Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die


Summe: Jack fährt damit fort, beim Team anzuecken und Alex‘ Autorität heraus zu fordern, womit er auch Ianto in Schwierigkeiten bringt. Doch Jack wäre nicht Jack, würde er nicht zumindest das Herz des jungen Walisers erweichen.


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For your blue eyes only
I'd play the fool if you let me
I can't show you caution
You're the place I get lost in

I just want to hold you
Close enough to really know you
And I want to show you how I feel

For your blue eyes only

— Tony Hadley “For your blue eyes only”

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Kapitel 2.4:  For your blue eyes only




Ianto klopfte mit den Fingerknöcheln gegen das trübe, zerkratzte Plastik der Zelle.
Der Weevil, der in der am weitesten von der Tür entfernten Ecke kauerte, das Gesicht zur Wand, rührte sich nicht.

„Ich weiß, wie du dich fühlst.“ Ianto ließ die Hand sinken und schnitt eine Grimasse, als seine Fingerspitzen Schlieren hinterließen – auf… was-auch-immer die Absperrung bedeckte. Er widerstand dem Drang, sie an seiner Hose abzuwischen und hielt die Hand zur Seite, die schmierigen Finger abgespreizt. „Aber nicht zu essen hilft auch nicht“, fuhr er fort. „Wirklich, mir ging es ganz genau so. Mein Magen fühlte sich an, als würden Ratten daran nagen; ich konnte nicht essen, nicht schlafen und ich hatte diese fürchterlichen Alpträume. Doktor Hill – erinnerst du dich, er hat dich untersucht – und mein Freund Jack – er war es, der dich eingesperrt hat, aber nimm ihm das nicht übel, es war nicht seine Idee - haben mir geholfen. Ich frage mich, ob es dir besser ginge, wenn du nicht alleine in dieser Zelle sitzen müsstest. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass nicht so viel Platz in diesen Löchern ist...“

Obwohl es dafür keine äußeren Anzeichen gab, hatte er das Gefühl, der Weevil höre ihm aufmerksam zu. Aber das war natürlich Unsinn. Weevil verstanden kein Englisch und schon gar nicht Walisisch. Er hatte überhaupt nur angefangen mit ihnen während der Fütterung zu sprechen, weil es die Kreaturen zu besänftigen schien. Vielleicht kam er weniger bedrohlich rüber, wenn er mit ihnen sprach – obwohl er sich wirklich nicht vorstellen konnte, welche Bedrohung er gegenüber einem Weevil darstellen mochte. Ihre dicke Haut und hohe Knochendichte (vor allem am Kopf) schützten sie sogar auf einige Entfernung vor Kugeln – es benötigte mehrere Treffer an ungeschützten Stellen, um sie zu stoppen oder zu töten – und sie konnten ihre rasiermesserscharfen Klauen ungemein geschickt und schnell einsetzen, kam man ihnen zu nahe. Es war gefährlich, sich von ihrer trägen, schwankenden Gehweise täuschen zu lassen.

Mann wie Weevil zuckten zusammen, als plötzlich der Lautsprecher an der Wand pfeifende Rückkopplungsgeräusche von sich gab, die von den Wänden widerhallten.

Schließlich drang Alex‘ Stimme durch das Rauschen der Gegensprechanlage. „Ianto. Mein Büro. Sofort!“

„Versuch es wenigstens mal, okay? Ich komme später wieder vorbei und wir unterhalten uns weiter.“ Ianto deutete auf das Plastiktablett auf dem verschiedene Fleischstücke und Knochen lagen. Weevil schienen alles zu fressen, streunende Haustiere und Müll eingeschlossen – wenn sie denn essen wollten. Dann wandte er sich ab und griff auf dem Weg zum Durchgang in den Korridor nach einem Handtuch, das für genau solche Fälle dort an einem Haken hing, an dem er seine Finger allerdings nur unzureichend reinigen konnte. Was zum Teufel wuchs auf diesen Plastikwänden? Hatte noch nie jemand in diesem Laden von heißem Wasser, Seife und industriellen Desinfektionsmitteln gehört? Es war ja wahrscheinlicher, dass sich ein Weevil hier was weg holte, als umgekehrt. Vielleicht sollte er sich bei Adam ein Paar Plastikhandschuhe besorgen, wenn er das nächste Mal nach unten zu den Zellen ging.

Bevor er die Tür zu Alex‘ Büro öffnete, roch er unauffällig an seinen Fingerspitzen. Etwas verspätet ließ er das Handtuch sinken, als sich ihm mehrere fragende Blicke zuwandten. „Ich habe gerade die Weevil gefüttert“, erklärte er.

Hopkins nickte. „Natürlich.“ Er winkte ab und deutete dann mit dem Finger auf Jack und Neil Franks, die in entgegengesetzten Ecken des Büros standen. „Sieh sie dir an.“

Franks zeigte eine anschwellende Nase und etwas, das wie der Anfang eines Veilchens aussah.

Jacks Knöchel waren wund und gerötet, heilten aber bereits ab. Falls er sonst Verletzungen davon getragen hatte, konnte man sie nicht sehen.

„Hast du irgendeine Ahnung, was hier vor sich geht?“, wandte sich Alex an Ianto. „Ich frage von Erwachsenem zu Erwachsenem, die beiden weigern sich nämlich auch nur ein Wort zu sagen – und rein zufällig befanden sie sich in einer nicht vom CCTV erfassten Ecke.“

„Ich war unten, bei den Weevils.“ Ianto wechselte einen Blick mit Jack, der grinste und an seinen Knöcheln lutschte. „Ich habe nichts gesehen, Sir.“ Dann wandte er sich wieder Alex zu. „Es tut mir leid.“

Hopkins musterte ihn einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Schaff ihn mir aus den Augen. Jack – du hältst in eurem Zimmer auf, bis du etwas anderes von mir hörst. Und du bleibst genau wo du bist, Franks!“, warnte er den anderen Mann, der Anstalten machte, das Büro vor den beiden anderen zu verlassen. „Wenn ihr darauf besteht, euch wie Kinder zu benehmen, werde ich euch auch wie Kinder behandeln.“ Alex deutete auf seinen Schreibtisch. „Neal, du kannst damit anfangen, deine Hausaufgaben zu machen, du schuldest mir noch zwei Berichte für diese Woche. Ianto…“ Hopkins wandte sich dem jungen Waliser zu. „Mach mit ihm was du willst, so lange er keinen Unsinn mehr anstellt. Und Jack – du bleibst den Rest der Woche im Hub. Ich kann niemand im Feld brauchen, der unsere Arbeit und das Leben seiner Kollegen offenbar nicht ernst nimmt.“

Jack setzte zu einer Antwort an, doch Ianto schüttelte warnend den Kopf. Also schwieg er, verschränkte nur die Arme vor der Brust, als er neben seinen Freund trat.

„Ich verstehe, Sir.“ Ianto zupfte auffordernd an Jacks Ärmel. „Und ich denke, Jack wird sich entschuldigen.“ Er sah den anderen Mann an, doch Jack presste trotzig die Lippen zusammen. „Sobald er darüber nachgedacht hat, was er falsch gemacht hat.“ Bevor das Ganze noch peinlicher werden konnte, hielt Ianto die Bürotür auf. Jack schlenderte lässig grinsend an ihm vorbei.

„Hey!“ Ianto schloss zu seinem Partner auf. „Erklärst du mir, was eben passiert ist? Alex hat recht, ich komme mir auch vor wie im Kindergarten.“

„Wo warst du?“, fragte Jack. „Ich habe mich gelangweilt.“

„Ich habe die verdammten Weevil gefüttert“, erwiderte Ianto scharf. Wie oft musste er das noch wiederholen? „Was ist nur los mit dir? Musst du dich wie ein Schulhof-Rowdy aufführen?“

„Kindergarten-Rowdy“, korrigierte ihn Jack leichthin. „Du musst auf deine Metaphern besser aufpassen.“

„Du bist ein Idiot, weißt du das?“ Ianto drängte sich an ihm vorbei und bog in den Korridor, der zu ihrem Zimmer führte. „Und ich bin nicht deine Mutter, ich muss auf nichts – dich eingeschlossen - aufpassen.“ Er stoppte abrupt. „Und noch etwas, dass du wissen solltest: ich sehe nicht ein, dass ich mit dir deine Strafe absitze. Warte nicht auf mich, ich schlafe woanders.“ Ianto umrundete Jack, der ebenfalls stehen geblieben war und ging in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

„Das kannst du nicht. Alex hat gesagt, du sollst mich aus Schwierigkeiten heraushalten. Das bedeutet, du musst bei mir bleiben.“ Jack begann ihm zu folgen. „Aber wenn du darauf bestehst… Doktor Hill gewährt dir sicher gerne Unterschlupf, wenn du ihn nett darum bittest. Ich will Details. Besser noch Fotos.“

„Lass mich bloß in Ruhe, Jack!“ Ianto warf Jack den zweifingrigen Gruß zu und bog um die Ecke, auf dem Weg zum Lift.

Jack beschloss weise, Ianto nicht weiter nachzulaufen und stoppte. Er wusste ohnehin wo er den jüngeren Mann finden konnte, sobald der sich abgeregt hatte. Unten im Archiv, bei seinen Büchern. Über seine Knöchel reibend, machte Jack sich auf den Weg in ihr Zimmer – er war weiterhin der Meinung, dass Franks für seine Beleidigungen mehr als nur eine auf die Nase verdient hatte. Aber dass Ianto wütend auf ihn war, gab dem Ganzen einen schlechten Beigeschmack. Und das war definitiv eine weitere neue Erfahrung für ihn.

Zwei Minuten später betrat er ihr gemeinsames Zimmer und knipste das Licht an. Na, über den Service in dieser Klitsche konnte man sich wahrlich nicht beklagen – sah so aus als wäre das Zimmermädchen bereits dagewesen und hatte die Handtücher gewechselt und die Betten gemacht.

Irgendwie waren solche Bemerkungen ohne Publikum nicht mal halb so amüsant. Und besonders nicht, weil Ianto derjenige gewesen war, der das von ihm verursachte Chaos aufgeräumt hatte, während Jack mit den anderen unterwegs war. Er könnte natürlich auch ein wenig ordentlicher sein, wenn Ordnung und Sauberkeit Ianto ein wenig glücklicher machten und ihm das Gefühl gaben, eine gewisse Kontrolle über sein Leben zurück zu erlangen.

Er ließ sich auf sein Bett fallen und streckte sich darauf aus. Irgendetwas war unter seinem Kissen. Jack setzte sich wieder auf und entdeckte, dass die Ecke eines Buchumschlages unter dem Kopfkissen hervor gerutscht war. Er hob das Kissen hoch und nahm das Buch zur Hand. Es war eine zerlesene Ausgabe von Lewis Carrolls Alice im Wunderland, die Ianto in der Torchwood Bibliothek gefunden hatte. Er wusste, dass das Buch Ianto besonders faszinierte – denn an einem Punkt seiner offensichtlich bewegten Geschichte musste es sich in den Händen eines Kindes befunden haben. Bunte, kindliche Zeichnungen von Blumen und Vögeln und Bäumen waren auf jeder freien Stelle zu finden und Ianto hatte eines Nachts darüber spekuliert wieso es am Ende wohl bei Torchwood gelandet war.

Ein Umschlag steckte quer im Buch. Auf seine Rückseite hatte Ianto (seine Handschrift, unverkennbar) „lies mich!“ geschrieben. Jack lachte, als er sich erinnerte. Es war eine Anspielung auf die Etiketten an den Flaschen, aus denen Alice trank um zu schrumpfen und den Dingen, die sie aß um wieder zu wachsen. Oder war es umgekehrt gewesen...?

Vielleicht hätte er der Geschichte etwas mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Doch Iantos Stimme hatte ihn in den Schlaf gelullt, während sein Körper sich von Strahlen- und Laserverbrennungen erholte, die er sich bei der Explosion einer Waffe zu zog. Der Fall durch den Rift und die Einwirkung der Riftenergie hatten ihren eigenen Energiekern instabil werden lassen. Und bei der nächsten Erschütterung – die leider von Jack verursacht wurde, als er sie hochhob – explodierte der Kern. Aus irgendeinem Grund brauchten Strahlungsverbrennungen extrem lange um zu heilen und niemand schlug vor, ihn zu töten, um die Sache abzukürzen.

Zurück im Hub reinigte Adam die Wunden von den Resten seiner Kleidung und schloss ihn an einen Tropf an, der die Schmerzen dämpfte, während er heilte. Ianto hatte die Erste-Hilfe-Kenntnisse, die Hill ihm vermittelt hatte, an den Mann gebracht und einige oberflächliche Verbrennungen und Schnittwunden von herumfliegenden Waffentrümmern beim Team versorgt. Danach saß er die ganze Zeit an seinem Bett; sorgte dafür, dass er genug Flüssigkeit bekam und las aus Alice im Wunderland vor. Und als Adam ihn aus der Krankenstation entließ, kam Ianto zu ihm unter die Dusche, vorsichtig die noch leicht rosafarbenen, frischen Hautstellen berührend, als müsse er sich so spürbar versichern, dass alles wieder heil war.

Jack war zuvor und vor allem während seiner Zeit mit der Time Agency mehrmals verletzt worden, aber niemand hatte sich mehr so intensiv um ihn gekümmert, seit er als Kind an einem lebensgefährlichen Fieber erkrankte und seine Mutter ihn die ganze Nacht lang im Arm hielt, damit er schlafen konnte.

Vielleicht sollte er einen Weg finden, Ianto zu zeigen, dass er dafür dankbar war. Aber es war einfacher, so zu tun, als berühre ihn ihre Situation nicht, und es war einfacher Witze zu machen und so zu tun, als nähme er nichts ernst.

Er hatte sich diese Verteidigungsstrategie nach dem Verlust seiner Familie zugelegt und im Laufe der Zeit war es zu seiner zweiten Natur geworden.

Möglicherweise musste er sich sogar – dachte Jack mit Schaudern – bei Franks entschuldigen. Und Alex gegenüber glaubwürdig ernsthafte Besserung geloben.

Aber zuerst war Ianto an der Reihe. Er musste sich etwas einfallen lassen, um seinen jüngeren Partner zu beschwichtigen und ihm zu zeigen, dass ihm sein kindisches Verhalten (zumindest im Moment) leid tat.

Jack schnappte sich zusätzlich zu seinem eigenen auch Iantos Kissen und streckte sich auf seinem Bett aus, eine Hand hinter dem Kopf, in der anderen das Buch. Wenn er hier schon festsaß, konnte er sich wenigstens amüsieren.


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„Miss Shanna Lyons.“ Jack zog einen Stuhl an den Tisch, drehte ihn um und setzte sich, die Arme auf der Rücklehne verschränkt. „Kleine Pause für Torchwoods attraktivste Mitarbeiterin oder ist der Rift heute ruhig?“ Er setzte sein bestes Lächeln auf, als ihn die Agentin ansah.

„Ist das ein Versuch, mit mir zu flirten, Harkness?“, fragte Shana. Ihr zu vielen dünnen Zöpfchen geflochtenes Haar war im Nacken mit einem Band zusammengefasst, damit es sie nicht störte. Schwarze und rote Perlen waren an den Enden der Zöpfe befestigt. Als sie den Kopf drehte, schwangen die Perlen hin und her und erzeugten leise Klickgeräusche. Sie stocherte eher lustlos in einem Pappkarton mit chinesischem Essen herum, das vom Vortag übriggeblieben war. „Ich hatte etwas Originelleres erwartet von einem Mann aus der Zukunft.“

Jack beugte sich vor. „Ist das ein Angebot?“, fragte er. „Leider hat mir Alex verboten, mit dem Team zu flirten. Und ich stecke im Moment bereits in Schwierigkeiten.“

Shanna lachte. „Oh ja, ich habe Franks Veilchen gesehen.“ Sie trank einen Schluck aus ihrem Wasserglas. „Wo ist dein Schatten? Neal sagt, Alex hat deinen Loverboy angewiesen, auf dich aufzupassen.“ Weiße Zähne blitzten zwischen roten Lippen, als sie lachte.

An einem anderen Tag hätte Jack sie einfach geküsst und eher früher als später hätte er sie im Bett gehabt. Diese dunklen Augen hatte ihm schon mehrfach interessierte Blicke zugeworfen. Und er war definitiv nicht abgeneigt. Shanna war kontrolliert, fast kalt bei der Arbeit und das machte ihn neugierig darauf, welche Leidenschaften sie verbarg.

Aber er hatte etwas zu erledigen. Und Ianto… er glaubte nicht, dass Ianto schon so weit war, ihrer Beziehung einen neuen Aspekt hinzu zu fügen. Die Reaktion des anderen Mannes auf die Anspielung, zwischen ihm und Adam Hill könnte sich etwas entwickeln, sprach Bände. Und dabei wussten sie beide, dass Adam weder an ihm noch an Ianto interessiert war, zumindest nicht in sexueller Hinsicht. Sie hatte zwar nie direkt darüber gesprochen, aber er nahm an, dass für Ianto nur eine monogame Beziehung in Frage kam.

„Ich bin seinetwegen hier“, sagte Jack, ohne näher auf ihre Worte einzugehen. „Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“


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„Klopf? Klopf?“

„Ich bin nicht in Stimmung für Witze, Jack“, warnte Ianto - ohne von dem Buch aufzusehen, dessen Seiten er eben neu leimte.

„Ich habe ein Friedensangebot mitgebracht.“ Eine kleine, silberne Thermosflasche erschien in seinem Blickfeld.

„Und ich kenne deinen Kaffee. Der ist eher eine Kriegserklärung.“ Ianto schob die Hand samt Thermosflasche weg. „Das ist wirklich eine Arbeit auf die ich mich konzentrieren muss.“

„Ich habe ihn nicht selbst gemacht.“ Jack schraubte die Flasche auf und schwenkte sie vor Iantos Nase. „Du beklagst dich immer darüber, dass dir der hier nicht schmeckt. Also habe ich dir richtigen Kaffee besorgt. Aus einem Café.“ Er schraubte den Verschluss wieder auf, bevor er etwas davon verkleckerte und Ianto noch einen Grund fand, sauer auf ihn zu sein.

„Ja, ja, ich weiß – mein Pech, das ich bei einem Mann gelebt habe, der aus einem Land stammt, in dem man Kaffee ernst nimmt und der mir Ansprüche beigebracht hat.“ Endlich hob Ianto den Kopf. „Du hast ihn selbst geholt?“, fragte er skeptisch. „Wie? Du hast Hub-Arrest für den Rest der Woche. Außerdem haben wir kein eigenes Geld.“

„Gut, ich habe ihn mir mitbringen lassen, aber es war alleine meine Idee, also gilt es doch trotzdem, oder?“ Jack presste einen Kuss in seinen Nacken. „Es tut mir leid, okay? Du hast recht, das Ganze war kindisch.“

Ianto legte den Leimpinsel weg, drückte den Einband an, klemmte ihn, fest und wischte sich dann die Hände an einem Lappen ab. Er drehte sich auf dem Stuhl zu Jack um und nahm ihm die Thermosflasche ab. „Das bedeutet nicht, dass alles vergeben und vergessen ist“, warnte er, als Jack einen Stuhl neben seinen zog. „Besonders, weil nicht ich derjenige bin, bei dem du dich entschuldigen solltest.“

„Ich fange bei dir an. Zur Übung.“ Jack deutete auf die Thermosflasche. „Sollte noch heiß sein.“ Er lehnte sich zufrieden zurück, als Ianto den Becher abschraubte und sich Kaffee eingoss.

„Wen hast du dafür womit bestochen?“, fragte Ianto, unwillkürlich die Augen schließend, als er das Kaffeearoma einatmete. Das war wesentlich besser als das, was er der alten Maschine abtrotzen konnte, die oben in der Küchennische stand. Die meisten im Team tranken ihren Kaffee auswärts, oder brachten sich von den Außeneinsätzen welchen mit. Auf der anderen Seite des Plas gab es genug Cafés und sogar amerikanische Coffeeshops. Das hatte ihm Caden erzählt, selbst gesehen hatte er das noch nicht. Oder sie tranken Tee und Softdrinks, wie Alex. Die Kaffeemaschine kam eigentlich nur während langer Nachtschichten zum Einsatz, wenn das Verlangen nach Koffein den Verlust an Geschmacksnerven überwog.

„Ich habe Agent Lyons um einen Gefallen gebeten.“ Jack hob die Schultern. „Niemand kann meinem Charme widerstehen, richtig?“

„Mir fällt mindestens einer ein“, murmelte Ianto, und nahm einen vorsichtigen Schluck. Oh ja, der Kaffee war noch heiß. Wow, und gut.

„Normalerweise muss ich etwas ganz bestimmtes tun, um dich so stöhnen zu hören“, neckte Jack ihn lachend.

Ianto warf ihm einen Blick zu, der besagte, dass er nicht amüsiert war. Na gut, vielleicht ein kleines bisschen. Er füllte den Becher nach.

Jack stutzte, als er sah, dass die Knöchel an Iantos rechter Hand gerötet waren. „Und wem hast du ein Veilchen verpasst?“, fragte er, mit dem Daumen über Iantos Handrücken reibend.

„Dem Sandsack im Trainingsraum.“ Ianto zog seine Hand weg, bewegte die Finger ein paar Mal auf und zu. „Solltest du in Zukunft auch mal versuchen.“ Er sah auf und lächelte. „Bevor du dir die Hand wieder an Franks hässlicher Visage beschädigst.“

Lachend beugte sich Jack vor und küsste ihn auf die Nase. „Das kann ich nicht versprechen. Der Sandsack hat bisher keine blöden Bemerkungen über dich gemacht.“ Er lümmelte sich zurück, legte die Füße auf eines der Regalbretter.

Ianto blinzelte. „Willst du sagen du hast dich meinetwegen mit Franks geprügelt?“, fragte er, nachdenklich an seinem Kaffee nippend.

„Er hat angefangen.“ Jack starrte zur Decke hoch.

„Aber Franks gibt ständig dumme Sprüche von sich. Und versucht uns – das heißt, hauptsächlich dich – zu provozieren. Er hasst dich, seit du ihm an unserem ersten Tag hier zwischen die Beine gegriffen hast“, beharrte Ianto.

„Hey, er hat mich umgedreht und gegen die Scheibe gedrückt. Ich dachte, das wäre ein Angebot und wollte mich revanchieren“, verteidigte sich Jack reuelos.

Er drehte den Becher zwischen den Handflächen. „Es muss etwas… besonders beleidigendes… gewesen sein, wenn du deswegen handgreiflich geworden bist.“

Jack setzte ein übertrieben lüsternes Grinsen auf. „Ich werde gerne handgreiflich, dass weißt du doch.“ Er grabschte nach Iantos Bein, erwischte das Knie des anderen Mannes.

„Nicht diese Art von Handgreiflichkeiten. Du weißt, was ich meine.“ Ianto packte Jacks Handgelenk, als dessen Finger an der Innenseite seines Oberschenkels hoch wanderten. „Ich will es wissen, Jack.“

Nach einem Moment antwortete Jack. „Er hat gesagt, er würde dafür sorgen, dass sie uns trennen – und dich nach London schicken. Ich solle mich nicht in Sicherheit fühlen, weil wir Alex auf unserer Seite haben; er hat Freunde im Hauptquartier und die könnten das so hindrehen, dass Alex keine Möglichkeit hat, sich zu weigern“, leierte er so gelangweilt herunter als spreche er über das Wetter vor drei Tagen.

„Und du nimmst das ernst?“, fragte Ianto.

Jack zuckte mit den Schultern.

„Was, bitte, denkst du hat es dann besser gemacht, ihm die Nase zu brechen? Falls er die Wahrheit gesagt hat ist er jetzt nicht besser auf uns zu sprechen.“ Ianto stellte den Kaffeebecher weg und stand auf, um unruhig am Regal entlang zu gehen und mit den Fingerspitzen über die Buchrücken zu streichen. „Du hast ihn vor dem Team lächerlich gemacht. Und um der Verletzung noch eine Beleidigung hinzu zu fügen, hast du nicht mal einen Kratzer an dir; nichts, dass den anderen zeigen würde, dass er zurückgeschlagen hat.“

„Er hat mich auch nur an der Schulter erwischt“, entgegnete Jack spöttisch. „Und dann ist er mit dem Gesicht voraus gegen meine Faust gelaufen.“

„Schön, dass das wenigstens einer von uns witzig findet.“ Ianto zog eine Packung mit Babyfeuchttüchern aus der Tasche und begann damit einen der Buchrücken zu säubern. Es war ein Trick, den er von seinem früheren Chef Verdan gelernt hatte. Die Tücher lösten den Staub ohne das alte Leder anzugreifen, machten es wieder weich und geschmeidig. Unter seinen sorgfältigen, kreisenden Bewegungen entpuppte sich der schmutzig-braune Einband eines Buches als dunkelrot. Was wenn Franks seine Drohung wahr machte? Wenn er wirklich so viel Einfluss hatte, wie er behauptete? Auch auf die Gefahr hin, wie ein liebeskranker Teenager zu klingen – Jack, ihre Beziehung, war das einzige dass ihre Situation erträglicher machte. Was sollte er tun, wenn…

„Hey.“ Jack legte die Hände auf seine Schultern. „Du reibst die Farbe aus dem Leder wenn du so weiter machst.“

„Du musst zugeben: das war dumm, Jack.“ Ianto drehte sich zu ihm um. „Du musst Alex sagen, was passiert ist. Deshalb schwieg Franks über den Grund für die Prügelei. Er hätte sich selbst auch Ärger eingehandelt.“

„Mach dir keine Sorgen.“ Jack legte die Hände links und rechts an Iantos Kopf und küsste ihn. „Mmmm-hmmm. Der Kaffee schmeckt wirklich gut. Und Franks wird schön den Mund halten.“

„Warum?“ Ianto presste die Hand flach gegen Jacks Brustbein, stoppte ihn, bevor Jack versuchen konnte, ihn noch mehr abzulenken. Sich im Fokus der Aufmerksamkeit des anderen Mannes zu befinden war wie eine Droge – und wirkte auch so. Er musterte das Gesicht seines Partners. „Was hast du gemacht?“

„Ihm gesagt, dass er es bereut, wenn er dich nicht in Ruhe lässt.“ Jacks Hände glitten weiter zu Iantos Schultern, seine Daumen pressten in die kleinen Einsenkungen der Haut über Iantos Schlüsselbeinen, als wären sie dafür gemacht.

„Und das soll irgendetwas ändern? Eine Drohung? Wir sind hier gefangen, Jack. Wir können nirgendwo hin. Keiner von uns ist in einer Position um Drohungen zu machen.“ Ianto schloss einen Moment die Augen, schluckte gegen den Kloß in seiner Kehle an. Das war nicht gut. Und es wurde immer schlimmer… Er öffnete die Lider, sah Jack an. „Was noch?“

„Ich habe ihm gesagt, dass ihm nicht gefallen würde, mein früheres Ich kennen zu lernen. Bevor ich den Doctor und Rose – und dann dich – traf, habe ich Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin. Ich habe gelernt wie man Schmerzen zufügt um Informationen zu erhalten, wie man foltert und wie man tötet. Und ich war gut in dem, was ich tat“, sagte Jack sehr leise, sein Blick intensiv. „Das war eine sehr dunkle Zeit für mich. Als ich die Time Agency verließ, war das nicht nur, weil sie mir zwei Jahre aus meiner Erinnerung gestohlen haben, sondern auch weil ich bemerkte, dass ich zu viel Spaß daran hatte, die Person zu sein, zu der sie mich gemacht hatten.“ Er holte tief Luft. „Aber das heißt nicht, dass ich diese Person nicht wieder werden könnte. Wenn er seine Drohung wahr macht, werde ich mein Versprechen auch halten. Und ich habe ihm versprochen, dass ich ihn töte, wenn du seinetwegen nach London geschickt wirst. Und danach würde ich ihn an die Weevil verfüttern und dich zurückholen.“

„Das hast du nicht wirklich zu ihm gesagt, oder?“, fragte Ianto schockiert. Er wusste, dass der sorglose Casanova und intergalaktische Playboy nicht alles von Jack war, aber so etwas hatte der andere Mann noch nie von sich offenbart.

„Das ist genau, was ich zu ihm gesagt habe. Wenn sein IQ seine Schuhgröße übersteigt, sollte er keine Schwierigkeiten haben, mich zu verstehen.“ Jack ließ die Hände sinken, steckte sie in die Hosentaschen. „Du findest das nicht richtig. Ich sehe es dir an.“

Ianto schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, dass du meinetwegen so etwas tust. So viel riskierst. Natürlich will ich nicht, dass man uns trennt und ich will ganz sicher nicht in London auf einem Labortisch landen, aber… Warum, Jack?“

„Du bist meinetwegen hier, in dieser Situation. Ich habe dich überredet, mit uns zu kommen. Also ist es meine Verantwortung und ich passe auf dich auf.“ Er klang beinahe trotzig.

„Ich bin kein Kind, Jack, das einen Aufpasser braucht. Ich bin ein erwachsener Mann.“ Ianto warf das schmutzige Tuch in einen Papierkorb und wandte sich ab. „Du sollest zurück in unser Zimmer, du hast immer noch Stubenarrest und Alex muss wirklich nicht noch wütender auf dich werden, als er schon ist.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Ich muss jetzt ohnehin weg.“

„Weg? Wo willst du hin?“ Jack ignorierte den ersten Teil von Iantos Worten.

„Zu Adam.“ Ianto schraubte die Thermosflasche sorgfältig zu, wischte mit der Hand einen Kaffeetropfen ab. „Nein, wir haben kein Rendezvous“, setzte er hinzu, bevor Jack Gelegenheit hatte, eine Bemerkung zu machen. „Ich habe einen Untersuchungstermin mit ihm.“

„Wieso? Fühlst du dich nicht gut?“

Ianto schüttelte den Kopf. „Er will einen Bluttest machen. Zur Überprüfung, ob ich die Medikamente nehme, die er mir gibt. Außerdem will er mit mir über die Dosierung sprechen.“

„Wenn du die Ausbildung zum Feldagenten machst, dann könntest du vielleicht an meiner Stelle mit dem Team gehen. Du brauchst Licht und Sonne, keine Tabletten.“ Jack stellte sich ihm in den Weg.

„Ich brauche dich, du Idiot“, erwiderte Ianto leise. „Also sieh zu, dass du dich wenigstens so weit benimmst, dass ich dich nicht nur in der Zelle zu sehen bekomme. Weevil sind keine sehr gesprächigen Nachbarn. Dann wirst du dich nämlich wirklich langweilen.”

„Ich gebe mir Mühe.“ Jack küsste ihn auf die Stirn - und ließ ihn gehen. „Hey“, rief er dem anderen Mann nach. „Heißt das, ich muss heute Nacht nicht alleine schlafen? Vergibst du mir?“

„Aber nur wegen des Kaffees“, erwiderte Ianto, bevor er um die Ecke verschwand.


tbc

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For your blue eyes only
This confession of the lonely
There's something rare about you
Something wrong when I'm without you

-- Tony Hadley “for your blue eyes only”