Titel: Kindermund
Autor: Lady Charena (März 2017)
Fandom: Torchwood
Storysammlung: 50 Ways I’ll be your Lover
Episode: --
Wörter: 2363
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Gwen, Anwen
Pairing: Jack/Ianto
Rating: ab12, slash, hurt/comfort, AU


Summe: Das Sprichwort sagt: Kindermund tut Wahrheit kund!
Anwen bringt Jack in Erklärungsnot.


Hinweis: Vorgängerstorys dieser Reihe sind: „The Phantom Archivist & Other Ghost Storys”, “The Ghost Position”, “My Heart is a Ghosttown”, “The Ghost Protocol”, “Ghost Fire”, “Ghost in a Window”, “The Ghost Touch”, “The Ghost Holiday”, “Jacks Ghost” und “A Ghostly Christmas”.


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Living forever in a ghost town
You save me I save you
A miracle that was meant for two
I save you You save me
A miracle with every beat of my heart


Julian Perretta - Miracles






Jack befand sich auf der Jagd.
Das verdächtige Objekt war etwa 30 Zentimeter groß, wechselte gelegentlich das Geschlecht, trug einen rosa Pelz, hatte Knopfaugen und auffallend lange Ohren. Zuletzt gesichtet wurde es im Bereich der Couch in seinem Wohnzimmer. Hörte nicht auf den Namen Bunny, obwohl der quer über seine/ihre Brust gestickt war.

Und wurde verzweifelt vermisst.

Anwen verfolgte seine Bemühungen kritisch. Sie hatte in unbewusster Imitation ihrer Mutter die Arme vor der Brust verschränkt und schüttelte eben einen Kopf voll dunkler Locken. „Da hab ich schon geguckt“, informierte ihn die Vierjährige. „Onkel Jack, wo ist sie? Mama kommt gleich.“

„Ich weiß.“ Jack warf sich auf den Boden, um in einem letzten verzweifelten Versuch unter die Couch zu spähen, obwohl ihm der Abstand zum Teppich zu schmal schien, als dass ein Kuscheltier hindurch passte. Wo steckte der verdammte Plüschhase? Sie hatten im Wohnzimmer gespielt, aber Bunny versteckte sich weder in der Spielzeugkiste, noch in Anwens Rucksack. Er war in der Küche gewesen, um etwas zu Trinken für sie beide zu holen, als sie die Kekse aßen, die Gwen ihrer Tochter mitgegeben hatte. Anwen besuchte die Toilette… Moment, vielleicht hatte sie Bunny dorthin mitgenommen und vergessen. Jack setzte sich auf, neue Hoffnung schöpfend… als es klingelte. Er verkniff sich einen Fluch – kleine Kinder haben große Ohren – und wischte sich die Knie ab. (Nicht, dass sich eine Staubfluse in diesen Raum wagen durfte und schon gar nicht, wenn er Besuch von seinem Patenkind erwartete, Ianto nahm das sehr ernst.)

„Mama!“ Anwen stürmte in den Flur, ohne Onkel Jack die Chance zu geben, selbst zu öffnen. Sie hängte sich an die Türklinke und verschwand hinter der Tür, als sie aufschwang.

Gwen sah sich einen Moment lang verblüfft in dem leer wirkenden Flur um, dann lächelte sie, zog die Tür zu und ihre Tochter dahinter hervor. „Hi, mein Schatz. Hattest du einen schönen Besuch mit Onkel Jack?“

Anwen nickte. „Wir haben gespielt. Ich habe gewonnen“, verkündete sie stolz.

„Daran habe ich keine Zweifel.“ Gwen strich ihrer Tochter über die Haare. „Jack, versteckst du dich, weil du verloren hast?“, rief sie lachend und wandte sich dann wieder an Anwen. „Zieh schon einmal deine Schuhe an, Daddy wartet mit dem Essen auf uns. Wo ist deine Jacke?“

Anwen zuckte mit den Schultern.

„Ich war auf Hasenjagd“, meinte Jack mit einem Grinsen, als er zu Gwen trat, Anwens Rucksack in der Hand. „Ich fürchte, Bunny hat sich verlaufen.“

„Bunny ist ein Kaninchen“, korrigierte Anwen, die auf dem Boden saß und ihre Stiefel anzog.

„Entschuldigung. Natürlich war ich auf Kaninchenjagd.“ Jack zwinkerte dem kleinen Mädchen zu. „Ich habe ihn noch nicht gefunden.“

„Bunny ist ein Mädchen. Wie ich“, berichtigte ihn Anwen sofort. Sie war fertig damit, ihre Stiefel anzuziehen.

„Dann bringt Onkel Jack mir eben Bunny morgen mit in die Arbeit und ich bringe sie dir abends mit nach Hause“, schlug Gwen vor, praktisch denkend. „Wo ist deine Jacke, Schatz?“

Jack sah sich um, hatte er jetzt auch noch Anwens Jacke verloren? Sollte Ianto… nein, wieso auch. Aber der Gedanke an den Waliser erinnerte ihn an etwas anderes.  „Oh, ich weiß wieder, die ist im Schlafzimmer.“

Bevor Jack sich umdrehen konnte, war Anwen schon auf dem Absatz herumgewirbelt und riss die Schlafzimmertür auf. Einen Moment später tauchte sie mit ihrem kleinen, leuchtend pinkfarbenen Anorak auf und hielt ihn Jack hin, der ihr hinein half.

Sie sah zu ihm auf, die dunklen Augen weit und glänzend mit Neugier. „Onkel Jack? Wer ist der Mann?“, fragte sie.

„Welcher Mann?“, echote Gwen neben ihm erstaunt. Sie sah von ihrer Tochter zu Jack. Obwohl sie nie darüber gesprochen hatten, war Gwen davon ausgegangen, dass Jack alleine war, wenn Anwen ihn besuchen kam. Es war nicht so, dass sie sich in sein Privatleben einmischen wollte und sie wäre nur froh darüber gewesen, zu wissen, dass er nicht alleine war. Aber seit Iantos Tod hatte Jack nie auch nur den Anschein erweckt, an einer längerfristigen, festen Beziehung interessiert zu sein und Gwen wollte vermeiden, dass ihre Tochter sich an jemanden gewöhnte, der vielleicht schon zwei Wochen später keine Rolle mehr spielte. Kinder brauchten feste Bezugspersonen und in ihrem Alter verstand sie das nicht, wenn jemand plötzlich nicht mehr da war.

Andererseits gab es keine Anzeichen dafür, dass außer Jack hier jemand wohnte, zumindest nicht in Wohnzimmer oder Flur. Normalerweise hatte sie keinen Grund, Jacks Schlafzimmer zu betreten und sie war auch nicht dazu eingeladen worden… Die Zeiten, in denen sie mit Owen und Tosh über Jacks Liebesleben spekuliert hatte, ohne zu ahnen, dass ausgerechnet der zurückhaltende Ianto… Sie seufzte. Das war vorüber.

Seltsam nur, dass Jack schweig. Kein flotter Spruch, kein Scherz, er starrte Anwen nur an als hätte sie einen Geist gesehen.

„Aber Jack!“ Gwen gab ihrer Stimme den Klang gespielten Schocks, als sie ihn leicht mit dem Ellbogen anstieß. „Versteckst du etwa einen Liebhaber in deinem Kleiderschrank?“

Jetzt sah Jack sie mit diesem Blick an, diesem Reh-im-Scheinwerfer-Blick, den sie von ihm nie erwartet hätte!

„Es ist niemand hier“, meinte er schließlich und wandte sich Anwen zu, um ihr beim Schließen den Reißverschlusses zu helfen. „Niemand.“

Vielleicht hätte Gwen ihm geglaubt - und nichts weiter darauf gegeben – wäre da nicht dieses zweite „niemand“ gewesen. Und dieser ertappte Ausdruck in seinem Gesicht.

„Der Mann auf dem Bett“, beharrte Anwen. „Er hat ein Buch gelesen.“

Gwen runzelte die Stirn – und trat dann kurzentschlossen an Jack vorbei, um die Schlafzimmertür aufzustoßen. Natürlich war da... niemand. Es war ordentlicher und freundlicher eingerichtet, als sie sich vorgestellt hätte, aber das war es auch schon. Auf dem Bett lag tatsächlich ein Buch. Doch nur Bunny saß auf der perfekt glattgestrichenen Tagesdecke und blickte sie treuherzig an, ein Ohr umgeknickt. Sie nahm das Kuscheltier und verließ den Raum. „Schaut mal, was ich gefunden habe!“ Gwen steckte Bunny in Anwens Rucksack, schnürte ihn so zu, dass das Plüschtier heraus sehen konnte und hob ihn hoch, um ihn sich über den Arm zu hängen. „Jetzt müssen wir uns aber wirklich beeilen. Anwen, bedank‘ dich bei Onkel Jack.“

„Danke, Onkel Jack“ kam es brav von Anwen, doch ihr Blick glitt wieder zur Schlafzimmertür und sie zog die Augenbrauen zusammen. Etwas, dass sie sich auch von Gwen abgesehen hatten. „Bye-bye, Onkel Jack.“

„Bye-bye, Prinzessin“, erwiderte Jack und strich ihr über die Haare. „Gib deinem Vater einen Kuss von mir.“ Er hielt ihr die Wohnungstür auf.

„Ich werde Rhys erzählen, dass du das gesagt hast“, bemerkte Gwen trocken. „Wir sehen uns morgen früh, ja?“ Sie sah ihn einen Moment lang an. „Wenn es irgendetwas gibt, worüber du sprechen willst, Jack… ich habe immer Zeit für dich, okay?“

„Danke, Gwen. Es ist alles bestens“, erwiderte Jack mit einem Lächeln. „Deine Tochter wartet. Und das Abendessen.“

„Das nächste Mal kommst du zu uns. Rhys freut sich immer, wenn er für Gäste kochen kann.“ Gwen drückte seinen Arm und folgte Anwen, die vom Treppenhaus aus ungeduldig nach ihr rief.

Jack schloss die Tür hinter ihr und lehnte sich einen Augenblick dagegen. „Ianto?“ Keine Antwort. Er stieß sich ab und warf einen Blick ins Schlafzimmer. Kein Ianto. Blieben Küche oder Wohnzimmer… Er hoffte, sein Geliebter hatte nicht beschlossen, sich zurück zu ziehen, in die Ruine des Hubs oder wo immer auch sonst er Zeit verbrachte, wenn er nicht bei Jack war.

Er hatte Glück. Ianto stand am Küchenfenster und sah hinaus in die einbrechende Dunkelheit. Jack trat hinter ihn, schlang die Arme um seine Taille und presste einen Kuss in Iantos Nacken.

„Es tut mir leid“, meinte der junge Waliser nach einer Weile. „Ich dachte, im Schlafzimmer wäre ich aus dem Weg.“ Er war in ein Buch vertieft gewesen, mit einem Ohr auf Anwens Lachen und Jacks amüsierte Stimme lauschend. Auf den Kinderanorak auf dem Stuhl neben der Tür achtete er nicht. Oder auf das Kuscheltier, das daneben auf dem Boden lag. Als Anwen plötzlich vor ihm stand, verharrte er reglos. Das Mädchen schien ihn direkt anzusehen, aber wie sollte das gehen? Als sie ihre Jacke nahm und den Raum wieder verließ, atmete er zuerst auf – bis er ihre klare Stimme hörte, die nach dem Mann im Schlafzimmer fragte.

„Du hast nichts falsch gemacht.“ Jack musterte ihre Reflektion in der Fensterscheibe. „Ich  verstehe nicht, wie sie dich sehen konnte. Daniels ist letzte Woche in meinem Büro direkt vor dir stehen geblieben und er hat nichts bemerkt.“

Ianto lachte leise. „Du erwartest jetzt aber nicht wirklich eine rationale Erklärung dafür von mir, oder?“ Er legte den Kopf in den Nacken, gegen Jacks Schulter und als seine Wange Jacks Haut berührte, fühlte es sich an, als würde ein Stromkreis geschlossen. Es kribbelte und das Blau seiner Iris wurde von einem goldenen Schimmern ersetzt. „Was machen wir jetzt?“, fragte er, die Augen schließend.

„Abwarten.“ Jack beobachtete ihn. „Vielleicht vergisst Gwen das Ganze. Oder tut es als ein Fantasieprodukt ihrer Tochter ab. Und wenn nicht...“ Er zuckte mit einer Schulter. „Es war bisher einfach nie der richtige Zeitpunkt, ihr von dir zu erzählen. Ich bin bereit, das zu ändern. Glaubst du nicht, sie würde sich freuen, dass du bei mir bist? Dass Tosh und Owen hier sind?“

„Falls sie dir glaubt.“ Ianto hob den Kopf und drehte ihn, um Jack anzusehen. „Erinnere dich daran, wie lange es gedauert hat, bis ich dich davon überzeugen konnte, dass ich keine Halluzination bin.“

„Nur, weil ich nicht glauben konnte, so viel Glück zu haben.“ Er drehte Ianto zu sich herum. „Wenn es dich stört, dann halte ich den Mund.“

„Ich mache mir keine Sorgen um mich.“ Ianto schob die Finger unter Jacks Hosenträger. „Bring es ihr nur schonend bei, ja? Und vielleicht nicht während eines Alarms.“

Jack grinste. „Soll ich sie zu einem romantischen Abendessen einladen? Aber wie erklären wir das Rhys?“

Ianto gab ihm einen Klaps auf den Brustkorb. „Ein ganz unromantisches Mittagessen tut es sicherlich auch.“

„Und das soll Spaß machen?“ Jack seufzte übertrieben. „Nun gut. Unter der Voraussetzung, dass du mich zu einem romantischen Abendessen einlädst. Jetzt gleich.“

Ianto lächelte. „Wenn du es kochst.“

„Pizza okay?“ Jack zog ihn enger an sich. „Und als Vorspeise...“ Er beugte sich vor und küsste ihn.


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„Mama?“ Anwen stopfte Bunny zwischen ihr Kissen und die Wand, damit das abenteuerlustige Kaninchen nicht nochmal verschwinden konnte.

„Das war wirklich die letzte Geschichte für heute. Du musst schlafen.“ Gwen sammelte die Kleidung ihrer Tochter auf und steckte sie in den Wäschekorb.

„Ich weiß, wer der Mann war.“ Anwen kuschelte sich in ihr Kissen.

„Welcher Mann, Schatz?“, fragte Gwen etwas abgelenkt. Sie überlegte, ob sie die Wäsche noch einen Tag liegen lassen konnte. Vielleicht würde Rhys…

„In Onkel Jacks Bett.“

Das brachte Anwen die volle Aufmerksamkeit ihrer Mutter ein. Gwen ließ den Wäschekorb stehen und setzte sich auf die Bettkante. „Liebes, da war kein Mann. Ich habe nachgesehen. Nur Bunny saß auf dem Bett.“

„Er hat gelesen“, beharrte Anwen, eine Schnute ziehend. „Es war der Mann auf dem Foto. Im Wohnzimmer.“

„Onkel Jacks Wohnzimmer?“, erkundigte sich Gwen. Von wem Anwen wohl die lebhafte Fantasie hatte…

„In unserem.“ Anwen setzte sich auf.

„Wir haben viele Fotos in unserem Wohnzimmer.“ Gwen zupfte am Pyjama ihrer Tochter. „Wenn du dir das nur ausgedacht hast, um noch nicht schlafen gehen zu müssen...“

„Über dem Elefant.“

Über dem Elefant? Ja, natürlich. Das Hochzeitsgeschenk von einer von Rhys‘ Tanten. Eine scheußliche Porzellanfigur, an der aber ihr Mann einen Narren gefressen hatte. Dort standen einige Fotos. Von Freunden, von… Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Von Tosh, Owen und Ianto. Ohne Erklärung stand sie auf, ging ins Wohnzimmer – Rhys‘ Frage, was in sie gefahren war, ignorierend – und nahm Iantos Foto vom Regal. Natürlich. Anwen hatte in Jacks Wohnung ein Foto von Ianto gesehen und sich irgendwie zurecht gesponnen, dass sie ihn tatsächlich dort gesehen hatte.

Zurück im Zimmer ihrer Tochter nahm sie wieder auf der Bettkante Platz und zeigte ihr das Foto. „Ist das der Mann, den du meinst?“

Anwen nickte. „Ganz bestimmt.“

„Das kann nicht sein, Anwen. Dieser Mann – Ianto war sein Name – wohnt nicht mehr bei Onkel Jack.“ Sie würde sicher nicht versuchen, einer Vierjährigen zu erklären versuchen, was es bedeutete, wenn ein Mensch starb.

„Vielleicht hat er ihn besucht. Wie ich.“ Nur widerwillig schlüpfte Anwen zurück unter die Decke, die ihre Mutter hochhielt.

„Nein, Schatz. Das hat er ganz sicher nicht.“ Gwen deckte sie zu, strich ihr die Haare aus der Stirn und gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss. „Und jetzt wird ganz schnell geschlafen. Sonst kannst du morgen gar nicht richtig mit deinen Freunden in der Vorschule spielen.“ Sie stand auf. „Hab dich lieb, meine Süße. Gute Nacht.“

„Kann Daddy auch Gute Nacht sagen?“

„Natürlich. Daddy kommt gleich.“ Gwen zog die Tür hinter sich bis auf einen Spalt zu und ging ins Wohnzimmer, um Rhys vom Fernseher loszueisen.

Während ihr Mann in Anwens Zimmer verschwand, stellte Gwen Iantos Foto zurück aufs Regal. Sie strich mit dem Finger den Rahmen entlang. Es war eine der seltenen Aufnahmen, auf denen Ianto nicht ernst in die Kamera blickte, sondern entspannt lächelte. Wie kam ihre Tochter nur auf die Idee, dass sie ihn in Jacks Schlafzimmer gesehen hat. Einen Mann, der gestorben war, bevor Anwen überhaupt auf der Welt war?

Sie schüttelte den Kopf und ging in die Küche, wo noch Töpfe und Teller vom Abendessen darauf warteten, in die Spülmaschine zu wandern.

Sollte sie Jack darauf ansprechen? Aber wozu alte Wunden aufreißen…


Ende (tbc)