Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die


Kapitel 2.3 The Lost Boys of Cardiff

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If you are alone you belong entirely to yourself.
If you are accompanied by even one companion
you belong only half to yourself.

—Leonardo da Vinci
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Es war nicht nur so eine Ahnung - Jack wusste sehr genau, wo er Ianto jetzt finden würde, als er und Alex in den Hub zurückkehrten.

Er rollte mit den Augen - eine Geste, die er sich bei seinem jüngeren Liebhaber abgesehen hatte - und händigte die Webley widerspruchslos an Alex Hopkins aus, der wortlos die Hand aufhielt, bevor er damit in sein Büro verschwand und die Waffe in den Safe einschloss. Niemand sollte behaupten, dass er seine Strafe nicht wie ein Mann trug. Und Alex hatte ihm bereits seine Meinung auf der Rückfahrt deutlich zu verstehen gegeben.

Okay, dann hätte er eben nicht den Baum im Park als Zielscheibe benutzen sollen. Aber ihm war so langweilig gewesen. Die dritte Nacht in Folge, in der sie in dieser armseligen Ansammlung von traurigem Grünzeug herumsaßen und darauf warteten, dass ein Weevil auftauchte, dem sie dann zu seinem Unterschlupf folgen wollten. Wie es aussah, nisteten sie in Gruppen und spätestens wenn es hell wurde, kamen sie heim ins Nest.

Jack hatte Parks gesehen, die wie Dschungel oder Kunstwerke neben diesem paar kümmernden Bäumen und verwilderten Rasenstücken wirkten.

Parks aus Felsen und Steinen. Aus Eis und Schnee. Oder komplett aus Wasser - Flüsse und Seen, über die man sich über gläserne Brücken bewegte und in denen es von Geschöpfen in allen denkbaren Formen und Farben nur so wimmelte. Das waren Parks. Hier verstand man darunter wohl eine Ansammlung von fünf vertrockneten Grashalmen, die dann auch noch als Hundeklo dienten und ein paar leblosen Bäumen, zwischen deren staubigen Blättern sich nicht mal ein lausiger Vogel sehen ließ. Er musste Ianto unbedingt von dem gläsernen Park auf Triantos erzählen. Lebendes Glas, das in die exotischsten Formen wuchs. Nachts fing alles an zu glühen, da war ein fluoreszierendes Gas eingeschlossen in den Kapillaren der zerbrechlichen, durchsichtigen Pflanzen...

Sie hatten sich je zu zweit an verschiedenen Stellen versteckt, um auf eines dieser Biester mit dem schlechten Teint und dem unvorteilhaften Zahnstatus zu warten.

Irgendwie taten sie Jack leid. Sie waren nicht freiwillig hier und wurden gejagt, weil sie anders waren. Nun gut, natürlich auch weil sie Hunde und Katzen fraßen, Mülltonnen umwarfen und Obdachlose erschreckten. Alex hatte ihm einen Stapel Berichte in die Hand gedrückt, die er lesen sollte, um sich auf den Auftrag vorzubereiten - okay, Ianto hatte alles gelesen und ihm das Wichtigste erzählt - und wie es schien, tauchten sie erst seit einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen auf. Es war, als gäbe es auf ihrem Planeten ein Loch oder eine Stelle wie... wie Treibsand, durch den die Weevil fielen. Wie bei... wie hatte das Buch geheißen, aus dem Ianto ihm vorgelesen hatte? Ein Buch über ein kleines Mädchen und ein weißes Kaninchen, das durch ein Loch in eine andere Welt stürzte und dort merkwürdige Geschöpfe entdeckte. Die Weevil mussten sich so ähnlich fühlen.

Aber da sie weder wie kleine Mädchen noch wie fluffige weiße Kaninchen aussahen, fanden sie nicht viel Mitgefühl auf dieser Welt. Genauso wenig wie Freaks, die einen Kopfschuss überlebten. Oder den frontalen Zusammenstoß mit einem Auto. Biopsien. Tests über Tests über Tests, um zu sehen wie schnell ihre Haut nach verschiedenen Verletzungen heilte. Als wäre ihr Fleisch empfindungslos, als täte es ihnen nicht weh, zu bluten, gestochen und geschnitten und verbrannt zu werden. Als wäre zu sterben nichts weiter, als vorübergehend auf zu hören zu atmen.

Adam Hill war nicht damit einverstanden, was man mit ihnen machte - nicht, dass er eine andere Wahl hatte. Genau wie Alex Hopkins war er nur ein kleines Zahnrad im Getriebe. Torchwood Cardiff war keine eigenständige Einrichtung, nur ein Außenposten zur Kontrolle des Rifts. Sie wurden in jeder Hinsicht von London gesteuert. Der einzige Grund, dass sie sich nicht dort in einem Labor befanden, war das Alex das Hauptquartier überreden konnte, dass er die Hälfte der Agenten einsparen konnte, wenn er stattdessen Jack benutzte und weil sie hofften, dass sich der Doctor dort wieder blicken ließ. Sie baumelten als Köder vor der Nase des Timelords. Die Ironie daran war, dass Jack manchmal zweifelte, dass der Doctor und die Tardis sich noch für ihn und Ianto interessierten. Sonst wären sie doch längst zurückgekommen. Oder gab ihnen der Doctor die Schuld an dem, was mit ihnen passiert war?

Seit einiger Zeit schickte London ausführliche Test-Anforderungen, die der Arzt nicht wie früher umgehen konnte, denn sie verlangten das Ganze auch auf Video dokumentiert. Adam missachtete die Anweisung, alle diese Versuche ohne irgendeine Form von Narkose durchzuführen – um die Ergebnisse nicht zu verfälschen – aber es gab nicht wirklich viel, dass er tun konnte. Nicht einmal Pflaster über Wunden kleben.

Während seiner Ausbildung hatte Jack gelernt, wie man Schmerzen zufügte und wie man mit Schmerzen umging. Er konnte sich davon distanzieren, sich an einen anderen Ort zurückziehen. Ianto konnte das nicht. Er hatte ihm den einen oder anderen Trick gezeigt, an den er sich aus seiner Kindheit erinnerte, aber es war schwer für den Waliser. Der Kontakt mit telepathischen und emphatischen Spezies hatte die Menschheit dazu gezwungen, sich weiter zu entwickeln, nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Während seiner Ausbildung bei der Time-Agency hatte er gelernt, eine Blockade in seinem Geist zu errichten, die verhinderte, dass eine Person oder Maschine seine Gedanken las oder seine Gefühle spürte. Das konnte tödlich für einen Agenten auf einer Mission sein. Genauso konnte er Schmerzen und unangenehme Erinnerungen blockieren. Vielleicht nicht immer erfolgreich auf lange Sicht – Ianto hatte recht, was seine gelegentlichen Albträume betraf. Die hatte er schon in der Vergangenheit…. Erinnerungen an seinen verschollenen kleinen Bruder, an den Tod seines Vaters. An seine Mutter, die mit ihm das große Familienhaus nach dem Angriff verließ und an den Rest seiner Familie, die sich in alle Winde zerstreute. Hier im Hub war er abgeschnitten von den Dingen, die er früher benutzte, um solche Gedanken auf Abstand zu halten: Drogen, Alkohol und Sex mit so vielen willigen Partnern, wie er finden konnte. Ianto und die Möglichkeit, zumindest durch die Arbeit für Torchwood gelegentlich aus diesen grauen Mauern zu entkommen, halfen jedoch.

Jack hatte mit Alex gesprochen, ihn davon zu überzeugen versucht, dass er der interessantere Kandidat für London war. Er hatte Ianto dreitausend Jahre zusätzliche Evolution voraus: genetische, medizinische und natürliche Entwicklungen – und der eine oder andere Alien im Familienstammbaum. Ianto hatte er davon nichts gesagt. Es ging ihm nicht darum, den Helden zu spielen und er war sicherlich nicht scharf darauf, Torchwoods Nummer-Eins-Versuchskaninchen zu sein. Aber es fühlte sich richtig an. Manchmal glaubte Jack fast, dass der Doctor irgendwann - als er schlief - in seinen Kopf gekrochen war, und dort einen Verantwortungsschalter eingebaut hatte. Es war schon lange her, dass er zuletzt die Verantwortung für etwas übernommen hatte, außer für sich selbst, vor Jamie dem Gasmaskenkind und Rose und einem neunhundert Jahre alten Timelord.

Seine abschweifenden Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück, als er in den Raum am Ende des Korridors trat und seine nasse Jacke an den Türknauf hängte. Eine gelbliche Funzel an der Decke spendete Licht, das jedoch nur unzureichend gegen die Dunkelheit ankam, die schwer zwischen den Regalen hing.

Er wusste, warum Ianto sich hier so wohl fühlte, ungeachtet dessen das es kühl und grau und staubig war. Abgesehen von den steinernen Wänden befanden sie sich in einem Duplikat von Verdans Buchlager. Die sogenannte Torchwood Drei „Bibliothek“ war Iantos Lieblingszufluchtsort, und er hielt sich gerne in der vertrauten Gegenwart der alten Bücher auf, vor allem wenn Jack mit dem Team den Hub verließ.

Ianto saß auf einem unbequem aussehenden Stuhl, so tief über ein Buch gebeugt, dass es ein Wunder schien, dass er nicht einfach das Gleichgewicht verlor und vornüber kippte.

„Es regnet“, sagte Jack leise, als er vor ihm stand. Irgendwie sah Ianto mit den nach vorn gezogenen Schultern genauso alt und grau wie Verdan aus – als sauge der Raum das Leben aus ihm heraus. Er fuhr sich durch die Haare und schlenkerte mit einer lässigen Handbewegung ein paar Regentropfen von den Fingerspitzen in Iantos Richtung.

Der Waliser reagierte fast wie eine Blume, die Jack einmal irgendwo gesehen hatte – sie zog ihre Blüten bereits ein und rollte die Blätter auf, wenn sich nur die Luftfeuchtigkeit um ein Prozent veränderte – er beugte sich schützend tiefer über das Buch und sah empört zu ihm hoch. „Jack! Es ist hier unten schon feucht genug!“

Yup.“ Jack zog sich einen zweiten, kaum weniger wackligen, Stuhl neben Iantos und setzte sich, so dass er die Arme auf die Lehne legen konnte. Er streckte die Hand nach Iantos Kragen aus, um ein paar Staubfäden oder Spinnweben weg zu zupfen und auf den Boden zu schleudern. „Ich denke du fängst schon an, Schimmel anzusetzen.“

„Ha. Ha. Ich verstehe echt nicht, warum dir niemand einen Job als Komiker anbietet“, erwiderte Ianto trocken. Er legte sorgfältig einen Streifen säurefreies Papier zwischen die Seiten und klappte das Buch zu, um es auf ein niedriges Regal neben sich zu legen, das als eine Art Schreibtisch diente. „Ist es schon Morgen?“, fragte er dann, ein paar Mal mit trockenen Augen blinzelnd. „Habt ihr das Weevil-Nest gefunden?“

„Nein.“ Jack grinste. „Ich habe unerlaubte Zielübungen gemacht und wurde zur Strafe früh nach Hause und ohne Abendessen ins Bett geschickt.“

„Wohl eher ohne Frühstück.“ Ianto kramte in der Jackentasche und zog einen Schokoriegel hervor, den er an Jack weiterreichte. „Erdnussbutter, klebrig und süß. Sollte dir zusagen.“

„Oh, ich mag die Form.“ Jack schob den größten Teil des Schokoriegels in den Mund und ließ ihn dann langsam wieder heraus gleiten, genussvoll an den Seiten entlang leckend.

Ianto verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Auf was hast du geschossen? Bitte sag mir, dass es nicht Neil Franks war.“

„Es war ein Baum“, nuschelte Jack um den Schokoriegel herum, dem er obszöne Dinge antat. Dinge, die nie einer unschuldigen Süßigkeit angetan werden sollten… Mit einem deutlich hörbaren ‚plopp‘ ließ er ihn aus dem Mund gleiten. „Glaub mir, es war eine Erlösung für das arme Ding, er war schon halb tot. Was die Menschen in dieser Zeit der Natur antun…“ Er leckte Schokolade aus den Mundwinkeln und Erdnussbutter von den Zähnen. Ianto verbrachte eindeutig zu viel Zeit mit ihm, es störte ihn kaum, dass Jack vor seinen Augen Oralsex mit einem Schokoriegel hatte. Er biss ein großes Stück ab und kaute es geräuschvoll, während er den Rest davon seinem Partner anbot.

Jack grinste als Ianto sich mit nur teilweise gespieltem Ekel schüttelte und stopfte die übriggebliebene Schokolade in seinen eigenen Mund. „Was liest du da?“, fragte er schließlich neugierig, nachdem er die überraschend zähe Masse endlich hinunter geschluckt hatte.

Ianto zog ein Papiertuch aus der Tasche und hielt es ihm hin. „Du hast Schokolade am Kinn.“

„Willst du sie nicht ablecken?“, bot Jack grinsend an. „Ich erinnere mich an andere Körperstellen, die du…“

„Danke. Nein, Danke, nicht heute“, unterbrach ihn Ianto und drückte ihm das Papiertuch gegen den Mund. Er ließ es erst los, als Jack danach griff. „Peter Pan“, sagte er dann. „Eine Geschichte über einen Jungen, der mit seinen Freunden – die man die Verlorenen Jungs nennt - auf einer Insel lebt, auf der niemand je erwachsen wird.“ Ianto warf einen prüfenden Blick auf seine Finger, dann nahm er das Buch wieder zur Hand. „Es gibt Höhlen und Schätze und Piraten…“ Seine Stimme begann ein klein wenig zu zittern. „Und ein Krokodil. Es hat eine Uhr gefressen und deshalb konnte man immer hören, wenn es kam, weil die Uhr in seinem Magen weiter tickte.“ Ianto starrte auf den dunkelgrünen Einband, auf dem sich Stockflecken zeigten. Die goldgeprägte Aufschrift war fast nicht mehr zu entziffern. „Es ist von einem schottischen Autor namens James Matthew Barre und so wie es aussieht, gibt es hier mehrere Erstausgaben seiner Bücher.“ Erst bei näherem Hinsehen sah man das in das Leinen das verblasste Bild eines Jungen mit einer Flöte geprägt war. Ianto fuhr mit der Fingerspitze die Abbildung nach, etwa so wie ein Blinder Brailleschrift las. „Sie sind in keinem besonders guten Zustand. Vielleicht kann ich sie reparieren.“

Jack ruckelte den Stuhl ein wenig näher, obwohl er damit riskierte, dass das verquollene Holz unter ihm jeden Zusammenhalt verlor. „Das klingt interessant. Was ist ein Krokodil genau?“

„Du hast gesagt, sie erinnern dich an Zephir-Echsen, nur dass sie viel kleiner sind.“ Ianto drehte das Buch, so dass Jack das unter dem Jungen abgebildete Krokodil sehen konnte. „Sie waren in einer der Tiersendungen über Afrika.“

„Ah!“ Jacks Augen leuchteten auf. „Ich erinnere mich wie zwei von denen eines dieser gestreiften Pferde in der Mitte auseinandergerissen haben.“

„Ein Zebra“, korrigierte Ianto automatisch. „Bist du sicher, dass du nicht erst fünf bist? Ich dachte in dem Alter findet man so was toll. Das Buch ist dann vielleicht etwas zu wenig blutrünstig für deinen Geschmack. Obwohl das Krokodil einem der Piraten die Hand abbeißt. Er trägt dann stattdessen einen Haken.“

Jack rieb sich die Handflächen vorsichtshalber an seiner Jeans ab, bevor er das Buch anfasste. (Diese Lektion hatte er längst gelernt, der jüngere Mann nahm Bücher sehr ernst.) Er schlug es auf, blätterte langsam die Seiten durch, sah sich ein paar der Illustrationen an. „Lies es mir vor.“

„Du hast Augen, lies es dir selbst vor.“ Ianto stand auf und streckte sich mit einem Gähnen. Sein Rücken fühlte sich an als hätte seine Wirbelsäule Rost angesetzt.

„Ich mag deine Stimme, und diesen sexy Akzent.“ Jack folgte ihm und hielt das Buch unter den Arm geklemmt – allerdings sorgfältig darauf achtend, nirgendwo damit anzustoßen und es womöglich noch mehr zu beschädigen.

Ianto rollte mit den Augen und machte sich auf dem Weg durch die Regale zum Ausgang. Er wartete, bis Jack sich zu ihm gesellte und seine Jacke vom Türknauf nahm, dann schloss er die Tür ab und verstaute den altmodischen, großen Schlüssel in der Hosentasche. „Ist Alex sehr wütend auf dich?“

„Weniger als damals als ich mir den Wagenschlüssel von Franks „ausgeliehen“ habe und eine Spritztour machte und sehr viel weniger als nach dem Zwischenfall mit dem Schwammding, das noch nicht so tot war, wie es aussah“, erklärte Jack nach kurzem Überlegen. Er wickelte das Buch in seine Jacke – sorgfältig darauf achtend, dass es nur mit der trockenen Innenseite in Berührung kam und klemmte das Bündel wieder unter den Arm.

„Du hättest ja auch nicht unbedingt damit jonglieren müssen“, tadelte Ianto lachend.

„Die einzelnen Teile lagen gut in der Hand und ich wusste nicht, dass es sich nur tot stellte und sich darüber hinaus beliebig zerlegen kann“, verteidigte sich der Captain grinsend, während sie durch einen muffigen Korridor gingen. „Oder dass Alex plötzlich hinter mir stehen würde.“

„Sein Gesicht und seine Hände waren sechs Tage lang blau von dem Verteidigungssekret, dass das Ding in der Gegend verspritzt hat. Du hast dich nur darüber beklagt, dass ein paar Tropfen auf deinen Schuhen landeten. Ich finde es war sehr großzügig von ihm, dass du nur eine Nacht in einer Zelle verbrachtest.“ Ianto trat in den Lift, der sie auf den Level brachte, auf dem ihr Quartier lag. Dieser Teil der Archive war nur durch einen einzigen Zugang zu betreten und zu verlassen. Sie durften sich hier frei bewegen, weil sie nirgendwo anders hin konnten, selbst wenn sie es wollten.

„Ich mochte die Schuhe. Und die Zelle war Adams Vorschlag. Er wollte verhindern, dass Alex mich erwürgt.“ Jack drängte Ianto in eine Ecke der Liftkabine. „Hey, das bedeutet, ich habe mindestens so lange nichts zu tun, bis der Rest des Teams zurückkommt. Was fangen wir mit der freien Zeit an?“

„Du könntest ein Buch lesen“, schlug Ianto mit dem unschuldigsten Gesichtsausdruck der Welt vor. „Bildung schadet nie und du...“ Den Rest seines Satzes schnitten Jacks Lippen auf seinen ab. Eine Mixtur aus Schokolade und Jacks Pheromonen explodierte über seine Sinne.

Vielleicht war es besser, wenn Jack Alex nach seinem letzten Fehltritt nicht wieder so schnell unter die Augen kam, dann konnte er sich beruhigen – so gesehen war es ein wirklich gutes Werk, Jack in ihrem Zimmer fest zu halten... Dann hörte er auf zu denken und überließ sich den Fingern des anderen Mannes, die sich bereits durch etliche Schichten Kleidung zu seiner Haut vorgewühlt hatten, noch bevor der Lift ruckelnd zum Stehen kam.


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„Jetzt komm schon her, du Eisklotz“, beschwerte Jack sich lachend und nahm das Gesicht aus Iantos Halsbeuge. Der Jüngere rutschte schon seit ein paar Momenten unruhig hin und her und seine Gänsehaut verursachten leider nicht Jacks Finger, sondern die kühle Luft in ihrem Zimmer. Ein altertümlicher Heizkörper gurgelte und ratterte, doch die Wände und die hohe Decke schluckten was immer er an Wärme produzierte. Es dauerte eine Weile, bis sich die Luft erwärmte und niemand von ihnen hatte daran gedacht, ihn anzustellen, bevor sie die Kammer verlassen hatten. Deshalb war der Raum so ausgekühlt.

Inzwischen hatten sie genug Übung und tauschten geschickt auf dem schmalen Bett die Positionen ohne dass einer von ihnen auf dem Boden landete. Jack rollte weit genug zur Seite, dass Ianto flach auf dem Rücken liegen konnte und angelte nach der Decke am Fußende.

Ianto zog sie dankbar bis über die Schultern hoch. Nicht, dass er nicht lieber Jacks Haut gegen seine spüren würde, aber im Augenblick überwog das Verlangen, sich aufzuwärmen.

Er hasste, dass er so leicht fror, aber das war so gewesen solange er sich zurückerinnern konnte.

Seine Mam lächelte, strich ihm durch die Haare und kaufte ihm warme Pullover. Seine Schwester hatte ihn gelegentlich damit aufgezogen und oft auch als Frostbeule verspottet. Sein Vater konnte manchmal nicht ganz verbergen, dass er enttäuscht war; und dass Ianto nicht völlig seinen Vorstellungen eines Sohnes entsprach. Ihr Verhältnis war immer angespannt geblieben, und Ifan Jones verstand nicht, warum Ianto lieber die Nase in ein Buch steckte, als draußen zu spielen.

Einmal hatte er gehört, wie seine Eltern in der Küche stritten, darum bemüht, die Stimmen nicht so sehr zu erheben, dass man sie außerhalb des Raumes hören konnte. Ianto saß auf der Treppe, die Knie bis unters Kinn hochgezogen, die Arme um die Beine geschlungen und bekam genug mit, um zu wissen, dass er eines der Themen war, über dass sich sein Vater ereiferte. Ifan warf seiner Frau vor, den Jungen zu sehr zu verzärteln. Es vergingen Jahre, bevor er die Worte, die folgten, auch verstand. „Du kannst nicht ungeschehen machen, was passiert ist und er kann sie nicht ersetzen, also hör auf, ihn wie ein Mädchen zu behandeln.“ Die Antwort seiner Mutter war unverständlich gewesen, erstickt von Tränen. In diesem Moment wollte er nichts mehr, als zu ihr zu gehen und seine Mami zu trösten; ihr versprechen, dass er alles tun würde, damit sie wieder lachte und ihn umarmte und mit ihm spielte. Aber er blieb, wo er war, denn sein Vater würde wütend werden, wenn er herausfand, dass Ianto nicht in seinem Bett war und schlief, wie er sollte. (Er war ein Teenager gewesen, ein paar Wochen bevor er nach London verschwand, als Rhiannon ihm sagte, dass sie die Tagebücher ihrer Mutter an sich genommen hatte, als sie einige Zeit nach dem Tod ihrer Mam auszog, um eine gemeinsame Wohnung mit ihrem Freund zu nehmen. In den Tagebüchern stand, dass ihre Mutter vor Ianto und nach Rhi ein weiteres Kind – ein Mädchen – erwartete, es aber bei einer Fehlgeburt verlor. Und erst dann machte die Bemerkung seines Vaters, die sich unweigerlich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte, obwohl er noch so jung gewesen war, Sinn.)


Ianto? Hey, bist du noch da?“ Jack wedelte mit einer Hand vor dem Gesicht des jüngeren Mannes hin und her und zog die Augenbrauen hoch, als Ianto ihn endlich ansah und auch definitiv erkannte. „Du hast eine ganze Weile ins Leere gestarrt. Ich dachte schon du bist mit offenen Augen eingeschlafen.“

„Ich…“ Ianto hob eine Schulter. „Ich habe nur an etwas gedacht.“

„War es ein Buch?“, neckte ihn Jack. „Oder etwas wirklich interessantes? War ich es?“

„Die Welt dreht sich nicht um Jack Harkness.“ Eine warme Hand wanderte über die Innenseite seines Oberschenkels.

„Noch nicht.“ Jack beugte sich vor und leckte über die kleine Mulde unterhalb von Iantos Adamsapfel, der hüpfte als der Waliser unwillkürlich schluckte. „Warte es nur ab.“

„Bescheiden und unersättlich“, murmelte Ianto. Er grub die Finger in Jacks Haare und hob seinen Kopf an. „Wir haben keine Zeit mehr“, sagte er mit Bedauern. „Ich muss unter die Dusche und mich anziehen. Du weißt, ich habe Alex versprochen, ihm bei der Ablage zu helfen.“

„Dafür willst du mich alleine im Bett lassen?“, murrte Jack, seinen Griff um Iantos Mitte verengend. „Für langweiliges Papier? Was soll ich inzwischen machen?“

„Ich bitte Alex darum, dass er deinen Stubenarrest aufhebt. Dann kannst du mitkommen und mir auf den Hintern starren, während ich mich über Aktenschränke beuge. Das sollte dich für eine Weile aus Schwierigkeiten heraushalten.“

„Bist du sicher? Was, wenn ich mich nicht mit Zusehen begnüge? Was wird Alex dazu sagen, wenn ich dich über einen dieser Aktenschränke beuge und dich mit den Zähnen ausziehe?“ Jack grinste zufrieden, als Ianto hörbar scharf einatmete.

„Dann könnte es sein, dass wir beide die nächste Nacht in einer Zelle verbringen.“ Er legte die Hand über Jacks Mund, als der zu einer Antwort ansetzte. „Und zwar in getrennten.“

„Kein Sex vor den Weevil, die Hill untersuchen soll?“, fragte Jack, einen Kuss gegen Iantos Schlüsselbein pressend.

„Absolut kein Sex.“ Ianto strich mit einer Fingerspitze an Jacks Kinn entlang, dann über seine Brust. „Wie wäre es… wenn du als Entschädigung… jetzt mit mir duschen gehst?“

„Der beste Vorschlag aller Zeiten.“ Jack rollte sich in einer einzigen, geschmeidigen Bewegung aus dem Bett und auf die Beine, um Ianto die Hand entgegen zu strecken. „Worauf warten wir?“

Lachend ließ sich Ianto von ihm auf die Füße helfen. Ihm war plötzlich nicht mehr kalt.


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Als Ianto gegen Mittag in ihr Quartier zurückkam, lag Jack nicht etwa in seinem eigenen Bett, sondern in Iantos. Alex hatte sich kategorisch geweigert, Jacks Stubenarrest aufzuheben, also hatte er tatsächlich den ganzen Morgen und Vormittag dort verbracht.

Jemand hatte für das Team Pizza bestellt und Ianto trug ihren Anteil mit sich. Überrascht stellte er fest, dass weder seine Ankunft, noch der Geruch nach Essen, Jacks Aufmerksamkeit erregten.

Im Gegenteil. Der andere Mann schien völlig von dem Buch gefesselt, das vor ihm auf dem Kissen lag. Iantos Kissen, im Übrigen.

Er sah erst auf, als Ianto auf der Bettkante Platz nahm, nachdem der die Pizza auf den Tisch gestellt hatte. „Nicht hungrig?“

„Ich lese das Kapitel noch zu Ende.“ Jack imitierte Iantos skeptisch hochgezogene Augenbraue. „Was? Du hast mir oft genug gepredigt, dass man keine Fettflecken in Büchern hinterlässt und ich habe noch nie Pizza gegessen ohne fettige Finger zu bekommen.“

„Du hast den ganzen Vormittag damit verbracht, Peter Pan zu lesen?“, fragte Ianto erstaunt.

„Ich lese es gerade zum zweiten Mal.“ Jack packte den Papierstreifen, der als Einmerker diente, wieder ins Buch und klappte es zu. Er rollte sich herum und setzte sich auf. „Du hast etwas von Pizza gesagt?“

Aber Ianto machte keine Anstalten aufzustehen. „Wir sind wie die verlorenen Jungs im Nimmerland. Wir werden so bleiben wie wir jetzt sind, nicht wahr? Das war es, was Adam gemeint hat, als er sagte wir würden nicht altern.“ Er sah zu Jack auf.

„Er sagte, es sieht so aus als würden wir nicht sichtlich altern“, korrigierte ihn Jack, den Pizzakarton öffnend. „Und wäre das nicht ein furchtbarer Verlust, wenn wir unser gutes Aussehen an die Zeit verlieren würden?“ Er strich sich über die Schläfen. „Graue Haare. Falten.“ Jack schauderte dramatisch.

„Ein unbeschreiblicher Verlust.“ Ianto stand mit einem Seufzen auf und trat neben Jack, bevor der seine Finger überall über ihrem Essen hatte.

„Hey, wenn wir wie Peter Pan sind…“, meinte Jack mit vollem Mund. „Könntest du dann nicht…“

„Ich werde Alex nicht darum bitten, dass du ein Krokodil im Hub halten darfst. Ob es tickt oder nicht.“ Ianto biss wesentlich ordentlicher von seinem Pizzastück an, das auf einer Serviette lag.

„Spielverderber.“ Jack beugte sich vor um einen fettigen, tomatigen Kuss auf Iantos Wange zu platzieren. Er beobachtete den Waliser aus den Augenwinkeln, als Ianto angewidert seine Wange mit einer Papierserviette abwischte. Ianto übersah über ihrer eigenen Situation eine Botschaft von Peter Pan – für immer war nicht so unerträglich, wenn man jemanden hatte, mit dem man die Ewigkeit teilen konnte. Wie Peter, Wendy und die Verlorenen Jungs, selbst die Piraten - sie hatten einander.



Ende (tbc)