Titel: Vertrauen
Autor: Lady Charena (März 2014)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 6630
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Alex Hopkins, OCs: Shanna Lyons
Pairing: Jack/Ianto, [Jack/Shanna angedeutet]
Rating: AU, ab 12, slash
Beta: T’Len

Summe: Alex ertappt Jack und Shanna in einer… kompromittierenden… Situation. Er ist alles andere als amüsiert. Und Ianto ist verletzt, als er davon erfährt.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.10: Vertrauen


„Hier versteckst du dich also.“

Alex Hopkins zog den Kopf ein, als er durch eine überraschend niedrige, bogenförmige Tür in eine weitere Kammer voller Regale trat. Wodurch sich der Eindruck, in eine Höhle zu kommen, nur verstärkte.

Es hatte schon so seinen Grund, dass er sich nur selten hierher verirrte – jede Sekunde, in der er sich in den labyrinthischen Archiven aufhielt, spürte er förmlich, wie die Wände immer enger zusammen rückten. Die kahlen Betonwände aus den höheren Stockwerken wurden hier von feuchtschimmernden, mit graugrünen Flechten bewachsenen dunkelroten Ziegeln ersetzt, die im Gegensatz zum Beton einen Teil der Geräusche verschluckten. Der Effekt war unheimlich, weil die Ohren versuchten, auch das zu hören, was nicht da war und dabei entstanden merkwürdige Echos im Kopf. Tatsächlich war Ianto der einzige, dem es nichts auszumachen schien, sich hier unten aufzuhalten. Selbst Jack hatte schon zugegeben, dass ihn die verwinkelten Räume und die dunklen, engen Korridore nicht völlig behagten.

Er stoppte kurz, um ein Regal näher zu betrachten. Die Seitenwand aus dunkel gebeiztem Holz war mit der kunstvollen Schnitzerei einer Rankpflanze, vielleicht Efeu, verziert. Eigentlich viel zu schön, um in diesen Kellergewölben zu verrotten. Möglicherweise handelte es sich sogar um eine Antiquität.

Der gegenwärtige Leiter der Torchwood-Niederlassung in Cardiff schüttelte den Kopf. Er war nicht hier, um Schatzsucher zu spielen – obwohl seinem Budget eine Finanzspritze nicht schaden würde. Vielleicht wäre das auch ein Projekt für Ianto? Er leistete gute Arbeit mit der Katalogisierung der Bücher. Aber zuerst würden sie sehen, wie die Sache mit dem Tourismusbüro lief. Alex umrundete das Regal.

Am Ende der Kammer, unter einem halbbogenförmigen Buntglasfenster das ohne ersichtlichen Grund mitten in der Wand saß, hatte Ianto einen alten Schreibtisch und zwei ungemütlich aussehende, unterschiedliche Stühle platziert. Der junge Waliser benutzte im Moment jedoch keinen davon, sondern lehnte gegen einen nahen Aktenschrank, und studierte im Schein einer grünen Kanzleilampe ein Buch. Es gab so tief unten im Hub keine Computerleitungen, weshalb Ianto mit der Hand Notizen auf einen Block machte, um sie später im Hauptraum abzutippen. Da war eine antik aussehende Schreibmaschine an den Rand des Tisches geschoben, um Platz für die Bücherstapel zu schaffen, die das meiste der freien Fläche einnahmen. Ein Thermobecher für Kaffee stand in sicherer Entfernung auf dem Stuhl vor dem Tisch, daneben ein Paar weißer Stoffhandschuhe und eine Packung Babyfeuchttücher. Das hatte nichts mit Iantos Hang zur Reinlichkeit zu tun, sie eigneten sich wohl besonders gut, um alte Buchcover von Schmutz zu reinigen, ohne dass sich die Farbe ablöste. Die Handschuhe waren für Bücher vorgesehen, die Ianto für wertvoll hielt. Der junge Antiquar hatte ihm einmal in einer ruhigen Stunde erklärt, wie Schweiß und Fette in der Haut das Papier angriffen.

Ianto hob den Kopf und lächelte zur Begrüßung. „Alex. Hast du dich verirrt und findest den Weg nicht mehr zurück?“ Obwohl er vermutlich wie üblich Stunden hier unten verbracht hatte, war der junge Waliser staub- und schmutzfrei. Keine Spinnwebe würde es wohl wagen, sich an Iantos Haaren festzusetzen und kein Staubfädchen hing an seinem Ärmel. „Ich helfe gerne.“ Er tat als greife er nach einem Blatt Papier. „Soll ich dir eine Karte zeichnen?“

Alex ignorierte die gutmütige Frotzelei und lehnte sich neben Ianto gegen das Regal, einen Blick auf das Buch in seinen Händen werfend. Wie immer, wenn er sich mit seinen geliebten Büchern beschäftigte, wirkte der junge Mann entspannt. „Findest du auch den Weg zu den Zellen?“, entgegnete er trocken. Ianto lachte leise. „Eigentlich habe ich erwartet, dass Jack hier irgendwo herumhängt und dich von der Arbeit abhält“, fuhr Alex fort. „Oder versteckt er sich vor mir?“

„Jack ist nicht da.“ Ianto schloss das Buch, strich liebevoll über den Schnitt und legte es auf den Tisch zu seinen ledergebundenen Artgenossen. „Als ich gegangen bin, hat er an seiner Waffe rumgespielt. An der Webley, meine ich. Er hat sie geputzt.“

Hopkins grinste. „Er hat eindeutig schlechten Einfluss auf dich.“ Von irgendwoher zog es unangenehm, aber wie war das tief unter der Erde möglich? Allerdings mussten ja irgendwie die Räume hier unten belüftet werden. „Gut, dann lasse ich dich zurück an deine Arbeit. Vergiss nicht, ab und zu eine Pause einzulegen, okay. Du musst nicht in einer Nacht fertig werden.“ Er stieß sich vom Regal ab und drehte sich um die eigene Achse. Und in welcher Richtung war jetzt noch einmal der Ausgang?

„Ich warte eigentlich schon seit einer ganzen Weile nur noch darauf, dass Jack hier auftaucht, um mich zu stören.“ Ianto wischte sich die Handflächen an seiner Jeans ab. „Wenn du ihn dringend sprechen willst, warum ortest du ihn nicht einfach?“

Alex schlug sich fast mit der Hand vor den Kopf. Natürlich trug Jack das Armband mit dem Chip, der die Zugangskontrolle regelte. Über das Sicherheitssystem konnte er immer feststellen, wo sich die beiden aufhielten. Er wandte sich Ianto zu und lächelte schief. „Ich denke, ich habe in letzter Zeit ab und zu vergessen, dass ihr beide kein offizieller Teil meines Teams seid.“

Der Blick des jungen Walisers glitt zur Seite. Er schob den Ärmel hoch, so dass das Armband sichtbar wurde, rieb sich das Handgelenk. „Wie du sicher verstehst, finde ich es etwas schwieriger, das zu vergessen.“ Dann straffte er die Schultern und trat zum Schreibtisch. „Ich denke es reicht für heute.“ Er richtete die Stapel ordentlich aus und nahm seinen Notizblock, bevor er die Kanzleilampe ausschaltete. Obwohl sich an der Decke Glühbirnen befanden, schien es abrupt sehr viel dunkler zu sein. „Wenn du Jack findest, sag ihm, ich bin in unserem Zimmer. Nicht, dass er mich hier unten sucht. Wenn er alleine ist, bringt er mir nur wieder alles durcheinander, einfach um mich zu ärgern.“

Als Ianto zu ihm trat, hob Alex die Hand um sie als stumme Entschuldigung auf seinen Arm zu legen – doch der jüngere Mann wich ihm mit einer halben Drehung aus, wandte sich dem Regal zu. Seine Finger glitten suchend über die Buchrücken, bevor er eines auswählte und herauszog. Vielleicht war es nur Zufall, dass Ianto der Berührung auswich. Oder er war es leid, ständig betatscht zu werden, selbst wenn es ohne Hintergedanken geschah. Jack war von Natur aus sehr handgreiflich…

„Bettlektüre?“, fragte er, ein wenig lahm das Thema wechselnd.

Ianto sah ihn über die Schulter an, Buch und Block unbewusst an seine Brust drückend. „Fünf Jahre lang waren Bücher meine ganze Welt. Ich weiß, dass das merkwürdig klingt, in diesem Alter, richtig? Ich meine, ich hätte zur Schule gehen, mit meinen Freunden abhängen und mich für Mädchen interessieren sollen. Stattdessen verbrachte ich die Tage in einem muffigen, mit Büchern vollgestopften kleinen Laden mit einem alten Belgier und die Nächte damit, mir ein bisschen Taschengeld dazu zu verdienen.“ Er hob die Schultern. „Ich denke, ich habe mich dort versteckt. Dann kam Jack…“ Ianto lächelte unwillkürlich, als er den Namen des anderen Mannes aussprach. „Und der Doctor und… das war einfach unbeschreiblich. Jetzt habe ich manchmal das Gefühl, ich bin wieder an diesem Punkt angelangt, und verstecke mich. Sogar der Raum mit den Büchern ist da.“

„Es wird nicht immer so sein, Ianto“, entgegnete Alex leise. „Du wirst dich nicht immer verstecken müssen.“

„Ich weiß nicht. Wenn es nicht Torchwood ist…“ Ianto zögerte. „Jemand wird sich immer für uns interessieren, sobald er von unseren… Fähigkeiten… erfährt.“

Es war unmöglich, darauf zu antworten und nicht Plattitüden zu äußern oder falsche Versprechungen zu machen. „Wir können uns in meinem Büro unterhalten, wenn du noch nicht müde bist“, schlug Alex stattdessen vor. „Ich spendiere dir einen Drink.“

„Danke, aber ich würde das gerne auf ein anderes Mal aufschieben, wenn es dir nichts ausmacht.“ Ianto schüttelte den Kopf. „Ich fühle mich ganz verstaubt und will gleich unter die Dusche. Und ich erinnere mich nicht einmal daran, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe.“

„Natürlich. Kein Problem.“ Alex wandte sich zum Gehen. „Du weißt, du kannst dich immer an mich wenden, okay? Ich versuche euch beiden so gut zu helfen, wie es geht.“

„Ich weiß“, sagte Ianto leise und folgte ihm zur Tür. Er zog sie hinter ihnen ins Schloss und ging ein Stück schweigend neben Alex den Flur entlang, bis sie zu einer Gabelung gelangten und der junge Waliser mit einem Nicken in einen anderen Korridor verschwand.

Alex ging weiter, in die oberen Ebenen, wo die Wände nicht ganz so nah zusammen rückten.


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„Das war nicht gerade ein Meisterschuss.“ Shanna schüttelte den Kopf. „Ich hatte mir mehr versprochen.“

„Oh, wirklich?“ Jack nahm die Schutzbrille und die albernen Ohrenschützer ab und legte sie auf die Ablagefläche, neben der die Torchwood-Feldagentin stand, während sie seine Leistung kritisierte. Heute schossen sie zur Abwechslung nicht auf Weevilförmige Ziele, sondern auf klassische Zielscheiben, mit Punkteangaben. „94 von 100 Punkten. Ich bin ziemlich zufrieden mit mir.“

„Das kann ich mir vorstellen. Zu schade, dass dein Cheerleader nicht hier ist. Ich bin sicher, er sagt dir immer, wie gut du bist – auch wenn es nicht so ist.“ Sie wandte sich ihm zu, ein herausforderndes Lächeln auf den Lippen.

„Es ist die Wahrheit.“ Jack schob die Webley in sein Gürtelholster. „Und lassen wir Ianto aus dem Spiel. Das hier ist zwischen uns beiden.“

„Dann ist das keine exklusive Beziehung?“ Shanna nahm ihre eigene Schutzbrille ab. Legte sie zur Seite, neben den Gehörschutz. Ihre Augen funkelten mit einer Mischung aus Spott und… Amüsement.

„Exklusivität? So ein altmodisches Prinzip.“ Jack zuckte mit den Schultern. „Zumindest in meiner Zeit. Es gibt viele unterschiedliche Formen von Beziehungen und niemand fühlt sich verpflichtet, sich nur an eine Person zu binden.“

Shanna trat nahe zu ihm, so nahe dass sich ihre Körper fast berührten. „Weiß Ianto das eigentlich auch?“

„Er versteht mich.“ Jack wickelte ihre Zöpfe um seine Finger. Sie fühlten sich so glatt und kühl an, wie er vermutet hatte. „Warum laden wir ihn nicht zu dieser Party ein, dann kannst du ihn selbst fragen.“

„Ein anderes Mal.“ Shanna schob die Hände unter Jacks Hosenträger, die Handflächen gegen seine Brust gepresst.

Sie war auf Absätzen fast so groß wie er, neigte den Kopf leicht zurück in den Nacken, so dass ihre Kehle frei lag. Jack konnte die Pheromone, die ihr Körper ausströmte, bereits so auf der Zunge schmecken. Sie roch nach Zitrusfrüchten und Gewürzen, ein Duschgel oder Parfüm oder vielleicht der natürliche Duft ihrer Haut.

„Ich habe euch hier gesehen, beim Schusstraining“, meinte Shanna. „Es gibt eine Sicherheitskamera. Uh, heiße Show. Ich bin sehr neugierig, wie gut du „live“ bist.“

Jack umfasste ihre Hüften und drängte sie zurück gegen das viereckige Podest, auf dem Munition und Schutzausrüstung lagen. Ein paar Kugeln für die Webley fielen aufgrund der Erschütterung aus ihrer Verpackung und klimperten auf dem unebenen Betonboden. „Live schaffe ich locker 120 von 100 möglichen Punkten.“ Er schnitt ihre Antwort mit einem Kuss ab.


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Die Webley war verschwunden, aber wie nicht anders zu erwarten hatte Jack den mit schmierigem Waffenöl getränkten Lappen auf dem Tisch liegen lassen. Angewidert nahm Ianto ihn hoch und warf ihn in den Mülleimer. Sie legten schließlich ihr Essen da drauf ab und überhaupt stank das Zeug.  

Ianto ließ das Buch und seinen Notizblock auf der Sitzfläche des Stuhls, der auf seiner Seite des Bettes sowohl als Nachttisch als auch als Kleiderhalter diente und zog Sweatshirt und T-Shirt auf einmal über den Kopf. Er kickte die Turnschuhe von den Füßen und ließ sie vorerst auf dem Bettvorleger, warf seine schmutzige Kleidung in einen Wäschekorb. Auf Socken ging er ins Bad, um zu duschen.

Als er wieder aus dem Badezimmer kam, schaudernd als ihn die kühlere Luft nach der heißen Dusche traf, war der Raum noch immer leer. Er hatte Alex vorhin nicht danach gefragt, warum der Leiter von Torchwood Drei nach Jack suchte, aber es hatte nicht nach einem Notfall geklungen.

Vielleicht war Jack mit den anderen auf dem Schießstand. Das Holster für die Webley fehlte auch, wie Ianto feststellte, als er einen frischen Pyjama (die hielten ihn einfach am besten warm) aus dem Schrank holte und anzog. Torchwood-Feldagenten mussten sich regelmäßig qualifizieren – und Jack liebte es, sich mit ihnen zu messen und (einfach gesagt) anzugeben. Er lächelte, als er seine noch leicht feuchten Haare in Form kämmte. Gut, dass sie nichts davon wussten, was sonst noch so alles auf dem Schießstand passiert war…

Ianto nahm ein vom Mittagessen übriggebliebenes Käsesandwich aus dem kleinen Kühlschrank, den sie seit ein paar Wochen in ihrem Quartier hatten und legte es auf einen Pappteller, zusammen mit einer Papierserviette. Dann schaltete er den Wasserkocher an und öffnete die Kiste, in der er seine Privatdinge aufbewahrte. Wie immer unwillkürlich tief den exotischen Geruch einatmend, den das dunkle Holz verströmte, fischte er einen Plastikbecher mit Instantnudelsuppe und eine Softdrink-Dose hervor. Eine Portionspackung Kekse und ein Apfel vervollständigten seinen Imbiss.

Er balancierte alles zum Bett, legte Teller, Kekse und den Apfel zusammen mit der Getränkedose auf der Decke ab und nahm den Suppenbecher zurück zum Kühlschrank, wo der Wasserkocher inzwischen wild brodelte. Er riss den Deckel auf und kippte kochendes Wasser in den Becher, fischte eine Gabel aus dem Korb neben dem Wasserkocher, in dem sie Besteck und anderen Kleinkram aufbewahrten. Es war sicherlich kein sterneverdächtiges Abendessen, dachte er, als er die Instantnudeln vorsichtig zum Bett balancierte, um sich nicht die Finger daran zu verbrennen, aber er kam damit ohne knurrenden Magen durch die Nacht.

Mit untergeschlagenen Beinen nahm Ianto auf dem Bett Platz und rührte die Instantnudeln um. Sollte er tatsächlich mal essen können, ohne dass Jack - wie von einem sechsten Sinn geleitet - auftauchte und etwas abhaben wollte?

Ianto wickelte die widerspenstigen Nudeln auf eine Gabel, balancierte sie – eine Hand untergehalten, um etwaige Tropfen aufzufangen – zum Mund und wischte sich dann die Finger ab, bevor er nach dem Buch griff, dass er mitgebracht hatte. Er schlug die abgegriffene Ausgabe von „Casino Royale“ auf und vertiefte sich in seine Lektüre.


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Shanna warf ihm etwas zu, und es glitt durch seine Finger, um gegen seine Schulter zu klatschen.

Jack fischte die silberne Verpackung von seiner Brust und hielt sie hoch.

„Nun komm mir nur nicht damit, dass du als Mann aus der Zukunft nichts damit anfangen kannst.“ Dunkle Augen funkelten spöttisch, als Shanna ihn ansah.

Er gab den Blick mit einem unverschämten Grinsen als Zinsen zurück und riss mit den Zähnen die Kondomverpackung auf, mit der anderen Hand den Reißverschluss der Jeans öffnend.


Ianto bestand auch darauf, diese antiquierte und umständliche Methode... okay, hier und jetzt war sie wohl nicht antiquiert. Er war sich ziemlich sicher, dass sein höher entwickeltes Immunsystem verhinderte, dass er sich irgendwelche Krankheiten holte – das in Verbindung mit dem extensiven Impfprogramm der Agency (das Einschleppen von Krankheiten wäre ein erheblicher Eingriff in die Zeitlinie gewesen). Aber es schien von ihm erwartet zu werden, dass er sich den Bräuchen dieser Zeit anpasste.

Oh, und es war wert gewesen, bei einem seiner Besuche in der Krankenstation Hill nach Kondomen zu fragen und Alex’ Gesicht einen dezenten Rotton annehmen zu sehen. Der Arzt hingegen zuckte nicht mit einer Wimper, während er sich umdrehte und aus einer Schublade eine Handvoll Kondome holte. Jack war sicher, dass der Leiter von Torchwood Drei sich verschluckte, als er sie in die Tasche schob und nach mehr fragte. Hey, er und Ianto hatten ein sehr aktives Sexleben. Das sollte nach monatelangem Abhören ihres Zimmers in London wohl kaum noch als Überraschung kommen. Hill musterte ihn einen Moment, lächelte dann dünn und drückte ihm die restliche Packung in die Hand. Dann stieg der Doktor ein wenig mehr in seiner Achtung, als er sich unaufgefordert von einer Tube medizinischem Gleitgel trennte. Nur den Vorschlag, sich zu ihnen zu gesellen, den schlug er dann doch aus.

Er hörte Alex etwas von „…sie nicht auch noch ermutigen, Adam…“ sagen – und die Antwort des Arztes, dass es wohl kaum Ermutigung von seiner Seite aus brauche.



In kürzester Zeit bedeckte ihre Kleidung den Boden. Shana trug noch ihre Unterwäsche - Jack, der nicht an Unterwäsche glaubte, natürlich nichts mehr - als Schritte durch den Raum hallten.

Einen Moment später stand Alex vor ihnen. Wäre es eine Szene aus einem der Cartoons gewesen, die er manchmal frühmorgens im Fernsehen sah, wären aus Alex' Ohren wohl kleine Rauchwölkchen aufgestiegen. Doch auch so ließ seine Miene keinen Zweifel daran dass er wütend war.

Shanna stieß Jack von sich weg und griff nach ihrer Kleidung. „Es ist nicht ernst gemeint, Boss, wir haben nur…“, begann sie.

„Wir sprechen uns später, Agent Lyons“, unterbrach Hopkins sie eisig. „Morgen früh in meinem Büro. Deine Schicht ist längst zu Ende. Geh nach Hause. Ich brauche ausgeruhte Mitarbeiter.“

Sie zog sich ihr Oberteil über den Kopf, warf Jack einen Blick zu und eilte aus dem Raum, den Rest ihrer Kleidung unter dem Arm.

„Zieh dich an“, wandte Alex sich an Jack. Sein Gesicht war rot und er sah wirklich sehr wütend aus, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt. „Und dann geh mir aus den Augen. Du bleibst in eurem Quartier, bis ich dir etwas anderes sage.“

Jack machte keine Anstalten, nach seiner Kleidung zu greifen. „Wir sind beide erwachsen und es war einvernehmlich, also…“

Alex hob die Hand. „Das will ich nicht hören. Du lässt die Finger von meinem Team, selbst wenn sie sich dir nackt an den Hals werfen, hast du mich verstanden, Jack?“

„Heißt das, nur die Finger sind verboten und andere Körperteile sind erlaubt?“, entgegnete Jack grinsend.

Hopkins lachte nicht. „Ich meine das ernst, Jack“, erwiderte er, seine Augen kalt. „Ich dulde keine sexuellen Beziehungen zwischen den Mitgliedern meines Teams. Die Ablenkung kann tödlich enden. Zwing mich nicht dazu, meine Entscheidung, Ianto und dich hier zu behalten, zu überdenken.“

Jack trat unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu. „Du würdest nicht wirklich Ianto wegen etwas wegschicken, dass ich getan habe, oder?“

Wortlos hielt Alex seinem Blick stand. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und ging.

Nach einem Moment machte Jack sich daran, seine Kleidung aufzusammeln und sich anzuziehen. Es schien fast, als beobachteten ihn die Weevil-Zielscheiben dabei mit stummem Spott.


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„Hey.“ Ianto sah mit einem Lächeln von seinem Buch auf, als Jack in den Raum trat. „Hat Alex dich gefunden? Er hat dich unten bei mir, bei den Büchern, gesucht.“

„Ja. Wir sind uns begegnet.“ Jack setzte sich auf die Bettkante und griff nach der Dose mit dem Softdrink. „Ich darf wieder einmal den Raum nicht verlassen.“

„Was hast du getan?“, fragte Ianto und nahm die Dose weg, bevor Jack sie erwischte.

Aber Jack schüttelte nur den Kopf. Mit einem Stirnrunzeln reichte Ianto ihm die Getränkedose. „Warst du auf dem Schießstand?“, fragte er dann mit Blick auf die Waffe, die der andere Mann samt Holster auf den Tisch gelegt hatte.

„Ja. Und ich hatte 94 von 100 Punkten.“ Jack trank einen Schluck und gab die Dose an seinen Partner zurück. Er stand auf und zog sein Hemd über den Kopf, ohne es aufzuknöpfen. Die Hosenträger baumelten schon um seine Hüften. „Ich gehe duschen, kommst du mit?“

„Ich habe schon geduscht.“ Ianto sah zu, wie Jack seine Jeans auszog und sie in den Wäschekorb zu Iantos schmutziger Kleidung warf. „Lass mich nur rasch die Sachen hier weg räumen, bevor wir schlafen gehen. Hast du Hunger?“

„Franks hat Pizza mitgebracht, ich habe mit den anderen gegessen.“ Jack sah ihn über die Schulter an. „Hill hat deinen Anteil in der Mikrowelle versteckt.“

„Großartig“, erwiderte Ianto trocken. „Da hat sie bestimmt niemand gefunden.“ Er legte das Buch weg, sammelte die leere Keksverpackung, den Becher in dem sich die Instantnudeln befunden hatten und die Dose ein, und warf alles zusammen in den Müll, als er das Bett verließ.

Jack grinste und verschwand ins Bad, gleich darauf war das Rauschen der Dusche zu hören.

Ianto legte den nicht gegessenen Apfel zurück auf den Kühlschrank und die benutzte Gabel daneben, um sie später zu spülen. Auf dem Weg ins Bett warf er einen Blick in den Wäschekorb. Gut, das übermorgen Waschtag war. Er zog die Decke bis unters Kinn hoch und widmete sich wieder James Bond, bis Jack aus dem Bad kam.

„94 von 100 möglichen Punkten ist doch nahezu perfekt“, meinte Ianto, sich auf die Seite rollend, so dass er Jack ansehen konnte, als der andere Mann sich neben ihm aufs Bett legte.

„Ich war schon besser.“ Jack drehte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Nacken.

„Nun, es war nur eine Zielscheibe.“ Ianto klappte das Buch zu und legte es weg. „Ich meine, du hast selbst gesagt, du bist besser wenn es eine Herausf…“

„Du bist nicht mein Cheerleader, okay?“, unterbrach ihn Jack verärgert.

Ianto schwieg überrascht. „Okay“, meinte er dann. Er boxte sein Kissen zurecht und rollte sich auf die andere Seite, Jack den Rücken zuwendend.

Ein paar Sekunden später bewegte sich die Matratze und Jack rückte eng an ihn, warf einen Arm über Iantos Taille. „Das habe ich nicht so gemeint. Ich meine, es ist nichts was du gesagt hast.“

„Okay“, wiederholte Ianto nur. Allerdings drehte er sich auch nicht weg, als Jacks Mund seinen Nacken zu erkunden begann.


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„Hey, wenn du anfängst, auch die Nächte ganz hier zu verbringen, solltest du vielleicht Alex fragen, ob er dich ein Bett aufstellen lässt. Obwohl...“ Jack strich an einem Regalbrett entlang. „Ein bisschen eng wird das schon. Besonders für zwei. Bestimmt bist du nicht so grausam und lässt mich ganz alleine in unserem Zimmer schlafen?“

Ianto drehte sich samt Stuhl in seine Richtung. Jack konnte sehen, dass er ein silbernes Folienstück in den Fingern hielt. Die Verpackung eines Schokoriegels? Es war schon eine Weile her, dass er Schokolade von Iantos Haut geleckt hatte. Zwar war es hier unten ein wenig kälter als sein jüngerer Liebhaber es mochte, aber schließlich konnte er dafür sorgen, dass es Ianto rasch wärmer wurde...

„Ich glaube nicht, dass alleine zu schlafen ein Problem für dich ist.“ Iantos Stimme klang rau, aber vielleicht lag das nur an der staubigen Luft hier unten. „Du findest bestimmt jemand anderen, der dir Gesellschaft leistet.“

„Ich arbeite daran, aber Alex scheint gegen meinen Charme immun zu sein.“ Jack trat zu ihm und wollte sich vorbeugen, um ihn zu küssen, als Ianto sich im gleichen Moment zurücklehnte und die Beine auf ein leeres Regal stützte. Und damit eine sehr effektive Schranke zwischen ihnen aufbaute. Er lehnte sich neben Iantos Füßen gegen das Regal.

„Offenbar sind nicht alle so wie er.“ Der junge Waliser sah nicht auf.

Okay, er war weder taub noch blind und verstand einen Hinweis. „Ist etwas passiert?“, fragte Jack.

„Heute ist Donnerstag.“

„Ja?“ Das passiert jede Woche. Nicht besonders hilfreich.

„Donnerstag ist Waschtag.“

Huh? Entweder sprach Ianto in Code oder er hatte mal wieder seine Socken irgendwo liegen lassen, wo sie seinen ordentlichen Partner störten. „War ich an der Reihe? Tut mir leid, habe ich vergessen. Ich kümmere mich nächste Woche darum, okay?“

„Du warst nicht an der Reihe, du bist nie an der Reihe. Ich kümmere mich um unsere Klamotten, weil du sie absichtlich ruinierst.“ Ianto ließ die Glitzerfolie in seine Richtung fallen, und Jack hatte ein unerwartetes Deja Vu als das silberne Viereck vor seine Füße flatterte. „Ich habe nicht danach gesucht. Es fiel aus dem Aufschlag deiner Jeans, als ich sie in die Waschmaschine steckte“, sagte Ianto tonlos. „Und wir benutzen nicht diese Marke. Du hattest Sex mit jemand anderem?“

Jack bückte sich. Es war die Kondomverpackung von seinem verhinderten Fick mit Shana. Er hatte es fast über Alex‘ Reaktion – und seiner Drohung - vergessen. Die Moralvorstellungen dieser Zeit und dieses Planeten verblüfften ihn immer wieder. „Da ist nichts gelaufen. Alex hat uns in Unterwäsche erwischt. Genauer gesagt, Shana war in Unterwäsche. Ich habe ihm angeboten, mitzumachen, aber er...“

„Ich finde das nicht witzig, Jack.“ Ianto stieß sich mit den Füßen vom Regal ab und die Stuhlbeine scharrten über den Boden. Dadurch schuf er genug Platz, um aufzustehen. „Du hättest mir einfach sagen sollen, dass du genug von mir hast“, sagte er leise, den Blick auf einen Bücherstapel auf dem Schreibtisch gerichtet.

Ianto...“

„Wir sind beide erwachsen. Und nur weil wir gemeinsam in dieser... Sache... feststecken, muss das nicht heißen, dass wir...“

Jack packte ihn an den Schultern, drehte ihn zu sich um. „Ianto, von was redest du?“

„Das zwischen uns, das ist vorbei, oder?“ In der matten Beleuchtung zwischen den Regalen waren Iantos Augen in seinem blassen Gesicht riesig.

„Wieso denkst du das?“ Die Vorstellung, dass Ianto ihn verlassen konnte, verschlug ihm für einen Moment den Atem.

Ianto versteifte sich in seinem Griff. „Einer von uns hat Sex mit einer anderen Person. Das ist normalerweise ein ziemlich deutliches Anzeichen.“

„Seit wir uns getroffen haben, hatte ich mit niemand Sex außer mit dir. Und du? Hat Adam Hill dich rumgekriegt?“

„Adam ist einfach nur mein Freund.“ Ianto schüttelte den Kopf. „Du nimmst das nicht ernst.“

„Hey.“ Jack stoppte ihn, als Ianto sich an ihm vorbei drängen wollte. „Zwischen mir und Shana ist nichts passiert. Und selbst wenn, es würde nichts bedeuten. Es ist nur Sex. Wir wollten ein wenig Spaß. Was hat das mit dir und mir zu tun?“

Ianto sah ihn an, und der Schmerz in seinen Augen versetzte Jack einen unerwarteten Stich. Irgendetwas lief hier ganz eindeutig falsch. Wieso nahm Ianto das so ernst? Wieso dachte er, ihre Beziehung wäre deshalb zu Ende?

„Du hast es oft genug gesagt, da wo du herkommst, ist das anders“, wisperte der junge Waliser. „Aber es tut mir leid. Ich bin nicht auf diese Weise erzogen worden. Ich liebe dich, Jack. Und das bedeutet, es tut mir weh, wenn du mit jemand anderem schläfst. Ich könnte nie die fünfundzwanzigste Lieblingsfrau in deinem Harem sein.“ Er löste sich aus Jacks Griff. „Kann ich jetzt bitte eine Weile allein sein?“

Dieses Mal stoppte Jack ihn nicht, als Ianto an ihm vorbei ging und zwischen den Regalen verschwand.

Als er ein paar Stunden später – nach einem mitternächtlichen Ausflug mit Hopkins und Franks in eine verlassene Fabrik, in deren Keller sich Weevils herumtrieben – in ihr Quartier trat, war Ianto nicht dort. Das zweite, das ihm auffiel, waren die auseinander gerückten Betten.

Jack drehte sich auf dem Absatz um, und machte sich auf die Suche nach dem jungen Waliser.


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Oh lights go down
In the moment we're lost and found
I just wanna be by your side


Oh damn these walls
In the moment we're ten feet tall
And how you told me after it all
We'd remember tonight
For the rest of our lives


Wings by Birdie



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„Alex?
Wo ist Ianto?“

Hopkins öffnete die Augen. „Jack, ich habe alle nach Hause und ins Bett geschickt. Das gilt auch für dich. Es war ein anstrengender Tag.“

„Ich wollte ins Bett, aber Ianto ist nicht in unserem Zimmer.“

„Na und? Er ist ein großer Junge, Jack. Er kann auf sich selbst aufpassen.“ Alex schloss die Augen wieder. Sein Kopf pochte und er hatte keine Lust auf eine Diskussion. Weevil durch dunkle Fabrikhallen zu hetzen hatte ihm wieder einmal vor Augen geführt, dass er alt wurde. Eigentlich wollte er nur einen Drink und dann schlafen – aber das Pflichtbewusstsein (oder die Einsamkeit in seiner Wohnung) hatte ihn in den Hub zurück getrieben.

„Er ist nicht in unserem Zimmer. Und er ist auch nicht hier oben.“ Jack deutete über die Schulter auf den leeren, abgedunkelten Hauptraum des Hubs.

„Dann ist er eben bei seinen Büchern“, entgegnete Alex unaufgeregt. „Da ist er doch immer, wenn er… nicht schlafen kann.“ Er gähnte mitten im Satz.

„Da habe ich schon nachgesehen. Und im Archiv. Und im Trainingsraum. Und auf dem Schießstand“, zählte Jack auf, in Alex‘ Büro herum tigernd.

„Warst du unten bei Adam?“, schlug Hopkins vor. „Vielleicht spielen sie wieder Backgam…“

„Adam ist direkt nach Hause gefahren“, unterbrach ihn Jack. „Können wir jetzt nach ihm suchen?“

Widerwillig setzte Alex sich auf. „Jack. Er ist keine drei Jahre alt. Er ist keine neunzig Jahre alt. Er ist nicht krank. Er ist ein erwachsener, intelligenter Mann und wenn er dich nicht sehen will, dann hat er jedes Recht dazu.“ Eindringlich musterte er Jack. „Und wenn du mal scharf nachdenkst, dann fällt dir vielleicht ein, warum er seine Ruhe haben will“, setzte er sarkastisch hinzu.

Ianto hat mir dir gesprochen?“

„Darüber, dass er von dir und Shanna weiß?“, erwiderte der ältere Mann. „Nein. Adam hat ihn dazu gebracht, mit ihm zu sprechen. Und dann hat Adam mich informiert. Der emotionale Zustand der Menschen in meiner Verantwortung spielt eine Rolle, Jack. Das ist nicht mehr eure Privatsache.“

„So ist das nicht zwischen uns“, entgegnet Jack hitzig. „Er wäre auf jeden Fall da gewesen, um zu sehen, dass ich unbeschadet zurück gekommen bin. Selbst wenn er sauer auf mich ist. Dann spricht er vielleicht mit mir nur übers Wetter oder gar nicht, aber er ist da.“

„Überleg mal, wo sollte er denn hin? Ianto kann den Hub nicht verlassen“, versuchte Alex vernünftig mit ihm zu reden. Jack antwortete nicht, verschränkte nur die Arme vor der Brust.

Hopkins seufzte und zog die Computertastatur zu sich. Er rief das Menü für die internen Sicherheitssysteme auf und gab ein paar Befehle ein. Nach einem Moment blinkten zwei rote Punkte auf.

Alex drehte den Bildschirm so, dass Jack ihn sehen konnte. „Hier, das bist du.“ Er deutete auf den roten Punkt fast im Zentrum der schematischen Darstellung des Hubs. „Und hier ist Ianto.“ Der blaue Punkt befand sich fast am Rand des Bildschirms, schräg über ihnen. „Bitte, er ist oben im Büro der Touristeninfo.“ Alex tippte einen weiteren Befehl ein und ein Fenster für das Bild der Überwachungskamera öffnete sich.

Es brannte kein Licht, aber durch die Fenster fiel der Schein der Straßenbeleuchtung vor dem Gebäude und man konnte die einzelnen Umrisse voneinander unterscheiden. Der Schreibtisch, Prospektständer, Regale, Poster an den Wänden, alles war inzwischen bereit für die Eröffnung – Alex steuerte die Kamera und ließ sie langsam durch den Raum schwenken. Zwischen Schreibtisch und Wand, fast versteckt in den Schatten, die das Möbel mit seinem hohen Tresen warf, lag ein dunkles Bündel.

„Da, das muss er sein.“ Jack deutete darauf. „Was macht er auf dem Boden?“

„Ich denke… er schläft“, erwiderte Alex. „Das sind Decken und Kissen. Hey, warte!“, rief er Jack nach, der schon auf dem Weg nach oben war. Hopkins rappelte sich hoch und folgte ihm. „Hey!“ Er packte den anderen Mann am Arm, als er ihn eingeholt hatte. „Warte einen Moment. Wieso lässt du ihn heute Nacht nicht in Ruhe? Er schläft nicht da oben, weil es so gemütlich ist. Offensichtlich will er alleine sein. Warum kannst du das nicht akzeptieren?“

„Ich will nur von ihm hören, dass er okay ist.“ Jack zog seinen Arm aus Alex‘ Griff. „Außerdem ist viel zu kalt da oben. Er friert doch immer so leicht.“

„Gut.“ Hopkins hob resigniert die Hände. „Aber ich komme mit. Und das auch nur, weil ich es ebenfalls nicht okay finde, wenn er da oben schläft. Du kannst ja die Couch nehmen, oder eines der Betten im Krankenbereich, wenn er keine Lust hat, mit dir in einem Raum die Nacht zu verbringen.“

„Wieso muss eigentlich ich auf der Couch schlafen?“ Jack folgte Alex in Richtung Lift.

„Denkst du wirklich, ich habe Mitleid mit dir?“, fragte der ältere Mann, als sich die Lifttüren schlossen. „Schon vergessen, dass ich dich mit heruntergelassenen Hosen erwischt habe?“

„Ich habe dich aber eingeladen, mit zu ma…“

„Nicht schon wieder, Jack“, unterbrach ihn Alex. „Ich bin echt zu müde für deine Sprüche. Es ist ganz einfach: Klär das mit Ianto und lass die Finger in Zukunft von meinem Team. Das hier ist keine Schule und ihr seid kein Haufen hormongeplagter Teenager. Was wir tun, ist gefährlich und ich will niemand aus meinem Team verlieren, weil jemand seinen Kopf nicht bei der Arbeit hat.“ Er packte Jack überraschend am Kragen und zog ihn näher zu sich. „Und im Gegensatz zu dir und Ianto, stehen die anderen hinterher nicht mehr auf“, sagte er sehr leise. „Hast du mich verstanden?“ Er ließ ihn los, als sich die Lifttüren öffneten und sie auf den Durchgang vor der Geheimtür zum Tourismusbüro traten. „Kein Wort mehr darüber“, mahnte er, und presste die Hand auf den Kontaktschalter, der die Tür und die Wandverkleidung auf der anderen Seite nach rechts weggleiten ließen.

Zu seiner Überraschung hielt Jack tatsächlich die Klappe. Er drängte sich an ihm vorbei in den Raum und kniete neben Ianto auf den Boden. Alex blieb in der Tür stehen, blockierte sie, so dass sie offen stand und einen Lichtkegel über die beiden Männer warf.

Ianto?“ Jack berührte seinen jüngeren Liebhaber vorsichtig an der Schulter. „Hey, wach auf“, sagte er leise, um ihn nicht zu erschrecken. Ianto lag auf einen Schlafsack und war in Decken eingewickelt wie eine Raupe in einen Kokon.

Mit einem fragend klingenden Laut rollte sich Ianto auf den Rücken und blinzelte. „Jack“, murmelte er schlaftrunken. „Was willst du jetzt?“

„Komm mit in unser Bett.“ Jack zupfte an einer losen Ecke der Decke. „Ich baue es wieder zusammen. Hier ist es kalt. Du bist schon ganz ausgekühlt.“

Ianto drehte sich wieder auf die Seite, wandte ihm den Rücken zu. „Ich finde es hier sehr gemütlich und ich habe alles, was ich brauche, vielen Dank“, murmelte er. „Und jetzt verpiss dich.“

„Ich schlafe woanders, wenn du alleine sein willst, aber komm mit nach unten, du sturköpfiger Waliser.“ Er erhielt keine Antwort.

Alex seufzte und sah an die Decke. Teenager. „Ianto. Bitte komm mit, es ist spät, und wir sind alle müde. Ich würde gerne irgendwann schlafen gehen. Aber das kann ich nicht, wenn ihr beide hier oben so ein Drama veranstaltet.“

Ianto schüttelte den Kopf.

„Okay, dann bleibe ich eben auch“, verkündete Jack. Er setzte sich zurück und zerrte am Schlafsack, bis Ianto auf der anderen Seite auf den Boden rollte. Dann breitete er ihn aus, dadurch war der Schlafsack zwar nur noch halb so hoch, aber dafür nun doppelt so breit. Jack machte es sich auf der anderen Hälfte bequem, die Arme hinter dem Nacken verschränkt, die Beine übereinander geschlagen. Nicht völlig übel… nein, es war total unbequem.

Das durfte doch nicht wahr sein. Alex schüttelte den Kopf. „Okay, die Fakten – Jack – die Tür ist verschlossen und mit Alarm gesichert. Die Fenster sind aus bruchsicherem Glas und es gibt keinen anderen Ausgang. Falls du auf die Idee kommen solltest, einen kleinen Ausflug zu machen, während du schon einmal hier oben bist…“

„Er redet kaum mit mir, denkst du, er würde mit mir fliehen?“, entgegnete Jack. Er drehte sich auf die Seite, so konnte er Alex ansehen und wandte Iantos Rücken den Rücken zu. „Und ich lasse ihn ganz bestimmt nicht alleine hier zurück, auch wenn er gerade nicht gut auf mich zu sprechen ist. Ich habe einer gewissen Lady versprochen, dass wir zusammen bleiben.“

„Ich stelle eine Kerze für euch ins Fenster“, sagte Hopkins resigniert. Noch immer kopfschüttelnd trat er zurück in den Durchgang und ließ die Wandverkleidung vor die Türöffnung gleiten. Das Büro wurde dunkler, als kein Licht mehr aus dem Korridor in den Raum fiel. Er fuhr mit dem Lift nach unten, durchquerte den halbdunklen Hub und machte es sich auf der Couch bequem.

Jack räusperte sich. „Kann ich vielleicht eine Decke abhaben?“, fragte er. „Es ist echt kalt hier oben.“

Einen Moment lang war es sehr still. Dann raschelte Stoff und eine nach billigem Waschmittel riechende Decke landete auf Jacks Kopf und Oberkörper. Er schob sie nach unten und so gut es ging, über seine Beine.

Danach fiel kein weiteres Wort mehr. Trotz der wenig bequemen Unterlage schlief Jack schließlich ein.

Irgendwann später wurde er kurz wach und wunderte sich, dass seine Vorderseite so angenehm warm, seine Rückseite aber kalt war. Das lag wohl eindeutig daran, dass Ianto im Schlaf eng an ihn gerutscht war, sein Rücken gegen Jacks Brustkorb gepresst, ihre Beine ineinander verschlungen. So wie sie in vielen Nächten schliefen. Mit einem Lächeln legte Jack den Arm über Iantos Taille und küsste ihn in den Nacken. Er zog die Decke über seine Schultern und schlief weiter.


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„Du kannst nicht aufgeben, richtig? Irgendwas in deinen Genen macht es dir unmöglich, einfach mal nichts zu tun.“ Begleitet wurden die Worte von einer Hand, die ihm das Haar aus der Stirn zurückstrich.

Jack schlug die Augen auf und sah zu Ianto hoch, der sich neben ihm auf einen Ellbogen stützte. „Wenn es um etwas wirklich Wichtiges geht, nein.“ Er zog eine Hand unter der Decke hervor, hakte den Arm um Iantos Nacken. Der andere Mann kam ihm entgegen, küsste ihn. Es war ein vorsichtiger, zögernder Kuss.

Ianto kroch zurück unter die Decken, aber dieses Mal wandte er Jack nicht den Rücken zu. Stattdessen benutzte er Jacks Oberarm als Kissen. „Du hattest Recht“, sagte er leise. „Es war wirklich verdammt kalt hier, bevor du gekommen bist. Fünf Minuten mehr und ich hätte aufgegeben.“

„Du hast aber so getan, als würdest du tief schlafen, als wir nach oben gekommen sind“, entgegnete Jack mit einem leisen Lachen und küsste ihn auf die Schläfe. „Zugegeben, so fest in die Decke eingewickelt, dass es ein Wunder war, dass du nicht erstickt bist.“

„Und Alex ist sauer?“

„Ist Regen nass?“ Jack ließ die Fingerspitzen über Iantos entblößten Nacken streifen und spürte den anderen Mann erschauern. „Aber keine Angst, nicht auf dich. Er hat mir im Lift in den Hintern getreten. Nur verbal. Bisher.“

„Ich bin einigermaßen überrascht, dass du nicht in einer Zelle sitzt und versuchst die Weevil für deine Geschichten zu interessieren.“

„Ich auch. So oft wie ich da unten bin, könnten sie eigentlich den Block nach mir benennen.“ Jack zog mit den Fingerspitzen eine Linie an Iantos Hals entlang. „Vermutlich ist es deinetwegen. Er hat eine Schwäche für dich. Für uns. Er hat da mal so etwas gesagt… dass er jemanden verloren hat… und das ich nicht wüsste, welches Glück ich habe, dass du bei mir bist.“

„Ist das eigentlich wahr?“, fragte Ianto nach einer Weile. „Was du zu Alex gesagt hast? Hast du der TARDIS wirklich versprochen, dass wir zusammen bleiben?“

„Ja. Kurz bevor sie uns in London abgesetzt hat. Sie war plötzlich in meinem Kopf und sie hat gesagt, sie würde uns finden. Wir müssten nur zusammen bleiben, weil wir nur so… ein…“

„…Gleichgewicht erreichen. Ein Fixpunkt alleine stört den Zeitfluss“, beendete Ianto den Satz. „Zwei bringen die Balance zurück. Das hat sie zu mir auch gesagt. Und ich habe keinen Schimmer, was sie mir – uns – damit sagen will.“

„Ich auch nicht. Aber es klingt gut, oder? Und ich habe immer einen Grund, an dir zu kleben.“ Ianto war sein Fixpunkt. Hatte die TARDIS das gemeint?

„Du hast mir wehgetan, Jack“, kam es leise von dem jüngeren Mann.

Jack zog ihn enger an sich. „Ich weiß.“ Er küsste ihn auf den Hals. „Und ich kann nicht versprechen, dass ich es nie wieder tue.“

„Ja, ich weiß.“ Ianto sah zu ihm hoch. „Ich hasse es, wenn wir streiten und ich hasse es, alleine zu sein. Komm und finde mich dann wieder, okay?“

„Immer.“ Jack beugte den Kopf und legte die Stirn gegen Iantos. „Du hast es mir übrigens nicht sehr schwer gemacht, dich zu finden. Alex hat dich in zwei Sekunden geortet.“

„Du hast wie immer geschummelt.“ Ianto boxte ihn leicht in den Oberarm, dann hakte er den Arm um seinen Nacken. „Es sollte auch nicht wirklich schwer sein, Idiot.“ Dann küsste er ihn.

Sie blieben im Tourismusbüro, bis durch die Fenster die ersten Sonnenstrahlen kamen. Dann beklagte sich Ianto darüber, dass er Rückenschmerzen bekam und Jack wollte Kaffee und sie räumten ihr provisorisches Bett auf und nahmen den Lift nach unten.




Ende  (tbc)