Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die



Summe: Jack macht mit dem Team Jagd auf “Space-Bambis” und unangenehmer Besuch taucht im Hub auf.


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The principle’s not hard to grasp.
Trigger here, bullets come out of the end.

—Full Dark House, Christopher Fowler
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Kapitel 2.6: Space-Bambi


Verdammt Harkness!”
Shana Lyons stoppte abrupt und schob ihre Waffe ins Holster zurück, das sie wie Lara Croft an den Oberschenkel geschnallt trug. Sie beugte sich vor und holte tief Luft, gegen das einsetzende Seitenstechen anatmend. Seit einer Viertelstunde hetzten sie hinter diesen Viechern schon her und langsam ging auch ihr die Puste aus, obwohl sie oft Laufen ging und sie nicht gerade von der unsportlichen Sorte war. „Du hast schon wieder danebengeschossen, du lahme Ente! Behauptest du nicht immer, du kannst mit dieser Antiquität umgehen?“

„Das war nicht daneben. Das Ding hat sich im letzten Moment geduckt“, verteidigte sich Jack und stoppte ebenfalls, um Atem zu holen. „Ich dachte wir fangen sie ein und knallen sie nicht einfach ab.“ Terrandenden waren vielleicht schnell. Aber immerhin verfügten sie auch über sechs Beine und waren zum Laufen förmlich gebaut – ähnlich wie Windhunde hatten sie eine aerodynamische Form und wogen so gut wie nichts.

Bevor ihn an diesem grauen, regnerischen Vorsommermorgen ein Alarm aus dem Bett und von Iantos Seite weg holte, hatte er so ein Geschöpft noch nie gesehen. Nicht einmal den Namen kannte er, aber ausnahmsweise fand sich eine sehr genaue Beschreibung in den Torchwood-Datenbanken und sie konnten eine kleine Herde Terrandenden identifizieren. Ein klein wenig ähnelten sie irdischen – aber sehr mageren – Rehen mit sechs Beinen und einem grauweißen Fell. In der Datenbank war vermerkt, dass sie ein zweites Augenpaar an ihrem Hinterteil hatten – was es praktisch unmöglich machte, sich an sie anzuschleichen. Irgendeines der Tiere sah immer in ihre Richtung und warnte den Rest der Herde.

„Und es ist nicht wirklich eine Antiquität, ich habe ihn erst vor einem Jahr oder so gekauft. Oder sagen wir… geborgt. Nicht, dass ich eine Gelegenheit gehabt hätte, sie zurück zu geben. Wir sind etwas überhastet aufgebrochen“, fuhr Jack fort, liebevoll die Webley tätschelnd, bevor er sie in das Gürtelholster zurück steckte. Er stand ein paar Schritte hinter der Torchwood-Agentin und hatte von da aus einen höchst erfreulichen Ausblick auf Shanas Hintern, der heute in hautengen schwarzen Jeans steckte.

„Hör auf meinen Hintern anzuglotzen, Harkness“, warnte ihn Agent Lyons, ohne sich zu ihm umzudrehen. „Er steht nicht zum Verkauf.“

Jack grinste. „Hey, du hast hinten auch Augen? Vielleicht sollte ich nachsehen, ob du irgendwo noch ein paar Beine versteckst wie die Terrandenden.“

„Nicht nötig, dass ich mich dazu umdrehe.“ Shana richtete sich auf und wischte sich mit dem Ärmel ihres Sweatshirts die Stirn ab. „Egal wo du her kommst, du bist auch nur ein Kerl.“

„Und stolz darauf.“ Grinsend schob Jack das Becken vor. „Ich kann es sogar beweisen. Komm nachsehen.“

„Lass stecken“, erwiderte die Agentin trocken. „Ich musste mir genug von dir ansehen, als wir euch noch überwachten. Aber dein Boytoy ist ganz süß. Wenn er erwachsen wird, und genug von dir hat, gib mir Bescheid, okay?“

„Autsch.“ Jack presste beide Hände theatralisch auf die Brust als wäre er angeschossen worden. „Das trifft mich jetzt ganz tief.“

„Spar dir das für deinen Lover“, erwiderte die Agentin nicht unfreundlich und strich eine lose Strähne zurück. Sie drehte sich um. „Die sind weg. Hoffentlich sind die anderen noch an ihnen dran.“

„Warum lassen wir die armen Biester nicht einfach hier rumlaufen?“, schlug Jack vor. „Sie sind harmlos. Fressen nur Grünzeug und davon gibt es doch wohl genug.“

„Wir können keine außerirdische Spezies auf dem Gelände des Radyr Golf Clubs herumlaufen lassen, egal wie harmlos sie ist, nur weil sie zu schnell für dich sind“, erwiderte Shana sarkastisch. „Alex hat so schon Schwierigkeiten genug, den beiden Greenkeepern zu erklären, dass die sechsbeinigen Rehe auf dem Golfplatz nicht wirklich sechs Beine hatten und keine Rehe sind, sondern afrikanische Antilopen, die von einem in der Nähe gastierenden Wanderzirkus entkommen sind.“ Sie zog das Handy vom Gürtel, klappte die Antenne aus und rief ihren Boss an. Ein paar Momente später beendete sie das Gespräch. „Alex sagt, wir sollen uns beeilen. Die Herde ist am südlichen Ende, da können wir sie einkreisen. Offenbar können Golfer ganz schön rabiat werden, wenn sie nicht auf den Platz dürfen.“ Sie orientierte sich kurz mit Hilfe eines Kompasses, den sie an einem Armband wie eine Uhr ums Handgelenk trug und setzte sich in Bewegung. „Wartest du auf eine persönliche Einladung von Alex?“, rief Shana über die Schulter zurück. „Schwing die Hufe, Harkness.“

Jack machte sich widerwillig auf, ihr zu folgen. Wieso hatte er sich nur auf diesen Deal eingelassen. Die gleiche Rennerei wie beim Doctor, aber ohne den Bonus in einer coolen, intelligenten Zeitmaschine wohnen zu können…


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„Hallo, Ianto.“

Die plötzlich und unerwartet hinter ihm erklingende Stimme ließ Ianto für einen Moment erstarren. Sein Herz begann zu rasen. Er zerknitterte unwillkürlich das Plakat mit den neuen Öffnungszeiten des Cardiff Castle, das er gerade aufhängen wollte. Was machte SIE hier? Tief Luft holend rollte Ianto das Plakat auf und legte es auf ein nahes Regal, bevor er sich umdrehte.

Lisa Hallett lehnte gegen die Tür des Touristeninformationsbüros, die Arme lose vor der Brust verschränkt. Sie lächelte, aber ihre Augen musterten ihn kühl. „Ich sehe man lässt dich wirklich aus dem Käfig.“

„Alex… Mister Hopkins denkt, wir sind so nützlicher“, verteidigte Ianto sich und den Leiter von Torchwood Drei. „Wir arbeiten. Unterstützen das Team.“ Er brach abrupt ab, besorgt darüber das er zu viel gesagt hatte.

„Steckt der andere Freak hier auch wo? Er klebt doch sonst an dir wie alter Kaugummi an einer Schuhsohle.“ Sie löste sich von der Tür und trat an Ianto vorbei hinter den Schreibtisch um einen Blick hinter den Perlenvorhang in den Nebenraum zu werfen. Aber da war nur ein winziger Aufenthaltsraum mit einem Waschbecken und einer Toilette hinter einem alten Wandschirm. Ansonsten war der Raum leer und unmöbliert. „Ich bin mir nicht so sicher, ob man unbedingt auf Hopkins Urteilsvermögen vertrauen sollte. Das ist ziemlich leichtsinnig, dich hier alleine zu lassen.“

Ianto verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Kamera da oben hat mich immer im Blick.“ Er deutete mit dem Kinn auf die CCTV-Kamera in der rechten Zimmerecke, die sich eben mit einem leisen Surren neu ausrichtete. Das rote Licht an ihrer Basis blinkte aufgeregt, fast so als hätte sie die Besucherin ebenfalls entdeckt und schlug Alarm. „Und die Tür ist gesichert. Wenn ich versuche, den Raum zu verlassen, aktiviert sich das Sicherheitssystem.“

Agent Hallett wirkte von den Veränderungen im Tourismusbüro nicht sonderlich beeindruckt.

Er hatte einen kompletten Monat gebraucht, um Ordnung zu schaffen. Die Wände und die Decke mussten neu gestrichen werden. Schreibtisch, Theke, Tür und Fensterrahmen hatten Risse und brauchten ebenfalls einen neuen Schutzanstrich. Die Stahlregale für Prospekte und anderes Infomaterial waren trotz der Nähe zur Bucht rostfrei, sie mussten lediglich entstaubt und auf Hochglanz poliert werden. Der Fußboden bestand aus Linoleumfliesen von denen einige sich gewellt hatten und neu verklebt werden mussten, damit niemand darüber stolpern konnte. Und natürlich hatte er geschrubbt und gefegt; Spinnweben entfernt und die Fenster dreimal gewaschen, bevor auch der letzte Rest des Leims davon verschwunden war, mit dem man das Zeitungspapier an den Scheiben befestigt hatte. Die Sonne hatte über die Jahre alles zu einer festen Schicht zusammengebacken.

Alex war ehrlich beeindruckt gewesen und hatte nicht mit Lob für seine Arbeit gegeizt. Er hatte ihm als Belohnung für die ganze Arbeit versprochen, dass er ihn vor der Eröffnung mit zu einer Einkaufstour nahm. Schließlich musste er professionell aussehen und dazu gehörten ein Anzug und ein ordentlicher Haarschnitt.

Ianto rieb nervös die Handflächen gegen die Seitennaht seiner Jeans. Wo blieb Alex? Oder ein anderes Teammitglied. Sie mussten da unten doch inzwischen wissen, dass die Londoner Agentin hier war. Das Büro war noch nicht offiziell geöffnet, sie hatte das Gebäude nur betreten können, indem sie einen Zahlencode in die Alarmanlage eingab. Die Sicherheitsmonitore mussten das registrieren und unten anzeigen. Die konnten doch nicht alle so beschäftigt sein?

Er sackte fast vor Erleichterung in sich zusammen, als mit einem leisen Zischen die Wandverkleidung zur Seite glitt und sah über die Schulter. Adam Hill trat durch den verdeckten Eingang zum Hub.

Die Hand des Arztes streifte beruhigend seinen Rücken, als Adam an ihm vorbei ging.

„Agent Hallett.“ Hill streckte die Hand mit einem unverbindlichen Lächeln aus. „Ich bin Doktor Adam Hill, ich vertrete Alex Hopkins“, stellte er sich förmlich vor, obwohl die Besucherin aus London sehr wohl wusste wer er war. „Willkommen in Cardiff. Niemand hat uns über Ihren Besuch informiert, ansonsten wäre Agent Hopkins hier geblieben um Sie persönlich zu begrüßen. Wir haben eine Situation auf dem Gelände eines Golfclubs, ein paar Meilen von hier entfernt. Harmlos, aber zeitaufwendig“, erklärte er. „Ianto, warum nimmst du nicht schon einmal den Lift nach unten und zauberst eine Tasse deines Kaffees für unseren Gast? Espresso?“ Er nickte dem jungen Waliser zu. „Ich bringe Miss… Agent Hallett auf den neuesten Stand.“

Das ließ sich Ianto nicht zweimal sagen. Ohne einen weiteren Blick in Lisas Richtung trat er durch die noch offen stehende Tür und in den Lift.

„Wir sehen uns, Freak“, klang es hinter ihm her.

Er ließ sich aufatmend gegen die Liftwand sacken und fuhr sich durch die Haare. Sein Herzschlag hatte sich noch nicht beruhigt. Warum war SIE hier? Über Alex‘ Versicherungen - dass London sich zur Zeit nicht für sie interessierte und die Direktorin damit einverstanden war, dass sie mit dem Team arbeiteten – hatte er ihre unsichere Situation für eine Weile verdrängt. Jetzt kehrten die Zweifel zurück. Vielleicht hatte die Direktorin ihre Meinung geändert? Er wünschte Jack wäre hier und würde sich über sein Schwarzsehen lustig machen.

Als der Lift im Hub ankam und die Türen aufglitten, drehte Caden sich neugierig zu ihm um. „Was will das Hauptquartier von uns?“, fragte er.

Ianto zuckte mit den Schultern. „Glaubst du echt, das hat sie MIR verraten?“ Er schlenderte zu Cadens Computerstation und sah auf den Monitor. Auf einer Karte bewegten sich bunte Punkte. „Sind sie immer noch auf dem Golfplatz?“, fragte er, den Computerexperten damit von der überraschenden Besucherin ablenkend.

Caden drehte seinen Stuhl zurück in die richtige Position. „Ja. Es gibt leider nur Kameras in der Nähe des Gebäudes, nicht auf dem Platz selbst, deshalb können wir keinen Blick auf sie werfen.“ Er lachte leise. „Aber ich habe ein paar interessante Flüche aufgeschnappt. Offenbar sind diese Tetra… Terstra…“

Terrandenden“, warf Ianto ein. Er hatte auf dem Weg ins Büro Caden über die Schulter gesehen, als der Computerexperte die Ergebnisse der Datenbanksuche ans Team weiter gab.

„Genau die“, bestätigte Caden. „Hey, denk dir doch einen besseren Namen dafür aus, du kannst das so gut. Auf jeden Fall, die sind wahnsinnig schnell. Ich hab Alex gerade gefragt, ob das daran liegt, dass sie sechs Beine haben. Stell dir vor, Menschen hätten vier oder mehr Beine, wie dann wohl der Sprintrekord…“

„Hey, tut mir leid“, unterbrach ihn Ianto. „Aber Adam hat mich gebeten, Kaffee zu machen, bevor er mit Agent Hallett nach unten kommt. Willst du auch eine Tasse?“

„Ja, bitte. Das war eine super Idee eine neue Kaffeemaschine zu kaufen.“ Caden tippte ein paar Befehle in seine Tastatur und das Bild auf den Monitor aktualisierte sich. Die Punkte sammelten sich nun mehr oder weniger in einer Ecke des Monitors. „Oh. Sieht so aus, als täte sich auf dem Golfplatz was. Ich halte dich auf dem Laufenden.“

Ianto nickte und ging weiter in die Küchenecke – und griff als erstes mit einem Stirnrunzeln nach einem weichen Tuch, um den Fingerabdruck weg zu polieren, den jemand auf dem glänzenden Gehäuse der Kaffeemaschine hinterlassen hatte.

Verdan hätte vermutlich nur einen Blick darauf geworfen und ihm alles über Baujahr und Besonderheiten des Models verraten. Leider kam die gebrauchte Maschine ohne Bedienungsanleitung und er konnte seinen alten Mentor auch nicht um Rat fragen, also experimentierte Ianto.

Alex hatte ausgesehen als würde er kurz vor einem Herzinfarkt stehen, als er ein paar Tage nach dem Kauf nachts in die Küchenecke trat und Ianto von Maschinenteilen umgeben vorfand. Er konnte nicht schlafen und Jack war mit dem Team auf Weevil-Patrouille, also hatte er beschlossen, die Maschine gründlich zu reinigen. Wirklich gründlich. Erschreckend, was man in Schläuchen und Ventilen an Kalkablagerungen finden konnte. Kein Wunder, dass der Kaffee schmeckte wie durch Kreide gefiltert. Er lächelte bei der Erinnerung für einen Moment.

Dann dachte er wieder an Agent Hallett – sie war schon lange nicht mehr Lisa für ihn – und holte zwei Tassen aus dem Schrank, um sie vorsichtshalber noch einmal auszuwaschen, bevor er den Espresso machte. Für Caden machte er einen normalen, extragroßen Kaffee und füllte ihn in einen auslaufsicheren Thermobecher. Flüssigkeiten und Computertastaturen vertrugen sich nicht besonders. Caden sprach in sein Headset und nickte ihm dankend zu, als er ihm den Becher hinstellte.

Ein paar Minuten später beobachtete er von der erhöht liegenden Küchenecke aus, wie Adam Hill die Agentin aus dem Hauptquartier in Alex Büro brachte. Der Arzt kam zu ihm und holte den Kaffee ab, ersparte ihm so das erneute Wiedersehen mit Lisa Hallett.

„Sie ist nicht wegen dir oder Jack hier“, sagte er, die Anspannung des anderen Mannes bemerkend. Er legte die Hand auf Iantos Schulter, drückte sie leicht. „Wirklich. Direktor Hartman hat sie nur hergeschickt, um ein paar Dinge aus unserem Lager zu holen. Sie hat vor ein paar Tagen die neuen Bestandslisten bekommen und offenbar Lust auf eine kleine Shoppingtour.“ Der Arzt nahm das Tablett, das Ianto gerichtet hatte. „Hey, mach dir keine Sorgen. Vergiss sie. Caden hat gesagt, dass sie den Golfplatz so gut wie geräumt haben, sie sind bald zurück. Jack lässt dir ausrichten, er hätte noch etwas gut von heute Morgen.“ Er hob eine Hand, als Ianto unwillkürlich rot wurde. „Keine Details bitte. Tu mir nur den Gefallen und behalte Jack bei dir in eurem Raum, bis sie weg ist. Ich würde ihn ungern bewaffnet in der Nähe von Agent Hallett wissen. Nicht, dass ich ihn nicht verstehe, aber ein… Zwischenfall… hilft niemandem. Er nimmt ihr immer noch übel, was sie mit dir gemacht hat.“

„Das tue ich auch.“ Iantos Hals war wie zugeschnürt und die Worte kamen nur als heiseres Flüstern über seine Lippen. „Ich nehme es ihr sehr übel. Ich dachte sie wäre nett. Dass sie helfen wollte. Und die ganze Zeit über war ich nur ein Köder.“

„Ich weiß.“ Der Arzt drückte noch einmal seine Schulter. „Geh jetzt. Wir reden später weiter wenn du willst. Und Danke für den Kaffee. Du machst mich noch zu einem Fan.“

Ianto sah ihm nach, wie er das Tablett die Stufen hinab und in Richtung von Alex‘ Büro balancierte. Er begann automatisch sauber zu machen, obwohl da nicht mehr zu tun war, als ein paar verschüttete Tropfen Wasser weg zu wischen und den Behälter mit Kaffeesatz zu leeren. Er spülte ihn aus, bevor er ihn zurückstellte und danach war eigentlich auch schon nichts mehr unerledigt.

Er beugte sich über das Geländer und sah zu Alex‘ Büro hinüber, aber der Sichtschutz war geschlossen. Natürlich vertraute er Adam Hill… so weit er außer Jack irgendjemandem vertraute… aber der Arzt war auch nur eine Schachfigur. Wer wusste, ob Agent Hallett ihm die Wahrheit über ihren Besuch gesagt hatte? Er war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, hier zu bleiben und die Londoner Agentin im Auge zu behalten und in ihr Zimmer zu laufen und die Tür hinter sich zu verriegeln.

Schließlich entschied er sich fürs Gehen. Jack würde sicher einen Wolfshunger mitbringen, er war ohne Frühstück los gezogen und Essen war immer ein guter Weg, ihn abzulenken. Fast so erfolgreich wie Sex. Er öffnete den Kühlschrank und studierte den Inhalt. Jemand hatte sich tatsächlich mal die Mühe gemacht und eingekauft. Er bereitete rasch ein paar Sandwiches, packte einen Apfel, einen Becher Jogurt und eine Flasche Milch in eine kleine Plastikbox und trug alles ein paar Stockwerke tiefer in ihr Quartier.

Ein Karton Cornflakes, ein Zuckerstreuer und Geschirr standen in einem Schrank in ihrem Zimmer und Ianto packte alles auf den kleinen Tisch. Sein Partner liebte Cornflakes und aß sie mit Unmengen von Zucker zu jeder erdenklichen Tages- oder Nachtzeit. Für Notfälle hatte er auch noch eine Tafel Schokolade hinter dem Marmite-Glas versteckt. Alex hatte ihnen einen kleinen, eigenen Kühlschrank und eine Kochplatte versprochen und ein Budget, um zu kaufen was sie wollten. Natürlich würde er nicht in den nächsten Supermarkt gehen können um eine Packung Milch zu kaufen. Aber es gab genügend Geschäfte, bei denen man telefonisch ordern konnte, und die lieferten. Selbst zu bestimmen, was sie aßen. Es war nicht viel, aber ein kostbares kleines Stück Unabhängigkeit. Oder zumindest die Illusion davon.

Er nahm sich den Apfel und setzte sich auf sein Bett, kleine nervöse Bissen abknabbernd, während er wartete und versuchte, Lisa Hallett aus seinen Gedanken zu verbannen.

Ianto kam sich vor wie ein Teenager, der einen geheimen Fastfood- und Süßigkeitenvorrat vor seiner Mutter versteckt, als er ein paar Minuten später wieder aufsprang und eine alte Holztruhe öffnete, die er vor einiger Zeit im Archiv gefunden hatte.

Er hatte sie selbst renoviert, die Patina aus Staub entfernt und die verschimmelten Lederbeschläge durch gewebte Kunststoffkofferbänder in einer passenden Farbe ersetzt. Sie war aus dunklem Holz gefertigt, das schwach nach etwas roch, das er nicht identifizieren konnte, leicht süßlich, leicht nach etwas, das ihn an Weihnachten und den Plumpudding seiner Großmutter erinnerte. Selbst das Reinigen hatte den Geruch nicht entfernt, also nahm Ianto an, dass er vom Holz selbst stammte, nicht von einer Lasur. Innen war die Truhe mit dunkelrotem Leder ausgeschlagen, das zwar vom Alter rissig geworden war, aber ansonsten in perfektem Zustand. Die äußeren Kanten waren mit Messingnägeln beschlagen, die auch die ursprünglichen Lederbeschläge gehalten hatten. Es gab einen ebenfalls aus Messing bestehenden Bügel, der wohl ursprünglich mit einem Schloss verschlossen werden konnte. Das Schloss war allerdings nicht dabei gewesen. Aber am meisten faszinierten Ianto die Messingtafeln, die sich auf der Vorder- und Rückseite der Truhe befanden. Ein orientalisch anmutendes Muster aus Tieren und Pflanzen und – möglicherweise – mythischen Gestalten war eingeschlagen. Niemand wusste, woher sie stammte oder wie sie in den Besitz von Torchwood gelangt war. Alex hatte sie ihm überlassen und Ianto betrachtete sie als sein Privatbesitz. Sogar Jack respektierte das – oder ließ sich zumindest nicht dabei erwischen, wenn er darin herum stöberte. Ianto bewahrte sein Tagebuch darin auf und ein paar Dinge, die ihm wichtig waren. Ein Foto seiner Eltern. Und ein Hochzeitsfoto seiner Schwester. Es waren die Dinge gewesen, die sich in seinem Rucksack befunden hatten, als sie die Tardis verließen. Die letzten Relikte seiner Vergangenheit. Außerdem hielt er einen kleinen Vorrat an Bitterschokolade und ein paar Dosen seiner Lieblingslimo darin bereit. Das Versteck hinter dem Marmite-Glas war eigentlich keines, Jack bediente sich dort auch an der Schokolade, wenn er Lust dazu hatte.

Ianto schloss die Truhe und knackte den Verschluss der Dose. Bevor er noch den ersten Schluck genommen hatte, hörte er wie hinter ihm die Tür geöffnet wurde.

Jack trat in den Raum. „Fang.“ Er warf etwas in Iantos Richtung.

Er reagierte gerade noch schnell genug, um das Ding nicht an den Kopf zu bekommen. „Und was soll ich mit einem Golfball anfangen? Mir ein neues Hobby zulegen?“, fragte er trocken, den weißen Ball auf seiner Handfläche betrachtend.

„Hey, ich bringe dir ein Geschenk mit und du meckerst.“ Jack setzte eine übertrieben gekränkte Miene auf.

„Entschuldigung.“ Ianto stellte seine Getränkedose auf dem Tisch ab und trat zu seinem Partner, um ihn zu küssen. „Danke für das tolle Geschenk, Jack“, mokierte er. „Besser? Willst du ein spätes Frühstück?“

„Ein Anfang.“ Jack packte ihn am Gürtel, als Ianto an den Tisch treten wollte. „Hey, wo willst du hin? Ich war noch nicht fertig.“

„Was kann ich noch für dich tun?“, fragte der jüngere Mann.

„Komm mit unter die Dusche. Ich bin von der ganzen Rennerei total verschwitzt.“ Jacks Finger öffneten geschickt den Gürtel seines Partners.

„Das gehört verboten“, murmelte Ianto und beugte sich vor, um mit der Zungenspitze über die Mulde oberhalb Jacks Schlüsselbein zu lecken. „Niemand sollte so gut riechen, wenn er schwitzt.“ Der Golfball klickte als er auf dem Boden aufprallte und rollte davon.

Jack hakte lachend den Arm um den Nacken seines Partners und zog ihn in Richtung Bad.

Mission Ablenkung erfolgreich, dachte Ianto sarkastisch – bevor Jack dafür sorgte, dass auch er alles andere vergaß.


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„Was passiert jetzt eigentlich mit den Tieren, die ihr auf dem Golfplatz gefangen habt?“, fragte Ianto eine Weile später, als sie es aus der Dusche und ins Bett geschafft hatten.

„Shana und Franks bringen sie in einem Transporter in ein Reservat, dass in einem Nationalpark eingerichtet ist. Es ist umzäunt und gesichert, damit keine Naturfreunde oder Wanderer zufällig drauf stoßen. Sie können da in Ruhe leben und sich mit den einheimischen Rehen vergnügen.“ Er lachte. „Stell dir vor, vielleicht gibt es dort in ein paar Jahren eine neue Spezies sechsbeiniger Rehe. Was dachtest du, dass sie alle getötet werden? Alex macht so etwas nicht, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Und sie sind völlig harmlose Biester, die einfach nur das Pech ihres Lebens hatten, und zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren.“

„Bring mir bei, wie man tötet“, sagte Ianto ein paar Minuten später leise.

Jack öffnete überrascht die Augen. Er hatte gedacht, der junge Waliser wäre eingeschlafen, weil er so still geworden war. Er schwieg, stützte das Kinn auf Iantos Schulter.

„Ich will lernen, wie ich mich verteidigen kann. Und ich will nicht davon abhängig sein, dass du da bist, um mich zu… retten…“, fuhr Ianto fort.
     
„Okay“, sagte Jack. Er fragte nicht, ob der andere Mann sicher war, dass er das wirklich wollte. Aber er spürte ein vages Bedauern, als wäre es sein Verlust... das Hergeben dieser speziellen Unschuld. Zu töten veränderte alles. Veränderte eine Person.

Er zog ihn einfach ein wenig näher an sich und presste einen Kuss gegen Iantos Haar.

„Denkst du, Alex lässt dich mit mir kommen, wenn ich dir alle meine besten Tricks beibringe?“, fragte Jack nach einer Weile. Es war einfach zu still.  

„Deine Aufreißtipps? Was soll ich denn damit anfangen, wenn mir ein zähnefletschendes Alien gegenübersteht?“

„Hey, Charme ist auch eine Waffe“, neckte ihn Jack, froh darüber, dass Ianto wieder mehr wie er selbst klang. „Ich wette, du bist großartig mit jeder Art von Waffe. Ich habe dich mit meiner gesehen.“

„Ich fasse die Webley nie an.“

„Wer redet von der Webley.“ Grinsend presste Jack Iantos Handfläche gegen seinen Schritt.

„Weißt du, Franks hat recht, du bist wirklich pervers“, gab Ianto zurück.

„Komplimente, Komplimente. Verzieh den Mund nochmal so wie eben. Das ist sexy.“

Ianto zog seine Hand weg und drehte sich auf den Rücken. Er holte tief Luft und schloss die Augen. „Agent Hallett war heute hier. Während ihr mit Space-Bambi auf dem Golfplatz gespielt habt.“

Es war einen Moment lang sehr still und Ianto griff instinktiv nach seinem Partner, als ob er Jack daran hindern wollte, das Bett zu verlassen. Die Muskeln unter seiner Handfläche waren steinhart vor Anspannung. Jacks Finger landeten auf seinen und er rieb mit dem Daumen Kreise auf Iantos Handrücken. „Was wollte sie hier?“

„Adam meinte, sie hätte irgendetwas abgeholt. Er hat nicht gesagt, was. Irgendetwas das wir im Lager haben und das London will.“

„Hat sie dich gesehen?“, fragte Jack.

„Was denkst du? Sie kam über das Touristeninformationsbüro in den Hub. Ich war oben, um die neuen Poster aufzuhängen.“ Ein unwillkürlicher Schauder lief durch den jüngeren Mann.  

„Ich hoffe, sie hat auch nach mir gefragt? Oh, bitte bitte sag mir, dass sie an brennender Sehnsucht nach mir leidet?“ Jack schlug bewusst einen leichten Ton an.

Ein kleines Lächeln spielte um Iantos Mund. „Sie hat wirklich nach dir gefragt. Sie meinte, dass du doch sonst auch immer an mir kleben würdest – und zwar wie alter Kaugummi an einer Schuhsohle.“

„Hat sie mich als Kaugummi bezeichnet? Awwww. Siehst du, sie ist völlig verrückt nach mir.“

„Und mich als Schuhsohle. Krieg dich wieder ein.“ Ianto stieß ihn mit dem Ellbogen an. Aber Jacks schlechte Witze kamen nur teilweise gegen das Gefühl der Hilflosigkeit an. Die Begegnung mit Lisa Hallett hatte Erinnerungsfetzen an den getürkten Autounfall und seinen Tod an die Oberfläche gespült. Er öffnete die Augen und sah in Jacks Gesicht. „Sie hat mich daran erinnert, wie unglaublich wehrlos wir sind“, sagte er leise. Ianto hob die Hand, Daumen und Zeigefinger in einer Pistolenhaltung und presste die Fingerspitze gegen Jacks Stirn. „Bumm. Und dann können sie mit uns machen, was sie wollen. Wir gehen ja nicht kaputt.“

Jack bewegte den Kopf weg und küsste seine Fingerkuppe. „Ich weiß. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns alles gefallen lassen.“ Abrupt rollte er sich auf die Seite und sprang auf. „Komm mit.“

Ianto zog eine Decke über sich. „Ich meinte nicht, dass wir sofort mit dem Training anfangen sollen. Außerdem bin ich müde.“ Er gähnte.

Der Captain grinste. „Ich dachte eher daran, dass wir endlich etwas essen und dann Alex aushorchen, was die Schlange aus London von ihm wollte. Aber das kann ich auch alleine, wenn du erst wieder zu Kräften kommen musst.“

„Okay.“ Ianto zog die Decke über den Kopf. „Sag Caden Space-Bambis“, kam es gedämpft darunter hervor.

„Space-Bambis?“, wiederholte Jack. „Ist das ein Geheimcode?“

„Das ist der coole Name, den er wollte.“ Ianto streckte eine Hand unter der Decke hervor und winkte. „Sag ihm das einfach, er weiß schon Bescheid.“

„Okay.“ Ohne erst nach seiner Kleidung zu greifen, machte sich Jack über das Essen her. „Wenn ich so darüber nachdenke, ist es sogar eine sehr gute Idee, wenn du gleich im Bett bleibst. Dann spare ich mir die Mühe, dich später wieder auszuziehen“, meinte er mit vollem Mund und wischte ein paar Krümel von der Brust.

Unter der Decke wurde etwas gemurmelt, dass sowohl Zustimmung als auch ein Fluch sein konnte. Dann erschienen zwei Finger.

Jack schnappte sich die angebrochene Dose und trank sie halb leer. Ianto war okay. Agent Halletts Besuch hatte sicherlich ein paar bittere Gefühle ausgelöst, aber der junge Waliser hatte mit ihm darüber gesprochen, und sich nicht von ihm zurückgezogen. Adam hatte ihm eingeschärft, darauf zu achten. Das andere Warnzeichen war die Weigerung, zu essen…

Ein verwuschelter Kopf tauchte aus den Untiefen der Decke auf. „Hey, lass mir gefälligst ein Sandwich übrig und Pfoten weg von meiner Cola.“ Damit zog sich Ianto in seinen Kokon zurück wie ein Einsiedlerkrebs in sein Schneckenhaus.

Jack grinste und trank demonstrativ die Dose leer. Oh ja. Ianto war okay.




Ende (tbc)