Titel: Konflikte
Autor: Lady Charena (Mai/Juni 2014)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 5855
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Alex Hopkins, OCs: Doktor Adam Hill
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, ab 12, slash
Beta: T’Len

Summe: Jack entdeckt, dass sein „Fehltritt“ mit Shanna die Gemüter erregt. Ianto entdeckt, dass es in Alex‘ Vergangenheit ein romantisches Geheimnis gibt. Und als dann auch noch ein Stromausfall Teile des Hubs lahm legt, geht der Tag völlig den Bach runter.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.11: Konflikte


„Is was, Doc?“

Adam Hill schreckte hoch, als er plötzlich und unerwartet angesprochen wurde und klemmte sich fast den Finger in der Mikrowellentür ein. Er drehte sich um und sah Jack irritiert an, als der grinsend in die Küchennische trat. „Wie ich höre hat Ianto dich wieder Cartoons ansehen lassen. Ich bin ernsthaft versucht, heraus zu finden, wie die Kindersicherung am Fernseher funktioniert.“

„Ich mag einfach den Hasen, er ist clever.“ Jack nahm einen sauberen Kaffeebecher vom Abtropfbrett und füllte ihn aus der noch halb vollen Kaffeekanne. „Wie er immer diesen kleinen dicken Typen mit dem Gewehr oder die dumme Ente reinlegt…“ Er lehnte sich neben Hill gegen einen Küchenschrank, dicht genug, dass seine Schulter Adams streifte, als er den Arm hob um zu trinken. „…das hat was. Ist das der Rest vom Abendessen?“

Der Arzt trat einen halben Schritt von ihm weg – und ärgerte sich sofort darüber, weil es so aussah, als ließe er sich von Jacks dominierenden Verhalten beeindrucken – und sah ihn an, die Frage ignorierend. „Hat Alex dir nicht einen Job gegeben, bevor er mit den anderen los gefahren ist, um den Alarm zu prüfen?“

„Auf den Kisten steht, dass das Zeug schon seit mehr als siebzig Jahren rumliegt, kommt es wirklich auf eine Nacht länger an?“ Jack nippte an seinem Kaffee und schnitt eine Grimasse, das Gebräu war bitter und kaum mehr als lauwarm. „Hast du Ianto gesehen? Er hat gesagt er ist mit dir zum Backgammon-Spielen verabredet. Hier oben?“

„Er wartet unten in der Krankenstation.“ Die Mikrowelle piepte und Adam fluchte, als er sich beim Rausholen die Fingerspitzen an der Schüssel verbrannte. „Ianto hat mir bei der monatlichen Inventur geholfen und als ich gehört habe, dass er seit heute Mittag nichts gegessen hat, habe ich vorgeschlagen, dass ich das restliche Essen aufwärme, während er alles fertig macht und das Brett aufbaut.“

„Das ist aber sehr nett von dir, Doc.“ Jack starrte ihn über den Rand der Tasse hinweg spöttisch an.

„Es heißt Doktor, Jack. Oder einfach Adam, wie bisher auch. Ich habe für diesen Titel zu hart gearbeitet, um mir diese alberne Abkürzung anzuhören.“ Hill nahm eine Gabel aus einer Schublade und wandte sich zum Gehen.

Jack folgte ihm natürlich auf dem Fuße.

Adam blieb stehen. „Du bist nicht eingeladen“, sagte er, ein Anflug von Ärger in seiner Stimme.

„Fragen wir doch Ianto, was er davon hält“, erwiderte Jack, ähnlich einem aufsässigen Teenager.

„Es ist meine Krankenstation und daher meine Entscheidung.“ Mit dieser abschließenden Bemerkung wandte Hill sich erneut zum Gehen.

Natürlich ignorierte Jack den Hinweis. „Und Ianto ist mein…“ Er brach ab, momentan unsicher welchen Begriff er verwenden sollte. Es gab in der Sprache in diesem Land und in dieser Zeit so schwammige Abstufungen: Freund, Partner, Liebhaber… Ianto war enseve – ein Teil von ihm - doch dieses Wort aus seiner Muttersprache ließ sich nicht in eine eindeutige Bezeichnung übersetzen.

„Was ist er? Ist es dir wieder entfallen?“, fragte der Arzt spöttisch. „Inzwischen wissen ja alle hier, dass du ihn gerne mal vergisst.“

„Das ist eine Sache zwischen ihm und mir.“ Jacks Augen verengten sich leicht. Er hatte normalerweise nichts dagegen, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, aber Ianto sah das etwas anders…

„Nein, Jack. Das ist es eben nicht mehr“, entgegnete Adam unerwartet hitzig. „Du und Shanna – ihr habt es zu einer „Sache“ für das ganze Team gemacht, direkt hier auf dem Schießstand. Intime Beziehungen – das heißt auch Sex, falls dir dieser Ausdruck nicht bekannt ist - zwischen Teammitgliedern sind nicht zum Spaß verboten. Und abgesehen davon halte ich persönlich das Ganze für geschmacklos. Seit ihr hier seid, hast du alles getan, um ihn zu schützen, um ihm zu helfen, um zu verhindern dass ihr getrennt werdet. Ich dachte wirklich, dass du ihn liebst. Und dann wirfst du ihn weg für einen Quickie mit Shanna? Das war es doch wohl auch nur? Wenn so etwas normal ist wo du herkommst, dann hat sich die Menschheit nicht sehr viel weiter entwickelt.“ Er ging die Stufen hinunter in den zentralen Raum des Hubs und durchquerte ihn.

„Ich wollte ihn in dem Moment, an dem ich ihn das erste Mal gesehen habe. Nicht nur für eine Stunde oder einen Tag. Und das hat sich seither nicht geändert.“ Jack folgte ihm, den Kaffeebecher nach wie vor, aber unbeachtet, in der Hand. „Ich werfe ihn nicht weg für Shanna. Das hat nichts mit ihm zu tun. Wir wollten uns einfach nur ein wenig amüsieren. Und überhaupt sind weder Ianto noch ich Teil dieses Teams und eure albernen Regeln gelten für uns nicht.“

„Kommt dir Ianto so vor, als amüsiere er sich?“ Adam ignorierte den letzten Satz und ließ Jack stehen, als er die Zugangstreppe zu seiner Abteilung erreichte.

Ianto sah auf, als Hill die Stufen herab kam und lächelte. „Ich hätte mir auch wirklich später ein Sandwich machen können. Danke.“ Er nahm die Gabel und das Essen, die Adam ihm reichte, bevor der auf dem gegenüberliegenden Stuhl Platz nahm. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte er, als der Arzt düster auf das Spielbrett starrte, die Augenbrauen zusammen gezogen.

„Ich habe Jack oben in der Küche getroffen, er war auf der Suche nach dir.“

Oh das war es also. Manchmal hatte Jack diese Wirkung… Ianto schluckte einen Mundvoll Curryreis hinunter. „Hat er gesagt, was er will?“, erkundigte er sich beiläufig. „Und ist es dringend?“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Er wollte nur wissen, ob du wirklich bei mir bist.“

„Vermutlich langweilt er sich schon.“ Ianto rollte mit den Augen. „Alex lässt ihn Schrott sortieren. Ich beeile mich besser mit dem Essen, damit ich fertig bin, bevor er auftaucht und etwas abhaben will.“

„Macht dir wirklich so wenig aus, was er getan hat?“ Adam sah fragend auf, musterte ihn über den Rand seiner Brille hinweg.  „Du musst nämlich nicht so tun, wenn es anders ist. Schon gar nicht mir gegenüber. Du kannst jederzeit über alles mit mir reden. Dazu bin ich hier.“

Ianto kaute den nächsten Bissen besonders gründlich, bevor er antwortete. „Es macht mir etwas aus.“ Er senkte den Blick auf das Essen. „Es hat weh getan, mir vorzustellen, wie er mit jemand anderem... Es tut immer noch weh. Aber…“ Er zögerte einen Moment. „Vielleicht klingt das für dich komisch, aber ich glaube ihm, dass er nicht wirklich dachte, dass er etwas Falsches macht. Zumindest falsch nach unseren gängigen Vorstellungen. Ich glaube ihm, dass er andere Vorstellungen von Treue und Beziehungen und Verbindungen hat. Und ich zweifele auch nicht daran, dass er mich liebt.“ Ianto aß eine weitere Gabel voll Reis. „Laut ausgesprochen klingt es irgendwie merkwürdig, als versuche ich mich selbst davon zu überzeugen…“ Er stockte.

„Ich habe schon viele merkwürdige Dinge gehört“, meinte Adam, als der junge Waliser nicht weiter sprach. „Du musst ihn nicht entschuldigen, Ianto.“

„Es ist keine Entschuldigung. Es ist… Immer, seit… das…“ Ianto machte eine vage Bewegung mit der Gabel auf sich selbst. „…mit uns passiert ist… immer wenn ich von Jack getrennt bin, dann fühlt es sich an, als wäre ich nicht mehr ganz. Als fehle ein Teil von mir. Und dieses Gefühl, das ist stärker als alles andere. Als meine Enttäuschung und ja, auch als meine Wut.“

„Nun, eure Situation ist sicherlich einzigartig. Es ist völlig normal, dass du dich so stark zu der Person hingezogen fühlst, die am besten versteht, wie du dich fühlst.“ Adam rückte seine Brille zurecht. „Die das gleiche durchmacht. Und das ist natürlich Jack.“

„Du meinst, dass ich mich an ihn klammere, weil ich und meine einzigartige Situation sonst alleine sind? Und dass ich mir deshalb einrede, dass ich ihn liebe?“ Ianto lachte leise und wischte ein entkommenes Reiskorn von seinem Ärmel. „Ich war in ihn verliebt bevor uns diese wildgewordenen Blechbüchsen in unsere Atome zerlegt haben. Geliebt habe ich ihn von dem Moment an, als ich nach meinem ersten Tod aufgewacht bin und er da war. Es geht Jack übrigens genauso, das ist keine einseitige Sache, weißt du.“

„Ich glaube gerne, dass du das denkst.“ Adam sah plötzlich an ihm vorbei. „Hallo, Jack“, sagte er dann. „Du hast den Weg hierher also doch ganz alleine gefunden.“

Ianto drehte sich um und sah den anderen Mann an, der die Treppe herunter kam. „Bist du mit dem Sortieren etwa schon fertig? Alex hat bestimmt noch ein paar Kisten mehr für dich.“

„Fertig? Nicht vor dem nächsten Jahrtausend.“ Jack grinste und zog einen Hocker neben Iantos Stuhl.

„So lange ist das nun auch nicht mehr hin, du Scherzkeks. Du beeilst dich besser.“ Ianto schlug Jacks Finger weg, die in Richtung seines Essens krochen. „Lass das.“ Er bot ihm die Gabel an, doch der andere Mann schüttelte den Kopf und verschränkte die Hände im Nacken.

Jack sah Adam an. „Kann man Scherzkekse essen, Doc?“, fragte er mit unschuldiger Miene.

„Theoretisch. Aber in unserem „rückständigen“ Zeitalter ist Kannibalismus meinem Wissen nach verpönt“, erwiderte Hill trocken.

Ianto räusperte sich warnend und gab Jack einen Stoß in die Seite. „Hör auf damit, ihn zu ärgern. Und – bitte, Adam – bestärk ihn nicht auch noch in diesem Unfug. Er weiß sehr wohl, dass Scherzkekse nichts zu essen sind.“ Er beugte sich zu Jack. „Bitte geh zurück an die Arbeit. Alex ist schon sauer genug auf uns“, sagte er leise. „In einer Stunde bin ich in unserem Zimmer.“ Bevor Jack seine Nähe ausnutzen konnte, um einen Kuss zu stehlen, setzte er sich wieder aufrecht hin und widmete sich dem Essen.

Zu Hills Überraschung stand Jack einfach auf, ohne zu widersprechen. „Ich habe dich übrigens nur gesucht, um dir zu sagen, dass ich unser Bett repariert habe“, meinte er, während er in Richtung Treppe schlenderte, die Hände lässig in den Hosentaschen.

„Ist vermerkt“, erwiderte Ianto trocken.

„Was meint er damit?“, fragte Adam, als Jack die Treppe hoch verschwunden war.

Ianto schluckte die letzte Gabel voll Reis hinunter und stellte die leere Schale neben seinem Stuhl auf den Boden. „Als ich von ihm und Agent Lyons erfahren habe, war ich so sauer, dass ich unsere Betten auseinander gerückt habe. Und die sogenannte Reparatur war keine große Sache – nichts, was sich nicht mit ein paar Kabelbindern und einer zusammengerollten Decke lösen ließ.“ Er sah auf das Spielbrett. „Fangen wir an oder willst du dir die Demütigung sparen und lieber gleich aufgeben?“

„In deinen Träumen“, erwiderte Adam und griff nach den Würfeln.


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Jack stützte sich mit den Unterarmen aufs Fußende des Bettes. Er musterte Ianto, der sich wie üblich mit seinen Büchern beschäftigte. Der junge Waliser hatte am Vortag einen Karton voll mit Ausgaben von Stadtführern und Büchern über die Geschichte Wales angeschleppt, die später im Büro der Tourismusbehörde als Souvenir verkauft werden sollten. Ianto hatte sich vorgenommen, sie vorher alle zu lesen, um sich so darauf vorzubereiten. Er nahm das wirklich ernst. Alex hatte ihm sogar von einem Freund, der an der Universität arbeitete, CDs mit einem Sprachkurs für walisisch besorgt, damit Ianto seinen Wortschatz auffrischen und erweitern konnte. In den letzten Tagen hatte der jüngere Mann deshalb sehr viel Zeit mit seinen Büchern, einem tragbaren CD-Player und einem Paar Kopfhörern verbracht, weit weg in seinem Einzelbett, obwohl kaum mehr als ein Meter Abstand zwischen ihnen war.

Er richtete sich auf, als Ianto ihn fragend ansah. Jack setzte ein breites Lächeln auf. Iantos Reaktion auf seine Betten-Reparatur-Idee war sehr kühl ausgefallen. Und er war zwei Stunden bei Adam Hill geblieben, nicht nur die eine, die er angekündigt hatte. Jack war gezwungen gewesen, sich tatsächlich mit den Kisten zu beschäftigen, die Alex für ihn bereit stellen ließ. Die erste war zwar erst halb leer, aber auf dem Boden daneben befanden sich nun drei Haufen, sortiert in „Unbekannt“, „Müll“ und „Archiv“. Der größte davon war „Unbekannt“.

„Du hast diesen Gesichtsausdruck, der mir irgendwie Sorgen macht“, sagte Ianto, legte das Buch, das er in der Hand gehalten hatte, weg und stand auf, die Arme lose vor der Brust verschränkt.

„Spielen wir Touristen-Informations-Büro?“, schlug Jack mit dem Eifer eines kleinen Jungen vor. Nicht zum ersten Mal. Immerhin wollte er Ianto nur dabei helfen, sich auf seinen neuen Job vorzubereiten…

„Und du bist natürlich der Tourist?“, bemerkte Ianto, noch immer ein wenig skeptisch.

„Ich dachte, das überlasse ich dieses Mal dir.“ Jack zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.

„Wie überaus großzügig von dir“, erwiderte der junge Waliser trocken.

„Ich kann professionell. Fangen wir an?“ Ungeduldig stellte sich Jack in Pose, versuchte eine Miene aufzusetzen, die er für angemessen hielt. Er sah aus wie ein Kind, das darauf wartete, endlich seine versprochene Eiscreme zu bekommen. „Okay. Ich fange an.“ Er räusperte sich und lächelte breit. „Hey. Zum ersten Mal hier?“

„Sehr professionell“, kommentierte der jüngere Mann sarkastisch. „Und so unerwartet originell.“ Auf Jacks bittenden Blick hin schüttelte er den Kopf. „Ich bin nur auf der Durchreise“, spielte er mit, sein Tonfall eher lustlos.

„Oh, ein durchreisender Tourist. Kennst du denn schon die örtlichen Sehenswürdigkeiten?“ Jack drehte sich grinsend einmal um die eigene Achse, die Arme ausgebreitet.

Ianto rollte mit den Augen. Warum nur hatte er geahnt, dass das kommen würde? „Ich denke, ich sehe gerade die Erste“, erwiderte er erwartungsgemäß.

„Nun, man sagt ich wäre ein ausgezeichneter Stadtführer.“ Jacks gespielt bescheidenes Niederschlagen der Augen alleine war einen Oscar wert.

„Wie könnte ich da "nein" sagen?“ Ianto begann wider Willen zu lachen.

Jack grinste. „Nach gerade mal einer Minute? Ich bin wirklich gut.“ Er presste einen Kuss auf die Seite von Iantos Kinn, als er zu ihm trat. „Nein, du bist wirklich leicht zu haben.“

Ianto rollte schon wieder mit den Augen. Irgendwann würde er sich noch einen Muskel zerren und er freute sich schon darauf, das dann Adam Hill zu erklären. Ernsthaft. Er spürte da schon etwas in seinen Augenwinkeln zucken... „Du rennst schließlich auch bereits offene Türen ein“, erwiderte er trocken. „Bei jemandem, der dich nicht kennt, müsstest du dich nämlich anstrengen. Nicht nur einen lahmen Spruch aufsagen.“

„Lahmer Spruch? Ich liefere keine lahmen Sprüche, Mister Jones.“ Jack begann seinen Partner zu kitzeln und sie landeten lachend und balgend auf dem Bett.

Doch als Jack über ihm kniete und begann, Iantos Hemd aufzuknöpfen, rollte sich der jüngere Mann weg, auf den Bauch.

„Fangen wir so an? Einverstanden.“ Jack presste einen Kuss auf den Streifen weißer Haut zwischen Kragen und Haaransatz.

„Nicht jetzt, Jack.“ Ianto gab ihm einen Klaps auf die Hüfte und Jack ließ sich gehorsam neben ihn aufs Bett fallen.

Er legte einen Arm über Iantos Hüfte und küsste ihn aufs Ohr. „Hast du schon etwas anderes vor?“

„Ich bin nicht so leicht wie dein durchreisender Tourist zu haben, Jack. Nicht… jetzt.“

Jacks Mund glitt weiter über seinen Nacken, nur ein leichtes Kitzeln, als wäre er sich kaum mehr bewusst, dass er es tat. Dann bewegten sich die altersmüden Sprungfedern in der Matratze unter ihm, als der andere Mann sich neben ihm aufs Bett plumpsen ließ und sich dann weg rollte.

Ianto sah auf, als Jack das Bett verließ und den Raum durchquerte. Er rappelte sich überrascht hoch, als sein Partner die Tür öffnete. „Gehst du zurück an die Arbeit?“, fragte er. Keine Antwort, Jack verschwand wortlos aus ihrem Quartier.

Oh, das war ja großartig gelaufen. Mit einem Seufzen ließ sich Ianto zurückfallen und drehte den Kopf, um das Gesicht in Kissen zu pressen. Jacks Kissen und er atmete tief ein, ließ den Geruch des anderen Mannes wie eine Welle über ihm zusammenschlagen.

War irgendetwas nicht mit ihm in Ordnung? Sie hatten sich früher schon gestritten und trotzdem miteinander geschlafen – und der unterschwellige Ärger hatte dem Sex einen Extra-Kick beschert. Er war drauf und dran gewesen, Jack in die Matratze zu vögeln, einem sehr primitiven Instinkt folgend, der keinen Zweifel daran lassen sollte, mit wem Jack zusammen war… Und dann? Poof. Luft raus. Oh, nicht körperlich. Er mochte ein Spätstarter gewesen sein – hauptsächlich aus Mangel an Gelegenheit – aber mit einem so enthusiastischen und erfahrenen Partner wie Jack hatte er das längst aufgeholt. Nein, sein Körper war definitiv willig, es war sein Kopf, der ihm im Weg war. Seine ewige Unsicherheit über seinen Platz, seinen Wert…

Er rollte sich zurück auf den Rücken und stopfte das Kissen unter seinen Rücken, bevor er dann aber doch aufstand und ins Bad ging, um sich Gesicht und Hände zu waschen.

Als er zurück kam, trat Jack eben mit einem Kaffeebecher in der Hand in den Raum. Ianto setzte sich auf die Bettkante, kämmte sich mit den Fingern das feuchte Haar aus der Stirn.

Jack nahm neben ihm Platz. „Für dich“, meinte er und reichte Ianto den Becher.

„Warme Milch mit Honig?“, fragte der junge Waliser erstaunt, nachdem er vorsichtig daran genippt hatte.

„Kaffee war keiner mehr da.“ Jack stützte die Hände hinter sich auf und lehnte sich zurück. „Zumindest nichts Genießbares. Und Alex hat gemeint, das könnte beim Schlafen helfen.“

„Danke.“ Ianto sah ihn verwundert von der Seite an. War das eine versöhnende Geste? Aber er war es doch gewesen, der Jack zurück gewiesen hatte… „Es ist gut, dass du die Betten wieder zusammen geschoben hast.“

„Und ich habe noch alle Finger.“ Jack hielt die Hände wie zur Inspektion hoch.

Ianto gab ihm einen sanften Stoß in die Seite. „Ich habe da auch ein Buch über das Cardiff Castle. Sieh es dir mit mir zusammen an. Es wird dir gefallen.“

„Besser als darauf zu warten, dass Alex mir noch mehr Schrott zum Sortieren gibt.“ Jack streckte sich auf dem Bett aus, auf den Bauch gedreht und wartete, bis Ianto das Buch geholt und es ihm gleich getan hatte.

Jack lehnte den Kopf gegen Iantos Schulter und legte den Arm über seinen Rücken. Alte Gemäuer interessierten ihn nicht so sehr wie junge Waliser… aber das war ein kleines Opfer.


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„Eine Regel solltest du dir gut einprägen, Ianto. Vergewissere dich immer, dass dein Team hinter dir steht, wenn du schießt.“ Alex trat in den Lichtschein der grellen Lampen, die den Schießstand ausleuchteten. „Weiser Rat, den mir mein Ausbilder mit auf den Weg gegeben hat.“ Er musterte die Zielscheibe, an der Ianto offenbar gerade übte. Nicht schlecht, der Junge hatte scharfe Augen und eine ruhige Hand. Er musste seine Meinung korrigieren – Ianto hatte definitiv das Zeug zum Feldagenten. Alles was der junge Waliser noch brauchte, war ein wenig mehr Zeit und Übung, um sein Selbstvertrauen aufzubauen. Eigentlich schade. Es war einfach, jemand für die Arbeit im Feld zu finden, aber scheinbar weitaus schwieriger, jemand für Organisation und Büromanagement zu begeistern. Nachdem Ianto bereits in seinem früheren Job im Antiquariat damit zu tun hatte, war er ein idealer Kandidat für einen administrativen Posten.

„Notiert.“ Ianto ließ die Waffe, die er in beiden Händen hielt, sinken. „Was kann ich für dich tun?“

„Keine Sorge, ich bin nicht hier, weil ich dir Arbeit aufhalsen will. Ich wollte nur fragen, ob du später noch in meinem Büro vorbei kommst.“ Er hob entschuldigend die Hände, die Handflächen nach außen gedreht. „Ich weiß, du hast vermutlich mehr Organisation in meine Ablage gebracht, als da jemals zuvor war… aber ich denke, ich hätte nicht so rasch nein sagen sollen, als du gefragt hast, ob du mir das neue System erklären sollst.“ Alex lächelte schief. „Sieht so aus als wäre es an der Zeit, dass ein alter Hund ein paar neue Tricks dazu lernt.“

Ianto lachte. „Erwartest du jetzt von mir, dass ich dir sage, dass du kein alter Hund bist?“, erwiderte er mit gutmütigem Spott.

Der junge Waliser nahm die Schutzbrille mit den gelben Gläsern ab und seine blauen Augen funkelten amüsiert. Jack mochte den eher offensichtlichen – sprich, erschlagenden – Charme aufweisen, aber Ianto stand ihm da in Nichts nach.

„Wenn du den alt-Teil in Zukunft weg lassen würdest, das wäre nett.“ Alex trat neben ihn. „Ach was, vergiss es“, murmelte er. „Manchmal fühle ich mich so alt wie diese Mauern.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen. „Bist du okay?“, fragte er mit einem hörbaren Zögern in der Stimme. Nun, die Frage, ob der junge Waliser auf dem Schießstand – der mise en scene von Jacks Fehltritt – seinen Frust abbaute, indem er auf weevilförmige Zielscheiben ballerte, lag nahe.

„Nicht so begeistert davon, dass ich das ständig gefragt werde.“ Ianto packte die Automatic – er fand das Laden einzelner Patronen in Jacks Webley umständlich und zeitraubend und hatte um eine etwas modernere Übungswaffe gebeten – in die Aufbewahrungsbox und klickte die letzten drei Patronen der Übungsmunition aus dem Magazin, bevor er es in der dafür vorgesehenen Aussparung verstaute. „Ich habe gestern schon versucht, es Adam zu erklären…“ Er zuckte mit den Schultern.

„Dann betrachte meine Frage als rein rhetorisch.“ Hopkins trat lieber den Rückzug an. Er hatte nicht vor, sich als Beziehungsberater bei den beiden zu betätigen – zumindest nicht mehr, als er sich gezwungen sah, um den Frieden im Hub aufrecht zu erhalten. Das war nicht sein Job und er war auch definitiv nicht qualifiziert dafür. „Gute Arbeit, übrigens“, fuhr er fort und deutete auf die Zielscheibe.

Ianto legte den Kopf schief. „Ich erinnere mich an einen anderen guten Hinweis von dir.“ Seine Finger spielten mit der Schutzbrille, klappten die Bügel auf und zu.

„Ja?“, hakte Alex nach, als der andere Mann schwieg.

„Dass Zielscheiben nicht zurück schießen.“ Ianto klappte die Aufbewahrungsbox zu und legte die Schutzbrille darauf ab. Offenbar hatte er das Training für heute beendet. „Ist es okay, wenn ich dir das Ablagesystem heute Abend erkläre? Ich habe noch einiges oben in der Touristeninfo zu erledigen und danach habe ich Adam versprochen, die neuen Vorräte ein zu sortieren.“

„Kein Problem, der Papierkram kann warten“, meinte Hopkins. „Und richte Adam von mir aus, dass er nicht seine ganze Arbeit auf dich abwälzen soll“, setzte er mit einem Lächeln hinzu. „Sonst muss ich dir auch sein Gehalt bezahlen.“

„Oh, da wir gerade bei dem Thema sind“, rief Ianto ihm nach. „Wie wäre es, wenn Torchwood uns wenigstens eine Art Taschengeld für unsere Arbeit bezahlt?“

„Ich kümmere mich darum – gleich nachdem ich den Rift verschlossen und die Weevil dorthin geschickt habe, woher sie gekommen sind.“

Ianto lachte. „Ich sehe, du nimmst diese Sache wirklich ernst.“


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„Alex? Soll ich die Bücher da drüben auch gleich mitnehmen, wenn ich die Akten ins Archiv zurück bringe?“, fragte Ianto.

„Ja, okay. Wenn du willst.“ Hopkins klang abgelenkt. „Ich wusste gar nicht, dass du noch hier bist. Du brauchst wirklich eine Glocke um den Hals.“

Ianto lächelte und sammelte die Bücher ein. Er packte sie sorgfältig in die Plastikkiste, in der sich bereits etliche Aktenmappen befanden. Seit einigen Tagen hatte er Zugang zu dem Raum, in dem die Zwischenfallreports der letzten zehn Jahre gelagert wurden und die Aufgabe erhalten, sie ordentlich zu archivieren – obwohl sie schon digitalisiert worden waren. Überall standen Kisten mit unsortierten Akten herum. Es erinnerte Ianto an seine Zeit in London, als er für eine vermeintliche Anwaltskanzlei arbeitete… Wenigstens musste er sich hier nicht mit Agent Hallett abgeben. „Okay. Die Bücher, die Adam für die Universität ausgesucht hat, sind bereits verpackt.“

„Gut. Danke. Er wird sie mitnehmen, wenn er das nächste Mal dort ist.“ Alex sah von den Papieren auf, über denen er brütete und schenkte dem jungen Waliser ein müdes Lächeln. „Du leistest wirklich sehr gute Arbeit. Mach Schluss für heute, okay? Ich sehe besser auch zu, dass ich mich mal wieder in meiner Wohnung blicken lasse, bevor mir die saubere Kleidung ausgeht.“

Mit einem Nicken klemmte sich Ianto die Kiste unter den Arm. Er würde sie morgen ins Archiv bringen, Jack wartete auf ihn in ihrem Quartier. „Nos da, Alex.“

„Gute Nacht, Ianto.“

Er warf an der Tür einen Blick zurück, doch Hopkins war bereits wieder über seine Papiere gebeugt.


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„Sieh dir an, was ich in der letzten Schrottkiste gefunden habe!“ Jack lag auf dem Bett und hielt etwas hoch, das wie ein… runder, grauer Briefbeschwerer aussah.

„Was ist es dieses Mal?“ Ianto stellte die Kiste ab und kam misstrauisch näher. In der Regel lag Jack nur bei fünfzig Prozent seiner Mutmaßungen über den Zweck eines Artefakts richtig. „Wieder ein futuristisches Sexspielzeug?“ Warum landeten wohl ausgerechnet die so oft im Rift?

„Nein, besser.“ Jack setzte sich auf und klopfte auf die freie Matratze neben sich. „Obwohl, nicht wirklich besser. Nützlich. In unserer besonderen Situation.“

Ianto nahm neben ihm Platz und musterte das - bei näherer Betrachtung eher ovale - Ding auf Jacks Handfläche. Sah immer noch aus wie ein Briefbeschwerer. Von der Art, die man in der Grundschule aus Speckstein zum Muttertag bastelte. „Was ist es?“

„Wenn ich mich nicht irre, dann kann man mit diesem nützlichen kleinen Ding deine ganze Bibliothek voll Bücher scannen.“ Jack sah ihn an als erwarte er dafür besonderes Lob.

„Okay. Das ist beeindruckend.“ Ianto verschränkte die Arme und lehnte sich gegen den Kopfteil des Bettes zurück. „Aber wieso hast du es geklaut? Oder hat Alex dir erlaubt, ein Souvenir mitzunehmen?“

„Nun… Leute, die Bücher lieben, sind offenbar clever.“ Jack warf ihm ein Grinsen zu. „Und deshalb kann das Ding nicht nur Bücher scannen, sondern auch Türen öffnen.“ Bei den letzten Worten beugte er sich vor und flüsterte sie direkt in Iantos Ohr.

Wieder ließ Ianto an Enthusiasmus für diese Neuigkeiten missen. „Und was sollen wir genau damit anfangen? Selbst wenn wir damit hier raus kommen – wo sollen wir hin?“

„Ich habe ja nicht vorgeschlagen, dass wir unsere Sachen packen und verschwinden. Aber für alle Fälle.“ Jack ließ das Artefakt in der Hosentasche verschwinden. „Unser kleines Geheimnis.“

Ianto seufzte und stand auf. Er ging zu der Kiste mit den Unterlagen. „Ich bin nicht gut darin, solche Geheimnisse für mich zu behalten. Du weißt genau, wenn Alex mich fragt, werde ich rot anlaufen und zu stottern anfangen wie ein kleiner Junge, der mit der Hand in der Keksdose erwischt wurde.“

„Oh… Haben wir noch Kekse?“, fragte Jack, von der Aussicht auf Essbares abgelenkt.

„Nein. Wenn du Adam nicht immer ärgern würdest, könnten wir ihn bitten, welche mit zu bringen.“ Ianto fischte zwischen den Büchern einen schmalen Band heraus. Es handelte sich um ein zerlesenes Taschenbuch über französische Weine. Ianto hatte es noch nie zuvor gesehen. Gut, er kannte noch nicht alle Bücher, die sich in der Torchwood-Bibliothek befanden, aber er wusste, welche Exemplare er vor ein paar Tagen in Alex‘ Büro abgeliefert hatte. Er blätterte es auf, als Jack neben ihm erschien. „Oh.“ Ianto blinzelte überrascht. „Sieh dir das an. Das ist eine Widmung von Alex, ich erkenne seine Handschrift. An jemand namens Tyler.“

„Wer ist das?“ Neugierig griff der andere Mann nach dem Buch, doch Ianto zog es weg.

„Sei nicht so neugierig.“ Der junge Waliser drehte sich um. „Das sieht nach einem privaten Buch aus. Das ist sicher zufällig unter die anderen geraten. Ich bringe es ihm besser gleich zurück.“

„Selber neugierig.“ Jack schlang von hinten die Arme um ihn, und warf einen Blick über Iantos Schulter auf das Buch. „Ich habe eine Idee“, verkündete er.

„Jetzt habe ich Angst“, entgegnete Ianto trocken.

Jack biss ihn ins Ohrläppchen. „Lass uns den Türöffner an der Tür von Alex‘ Büro ausprobieren und nachsehen, ob wir in den Schrank mit den Personalakten kommen. Vielleicht hat Tyler auch hier gearbeitet.“

„Warum?“ Ianto drehte den Kopf, um ihn prüfend anzusehen. „Warum interessiert dich das?“

Jack zuckte mit den Schultern. „Warum nicht.“ Als Ianto ihn weiter ansah, sprach er weiter. „Alex hat mich über Beziehungen belehrt. Vielleicht erfahren wir damit etwas darüber, welche er hat.“ Er tippte auf den Buchdeckel. „Vielleicht ist Tyler diese geheimnisvolle Person, von der er gesprochen hat.“

Der junge Waliser war noch immer nicht überzeugt, aber er folgte Jack alleine schon deshalb nach oben zu Alex‘ Büro, um Schlimmeres zu verhindern.


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Im Hauptraum des Hubs brannte nur die Notbeleuchtung, die niemals ausging. Ein paar Monitore blinkten träge und überwachten den Rift und die Polizeinotruflinien.

Die Tür zu Alex‘ Büro war wie zu erwarten abgeschlossen. Jack griff in die Hosentasche, doch bevor er den Universalöffner herausholen konnte, umfasste Ianto sein Handgelenk.

„Was ist mit den Kameras?“, fragte der junge Waliser leise.

„Warum sollte sich jemand die Aufzeichnungen ansehen, solange wir keinen Alarm auslösen?“, erwiderte Jack. Er zog den „Briefbeschwerer“ hervor und presste ihn gegen das Türschloss. Es summte, klickte zweimal und als Jack die Klinke herunter drückte, ging sie auf.

„Wie funktioniert dieses Ding?“ Ianto schlüpfte hinter Jack ins Büro und schloss mit zwei raschen Handgriffen den Sichtschutz, bevor er das Licht einschaltete. „Ich meine, das ist kein elektrisches Schloss. Es ist mechanisch.“

„Keine Ahnung.“ Jack zuckte mit den Schultern und trat zu dem grauen Aktenschrank in der Ecke. Wieder hielt er den Öffner gegen das Schloss und nach einem Moment klickte es ein paar Mal.

Kopfschüttelnd zog Ianto die Schublade auf und blätterte die Registerreiter durch. Wenn er ehrlich war, wollte er jetzt auch gerne mehr wissen. Aber da Torchwood diese Regel hatte, dass es keine intimen Beziehungen zwischen Teammitgliedern geben durfte, wie wahrscheinlich war es dann, dass er ausgerechnet… Ianto stutzte und blätterte zurück. „Es gibt tatsächlich eine Akte über eine oder einen Tyler… Tyler Jones.“

„Verwandt mit dir?“ Jack tauchte wie ein Springteufelchen hinter ihm auf.

„Jack, es gibt unzählige Menschen mit dem Nachnamen Jones in Großbritannien und noch eine Menge mehr in den USA. Die sind auch alle nicht mit mir verwandt.“ Er rollte mit den Augen.

„Mann oder Frau?“, fragte Jack neugierig und versuchte die Akte aus seinen Fingern zu pflücken.

Ianto zog sie weg und schlug sie auf. Er überflog das einzelne Blatt, das darin abgeheftet war. „Keine Ahnung. Davon steht hier nichts. Und es gibt kein Foto, keine persönlichen Daten. Sieh mal. Nur ein Datum und...“ Er verstummte. „Retcon. Wer immer Tyler Jones ist oder war, sie haben ihm oder ihr Retcon gegeben, eine dieser Tabletten, die Erinnerungen verschwinden lassen. Und dann ist er oder sie "umgesiedelt" - steht tatsächlich so hier - worden. Nach… Calgary.“

„Wo ist das?“

„Kanada, denke ich. Nordamerika. Sehr weit weg“, setzte er hinzu, als Jack ihn fragend ansah. „Aber es steht nichts dabei, wieso. Hier ist nur eine Nummer angegeben, die auf einen anderen Bericht verweist.“ Er klappte die Mappe zu und verstaute sie wieder an ihrem Platz. „Das beweist nicht, dass es die gleiche Person ist, der das Buch gehört hatte.“ Ianto schob die Schublade zu und legte das Buch auf den Schreibtisch, schob eine Unterschriftenmappe darüber. „Oder dass die beiden etwas miteinander hatten.“ Er sah Jack an, der in einer Plastikbox stöberte. „Hör auf damit, denkst du, Alex merkt das nicht?“

„Schon gut.“ Jack hob die Hände.

„Eine Frage.“ Ianto sah ihn an. „Kann dein praktisches Spielzeug die Schlösser auch wieder abschließen?“

Der Ausdruck auf Jacks Gesicht verriet ihm, dass der andere Mann bisher nicht daran gedacht hatte. „Ich glaube nicht.“

Seufzend zog Ianto eine Schublade am Schreibtisch auf und fischte unter einem Stapel Umschläge einen kleinen Schlüsselbund hervor, an dem er einen Schlüssel fand, mit dem sich der Aktenschrank wieder abschließen ließ.

„Du wusstest du ganze Zeit über, wo Alex den Schlüssel versteckt?“, meinte Jack irritiert.

Ianto zuckte mit den Schultern. „Du hattest so viel Spaß mit deinem neuen Spielzeug“, spottete er. „Es sind Ersatzschlüssel, ich habe gesehen, wie er sie neulich in die Schublade gelegt hat. Hoffentlich vermisst er sie nicht, bevor ich die Gelegenheit habe, sie zurück zu schmuggeln.“ Ianto hielt die Bürotür auf, wartete bis Jack an ihm vorbei nach draußen ging und schloss dann sorgfältig ab.


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„Ich will Pizza.“ Jacks Gesichtsausdruck hätte auch einem Fünfjährigen gut gestanden.

„Vor fünf Minuten wolltest du noch Eis“, bemerkte Ianto, ohne von seinem Buch aufzusehen.

„Da musste ich aber auch niemand dabei zusehen, wie er sich mit Pizza vollschlägt.“ Jack deutete auf den Fernseher.

„Finde dich damit ab, wir haben keine Pizza.“ Ianto blätterte gleichmütig eine Seite um. „Und kein Eis.“

„In mein Büro, Jack. Sofort.“ Alex‘ Stimme klang eisig und er machte auf dem Absatz kehrt, ohne auf eine Antwort zu warten. „Du alleine.“

Einen Moment lang sahen die beiden Männer ihm verblüfft nach. Sie hatten den Leiter von Torchwood Drei erst bemerkt, als er bereits vor ihnen stand.

Jack beugte sich zu Ianto hinüber, als er sich von der Couch hoch rappelte. „Denkst du, er bietet mir gleich eine Augenbinde und eine letzte Zigarette an?“

„Bring ihn nicht auf Ideen.“ Ianto ließ sein Buch sinken und sah seinem Partner nach. Wusste Alex von ihrem nächtlichen Ausflug in sein Büro? Aber dann hätte er sicher sie beide zu sich bestellt…


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„Du solltest wirklich froh sein, dass ich hier unten sauber gemacht habe.“

Jack gab das Studium eines Flecks auf dem Boden auf, der bei längerer Betrachtung wie drei ineinander verschlungene Körper aussah. Wenn man viel Fantasie hatte…

Ianto hielt ein - mit einem Geschirrtuch abgedecktes – Tablett in den Händen und betrachtete ihn durch das zerkratzte Plastik der Zellentür mit einer Mischung aus Amüsement und Resignation.

„Die anderen beschränken sich meistens darauf, nur alles mit einem Schlauch abzuspritzen.“ Ianto bückte sich und schob das Tablett durch den dafür vorgesehenen Schlitz in der Tür. „Dein Mittagessen.“ Er lehnte sich gegen die Plastikwand.

„Hat Alex gesagt, wann ich hier raus darf?“ Jack ignorierte das Tablett vorerst und trat näher zu Ianto.

„Nicht vor heute Abend.“ Ianto schüttelte den Kopf. „Er ist echt sauer, dass du dieses Ding… behalten… hast.“ Erstaunlicherweise hatte Alex offenbar die Aufnahmen des Lagerraumes überprüft, in dem Jack an den Kisten mit Artefakten arbeitete, nicht aber die des Hauptraumes oder die in seinem Büro… Ianto war ziemlich sicher, dass er ansonsten in der Zelle neben Jack sitzen würde. „Vielleicht kommst du auch schon heute Nachmittag raus, mal sehen ob ich mit ihm reden kann, wenn er wieder bessere Laune hat.“

„Du könntest aber auch zu mir rein kommen“, schlug Jack vor. „Hier ist genug Platz für zwei und wir…“

In diesem Moment ging das Licht aus. Grüne Biolumineszenzstreifen an den Wänden spendeten ein wenig Helligkeit, gerade genug um Umrisse zu erkennen. Die Belüftungsanlage stoppte und in der plötzlichen Stille konnten sie Wasser tropfen hören.

Ianto sah sich um. Dann tippte er den Öffnungscode – den brauchte er, um die Zellen zu säubern – ein. Jack war aus der Zelle, bevor die Tür ganz offen war.

„Sollen wir hier warten, bis das Licht wieder angeht?“, fragte Ianto angespannt. „Oder versuchen zu den anderen nach oben zu kommen?“

„Die Treppe ist da hinten.“ Jack griff nach Ianto und lauschte. „Die Zellen bleiben doch auch bei einem Stromausfall geschlossen, oder?“, flüsterte er ins Ohr des jungen Walisers. „Ein paar der Weevil hier unten sind gar nicht gut auf mich zu sprechen. Und ich habe keine Lust, ihnen im Dunkeln zu begegnen.“

Ianto schluckte. „So weit ich weiß, bleiben sie zu. Ich musste den Code eingeben, um dich aus deiner zu lassen.“

„Gut.“ Jack orientierte sich in der schummrigen Beleuchtung und ging in Richtung Treppe, Ianto an der Hand hinter sich her führend.

„Jack.“ Ianto blieb abrupt stehen. „Ich glaube wir sind nicht mehr alleine.“



tbc