Titel: Breathe in. Breathe out. Pull the Trigger (1)
Autor: Lady Charena (August 2013)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 5183
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, OCs: Adam Hill, Caden, Shana Lyons
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, ab 12, slash
Beta: T’Len

Summe: Jack und Ianto diskutieren ihren jeweiligen „Wert“ für Torchwood und später bekommt Ianto seine erste Trainingsstunde in Selbstverteidigung.


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.8: Breathe in.
Breathe out. Pull the Trigger (1)



„Jack? Wenn du meine Wirbelsäule erreicht hast, hörst du dann bitte auf?“

Iantos Stimme klang trocken und ein wenig gelangweilt. Nicht wie die eines Mannes klingen sollte, der halb unter ihm lag, während Jack scheinbar den ernsthaften Versuch unternahm, seinen kompletten Nacken in den Mund zu bekommen.

„Ich habe aber noch nicht alle Stellen probiert.“ Jack tippte mit der Fingerspitze auf einen Punkt unterhalb Iantos Haaransatz, dann auf einen hinter dem linken Ohr des jüngeren Mannes. „Weißt du, dass du da und dort völlig anders schmeckst, als... hier?“ Er ließ die Zungenspitze über die Wölbung tanzen, die den Ansatz der Wirbelsäule bildete.

„Und das werde ich auch morgen noch, vorausgesetzt du hörst jetzt damit auf, mich anzuknabbern.“

„Knabber. Knabber. Knabber“, machte Jack und zwickte ihn mit den Zähnen in die Schulter.

Lachend und rangelnd landeten sie schließlich auf dem Boden, und Ianto sah atemlos zu seinem Partner hoch. Da war eine Sekunde, eine Minute, eine Ewigkeit, bevor Jack den Blickkontakt brach, indem er sich vorbeugte und ihn auf die Nase küsste.

„Was liest du?“ Neugierig spähte Jack über Iantos Schulter, als sie es sich wenig später wieder in Iantos Bett bequem gemacht hatten.

„Ein Buch, offensichtlich.“ Ianto strich eine Seite glatt, die während ihrer Rangelei umgeknickt worden war. „Ich überlege ob ich vielleicht Französisch lernen soll.“ Er zog ein anderes Buch zu sich, das unter dem Kissen verschwunden war. „Oder besser Italienisch. Ich weiß nicht. Beide Sprachen klingen interessant.“

„Wieso?“ Jack pustete seinen Haaransatz an und sah mit einem zufriedenen Grinsen, dass Ianto mit Gänsehaut darauf reagierte. „Ziehen wir nach Frankreich oder Italien um?“

„Akten ablegen und Staub wischen und Kaffee kochen beansprucht nicht gerade meinen Intellekt.“ Er wandte den Kopf, sah zu ihm auf. „Außerdem ist es vielleicht ganz gut, wenn ich noch eine andere Sprache spreche, wenn ich in der Touristeninformation arbeite.“

Überraschenderweise schwieg Jack. Er nahm das Buch aus Iantos Hand und blätterte es flüchtig durch.

„Was?“, fragte Ianto plötzlich misstrauisch. „Kein Spruch darüber wie ich besser mit Touristen flirten kann, wenn ich ihre Sprache spreche? Keine Beispiele der 250 Sprachen in denen du nach Sex fragen kannst?“

„Vielleicht solltest du dir nicht zu viel davon versprechen. Ich meine, von dieser Touristensache.“

„Warum?“ Ianto setzte sich alarmiert auf und schüttelte Jack dabei ab. „Hat Alex etwas gesagt? Hat er seine Meinung geändert? Die Direktorin hat ihre Meinung geändert, ist es das? Sie erlaubt es nicht.“

„Hey. Deshalb musst du mich nicht gleich auf den Boden kicken“, beschwerte sich Jack. „Ich meine gar nichts damit. Und Alex hat nichts darüber gesagt. Aber willst du wirklich den ganzen Tag in einem Büro sitzen und darauf warten, dass jemand vorbei kommt und den Weg irgendwohin erklärt haben will? Nicht, dass Büros nicht ihre Reize haben...“

„Es ist besser als den ganzen Tag im Hub zu sitzen und darauf zu warten, dass du von deinen Ausflügen mit dem Team zurückkommst.“

„Ich finde die Vorstellung nicht schlecht“, meinte Jack grinsend, als er aufstand und seinen Ellbogen rieb. „Vor allem wenn du heißen Kaffee und etwas zu Essen für mich hast und am Besten wartest du gleich hier im Bett auf mich. Nackt, wenn du schon dabei bist.“

„Vergiss es. Macho.“ Ianto holte sich das Wörterbuch zurück und versetzte seinem Partner damit einen Klaps. „Troll dich in dein eigenes Bett, ich will meine Ruhe haben.“

„Das ist grausam, Mister Jones“, beklagte sich Jack, trollte sich aber – vorerst – und warf sich auf sein eigenes Bett. Er schnitt eine Grimasse und fischte einen Schuh unter seinem Rücken hervor. Wie war der da gelandet? Okay, vielleicht war er doch ein klitzekleines bisschen unordentlich…

Es war eine Weile still bis auf das Umblättern der Seiten und Jacks gelangweiltes hin und her rutschen.

„Du hast wirklich nichts gehört?“, fragte Ianto schließlich. „Ich meine, über die Neueröffnung des Touristeninformationsbüros?“

„Nein. Versprochen.“ Jack drehte sich auf die Seite, stützte den Ellbogen auf und legte das Gesicht in die Handfläche. „Du hast Wochen damit verbracht, alles sauber zu machen, die Wände zu streichen und Dinge zu reparieren. Alex wäre dumm, wenn er jetzt einen Rückzug macht. Was ich gesagt habe, war nur…“ Er zuckte mit der Schulter. „Ich schätze, ich bin ein wenig neidisch.“

„Neidisch?“, wiederholte Ianto überrascht. Er schlug das Buch zu und legte es neben dem Bett auf den Boden, drehte sich auf die Seite und nahm die gleiche Haltung wie Jack ein. „Wieso?“

„Ich denke, weil du… ernst genommen wirst. Ich dagegen… nun, ich bin unterhaltsam und ein großartiger Weevilköder.“

Ianto blinzelte. „Ist das wieder so eine Art Witz? Niemand hier nimmt mich ernst, Jack“, entgegnete er. „Ich bin lediglich dein Anhängsel. Eine Versicherung, dass du nicht auf die Idee kommst, während eines Ausfluges mit dem Team zu verschwinden. Und die Sache mit dem Tourismusbüro? Denkst du, ich weiß nicht, dass es seine Art Beschäftigungstherapie für mich ist? Ich will gar nicht wissen, was du damals zu Alex gesagt hast, dass er mich plötzlich und persönlich mit nach oben genommen hat.“

„Das stimmt nicht.“ Jack setzte sich auf, schwang die Beine über die Bettkante.

„Was davon, Jack?“, fragte Ianto leise. „Alles? Nichts?“ Er legte das zweite Wörterbuch zum ersten auf den Boden und zog ein drittes Buch hervor, das zwischen Kissen und Kopfende gerutscht war. Das Bett quietschte leise als er sich auf den Rücken drehte, und zu lesen begann.

Jack stand auf und trat zu ihm, kniete sich über Iantos Beine. Er drückte das Buch nach unten, bis es auf dem Brustkorb des anderen Mannes lag. „Warum denkst du so schlecht von dir?“, fragte er.

„Ich bin nur realistisch.“ Ianto sah ernst zu ihm hoch. „Du bist auf einem anderen Planeten geboren, dreitausend Jahre in der Zukunft und du warst auf zig weiteren Planeten, in anderen Zeiten und hast außerirdische Spezies kennen gelernt. Teilweise sogar intim. Ich nur ein paar Kilometer von hier in den Achtzigern. Denen in diesem Jahrtausend. Bevor ich den Doctor getroffen habe, bin ich nie über London hinaus gekommen. Wer von uns beiden ist wohl interessanter?“

„Du warst auch auf ein paar anderen Planeten und 200.000 Jahre in der Zukunft, als wir mit dem Doctor und Rose unterwegs waren“, entgegnete Jack. „Du hast eine Menge Bücher in der TARDIS-Bibliothek gelesen. Und du warst es, der letzte Woche diese blauen Dinger identifiziert hat. Eins davon hätte Alex fast den Finger abgebissen.“

„Das war reiner Zufall, weil ich die alten Akten in die Datenbank übertrage und sie schon einmal durch den Rift gekommen sind. Ich habe mich daran erinnert und es nachgeschlagen.“ Ianto verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Das schafft jeder, der ein Stichwort in eine Suchmaske tippen kann. Sogar du kommst mit unserer primitiven Technik zurecht.“

„Ich bin ein Mann mit vielen Talenten.“ Jack grinste, wurde dann wieder ernst. „Es ist nicht wichtig, wo du geboren bist, oder wann. Oder was du gesehen hast, oder nicht.“ Er tippte an Iantos Schläfe. „Das da drin zählt. Und du bist alles andere als ein dummer Mann, Jones-Ianto-Jones. Ja, okay, ich habe mehr Erfahrung als du und andere. Aber Erfahrungen kann man ständig sammeln. Sie bestimmen nicht deinen Wert.“

„Torchwood sieht das anders.“ Ianto versuchte den Kopf weg zu drehen, aber Jacks Hand stoppte ihn. „Es interessiert sie nicht, was ich sein könnte, sondern nur was ich jetzt bin. Was du jetzt bist und weißt.“

„Weißt du, was du hast, was Torchwood wirklich fehlt?“ Jack schob das Buch zur Seite und legte die Hand flach auf die Brust des jüngeren Mannes. „Mitgefühl. Echtes, ehrliches Mitgefühl ohne Hintergedanken. Weißt du, wie oft ich dir zugesehen habe, wenn du versucht hast, diesen Weevil dazu zu bringen, etwas zu fressen? Stundenlang hast du versucht, es…“

„Sie“, unterbrach ihn Ianto leise. „Adam hat gesagt, es ist ein Weibchen. Sie heißt Janet. Er hat ihren Namen sogar auf die Akte geschrieben.“

„Okay, Janet“, wiederholte Jack. „Du hast stundenlang mit ihr gesprochen.“ Er lächelte. „Und glaub nicht, dass es mich nicht interessiert, was du zu ihr sagst, wenn du walisisch mit ihr sprichst. Und der Trick mit den Kaffeebohnen war genial. Aber…“, er wurde wieder ernst. „…ich kenne niemand, der diese Geduld aufgebracht hätte. Oder sich überhaupt dafür interessiert. Gut, Adam macht seine Tests und Untersuchungen, aber wenn Janet verhungert, oder sonst aus einem Grund stirbt, dann bringen wir ihm eben von der nächsten Weevilpatrouille ein neues Exemplar mit. Die Kanalisation ist voll mit diesen Dingern. Ich weiß, dass es schwer ist, Mitgefühl für etwas zu empfinden, dass dabei ist, dir die Kehle aufzureißen.“ Jack zuckte mit den Schultern. „Aber niemand versucht ernsthaft den gestrandeten Wesen zu helfen. Entweder sie haben irgendwelchen Nutzen, dann kommen sie nach London, in die Hände der Wissenschaftler und in die Labors, oder sie werden eben entsorgt.“

„Alex ist nicht so“, wandte Ianto ein.

„Alex ist nicht der Direktor von Torchwood. Er ist hier in Cardiff der Boss, aber zu den wichtigen Entscheidungen braucht er immer das Okay aus London. Er kann nicht viel ändern, selbst wenn er das wollte. Die Direktorin kann ihn jederzeit durch jemand anderes ersetzen. Er ist nicht völlig gleichgültig, das gebe ich zu, nicht wie Franks. Oder resigniert, wie Adam Hill. Shana macht die Jagd Spaß, weshalb sie eine gute Feldagentin ist, aber sie würde nicht einmal ein streunendes Kätzchen aus einem Wolkenbruch retten. Caden ist noch nicht lange genug hier, und er beschäftigt sich auch mehr mit Computern als mit lebenden Dingen. Aber sie sind wie ich abgestumpft. Du gehst hin und versuchst einen Weevil aufzupäppeln und eine außerirdische Geranie gesund zu pflegen und du sitzt neben mir und liest mir Alice im Wunderland vor, während ich von diesen verdammt schmerzhaften Strahlungsverbrennungen heile. Du siehst nichts als aussichtslos, selbst in unserer Lage.“

„Was meinst du mit abgestumpft? Dass du gefühllos bist?“, fragte Ianto. „Das ist nicht wahr.“

„Ich bin nicht gefühllos, aber ich habe vor vielen Jahren gelernt, meine Gefühle zu unterdrücken, sie zu kontrollieren und zu benutzen. Du… du fühlst einfach was du fühlst. Du kannst zwar deine Gefühle vor anderen verstecken, aber deshalb sind sie trotzdem da. Und das, Ianto, das macht dich zu etwas ganz besonderem. Zu etwas sehr viel Wertvollerem als ich es bin.“

„Können wir uns darauf einigen, dass wir uns gut ergänzen?“, schlug Ianto vor. „Ich denke immer noch, wenn wir versuchen, unsere Wichtigkeit für Torchwood abzuschätzen, dann schneide ich schlecht ab.“

„Wird dich irgendwas, das ich sage, überzeugen dass es nicht so ist?“ Jack setzte sich auf die Fersen zurück.

„Nicht wirklich.“ Ianto schüttelte den Kopf.

„Glaubst du mir, dass du das Wichtigste für mich bist? Dass ich dich liebe?“

„Ja.“ Dieses Mal kam die Antwort ohne Zögern. Ianto setzte sich auf. „Denkst du, ich wäre sonst geblieben, als der Doctor mir anbot, mich zurück zu bringen, wenn ich dir nicht glauben würde? Ich bin nicht mit dir zusammen, weil du zufällig der einzige andere Mensch bist, dem das gleiche wie mir passiert ist. Ich. Liebe. Dich. Jack. Harkness.“ Er legte die Arme um Jacks Nacken. „Glaubst du mir das?“

„Jedes Wort.“ Jack hielt seinem Blick stand und brach den Blickkontakt erst, als er sich vorbeugte um ihn zu küssen.


###


„Hey, Ianto.“

Der junge Waliser sah überrascht von seiner Arbeit auf. „Agent Lyons. Was kann ich für Sie tun?“

Shana setzte sich auf die Tischkante, schlug ein Bein über das andere. „Was machst du gerade?“, fragte sie neugierig.

„Ich versuche ein Buch zu restaurieren.“ Da es ziemlich offensichtlich war, was er tat, ging er nicht davon aus, dass die Feldagentin sich tatsächlich für Einzelheiten interessierte. „Jack ist nicht da.“ Er hatte sie noch nie zuvor hier unten in der „Bibliothek“ gesehen.

„Kein Wunder. Bücher können sein Interesse sicher nicht so lange halten.“ Shana sah sich um und lachte. „Für was anderes ist hier ja wohl kein Platz.“ Sie wandte sich wieder an Ianto. „Ich bin nicht seinetwegen hier. Zumindest nicht direkt. Er hat Alex gesagt, dass du lernen willst, wie man mit einer Waffe umgeht.“

„Ja, ich… wir haben darüber gesprochen…“, begann Ianto.

„Schon gut. Es interessiert mich nicht, warum“, unterbrach ihn die Feldagentin. „In eurer Lage würde ich das vermutlich auch.“ Sie glitt von der Tischkante, streckte sich. „Normalerweise bin ich hier für die Ausbildung mit Waffen zuständig, aber Alex hat gesagt, Jack kann das übernehmen. Kein Problem für mich, ich habe so genug Arbeit. Ihr könnt mit Jacks Antiquität anfangen, Übungsmunition und den Code für den Schießstand bekommt ihr von mir. Aufräumen müsst ihr hinterher selbst – ich sag dir das, weil das bei Jack vermutlich bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus geht.“

„Darum werde ich mich kümmern“, versprach Ianto.

„Okay. Das war’s schon.“ Shana lächelte ihm zu. Die Enden ihrer Zöpfe wippten, als sie an den Regalen entlang zur Tür ging. „Ich weiß echt nicht, wie du es in diesem Loch aushältst.“

Ianto wandte sich wieder seinem Buch zu und zuckte mit den Schultern. Die Tür war bereits ins Schloss gefallen, als er antwortete: „Mir gefällt es.“


####


Caden spielte schon seit einiger Zeit das „Was wäre wenn?“-Spiel.

Für gewöhnlich blieb er nicht so lange im Hub, außer wenn sie einen Alarm hatten, aber er führte das monatliche Update der Sicherheitssysteme durch, und musste die Computer überwachen. Gelangweilt davon auf Statuszeilen zu starren, gesellte er sich zu den anderen, die sich mangels anderer Unterhaltungsmöglichkeiten um den Fernseher in der Bereitschaftsecke versammelt hatten.

Jack beanspruchte die Couch für sich und Ianto. Natürlich. Ausnahmsweise befanden sich beide in der Vertikalen, aber Jack behielt trotzdem einen Arm um die Schultern seines Partners geschlungen. Auf dem Tisch mit der verkratzten Oberfläche vor ihnen fanden sich drei fast leere Pizzaschachteln, Papiertücher, Getränkedosen und Gläser.

Caden nahm sich noch ein Stück Pizza und öffnete eine Coladose. Beim Balancieren mit beidem klatschte ein Stück Käse auf seinen Oberschenkel. Er fluchte leise und sah auf, als Ianto eine Papierserviette in seine Richtung schob. Der Waliser selbst hatte sich eine davon in den Kragen geschoben, wie ein Babylätzchen, um sich nicht voll zu kleckern. Das ging Caden nun doch zu weit. Es gab schließlich Waschmaschinen, selbst der Hub hatte welche unten in den Umkleideräumen neben den Duschen.

Adam Hill saß in einem der durchsackenden Sessel, seine Knie höher als seine Hüften und versuchte offenbar in der schlechten Beleuchtung zu lesen. Er hatte heute Nachtschicht.

Alex, Franks und Shana waren Zuhause, oder wo auch immer sie ihre Freizeit verbrachten.

Er leckte sich die Lippen und überlegte sich die nächste Frage. „Was wäre, wenn… wenn zum Beispiel dein Blinddarm platzen würde? Wächst der dann einfach nach, obwohl man ihn eigentlich gar nicht braucht?“

Jack gähnte und schob hinter Iantos Rücken die Finger in den Bund seiner Hose. „Was ist ein Blinddarm?“, fragte er, mit der anderen Hand nach Iantos Glas angelnd.

Caden starrte ihn verblüfft an.

„Er hat keinen Blinddarm“, kam es von Adam, der in eine Fachzeitschrift vertieft war, sich Notizen machte und den "Kindern" bisher keine Aufmerksamkeit zu schenken schien.

„Echt?“ Der Computerspezialist bemerkte gar nicht, dass er sich schon wieder bekleckerte.

Jetzt wandte sich auch Ianto seinem Partner zu. „Echt?“, wiederholte er amüsiert und holte sich sein Glas zurück, nachdem Jack daraus getrunken hatte.

„Echt“, bestätigte Hill trocken und sah auf. „Ich kann nicht feststellen, ob er nie einen hatte oder ob man ihn entfernt hat.“

Jack zuckte mit den Schultern. „Frag mich nicht, ich habe keine Ahnung von so was.“

„Ich würde zu gerne mal einen Blick in deine medizinischen Unterlagen werfen.“ Hill tippte nachdenklich mit seinem Kugelschreiber gegen die Seiten der Zeitschrift.

„Da musst du dich an Alex wenden“, kam es schlau von Jack. „Auf meinem Wriststrap sind ein paar Dateien... nur das übliche... Geschlechtskrankheiten, Kinderkrankheiten, ein paar gebrochene Knochen, ein paar Vergiftungen...“

„Nicht so neugierig“, entgegnete der Arzt gleichmütig und vertiefte sich wieder in seine Zeitschrift. „Trotzdem: Danke.“

Ianto seufzte, ließ es aber unklar, ob es Cadens Tomatensoßenflecken oder Jacks Versuch galt, an seinen Vortex Manipulator zu kommen.

Caden warf einen Blick auf seine Uhr. Er hatte immer noch mindestens 20 Minuten Wartezeit vor sich. „Was ist eigentlich deine Spezialität, Ianto?“, wandte er sich an den Waliser. „Du warst so eine Art Bibliothekar, oder? Bevor du hier gelandet bist.“

„Eigentlich habe ich in einer Buchhandlung gearbeitet, nicht in einer Bibliothek. Strenggenommen war es ein Antiquariat – eine Buchhandlung speziell für alte Bücher, die nicht mehr nachgedruckt werden.“ Ianto zuckte mit den Schultern. Jacks Finger stoppten ihre Wanderung in seinem Rücken und er lehnte sich gegen ihn zurück. „Ich schätze, man könnte sagen, ich beherrsche die Dewey Dezimalklassifikation.“

„Das was? Heißt das, du bist gut mit Zahlen?“, fragte der Computerexperte überrascht.

„Caden, warst du während deines Studiums nie in einer Bibliothek und hast Bücher gesucht?“, fragte Adam Hill lachend.

„Natürlich war ich schon mal in einer, aber da musste ich doch nichts selbst suchen. Ich habe einfach eine Liste per Mail geschickt und am nächsten Tag die Bücher geholt“, antwortete der Computerspezialist schulterzuckend. „Was ist dieses DeweyDingsbums jetzt?“

„Jedes Buch hat eine Codierung, die aus dem Anfang des Titels und den Initialen des Autors besteht“, erklärte Ianto. „Nur wirklich große Bibliotheken benutzen das System, viele Universitäten. Es ist ziemlich kompliziert, wenn man sich nicht damit auskennt und wird sicher bald ganz von Barcodes und Scannern ersetzt werden. Da, wo ich vorher gearbeitet habe… mein früherer Chef kannte sich mit solchen Dingen aus. Er hat es mir beigebracht.“ Ianto lächelte wehmütig. „Verdan war ein komischer Kauz. Aber er hat mich aufgenommen, als ich nicht wusste, wohin ich sollte und er war immer gut zu mir. Es tut mir leid, dass ich ihn am Ende im Stich gelassen habe. Vielleicht hätte ich ihn besuchen sollen, als der Doctor angeboten hat, mich zurück zu bringen.“

Jack hakte den Arm um seinen Nacken und presste einen Kuss auf seine Schläfe. „Soweit ich mich erinnere, hat er dich ermutigt, mit uns zu gehen. So wie er das selbst als junger Mann gemacht hat.“

„Nicht ganz so. Er hat nur den Ärmelkanal überquert.“

Adam hob den Blick wieder von seiner Zeitschrift. „Das erklärt zumindest wieso du dich so gut mit alten Büchern auskennst. Ich arbeite schon eine ganze Weile hier, aber ich wusste gar nicht, dass Torchwood eine Bibliothek hat.“ Er lehnte sich zurück. „Gibt es da unten eigentlich auch medizinische Bücher?“ Es war ziemlich klar, dass er versuchte das Thema zu wechseln.

Ianto nickte. „Ja. Ich habe medizinische Fachbücher gesehen. Alex sagte, er besorgt mir eine Software, damit ich alle Bände in einer Datenbank katalogisieren kann. Aber wenn ich das nächste Mal unten bin, suche ich dir ein paar heraus, okay?“ Er lachte leise. „Solche, die noch nicht ganz auseinander gefallen sind oder es tun, sobald man sie schräg ansieht.“

„Gute Idee.“ Der Arzt zwinkerte ihm zu. „Vielleicht finde ich ja in einem davon ein geheimes Heilmittel für irgendeine Krankheit und werde weltberühmt. Erinnere mich daran, deinen Beitrag in meiner Dankesrede zu erwähnen, wenn ich den Nobelpreis erhalte.“

„Ich schreibe es in mein Tagebuch. Betrachte es als kleines Dankeschön für meine neuen Schuhe.“ Ianto plumpste unsanft in die Kissen, als Jack sich unter ihm hervor wand und aufstand. „Hey. Wo willst du hin?“

Jack streckte sich und gähnte. „Ich finde das hier langweilig, ich gehe schlafen.“ Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans und schlenderte in Richtung des Durchgangs, der nach unten führte.

Caden stand ebenfalls auf. „Ich muss ohnehin wieder nach meinen Updates sehen.“ Er verschwand in Richtung seines Arbeitsplatzes.

„Was habe ich gesagt?“, fragte Adam verwundert. „Jack ist nicht eifersüchtig, oder?“

„Nein.“ Kopfschüttelnd stand Ianto auf und nahm seine Papierserviette ab. Er begann den Müll einzusammeln und warf die leeren Dosen und benutzten Servietten in den Papierkorb unter dem Tisch. „Jack ist nur Jack“, sagte er, die übriggebliebenen Pizzastücke in eine Schachtel legend. Er schloss den Deckel und stellte die beiden noch ungeöffneten Getränkedosen darauf. Dann stapelte er alles mit den nun leeren Pizzakartons. „Er benimmt sich wie ein Dreijähriger, der sein Lieblingsspielzeug mit einem anderen Kind teilen soll – auch wenn er gerade selbst gar nicht damit spielt.“

Der Arzt lachte. „Klingt nach einer akkuraten Beschreibung von Jack. Gehst du jetzt und beruhigst ihn?“

„Zuerst stelle ich den Rest der Pizza in den Kühlschrank und werfe die Kartons in den Müll, wenn das Zeug die ganze Nacht rumsteht, zieht es nur Ungeziefer an.“ Ianto hob eine Augenbraue. „Jetzt komme ich mir wie die Hausmutter in einem Internat vor“, setzte er trocken hinzu.

„Du sorgst gut für uns, Ianto.“ Sanfter Spott schwang in Hills Stimme mit. Er nahm wieder seinen Notizblock zur Hand, ließ ihn dann aber zusammen mit der Fachzeitschrift sinken. „Darf ich dich noch etwas fragen?“

Ianto fegte die restlichen Krümel zusammen und sah ihn an. „Ja, natürlich.“

„Als du damals London verlassen hast, um mit dem Doctor zu gehen, war das wegen Jack? Weil du dich in ihn verliebt hattest?“

Überraschung zeigte sich auf den Gesichtszügen des jungen Walisers. „Nein, ich… ich kannte ihn ja nur ein paar Stunden und er hat mich behandelt, als wäre ich ein streunender Hund, der ihm zugelaufen ist.“ Leichte Röte stieg in seine Wangen. „Vielleicht“, korrigierte er sich selbst. „Ich weiß es nicht, ich war ja noch nie zuvor in einen Mann verliebt gewesen. Aber dieser ganze Nachmittag… das war wie ein einziger fantastischer Traum. Nichts kann dich darauf vorbereiten, einem neunhundert Jahre alten Alien zu begegnen; oder seiner lebendigen Zeitmaschine, die in deinem Kopf mit dir spricht. Rose hat mich zurück auf den Boden geholt, wenn ich dachte, ich wäre durch das Kaninchenloch gefallen. Sie hat das alles selbst erlebt, sie war ja damals auch noch nicht sehr lange der Companion des Doctors. Ich vermisse sie oft.“ Die Pizzakartons noch immer in den Händen, setzte sich Ianto auf die Tischkante. „Alles, was ich bis dahin kannte und wusste, wurde durcheinander gewirbelt und auf den Kopf gestellt. Leben auf anderen Planeten. Zeitreisen. Alien. Wenn ich Talent zum Schreiben hätte, würde ich Science-Fiction-Romane schreiben und mir eine goldene Nase verdienen.“ Er lächelte schief. „Natürlich nur, wenn ich nicht hier wäre.“

„Natürlich“, erwiderte Adam. „Wenn ich dich vorhin richtig verstanden habe, dann hat dir der Doctor angeboten, in dein altes Leben zurück zu kehren?“

„Ja.“ Ianto nickte. „Es war kurz nachdem wir… in eine brenzlige Situation… gekommen sind. Wir hatten alle Blessuren davon getragen. Der Doctor eine Platzwunde an der Stirn, Rose einen verstauchten Knöchel. Ich war an der Schulter verletzt. Jack hatte es am schlimmsten erwischt, da war eine tiefe Schnittwunde an seinem Bein. Er hat eine Narbe davon behalten. Die TARDIS hat uns natürlich alle versorgt, nichts davon war wirklich gefährlich, aber ich war total schockiert. Bis zu diesem Zeitpunkt war alles Abenteuer und Spaß und Spiel gewesen; plötzlich war es todernst. Wir hätten auf einem Planeten, irgendwann, irgendwo, sterben können und niemand hätte je erfahren, was mit mir geschehen ist. Ich habe mich gefragt, was meine Schwester über mich dachte, ob sie überhaupt noch manchmal an mich dachte oder ob sie mich längst abgeschrieben hat. Ich konnte unser Zimmer nicht mehr verlassen. Anfangs waren es zwei Zimmer“, setzte er hinzu. „Eines für Jack und eines für mich. Als wir uns… näher gekommen sind… hat die TARDIS aus den beiden Räumen einen gemacht.“ Ianto lächelte bei der Erinnerung. „Sie ist eine Kupplerin. Sogar ein romantisches Picknick hat sie für uns organisiert. Nur für uns beide.“

„Du redest von diesem… Raumschiff?… des Doctors als wäre es eine Person“, sagte Adam Hill nachdenklich.

„Sie ist eine Person, es ist eine lebende Maschine, Adam. Ich kann es nicht erklären, wie das funktioniert, der Doctor hat uns das nie erklärt. Aber sie hat sich damals um mich gekümmert. Sie hat den Doctor in unser Zimmer gelotst und er hat mir angeboten, mich zurück nach London zu bringen. Es wäre so gewesen, als hätte ich nur einen kurzen Urlaub gemacht. Aber wie geht man nach so einer Erfahrung wieder in den Alltag zurück? Ich liebte die Arbeit mit den Büchern und ich mochte und respektierte Verdan. Aber was ich gesehen hatte… London, selbst die ganze Erde war nicht mehr genug. Ich konnte nicht einfach zurück gehen und all das vergessen.“

„Was hat Jack dazu gesagt?“, erkundigte sich der Arzt, gespannt nach vorne gebeugt. „Hat er versucht, dich dazu zu überreden zu bleiben?“

„Nein, er hat nicht versucht, meine Entscheidung zu beeinflussen. Der Doctor und die TARDIS hätten das gar nicht zugelassen. Die Entscheidung war am Ende nicht so schwer, als ich wirklich ehrlich zu mir war.“ Ianto stand auf. „Ich glaube nicht, dass ich jemals ernsthaft daran gedacht habe, die TARDIS zu verlassen, bevor… das mit uns passiert ist, was uns so verändert hat. Danach war alles anders. Der Doctor konnte uns nicht mehr ansehen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und dann sind wir hier gelandet. Zuhause. Zumindest für mich. Aber ich passe nicht mehr wirklich hierher. Ich bin anders geworden.“ Ianto lachte verlegen. „Ich stehe hier herum und rede von der Vergangenheit, wie ein alter Mann. Lass dich nicht weiter von mir von deiner Lektüre abhalten. Ich räume das hier weg und gehe dann ins Bett. Gute Nacht, Adam.“

„Gute Nacht, Ianto.“ Der Arzt sah ihm einen Moment lang hinterher, dann begann er sich Notizen zu machen. Nichts von dem, was der junge Waliser gesagt hatte, war für Torchwood neu oder relevant, aber er hielt es für seine privaten Aufzeichnungen fest.


###


Ianto stolperte fast über Jack, der auf der untersten Stufe saß, als er die Treppe hinunter ging, die ein Level tiefer führte. „Hey. Was machst du hier?“ Er hatte angenommen, dass der andere Mann in ihr Zimmer gegangen war, aber offensichtlich hatte Jack hier auf ihn gewartet.

„Bist du müde?“, antwortete Jack mit einer Gegenfrage.

„Nicht sehr.“ Ianto streckte die Hand aus und Jack nahm sie, ließ sich auf die Beine ziehen. „Wieso? Was hast du vor?“

„Ich dachte wir könnten ein wenig trainieren“, entgegnete sein Partner und zog einen Schlüssel aus der Tasche. „Du wolltest doch lernen. Der hier ist für den Trainingsraum.“

„Eher ungern mit einem Bauch voll fettiger Pizza.“ Ianto runzelte die Stirn und griff nach dem Schlüssel, den Jack jedoch spielerisch weg zog. „Sag mir, dass du den nicht geklaut hast.“

„Alex hat ihn mir persönlich gegeben. Willst du ihn vorher fragen?“ Jack ließ den Schlüssel vor Iantos Nase baumeln.

„Okay, ich glaube dir.“ Ianto hob beide Hände, die Handflächen nach außen gedreht. Er folgte Jack in einen der anderen Korridore, ein paar Abzweigungen, tiefer in das Labyrinth der Räume, die sich hier unter der Erde erstreckten.

Sie waren schon ein paar Mal in der Kammer gewesen, die sich Trainingsraum nannte. Er wurde nicht so oft benutzt, wie man vielleicht denken mochte, in einer Einrichtung, in der körperliche Fitness nicht nur wichtig, sondern sogar lebenswichtig sein konnte.

Möglicherweise lag das an der kümmerlichen Ausstattung. Ianto hatte mal für ein paar Wochen in einem Fitnessstudio gearbeitet – genauer gesagt, er hatte dort nachts geputzt, um sich ein paar Pfund dazu zu verdienen. Verdan hatte ihm damals nicht mal mehr das Taschengeld bezahlen können, dass er ihm sonst gab, er stand kurz davor, den Laden schließen zu müssen. Es war nicht gerade das modernste gewesen, aber so hatte Ianto immerhin eine Ahnung davon, wie ein Fitnessraum aussehen konnte.

Ein paar Matten, wie die an die sich Ianto aus dem Sportunterricht in der Schule erinnerte, lagen in einer Ecke gestapelt. Ein schlaff aussehender Boxsack – übersät mit Flicken – baumelte an einer Kette von der Decke. Es gab eine lebensgroße Puppe, auf die irgendwann mit inzwischen verblasstem schwarzem Filzstift grobe Gesichtszüge – und nicht sehr lebensechte Genitalien – gezeichnet worden waren. Vermutlich war sie dazu gedacht, Selbstverteidigung zu üben. Daneben fanden sich ein paar unterschiedliche Hantelsets und eine antike Ruderbank, die still und leise vor sich hin rostete und eher an eine mittelalterliche Do-it-Yourself-Streckbank erinnerte. Der Geruch nach ungewaschenen Socken und altem Schweiß hingegen war sehr typisch…

Jack knipste das Licht an, eine summende Neonröhre und begann Matten in die freie Mitte des Raumes zu ziehen. Er hustete übertrieben, als eine mittlere Staubwolke aufstieg.

„Vielleicht fangen wir mit einem Besen und einem Staubwedel an?“, schlug Ianto sarkastisch vor.

„Du bist der Kopf-Typ, du benutzt normalerweise deinen Kopf, nicht deine Fäuste.“ Jack lachte. „Wie man gerade hört.“ Er winkte ihm, näher zu kommen.

Ianto blieb, wo er war. Jacks Trainingsmethoden waren handgreiflich, wie er bereits von anderen Gelegenheiten wusste.

„Okay, Lektion eins…“ Jack tat so, als überlege er. „Wenn du dich ohne Waffen gegen jemand verteidigen musst, der den Fehler macht, dicht vor dir zu stehen, dann ist es am einfachsten, ihn simpel mit der Faust auf die Nase zu schlagen. Das tut höllisch weh und eine blutende Nase lenkt lange genug ab, dass du dich verziehen kannst. Ein Klassiker ist auch, die Augen mit den Fingern zu treffen, aber das kostet Überwindung und kann dich dazu bringen, zu lange zu zögern. Wenn dich jemand festhält, ist ein kräftiger Tritt auf einen Fuß oder ein Knie zwischen die Beine ebenfalls eine Möglichkeit, sich Bewegungsspielraum zu verschaffen.“

„Nicht ganz so wie sie es in Filmen machen“, entgegnete Ianto trocken, die Arme vor der Brust verschränkend. Er machte zwei Schritte auf den anderen Mann zu.

„In einem Film kämpft man nach einem festgelegten Plan - du kannst das sehen. In echt wird dein Gegner nicht warten, bis du in der perfekten Position für den nächsten Schlag bist oder vorbereitet oder...“ Jacks Zähne schlugen schmerzhaft aufeinander, als Iantos Faust sein Kinn traf.

„So in etwa?“, fragte Ianto unschuldig.

Jack betastete vorsichtig die untere Hälfte seines Gesichts und spuckte Blut aus, das von der Zunge stammte, auf die er sich gebissen hatte. Dann blickte er Ianto mit einem Strahlen an. "Exakt so", erwiderte er stolz. "Brillant. Du bist offenbar ein Naturtalent." Der winzige Riss in seiner Unterlippe schloss sich schon wieder und er wischte mit dem Ärmel darüber.

„Ich höre einfach gut zu.“ Ianto pustete sich auf die schmerzenden Fingerknöchel. Jacks Kinn war härter als es aussah.

„Nicht gut genug.“ Jack hakte den Fuß um Iantos rechten Knöchel und sehr abrupt fand sich der junge Waliser auf der staubigen Matte wieder. „Du hast den Teil überhört, dass man nie zu dicht vor jemand stehen darf.“ Er setzte sich über Iantos Beine und hielt seine Arme fest.

Nicht, dass Ianto große Gegenwehr aufbrachte. „Und was soll ich jetzt lernen?“, fragte er spottend.

„Ich glaube das reicht für die erste Stunde.“ Jack küsste ihn auf die Nase. „Ich will nicht, dass du dich überanstrengst. Und wo wir schon mal hier liegen…“

„Ich wusste, du würdest das sagen.“ Ianto löste sich aus seinem Griff und zog Jack zu sich herunter, begann die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen.

Die schäbige, heruntergekommene Umgebung war bald vergessen, als die beiden sich ineinander verloren.



Ende (tbc in Teil 2)

 

Titel: Breathe in. Breathe out. Pull the Trigger (2)
Autor: Lady Charena (August 2013)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 5349
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Alex Hopkins, OCs: Dr. Adam Hill, andere erwähnt
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, ab 12, slash, humor
Beta: T’Len

Summe: Jack langweilt sich und stellt allerlei Unfug an.
Ianto macht einen weiteren Ausflug nach oben - er geht mit Doktor Hill einkaufen – und erfährt von einem Geheimnis.


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.8: Breathe in.
Breathe out. Pull the Trigger (2)


„Whoa, langsamer. Hey, das tut echt weh, weißt du das? Nicht so fest, Ianto. Woher willst du wissen, dass das wieder nachwächst, wenn du es abreißt?"

Jacks Zetern hallte den Korridor entlang und Alex machte auf dem Absatz kehrt, von einer unguten Ahnung erfüllt. Kein Tag an dem Harkness nicht aus der Reihe tanzen musste. In einer Sekunde benahm er sich wie ein Dreijähriger im Zuckerrausch, im nächsten war er so etwas wie ein futuristischer Elitesoldat, dann wieder flirtete er mit allem, was nicht auf die Bäume flüchtete – Casanova hätte nach einer Begegnung mit ihm das Handtuch geworfen und wäre in einen Mönchsorden eingetreten…

„Ianto, wirklich. Das ist kein Spaß mehr. Gleich ist es ab.“ Nun klang Jack wie ein kleiner Junge, der weiß, dass eine Bestrafung unausweichlich ist und es daher nicht mehr für nötig hält, sich an die Wahrheit zu klammern. „Dann wird dir das garantiert furchtbar leidtun.“

Alex bog um die Ecke und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sah, was Jack so zum Jammern brachte - sein junger, üblicherweise zurückhaltender und ruhiger Liebhaber hatte das rechte Ohr des anderen Mannes fest im Griff. „Gibt es hier irgendein Problem, Jungs?“, fragte er amüsiert.

Jack wandte ruckartig den Kopf. Schlechte Idee. "Au, au, au. Hilf mir, Alex. Sag ihm er soll mein Ohr los lassen. Es sitzt schon ganz locker, ich kann das spüren."

„Ianto? Was hat Mister Potatohead jetzt schon wieder angestellt?“

Der junge Waliser verstand den Hinweis auf das auseinandernehmbare Kinderspielzeug mit den großen Ohren, ganz im Gegenzug zu Jack, der nun beleidigt darüber nörgelte, dass er ja wohl nun absolut keine Ähnlichkeit mit einer Kartoffel aufwies. Ianto ließ Jacks Ohr los und schüttelte seine verkrampften Finger.

„Er lässt mich nicht in Ruhe arbeiten.“ Ianto sah den Leiter von Torchwood Drei hoffnungsvoll an. „Oh, bitte, sag mir dass ihr einen Alarm habt und du hier bist, um ihn mitzunehmen?“

„Tut mir leid, es ist immer noch alles still. Sogar die Weevil bleiben bei dem Wetter in ihren Nestern.“

Jack hielt sich sein Ohr, die Hand fest an die Seite seines Gesichts gepresst, als befürchte er tatsächlich, dass es abfallen könne. „Hallo? Könnte sich mal jemand für mich interessieren? Ich bin verletzt.“

Mitleidslos begutachtete Alex Jacks Ohr. „Sieht für mich so aus als wäre alles in Ordnung damit. Du bist doch sonst nicht so wehleidig.“

„Mir ist langweilig“, stürzte sich Jack in seine nächste Klage. „Ich darf nicht mehr ins Archiv. Ich darf nicht mehr in die Garage. Aus der ich übrigens absolut nichts gestohlen habe. Ich darf nicht mehr ins Lager. Und das obwohl das Feuer vorgestern sowieso ein Unfall gewesen ist und mir keiner nachweisen kann, dass ich Franks antike Ausgaben von Nuts dazu verwendet habe, um Käse-Sandwiches zu grillen.“ (Er hatte in einem Buch etwas über Lagerfeuer gelesen...) „Wer verwendet noch Papier und die Brüste da drin sind nicht mal in 3D, im Grunde habe ich ihm also sogar einen Gefallen... au aua au au."

Dieses Mal griff Ianto nach Jacks anderem Ohr. Und da er von hinten kam, sah Jack ihn nicht schnell genug, um ihm auszuweichen.

„Das mit dem Feuer habe ich jetzt nicht gehört. Tut mir leid, Ianto, ich weiß, ich bestrafe dich - unverdienterweise - mit, aber Jack ist weiterhin vom Team ausgeschlossen.“ Alex hob beide Hände, die Handflächen nach außen und machte sich auf den Weg in sein Büro. „Seid brav, Jungs.“

„Wenn du dich wie ein ungezogener Bengel benimmst, werde ich dich auch so behandeln, klar?“ In Iantos Stimme schwang eine Mischung aus Resignation, Ärger – und widerwilligem Amüsement. Es war schwer, Jack böse zu bleiben. Er benahm sich exakt wie ein gelangweiltes Kind an einem trüben Regentag, nur dass seine Einfälle weitaus kreativer waren. Und sich dieser Regentag schon über fünf Tage hinzog.

Zuerst hatte Jack es mit Sex als Beschäftigungsmethode versucht. Mit und ohne Iantos Beteiligung, bis der junge Waliser kategorisch erklärte, ja, es gäbe ein eindeutiges Zuviel von Allem, auch Sex – und zu seinen Büchern flüchtete. Nach einer kurzen Periode öffentlichen Schmollens (und Cadens spöttischer Frage, ob er Jack vielleicht eine dieser aufblasbaren Puppen besorgen solle, gefolgt von Adam Hills Vorschlag, es mit Betäubungspfeilen zu versuchen) begann Jack durch die tieferen Level des Hubs zu stromern.

Was letztlich zu seinem Bann aus den Lagerräumen, der Garage und den Teilen des Archives führte, zu denen er bisher Zugang hatte, um Artefakte zu untersuchen und zu rekonstruieren. Alex sperrte einfach das Signal seines Chiparmbands im Sicherheitssignal und schon öffneten sich Türen nicht mehr für Jack. Zumindest die zu den „sensiblen“ Bereichen, wie den Zellen, der Waffenkammer, oder Teilen des Archives, in dem Artefakte gelagert wurden, die gefährlich waren oder den Zeitablauf verändern konnten. Letzteres fand Jack besonders kränkend – wer, wenn nicht er als ehemaliger Time-Agent war besser geeignet, damit umzugehen. Alex ließ sich dadurch jedoch nicht erweichen. Auch nicht von dem „mysteriösen“ Feuer in einem Papierkorb und schon gar nicht von der darauf folgenden Flut in der Gemeinschaftsdusche, als Jack versuchte, den Regler für die Dauer der Heißwasserzufuhr so zu manipulieren, dass man ohne Begrenzung duschen konnte. (Insgeheim bedauerte Ianto, dass es ihm nicht gelungen war, denn die winzige Dusche in ihrem Quartier hing am selben System und das heiße Wasser ging rasch zur Neige, vor allem wenn sie beide zur gleichen Zeit… duschten… Das System war aber auf eine unabhängige Wasserversorgung für den Hub ausgelegt und funktionierte mit durch nicht-irdische Technik aufbereitetem Wasser aus der Bucht. Das beschränkte die Menge, die zur Verfügung stand, erheblich.)

Ein paar der eher konventionellen Schlösser konnte er zwar knacken, aber sie führten in der Regel in Räume, in denen sich nichts Interessantes fand. Zumindest nichts, dass Jack reizte, es alleine zu erkunden. Und ein großer Teil stand ohnehin leer und diente nur noch Spinnen und anderen Insekten als Heim.

So driftete er schließlich wieder zurück in die belebten Teile des Hubs und dorthin, wo Ianto konzentriert in alten Unterlagen und Zeitungen blätterte, die er in einem zerfallenden Karton hinter einer Bücherreihe gefunden hatte. Er versuchte den anderen Mann so lange zu einem Quickie zu überreden, bis Ianto entnervt Jacks Ohr packte und das war als Alex ihnen über den Weg lief.

Kaum war der Leiter von Torchwood Drei wieder um die Ecke des Korridors verschwunden, fischte Jack einen Schraubendreher aus der hinteren Hosentasche seiner Jeans. „Ich habe ein Geschenk für dich“, verkündete er, das Werkzeug zwischen den Fingern drehend.

„Jack!“, zischte der junge Waliser aufgebracht. „Du hast gerade behauptet, du hast nichts gestohlen.“

„Ich habe ihn mir auch nur ausgeliehen. Versprochen. Sobald ich ihn nicht mehr brauche, lege ich ihn zurück in den Werkzeugkasten.“ Jack ging dazu über, mit dem Schraubendreher zu jonglieren, bis Ianto sich diesen schnappte. Dabei geriet er aber zu dicht an Jack und der andere Mann schnappte sich ihn, zog ihn an sich, beide Arme um Iantos Taille schlingend.

„Soll ich meine neuerworbenen Selbstverteidigungskünste an dir ausprobieren?“, fragte Ianto – nur teilweise im Scherz. Auf keinen Fall hatten sie schon wieder Sex… zumindest nicht in den nächsten paar Minuten… und schon gar nicht an einem Ort, an dem jederzeit irgendjemand vorbei kommen konnte. Es war kein generelles Nein. Hey, er war ein gesunder Dreiundzwanzigjähriger, in einem unterirdischen Geheimlabor eingesperrt, ohne wirkliche Hobbys und nicht aus Stein gemacht.

Jack grinste, lockerte aber den Griff nicht. „Tu, was du nicht lassen kannst.“

Ianto klopfte mit dem stumpfen Ende des Werkzeugs gegen Jacks Brustbein. „Was willst du eigentlich mit dem Ding? Unter die Heimwerker gehen?“

„Nein. Viel besser.“ Jack küsste ihn auf die Nase. „Ich werde endlich unsere Betten vom Boden losschrauben, damit wir sie zu einem Doppelbett zusammenschieben können. Wie soll ich schlafen, wenn du einen Meter von mir entfernt mit den Zähnen klapperst.“ Dafür klopfte Ianto nachdrücklicher mit dem Griff des Schraubendrehers gegen seinen Brustkorb. Autsch. Gut, dass er keine blauen Flecken bekam. „Da halte ich dich doch lieber gleich selbst warm.“

„Etwa damit?“, fragte Ianto skeptisch. „Das Ding ist nutzlos. Der bricht schon, wenn du mit ihm auch nur in die Richtung einer dieser Schrauben zeigst.“ Die Schrauben sahen nicht nur so aus, als säßen sie schon seit hundert Jahren im Boden - sie wirkten auch, als wären sie vom Bau der Titanic übriggeblieben. Was er damit meinte, sie waren massiv. Um sie zu entfernen dachte er eher an einen Schlagbohrer oder ähnliches.

Jack zuckte mit den Schultern. „Der Doctor braucht auch nicht mehr als einen Schraubendreher.“

„Ja, aber seiner hat ein paar Tricks drauf.“ Ianto zögerte. „Wenn ich Alex um Erlaubnis - und um richtiges Werkzeug - bitte, lässt du mich dann jetzt in Ruhe weiterarbeiten?“

„Versprochen!“ Jack holte sich den Schraubendreher zurück – sicher ist sicher. „Unter einer Bedingung“, fuhr er dann fort. „Verdiene ich etwa nicht eine Belohnung für meine geniale Idee?“

Ianto seufzte und beugte sich vor, um Jack zu küssen. Na gut, fünf Minuten konnte er entbehren und alles blieb strikt oberhalb der Gürtellinie, nur damit das klar war…


###


Alex hatte nichts dagegen – und wenn es Jack für eine Weile beschäftigte und davon abhielt, weiterhin allen auf die Nerven zu gehen, umso besser. Ihn beschäftigten gerade andere Dinge. Den jungen Waliser - der geduldig vor seinem Schreibtisch wartete – musternd, beschloss er die Neuigkeiten aus London für sich zu behalten. Zumal er sicher war, dass sich nichts daraus ergeben würde.

Irgendwie hatte UNIT erfahren, dass sich zwei angebliche Companion des Doctors in Torchwoods… nun ja, Obhut… befanden. Sie wollten mit Jack und Ianto sprechen – so formulierten sie es zumindest. Vermutlich hatten sie auch ein paar nette, kleine Tests vorbereitet. Er hatte über die Jahre genug mit ihnen zu tun gehabt, um zu wissen: UNIT unterschied sich da nicht so sehr von Torchwood. Yvonne Hartmann arbeitete hart daran, sie hin zu halten und abzuwimmeln, denn sie hatte natürlich nicht die geringste Absicht, ihren „Fund“ mit UNIT zu teilen. Die Direktorin hatte ihn lediglich darüber informiert, für den Fall, dass jemand direkt in Cardiff herumschnüffeln sollte.

Sie hatte auch vorgeschlagen, dass er die beiden vorsorglich in eine Zelle stecken solle. Zumindest fasste Alex es als Vorschlag und nicht als Befehl auf.

Er hatte ihr versichert, dass das nicht notwendig war. Trotzdem nahm er die gegenwärtige Flaute und den Regen als Vorwand, um Jack nicht mit dem Team nach draußen zu lassen. Es war nicht völlig ausgeschlossen, dass UNIT Polizeiberichte abfing und eventuell an irgendeinem Schauplatz eines Riftereignisses auftauchte. Und Jack benahm sich in freier Wildbahn ungefähr so unauffällig wie ein T-Rex auf der Hauptversammlung der Kaninchenzüchter.

Wenn er aber anfing, zu glauben, dass als Touristen verkleidete UNIT-Soldaten auch in Mermaid Quay herumlungerten, um einen Blick auf sein Team zu erhaschen, dann wäre er bald ein Fall für die Klapsmühle. Oder Helen konnte ihm ein Bett in der Einrichtung für Riftopfer auf Flat Holm frisch überziehen.

Eine gewisse gesunde Paranoia mochte in seinem Beruf manchmal angebracht sein, aber zu viel davon und er endete wie sein Vorgänger Jacob Rollins. Wirres Zeug über Vertuschungen und Alien in hohen Regierungspositionen und Verschwörungen brabbelnd, und sich weigernd, den Bunker unterhalb des Büros wieder zu verlassen. Man musste schließlich über die Luftversorgung des abgeschotteten Bunkers Betäubungsgas einleiten und den Deckel mit einem Schweißbrenner öffnen, um ihn da raus zu holen. Rollins bekam Retcon verpasst, und endete mit einer neuen Identität in einem Pflegeheim für Demenzkranke. Ein paar Tage nach seinem sechsunddreißigsten Geburtstag – fast zwei Jahre nach seiner Einlieferung im Heim – fand ihn ein Pfleger tot in seinem Bett. Offensichtlich im Schlaf an Herzversagen gestorben. Er sah doppelt so alt aus wie auf dem Foto seines Führerscheins, der ausgestellt wurde, als Jacob Rollins eben dreißig geworden war.

Alex hatte den Mann nicht persönlich gekannt, war ihm selbst nie begegnet – was er über ihn wusste stammte aus Gerüchten, Gerede und den Aufzeichnungen, die er in seinem persönlichen Safe fand, als er den Posten übernahm. Der offizielle Bericht sparte sehr mit Details, schrieb Rollins geistigen und körperlichen Verfall einem nicht näher bezeichneten Artefakt zu, das längst entfernt und vernichtet worden war…

Er hoffte, er endete nie so. Oder jagte sich rechtzeitig eine Kugel in den Kopf. Das ging schneller.

„Ist alles in Ordnung, Alex?“, fragte eine Stimme und Hopkins schreckte aus der Vergangenheit hoch. Richtig, da war ja Ianto, der immer noch auf eine Antwort wartete.

Er rieb sich übers Gesicht. Himmel, noch war er kein alter Mann, der in seinen Gedanken verloren gehen durfte. Vielleicht sollte er weniger trinken und mehr schlafen.

Als Alex wieder hochsah, lächelte er. „Alles okay, Ianto. Ich war nur einen Moment in Gedanken.“ Er zog eine Schublade auf, kramte darin herum und fand schließlich einen Schlüssel, den er Ianto zuwarf. „Hier.“ Er nickte anerkennend, als der junge Waliser den Schüssel geschickt fing. „Der ist für den grauen Kasten, der links neben dem Eingang zur Garage steht. Da ist richtiges Werkzeug drin. Nehmt euch, was ihr braucht, um die Betten los zu machen.“ Er lächelte. „Keine Ahnung, warum die überhaupt am Boden festgeschraubt sind. Wir sind schließlich nicht auf einem Schiff und Cardiff ist auch nicht gerade für ein Übermaß an Erdbeben bekannt.“

„Vielleicht war es einfach nur…“ Ianto schüttelte den Kopf, ohne den Satz zu beenden. „Ich weiß nicht. Vieles ist hier ein bisschen seltsam. In den Korridoren rund um die Kühlkammern gibt es Lampen, die nie ausgehen. Es gibt keine Schalter dafür, nicht mal sichtbare Stromleitungen. Mitten im Zentrum des Hubs ist ein Gezeitenpool, obwohl unter uns noch mehrere Level an Räumen und Korridoren sind, und kein Wasser.“

„Wenn du herausfindest, wie dieser Laden hier läuft, dann überlasse ich ihn dir und setze mich in Schottland zur Ruhe“, erwiderte Alex lachend. „Ich wollte schon immer angeln lernen. Und wenn das nicht klappt, schreibe ich ein Buch über Whiskey. Die Recherche dafür könnte sich sehr langwierig hinziehen.“

„Ich sehe, du hast Pläne für die Zukunft.“ Ianto schloss die Finger um den Schlüssel. „Eine komische Sache – Pläne, meine ich.“ Er wandte sich zum Gehen. „Ich dachte mal, ich würde den Rest meines Lebens umgeben von Büchern in Verdans Laden verbringen.“ Er zog die Tür hinter sich ins Schloss, bevor Alex eine Antwort darauf fand.


###


„Bist du sicher, dass sich das nicht besser Adam ansehen sollte?“, fragte Ianto, ein Handtuch auf den Riss drückend, der sich quer über Jacks linke Handfläche zog. „Das blutet wirklich stark.“

Jack schüttelte den Kopf. „Es tut schon gar nicht mehr weh“, meinte er, eine Grimasse schneidend. Verdammt, tat das weh. Immerhin war er nur mit einem Schraubenschlüssel abgerutscht und hatte sich an der Blechkante der Befestigung die Hand aufgerissen – und sie nicht gleich amputiert, was nicht schmerzhafter sein konnte.

Ianto verzog ebenfalls das Gesicht, als er vorsichtig das blutige Handtuch anhob, um einen Blick auf die Wunde zu werfen. Der Riss begann tatsächlich, sich zu schließen. Die blassen Ränder schrumpften. Sein Magen machte einen Satz – es war nicht die Wunde an sich, es war das Wissen, dass es im umgekehrten Fall bei ihm auch so passieren würde. Dabei zusehen zu können, wie es heilte… Ianto deckte Jacks Hand wieder zu und legte die freie Hand des anderen Mannes darüber. „Hier, das kannst du selber halten“, meinte er. „Ich hole etwas, um dieses Schlachtfeld aufzuwischen.“

Jack sah auf den Boden zu seinen Füßen. Er hatte schon wesentlich Schlimmeres gesehen, aber Ianto hatte Recht, er hatte eine ziemliche Schweinerei veranstaltet. Die Blutspur zog sich quer durch den Raum, und hier hatte sich eine kleine Pfütze gebildet, bevor Ianto das Handtuch brachte. Wenigstens war es erst bei der letzten Schraube passiert. Er hatte es geschafft! Seine Klamotten waren jetzt zwar reif für den Müll, bedeckt mit uraltem Schmutz und Rost von den festgefressenen Schrauben und nun auch noch mit Blutflecken versehen. Aber dafür waren die Betten frei beweglich.

„Was ist denn hier passiert?“, fragte Adam Hill erstaunt, gerade als Ianto mit zwei weiteren Handtüchern und einem Eimer mit Wasser aus dem Bad zurückkam.  „Jack? Wen hast du dieses Mal auf dem Gewissen? Oder ist Ianto endgültig der Geduldsfaden gerissen?“

„Es war ein Unfall“, erwiderte Ianto hastig, bevor Jack auf den Sarkasmus in der Stimme des anderen Mannes reagieren konnte.

„Das würde ich an deiner Stelle auch sagen. Aber ich bin sicher, es war gerechtfertigt.“ Der Arzt zog das Handtuch von der Wunde weg – die sich inzwischen fast geschlossen hatte – und tastete die Wundränder ab. „Das müsste ich normalerweise nähen.“ Adam wischte mit einer Ecke des Handtuchs das restliche Blut ab. „Und eine Spritze bliebe dir auch nicht erspart, wegen dem ganzen Dreck in der Wunde. Aber… das ist wirklich erstaunlich. Tut es noch weh?“ Er drückte an den Wundrändern herum, die nun zu einer roten, ausgezackten Linie verschmolzen waren.

„Nein.“ Jack schüttelte den Kopf. „Meine Finger kribbeln nur ein bisschen.“

„Das ist normal. Wie es hier aussieht, hast du eine nicht unbedeutende Menge  Blut verloren.“ Adam bewegte Jacks Finger. „Die Haut ist deswegen auch noch ein wenig kühl. Kannst du eine Faust machen?“ Er warf einen Blick auf Ianto, der damit beschäftigt war, Blut aufzuwischen, dann sah er wieder auf Jacks Hand, die der zu einer Faust ballte. „Sieht gut aus. Ich denke du wirst es überleben.“ Der Arzt ließ Jacks Hand wieder los. „So gut wie neu. Erstaunlich.“

Jack schlenkerte mit dem Arm. „Ich gehe das abwaschen“, verkündete er und verschwand ins Bad.

Ianto warf die schmutzigen Handtücher auf einen Haufen und sah hoch. „Wie hast du davon gehört, dass Jack sich verletzt hat?“

„Oh, überhaupt nicht. Deshalb bin ich eigentlich auch nicht hergekommen.“ Adam sah sich im Raum um. „Ist das hier ein schiefgegangenes Heimwerkerprojekt, oder…?“

„Wir machen aus unseren Einzelbetten ein Doppelbett. Mit der Erlaubnis von Alex.“ Ianto stand auf und trocknete sich die Hände ab. „Einer von uns landet immer auf den Boden, sobald der andere versucht, sich umzudrehen.“

„Verstehe.“ Der Arzt deutete auf das herumliegende Werkzeug (Jack hatte einfach alles ausprobiert, bis er etwas fand, das funktionierte). „Dann bist du wohl gerade beschäftigt. Ich muss ein paar Besorgungen machen und dachte, du möchtest mich vielleicht begleiten? Ein zusätzliches Paar Hände ist nicht zu verachten.“ Er lächelte. „Alex meint, es wäre okay. Du sollst es als eine Art Entschädigung sehen.“

„Nein. Ich meine: Ja“, sprudelte es aus dem jungen Waliser. „Nein, ich bin nicht zu beschäftigt. Ja, ich komme gerne mit.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Ich muss nur etwas anderes anziehen, da ist Blut auf meiner Jeans. Jack! Mach das Bad frei!“, rief er über die Schulter.

„Es hat keine solche Eile.“ Adam Hill hob beschwichtigend die Hände. „Komm zu mir in die Krankenstation, wenn du fertig bist und vergiss deine Jacke nicht, es regnet.“ Er ging, gerade als Jack den Kopf aus dem Badezimmer streckte.

„Was ist los?“, fragte Jack neugierig. Er musterte Ianto einmal von oben nach unten und dann von unten nach oben. „Du bist ja immer noch angezogen“, stellte er grinsend fest.

„Halt die Klappe.“ Ianto rollte mit den Augen. „Ich kann mit nach draußen. Adam nimmt mich mit zum Einkaufen.“

Jack kam aus dem kleinen Bad. Er war natürlich immer noch nackt. „Aber ich dachte, wir probieren jetzt gleich unser neues Bett aus.“

„Wenn ich zurück bin.“ Ianto zog das Sweatshirt über den Kopf, es hatte ebenfalls ein paar Blutspritzer abbekommen. „Dir ist klar, dass ich nicht mit dir schlafe, solange es hier so aussieht, oder?“

„Ich wusste, du würdest so etwas in der Art sagen.“ Jack lehnte sich zurück und sah grinsend zu, wie Ianto in Rekordtempo seine Kleidung abschüttelte und ins Bad flitzte, um sich zu waschen und zu kämmen, bevor er frische Sachen anzog. Tatsächlich schwieg er immer noch, als Ianto sich setzte, um in seine orangeblauen Sneakers zu schlüpfen.

„Willst du einen neuen Trend setzen? Nacktputzen? Damit die Hausarbeit mehr Spaß macht?“ Ianto nahm seine Jacke von einem Haken neben der Tür und zog sie über. „Bitte schmeiß deine blutigen Klamotten in die Dusche und lass kaltes Wasser drüber laufen, sonst gehen die Flecken gar nicht mehr raus.“

„Jawohl, Boss.“ Jack legte zwei Finger an die Stirn. „Sonst noch was, das ich für dich tun kann, während du dich mit Doktor Hill amüsierst? Deine Blumen gießen. Deinen Hund gassiführen. Deine Sachen aus der Reinigung holen.“

„Idiot.“ Ianto kam zu ihm zurück und hakte einen Arm um Jacks Nacken. „Versuch dich nicht zu verletzen, während ich weg bin, okay?“ Er küsste ihn. „Und kein Feuer. Keine Überflutungen. Kein Herumspielen mit Cadens Computer. Er hat dir den letzten Virus noch nicht verziehen.“

„Also nichts, was Spaß macht.“ Jacks gespielt mürrisch Miene hellte sich abrupt auf. „Was ist mit…“

„Kein Sex, bis ich zurück bin“, unterbrach ihn Ianto streng. Dann grinste er und sah dabei verboten jung aus. „Wir wollen doch, dass du fit bist, wenn wir das Bett ausprobieren.“ Er wandte sich zum Gehen.

Jack revanchierte sich mit einem Klaps auf Iantos Hintern und sah sich um, nachdem sich die Tür hinter dem anderen Mann geschlossen hatte. Nacktputzen, hm? Könnte was dran sein. Er konnte sich noch ein paar andere Dinge vorstellen, zu die er Ianto überreden wollte. Nackt essen. Nackt arbeiten. Nackt… Verstecken spielen! Aber zuerst musste er einen Weg finden, die Temperatur in ihrem Quartier zu erhöhen, sonst standen seine Chancen schlecht…


###


Ianto nahm die Tragetüte in die andere Hand. „Wieso kaufst du eigentlich diese Sachen nicht auch im Großhandel?“, fragte er beiläufig. „Ich habe die Rechnungen in der Ablage gesehen, als ich dir bei der Inventur geholfen habe. Das wäre billiger und praktischer.“ Er wog die Tüte. „Und ich glaube nicht, dass du eine 500-Stück- Großpackung Pflasterstrips zum Verschließen von Wunden und drei Flaschen Hustensaft für Kinder für deinen Eigenbedarf gekauft hast.“

„Das hast du also gemerkt.“ Adam Hill deutete auf die Tische eines nahen Cafés, die unter einer Markise vor dem Regen geschützt waren. „Wie wäre es mit einer Pause? Ich lade dich zu einem Kaffee und was immer du sonst noch möchtest ein.“

Wortlos folgte ihm Ianto und sie nahmen etwas abseits von den anderen Gästen Platz, so dass niemand ihr Gespräch zufällig belauschen konnte. Es schien unwahrscheinlich. Die beiden Frauen, die am nächsten saßen, sprachen in einer Sprache miteinander, die keiner von ihnen erkannte. In Regencapes verhüllt, trotzten die Touristinnen dem berüchtigten walisischen Wetter stoisch.

Nachdem sie ihre Tüten vor dem Regen geschützt unter  ihrem Tisch verstaut hatten, bestellten sie bei einer sichtlich ungern nach draußen kommenden jungen Frau die größten Becher Kaffee (für Ianto) und Tee (für Hill), die sie anboten. Adam bemerkte den begehrlichen Blick, den Ianto auf einen bunt bebilderten, mehrsprachigen Pappaufsteller in der Mitte des Tisches warf, der Welsh Cakes in allen Variationen anbot. Als ihre in der kühlen Luft dampfenden Getränke gebracht wurden, bestellte er einen großen Teller mit heißen Welsh Cakes, Jam Splits (die mit Konfitüre gefüllte Variante) und Apple Dragons (eine Variante mit geriebenem Apfel im Teig).

Ein paar Minuten lang widmeten sie sich schweigend den süßen Cakes, bevor Ianto sich Zucker aus dem Mundwinkel leckte und die fettigen Finger an einer Papierserviette abwischte. „Das letzte Mal habe ich als Kind Welsh Cakes gegessen.“ Er sah einen Moment lang über Adams Schulter auf das wogende Meer an Regenschirmen und bunten Regencapes – Hausfrauen und Büroangestellte auf dem Weg zum Lunch und noch mehr unerschrockene Touristen, die sich vom Wetter ihren Urlaub nicht verderben lassen wollten.

Adam wischte mit einer Serviette herunter getropfte Himbeerkonfitüre von seinem Ärmel. „Die sind definitiv zu gut, um sie nur an die Touristen zu verfüttern.“ Er nickte auf den Teller. „Du musst unbedingt die mit Apfel probieren. Und keine Sorge, wir können natürlich eine Portion zum Mitnehmen bestellen, bevor wir gehen. Ich will nicht, dass du Ärger mit Jack bekommst.“

Ianto trank einen großen Schluck Kaffee. „Bist du sicher, dass er im Moment auch noch Belohnungen verdient?“ Er nahm einen der Apple Dragon und pickte ihn auseinander. Stimmen, Sprach- und Musikfetzen wehten mit dem leichten Wind in ihre Richtung, eine seitliche Böe blies nebelfeinen Regen in sein Gesicht. Trotzdem genoss er jede einzelne Sekunde. Ianto lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schloss die Augen.

Sie harrten aus, bis der Wind auffrischte und der Regen stärker wurde. Die beiden Touristinnen am Nebentisch rafften ihre Sachen zusammen und flohen auch endlich ins Innere des Cafés. Und Ianto blieb alleine am Tisch sitzen, während Adam die Bestellung zum Mitnehmen aufgab und bezahlte. Er hätte jederzeit ungehindert aufstehen und gehen können – aber wohin? Und ohne Jack? Nein, ebenso gut könnte er an den Stuhl gekettet sein, dachte Ianto bitter. Der Moment der scheinbaren Freiheit, die Leichtigkeit, die er gefühlt hatte, war verflogen.

Ein paar Minuten später kam der Arzt mit einer Papiertüte zurück, auf der sich bereits Fettflecken abzeichneten und sie sammelten ihre Einkäufe ein. Ianto zog sich die Kapuze über den Kopf und die Schultern hoch, als sie auf schnellstem Weg zu Adams Auto liefen.

Während sie sich durch den Verkehr schlängelten, kämmte sich Ianto mit den Fingern die nassen Haarsträhnen aus der Stirn. „So, für wen ist nun eigentlich der Hustensaft?“, fragte er beiläufig, mit dem Fingernagel an einem angetrockneten Schmutzfleck auf dem Handschuhfach kratzend. „Ich weiß, Jack benimmt sich oft wie ein Fünfjähriger…“

Adam schwieg einen Moment. Er warf Ianto einen kurzen Blick zu. „Du und Jack – ihr beide seid nicht die einzigen, die… von Torchwood Drei beherbergt werden. Ich meine nicht die Weevil. Es gibt - und gab schon immer – Gestrandete. Manche hat der Rift entführt, manche sind auf andere Weise hier gelandet. Es würde dich überraschen, wie viele Alien unerkannt unter den Menschen leben. Sehr lange war Torchwood Cardiff eine ziemlich eigenständige Einrichtung, nur dem ursprünglichen Torchwood Institut in Schottland untergeordnet. Aber dann wuchsen die Macht und der Einfluss der Londoner Niederlassung und jetzt hat Direktor Hartmann die komplette Kontrolle über alle Torchwood Zweigstellen. Sie hat angeordnet, dass alles, was lebend ankommt und nicht als Bedrohung eingestuft und getötet werden muss, in einem ihrer Labore landet.“

„So wie Jack und ich“, sagte Ianto leise.

„Ja.“ Der Arzt hielt an einer roten Ampel und warf dem jungen Waliser einen weiteren Blick zu. „Alex und ich betreiben in Cardiff eine Auffangstationen für Riftopfer und friedliche Alien, die aus dem einen oder anderen Grund hier gestrandet sind. Unser Kollege Archie macht das gleiche im Torchwood Institute – jetzt Torchwood Zwei – in Schottland. In seiner Obhut befindet sich auch ein riesiges Archiv, dass bis auf die Gründung des Instituts im späten 18. Jahrhundert zurückgeht.“ Er fuhr weiter, als die Ampel auf Grün sprang. „Unser Budget wird von London genehmigt und kontrolliert. Genau wie du, würde sich da eines Tages ein Buchprüfer fragen, wozu ich Hustensaft für Kinder brauche, schließlich arbeiten nur Erwachsene im Hub. Deshalb kaufe ich manche Dinge nicht über unsere offiziellen Lieferanten, sondern in kleinen Mengen quasi privat.“ Praktisch mit diesen Worten bogen sie in die Seitenstraße ein, in der der Eingang zur unterirdischen Torchwood-Garage lag. Adam betätigte den am Rückspiegel befestigten Toröffner. „Muss ich extra erwähnen, dass dieses Gespräch unter uns bleibt? Das schließt Jack mit ein. Du kannst es ihm nicht erzählen. Alex verfüttert mich an einen Weevil, wenn er dahinterkommt, dass ich dir so viel darüber gesagt habe. Und ich will nicht herausfinden müssen, wie sich Retcon mit euren Regenerationsfähigkeiten verträgt.“

Ianto ließ die Unterlippe zwischen den Zähnen hervor gleiten, ohne es zu bemerken, hatte er sich darauf gebissen, wie die blutleeren Zahnabdrücke zeigten. „Welches Gespräch meinst du?“, sagte er mit einem schiefen Lächeln, als sie in die Garage fuhren.


###


Er half Adam, die Einkäufe in die Krankenstation zu bringen und kehrte dann mit der Papiertüte Welsh Cakes unter dem Arm in ihr Quartier zurück.

Als er den Raum betrat, lag Jack auf ihrem „neuen“ Bett, wieder oder immer noch nackt, die Arme im Nacken verschränkt. Er stützte sich auf die Ellbogen auf. „Nun, was sagst du?“

Der Raum war tatsächlich makellos. Die Schrauben, Blechklammern und Werkzeuge waren verschwunden. Keine Spur von Schmutz oder Blut auf dem Boden.

„Ich bin beeindruckt“, sagte Ianto. Er stellte die Tüte ab, kickte die Schuhe von den Füßen und hing seine Jacke zum Trocknen auf, bevor er vorsichtig auf der Bettkante Platz nahm. Nichts wackelte. Nichts brach zusammen. Wie es aussah, hatte Jack ganze Arbeit geleistet. Naja, da war immer noch eine große „Besucherritze“ in der Mitte, aber die war unvermeidlich. „Wo hast du den Quilt her?“ Er rieb über das verblasste, aber dicke und weiche Material des Quilts, der groß genug war, um das komplette Bett zu bedecken.

„Den habe ich gefunden.“ Jack drehte sich auf die Seite und sah ihn an. „Du glaubst nicht, was hier so alles rumliegt.“

Ianto rollte mit den Augen – aber in liebevoller Art und Weise. „Du bringst uns noch in echte Schwierigkeiten.“

„Meinst du? Was tun sie dann wohl? Werfen sie uns raus?“ Jack brachte das Bett zum Wackeln. „Ich habe unsere Beine zusammengebunden, damit wir nicht auseinander rutschen können.“

„Du redest von den Beinen der Betten, richtig?“ Ianto rollte sich zu ihm hinüber und schlang die Arme um Jacks Nacken, küsste ihn.

„Du bist ja nass“, beschwerte sich Jack lachend.

„Draußen regnet es ja auch.“ Ianto schüttelte den Kopf und ein paar Regentropfen landeten im Gesicht seines Partners. „Oh, ich habe fast vergessen, ich habe dir etwas zu essen mitgebracht.“

Er machte Anstalten, auf zu stehen und das Bett zu verlassen, aber Jack hielt ihn fest. „Läuft es weg, wenn ich es nicht gleich esse?“

„Unwahrscheinlich“, erwiderte Ianto trocken.

„Gut. Wir haben nämlich noch etwas zu testen…“


###


Es war spät in der Nacht, aber Alex Hopkins saß immer noch in seinem Büro, als Ianto ihm einen Stapel Aktenmappen brachte.

Der Leiter der Cardiffer Torchwood-Niederlassung lächelte müde und rieb sich den Nacken. „Danke, Ianto. Leg die dahin. Oder wo immer Platz ist.“ Er deutete auf eine freie Ecke des Schreibtisches. „Was machst du um die Zeit hier? Nicht müde? Ich habe seit Stunden keine neuen Katastrophennachrichten gehört, das bedeutet entweder, dass Jack spontan erwachsen geworden ist – was ich für unwahrscheinlich halte – oder dass er eine andere Beschäftigung gefunden hat…“

Ianto zog den Schlüssel aus der Tasche und legte ihn vor Alex. „Danke für das Werkzeug“, entgegnete er. „Es war sehr hilfreich. Und danke, dass ich mit Doktor Hill nach oben durfte.“

Alex winkte ab. „Ich wünschte, ich könnte mehr tun.“ Er stand auf und trat zum Safe, tippte den Code ein und nahm etwas heraus. Als er an den Schreibtisch zurückkehrte, brachte er Jacks Webley mit. „Ihr könnt morgen auf den Schießstand. Shana kümmert sich um euch. Sie gibt dir Übungsmunition.“

„Ja, sie hat mir das schon gesagt.“ Ianto nahm die Webley entgegen und balancierte die Waffe auf der geöffneten Handfläche. Es war nicht das erste Mal, dass er sie berührte. Aber noch nie zuvor in der Absicht, sie auch zu benutzen. Bisher hatte er das Jack überlassen.

„Es ist etwas anderes, wenn jemand zurück schießt“, sagte Alex leise.

Ianto sah ihn fragend an.

„Du wirst im Training auf Zielscheiben schießen. Es wird dich nicht darauf vorbereiten, wie es ist, tatsächlich auf jemand zu schießen.“ Alex trat zu ihm und sah ihm direkt in die Augen. Er legte die Hand über die Webley. „Du musst wirklich niemand etwas beweisen.“

„Das habe ich auch nicht vor“, entgegnete Ianto. Er drehte die Hand, so dass der Lauf der Waffe auf den Boden zeigte. „Ich mache das einzig und alleine für mich.“ Er nickte und trat von Alex weg, die Bürotür öffnend. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Ianto.“ Alex sah ihm einen Moment hinterher, dann setzte er sich wieder und nahm den nächsten Bericht.

Vielleicht sollte er mit Adam darüber sprechen, ob Iantos neuer Wunsch nach Selbstschutz normal war oder zu einem Problem werden konnte. Der Arzt hatte guten Zugang zu dem jungen Waliser.


tbc

 

Titel: Breathe in. Breathe out. Pull the Trigger (3 von 3)
Autor: Lady Charena (Oktober 2013)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 3900
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, OCs: Shana Lyons
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, ab 18, slash
Beta: T’Len

Summe: Jack gibt Ianto sein erstes Schießtraining – nach der patentierten (und garantiert nicht jugendfreien) Harkness-Methode.


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.8: Breathe in. Breathe out. Pull the Trigger (3)


Take a Breath.
Take it deep.
Calm Yourself.
Take the Gun, and count to three…

(Rhianna, Russian Roulette)



Ianto schüttelte die Pappschachtel, die Agent Lyons ihm in die Hand gedrückt hatte.
Es klirrte leise und etwas rollte lose darin herum. Metall stieß an Metall und an den Karton. Auf der Oberseite der Packung klebte ein Notizzettel mit einem sechsstelligen Code. Das Holster mit der Webley schlug bei jedem Schritt gegen seine Hüfte und er fand ihr Gewicht irritierend und unbequem. Jack meinte, man gewöhne sich daran. Apropos… Er sah Jack an, der neben ihm her ging, die Hände in den Taschen seiner Jeans.

Jacks „Hub-Arrest“ war zwar von Alex aufgehoben worden, aber die Riftflaute dauerte an. Während der Rest des Teams diese Atempause begrüßte, hielt Jack weiterhin die Langeweile fest in ihren Klauen. Um weitere „Unfälle“ zu vermeiden, ließ Alex ihn wieder an einem alten Wrackteil herumbasteln, von dem Jack inzwischen dachte, es könne sich um eine Nachrichtensonde oder Warnboje handeln. Es erstaunte Ianto immer wieder, wie geduldig Jack plötzlich sein konnte, während er stundenlang an verschmorten Kabeln herum werkelte und an geborstenen Computerteilen nach Möglichkeiten suchte, eine Verbindung zum Stromkreis herzustellen.

Manchmal zog Ianto seine Jacke an – es war kalt in dem hohen Raum in dem die merkwürdigsten Metallteile gelagert wurden - klemmte sich ein Buch unter den Arm und machte es sich auf einem Stapel Holzpaletten bequem, über die jemand eine Plastikplane geworfen hatte. Meistens kam er dann nicht lange zum Lesen, bevor Jack unbedingt eine dritte Hand benötigte und ihn zu sich beorderte. Es war keine verschwendete Zeit. Ianto lernte unglaublich viel von ihm.

„Warst du schon einmal hier?“, fragte Jack, als sie vor einer verbeulten, mit Rostflecken übersäten Metalltür stoppten.

„Nein.“ Ianto wischte angewidert mit dem Ärmel ein Spinnennetz von den Tasten des grauen Kästchens, das an der Wand neben der Tür befestigt war. „Wie schaffen es Spinnen von der Oberfläche bloß bis hierher?“, murrte er, während er den Code eintippte, den er von Shana Lyons erhalten hatte.

„Vielleicht leben sie schon seit Generationen in diesen Korridoren.“ Jack öffnete die leicht quietschende Tür und sie traten ins Dunkel. „Vielleicht sind sie außerirdisch und durch den Rift gekommen.“

Starke Lampen an der Decke über ihnen blinkten auf – vermutlich mit einem Bewegungsmelder gekoppelt, denn keiner hatte auf einen Schalter gedrückt – und sie blinzelten mehrere Sekunden lang, bis sich ihre Augen an die plötzlich geänderten Lichtverhältnisse angepasst hatten.

Ianto sah sich um. Sie standen in einem kleinen nahezu viereckigen Raum, der wie eine Plattform in einem U-Bahnhof wirkte. An seinem Ende „klebte“ eine Art Tunnel, ein langgezogener halbbogenförmiger Korridor, der sich weit nach hinten erstreckte. Dieser Bereich war im Gegenzug eher schwach beleuchtet.

Weiße Konturen reihten sich aneinander. Einige der Zielscheiben sahen Weevil ähnlich. Ein paar Menschen. Und die da in der rechten Ecke schien eine Gurke auf vier Beinen darzustellen.

Jack steuerte auf eine Art von Pult zu und zog Ohrenschützer und Schutzbrillen mit gelben Gläsern unter der Ablagefläche hervor. Er wackelte mit den Augenbrauen. „Was hältst du von diesen sexy Dingern?“, fragte er.

„Von jemandem mit Hosenträgern nehme ich keine modischen Ratschläge an“, erwiderte Ianto trocken und stellte den Karton mit der Übungsmunition ab. Er zog die Webley aus dem Holster und legte sie daneben. „Was jetzt?“

Jack reichte ihm ein Paar Ohrschützer und eine der Schutzbrillen, hängte sich selbst Ohrschützer um den Hals und schob die Brille in die Haare. Dann öffnete er den Karton, pickte die losen Patronen auf und kippte die Trommel des Revolvers heraus, um sie damit zu füllen. „Fangen wir mit einem der Ziele an, die nicht so weit entfernt sind. Später können wir sie umkippen und du kannst es mit denen versuchen, die weiter weg sind.“

„Sollte nicht ich das machen?“, fragte Ianto trocken, auf die Patronen in Jacks Hand deutend.

„In einer Minute.“ Jack warf die überzähligen Patronen zurück in die Packung, klickte die Trommel an ihren Platz und entsicherte den Revolver. Er wartete, bis Ianto den Gehörschutz und die Brille aufgesetzt hatte, schob die Brille auf die Nase, hob die Webley und feuerte in rascher Folge sechs Schüsse auf eine weevilförmige Zielscheibe ab. Sechs kleine, schwarze Löcher platzten auf der weißen Oberfläche auf, alle innerhalb des Kreises, der das Zentrum darstellte.

Als das dumpfe Hallen verklungen war, legte Jack die Waffe wieder auf dem Pult ab. „Und?“, fragte er stolz.

Ianto verdrehte hinter den gelben Gläsern die Augen. „Angeber.“ Er nahm die Webley und stellte überrascht fest, wie warm das Metall jetzt war. Er lud die Trommel mit sechs weiteren Patronen (Übungsmunition war mit weniger Pulver gefüllt, und hatte deshalb keine große Durchschlagskraft, und war damit perfekt fürs Training – wenn man allerdings jemand aus kurzer Distanz damit traf, konnte man auch mit ihnen ernsthafte Wunden verursachen oder sogar jemand töten, sie waren kein Spielzeug.), genau wie Jack es gemacht hatte. Er war vielleicht ein wenig langsamer, aber er fummelte nicht ungeschickt daran herum, wie er insgeheim befürchtet hatte.

„Gut.“ Jack nickte. „Lass mich sehen, wie du sie hältst.“

Ianto trat einen Schritt zur Seite, hielt die Webley in beiden Händen und hob sie, bis der Lauf der Waffe eine perfekte Linie mit seinen Augen hinter der Schutzbrille bildete.

Jack stellte sich hinter ihn. Er drehte Iantos Kopf zurück, als der ihn fragend ansah, dann kickte er gegen Iantos Knöchel. „Deine Füße sollten etwa so weit voneinander entfernt sein, wie deine Schultern breit sind. Dadurch verteilt sich dein Gewicht gleichmäßig und du kannst leicht die Balance halten. Die Webley hat einen geringen Rückstoß, aber vielleicht lässt Alex uns auch mal mit größeren Kalibern spielen und dann solltest du das schon automatisch machen.“ Er umfasste Iantos Oberarme und drückte sie nach unten, bis auf Brusthöhe. „Arme gerade ausgestreckt. Gut so. Am Anfang ist es wichtig, die richtige Haltung zu üben. Zumindest auf dem Schießstand.“

Ianto nickte. Eine kleine, steile Falte der Konzentration zeigte sich zwischen seinen Augenbrauen.

„Okay.“ Jack ließ die Arme des anderen Mannes los und stellte sich neben ihn. „Drück einfach ab. Einmal. Und versuch irgendetwas außer mir und dich selbst zu treffen.“

Ianto musste ihn nicht ansehen, um sich das unverschämte Grinsen in seinem Gesicht vorzustellen. Er konzentrierte sich stattdessen auf das leise Rauschen in seinen Ohren, und auf die Webley in seinen Händen, die sich plötzlich viel schwerer anfühlte, als sonst. Er suchte sich die Zielscheibe neben der aus, auf die Jack geschossen hatte, leckte sich einmal über die trockenen Lippen. Dann hielt er unwillkürlich die Luft an und spürte für die Dauer eines Herzschlages ein Zucken in den Oberarmmuskeln, bevor er den Abzug betätigte. Der Rückstoß riss den Lauf ein wenig nach unten, als der Schuss durch den halbdunklen Raum knallte.

Ein säuberliches Loch wurde in die Seite des Pappweevils gestanzt, am äußersten Rand des Ziels, aber immerhin. Ianto wandte sich Jack zu. „Ich habe ETWAS getroffen“, meinte er grinsend.

Jack grinste zurück. „Nicht schlecht. Ich meine, ich hätte gewettet, du triffst beim ersten Mal nur die Wand“, neckte er seinen Partner und legte die Hände auf Iantos Schultern. „Du hast die Muskeln angespannt.“ Er deutete mit dem Kopf auf das Ziel. „Versuch es nochmal. Dieses Mal holst du tief Luft. Und drückst den Abzug direkt nachdem du ausgeatmet hast, ohne den Atem anzuhalten.“

Entschlossen, es jetzt besser zu machen, atmete Ianto tief ein und… verdammt. Ein Muskel in seinem Arm zuckte unkontrolliert und der Schuss ging irgendwo ins Dunkel neben der Zielscheibe. Er ließ die Webley sinken. Vielleicht war das doch keine so gute Idee gewesen… Wenigstens blamierte er sich nicht vor Publikum.

„Du denkst zu viel“, sagte Jack direkt neben seinem Ohr, damit er ihn trotz der Ohrenschützer deutlich verstehen konnte. „Du bist nicht entspannt und verreißt den Lauf weil du jetzt weißt, wie sich der Rückstoß anfühlt. Du versuchst ihn auszugleichen, schon bevor du geschossen hast. Das war das Zucken in deinem Arm, als du den Abzug gedrückt hast.“ Er löste die Waffe aus Iantos Fingern, trat vor ihn, nahm die Haltung ein, die er Ianto beschrieben hatte, zielte und drückte den Abzug. Sein Schuss traf das Ziel genau in der Mitte. „Einfach so.“

Einfach so. Ianto wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und imitierte Jacks Haltung, nachdem ihm der andere Mann die Webley zurückgegeben hatte. Aber wieder spannten sich seine Muskeln Sekundenbruchteile vor dem Schuss an, der Lauf ruckte und wieder verfehlte er die Zielscheibe. Enttäuscht sackten seine Schultern nach unten. Ianto hatte ja nicht erwartet, auf Anhieb ein Meisterschütze zu sein, aber dass er so schlecht sein würde…

Jack glitt hinter ihn und zog ihn an sich, bis sich Iantos Rücken gegen seinen Körper schmiegte. Er passte die Haltung seiner Arme an die des jüngeren Mannes an und umfasste Iantos Finger mit seinen. „Versuch es noch einmal“, sagte er. „Tief einatmen.“

Wieder glitt ein Zucken durch Iantos Oberarme, doch Jacks Finger auf seinen verhinderten, dass der Lauf der Webley nach unten ruckte und dieses Mal traf der Schuss die Zielscheibe – etwa dort, wo die Schulter in den Hals überging.

„Schon gar nicht schlecht.“ Jack belohnte ihn mit einem Kuss auf die Wange und lachte, als ihre Schutzbrillen aneinander stießen. „Am besten versuchst du einfach immer auf die Mitte zu zielen. Das sollte in der Regel einen Gegner aufhalten, oder ihn zumindest so verlangsamen, dass du verschwinden kannst.“ Er stützte das Kinn auf Iantos Schulter. „Wenn du die Chance dazu hast, natürlich. Meistens läuft es aber darauf hinaus, dass du entweder tötest oder getötet wirst.“

„Vielleicht spielt es für uns keine so große Rolle.“ Selbst durch den Gehörschutz konnte Jack die Anspannung in der Stimme des anderen Mannes hören. „Ich meine den Teil, bei dem wir getötet werden.“

„Wir wissen nicht, wie lange es anhält. Ob wir immer so sein werden.“ Jack hielt noch immer Iantos Finger umschlossen und hob seine Hände mit der Webley hoch, bis ihr Lauf wieder auf die Weevil-Zielscheibe gerichtet war. „Versuch es noch einmal und vergiss nicht zu atmen.“ Er stabilisierte Iantos Griff und dieses Mal traf der Schuss die Zielscheibe etwas tiefer, ungefähr dort wo sich bei einem Menschen das Schlüsselbein befand. „Siehst du, dieses Mal war es viel besser. Du hast dich fast gar nicht mehr angespannt. Aber du hast kurz vor dem Abdrücken wieder die Luft angehalten. Weiter. Jetzt ohne mich.“ Jacks Finger umfassten Iantos Handgelenke, statt seine Hände. Die restlichen drei Schüsse aus der Trommel trafen das Ziel, an verschiedenen Stellen, und alle befanden sich im näheren Umfeld des Brustkorbes.

„Sehr gut.“ Jack ließ Ianto los, während der nachlud, dann legte er die Hände auf die Hüften des anderen Mannes. „Mach weiter“, ermunterte er Ianto, als der ihn fragend ansah. „Du musst nur auf zwei Dinge achten. Entspann dich. Und atme.“

Der nächste Schuss ging wieder daneben. Ianto fluchte. „Ich schätze, ich treffe nur, wenn wir Händchen halten“, meinte er mit einiger Bitterkeit.

„Ich habe absolut nichts dagegen, meine Hände auf dir zu haben, egal bei welcher Gelegenheit.“ Jack küsste tröstend die Seite seines Kinns. „Aber du kannst das auch ohne meine Hilfe. Wir haben jede Menge Munition und Zeit, wir üben einfach so lange, bis du es schaffst, deinen Kopf auszuschalten.“

Ianto rollte mit den Augen, hob aber widerspruchslos die Webley  und zielte. Der Schuss riss ein Loch in die Bauchgegend der Zielscheibe.

„Weiter.“ Jack schlang die Arme um Iantos Taille.

Der Geruch nach Schießpulver mischte sich in den Geruch nach Seife und nach Jack und Ianto schmeckte diese Mixtur auf der Zunge, als er den nächsten tiefen Atemzug nahm. Jedes Mal wenn er den Abzug drückte, presste sein Körper instinktiv gegen Jacks, rieb sein Gesäß gegen den Unterkörper des anderen Mannes. Aber anstatt ihn abzulenken, half die vertraute Berührung seiner Konzentration. Es war… wie die Nächte in einem ihrer schmalen Betten, eng aneinander geschmiegt; die Nähe, die ihnen gegenseitig durch die Alpträume und schlechten Erinnerungen half.

Zweimal Nachladen und ein neues Ziel später traf Ianto das erste Mal fast ins Zentrum, dicht neben den etwa handgroßen Kreis, der die Mitte markierte. Er wandte den Kopf und sah Jack triumphierend an. „Meintest du so?“, fragte er mit einem Lächeln.

„Habe ich nicht gesagt, dass du es ohne mich kannst?“ Ihre Schutzbrillen klackten zusammen, als Jack ihn küssen wollte, brachte sie beide zum Kichern wie ein Paar übermütiger Schuljungen, die ein Geheimnis teilten. „Mach weiter.“

Die nächsten Schüsse landeten alle noch näher am Kreis, einer kratzte die Linie an.

Anstatt wieder nach zu laden, ließ Ianto die Waffe sinken. Er nahm den Gehörschutz ab, sah aber direkt geradeaus, als er zu sprechen begann. „Ich weiß, du denkst du musst mich beschützen. Du beschützt mich, seit… seit du mich mit Lynda auf der Spacestation vor den Dalek versteckt hast. Und – ja, ich habe nicht deine Ausbildung und deine Erfahrungen… Aber es war nicht deine Schuld, dass die Dalek das Observatorium zerstört haben, genauso wenig wie deine Schuld war, was danach passiert ist. Ich weiß, dass sich ein Teil von dir immer noch schuldig fühlt, weil du denkst, ich wäre besser dran, wenn wir uns nie begegnet wären. Aber weißt du was? Ich kann nicht sagen, wo ich jetzt wäre, wenn das alles nie passiert wäre, aber es wäre nicht besser, okay? Ich wäre dann nämlich alleine. Das hier…“ Er deutete auf die Zielscheiben. „Hat nichts damit zu tun, dass ich nicht denke, dass du mich beschützen kannst oder es nicht tust, es hat alles damit zu tun, dass es nicht nötig ist. Dass ich selbst auf mich aufpassen kann, und vielleicht auch zur Abwechslung ich einmal dich beschützen kann.“

Jack beugte den Kopf, küsste ihn wortlos auf den Halsansatz.

Ianto lud nach. Inzwischen gingen ihm die Bewegungen geschmeidig von der Hand, und er benötigte nur ein paar Sekunden um die Trommel zu füllen. Er setzte die Ohrenschützer wieder auf. Als er die Webley auf ein neues Ziel richtete, schob Jack die Finger unter die drei Lagen an Stoff, die er gegen die Kälte trug, bis er nackte Haut fand. Seine Fingerspitzen strichen Iantos Flanken entlang. Sein Mund presste gegen die Seite von Iantos Hals und ein Schauder lief durch den jüngeren Mann.

„Erwartest du wirklich, dass ich so treffe?“

„Yup.“ Jack rieb mit der Handfläche über eine von Iantos Brustwarzen und Gänsehaut bildete sich an seinen Unterarmen. „Du musst lernen, auch zu treffen, wenn du abgelenkt wirst.“ Jack spürte mehr, als dass er hörte, wie Ianto tief Luft holte. Allerdings dieses Mal nicht, um sich auf den nächsten Schuss zu konzentrieren.

„Ich wusste, du würdest einen Weg zum Schummeln finden“, murmelte der Waliser.

„Wie nennst du es, wenn du dich bei jedem Schuss so gegen mich presst?“, erwiderte Jack.

Oooookaaay. Vielleicht hatte Jack hier nicht ganz unrecht. Aber er hatte damit angefangen, sich an ihn zu klammern wie ein Krake. Es war nur recht und billig gewesen, dass er sich dafür revanchierte, absichtlich gegen Jacks Schritt zu reiben. Und die zurückpressende Erektion seines Partners verriet, dass er keineswegs erfolglos blieb.

„Betrachte es als die patentierte, kombinierte Jack Harkness Trainings- und Entspannungsmethode.“ Jack biss ihn leicht in die Schulter.

Ianto schnaubte. „So treffe ich niemals“, murrte er.

Jack konnte spüren, dass sich der Herzschlag des anderen Mannes beschleunigte. „Finden wir es heraus. Schieß.“

Der junge Waliser hob die Waffe und schoss eher vage in Richtung einer Zielscheibe. Alle vier Schüsse gingen ins Nichts.

„Ah-ah. So nicht.“ Jack zog die Hand unter Iantos Kleidung hervor und umfasste sein Handgelenk. „Wenn du es nicht ernst nimmst…“ Er presste die Handfläche der anderen Hand gegen den Reißverschluss von Iantos Jeans, hinter dem sich seine Erektion abzeichnete. „…nehme ich das hier auch nicht ernst.“ Er küsste Ianto wieder auf die Seite des Kinns. „Ziel. Nimm das da, das aussieht wie ein Bär mit drei Beinen.“

Ianto wandte den Kopf, biss Jack blitzschnell in die Unterlippe und konzentrierte sich dann auf das Ziel. Er drückte den Abzug und presste mit voller Absicht gegen Jacks Erektion.

Ein schwarzes Loch, kaum zu sehen, weil es direkt auf der Linie des Zentrumkreises saß, zierte die Zielscheibe.

Jack leckte sich über die pochende Unterlippe. „Genau so.“ Er belohnte Ianto mit einem Kuss auf den Mund, als der junge Waliser den Kopf in den Nacken legte. „Mach weiter. Ich mache auch weiter.“

Jedes Mal, wenn Ianto die Webley hob und das Ziel anvisierte, glitten Jacks Finger und Lippen über seine Haut. Und jedes Mal, wenn er den Abzug drückte, presste er zurück gegen die Erektion des älteren Mannes. Wenn er das Ziel verfehlte oder sich keine Mühe mit dem Zielen gab, stoppte Jack alle Berührungen, bis er wieder traf.

Und Iantos Trefferquote verbesserte sich erstaunlicherweise schnell. Nun zentrierten sich fast alle Schüsse um den Mittelkreis auf der Zielscheibe.

Jack hob eine Seite des Ohrschützers an, als Ianto die Trommel leergeschossen hatte. Seine Lippen streiften Iantos Ohrmuschel, als er flüsterte: „Triff die Mitte und ich lass dich kommen.“

Ianto wandte den Kopf, um ihn anzusehen. „Nicht hier. Nicht vor einer Kamera.“

„Siehst du irgendwo eine Kamera? Also ich nicht.“ Jack biss ihn ins Ohrläppchen. „Das hier unten ist eine Sackgasse, da braucht man keine Kameras. Es gibt nur eine Tür rein und raus. Und der Tunnel mit den Figuren endet in einer massiven Wand. Was denkst du, warum Alex uns alleine üben lässt.“

„Das weißt du natürlich alles ganz genau.“ Ianto drehte sich halb zur Seite, um neue Patronen in die Kammern zu laden.

„Es kann nicht schaden, sich auszukennen. Wollen wir jetzt wirklich über Architektur reden, oder weitermachen…“ Jack unterstrich seine Worte, indem er die Handfläche wieder über Iantos Erektion legte.

„Bastard“, murmelte Ianto, zog den Ohrenschützer zurecht – und platzierte drei Schüsse direkt innerhalb des Zentrumkreises.

Hinter ihm stieß Jack einen Jubelschrei aus. Ianto ließ die Hand mit der Webley an die Seite sinken und sah ihn mit einem zufriedenen Grinsen an. „Und?“ Mit der anderen Hand nahm er den Gehörschutz und die Brille ab und legte beides zu der fast leeren Patronenschachtel. Die Webley landete daneben. Sekunden später gesellte sich Jacks Schutzausrüstung dazu und die Finger des älteren Mannes schoben sich in seine Haare. Statt zu antworten, öffnete Jack mit der anderen Hand den Knopf an seiner Jeans und zog den Reißverschluss nach unten.

Ianto ließ den Kopf in den Nacken sinken, drehte ihn zur Seite, küsste Jack. Die Finger des älteren Mannes schoben sich hinter die störenden Stoffschichten, und Ianto stöhnte auf, als kalte Luft auf seine erhitzte Haut traf. Schlossen sich um Iantos Erektion und er hatte das Gefühl alleine von der Berührung kommen zu können. Ianto lachte gegen Jacks Mund – wer hätte gedacht, dass Schießtraining als Vorspiel wirkte…

Jacks Hand bewegte sich schneller, er massierte mit der Fläche des Daumens die Spitze von Iantos Penis und der junge Waliser presste sich zurück, gegen ihn, rieb sein Gesäß gegen Jacks pochende Erektion. Ianto griff nach hinten, packte mit beiden Händen seine Hose. Aus der tunnelähnlichen Kammer echote sein Aufstöhnen zurück, als sich sein Körper anspannte, durchbog und er über Jacks Finger kam.

Jack schlang den Arm um Iantos Taille, zog ihn wieder gegen sich zurück, kleine Küsse auf Iantos Mundwinkel, Wange, seine Nase und sein Kinn platzierend. Bis Iantos Atem zu einem normaleren Rhythmus zurückkehrte und seine geweiteten Pupillen nicht mehr länger das Blau seiner Augen verschluckten. Er wischte seine Finger an Iantos Jeans ab, die jetzt ohnehin eine Runde in der Waschmaschine dringend nötig hatten und presste je einen Kuss auf Iantos Lider.

Schließlich drehte sich Ianto ganz zu ihm um, die Arme lose um Jacks Nacken geschlungen. „Das ist also die patentierte, kombinierte Jack Harkness Trainings- und Entspannungsmethode.“ Er lachte.

„Sie funktioniert, oder?“ Jack grinste. „Ich könnte es zu meinem Hauptberuf machen und ein Vermögen verdienen.“

„Vergiss es.“ Ianto verschloss ihm mit einem Kuss den Mund. „Ich engagiere dich als meinen Privattrainer.“

„Und womit willst du mich bezahlen?“ Jack presste die Stirn gegen Iantos, als die Finger des jüngeren Mannes sich mit dem Knopf und Reißverschluss seiner Jeans beschäftigten…


###


Shana Lyons pfiff leise durch die Zähne und zoomte näher an die beiden, als Ianto Jacks Hose öffnete und vor ihm auf die Knie ging. Hitze stieg in ihre Wangen auf und sie spürte ein Stechen im Unterkörper. Wenn sie es nicht besser wüsste… sie müsste glauben, die beiden zogen eine Show ab. Zumindest Jack war das zuzutrauen. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass Ianto da mitmachen würde… Außerdem wussten die beiden nichts von der Kamera. Sie war hinter der Wandverkleidung versteckt angebracht und schon seit Jahren deaktiviert gewesen.

Sie hatte die Kamera höchstpersönlich eingeschaltet, nur eine halbe Stunde bevor sie Ianto den Code für den Schießstand gab und ihm sagte, sie könnten ihn diesen Abend benutzen. Alex war Shanas Meinung nach ab und zu ein wenig zu vertrauensselig. Außerdem war sie neugierig gewesen, wie sich Jones mit einer Waffe anstellen würde. Dass Jack mit der Webley umgehen konnte, wusste sie von den Schusstests hier auf dem Schießstand und von ihren gemeinsamen Einsätzen im Feld.

Offenbar hatte er „verborgene Talente“ als Lehrer… Shana lehnte sich zurück und genoss die Show.


###


Ianto gähnte, als er aus dem Bad kam und hastig unter die Decke schlüpfte. Trotz des verwaschenen, warmen Flanellpyjamas fror er, als er nach der heißen Dusche in den ungeheizten Raum trat. Die Lampe war aus, aber aus dem Flur fiel Licht durch das Oberlicht herein und er fand den Weg zu ihrem Bett ohne Schwierigkeiten.

Jack schien es wie üblich nicht zu stören, dass es relativ kühl in ihrem Zimmer war, er lag mit nacktem Oberkörper auf dem Bett, nur bis zur Taille zugedeckt, die Arme hinter dem Nacken verschränkt. Er rutschte tiefer, rollte sich auf die Seite, wandte sich ihm zu, als Ianto die Decke über die Schultern hochzog. Seine Hand schlängelte sich hinüber zu Iantos, spielte mit den Fingern des anderen Mannes. „Sooo… wirst du dich jetzt um meinen Job bewerben?“

„Zielscheiben schießen nicht zurück“, erwiderte der junge Waliser nachdenklich.

„Ja?“

„Das hat Alex zu mir gesagt, als er mir die Webley gegeben hat“, erklärte Ianto. „Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich fähig bin, auf jemand zu schießen, selbst wenn ich mich verteidigen muss.“ Er rieb mit den Fingerspitzen Jacks Unterarm entlang. „Was keine Kritik an deinen Lehrmethoden ist“, setzte er hinzu, sein Ton leichter, spielerisch.

„Ich bin sicher, Alex erlaubt uns, weiter zu üben. Zumindest so lange er denkt, du wärst der Vernünftigere von uns.“ Jack rückte näher an ihn.

„Nach der patentierten, kombinierten Jack Harkness Trainings- und Entspannungsmethode?“, fragte Ianto neckend.

„Absolut.“ Jack küsste ihn auf die Nase. „Erstens funktioniert sie. Und zweitens ist sie die einzige, die ich kann.“ Er begann Iantos Pyjamaoberteil aufzuknöpfen. „Wie wäre es jetzt mit noch ein wenig mehr Entspannung?“

Ianto lachte und zog die Decke hoch, bis sie sich wie ein Zelt über sie beide erstreckte.


Ende




And you can see my heart beating
you can see it through my chest
I’m terrified but I’m not leaving
know that I must pass this test

(Rhiannan, Russian Roulette)