Titel: Mon amour premier
Autor: Lady Charena (Januar 2015)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 3455
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Originalcharakter: Dr. Adam Hill
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, ab 12, slash, hurt/comfort
Beta: T’Len

Summe: Der Hub hat – wieder einmal - ein kleines Invasionsproblem... Und es sind erneut die beiden „inoffiziellen Teammitglieder“, die den Tag retten.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


Mon amour premier (franz.) = Meine erste Liebe



Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.16: Mon amour premier



Ianto rang nach Luft, sich instinktiv aufbäumend - ankämpfend gegen etwas Schweres, das auf seinem Brustkorb lag und es ihm unmöglich machte, zu atmen. Schließlich verschwand das Druckgefühl und es gelang ihm, sich auf die Seite zu rollen, als ihn eine Welle der Übelkeit förmlich überschwemmte. Ein bitterer Geschmack füllte seinen Mund und obwohl es sich anfühlte, als ob sein Magen versuchte, einen Salto zu schlagen, gelang es ihm, sich nicht zu übergeben. Bleierne Müdigkeit verwandelte seine Gliedmaßen in so etwas wie Pudding und unter der Kleidung spürte er klebrigen, kalten Schweiß auf seiner Haut. Er fühlte sich, als hätte er den schlimmsten Muskelkater aller Zeiten im Anschluss an eine durchzechte Nacht… oder eher eine durchzechte Woche.

Er lag sehr still, konzentrierte sich darauf zu atmen, langsam und gleichmäßig, während er sich gegen die aufkeimende Panik wehrte. Es fühlte sich an, als bohrten sich eisige Krallen in seinen Brustkorb... ein Brustkorb, der sich wild hob und senkte, obwohl sein Herz nicht schlug. Er musste sich täuschen. Richtig? Er konnte denken, er atmete, also musste sein Herz schlagen. Er konnte es nur gerade nicht spüren.

Neben ihm stöhnte Jack, ebenfalls hörbar nach Luft ringend. „Iant..." Der Rest seines Namens ging in einen Hustenanfall über.

Als Ianto die Augen öffnete, begannen sie sofort zu tränen. Seine Taschenlampe lag neben ihm auf dem Boden und schien ihm direkt ins Gesicht. Das Licht war so grell, dass er schwarze Punkte in seinem Sichtfeld tanzen sah. Er rollte sich mühsam herum, in die Richtung, in der er den anderen Mann vermutete. Außerhalb des Lichtkreises konnte er nur schwarze Umrisse ausmachen. „Jack?“ Seine eigene Stimme klang nicht viel besser. „Das war ehrlich...“ Er blinzelte die Tränen weg, zog die Ellbogen unter den Brustkorb, um sich hoch zu stemmen. „...die blödeste Idee, die einer von uns hatte, seit du...“ Er musste innehalten und hustete. „...auf Mondoija unbedingt dieses niedliche Sershek füttern wolltest und das kleine Monster dir… fast die Hand abgebissen hat...“

Ianto gelang es, sich aufzusetzen und hielt sich aufstöhnend mit einer Hand den Kopf. Vor seinen Augen tanzten noch immer schwarze Flecken. Wer hätte gedacht, dass Sterben so weh tun konnte. Er atmete ein wenig leichter, konnte seinen eigenen Herzschlag wieder wahrnehmen. Das Hämmern gegen sein Brustbein war beinahe schmerzhaft, aber immens beruhigend.

„Es hat mir... das Gesicht abgeleckt.“ Ächzend setzte Jack sich ebenfalls auf. „Ich dachte es mag mich... und wir können es als Haustier behalten.“ Er hustete wieder und rieb sich mit der Hand den Brustkorb. „Es war ein sehr hungriges Baby.“

„Was genau ist eigentlich mit uns passiert?“, fragte Ianto nach einer Pause. „Ich meine die letzten paar Minuten. Nicht seit damals.“

Jack hob den Kopf, musterte ihn. „Bist du okay? Ich fühle mich, als wäre ein Haus auf mich gefallen, aber ich weiß noch genau was passiert ist.“

„Ich erinnere mich an etwas, dass Alex als außerirdische Feueralgen bezeichnet hat“, murmelte der junge Waliser. Der Hustenreiz ließ nach und das Atmen – und damit das Sprechen - fiel ihm einfacher. Offensichtlich klärte der zusätzliche Sauerstoff auch seine Gedanken.

„Sie sind durch den Rift gekommen und haben sich im alten Belüftungssystem festgesetzt.“

Er nickte und musste einen Moment die Augen schließen, weil sich die Welt um ihn drehte. Schneller als sonst. „Sie sondern ein Gift in ihre Umgebung ab, haben die Luft vergiftet. Wir sind hier runter gegangen, um nach ihnen zu suchen.“ Die Dinge laut auszusprechen half ihm, seine Gedanken zu ordnen.“

„Ja. Und wir haben sie auch gefunden.“ Jack warf den – wie sich inzwischen herausgestellt hatte nutzlosen - Atemfilter weg und deutete zur Decke, die mit einer feuchten Schicht biolumineszenter Algen überzogen war. Er griff nach der Taschenlampe, richtete den Lichtstrahl nach oben. Große, unregelmäßige Flecken schimmerten in verschiedenen Grün- und Blautönen. Es sah eigentlich ganz hübsch aus - wenn man ignorierte, dass es sie getötet hatte…

„Sollten wir dann nicht längst wieder tot sein?“, fragte Ianto sarkastisch, ebenfalls zur Decke hochsehend. Er hatte seinen eigenen Atemfilter verloren, als er auf den Boden gefallen war.

Jack stand auf, kurz schwankend, bevor er sein Gleichgewicht wiederfand. Er lachte erleichtert, als er tief einatmete und das befürchtete Brennen in den Lungen ausblieb. Die Luft roch organisch und hinterließ einen metallischen Nachgeschmack auf der Zunge, aber sie war nicht mehr tödlich. „Nein, weil du es noch geschafft hast, die Entlüftung wieder einzuschalten.“ Er zog Ianto auf die Beine und hielt ihn fest, als der junge Waliser ebenfalls kurz taumelte. „Mein Genie“, meinte er grinsend. „Es funktioniert genau wie Alex gesagt hat. Die Luft wird in die Verbrennungsanlage gesogen. Die Hitze vernichtet das Gift.“

„Ja, ich erinnere mich auch an das.“ Ianto sah ihn an. „Wie immer hast du dich vornehm zurückgehalten und mich die ganze Arbeit machen lassen.“ Er hielt sich mit einer Hand an Jacks Schulter fest, betastete mit der anderen seinen Brustkorb. Die Schmerzen ebbten ab, aber er fühlte sich wund und verkrampft. Außerdem war es hier unten verdammt kalt. „Und dann bist du auch noch auf mich gefallen. Wieder einmal. Gewöhn dir das bitte endlich ab.“

„Entschuldigung.“ Jack küsste ihn auf die Schläfe. „Wenn ich das nächste Mal sterbe, versuche ich darauf zu achten und in eine andere Richtung zu fallen.“ Sein Grinsen war ein wenig angestrengt und erreichte seine Augen nicht, das war selbst im flackernden Licht der Taschenlampe zu erkennen. „Können wir jetzt von hier verschwinden?“

Ianto griff an seinen Gürtel, wo das altmodische Funkgerät hing. Aber hier unten, sozusagen in den Eingeweiden des Hubs, funktionierten Handys nicht. Deshalb war jeder der Erkundungstrupps mit Funkgeräten ausgestattet worden. Er sollte Alex warnen, dass die Atemfilter nicht funktionierten. Sie wusste nicht, ob das wirklich der einzige betroffene Tunnelbereich war oder ob die anderen auch etwas gefunden hatten.

Die Algen mussten bei einer Überschwemmung in den Hub gelangt sein und irgendwie gelang es ihnen, danach auch ohne Wasser zu überleben. Und ihr Gift über die Luft zu verbreiten. Das uralte Belüftungssystem hier unten war separat vom restlichen Hub, der einzige Grund, warum nicht jeder, der sich dort aufhielt, getötet worden war.

„Gleich.“ Ianto lehnte sich gegen Jack, froh um den festen Griff um seine Taille. Seine Knie fühlten sich immer noch ein wenig nach Wackelpudding an. „Jack, ich mache mich nie wieder lustig über deine Erkundigungstouren. Wenn du gestern nicht die toten Ratten gefunden hättest...“ Er schauderte. „Sie hätten sich unbemerkt im ganzen Hub ausbreiten, oder sogar in dieser mutierten Version wieder nach draußen gelangen und halb Cardiff vergiften können.“

„Hey, das ist nicht passiert.“ Jack löste das Funkgerät von Iantos Gürtel und hielt es ihm hin. „Auf welchen der Knöpfe muss ich drücken, um mit Alex zu sprechen?“

„Ich mach das schon.“ Ianto fischte es aus seinen Fingern und holte tief Luft. Er fühlte sich viel besser. „Alex? Hier ist Ianto, kannst du mich hören?“

Jack lächelte - er wusste, wie das Funkgerät funktionierte, aber so lenkte er Ianto von dem was-wäre-gewesen-wenn-Gedankengang ab - und sah wieder zur Decke hoch. Vielleicht gab es die Algen ja auch in einer nicht-giftigen Version. Sie könnten sie als lebendige Tapete an der Wand ihrer neuen Wohnung züchten…


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Ianto stopfte seine getragene Kleidung in den Wäschesack und ließ ihn auf den Boden fallen, bevor er unter eine der Duschen trat und das heiße Wasser voll aufdrehte. Er war erleichtert, dass Adam Hill sie auf dem Weg zur Gemeinschaftsdusche stoppte und Jack aufforderte, mit ihm in die Krankenstation zu kommen. Er wollte sie untersuchen, um zu sehen, ob er eine Veränderung an ihnen feststellen konnte.

Falls sie sich durch ihren Tod verändert hatten, war Ianto sich nicht sicher, ob er das wissen wollte.

Während also Jack dem Arzt folgte – widerwillig und mit dem Mangel an Begeisterung eines kleinen Jungens, dem Eiscreme versprochen worden war, und der sich stattdessen im Wartezimmer des Zahnarztes wiederfand – erhielt Ianto die Chance, sich alleine mit den Geschehnissen am Morgen auseinander zu setzen.

Wieder etwas, von dem er nicht sicher war, ob er das wirklich wollte.

Es war simpel. Sie waren gestorben. Er war gestorben. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen, und dann war da Stille und Dunkelheit und Kälte gewesen – kein warmes, helles Licht am Ende eines Tunnels oder die Stimme seiner verstorbenen Mutter, die ihn zu sich rief.

Stattdessen war er zurückgezerrt worden, von wo auch immer er sich aufgehalten hatte – oder zumindest wo der Teil seines Bewusstseins gewesen war, der das alles wahrnahm – und er… und er… Ianto starrte auf seine Hände, die heftig zitterten.

Und dann war es sein ganzer Körper, der bebte und er kauerte sich auf den kalten Boden, die Arme fest um sich selbst geschlungen, würgte trocken, während das heiße Wasser auf ihn herab prasselte. Sein Herz raste, als versuche es die verlorene Zeit nachzuholen. Ein stechender Schmerz kroch seinen Hals hinunter und machte sich in seiner Brust breit. Blut pochte in seinen Ohren.

Er war zu weit in sich und dem Chaos in seinem Kopf verloren, um zu hören wie sein Name gerufen wurde. Ianto befand sich im freien Fall.

Bevor er aufschlagen und zersplittern konnte, packte ihn jemand an den Schultern. Es war wie aus tiefem Wasser aufzutauchen. Ianto schnappte nach Luft und verschluckte sich. Er hustete und sein Kopf wurde zur Seite gedreht, weg von der immer noch laufenden Dusche.

Ianto presste das Gesicht blindlings gegen warme Haut und ohne die Augen zu öffnen, wusste er, dass Jack ihn gefunden hatte. Er hielt sich an ihm fest und atmete tief den vertrauten Geruch seines Partners ein. Langsam ebbte die Panik ab und sein Herz fand in einen normalen Rhythmus zurück.

„Besser?“, fragte Jack, den Mund an seinem Ohr, damit er ihn über das Rauschen des Wassers hören konnte.

„Ich… denke.“ Der junge Waliser hob zögernd den Kopf. Seine Augen weiteten sich überrascht und für einen Moment vergaß er sein Elend. Jack war vollkommen angezogen.

Die Zeitschaltung für das heiße Wasser endete abrupt und ein kalter Guss ging auf sie nieder.

Jack zog ihn lachend mit sich auf die Beine und drehte die Dusche ab. Er schlang beide Arme um Iantos Taille und küsste ihn auf die Stirn. „Ich hatte gehofft, dass du noch nicht angezogen bist“, meinte er betont leichthin. „Aber in meiner Vorstellung hatte ich bedeutend weniger an.“

„Nicht, dass ich mich beschwere… aber was machst du hier?“ Ianto räusperte sich, er war heiser. „Bist du Adam entwischt, als er mal nicht hingesehen hat? Du weißt, er hat gedroht, dich das nächste Mal an die Behandlungsliege zu fesseln.“ Alles war besser, als daran zu denken, was gerade unter der Dusche passiert war.

„Versprechen, nichts als leere Versprechen.“ Jack grinste. „Nein, ich bin schon fertig und der gute Doc hat mich losgeschickt, nach dir zu sehen.“ Seine Finger folgten Iantos Rückgrat, wundervoll warm auf seiner Haut in dem rasch abkühlenden Raum. „Wie immer macht er sich mehr Sorgen um dich als um mich.“

Ianto gab ihm einen Klaps auf die Hüfte. „Muss mein jungenhafter Charme sein“, entgegnete er ein wenig zittrig. „Du hast mich gefunden“, setzte er leise hinzu.

„Das habe ich dir versprochen.“ Jack zog ihn wieder an sich. Dieses Mal zitterte Ianto wegen der Kälte in dem Raum mit der hohen Decke. „Du hast mich nicht gehört, du warst irgendwie weg, als ich gekommen bin. Was ist mit dir?“

Der jüngere Mann schüttelte den Kopf. „Mir ist einfach nur klar geworden, dass wir heute in diesem Tunnel gestorben sind. Jack, wir waren tot.“ Er sah seinen Partner an. „Warum macht dir das nichts aus?“

„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ Jack hob die Schultern. „Ja, wir waren tot. Das ist passiert. Aber jetzt sind wir es nicht mehr. Es ist besser, lebendig zu sein - und nur daran zu denken.“ Er legte beide Hände um Iantos Gesicht, tippte seinen Kopf leicht nach hinten. „Ich wette, ich kann dich dazu bringen, auch nicht mehr daran zu denken.“ Er küsste Iantos Hals.

„Ich bin sicher - nein, ich weiß, dass du das kannst.“ Ianto stoppte Jack. „Aber ich muss mich anziehen und zu Adam, damit er mich auch untersuchen kann. Und du solltest die nassen Klamotten ausziehen.“

„Ich dachte, du fragst nie.“ Jack küsste ihn auf den Mund und begann dann sein klatschnasses Hemd aufzuknöpfen. „Hey, wo willst du hin?“, protestierte er, als Ianto zu einer der Sitzbänke ging, die entlang der Wand standen, wo er Handtücher bereitgelegt hatte.

„Du musst ohne mich duschen.“ Ianto nahm ein Handtuch und setzte sich. „Adam will die Untersuchung sicher baldmöglichst abschließen.“ Er fühlte sich ein wenig besser, aber seine Knie waren immer noch weich. Während er sich die Haare trocken rieb, lauschte er auf die Klatschgeräusche, mit denen Jacks nasse Kleidung auf den Boden traf. Es war besser, über Trivialitäten nachzudenken, wie daran, ob Jack die Sachen nach dem Duschen aufheben und zum Trocknen aufhängen würde, oder ob er sie auf gut Glück auf dem Boden liegen ließ. Er griff nach einem zweiten Handtuch und trocknete rasch den Rest seines Körpers.

„Alleine duschen ist langweilig.“ Jack sah über die Schulter zu ihm. „Ich hole dich ab.“

„Nicht nötig.“ Ianto kämpfte sich fröstelnd in Unterwäsche und Socken. Seine Haut war noch ein wenig feucht, aber er hatte das Gefühl, ihm würde nie wieder warm werden, wenn er nicht endlich in seine Klamotten kam. „Ich werde nach unten gehen und ein paar Stunden schlafen. Bestimmt findet dir Alex etwas zu tun.“

Jack schnitt eine Grimasse, während er hinter einer der Duschabtrennungen trat und das Wasser aufdrehte. Garantiert fand Hopkins eine Aufgabe für ihn, auch wenn er es vorgezogen hätte, zu Ianto ins Bett zu kriechen. Selbst wenn sie keinen Sex hätten, wäre das immer noch besser gewesen. Gut, er hatte so getan, als würde es ihm nichts ausmachen, was im Tunnel passiert war. Vielleicht nicht ganz die Wahrheit. Es war ihm immer schon leichter gefallen, zu handeln, als über Dinge nachzugrübeln, die sie nicht ändern konnten. Ob man sie überhaupt ändern konnte… nun, um diese Frage zu beantworten, mussten sie den Doctor und die Tardis wiederfinden. Und es sah im Moment nicht so aus, als würde das bald passieren.

Aber da war etwas, dass ihm sagte, dass der andere Mann alleine sein wollte. Also würde er Ianto in Ruhe lassen. Zumindest eine kleine Weile. Es war merkwürdig. Er, der sich nie wirklich auf emotionale Bindungen eingelassen hatte oder eine Beziehung wollte, wurde unruhig, wenn er Ianto zu lange aus den Augen verlor. Als könnte sich der jüngere Mann in Luft auflösen, wenn er nicht aufpasste. Dieses Besitzergreifen von einer anderen Person war ihm eigentlich fremd. Vielleicht sollte er mit Adam Hill darüber sprechen. Trotz den Spötteleien zwischen ihnen schätzte Jack den Arzt.

Er trat unter den Wasserstrahl und drehte sich um. Sein Blick folgte Ianto, der sich im Gehen einen warmen Pullover überzog – sie hatten beide einen Teil ihrer Kleidung in den Spinden hier untergebracht – bis er durch den Türbogen verschwand.


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„Soweit ich sehe, sind alle Werte völlig normal. Genau wie bei Jack.“ Mit konzentriert gerunzelter Stirn überflog Dr. Hill einen Ausdruck voller Zahlen. „Okay. Eines brauche ich von dir noch.“ Er griff in eine Schublade.

„Ist das ein Witz?“, fragte Ianto und sah den Plastikbecher an, den der Arzt ihm hinhielt.

„Warum sollte ich darüber Witze machen?“ Adams Augen funkelten hinter seinen Brillengläsern amüsiert. „Das ist doch nicht die erste Urinprobe, die ich von dir haben will. Gewisse Abbauprodukte von Giften werden über die Nieren abgebaut und können im Urin nachgewiesen werden. Denk nur nicht, mir macht das Spaß.“

„Okay.“ Ianto nahm den Becher. „Gleich? Ich bin nicht sicher, ob ich jetzt gerade kann. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich vorher noch was getrunken.“

„Wenn du so nett wärst“, erwiderte Adam trocken. „Trink einen Schluck Wasser, da drüben steht eine Flasche. Jack hat seine Probe schon abgeliefert und ich will die Tests nicht zweimal machen.“ Der Arzt lachte. „Er hat mir angeboten, dass ich zusehen kann.“

„Falls es ein Gen für Schamlosigkeit gibt, haben seine Vorfahren da kräftig zugegriffen. Er hat Glück, dass ich ihn trotzdem liebe.“ Ianto nahm einen Schluck Wasser.

„Darf ich dir in dem Zusammenhang eine Frage stellen? Eine sehr private.“ Hill nahm sein Notizbuch vom Schreibtisch.

„Wie privat ist das?“ Der junge Waliser drehte den Probenbecher in den Händen.

„Setz dich.“ Adam deutete auf einen Hocker und als Ianto Platz nahm, zog er einen zweiten neben ihn, um sich zu ihm zu setzen. „Keine Sorge, du musst nicht antworten, wenn du nicht willst.“

Ianto nickte.

„Ist Jack der erste Mann, mit dem du eine Beziehung hast?“

Der Waliser war sichtlich überrascht. „Er ist die erste Person überhaupt, mit dem ich eine Beziehung habe“, erwiderte er. „Ich meine, eine… romantische Beziehung, davon reden wir doch, oder?“

„Okay, und wie ist es mit Sex?“, fuhr der Arzt fort.

Ianto zog die Augenbrauen hoch. „Ist das eine Frage oder ein Angebot?“

Hill lachte. „Das ist eine Antwort, die ich eher von Jack erwartet hätte. Aber du hast Recht, die Formulierung lässt zu wünschen übrig. Ich meinte, ob du vor Jack sexuelle Beziehungen hattest.“

„Ich habe ein paar Mal mit Mädchen geschlafen. Aber das waren keine Beziehungen, nur... oberflächliche Bekanntschaften. Jack ist der erste Mann, mit dem ich geschlafen habe.“ Ianto lehnte sich zurück. „Das sind medizinische Fragen, ja?“

„Ich muss für jeden, der hier arbeitet, ein vollständiges psychologisches Profil erstellen.“ Adam sah von den Notizen auf, die er in seiner privaten Form von Kurzschrift machte. So stellte er sicher, dass seine Aufzeichnungen von niemand anderem gelesen werden konnten. „Du scheinst sehr gut damit zurechtzukommen. Ich meine, Gefühle für einen Mann entwickelt zu haben. Oder gab es da vorher schon jemand? Zu dem du dich hingezogen fühltest, aber es verdrängt hast oder dich nicht trautest, dem Gefühl nachzugeben?“  

„Du meinst, ob ich mich als bisexuell oder schwul betrachte? Ich weiß es nicht. Vor Jack gab es niemand, zu dem ich... überhaupt eine Art von Verbindung fühlte. Nicht einmal zu meinen Eltern oder meiner Schwester. Vielleicht ist es mir deshalb so leicht gefallen, von Zuhause weg zu laufen.“ Der junge Waliser zuckte mit den Schultern. „Und nachdem ich mit einem neunhundert Jahren alten Alien in einer blauen Telefonzelle durch Raum und Zeit gereist bin...“ Ianto schüttelte den Kopf. „Es erschien mir plötzlich nicht so ungewöhnlich, mich in einen Mann zu verlieben. Und Jack ist...“ Er lächelte. „Nun, er ist Jack. Es ist leicht, ihn zu lieben.“ Plötzlich musste er gähnen.

„Okay, genug für heute.“ Adam schlug sein Notizbuch zu. „Stell den Becher da drüben auf den Tisch wenn du fertig bist.“ Er musterte seinen Patienten. „Du bist blass“, bemerkte er.

„Das bin ich doch immer.“ Ianto fuhr sich durch die Haare und durchquerte den Raum. Neben der Tür zum Vorratsraum befand sich eine weitere, die in ein kleines Bad führte. Er hatte kein Bedürfnis, vor jemand anderem in einen Becher zu pinkeln.

„Die Tests zeigen keine Auffälligkeiten, ihr seid beide vollkommen gesund. Ich möchte trotzdem, dass du etwas isst und dich ein paar Stunden hinlegst.“ Der Arzt verschränkte die Arme. „Ianto, natürlich kann niemand von uns hier nachfühlen, was mit euch passiert ist. Aber… und das gilt für dich wie für Jack… wenn du darüber reden willst, du kannst dich jederzeit an mich wenden. Oder an Alex.“

Ianto warf ihm über die Schulter einen Blick zu. „Ich weiß. Danke für das Angebot.“

„Okay.“ Adam stand auf. „Ich kann dir etwas geben, das dir beim Schlafen hilft, wenn du möchtest.“

„Das ist nicht nötig.“ Ianto verschwand ins Bad. Als er sich hinterher die Hände wusch, musterte er kurz sein eigenes Abbild im Spiegel über dem Waschbecken. Er war blass, ja, konnte aber sonst keinen Unterschied entdecken. Und sollte er sich nicht verändert haben?

Er trat aus dem Bad, verabschiedete sich von Adam, ging nach unten, wo sich nach wie vor ihr Quartier befand, da die Wohnung über dem Touristeninformationsbüro noch nicht eingerichtet war, und kroch ins Bett. Um schlaflos an die Decke zu starren, bis irgendwann später Jack kam und sich wortlos neben ihn legte. Ianto rollte sich zu ihm herum, presste die Stirn gegen Jacks Schulter und schlief wenige Minuten später tief und fest, ohne zu träumen.



Ende (tbc)


PS: Für alle, die’s noch nicht wissen: Eine Bonus „Millennium Edition“ Story findet sich in der Storysammlung: „Weihnachten mit der Familie: Torchwood