Titel: Come to Forget
Autor: Lady Charena (März 2016)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 3435
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, OC: Dr. Adam Hill, andere erwähnt
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, ab18, slash
Beta: T’Len


Summe: Nachdem ein Weevil seinen Tod verursacht hat, hat Ianto schwer mit den Nachwirkungen zu kämpfen.


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


Warnung: Zeitweiliger Charaktertod (Jack & Ianto) und hinterher sexuelle Handlungen.


Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.26: Come to Forget



Niemand konnte hinterher so genau sagen, was passiert war und wie es überhaupt passieren konnte. Es war nicht das erste Mal und würde traurigerweise auch nicht das letzte Mal gewesen sein.

Die Betäubung des Weevils hatte nachgelassen oder war nicht ausreichend gewesen - es handelte sich hier schließlich nicht um eine exakte Wissenschaft, sondern eher um „zielen und das Beste hoffen“ und irgendwie war es ihm gelungen, sich aus den Plastikfesseln zu befreien. Und als Alex Hopkins den Kofferraum öffnete, schnellte die außerirdische Kreatur mit wutentbranntem Gebrüll aus seinem zeitweiligen Gefängnis. Alex wurde mit einem mächtigen Hieb einer krallenbewehrten Hand zur Seite geschleudert und rutschte von der Wucht des Aufpralls noch einige Meter über den rauen Boden der Garage.

Jack, der vorausgegangen war, um die alte Rollliege zu holen, auf der sie den vermeintlich bewusstlosen Weevil in den Hub rollen wollten, stand bei der Eingangstür, die er eben mit einem Holzkeil vor dem Zufallen gesichert hatte. Er wirbelte herum, als er das Brüllen und Alex‘ Schmerzensschrei hörte, aber da war nichts, dass er tun konnte. Seine Webley lag neben Hopkins‘ Glock auf dem Armaturenbrett des Wagens. Genau wie der Behälter mit Betäubungsspray.  

Der – wortwörtlich – entfesselte Alien prallte mit unglaublicher Wucht gegen ihn. Skelett und Muskeln des Weevils waren im Vergleich mit menschlichen Muskeln und Knochen weitaus stabiler – weshalb der Weevil, der kaum so groß wie ein erwachsener Mann war, wesentlich mehr wog und Adam spekulierte deshalb auch, dass auf der Heimatwelt der Weevil eine höhere Schwerkraft herrschte als auf der Erde. Da Jack nicht auswich, es nicht schaffte, auszuweichen, wurde sein Brustkorb eingedrückt, Herz und Lungen von seinen eigenen Rippen durchbohrt. Er war tot, als er einige Meter weiter auf den Boden aufschlug und spürte nicht mehr, wie sein Kopf mit einem Betonpfeiler kollidierte.

Nur ein wenig benommen von seinem Zusammenstoß mit Jack, rappelte sich der Weevil auf und folgte seinem Instinkt – er floh aus der hell beleuchteten Garage in den unbeleuchteten Verbindungskorridor, der direkt in den Vault genannten Zellentrakt des Hubs führte.

Und stieß dort auf Ianto, der gekommen war, um den beiden anderen Männern beim Aufräumen zu helfen, nachdem er auf einem der internen Monitore im Hub gesehen hatte, wie der Wagen in die Garage fuhr.

Überrascht und unbewaffnet stellte Ianto kein Hindernis für den vor Wut und Terror blinden Weevil dar, der zudem im Gegensatz zu ihm den Menschen im schattigen Korridor sehen und riechen konnte, bevor Ianto bemerkte, dass etwas nicht in Ordnung war.

Die rasiermesserscharfen Klauen schnitten durch Iantos Fleisch mit so viel Widerstand wie das sprichwörtliche kalte Messer durch warme Butter glitt.

Das war nicht, was Ianto dachte. Ein vollkommen ordinäres „Was?“ flatterte kurz durch seine Gedanken und dann ein „Bitte nicht“ und er sah nach unten, weil sich beschämende Wärme über seine Beine ausbreitete, aber er hatte sich nicht in die Hose gepinkelt – oder vielleicht doch, eine vollkommen normale Reaktion des Körpers in einer lebensbedrohlichen Situation, hatte Adam ihm erklärt – sondern Blut floss in Strömen aus den tiefen Rissen, die die Krallen in seinem Bauch und seinem Brustkorb hinterlassen hatten.

Und dann dachte er gar nichts mehr, als Panik durch ihn flutete, mächtiger sogar als der lähmende Schmerz, der ihn an Ort und Stelle festhielt. Er konnte nicht atmen, weil seine punktierte Lunge sich mit Blut füllte und sackte mit einem Röcheln auf die Knie.

In diesem Moment ging das Licht an, peitschten Schüsse durch den Korridor, trafen den Weevil in die Brust und in den Kopf, als Neal Franks und Shanna Lyons zu ihrer Hilfe eilten. Ohne es zu wissen, hatte er gerade die Schussbahn für sie freigemacht, genau in dem Moment, als sie den Hub-seitigen Eingang des Korridors erreichten.

Adam Hill folgte ihnen, in der einen Hand eine Waffe, in der anderen seinen Notfallkoffer. Dem Arzt liefen schockierte Tränen über die Wangen – was er selbst überhaupt nicht wahrnahm – als der Nachhall des letzten Schusses verstummte und er die blutbefleckten Körper seiner Freunde erblickte.

Aber all das spielte für Ianto schon keine Rolle mehr, als der gleißende Schmerz durch ihn schnitt und er in einen Vortex aus kaltem Feuer stürzte.

Dann sackte der tote Weevil über ihm zusammen und sein Gewicht brach Ianto das Genick.


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Er erwachte aus der Dunkelheit in hellem Licht und konnte noch immer nicht atmen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er nach Luft, versuchte die qualvolle Leere in seinem Brustkorb zu füllen. Trotz des unbeschreiblichen Stresses, dem sein Körper ausgesetzt war, schlug sein Herz langsam, fast träge, fast zögerlich und pumpte Blut durch frisch geformte Blutgefäße in seine eiskalten Gliedmaßen. Ein Kribbeln wie das Eintauchen in einen kompletten Ameisenbau arbeitete sich durch ihn. Und als ob es sich dabei um ein Signal an sein Nervensystem gehandelt hatte, verkrampften sich seine Muskeln und er schlug unwillkürlich um sich. Bitter Flüssigkeit sammelte sich in seinem Mund.

Ianto versuchte sich zu orientieren, aber da war nichts als Licht und schwarze Flecken mit grellroten Rändern, die in seinem Blickfeld waberten. Was war… passiert? Der Gedanke wälzte sich zäh wie geschmolzenes Karamell durch seinen Kopf und bevor er ihn beendet hatte, klebte ein Wort daran fest. Blut. Ein anderes folgte. Weevil. Und ein drittes. Tod.

Das letzte Wort schien direkt in ihn hinein zu greifen und sein nun halsbrecherisch schnell schlagendes Herz zusammen zu drücken.

Er war gestorben. Tot… und dann nicht mehr... tot.

Der Schmerz. Die Angst. Die Hilflosigkeit. Diese eisige, einsame Dunkelheit.

Wieder. Und wieder und immer wieder bis in alle Ewigkeit?

In ihm schwoll etwas an, ein wortloser Schrei und drohte ihn zu ersticken.

Dann spürte er Hände um sein Gesicht, auf seinen Schultern, an seinen Armen. Sie zerrten an ihm, zogen ihn hoch, mit einer unwiderstehlichen Hartnäckigkeit, halfen ihm auf die Knie und hielten ihn fest, als er sich erbrach. In seinem Magen war nichts als kalte Furcht und der klägliche Rest des Kaffees, den er getrunken hatte, bevor das alles passierte. Wann? Wie lange war er tot gewesen? Eine Stunde, ein Jahr, ein Jahrhundert? Hatte Zeit überhaupt noch eine Bedeutung?

Er würgte trocken und spürte Finger, die besänftigend über sein Haar strichen, begleitet von Worten, die nur als Rauschen in seine Ohren vordrangen, übertönt vom Hämmern seines Herzschlages. Ianto versuchte sich darauf zu konzentrieren, gab es aber auf, um sich an die näherliegende Aufgabe zu wagen, und einfach nur zu atmen.

„Das ist es. Einatmen. Ausatmen. Es wird gleich besser, Ianto.“ Langsam übertönte Jacks Stimme das Chaos in seinem Kopf. Er griff blindlings nach ihm und Jacks Hand fand seine, drückte seine Finger so fest, dass sie taub wurden. „Ianto enseve.“

Mehr als alles andere war es dieses Wort aus Jacks Muttersprache, das die anderen vertrieb und den Griff der Panik um ihn löste. Jack hatte gesagt, dieses Wort bedeutete, dass er nie alleine sein würde. Dass er immer einen Ort hatte, an den er gehörte. Zu Jack.

„Ich helfe dir auf die Beine, okay?“, fuhr Jack fort und Ianto spürte, wie Jacks freier Arm – seine andere Hand umklammerte noch immer Iantos Finger – um und unter seine Schultern glitt. Er wurde wie ein Kind aufgerichtet und genauso unsicher stand er schließlich auch auf seinen eigenen zwei Füßen. „Wir gehen weg von hier.“

„Du?“, fragte Ianto und das Wort schaffte es nur mit Mühe durch seine wunde Kehle. Das und zu atmen, zu mehr war er im Moment noch nicht in der Lage.

„Ich komme mit“, versicherte ihm Jack.

Er ließ sich ein paar Schritte führen, dann wiederholte er mit Nachdruck: „Du?“

Jack atmete tief ein und zögerte einen Moment. „Ich bin… wieder ganz in Ordnung“, sagte er dann. „Es war… nichts, was ich gleich – oder jemals - wiederholen möchte, aber es ging schnell. Bei dir hat es so lange gedauert, dass wir Angst hatten, du würdest… Adam meint, er denkt, es könnte daran liegen, dass ich sofort gestorben bin und du nicht...“ Er stockte. „Alex ist okay. Er hat den Arm gebrochen und kann sich vor Prellungen kaum bewegen, aber er hat es überlebt. Adam versorgt ihn gerade.“

Vielleicht sagte Jack noch mehr, vielleicht schwieg er auch, Ianto bekam es nicht mehr mit. Er zog sich tief in sich selbst zurück, setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen, bis Jacks Hand ihn erneut stoppte.

Sie standen vor der Tür ihres alten, gegenwärtigen, Quartiers. Es lag näher als ihre neue, fast fertig eingerichtete Wohnung über dem Tourismusbüro.

Ianto?“ Zum zweiten Mal holte ihn Jacks Stimme in die Gegenwart zurück.

„Ich muss… ich will…“ Was wollte er? Außer alles zu vergessen? „...duschen.“

„Ich komme mit dir.“

Doch plötzlich war ihm das zu viel. „Alleine.“ Ianto löste sich aus Jacks Griff, schaffte es sich auf den Beinen zu halten und die wenigen Schritte bis zum Badezimmer zurück zu legen, ohne auf den Boden zu fallen. Irgendwie wand er sich aus den Überresten seiner Kleidung, ohne dabei das Blut anzusehen und stand dann endlich unter einem warmen Wasserstrahl.

Er drehte den Hahn weiter auf, bis das Wasser so heiß auf ihn einprasselte, wie es gerade noch zu ertragen war. Es änderte wenig an der eisigen Kälte, die irgendwo in ihm steckte, die gleiche Kälte, die in der Dunkelheit auf ihn wartete. Ein Schaudern, mehr als das, ein krampfartiges Zittern arbeitete sich durch seine Muskeln. Er wollte nie wieder dorthin zurück. Es war unbeschreiblich, unerträglich, unendlich…

Wieder schwoll etwas in ihm heran, in seinem Bauch, füllte seine Lungen wie eine zähe Masse, stieg hoch bis in seine Kehle und blieb dort stecken. Sein Atem stockte und er schnappte nach Luft, schluckte stattdessen Wasser und begann zu husten. Es fühlte sich an, als würde er ertrinken. Der inzwischen vertraute metallische Geschmack füllte seinen Mund und er erinnerte sich an den schweren Druck in seinem Brustkorb, als seine punktierte Lunge sich mit Blut gefüllt hatte.

Nach Halt suchend stolperte er vorwärts und presste seinen zitternden Körper gegen die gesprungenen, altersfleckigen Fliesen. Er wurde die klebrige Kälte der Dunkelheit nicht los, das Wasser konnte sie nicht abwaschen, sie würde für immer an ihm kleben, ihn einschnüren und ersticken…

Für immer.

Der Druck in seinem Inneren ließ nicht nach, wurde nur noch stärker. Er war zum Bersten voll mit einem namenlosen Empfinden und er wusste nicht wie er es loswerden sollte. Ianto schlug mit der flachen Hand gegen die Wand, hörte über das Rauschen des Wassers hinweg das Geräusch wieder hallen. Er ballte die Finger zur Faust und schlug wieder gegen die Wand, spürte keinen Schmerz, nur ein vages Kribbeln. Er fühlte nichts. Er fühlte zu viel. Er fühlte eine Ewigkeit voller eisiger Dunkelheit, die ihn endlos umschlang und erdrückte und Ianto ballte die andere Hand ebenfalls zur Faust und schlug mit ihr gegen die Wand.

Wieder und wieder, bis verwaschene Blutschlieren seiner geplatzten Knöchel die Fliesen mit einem rosa Muster sprenkelten. Und dann hielt Ianto inne, starrte auf die Spuren an der Wand und seine Knie gaben nach.

Aber er fiel nicht auf den Boden, sondern wurde aufgefangen und festgehalten und sanft in der Duschwanne abgesetzt, während das Wasser immer noch auf sie niederprasselte. Jacks Geruch drang durch die Dunkelheit in seinem Kopf, noch bevor er bewusst die Nähe  des anderen Mannes registrierte und er drehte sich blindlings herum, vergrub sein Gesicht gegen Jacks Schulter.

Er fühlte sich, als ob er ein wenig den Verstand verlor. Als wäre er ein bisschen mehr zerbrochen zurückgekommen.

Jack hielt ihn so fest, als versuche er ihre Körper permanent miteinander zu verschmelzen, obwohl die Haltung für sie beide unangenehm war. Ianto spürte Jacks Lippen, auf seiner Stirn, an seinem Ohr. Er sprach mit ihm und obwohl seine Worte unverständlich blieben, halb erstickt vom Rauschen der Dusche, hüllte sie Ianto in die gleiche Wärme wie seine Arme.

Jacks Nähe konnte nicht die Erinnerung an die eisige Dunkelheit auslöschen, aber sie half ihm, sie so weit zurück zu drängen, dass sie nicht mehr alles überdeckte. Die Hilflosigkeit, die Panik, die er empfunden hatte, lockerten ein wenig ihren Griff, aber harrten am Rande seines Bewusstseins aus, bereit wieder zuzuschlagen, wenn er ihnen den Rücken zuwenden sollte.

Wenn er das nächste Mal in diese eisige Dunkelheit gezerrt werden würde.

Wie konnte er weiterleben, nachdem er gestorben war?

Schließlich wurde das heiße Wasser merklich kühler und obwohl Ianto es nicht bewusst wahrnahm, begann er wieder zu zittern. Sein Körper war an der Grenze des Erträglichen angekommen, auch wenn von seinen Verletzungen keine Spur mehr blieb. Sein Kopf war leer.

Es war Jack, der ihn mit sich auf die Beine zog, als er aufstand. Er drehte das Wasser ab, führte ihn aus der Duschkabine und zauberte scheinbar aus dem Nichts ein Handtuch hervor, um ihn abzutrocknen.

Die beiden Matratzen ihres alten Bettes standen nicht mehr an der Wand im hinteren Teil des Raums, sondern waren in der Mitte aufeinander gestapelt. Decken häuften sich darauf und Ianto wickelte sich dankbar darin ein, ließ sich in die Matratzen sinken. Mit geschlossenen Augen lauschte er auf Jacks Schritte, das Geräusch seiner nassen Kleidung, die klatschend auf dem Boden aufschlug, das Knarren der Schranktür, als Jack ein weiteres Handtuch suchte.

Und dann glitt Jack hinter ihn auf das improvisierte Lager, schlüpfte zu ihm zwischen die Decken. Seine Wärme presste gegen Iantos Rücken, als Jack die Arme um seine Taille schlang und ihn eng an sich zog. Sein Atem verlangsamte sich, passte sich dem beständigen Rhythmus von Jacks Atem an, den er gegen die Seite seines Gesichts spürte.

Bis der Schlaf ihn endlich vergessen ließ.


###


Als Jack wach wurde, war er alleine. Ianto war verschwunden und wie es aussah, mit ihm die Hälfte der Decken. Seine Kleidung war nach der ungeplanten Dusche noch immer tropfnass, also ließ er sie liegen, wickelte eine Decke lose um die Hüften – nur wegen der kühlen Luft, die durch die halboffene Tür kam. Und weil ihm nicht danach war, Alex oder Neal Franks zu provozieren, indem er nackt durch den Hub lief.

Obwohl es inzwischen mitten am Tag sein musste, war niemand in dem höhlenähnlichen Raum. Alex‘ Büro war dunkel. Adam musste ihn nach Hause geschickt haben. Und die anderen waren wohl unterwegs. Cadens Reihe an Computerbildschirmen zeigte verschiedene Grafiken an, also war der Computertechniker wohl gerade in einem anderen Teil des Hubs unterwegs.

Ianto war genau dort, wo er ihn vermutete – in ihrem neuen Quartier unter dem Dach des Touristeninformationsbüros. Er hatte begonnen sich anzuziehen, trug aber nur ein Sweatshirt und eine Pyjamahose, keine Socken, aber zusätzlich eine Decke um die Schultern gewickelt. Und saß still in einem kleinen Fleck Sonnenlicht, der durch das Dachfenster auf ihr Bett fiel.

Als Jack zu ihm trat, hob er den Kopf, sah zu ihm hoch. Wortlos hielt Jack ihm die Hand hin, zog ihn auf die Beine, als Ianto ohne Zögern die Finger in seine legte. Er zog ihn näher und hörte, wie Iantos Atem stockte, als versuche er etwas zu sagen und fand die Worte nicht.

„Ich...“ Die Muskeln in Iantos Kehle arbeiteten sichtbar, aber er schien nicht zu wissen, was er sagen wollte.

Er hob die Hand, legte die Handfläche gegen die Seite von Iantos Gesicht und küsste ihn. Iantos Mund öffnete sich seinem, aber er war immer noch kalt. Seine andere Hand fand ihren Weg zu Iantos Hüfte, brachte sie aus dem Gleichgewicht, drehte sie herum und sie taumelten ein paar Schritte durch den Raum, bis Ianto gegen den Tisch knallte, an dem sie vor einer gefühlten Ewigkeit Pizza gegessen hatten. Die Decke fiel von Iantos Schultern und Jack attackierte die blasse, kühle Haut seines Halses und Nackens.

Anstatt sie zurück zum Bett zu lenken, setzte sich Ianto auf die Tischkante und Jack konnte zwischen seine geöffneten Knie treten. „Jack.“ Er griff nach ihm, legte die Hände auf Jacks Hüften, um ihn enger zu ziehen, dann glitten Iantos Finger an der Wirbelsäule des anderen Mannes entlang nach oben, schoben sich in sein Haar, zerrten leicht daran.  

Jack stoppte als er das wortlose Signal bemerkte, sah ihn prüfend an. „Was brauchst du?“, fragte er.

Ianto beugte sich vor, küsste ihn auf die Stirn. „Ich will vergessen...“, sagte er leise. „Für eine Weile.“

Es gab darauf nur eine Antwort und Jack kannte sie. Er küsste Ianto und der junge Waliser kam ihm mit einer Heftigkeit entgegen, die von Verzweiflung durchzogen war. Seine Zunge geriet zwischen Iantos Zähne, aber der kurze Schmerz war bedeutungslos – eine Erinnerung daran, dass sie tatsächlich überlebt hatten. In Träumen fühlte er nie körperliche Schmerzen, es waren nur die emotionalen Narben, die schmerzten.

Er folgte einer imaginären Linie entlang Iantos Kinn mit dem Mund, spürte unter seiner Zunge den rasenden Pulsschlag und biss ihn in den Übergang zur Schulter. Dann löste er sich lange genug von ihm, um Ianto das Sweatshirt über den Kopf zu ziehen.

Iantos Finger glitten suchend über seinen Rücken als hätte er bisher nicht völlig realisiert, dass Jack nichts als eine Decke um die Hüften gewickelt trug. Nun, zumindest bis dorthin. Er kickte sie mit dem Fuß zur Seite, als sie auf den Boden fiel.

Jack erwiderte den Gefallen und manövrierte Ianto aus der Pyjamahose, die er trug, ohne seinen Mund einen Moment freizugeben. Kaum war der störende Stoff entfernt, rutschte Ianto ein wenig nach hinten, so dass er tatsächlich auf dem Tisch saß, nicht nur auf der Kante. Und als Jack wieder zwischen seine geöffneten Knie trat, presste er gegen ihn. Seine Finger packten unsanft das dichte Haar an Iantos Hinterkopf und zogen seinen Kopf etwas nach hinten, so dass Jack sich wieder seiner Kehle widmen konnte. Er betrachtete stolz die roten Spuren, die seine Zähne hinterließen. Jetzt war Iantos Haut nicht mehr kalt. Unter seinen Berührungen färbte aufsteigendes Blut die blasse Haut pink und rot und brachte sie dazu, warm gegen seine zu pulsieren.

So wunderschön und so lebendig.

Iantos Finger gruben sich in seine Schultern um Halt zu finden und er schlang die Beine um Jacks Taille, so dass sie aneinander glitten wie zwei zusammengehörende Puzzleteile. So perfekt, wie füreinander gemacht. Jack stützte die Handflächen hinter Iantos Rücken auf der Tischplatte auf und presste gegen ihn, atemlos auflachend, als Ianto aufstöhnte und die Fersen in die Rückseite seiner Oberschenkel drückte. Der Tisch ächzte unter ihrem kombinierten Gewicht mit jedem Vorwärtspressen von Jacks Hüften, jedem Entgegenkommen von Ianto. Fast mehr ein gegenseitiges Wiegen, als Reibung. Mehr eine Bestätigung, dass sie lebten, als Lust-Befriedigung.

Sie waren beide zu angespannt, zu verzweifelt zu fühlen ohne zu denken, um in dieser Intensität länger als ein paar Minuten weiter zu machen.

Jack kam als erster und hielt ihn fest, bis Ianto das Gesicht an seinem Hals vergrub und warme Feuchtigkeit über Jacks Bauch spritzte.

Atemlos verharrten sie so, aneinander geschmiegt, bis Ianto die Beine sinken ließ. Langsam richtete Jack sich auf, zog Ianto mit sich und küsste ein wütend-rotes Mal, das seine Zähne am Übergang zwischen Hals und Schulter hinterlassen hatten. Kostete die weiche Haut hinter Iantos Ohr und ließ seine Hände über jeden Zentimeter der warmen Haut gleiten, die er erreichen konnte, durch das feine Haar auf Iantos Brustkorb und das dichte auf seinem Kopf. Vielleicht auch um sich zu versichern, dass Ianto wieder unversehrt war.

Iantos Hände suchten ihre eigenen Pfade über Jacks Haut, aber wohl auch mehr dem gleichen Wunsch folgend, als um zu erregen. Und als sie sich für den Moment aneinander satt gefühlt hatten, küsste Ianto ihn auf die Schulter und schob ihn ein wenig von sich, um vom Tisch zu rutschen.

Er sah an sich herab, auf die bereits langsam verblassenden Abdrücke, die Jacks Finger auf seiner Haut hinterlassen hatte und berührte mit der Spitze des Zeigefingers einen Spermafleck an der Innenseite seines Oberschenkels.

Immer noch wortlos gingen sie zurück zum Bett und Jack zog ihn zurück in seine Arme, warm und sicher unter weichen Decken, die sie in den sauberen Geruch von Seife einhüllten.

Es war fast surreal nach dem Erwachen auf dem kalten, schmutzigen Betonboden in der Garage.

Jack presste das Gesicht gegen Iantos Brustkorb, um seinen Herzschlag zu hören. Iantos Herz schlug jetzt langsamer, aber besänftigend in seiner Gleichmäßigkeit.

Die Sonne wanderte ein Stück tiefer in den Raum, hüllte sie in sanfte Schatten, bevor beide in einen tiefen, traumlosen und vor allem heilenden Schlaf fielen.


tbc