Torchwood: Millennium Edition – Teil 2 Always a Good Day to Die

Teil 1

Autor: Lady Charena (Februar 2012 - ?)

Episode: Info/Charaktere/Ereignisse aus TW Season 1-2, CoE & den Dr. Who-Episoden mit Jack

Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones - canon Torchwood und Dr. Who Charaktere - sowie Originalcharaktere in Nebenrollen

Pairing: Jack/Ianto, [möglicherweise: Jack/andere, Ianto/andere], event. canon pairings
Rating: Alternative Zeitline, slash, het, NC-17
Warnungen: Charaktertod (nicht-dauerhaft & dauerhaft)
Wörter: 8013 (bisher)

Summe: Jacks und Iantos „neues“ Leben mit Torchwood.



Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


                                   
I have a high art: I hurt with cruelty those who would wound me (Archilochus 650BC)



1. Der Kokon


                                ~~ Dezember 1997, Cardiff/Wales, Erde ~~



there must be some kind of way out of here,
  said the joker to the thief
  there's too much confusion,
  I can't get no relief.

no reason to get excited,
  the thief, he kindly spoke
  There are many here among us
  who feel that life is but a joke
  But you and I, we've been through that
  and this is not our fate.

(Jimmy Hendrix – all along the watchtower)





Caden warf den Kopf in den Nacken und lachte. Dann verengten sich seine Augen und er musterte Jack misstrauisch. „Du nimmst mich doch auf den Arm.“

Jacks Pokerface war perfekt. „Aber Caden, warum hast du denn nicht schon früher gesagt, dass du daran interessiert bist…“, begann er, sein Ton so zweideutig wie es nur ging.

Ein Stück von ihnen entfernt schüttelte Ianto den Kopf und machte sich wieder an die Arbeit, während der Computertechniker eiligst seinen Stuhl aus Jacks Reichweite rollte. Caden hatte es geradezu herausgefordert – aber er war noch neu, erst seit drei Wochen im Team und Jacks unablässige Flirterei nur eines der Dinge, an die er sich gewöhnen musste.

Er öffnete eine Laminiertasche und ordnete mit einer Pinzette behutsam die Teile eines zerrissenen Dokuments korrekt an. Das Papier war so brüchig, dass es besser war, es nicht mit den Fingern – selbst in den Latexhandschuhen, die er trug – zu berühren. Schließlich strich er die Folie glatt und verschloss das Ganze mit einem Klebestreifen. So konnte er es im Scanner platzieren und einscannen.

Auf dem Bildschirm seines Computers formte sich der Scan einer Zeichnung. Jemand hatte detailgetreu die Linien und Kreise auf der Oberfläche von etwas, das eine... dreieckige... Münze sein mochte, nachgezeichnet. An der Seite befand sich eine Notiz. Das Wort „Kortalla“ (vielleicht ein Ort?), die Jahreszahl 1921, gefolgt von dem Wort „Indien“ und eine Unterschrift, vermutlich von der Person, die die Zeichnung angefertigt hatte. Sie war schwungvoll und verschnörkelt, aber er konnte nicht mehr als ein „E“ am Anfang des ersten Wortes, vermutlich des Vornamens, erkennen.

Ianto tippte alles Lesbare sorgfältig in die Spalten auf dem begleitenden Formular ein und speicherte alles ab. Die Papierschnipsel wanderten zurück in eine Plastiktüte und dann in den Karton mit der Aufschrift „erledigt“. Später würde jemand – Alex Hopkins oder Sana Tylor aus der Dokumentenabteilung in London – die Scans begutachten und die Papierschnipsel anschließend der Verbrennung übergeben. Die geretteten Dokumente wurden so in die Datenbank aufgenommen. Es war eine langweilige, langwierige und anspruchsarme Arbeit… aber es war Arbeit, und sie ließ ihm viel Zeit zum Nachdenken.

Im Augenblick beschäftigten sich seine Gedanken – wie so oft - mit ihrer Situation.

Auf den ersten Blick – und sah man über die etwas merkwürdige Architektur ihrer Umgebung hinweg – konnte man denken sie wären drei Arbeitskollegen, die eine Flaute oder die Abwesenheit des Chefs nutzten, um herum zu albern.

Für Caden traf das wohl auch völlig zu.

Was Jack und ihn betraf... Alex Hopkins vermied es, das Wort „Gefangene“ zu verwenden, aber das änderte nichts daran, dass sie im Hub von Torchwood Drei, Cardiff, eingesperrt waren und diese Mauern nicht verlassen konnten.

Die ersten beiden Wochen beschränkte sich ihre Welt und ihr Aktionsradius auf ihr „Zimmer“, die MedBay und Trips in Alex’ Büro.

Er griff unbewusst nach seinem Arm, wo ihm Adam Hill erst an diesem Morgen wieder einmal Blut entnommen hatte. Es war ein mehr als merkwürdiges Gefühl, zu wissen, dass die Phiolen voll mit seinem Blut auf Eis gepackt und nach London geschickt wurden. Offenbar versuchten sie dort immer noch heraus zu finden, was Jack und ihn... wie sollte man ihren Zustand nennen? Dieses Sterben und Zurückkommen? Was sie zu dem machte, was sie jetzt waren.

Würden sie es ihnen verraten, falls sie es herausfanden?

Die Punktwunden in seiner Ellbeuge heilten, sobald Adam die Nadel herauszog und es war nichts davon geblieben als ein einzelner Blutstropfen auf seiner Haut und ein kleiner, blauer Fleck darunter, der eine halbe Stunde später ebenfalls verschwand.

Ianto fand ein neues passendes Stück Papier und fügte es in das nächste Puzzle ein.

Es war besser, als herum zu sitzen und darauf zu warten, dass sie Blut oder Gewebe oder irgendeine andere Probe von Körperteilen und Körperflüssigkeiten wollten. Oder die anderen Tests, an die er lieber nicht denken wollte. Es gab so viele kreative Möglichkeiten zu sterben – und keine davon war angenehm.

Er wusste immer, dass es schlimm werden würde, wenn sie in die MedBay kamen und Adam Hill sie nicht ansah. Und er wusste, dass der Arzt sich dagegen sträubte, aber man ihm so wenig eine Wahl ließ, wie Jack und er eine hatten. Die Alternative bestand darin, sie nach London zu schicken oder hier in Cardiff den Platz für Wissenschaftler und Ärzte aus den Laboren von Torchwood Eins frei zu machen. Adam und Alex taten ihr bestes, um sie vor der Organisation für die sie arbeiteten, zu schützen. Der Gedanke, dass sie es tatsächlich noch schlechter hätten treffen können, war nur ein schwacher Trost.

Ein plötzlicher Luftzug wischte zwei der bereits grob vorsortierten Papierstücke vom Tisch. Ianto sah sich überrascht um. Es war ja nicht so als gäbe es in der Basis unter der Erde Fenster, durch die der Wind herein wehen konnte. Im Gegenteil, die Luft wurde über eine Filteranlage gereinigt und von Staub und Feuchtigkeit befreit, wegen der Computer und der anderen empfindsamen Technik. Umgekehrt konnte damit verhindert werden, dass irgendetwas Schädliches in der Luft des Hubs nach draußen gelang.

Wenn er nichts anderes zu tun hatte oder nicht schlafen konnte, vertiefte er sich in die Unterlagen über Torchwood, die Alex ihm gegeben hatte oder in die Datenbank, in der Berichte über außerirdische Rassen und den Rift in Cardiff gespeichert waren, die bis ins Jahr 1879 zurückgingen, als Queen Victoria das Torchwood Institute gründete, nachdem sie dem Doctor begegnet und von ihm gerettet worden war. Es gab sogar ein Gemälde davon und auf ihm stand ein Mädchen - bei dem es sich unverkennbar um Rose handelte - neben einem fremden Mann mit den Augen des Timelords.

Er musste gestorben und regeneriert sein – und zwar nachdem die Tardis sie weg gebracht hatte. Denn Rose hatte nie davon erzählt, dass sie die Queen getroffen hatte und mit dem Doctor aus dem Königreich verbannt worden war. Also hatte das stattgefunden nachdem sich ihre Zeitlinien getrennt hatten.

War es nicht blanke Ironie, dass sie jetzt von gerade dieser Organisation festgehalten wurden?

„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“

Er zuckte zusammen und warf fast die restlichen Papierschnipsel selbst hinunter, als Jacks Stimme plötzlich hinter ihm erklang.

Ianto drehte den Hocker herum. „Nein. Nichts. Ich bin nur... nervös, schätze ich.“ Er rieb sich über die Schläfen. „Ich dachte nur, da wäre etwas gewesen. Ein Luftzug.“ Müde zuckte er mit den Schultern.

Jack litt genau so sehr darunter eingesperrt zu sein, wie er – vielleicht noch mehr. Der andere Mann war nicht daran gewöhnt, sesshaft zu leben. Es war okay gewesen, das kleine Zimmer zu teilen und in Cardiff zu bleiben. Das hier, umgeben von immer den gleichen Mauern und Wänden...

Wieder trieben ein paar Papierschnipsel wie Blätter in einem Teich über die Schreibtischoberfläche und dieses Mal war es Jack, der sie auffing, bevor sie davon segelten und sie wieder auf einen ordentlichen Stapel legte.

„Vielleicht...“ Jack unterbrach sich und drehte sich um, in die Richtung einer offenen Tür sehend. „Die Tür war vorhin nicht offen. Vielleicht kommt es von dort.“

„Das ist ein Korridor, der in einer Sackgasse mündet. Bei den Weevil-Zellen.“ Ianto konnte deutlich erkennen, wie es Jack drängte, sich dort umzusehen. „Es gibt von dort keinen Weg nach draußen, außer durch die Garage. Und selbst wenn jemand vergessen hätte, sie zu schließen, alle Außentüren verriegeln automatisch, oder der Alarm geht los. Das weißt du so gut wie ich.“ Dass sie im Moment hier am „Sichersten“ waren, bedeutete nicht, dass sie nicht nach Schwachstellen gesucht hätten.

Genau wie er hatte auch Jack einen „Job“, hauptsichtlich das Sichten und Identifizieren von Artefakten, die der Rift ausgespuckt hatte. Er arbeitete mit einem anderen Teammitglied – James Ferguson, einem Mann kaum älter als Ianto, der sehr unter Haarausfall litt – zusammen. Doch Alex hatte mit dem größten Teil des Teams vor einigen Stunden den Hub verlassen und war seither nicht zurückgekommen, was dazu führte, dass Jack sich extrem langweilte.

Ianto hatte sich strengstens verboten, dass er ihm noch mehr „half“, geduld-beanspruchende Puzzlearbeiten waren nun wirklich nicht Jacks Stärke – zumindest wenn es Papier betraf und nicht irgendein Stück Technik.

Jacks Ansichten von Hilfe waren hingegen extrem ablenkend und Iantos Drohen mit der Pinzette hatte ihn zu einer Geschichte über eine Alienspezies mit Hummerscheren veranlasst. Schließlich hatte er seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet, Caden von der Arbeit abzuhalten, der ein leichteres Opfer abgab.

So wie es aussah, waren sie im Moment mit Caden und Doktor Hill alleine.

Ianto spürte erneut einen Luftzug gegen die Seite seines Gesichts. Jack hatte die Augen geschlossen, als er sich ihm zuwandte.

„Hörst du das?“, fragte der andere Mann plötzlich.

Er konnte über das Summen von Ventilatoren und den merkwürdigen, nie endenden  Echos in dem verwinkelten Raum nichts hören. Das Gezeitenbecken war leer und still.

„Da ist irgendetwas. Etwas summt wie ein Ragorkäfer auf der Balz.“ Jack sah sich um.

„Ein was-Käfer?“

Jack grinste. „Ragor ist berühmt für seine Pflanzenvielfalt. Und noch mehr für die vielen Millionen verschiedenen Insektenarten. Es gibt kein weiterentwickeltes Leben dort, und der Planet weist eine viel höhere Gravitation auf, als zum Beispiel hier. Wenn du dort einfach so landest, würde die Schwerkraft dich ohne Druckanzug in einen Haufen Knochen in einem Hautsack verwandeln, bevor du den Fuß ganz auf die Oberfläche gesetzt hast. Es gibt eine Reihe Forschungseinrichtungen dort und wir haben in der Schule 4D-Videos der Tiere gesehen. Und wenn es etwas gibt, dass einen kleinen Jungen beeindrucken kann, dann ein Käfer von der Größe eines dieser... wie hießen noch einmal die grauen Tiere mit den langen Rüsseln?“

„Elefanten“, erwiderte er automatisch. Ianto sah Jack an. „Käfer so groß wie Elefanten? Ist das wieder eine deiner Geschichten?“

„Es ist mein Ernst, ich schwöre. Sie sind braun-grün und wenn sie sich in Bewegung setzen, sieht es aus, als würde ein Hügel auf Wanderschaft gehen.“ Jack deutete auf die offene Tür. „Da. Da war etwas Blaues.“

Dieses Mal hatte Ianto auch etwas gesehen. Eine Bewegung am Rande seines Blickfeldes. So kurz das es nur die Zeit zwischen zwei Lidschlägen angehalten haben konnte. Hätte Jack es nicht auch entdeckt, wäre er davon ausgegangen, dass es sich um eine optische Täuschung handelte.

„Vielleicht ist das Team zurück.“ Er trat neben Jack.

„Menschen bewegen sich nicht so schnell“, entgegnete der andere Mann. „Und sie summen dabei nicht.“ Ein kleines, humorloses Lächeln spielte plötzlich um seine Lippen.

Iantos Augen verengten sich argwöhnisch, als er ihn musterte. „Du weißt, was es ist, richtig?“

„Alex und Hill haben mir doch diesen Kokon gezeigt, den sie in einer der leeren Zellen verstaut hatten, erinnerst du dich? Sie dachten, ich könnte ihnen sagen, was da drin ist.“

„Und du hast gesagt, dass du zwar weit herumgekommen bist, aber deshalb noch nicht alle der Billionen Tierarten im Universum an der Fadenstärke des Kokons erkennst.“ Ianto sah wieder zur Türöffnung und spürte ein nervöses Kribbeln in der Magengrube. Er hatte seit langem jedes Interesse an Überraschungen verloren.

„Aber jetzt habe ich eine Idee, was es sein könnte.“

„Keiner dieser Monsterkäfer, oder?“ Ianto schnitt eine Grimasse.

„Nein, ich denke nicht. Irgendetwas Großes ist es trotzdem.“ Jack machte einen Schritt vorwärts, doch Ianto packte ihn am Ärmel.

„Jack, nicht.“

„Wieso nicht?“

Jack warf einen Blick auf Caden, der ihnen den Rücken zuwandte. Er trug Kopfhörer und schien ganz in das vertieft, was ihm der Computer zuflüsterte. Adam Hill war nicht in Sicht, vermutlich hielt er sich in einem der Labore neben der MedBay - und damit einen Level unter ihnen - auf.

Wenn er nur seinen Vortex-Manipulator hätte, könnte er sich Ianto schnappen und mit ihm aus diesem unterirdischen Loch verschwinden. So würde der Alarm losheulen und der Hub sich nach außen völlig abschotten, so bald er auch nur Hand an eine Tür legte ohne vorher den richtigen Code einzugeben.

„Willst du darauf warten, dass er nachsieht und möglicherweise als roter Schmierer an der Wand endet? Gibt dem Begriff ‚blutiger Anfänger’ eine ganz neue Bedeutung, meinst du nicht?“

„Und was willst du tun, wenn da wirklich irgendetwas im Gang lauert? Hoffen, dass ihm dein Lächeln gefällt und es sich auf den Rücken legt, damit du ihm den Bauch kraulen kannst? Es mit Franks fünf Tage alter Pizza außer Gefecht setzen?“, zischte Ianto. „Du hast keine Waffe.“ Sein Blick fiel auf die dicken Plexiglaswände, hinter denen alle möglichen und unmöglichen Waffen – von futuristisch aussehenden, riesigen Kanonen bis hin zu archaischen Schwertern und Pfeil und Bogen – lagerten. Unerreichbar. Da konnte er sein Glück ebenso gut gleich mit dem Hefter versuchen.

Jack ging für einen Moment auf ein Knie hinunter und pulte etwas aus dem Schaft seines rechten, knöchelhohen Schuhes. Eine Drehung des Handgelenks, ein Klicken und aus dem nur handflächengroßen Messerheft sprang eine dünne, aber sehr scharf und spitz aussehende, Klinge.

Ianto beschloss, dass er lieber nicht wissen wollte, woher Jack das hatte und wie es ihm gelungen war, es bisher zu verbergen. Selbst vor ihm. „Wir könnten einfach die Tür wieder schließen und verriegeln und Alex Bescheid geben?“

Schon bevor er den Satz beendet hatte, wusste er dass es sinnlos war. Jack war bereits fest entschlossen, selbst nachzusehen, er erkannte den Ausdruck in den Augen des anderen Mannes.

Er hatte sie mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht – zum Beispiel, als Jack beschloss, den Gitterstegen und Verbindungsleitern nach oben in die Kuppel der Hauptkammer zu folgen. Um fast mit zertrümmertem Schädel unten auf dem Boden zu landen, als rostige Streben und Schrauben unter seinem Gewicht nachgaben und sich eine der Leitern von der Mauer wegbewegte. Er konnte sich retten, indem er sich mit aller Wucht nach hinten fallen ließ und dann sprang. Jack landete auf einem der einige Meter tiefer liegenden Gitterstegen, wo er so heftig aufschlug, dass er sich den Arm an mehreren Stellen brach – nur ein paar Sekundenbruchteile, bevor die Leiter mit einem gewaltigen, metallischen Klirren im Gezeitenbecken aufprallte.

Jack hatte die drei Tage, die sein Arm zum Heilen benötigte, allein in einer der Zellen verbracht, in die ihn Alex höchstpersönlich wutentbrannt geworfen hatte.

Es nutzte etwa so viel wie die drei Wochen Hausarrest, die Ianto sich einhandelte, als ihn sein Vater mit zwölf beim Rauchen mit zwei Nachbarjungs erwischte. Die begleitende Ohrfeige war dafür, dass Ianto an der Reihe gewesen war, die Zigaretten zu stehlen. Er war schlauer als Shawn gewesen und hatte nur drei Zigaretten herausgenommen, anstatt die ganze Packung aus der Jacke seines Vaters zu nehmen, aber der hatte den Verlust trotzdem bemerkt. Ifan Jones hatte ein gutes Gedächtnis und in Zeiten des knappen Einkommens musste er seinen Konsum einschränken. Ianto hatte nicht berücksichtigt, dass sein Vater genau zählte, wie viele Zigaretten er übrig hatte, um damit eine ganze Woche auszukommen. Shawn und Gerry kamen ebenfalls nicht straffrei davon, doch das hielt sie keineswegs davon ab, wieder zu stehlen. Das nächste Mal war es eine Packung Zigaretten aus der Manteltasche eines Mannes, der im Bus eingeschlafen war. Ianto saß neben ihm, Gerry und Shawn auf dem entgegensetzten Sitz und es war fast schon zu leicht, einfach in die Tasche des leise schnarchenden Mannes zu greifen. Er fand die Zigaretten (eine volle, noch ungeöffnete Packung, vermutlich erst vor dem Einsteigen gekauft), ein paar lose Münzen und einen Fünf-Pfund-Schein. Die Zigaretten teilte er mit seinen Freunden, den Schein nicht.

Jack hatte bereits den halben Hub durchquert, als Ianto sich von seinen Kindheitserinnerungen losriss und ihm endlich folgte.

„Nein, ich gehe alleine.“ Jack blockte seinen Weg mit einem ausgestreckten Arm, als Ianto zu ihm aufschloss.

„Wenn wir zu zweit sind, kann ich es ablenken“, widersprach Ianto. „Wir wissen doch inzwischen beide, dass ich als Köder hervorragend geeignet bin.“ Er stieß Jacks Arm zur Seite und presste sich an die Wand neben der Tür, um vorsichtig einen Blick in den Korridor dahinter zu wagen. Er war unbeleuchtet. Moment. Vorhin hatte Licht gebrannt. Die Lampen gingen automatisch an, wenn sich die Tür öffnete. Und sie war offen. Also sollte das Licht an sein.

Er wäre fast zusammengezuckt, als die Lichter plötzlich aufflackerten und über ihnen rasselnd ein Luftfilter ansprang, um einen Schwall kalter Luft in ihre Gesichter zu blasen. Das erklärte vielleicht den Luftzug, aber nicht das hohe, fast elektrische Summen, das sie jetzt beide hören konnten.

„Ein Stromausfall, oder? Irgendwas hat einen Wackelkontakt.“ Ianto wusste, dass er so unsicher klang, wie er war. Sicher, diese viktorianischen Gemäuer waren an allen Ecken und Enden reparaturfällig und offenbar war der Generator (und seine Schar an Backup-Generatoren) der die Energie für den Hub lieferte, ein antikes und mit nicht-irdischer Technik hochgerüstetes Monster an dem bereits Generationen ihr Glück versucht hatten. Es konnte so simpel wie ein loses Kabel sein. Aber das erklärte nicht das beunruhigende Gefühl von kalten Fingern, die an seiner Wirbelsäule entlang strichen und das Alarmplärren in seinem Kopf.

Egal wie leer der Korridor aussah, da war etwas Lebendiges, das im Dunkel lauerte.

Jack sah ihn an und nickte, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Ich denke es ist ein Philidaetora. Stell dir eine Libelle vor, nur mit wesentlich breiteren Flügeln und ohne den langen Teil hinten. Ausgewachsen so groß wie ein Mensch, würde ich sagen – hoffen wir, es ist gerade erst aus dem Kokon geschlüpft. Ihre Augen können mit Licht nicht viel anfangen, weil sie auf einem Planeten leben, der lange Dunkelperioden hat – sie orientieren sich, indem sie eine Art Schallwelle aussenden, wie Fledermäuse auf der Erde. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viele Beine sie haben, aber daran, dass sie einen gemeinen Stachel besitzen und es verdammt weh tun muss, damit gestochen zu werden.“ Er zwinkerte ihm zu. „Nicht meine bevorzugte Weise durchlöchert zu werden, wenn du verstehst, was ich meine.“

Wunderbar. Sie saßen ohne Waffen mit einer Monsterlibelle in einer unterirdischen Basis fest und Jack riss äußerst schlechte Witze. Ianto unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen. Da war ein Lehrer an seiner Schule gewesen, der das immer getan hatte, wenn sich ein Schüler als besonders begriffsstutzig herausstellte und plötzlich verstand er Mister Hollander. Es gab Bemerkungen, auf die man einfach nicht anders reagieren konnte.

Die Lichter gingen flackernd aus und auch der Luftfilter erstarb mit einem weiteren, müden Rasseln. Die Dunkelheit wurde wieder von dem singenden Summen erfüllt.

„Lass’ mich raten“, sagte Ianto, während sein Herzschlag sich verdoppelte. „Was immer dieses Ding von sich gibt, es unterbricht den Strom?“

„Es kann nur auf diese Weise aus der Zelle gekommen sein.“ Jack schob wieder den Kopf in die Türöffnung und musterte den dunklen Korridor. Seine Augen gaukelten ihm vor, dass Lichtpunkte in der Dunkelheit tanzten. „Ich habe zugesehen, wie Alex das elektrische Schloss aktiviert hat.“

„Der Weevil“, sagte Ianto plötzlich. „Franks, Beck und Shanna haben vor zwei Tagen einen Weevil hergebracht. Adam wollte ihn genauer untersuchen. Wenn dieses Phili-Ding frei ist, dann vielleicht auch der Weevil.“

„Schlechter Teint, noch schlechtere Zähne. Lieben die Kanalisation und riechen auch so. Sind offenbar immer zum Tanzen aufgelegt. Hmh. Ich denke ich muss ablehnen.“ Jack grinste. „Nicht...“

„Nicht dein Typ, ich weiß“, unterbrach ihn Ianto. „Jack, das ist zu groß für uns. Keiner von uns ist je einem Weevil außerhalb einer Zelle begegnet und wir haben nicht einmal das Betäubungsspray um uns zu verteidigen.“

„Darf ich fragen, was ihr da macht?“, fragte plötzlich Adam Hill hinter ihnen.

„Ich denke etwas ist aus dem Kokon in der Zelle an der Ecke geschlüpft und es ist auf dem Weg hierher.“ Jack deutete über die Schulter.

„Jack!“

Er blickte auf Hills Finger, die sein Handgelenk umschlossen – die Hand mit dem Messer. „Du kannst mir später sagen, wie enttäuscht ihr alle von mir seid“, sagte Jack und etwas in seiner Stimme änderte sich. Das Spielerische verschwand daraus. „Aber ich bin der einzige, der im Moment bewaffnet ist und ich habe eine Vorstellung davon, mit was wir es zu tun haben. Du musst mir vertrauen, Adam.“

„Es dauert nur eine Minute, Alex zu rufen. Oder eine bessere Waffe als das da zu besorgen. Ich habe die Codes zur Waffenkammer.“ Hill deutete auf das Springmesser. „Und ich bin nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, dir zu vertrauen.“ Seine grünen Augen musterten Jack durch die Brillengläser intensiv. „Aber Caden hat mich informiert, weil er auf den internen Scannern eine Lebensform aufgefangen hat, wo im Moment keine sein sollte. Ich habe ihm gesagt, er soll in Alex’ Büro bleiben und die Tür hinter sich schließen. Er ruft das Team zurück.“ Er sah in die Dunkelheit. „Okay, lass’ mich hören, was du denkst, mit was wir es zu tun haben.“

Jack wiederholte, was er Ianto erklärt hatte und Hill zog unter seinem Laborkittel einen Taser hervor.

„Was?“, meinte er, als er die erstaunten Blicke der beiden anderen Männer auf sich gerichtet sah. „Wenn man für Torchwood arbeitet kann man nie vorsichtig genug sein. Ich wurde einmal fast von einem Kollegen erwürgt, der sich einen außerirdischen Gehirnparasiten eingefangen hatte. Und das war nur mein erster Monat hier.“ Er checkte die Batterie. „Ich bin zwar dafür, dass wir das Ding lebendig einfangen, aber es ist nicht meine oberste Priorität. Vielleicht lässt es sich damit betäuben.“ Er entsicherte den Taser.

Die Lichter flackerten wieder an und Adam sah nach oben, als ihn ein Luftzug ins Gesicht blies. Doch es war nicht der rasselnde Luftfilter – der war dieses Mal stumm geblieben – sondern ein... ein blaues, summendes Ding, das einen Moment vor ihm in der Luft hing. Jack hatte recht, es sah aus wie eine Libelle, aber es war zu kurz und zu breit und vor allem so groß wie ein ausgewachsener Schäferhund. Ein Band aus Facettenaugen zog sich quer über den Teil, von dem er annahm, es handelte sich um den Kopf. Oder vielleicht war es ein dekoratives Muster auf dem Hinterteil des Viehs. Obwohl die mahlenden Madibeln eher für Kopf sprachen. Es hing in der Luft und summte und das war alles, was er sah, bevor die Lampen wieder ausgingen.

Er hob den Taser, kam jedoch nicht dazu ihn einzusetzen, als ihn etwas rammte und zur Seite warf. Da war das kurze Empfinden von rauen Borsten, die gegen sein Gesicht kratzten, und dann war alles, was er noch spürte, ein schmerzhafter Stich in den Oberarm. Und Hände, die seine Schultern packten, seinen Sturz abfingen, ihn langsam auf den Boden gleiten ließen, wo er benommen sitzen blieb.

Adam Hill sah auf und in Iantos blasses Gesicht, bevor er dem Blick der schreckweiten Augen folgte – und den Stachel entdeckte, der in seinem Oberarm steckte. Genauer gesagt, er durchbohrte quer den kompletten Muskel. Als er den Kopf nach hinten wandte um über die Schulter zu sehen, konnte er die Spitze aus dem Ärmel des Laborkittels hervorragen sehen. Blut rann seinen rasch taub werdenden Arm entlang und tropfte von seinen Fingern auf den Boden.

Jack tauchte auf der anderen Seite auf und fluchte in einer Sprache, die Adam nicht kannte. Er setzte das Messer an Hills Schulter an und trennte den Ärmel des Laborkittels auf, genau wie den des darunter befindlichen, nun blutgetränkten Hemdes. Ein langer, schmaler, schwarzer Stachel – fast wie ein gigantisch vergrößerter Bienenstachel – steckte in seinem Bizeps und trat auf der Rückseite wieder aus.

„Es ist ein Giftstachel, oder?“ Hill staunte darüber, wie ruhig seine Stimme klang. Aber er fühlte fast keinen Schmerz mehr und die Blutung hatte sich auf ein paar Tropfen reduziert. Das würde sich jedoch ändern, wenn sie den Stachel entfernten und damit den Druck, den er auf die durchtrennten Blutgefäße ausübte, schlagartig wegnahmen.

„Ja.“ Jack verschwand aus seinem Blickfeld, als er hinter ihm kniete. „Aber die Spitze ist nicht abgebrochen und wenn ich mich richtig erinnere, ist das meiste Gift innen.“

Adam nickte. „Natürlich. Die Spitze trifft auf etwas Hartes, sagen wir einen Knochen, bricht ab und das Gift verteilt sich in der Wunde, statt weniger effektiv an der Außenseite. Clever.“ Sein Kopf begann sich mit Wolken zu füllen und er fragte sich, ob es der Schock oder die erste Wirkung des Gifts war. Eigentlich sollte er das unterscheiden können, nicht? Er war doch hier der Arzt. „Sag’ mir, es geht dem Biest wie einer Biene und es stirbt, nachdem es jemand gestochen hat.“

„Kein Glück hier, Doc. Sie haben einen ganzen Vorrat davon.“ Jack sah Ianto an. „Es ist nach oben geflogen. In die Kuppel. Vielleicht um sich zu verstecken; vielleicht auch nur, um sich zu orientieren.“ Er schob einen Arm unter Hills unverletzte Schulter. „Wir sollten hier nicht einfach so herum sitzen und darauf warten, dass es zurück kommt.“

Ianto stützte Adams andere Seite und gemeinsam schafften sie es in den Korridor aus dem die Philidaetora gekommen war. Jack schlug die Tür zum Hub zu.

„Wir können hier warten bis Alex und das Team kommen. Wenn sie den Eingang über Mermaid Quay nehmen...“, begann Ianto – dann fiel ihm der Weevil ein, der frei herum laufen mochte und er starrte angespannt in die Dunkelheit des Korridors.

„Ich habe nicht vor zu warten.“ Jack hielt den Taser in der Hand. Adam hatte nicht einmal bemerkt, dass er das Betäubungsgerät losgelassen hatte. „Ich hole den Erste-Hilfe-Koffer, der in der Kaffeeküche ist. Bei allem Respekt, Doc, das Ding sollte so schnell wie möglich aus deinem Arm, bevor es mehr Schaden anrichtet. Und wir brauchen etwas, das Säure enthält, nur ein wenig, um die Wunde damit auszuwaschen. Säure sollte das Gift neutralisieren.“

„Ich habe alles was ich brauche in der MedBay“, sagte Adam. Seine Zunge fühlte sich trocken, dick und geschwollen an.

„Sorry, aber das dauert zu lange.“ Jack öffnete die Tür einen Spalt, um hindurch zu sehen. „Es sitzt jetzt auf dem Geländer vor Alex’ Büro“, berichtete er. „Ich glaube, es hat Caden entdeckt. Solange er nicht rauskommt, sollte ihm nichts passieren.“

„Ich gehe mit“, sagte Ianto neben ihm leise. „Ich weiß genau wo der Erste-Hilfe-Koffer ist und ich habe eine Idee, was wir zum Ausspülen der Wunde nehmen können. Das lässt dir beide Hände frei, sollte uns das Ding angreifen.“ Er lehnte Adam mit der unverletzten Schulter gegen die Wand, sorgfältig darauf achtend, dass er den Stachel nicht berührte und der auch der Mauer fern blieb. „Bitte nicht bewegen, Adam. Sir.“

„Okay.“ Jack packte ihn am Arm und zog ihn hinter sich durch die Tür, sie rasch wieder schließend. „Mach genau was ich dir sage, verstanden Ianto?“

„Verstanden.“ Ianto dachte daran, welches Schicksal dem Arzt bevor stand, sollte tatsächlich ein Weevil frei herum stromern und ihn alleine, unbewaffnet und verletzt antreffen. Aber irgendwie schien das im Moment das kleinere Risiko zu sein.

Geduckt und jede Möglichkeit zur Deckung ausnutzend (es gab bedauerlich wenige davon in der weiten, offenen Mittelebene) arbeiteten sie sich in Richtung Kaffeeküche vor.

„Vorsicht.“ Jack stieß ihn hinter eine Säule zurück, als über ihnen plötzlich Flügel schwirrten. Er selbst warf sich unter eine Arbeitsstation.

Eine der drei Klauen am Ende eines langen, gegliederten Beines streifte Iantos Hinterkopf, als das Monsterinsekt versuchte, ihm zu folgen. Es war zu groß um aus seiner gegenwärtigen Position um die Säule herum zu manövrieren und glitt ein wenig zurück, vielleicht um Anlauf zu nehmen.

„Tut mir leid, aber der gehört schon zu mir.“ Jack tauchte auf der anderen Seite der Arbeitsstation und damit hinter dem Ding auf und presste den Taser gegen den Hinterleib der Philidaetora. Er konnte die Entladung spüren, ein Kribbeln das auch auf ihn übersprang, aber es schien bei dem Tier nicht mehr zu bewirken, als dass das Insekt seine Aufmerksamkeit nur auf ihn richtete. Und... ohoh... wenig überraschend schien es jetzt auch noch stinksauer zu sein. „Ianto, ich denke jetzt ist eine gute Gelegenheit weiter zu gehen.“

Er warf sich gerade noch rechtzeitig zurück, um zu vermeiden dass ihm eine der Klauen ein Auge ausschlug und das Insekt konzentrierte sich auf ihn, folgte ihm, bedrohlich summend. Die Lichter im Hub flackerten und irgendwo begann eine Konsole aufgeregt zu piepen. Aus den Augenwinkeln sah Jack wie Ianto die Küchenecke erreichte.

So weit, so gut. Er ging weiter rückwärts – und stolperte über eine Kabelschlange, die sich hinter einer Arbeitsstation hervor schlängelte. Jack landete unsanft auf seiner Rückseite und sein neuer Freund stürzte sich auf ihn wie ein Hund, der spielen wollte. Er riss beide Hände hoch, einen Arm angewinkelt um sein Gesicht und seine Augen zu schützen und spürte, wie ihm der Taser aus den Fingern geschlagen wurde. Krallen streiften seinen Unterarm entlang, rissen das Hemd auf und er spürte ein leichtes Brennen, wo sie die Haut anritzten. Die Flügel prallten gegen ihn und er rammte blindlings das Messer in die Richtung, in der sich der Körper befinden musste, während er sich zur Seite rollte.

Jack prallte gegen die Wand, einen Moment lang völlig schutzlos und offen, doch es folgte kein weiterer Angriff. Ein paar Schritte von ihm entfernt lag das Insekt auf der Seite, die beiden am Körper verbliebenen Flügel schlugen wie wild, doch vergeblich.

Er rappelte sich auf und kam vorsichtig näher. Sein Messer, jetzt mit einer klebrigen, gelben Flüssigkeit bedeckt, hatte ganze Arbeit geleistet. Die beiden Flügel auf der rechten Seite des Insektenkörpers waren abgetrennt und ein tiefer Schlitz zeigte sich entlang der Flanke in der - aus der Nähe wie Leder aussehenden – Haut. Gelber Gallert quoll aus der Wunde. In der zähen Masse schwammen in Bläschen eingeschlossen, winzige, schwarze Würmchen, die sich krümmten und wanden. Die nächste Generation Philidaetora. Er erinnerte sich wieder vage, dass er gehört hatte, dass die Paarung vor der Verpuppung stattfand. Wenn sie den Eindringling nicht entdeckt und die Philidaetora irgendwo ihre Eier abgelegt hätte... Er wusste, dass Hill es vorgezogen hätte, das Tier lebendig zu fangen, um es studieren zu können, aber mit diesen Verletzungen würde es ohnehin nicht mehr lange leben.

Jack rollte es mit dem Fuß auf den Rücken und die langen Beine mit ihren drei Klauen am Ende schlugen wütend nach ihm. Die Mandibeln bissen nur in leere Luft. Das Taser lag neben den abgetrennten Flügeln. Seine Anzeige blinkte und versprach 80%ige Kapazität. Es war einfach genug heraus zu finden, wie er die Leistung weiter erhöhen konnte und als er das Maximum erreicht hatte, wechselte ein rot blinkendes Licht zu grün – und Jack presste die Kontakte gegen den Kopf des verletzten Insekts. Er drückte den Auslöser so lange, bis das Gerät zu piepen begann und sich die Philidaetora nicht mehr rührte. Es war entweder betäubt oder tot, doch Jack ging kein Risiko ein. Er zertrat den Kopf des Dings unter den Füßen. Es war eine rohe und unelegante Art es zu Töten, aber effektiv. Das ekelerregende Knirschen des berstenden Schädels drehte ihm den Magen um und er schluckte bitteren Speichel hinunter, stoppte jedoch nicht.

Er hob schließlich den Blick von der gelben Masse die seine Schuhe und Hose bedeckte und sah Ianto an, der ihn entsetzt anstarrte. „Wir können es nicht als Haustier halten“, sagte er und nahm ihm den Koffer ab. Ohne weitere Rechtfertigung schritt er auf die Tür zu, hinter der Hill wartete. Ianto folgte ihm, eine Glasflasche und einen Eimer in der Hand.

Das Licht war wieder in Ordnung, als Jack die Tür öffnete und sich neben den Arzt kniete.

Hill lachte heiser, als er sah was Ianto mitgebracht hatte – eine Flasche Malzessig, die sie vor ein paar Tagen benutzt hatten, um ihr Abendessen aus Fish & Chips zu würzen. Er, Alex, Jack, Ianto und Shanna, ihre Waffenexpertin. Sein Magen assoziierte den Geruch nach Essig mit Essen und zog sich schmerzlich zusammen. Es rächte sich eben doch, dass er das Mittagessen hatte ausfallen lassen...

Er lachte weiter leise vor sich hin, auch als der Essig in der Wunde wie Feuer brannte und ihm Tränen über die Wangen liefen.

Ianto blickte Jack an, und deutete dann mit dem Kopf auf den vor sich hin lachenden Arzt. Jack hob die Schultern, er wusste auch nicht, was an ihrer Situation so amüsant war.

„Adam?“ Jack wartete, bis Hill aufhörte zu lachen und ihn ansah. Seine Augen schienen einigermaßen klar. „Du bist der Arzt. Sollen wir jetzt versuchen, den Stachel raus zu ziehen?“

Er blinzelte die Tränen weg. Es war zu gefährlich, ihn zu transportieren und zu riskieren, dass der Stachel abbrach und sein Gift überall verteilte. Die Wunde würde anfangen heftig zu bluten, aber wohl kaum stark genug, um sein Leben zu gefährden. Er hatte Glück, dass es ihn nur am Oberarm erwischt hatte.

„Zieh’ ihn raus. Ianto. Die Kompressen. Du musst sie nehmen und sofort auf die Wunden pressen, ganz fest, um die Blutung zu unterbinden. Ich kann das nicht selbst zusammenflicken, jemand muss mich in die Notaufnahme bringen.“ Adam unterdrückte eine neuerliche Welle Amüsement, die aus dem Nichts kam. Vielleicht war genug Gift in seinen Kreislauf gelangt, um ihn so schwummrig zu machen. Vielleicht war es der einsetzende Schock. Er fühlte sich im Moment nicht sehr wie ein Arzt und musste sich zwingen, an den nächsten Schritt zu denken. „Wir... wir brauchen eine Probe des Gifts. Für alle Fälle. Zur Analyse. Oh...“ Er wandte den Blick ab, als Jack den Stachel vorsichtig, aber ohne zu Zögern (...das war nicht die erste Wunde, die ihr ortsansässiger Zeitreisender sah... oder behandelte... das bekam er so gar in seinem benebelten Zustand mit) herauszog. „Und mehr Essig. Um die Wunde, nicht hinein, bitte. Das Blut sollte die meisten Giftreste herausspülen.“ Er hörte Ianto erschreckt nach Luft schnappen, fand sich aber plötzlich zu matt, um den Kopf zu drehen und zu sehen was es war. Seine Lider waren bleischwer und dann wurde es dunkel.

„Er hat das Bewusstsein verloren.“ Ianto fischte frische Kompressen heraus und presste wieder sie auf die Wunden. Jack hatte es übernommen, sie mit Essig zu säubern, nachdem er den Stachel vorsichtig zur Seite gelegt hatte. Jetzt nahm er eine Bandage und wickelte sie fest über die Kompressen.

„Was ist das denn für eine Schweinerei?“, ertönte Neil Franks angewiderte Stimme.

Jack stand auf und stieß die Tür auf, die hinter ihnen zugeschwungen war, während sie den Arzt versorgten.

Alex entdeckte sie und kam schnurstracks auf sie zu. Er sah das Blut auf Jacks T-Shirt und sein Blick verhärtete sich. „Was ist passiert?“

Jack hielt die Tür auf und trat zur Seite. „Er hat gesagt, dass ihn jemand in die Notaufnahme bringen muss, bevor er das Bewusstsein verloren hat.“

Hopkins warf einen Blick auf den Arzt, der auf dem Boden lag und fluchte. „Neil. Shanna“, rief er. „Der Doc muss ins Krankenhaus.“ Er machte den Weg für die beiden frei und mit Cadens Hilfe war Adam Hill ein paar Momente später in die Garage unterwegs.

„Bist du okay, Jack? Ianto?“, fragte er dann, die blutbedeckten Hände des jungen Walisers bemerkend.

„Wir sind unverletzt“, antwortete Jack für sie beide und lehnte sich neben Ianto an die Wand, einen Arm um die Mitte des anderen Mannes legend, um ihn in seine Seite zu ziehen. „Das ist von Adam.“

„Was zum Teufel ist hier passiert?“, stellte Alex irritiert die nächste Frage.

Jack grinste und drehte den Kopf, um seine Wange gegen Iantos Kopf zu legen, als er ein Schaudern durch den Körper des Jüngeren rinnen spürte. „Torchwood hat ein Krabbeltierproblem. Hatte. Ich denke, ich habe es erwischt, bevor es Eier legen konnte.“ Er berichtete von dem Kokon und wie sie die offenstehende Tür bemerkten und das Flackern der Lampen.

Alex fluchte und zog seine Waffe aus dem Holster, als Jack erwähnte, dass eventuell der Weevil aus seiner Zelle entkommen sein mochte. Er wies sie an, sich nicht vom Fleck zu bewegen und verschwand den Korridor entlang.

Jack wandte sich Ianto zu, der die Handflächen aneinander rieb – ein vergeblicher Versuch, das angetrocknete Blut zu entfernen. Er ließ ihn los und zog sich das T-Shirt über den Kopf, um Iantos Hände damit wie mit einem Handtuch notdürftig zu reinigen. Es brachte nicht viel, aber Ianto schien die Geste zu schätzen.

Er lächelte matt. „Du kannst wirklich keine Gelegenheit auslassen, dich nackt zu zeigen. Der geborene Exhibitionist.“

„Du kennst mich doch.“ Jack küsste ihn auf die Schläfe und legte eine Hand in seinen Nacken. „Ich habe nichts zu verbergen. Und...“

In diesem Moment kehrte Alex zurück, seine Miene grimmig. Er zog eine Augenbraue hoch, als er Jacks nackten Oberkörper sah. „Ich will es gar nicht wissen“, meinte er, bevor einer der beiden etwas sagen konnte. „Um den Weevil brauchen wir uns übrigens keine Sorgen mehr zu machen. Du hattest recht, seine Zelle war offen. Aber er ist tot und ich denke, angefressen.“

Das Telefon in seinem Büro klingelte und Alex drehte sich auf dem Absatz um. Da sie eh nichts Besseres zu tun hatten, folgten Jack und Ianto ihm. Caden rief aus dem Krankenhaus an, um zu berichten, dass Alex auf der Fahrt das Bewusstsein wieder erlangt hatte und es ihm soweit besser ging, dass er die Fragen in der Notaufnahme beantworten konnte. Er wurde im Moment am Arm operiert, doch er befand sich außer Lebensgefahr.

Nachdem Alex den Hörer aufgelegt hatte, wandte er sich den beiden zu und musterte sie lange. Dann schüttelte er den Kopf. „Geht nach unten und wartet dort auf mich“, sagte er, sein Ton völlig neutral. „Ich kümmere mich ums Aufräumen.“

Ianto setzte zu einer Frage an, stoppte dann jedoch und wechselte einen Blick mit Jack, der mit den Schultern zuckte. Ohne ein weiteres Wort verließen sie das Büro und machten einen Bogen um das tote Insekt auf dem Weg zu dem Korridor, der sie nach unten in ihr gemeinsames Quartier brachte.

Jack sah noch einmal über die Schulter und zu Alex, der wieder kopfschüttelnd auf die tote Philidaetora starrte, bevor er Ianto folgte.


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„Ich habe mein Messer vergessen.“ Es waren die ersten Worte, die zwischen ihnen fielen, seit sich die Tür ihres Quartiers hinter ihnen geschlossen hatte.

Ianto, der sich als Erster in dem winzigen Badezimmer gewaschen und nun den Platz für Jack freigemacht hatte, studierte dessen nackten Oberkörper auf der Suche nach Spuren von Verletzungen. „Du hättest es ohnehin nicht behalten dürfen, jetzt wo sie davon wissen.“ Sein Blick fiel auf Jacks besudelte Kleidung, die in der Ecke lag und er presste die Lippen zusammen. Der gelbe Gallert hatte sich in den Stoff gebrannt, und Blut ließ sich ohnehin nie richtig entfernen. Außer sie zu verbrennen konnte man damit nichts mehr anfangen.

Jack schüttelte den Kopf wie ein Hund und Wassertropfen flogen aus seinem Haar in alle Richtungen. Er betrachtete sein Gesicht von allen Seiten im Spiegel und kämmte mit den Fingern durch die Haare. „Ich finde etwas anderes.“

„Denkst du, sie lassen uns je wieder aus diesem Raum?“

„Hey, wir haben Hill und Caden gerettet.“ Jack ließ von seiner Frisur ab und wandte sich Ianto zu. Er spielte mit den Gürtelschlaufen an Iantos Jeans. „Ohne uns, heute und hier, würde ein paar Meter über uns ein überdimensioniertes Insekt nach einem ausgiebigen Frühstück vermutlich seine Eier irgendwo im Hub ablegen, als nette kleine Überraschung für Alex und die anderen.“

„Nicht wir“, entgegnete Ianto ernst. „Du. Du hast dieses… Ding… erkannt und es getötet und du wusstest, was Adam helfen würde.“

„Purer Zufall, dass ich wusste was es war. Und ich bin sicher, der Doctor hätte ein oder zwei Dinge darüber zu sagen, dass ich es getötet habe, anstatt zu versuchen, es einzufangen und wieder nach Hause zu schicken.“ Jack zuckte mit den Schultern. „Und du wusstest, wo das Verbandszeug ist und du hattest die Idee, den Essig zu nehmen.“ Mit einem Lächeln wischte er die Melancholie weg, die die Erwähnung des Timelords hervorgerufen hatte. „Was hältst du davon, wenn wir uns den Ruhm teilen und uns gegenseitig belohnen?“

Ianto lehnte sich vor, presste seine Stirn gegen Jacks. Er erwiderte nichts.

Nach einer Weile drehte Jack den Kopf leicht, so dass sein Mund an Iantos Ohr lag. „Ist es merkwürdig, dass ich Mrs. Donovan vermisse?“, sagte er.

Zu seiner Erleichterung lachte Ianto leise. „Wir sind lange genug hier drin, dass sie inzwischen mit Handtüchern über dem Arm vor der Tür stehen würde“, murmelte er.

Jack legte den Arm um seine Taille und zog ihn mit sich in den anderen Raum. „Dein Bett oder meines?“

Die meisten Nächte verbrachten sie gemeinsam in nur einem der schmalen Betten, obwohl kaum Platz für zwei erwachsene Männer war, um dort zu schlafen. Oder irgendetwas anderes zu tun. Sie hatten versucht, die beiden Einzelbetten zusammen zu schieben, als man sie hier einquartierte – doch aus welchem bizarren Grund auch immer, die Beine der Betten waren wie auf einem Boot am Boden befestigt und hielten sie strikte eineinhalb Meter voneinander entfernt. Die großen Schrauben saßen tief im Beton und waren wie die Haltespangen von einer dicken Schicht Rost überzogen.

Sie nahmen beide auf dem ersten Bett Platz und Jack rückte hoch bis zum Kopfende, zog Ianto gegen sich zurück, bis er zwischen seinen geöffneten Beinen saß und gegen ihn lehnte. Er presste einen Kuss in seinen Nacken und begann mit der ersten Geschichte.


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„Nein, wirklich. Er hat gekreischt wie ein kleines Mädchen, und dann darauf geschossen.“ Jack legte eine Kunstpause ein und konnte Iantos Lachen spüren, gegen seinen Brustkorb, wie eine ferne Vibration. „Natürlich hat er nichts getroffen, die Biester waren unglaublich schnell. Nun, ich habe ihm natürlich angeboten, das Bett mit ihm zu teilen und ihn vor den fürchterlichen Krabblern zu beschützen, aber am Ende mussten wir ausziehen, weil er dort nicht mehr schlafen konnte.“

„Du erfindest das alles nur, richtig?“ Ianto wandte den Kopf, um ihn anzusehen. „Als nächstes sagst du mir, dass Tribble ebenfalls existieren.“

„Tribble? Sagt mir nichts.“ Jack küsste ihn auf die Nase. „Tier? Pflanze? Essen? Sexstellung? Oh, ist es das letztere? Dann will ich eine praktische Demonstration.“

„Wow. Du hast wirklich eine Menge nachzuholen. Eine Menge Spät-Wiederholungen von Fernsehserien.“ Zwei Köpfe wirbelten herum, als Adam Hill sprach. Keiner der beiden hatte bemerkt, wie sich die Tür öffnete.

Alex Hopkins tauchte hinter dem Arzt auf, und legte eine Hand auf seine unverletzte Schulter. „Er hat sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen.“

„Yeah, hey, es geht mir ausgezeichnet. Der Chirurg, der mich behandelt hat, war tatsächlich ein Studienkollege von mir und er hat mich mit den wirklich guten Schmerzkillern versorgt, kein Standard-NHS-Zeug für yours truly.“ Sein rechter Arm war mit einer Binde an seinem Brustkorb fixiert. „So, der Knochen ist unverletzt und ich sollte meinen Arm in absehbarer Zukunft wieder völlig normal bewegen können.“

Offenbar lockerten die Schmerzmittel die Zunge des üblicherweise sehr ernsten Arztes. Sie hatten ihn noch nie so schnell reden hören.

„Aber… ich will, dass du mir noch mehr über dieses Ding erzählst. Jack. Wo es herkommt… und das alles.“ Hill wandte sich irritiert zu Alex um, der ihn wieder an der Schulter festhielt. Es kostete ihn fast die Balance, sich aus seinem Griff zu befreien.

„Franks wird dich nach Hause fahren. Bettruhe ist Teil der Bedingungen für deine Entlassung aus dem Krankenhaus und wenn es nötig ist, binde ich dich an deinem Bett fest“, kam es streng von Alex.

„Uuuuh. Kinky. Vielleicht sollte ich auch...“, murmelte Jack in Iantos Ohr und erhielt dafür einen Ellbogen in die Rippen.

„Okay, okay. Sheesh, Alex. Man könnte denken du wärst mein Boss oder so was.“ Adam machte eine vorsichtige, angedeutete Verbeugung. „Jack, Ianto – Danke, dass ihr mein Leben heute gerettet habt. Ich wünschte, die Umstände wären besser…“ Er machte einen halbherzigen  Versuch, zu salutieren und ließ sich dann ohne weiteren Protest von Hopkins nach draußen befördern, wo Franks Stimme zu hören war.

Alex schloss die Tür hinter sich. Er musterte sie, die Arme vor der Brust verschränkt. „Das was heute passiert ist“, sagte er schließlich. „Ich weiß, es hätte nicht passieren dürfen. Nicht hier, nicht im Hub. Direktor Hartman würde mich vermutlich vierteilen lassen, wenn sie jemals davon erfährt, aber es ist mein Team und meine Verantwortung. Und in letzter Zeit haben sich Vorfälle wie dieser gehäuft. Travis hat fast ein Auge verloren, als wir vor zwei Monaten diesen…“

„Tenopa“, warf Jack ein und lehnte sich zurück. Nur Ianto spürte die Anspannung, die er nicht zeigte.

„…Tenopa gefunden haben. Jack, ich möchte, dass du mit mir zusammen arbeitest, und wir neue Regeln für Erstkontakte mit Alien jeder Art aufstellen. Wir sind zu nachlässig geworden. Die Aktivität des Rifts nimmt seit einer Weile ständig zu, aber London macht keine Mittel locker. Wir sind uninteressant, ein Nebenposten, seit sie in den 80zigern die Idee aufgegeben haben, den Rift kontrollieren und nutzen zu können. Und du wirst uns zukünftig ins Feld begleiten. Ich kann auf dein Wissen, auf deine Fähigkeiten, nicht verzichten“, schloss Alex.

„Was ist mit Ianto?“, antwortete Jack mit einer Gegenfrage.

Hopkins schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber einer von euch beiden muss hier bleiben und Ianto hat nicht das erforderliche Training.“

„Nein, das ist…“

„Das ist okay“, unterbrach Ianto Jack. Er sah ihn an. „Ich ziehe es sogar vor, im Hub zu bleiben. Du bist der Soldat… ich bin… gut im… Ablegen.“

Alex öffnete die Tür. „Wir sehen uns später oben beim Abendessen.“ Er stoppte und drehte sich noch einmal um. „Das war übrigens ausgezeichnete Arbeit von euch beiden. Ich habe mir die Aufnahmen angesehen. Ihr hättet Adam und Caden ihrem Schicksal überlassen und zu fliehen versuchen können.“

„Ich wusste wir haben etwas vergessen“, erwiderte Jack trocken. „Ianto, erinnere mich das nächste Mal bitte daran, dass wir zuerst fliehen und dann die Welt retten.“

„Lass’ es dir nur nicht zu Kopf steigen“, erwiderte Hopkins ebenso trocken. „Ich habe nicht übersehen, dass du ein Messer hattest.“ Er schüttelte den Kopf und hob beruhigend eine Hand. „Keine Sorge, ich werde es wieder vergessen. Dieses Mal. Und ich danke euch beide. Das meine ich ernst. Aber wie Adam gesagt hat… Ich wünschte, die Umstände wären besser.“ Er ging, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Es ist nicht viel wert, das zu sagen, ohne auch nur zu versuchen, die Umstände zu verbessern“, meinte Ianto bitter. Er löste sich aus Jacks Griff, stand auf und legte sich in das zweite Bett, dem anderen Mann den Rücken zugewendet.

„Ianto?“

„Nicht jetzt, Jack.“ Er hörte wie Jack aufstand, spürte mehr als das er sah, wie er neben seinem Bett stand und auf ihn hinab starrte – dann hörte er ihn den kleinen Raum auf und ab wandern. Ein Stuhl wurde zur Seite gekickt.

„Ianto?“

Seufzend drehte er sich auf den Rücken und rutschte an die Bettkante. Einen Moment später streckte sich Jack neben ihm aus. „Ich hasse es, wenn wir streiten.“

„Wir streiten nicht“, korrigierte ihn Ianto automatisch. „Es macht dich nur verrückt, wenn ich nicht mit dir spreche, weil du die Stille nicht ertragen kannst.“

„Ich?“ Jack sah auf ihn hinab. „Ich kann schweigen. Einmal habe ich drei Wochen lang geschwiegen…“

„Du warst drei Wochen lang geknebelt?“, warf Ianto ein. Er konnte seine eigenen Gefühle der Unzulänglichkeit nicht an dem anderen Mann auslassen. Aber es nagten doch Zweifel an ihm. Er sah sich wieder als Mittel zum Zweck – als Druckmittel gegen Jack. Es war klar, dass sie mehr an ihm interessiert waren. Und warum auch nicht. Ianto war vor zweiundzwanzig Jahren in Wales geboren. Jack vor dreitausend Jahren auf einem weit entfernten Planeten, auf dem sich die Nachkommen der Menschen dieser Erde als Siedler niedergelassen hatten. Er war ein Alien per Definition.

„Ein Knebel… hm, entdecke ich da eine wilde Seite an dir?“ Jacks Blick verschleierte sich einen Moment.  

Ianto lächelte unwillkürlich. „Du kennst alle meine Seiten“, erwiderte er halb ernst.

„Ich sehe sicherheitshalber noch einmal nach.“ Jack beugte sich zu ihm herunter, nippte an der empfindlichen Haut unterhalb seines Adamsapfels.

Er schloss die Augen, überließ sich Jacks Händen, seinem Mund und den in seine Haut geflüsterten Worten, die ihm Sicherheit versprachen in dieser Welt, die sich immer schneller um ihn herum veränderte.






tbc