwischen ihnen. „Sehnsucht nach mir?“, schlug er vor, mit den Augenbrauen wackelnd. „Oder zu viel Kaffee? Bitte sag, es ist Antwort A.“

„Ich bin einfach nicht müde“, antwortete der junge Waliser ausweichend.

„Und da dachtest du dir, du liegst hier im Dunkeln und starrst an die Decke, anstatt an deinem ersten Nobelpreis für Mathematik zu arbeiten?“, neckte ihn Jack.

„Mir war nicht danach.“ Ianto streckte im Gegenzug seine freie Hand aus und strich mit den Fingerspitzen über Jacks Handrücken.

Jack griff nach seiner Hand und Ianto folgte der stummen Aufforderung und rückte näher, glitt in seine Arme.

Nach einem ausgiebigen Begrüßungskuss musterte Jack seinen jungen Liebhaber. „Ich vermisse Addie auch“, sagte er leise.

„Es ist nicht nur das“, erwiderte Ianto nach einer Weile. „Ich… sie hat mich zum Nachdenken gebracht.“

Jack konnte nicht behaupten, dass er völlig überrascht war. Er hatte Ianto mit Adele beobachtet. Nicht nur während der beiden Tage, in denen seine Nichte bei ihm wohnte.

Während der ganzen Schwangerschaft hatte Ianto sich um Rhi gekümmert, hatte sie an Johnnys Stelle zu Arztterminen und Schwangerschaftsgymnastik begleitet, weil sein Schwager endlich einen neuen Job gefunden hatte und sich nicht wie Ianto seine Zeit frei einteilen konnte. Rhiannon genoss die Aufmerksamkeit ihres Bruders, denn so wirklich glücklich waren weder sie noch ihr Mann mit der ungeplanten Schwangerschaft gewesen. Und das hatte zwischen Rhi und ihrem Mann zu Spannungen geführt.

„Nun, ich denke, es ist völlig natürlich, wenn du dir ein eigenes Kind wünschst“, meinte Jack, als Ianto nichts mehr sagte. „Du bist in einem Alter, in dem es ganz normal ist, eine Familie zu gründen.“ Aber das konnte Jack ihm nicht geben. Nun, theoretisch war es möglich, aber nicht sehr realistisch. Nicht hier und jetzt und mit Torchwood noch immer als alles überragenden Faktor in seinem Leben, selbst wenn er nun die Kontrolle darüber hatte. Und wieso sollte Ianto seinetwegen auf seine Träume verzichten müssen? Er streckte die Hand aus, legte die Handfläche gegen Iantos Wange und spürte jetzt schon den Verlust mit einer überraschenden Schärfe. Bestimmt würde sich auch in Iantos neuem Leben ein Platz für ihn finden, wenn es auch ein anderer sein würde…

„Hast du dich mit meiner Mutter abgesprochen? Sie hat auch schon damit angefangen, ob ich ein Kind will“, erwiderte Ianto. „Das ist nicht worüber ich nachgedacht habe. Das ist überhaupt nicht wichtig im Moment. Ich glaube, das Thema kann ruhig noch ein paar Jahre warten.“

Jack wusste nicht, ob er erleichtert oder vielleicht ein klein wenig enttäuscht sein sollte. „Was hält dich dann wach?“

„Ich musste an meine Eltern denken. Meine biologischen Eltern.“ Ianto seufzte. „Ich weiß, dass es sinnlos ist, darüber nach zu grübeln, aber ich frage mich… ob sie mich mögen würden. Ob sie stolz auf mich wären. Oder ob ich sie enttäuscht hätte. Wales, die Erde, ist meine Heimat - aber manchmal fühle ich mich, als ob da noch etwas mehr sein müsste. Als ob ein Teil von mir, der Teil von mir in dem meine biologischen Eltern weiterleben, nicht hierher gehört. Verstehst du mich, Jack? Fühlst du nicht das gleiche, wenn du an Boeshane denkst?“

„Was hat Adele damit zu tun?“, fragte Jack. Er hatte nicht wirklich eine Antwort auf diese Fragen parat. Vermisste er seine Eltern, sein Leben auf Boeshane? Das lag alles so lange zurück, dass seine Erinnerungen blass und unwirklich schienen, wie die eines anderen Mannes.

„Eigentlich nichts.“ Ianto wandte sich von ihm ab, rollte zurück auf den Rücken. „Ich habe mich nur ein wenig selbst in ihr gesehen. Und mir ist klar geworden, wie du dich damals gefühlt haben musst, als du mich gefunden hast.“

„Der beste Tag meines Lebens. Und ich hatte noch nie solche Angst, etwas falsch zu machen“, gestand Jack. Er rückte näher zu Ianto, legte die Hand flach auf seinen Brustkorb. „Ich kann dir deine Fragen leider nicht beantworten. Nicht, weil ich es nicht will, sondern weil es keine Antworten gibt. Torchwood konnte nie klären, woher du und deine Eltern gekommen sind. Und da weder die Rettungskapsel noch die beiden Leichen neue Informationen hergaben oder eine Bedrohung darstellten, wurden sie nicht weiter untersucht.“

„Ich weiß. Deshalb habe ich auch gesagt, dass es sinnlos ist, darüber nachzudenken. Ich kann es nur nicht abschalten.“ Ianto klang frustriert.

Jack überlegte kurz. „Wenn ich dir verspreche, dass ich dir alles zur Verfügung stelle, was es an Berichten und Akten über deine Eltern gibt – ich denke, ich kann dir sogar die Rettungskapsel zeigen, in der ihr auf die Erde gekommen seid – hörst du dann für den Rest der Nacht mit Grübeln auf? Wir können uns alles gemeinsam ansehen, vielleicht fällt mir etwas Neues auf, aber ich will keine vergebliche Hoffnung wecken.“ Er rückte noch etwas näher, beugte sich über Ianto und presste einen Kuss auf seine Schulter. „Ich helfe dir auch, deine Gedanken abzulenken. Wetten, dass ich es sogar schaffe, dass du gar nicht mehr denkst?“

Ianto sah ihn lange wortlos an und schien schließlich die Bestätigung zu finden, die er brauchte. Dann nickte er und zog ihn auf sich.

Und egal, was die Zukunft für sie bereithalten mochte – oder nicht – für den Rest der Nacht spielte nur das Hier und Jetzt eine Rolle. Und das was sie füreinander bedeuteten.


Ende