Titel: Der Placebo-Effekt
Autor: Lady Charena (Februar 2014)
Fandom: Torchwood – Millennium Edition
Wörter: 5016
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Alex Hopkins, OCs: Caden, Adam Hill, Neal Franks, Shanna Lyons
Pairing: Jack/Ianto
Rating: AU, ab 12, slash
Beta: T’Len

Summe: Doktor Hill macht gegenüber Ianto ein Geständnis, und Jack entdeckt eine Botschaft.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.





Torchwood: Millennium Edition – Teil 2: Always a Good Day to Die

Kapitel 2.9: Der Placebo-Effekt


Ianto?“

Jemand berührte seine Schulter und der junge Waliser drehte sich mit einem Murmeln weg. „Nicht jetzt, Jack.“

Alex Hopkins lachte. „Ianto. Ich bin es. Komm wach auf.“

Der jüngere Mann drehte sich auf den Rücken, blinzelte ein paar Mal und setzte sich dann ruckartig auf. „Alex.“ Er rieb sich durch die Haare, die ohnehin in sämtliche Richtungen abstanden – es gab vieles, in dem Ianto gut war; darin, sich selbst vor dem Spiegel die Haare zu schneiden, weil er sie für zu lang hielt, gehörte aber offenbar nicht dazu – und gähnte. „Was hat er jetzt wieder angestellt?“

Der Leiter von Torchwood Drei lachte. „Noch nichts“, erwiderte er amüsiert und zog die Augenbrauen hoch. „Das könnte sich natürlich ändern, wenn er uns so zusammen sieht.“

Ianto musterte ihn einen Moment verständnislos, dann zog er die Decke, die bei seinem hastigen Aufsetzen auseinandergefallen war, wieder über seinen Schoß. Und hoch um die Schultern. Es war kalt hier drin… nun gut, abgesehen von seinen Ohren, die gerade sehr heiß wurden. Der antike Heizkörper musste wieder mal den Geist aufgegeben haben. Fast erwartete er seinen Atem als Nebelwolke vor dem Gesicht sehen zu können. „Er wird sich die Kleider vom Leib reißen und dich einladen, mit zu machen“, erwiderte er trocken.

„Ein anderes Mal, vielleicht“, entgegnete Alex im gleichen Tonfall. „Ich würde es im Moment bevorzugen, wenn du dich anziehst und mit nach oben kommst. Wir hatten einen Alarm. Jack ist mit den anderen schon los und Caden kann ein zweites Paar Augen an den Monitoren brauchen.“ Hopkins seufzte. „Ich muss nach London. Die Direktorin will mich sprechen.“

Der junge Waliser holte scharf Atem. „Unseretwegen?“

Einen Moment zögerte Alex, dann nickte er. „Ich muss nicht nur wegen euch hin, aber sie hat gewisse Bedenken.“ Er hob die Schultern. „Ich werde das schon hinbiegen, keine Sorge. Bevor ich zulasse, dass sie euch nach London abkarrt, marschiere ich euch höchstpersönlich hier raus und helfe euch dabei, zu verschwinden.“

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, bevor Ianto eine Antwort darauf finden konnte.


---


„Hey.“ Caden sah zu ihm hoch, und wischte sich Krümel aus dem Mundwinkel. „Hast du verschlafen?“ Er grinste. „Lass mich raten. Jack hat dich die halbe Nacht wach gehalten?“

„Wie kommst du auf diese Idee?“ Ianto zog lachend einen Stuhl neben den des Computerspezialisten und setzte sich.

„Ist es das nicht immer?“

Ianto warf einen Blick auf den Monitor, der zur Zeit nichts anderes als bunte Wellenlinien anzeigte, die ihm aber nichts sagten. „Ich konnte nicht schlafen, also habe ich die Gelegenheit genutzt, mit dem Katalogisieren der Bücher weiter zu machen. Jack hat mir dabei geholfen.“

„So nennt ihr das?“ Caden warf ihm einen Seitenblick zu, den Ianto nicht ganz zu deuten wusste. War Caden etwa… neidisch?

„Im Ernst. Er hat die Bücher zu mir gebracht und wieder weggeräumt, nachdem ich die Daten eingegeben habe.“ Der junge Waliser lehnte sich zurück und sah zu Alex‘ Büro hinüber, wo die Umrisse des anderen Mannes hinter den spiegelnden Scheiben zu sehen waren. „Wir sind nicht gerne lange voneinander getrennt“, setzte er leise hinzu. „Es sieht so aus als würde immer einer von uns sterben, wenn wir nicht zusammen sind.“ Er räusperte sich. „So, was machen wir? Alex hat gesagt, du könntest ein zweites Paar Augen brauchen?“

Der Computerexperte beugte sich vor und tippte einen Befehl in die Tastatur. Die Wellenlinien verschwanden und verschiedene Kameraaufnahmen einer belebten Straße zeigten sich auf den Bildschirmen. Menschen eilten an den Kameras vorbei ohne sich dessen bewusst zu sein. „Wir suchen nach dem Kerl hier.“ Caden zeigte auf den Ausdruck eines Fotos – der Qualität nach von einer der CCTV-Kameras aufgenommen – der gegen eine leere Tasse lehnte. „So wie es aussieht, hat er Drogen verkauft, und zwar keine von der einheimischen Sorte. Wir müssen unbedingt wissen, woher er sie bekommt.“ Er setzte ein Headset auf. „Jack, Franks und Shanna sind zu Fuß unterwegs.“ In Cadens Augen funkelte es, als er Ianto ansah. „Was meinst du, wir sind doch garantiert schneller. Ich habe eine Wette mit Shanna laufen, dass wir ihn vom Hub aus zuerst finden. Bist du dabei?“

„Wette angenommen.“ Ianto schlug ein und richtete dann den Blick auf die Computerschirme. Er hatte vorerst nichts anderes zu tun - erst in ein paar Stunden war es Zeit für einen Routinebesuch in der Krankenstation - und es konnte nie schaden, sich ein paar Computertricks bei Caden abzusehen.


---


Ianto sah auf das Glasröhrchen, das sich langsam mit seinem Blut füllte. „Du musst inzwischen genug davon bei mir abgezapft haben, um eine eigene Blutbank damit zu gründen“, bemerkte er. „Ist das, wie sich Torchwood finanziert?“ Mit geübtem Griff zog er die Nadel heraus, löste die Staubandage, ballte ein paarmal die Finger zur Faust und öffnete sie wieder. Dann steckte Ianto die Nadel in ihre Plastikhülle zurück und riss mit den Zähnen die Verpackung eines der mit Desinfektionsmittel getränkten Tücher auf, um eine dünne Blutspur von der Innenseite seines Unterarms zu wischen.

„Bisher werden wir vom Steuerzahler finanziert, wie andere Regierungsorganisationen auch, aber mach Alex ruhig den Vorschlag. Er hat immer Schwierigkeiten, das Budget einzuhalten.“ Adam Hill grinste, als er einen Blick in Iantos Richtung warf. „Du machst das übrigens schon wie ein Profi.“

„Gibt es in unserem Blut überhaupt noch irgendetwas Neues zu finden?“ Ianto biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, während er von der Untersuchungsliege glitt, auf der er zur Blutentnahme gesessen hatte. „Ich meine… du würdest uns doch sagen, wenn du herausfindest, was das ist, das Jack und mich… so gemacht hat.“

Der Arzt wandte sich ihm ganz zu. „Ja, das würde ich. Ianto, um ehrlich zu sein, ich kann bei dir nichts finden, dass nicht auch in meinem Blut ist. In Jacks schwirren ein paar exotische Dinge herum, aber das lässt sich vermutlich damit erklären, dass er nicht aus der Gegend stammt.“

„So kann man das auch nennen.“ Der junge Waliser seufzte. „Ich schätze, wenn es etwas in unserem Blut wäre, dann müsstest du es bei uns beiden finden können.“

„Wenn du meine persönliche Meinung hören willst, dann wäre eine wissenschaftliche Erklärung eher in euren Genen zu finden. Eine Form von Strahlung, die die DNA mutiert hat, vielleicht. Oder irgendein regeneratives Gen wieder aktiviert hat“, erwiderte Hill. „Es gibt auf der Erde ein paar Tierarten, die verlorene Gliedmaßen nachwachsen lassen können. Aber die Möglichkeiten sind endlos.“

„Ich denke es wäre mir wohl inzwischen aufgefallen, wenn ich eine Eidechse unter meinen Vorfahren hätte“, meinte Ianto mit einer Grimasse.

„Gib mir Bescheid, wenn du plötzlich Appetit auf Insekten entwickeln solltest.“ Der Arzt lachte und nahm ein Klemmbrett zur Hand, um ein paar Notizen zu machen. „Oder an Wänden hoch kletterst.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber ich bin kein Genetiker, Ianto und selbst wenn ich es wäre, die Ausstattung hier eignet sich nicht für Analysen dieser Art. Deshalb gehen alle Blut- und Gewebeproben, die ich von euch nehme, auch nach London. Glaub mir, ich würde gerne Antworten für euch finden.“

„Ich weiß.“

Der jüngere Mann schien völlig in die Betrachtung seiner Schuhspitzen versunken zu sein und Adam musterte ihn. „Okay. Noch ein paar allgemeine Fragen. Wie schläfst du jetzt? Du hast in letzter Zeit nichts über Alpträume gesagt.“

Ianto zog den Ärmel seines Sweatshirts herunter und warf den Wattebausch, den er auf die winzige Einstichstelle in seiner Ellenbeuge gepresst hatte, in den Müll. Die Wunde war schon verheilt. „Ich schlafe gut. Sehr viel besser als vor ein paar Monaten und meine wirklich schlimmen Träume sind viel seltener geworden. Das Medikament, dass du mir gegeben hast, hilft.“ Er lächelte, als er die Phiole mit seiner Blutprobe vorsichtig in eine metallene Nierenschale legte. „Jack schreibt es natürlich sich und seiner genialen Idee, die Betten zusammen zu stellen, zu. Wundere dich nicht, wenn du eines Tages einen großen Knall hörst, das ist nur sein Ego, das endlich platzt.“

„Das überrascht mich jetzt überhaupt nicht.“ Adam wandte sich ihm zu und nahm seine Brille ab, um sie an seinem Kittel zu polieren. „Ianto. Ich habe ein Geständnis abzulegen.“

Ianto wandte sich ihm zu. „Ja? Worüber?“, fragte er überrascht.

„Du nimmst seit über einem Monat Tabletten, die nur aus Traubenzucker bestehen. Placebos.“ Der Arzt setzte die Brille wieder auf. „Ich konnte sehen, dass es dir besser geht und habe sie ausgetauscht.“

„Traubenzucker-Tabletten?“, wiederholte der junge Waliser zögernd. Sein Gesicht hatte abrupt einen verschlossenen Ausdruck angenommen. „Aber wieso?“

Adam musterte ihn. „Weil du die anderen nicht mehr brauchst“, erklärte er dann. „Ianto, du hast eben selbst gesagt, dass es dir besser geht. Ein Job, regelmäßige Ausflüge an die frische Luft, deine Bücher und das Training mit Jack helfen dir genauso gut wie Medikamente. Ich wollte nicht riskieren, dass du eine Abhängigkeit davon entwickelst. Vielleicht ist das in körperlicher Hinsicht eher unwahrscheinlich, wenn man eure spezielle Physis bedenkt, aber eine mentale Abhängigkeit ist immer möglich.“

Eine steile, skeptische Falte zeigte sich zwischen Iantos Augenbrauen und er verschränkte die Arme vor der Brust, die Schultern hochgezogen, als wäre ihm kalt. „Ich habe noch was zu erledigen. Sind wir hier fertig?“

„Ja, sind wir. Aber wir könnten noch eine Partie Backgammon spielen, wenn du möchtest. Es ist lange her, dass du mich geschlagen hast“, erwiderte der Arzt. „Und ich habe mir inzwischen ein paar neue Tricks angeeignet, die ich an dir ausprobieren will.“

„Ein anderes Mal gerne. Okay?“ Ianto ging zum Fuß der Treppe, die nach oben in den Hauptraum des Hubs führte. „Vielleicht sind Jack und die anderen zurück. Es ist fast Mittag, ich hoffe, jemand hat daran gedacht, das Mittagessen zu organisieren.“

„Natürlich.“ Adam lächelte, seine Enttäuschung verbergend. „Erinnere Jack bitte daran, dass ich von ihm auch noch eine Blutprobe brauche und seine Strahlungswerte messen muss.“

„Mache ich.“ Der junge Waliser warf ihm noch einen kurzen Blick über die Schulter zu und lief die Treppe hoch.

„Du kannst jederzeit mit mir über alles reden, Ianto. Okay? Vergiss das nicht, ich bin für dich da“, rief Adam ihm nach. Er fuhr sich frustriert durch die Haare. Das hätte er besser machen können…


---


Langsam bereute Hopkins, dass er nicht darauf bestanden hatte, direkt in den Hub zu fahren. Nach einem überraschend kurzen Termin bei der Direktorin – das hätten sie wirklich auch per Telefon erledigen können – war er umgehend nach Cardiff zurück gekehrt, sich über den verlorenen Vormittag ärgernd.

Yvonne Hartman hatte abgelenkt gewirkt und beinahe fahrig, was so gar nicht zu ihr passte. Sie schien auf etwas zu warten, sah während ihres Gesprächs mehrfach auf die Uhr. Nicht einmal eine Tasse Kaffee bot sie ihm an, stellte nur ein paar Fragen zu seinem letzten Quartalsbericht und das war es dann auch schon. Direktorin Hartman wies noch einmal darauf hin, dass sie einen detaillierteren Bericht über die Situation ihrer „Gäste“ von ihm erwarte und ein paar Sekunden später fand er sich in ihrem Vorzimmer wieder, wurde von ihrem Assistenten nach draußen komplimentiert. Natürlich war er erleichtert, dass sie nicht erneut darauf bestand, dass er Jack und Ianto nach London schickte, aber es irritierte ihn auch, denn sie hatte ihn schließlich außer der Reihe und kurzfristig ins Hauptquartier beordert. Und es hatte sicherlich ursprünglich mehr auf der Agenda gestanden, als ein vager Tadel wegen ein paar überschrittener Budgetposten – die Ausgaben für die Renovierung des Büros der Touristeninformation waren allerdings nicht zur Sprache gekommen (so gering sie auch waren, Ianto hatte alles selbst gemacht, musste er die Kosten doch genehmigen lassen), obwohl er das erwartet hatte – und der Ankündigung, dass Agent Hallett nach ihrer Rückkehr aus Glasgow einen Kontrollbesuch in Cardiff machen sollte. Es war keine angenehme Aussicht, die arrogante Agentin in den Hub zu lassen – obwohl es wesentlich unangenehmer für Jack und Ianto als für ihn sein würde – doch damit kam er klar. Die Direktorin hatte keinen Termin genannt, aber noch hatte Alex genug Freunde in London, dass er rechtzeitig vorgewarnt werden würde. Ansonsten neigte er eher zu der Ansicht: Je weniger er an Londons Gängelband hing, desto besser.

Als er walisischen Boden unter den Reifen hatte, ließ er sich von Caden einen Situationsbericht geben und entschloss sich, seinem Team bei der Suche nach dem Mann, der möglicherweise mit außerirdischen Drogen – oder einer neuen Designerdroge, die irgendein Chemiestudent in seiner Freizeit zusammengebraut hatte – dealte, zu helfen.

Doch als er sich zu ihnen gesellte, war die ganze Aufregung bereits vorbei. Manchmal sehnte Alex sich nach den Zeiten als Feldagent zurück. Weniger Verantwortung und viel weniger Papierkram, der ihn an den Schreibtisch fesselte. Andererseits musste er nicht auf die Ergebnisse seiner Routine-Reaktionstests und Gesundheitschecks warten, um zu wissen, dass seine Zeit im Feld abgelaufen war. Manchmal war Alex Hopkins sehr müde.

Shanna und Franks lieferten den Drogendealer bei der Polizei ab, nachdem ein chemischer Schnelltest mit einem sehr praktischen, außerirdischen Gerät zur Analyse von Drogen und Giften ergeben hatte, dass es sich um einen  sehr irdischen - aber desto trotz nicht weniger gefährlichen – Mix aus zwei Designerdrogen handelte.

Da es eine Weile dauern würde, bis die beiden auf dem Revier den ganzen Papierkram erledigt hatten – und bis jemand auftauchte, der autorisiert war, mit Torchwood-Agenten zu verhandeln, schließlich konnten sie sich nicht als „besorgte Bürger“ darstellen – weigerte sich Jack so lange im Auto zu warten wie ein Kind oder Haustier. Außerdem beschwerte er sich bitterlich, dass er am Verhungern wäre, weil er weder Frühstück noch Mittagessen bekommen hätte.

Alex schnitt ihm das Wort ab, indem er vorschlug, dass Jack mit ihm zurück in den Hub fuhr und sie unterwegs anhielten, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Er hatte zwar keinen Hunger, aber eine große Tasse Kaffee wäre ihm jetzt mehr als willkommen.

„Wie macht man mit dem Ding Fotos?“ Jack griff mit fettigen Fingern nach Hopkins‘ Mobiltelefon und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Erstens ist das ein Telefon, keine Kamera und zweitens nimm deine Dreckpfoten da weg.“ Alex war nun beileibe kein Sauberkeitsfanatiker, aber Jacks Finger hatten eine Mischung aus Frittierfett, Malzessig und Salzkörnern auf dem Display hinterlassen.

„Schade.“ Jack schob eine weitere Ladung Fritten in den Mund. Er war am Verhungern! „Das Ding ist ja uralt.“

„Tut mir leid, dass wir deinen technischen Standards nicht genügen“, erwiderte Alex sarkastisch und wischte mit einer Papierserviette das Display sauber.

„In fünf - oder so - Jahren gibt es alle Handys mit Kamera. Und sie sind kleiner als das da.“ Jack leckte Ketchup- und Salzreste aus den Mundwinkeln. „Ianto hatte so eins. Wir haben es auf Goria an einen Antiquitätenhändler verkauft, um eine Kette als Geburtstagsgeschenk für Rose zu kaufen.“ Er klappte seinen zweiten, schon halb aufgegessenen, Burger auf und quetschte noch eine Tüte Ketchup darüber.

Alex nippte an seinem schwarzen Kaffee. Jack beim Essen zuzusehen – vermutlich schlangen Krokodile ihre Beute manierlicher hinunter - verdarb ihm jeden Anflug von Appetit. Gut, der war ja schon vorher nicht besonders gewesen, aber selbst der ersehnte Kaffee blieb nur mit Mühe unten.

Der Geruch nach heißem Frittierfett, der wie eine Wolke über dem Raum hing, drehte ihm fast den Magen um. Er musste gestern wirklich mehr getrunken haben, als er dachte.

Adam war heute Morgen noch nicht im Hub gewesen, als er in Richtung London aufbrach und er hatte wohl wieder einmal das Anti-Kater-Mittel versteckt, denn er fand die Dose mit den kleinen, runden, roten Pillen nicht an ihrem üblichen Platz. Passiv-aggressiver Protest des Arztes gegen seinen Alkoholkonsum. Schlimm genug, dass Adam ihn zur monatlichen Messung seiner Leberwerte zwang. Über der Anspannung seines Trips nach London hatte er seinen Kater fast vergessen… der ihn aber offenbar nicht.

Jack war inzwischen bei seinem dritten Burger angelangt und verzierte auch diesen mit einer Extra-Portion Ketchup. Es musste großartig sein, sich keine Predigten über einen erhöhten Cholesterinspiegel und Transfette anhören zu müssen, dachte Alex säuerlich. Oder über seinen Kaffeekonsum, der laut seinem Teamarzt den Besitz einer eigenen Kaffeeplantage rechtfertigen würde. Fast trotzig nippte er an seinem Plastikbecher mit der bitteren, extrastarken Flüssigkeit.

„Wieso wolltest du ein Foto machen?“, fragte er, um sich abzulenken. „Beantworte das nicht, wenn es um dich und eine geöffnete Hose geht.“ Erst vor kurzem hatte die Yellowpress genüsslich den Skandal um einen Politiker ausgeschlachtet, der versuchte, eine junge Frau zu einer Affäre mit ihm zu verleihen, indem er ihr Fotos von seinem „besten Stück“ schickte. Sie hatte sie für viel Geld an eine Zeitung verkauft und seither wimmelte es von Nachahmern.

Jack grinste und zeigte, dass auch zwischen seinen perfekten Zähnen Sesamkörnchen stecken bleiben konnten. Es versöhnte Alex ein wenig mit seinen Tischmanieren. „Wie der Typ in der Zeitung? Klingt nach einer guten Idee. Aber ich habe draußen an der Mauer ein Graffiti gesehen, das ich Ianto zeigen will. Und ich glaube nicht, dass du mich ihn mit hierher nehmen lässt.“

„Du kannst die alte Sofortbildkamera aus dem Handschuhfach des Autos holen, die liegt da seit einer Ewigkeit drin. Vorausgesetzt sie ist nicht auch zu antik für dich.“ Alex trank den Rest seines Kaffees und warf den zerknüllten Becher in Richtung eines überquellenden Mülleimers.

Er dachte daran, wie er früher nach langen Nächten nach Hause gekommen war und Tyler Essen aus dem Restaurant mitgebracht hatte oder sie Kaffee auf dem zugigen, kleinen Balkon tranken, schweigend, verschlafen, die Dampfwolken beobachtend, die aus ihren Tassen in den Morgenhimmel aufstiegen... Er spürte ein Ziehen in der Magengegend, das nichts mit dem ausgefallenen Mittagessen tun hatte und räusperte sich.

Alex zog den Autoschlüssel aus der Tasche und schob ihn über den Tisch zu Jack. „Kann ich darauf vertrauen, dass du nur die Kamera aus dem Wagen holst und keine Spritztour damit machst, während ich noch schnell auf die Toilette gehe?“

Jack schnitt eine beleidigte Miene und griff nach dem Schlüssel, sich die Finger vorher an seiner Jeans abwischend. „Nicht mit deinem Auto. Beim Range Rover würde ich nicht nein sagen.“

„Benimm dich.“ Alex warf Jack einen warnenden Blick zu, bevor er sich an einer Gruppe lärmender Schulkinder - die sich gegenseitig mit Pommes bewarfen - vorbei in Richtung Toiletten schob.

Er hatte Glück und den Raum im Moment für sich allein. Alex schluckte trocken zwei Aspirin und eine der Tabletten gegen Übelkeit, die er vor einer Weile von Adam bekommen hatte und zufällig in seiner Jackentasche fand, und spülte mit Wasser aus dem Hahn nach.

Alex fuhr sich mit der nassen Hand übers Gesicht und durch die Haare, bevor er sich selbst im Spiegel betrachtete. Vielleicht sollte er sich mal wieder rasieren, die grauen Stoppeln auf seinen Wangen ließen ihn verlottert und mindestens zehn Jahre älter aussehen. Genau wie die fahle Haut und die blutunterlaufenen Augen. Und er fühlte sich noch älter, als er aussah. Seufzend zog er eine Handvoll Papiertücher aus dem Spender und trocknete sich ab, gerade rechtzeitig bevor drei Teenager lautstark und aggressiv über Rugby diskutierend eintraten. Sie rochen überwältigend nach Schweiß, Bier und Zigaretten, als sie sich an ihm vorbei drängten und Alex zog es vor, die Toilette zu verlassen, bevor sie auf die Idee kamen, ihn in ihre Diskussion zu verwickeln.

Der Tisch, an dem sie gesessen hatten, war inzwischen von einem stark überfordert wirkenden Mann mit drei kleinen Kindern besetzt, die nach Aufmerksamkeit und Spielsachen zu ihren Menüs schrien. Hopkins atmete unwillkürlich auf, als er das Fastfoodrestaurant verließ und die nach Abgasen und Regen riechende Luft auf dem Parkplatz einatmete.

Jack lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen am Auto und sah zwei jungen Frauen in Miniröcken nach.

„Sollten wir nicht für die anderen auch etwas mitbringen?“, fragte Alex, als er zu ihm trat und die Hand aufhielt.

Kommentarlos ließ Jack den Autoschlüssel in seine Handfläche fallen. „Caden meinte, er holt Sandwiches aus dem Café am Quay.“

„Okay.“ Alex sah sich auf dem Parkplatz um. „Wo ist nun dieses tolle Graffiti?“ Plötzlich hatte er es gar nicht mehr so eilig in die bedrückende Enge des Hubs zurück zu kehren. Vielleicht waren es auch nur die Tabletten, die ihre Wirkung entfalteten.

Jack zeigte nach kurzem Zögern auf eine niedrige Mauer, die das Gelände umgab. Jemand hatte in schwarzen, schiefen Buchstaben "Bad Wolf" darauf gesprüht.

Alex runzelte die Stirn. „Ich schätze ich verstehe weniger von Kunst, als ich dachte. Ist das eine geheime Botschaft?“

Ianto und ich haben Graffitis wie dieses zuvor gesehen“, meinte Jack mit einem Kopfschütteln. „In London. Mehrfach.“ Er sah Alex an. „Eines war in der Nähe von Mrs. Donovans Bed-and-Breakfast, wo wir gewohnt haben. Einmal stand es an einer Wand in der Nähe eines Pubs. Ich bin dort gestorben, als deine Londoner Kollegen einen kleinen Test mit uns veranstalteten. Und Ianto hat es an einem Zaun gesehen, in der Straße in der ihm Agent Hallett die Falle mit der Arbeit in der Kanzlei stellte.“

„Ich nehme mal nicht an, es handelt sich einfach nur um ein beliebtes Motiv? Das Pseudonym irgendeines Popsternchens?“ Alex öffnete die Wagentür. „Was ist es, Jack? Eine Warnung? Eine Nachricht? Und was hat es mit dir und Ianto zu tun?“

Jack zuckte mit den Schultern und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. „Es sind vermutlich einfach nur zwei Worte ohne weitere Bedeutung.“

Alex musterte ihn, doch der andere Mann sah aus dem Fenster. Er steckte den Zündschlüssel ins Zündschloss und startete den Motor. Mal sehen, was sich ergab, wenn er den Computer die beiden Worte im Torchwoodarchiv abgleichen ließ.

Auf der Rückfahrt zum Hub unterhielten sie sich kaum und hingen ihren jeweiligen Gedanken nach.


---


Jack ließ sich rücklings aufs Fußende des Bettes fallen.

Ianto saß im Schneidersitz am Kopfende, ein Buch im Schoß, vertieft in seine Lektüre. Er hatte kurz aufgesehen und ihm zugelächelt, als Jack in ihr Quartier kam und dann weitergelesen.

Als keine Reaktion von seinem Partner erfolgte, versuchte er es zunächst mit einem Räuspern. Dann brachte er die Matratze zum Schaukeln, was ihm einen leichten Tritt von Iantos besocktem Fuß gegen seinen Oberschenkel einbrachte.

Schließlich setzte er sich wieder auf, nahm Ianto das Buch aus den Händen und platzierte stattdessen seinen Kopf im Schoß des jüngeren Mannes. Er klappte das Buch zu, die Finger zwischen den Seiten, damit Ianto an der gleichen Stelle weiterlesen konnte und sah auf den Einband.

„Schon wieder Peter Pan?“, fragte Jack. „Das hast du doch schon tausendmal gelesen. Du kennst die Geschichte auswendig.“

„Es ist das fünfte Mal“, korrigierte ihn Ianto und befreite das Buch aus seinem Griff, steckte einen Papierstreifen als Lesezeichen zwischen die Seiten, schloss es und legte es zur Seite. „Und wenn ich mich recht erinnere, hast du es auch mindestens zweimal gelesen.“

Jack hakte den Arm um Iantos Nacken, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn. „Aber nur weil ich es immer noch cool finde, ein Krokodil als Haustier zu halten“, flüsterte er gegen die Lippen des anderen Mannes. „Ich bestehe auch wirklich nicht unbedingt darauf, dass es tickt.“

Ianto lachte leise. „Die Chancen stehen besser, dass wir dich grün anstreichen und dir einen Wecker um den Hals hängen.“

„Denkst du, die Farbe steht mir?“ Jack hielt prüfend die Hand mit gespreizten Fingern vors Gesicht, als denke er ernstlich darüber nach. „Schnappschnapp“, machte er. „Tick-tack.“

„Das bringt mich darauf, dass ich dich erinnern muss, dass du bei Doktor Hill wegen der wöchentlichen Blutprobe und der Strahlenmessung vorbeisehen sollst.“ Ianto schob die vor seiner Nase herum schnappenden Finger zur Seite.

Der andere Mann gab ein übertriebenes Stöhnen von sich. „Ich habe schon genug Blut gespendet, dass er eine Badewanne damit füllen könnte.“ Er drehte das Gesicht herum, presste es gegen Iantos Bauch. „Ich gehe später hin“, murmelte Jack undeutlich. Als Ianto schwieg, drehte er sich zurück und sah zu seinem Freund hoch. „Hat Adam Doktorspiele vorgeschlagen, oder was ist los mit dir?“

„Er hat mich angelogen.“ Ianto schob einen Finger unter Jacks Hosenträger und hob den Träger an. „Okay, um fair zu sein, er hat mir nur etwas verschwiegen und er hat es zu meinem Besten getan. Sagt er.“

„Jetzt bin ich wirklich interessiert.“ Jack setzte sich auf und musterte ihn. „Was hat er zu „deinem Besten“ getan?“

„Er hat das Medikament, das mir geholfen hat, besser zu schlafen und mich besser zu fühlen, vor einer Weile gegen Placebos ausgetauscht.“ Ianto zuckte leicht verlegen mit den Schultern.

„Placebos?“ Jack lehnte sich gegen Iantos Knie, der andere Mann hatte inzwischen die Sitzhaltung geändert und die Beine angezogen. „Was ist das?“

„Wirkstofffreie Tabletten aus Traubenzucker“, erklärte Ianto. „Ich sollte nur denken, dass ich ein Medikament nehme.“

„Aber es ging dir doch trotzdem besser.“ Jack ließ seine Finger auf Wanderschaft gehen, strich an der Naht an der Außenseite von Iantos Bein entlang.

„Adam meint, dass es mir besser geht weil ich arbeite und ab und zu ins Freie darf.“ Ianto verschränkte die Arme.

„Und jetzt bist du sauer?“ Jack stützte das Kinn auf Iantos Knie und sah ihn neugierig an.

„Eher… enttäuscht. Ich dachte, ich könnte ihm vertrauen…“, murmelte der junge Waliser nach einer Weile.

„Er ist okay.“ Jack konnte sehen, dass diese Antwort seinen Freund überraschte. „Ich denke, du solltest ihm weiterhin vertrauen.“

„Wirklich?“, fragte Ianto skeptisch.

„Wirklich. Ich denke, er ist so vertrauenswürdig, wie es unter diesen Umständen möglich ist.“ Jack hob die Hand, löste Iantos Klammergriff um sich selbst und stand dann auf. „Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Er wühlte in seiner Manteltasche – den Mantel hatte er über eine Stuhllehne geworfen – und zog das leicht zerknitterte Polaroid hervor. Er warf sich wieder aufs Bett, dieses Mal neben Ianto und hielt ihm das Foto hin.

Stirnrunzelnd nahm Ianto das Foto und betrachtete es. „Noch eines?“ Er sah Jack an. „Was bedeutet das?“

„Ich weiß es nicht“, gab der andere Mann zu. Er nahm das Bild wieder zur Hand und musterte es. „Eines Tages finden wir es heraus.“

"Bad Wolf" Zwei Worte, die Rose gemurmelte hatte. Damals, nachdem alles anders geworden war. Sie hatten nie die Chance erhalten, sie danach zu fragen. Aber es konnte kein Zufall sein, dass sie immer wieder auf diese Worte stießen. Sie hatten etwas mit Rose und sehr wahrscheinlich auch mit dem Doctor zu tun.

Später stand Jack auf, öffnete den Schrank und schob ihre Kleidungsstücke zur Seite, so dass er an die Rückwand konnte. In der rechten oberen Ecke befand sich ein Astloch, das wohl schon vor langer Zeit durchgebrochen war und einen praktischen Griff bildete. Alles was er tun musste, war die schräg eingeschlagenen Nägel zur Seite zu drehen und er konnte die komplette Rückwand aus dem Schrank heben.

Jack nahm einen Reißnagel und befestigte das neue Foto an der Rückseite der Schrankwand. Es war sicherlich nicht das einfallsreichste Versteck, aber rasch zu erreichen und man musste erst einmal drauf kommen, hier nach etwas zu suchen. Neben ein paar Papieren klebten auch abgezweigte, extra Munition für die Webley und ein Schweizer Taschenmesser mit der Hilfe von silbernem Klebeband an der Rückwand. Und Jacks Schlüsselkollektion. Er hatte sie aus allen möglichen Ecken des Hubs zusammengetragen. Bisher hatten sie noch kein einziges Schlüsselloch gefunden, zu dem einer davon passte, aber es konnte nicht schaden, sie aufzubewahren.

Dann setzte er die Rückwand wieder an ihren Platz, bog die Nägel zurück und schloss den Schrank.

Jack nahm Ianto zum zweiten Mal das Buch aus der Hand und legte es zur Seite. Und dann sorgte er dafür, dass sich Ianto auch ohne Tabletten gut fühlte…


---


Ianto sah an sich herunter. Er war nackt. Verkrustetes Blut zeigte sich auf seiner Brust. In seinem Handrücken steckte eine Infusionsnadel…

Er schreckte hoch. Öffnete die Augen und starrte mit wild hämmerndem Herzen an die Decke, die im blassgelben Licht, das von draußen in den Raum fiel, voller Schatten war. Im Vergleich war das einer seiner harmloseren Träume gewesen. Es lag nicht daran, dass er keine Medikamente mehr nahm. Es lag daran, dass er jetzt wusste, dass er es nicht tat.

Der junge Waliser drehte sich auf die Seite, so dass er Gesicht zu Gesicht mit Jack lag.

Jack schlug unvermittelt die Augen auf. Er schlief selten wirklich tief. Etwas, dass er sich angewöhnt hatte, als er auf einem fremden Planeten, kaum erwachsen, sein Glück als Soldat versuchte.

„Hey“, murmelte Jack. „Alles okay?“

„Ja.“ Ianto rückte näher zu ihm und zog die Decke über seine Schultern hoch. „Alles okay.“ Er schloss die Augen wieder, als Jack unter der Decke den Arm über seine Mitte legte und ihn an sich zog. Auch eine Art von Placebo-Effekt, dachte er, bevor er wieder einschlief.


---


Ianto war in seiner Bibliothek und arbeitete an der Katalogisierung seiner Bücher. Jack überlegte, wie lange er noch warten musste, bevor er ihn stören durfte, ohne sich Ärger einzuhandeln. Obwohl, die Versöhnung hinterher wäre es sicherlich wert… Und sie hatten keine Couch, auf die der junge Waliser ihn verbannen konnte.

Er polierte den Griff der Webley liebevoll mit einem Stofftuch – Alex hatte ihm die Munition abgenommen, ließ ihn aber die Waffe mit in ihr Quartier nehmen, weil er später mit Ianto noch eine Schießstunde abhalten wollte – als die Tür aufging.

Shanna Lyons nickte ihm von der Türschwelle aus zu. „Hast du Zeit für einen neuen Schusstest? Ich möchte sehen, ob du deinen Score vom letzten Mal halten oder sogar noch übertreffen kannst“, fragte die Agentin. „In einer halben Stunde?“

Jack grinste. „Ich bin immer bereit“, erwiderte er und hob prüfend die Webley. „Willig und fähig.“

Shanna lachte und ihre dünnen Zöpfchen – heute nicht zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, sondern frei auf ihre Schultern fallend – hüpften. „Das werden wir ja dann in einer halben Stunde sehen“, sagte sie und verließ den Raum mit einem koketten Hüftschwung.

Interessiert sah Jack ihr nach. Das hatte wie ein Angebot geklungen und er erinnerte sich sehr gut an ihre flirtende Unterhaltung, als sie sich das erste Mal auf dem Schießstand maßen. Alex, der den Test überwachte, ermahnte sie schließlich, sich auf die Ziele und nicht aufeinander zu konzentrieren. Mehr war zwischen ihnen bisher nicht vorgefallen… aber das konnte sich heute ändern…

Er faltete das Tuch auf eine frische Seite und wieder zusammen und begann mit einem versonnenen Lächeln den Lauf der Waffe zu polieren.



Ende
(Tbc)