Titel: Auf den Hund gekommen
Autor: Lady Charena (Januar 2016)
Fandom: Torchwood
Episode: Staffel 2
Wörter: 3484
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Team erwähnt
Pairing: Jack/Ianto
Rating: pg12, slash

Summe: Wie es aussieht, hat es im Hub wieder mal ein Artefakt-Malheur gegeben…

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Als Jack zurückkam, war Ruhe im Hub eingekehrt.

Die Lichter waren gedämpft, die Arbeitsstationen heruntergefahren und Geräusche, die sonst von Stimmen, Schritten und dem Summen der Anlagen verdeckt wurden, traten eher in den Vordergrund. Sie waren Jack so vertraut wie sein eigener Herzschlag.

Gut, wie es aussah, war der Rest des Teams seinem Rat gefolgt und nach Hause gegangen. Nach einer besonders aktiven Phase des Rifts, die sie fast zweiundsiebzig Stunden in Atem gehalten hatte, gab es laut den Überwachungsmonitoren eine Pause, die fast ebenso lange anhalten sollte. Selbst nach all den Jahren in Cardiff und mit Torchwood wusste Jack im Grunde nicht sehr viel mehr über die Mechanismen des Rifts, wie zu den Zeiten von Alice Guppy und Emily Holroyd bekannt war. Es blieb ihnen nicht viel anderes zu tun, als wachsam zu sein und zu reagieren.

Allerdings war da eine Person, von der Jack wirklich hoffte, dass sie sich noch in der Nähe aufhielt. Nicht, dass Ianto nicht ebenfalls eine Pause benötigte, oder sie nicht verdiente, aber Jack hoffte wirklich, dass der junge Waliser beschlossen hatte, noch ein wenig länger zu bleiben und vielleicht auf ihn zu warten.

Eine der Änderungen, die das Team während seiner… Abwesenheit mit dem Doctor… vornahm, war zwei der vielen leer stehenden Räume in den unteren Ebenen zu wohnlichen Zimmern umzubauen. Jedes mit Möbeln, einem Bett und sogar einem vollausgestatteten Badezimmer, in denen sie Besucher unterbringen konnten oder während einer hektischen Phase ein paar Stunden Schlaf einlegen.

Tosh und Owen zogen die Privatheit ihrer jeweiligen Wohnungen vor und Gwen wollte natürlich nach Hause und ihre Freizeit mit ihrer besseren Hälfte Rhys verbringen, während Jack nur selten schlief und wenn, dann in der klaustrophobischen Geborgenheit seines Bunkers - so war es eigentlich nur der Waliser, der sich dort mit so etwas wie Regelmäßigkeit aufhielt.

Manchmal um zu schlafen, wenn Ianto bis tief in die Nacht in den Archiven gearbeitet hatte, und es unverantwortlich gewesen wäre, ihn in seinem Zustand hinter das Steuer seines Wagens zu lassen. Manchmal, weil es einen kranken, verletzten oder sonst empfindlichen Besucher im Hub gab, der konstante Betreuung benötigte – was eindeutig nicht zu Owens Stärken gehörte, außer ihn faszinierte etwas besonders.

Aber weitaus häufiger (auch wenn Jack dies nicht merken sollte, wie ihm wohl bewusst war) um einfach für ihn da zu sein. Zugegeben, Iantos Wohnung bot mehr Platz und hatte den Vorteil großer Fenster, durch die Tageslicht trat – nicht zu unterschätzen, wenn man viel Zeit unter der Erde arbeitete - aber Jack fand es schwierig, den Hub sich selbst zu überlassen. Also blieb Ianto ebenfalls dort. Entgegen der phantasievollen Vermutungen ihrer Freunde verbrachten sie nicht jede freie Minute mit wildem Sex, sobald sie alleine waren. Sie benötigten beide ihre Freiräume und es stand Jack nicht immer ein Dach zur Verfügung, auf dem er brüten konnte.

So hoffte Jack wirklich, dass Ianto beschlossen hatte, zu bleiben. Vielleicht lag er bereits im Bett – und es würde ihn sicher nicht stören, sollte Jack zu ihm unter die Decke schlüpfen. Falls der junge Waliser bereits schlief, würde er ihn nicht wecken. Er war alt genug, um gelernt zu haben, dass es Dinge gab, auf die es sich zu warten lohnte. Und ein ausgeruhter Ianto war Annäherungsversuchen gegenüber wesentlich aufgeschlossener. Vielleicht würde er sogar selbst ein wenig Schlaf finden. Es schien dieser Tage unmöglicher als für ihn normal war und Alpträume waren ihm nie fern. Nicht alleine zu schlafen machte es etwas leichter…

Jack zog den Mantel aus und schüttelte ihn etwas, um zumindest einen Teil der Nässe abzustreifen. Er hatte die (vorerst) letzte Meldung eines Riftvorfalls alleine untersucht, aber nichts gefunden und auf dem Rückweg hatte es begonnen zu regnen. Er hängte ihn zum Trocknen über einen leeren Arbeitsplatz und machte sich auf die Suche nach Ianto.

Da kein Licht in seinem Büro brannte, ging er davon aus, dass er Ianto dort nicht finden würde. Der jüngere Mann schlief gelegentlich auf dem schmalen Bett im Bunker, nachdem sie dort Sex hatten, aber nie bei geschlossener Zugangsluke und ohne Licht. Es benötigte einiges, um aus dem Waliser heraus zu bekommen, wieso er es vorzog, zu verschwinden, bevor der Schweiß auf ihrer Haut richtig trocknete. Das zweifelhafte Dekor eines Raumes war da leichter zu verschmerzen als der Gedanke, dass sein Liebhaber insgeheim Widerwillen oder Zweifel hegte.

Wo dann… In seinem Büro in den Archiven? Es gab immer etwas zu tun in den Labyrinth-ähnlichen Räumen, in denen Torchwoods Artefakte lagerten und das gesammelte Wissen aus mehr als einhundert Jahren verwahrt wurde. Im Grunde gab es dort genug Arbeit für ein komplettes Team aus Archivaren, so wie es in vergangenen Tagen gehandhabt wurde. Etwas, über das er bei Gelegenheit nachdenken sollte – das Team zu vergrößern – aber nicht unbedingt heute Abend.

Jack aktivierte die Scanner-Funktion seines Wriststraps und suchte nach Lebensformen in der Nähe. Es kamen zu viele Signale zurück, die meisten davon auf die Zellen in den Vaults konzentriert. Er warf einen Blick auf die Uhr. Die nächsten Fütterungen standen erst am Morgen an und es gab keine Notfälle, die der besonderen Beobachtung bedurften, so war es eher unwahrscheinlich, dass Ianto sich jetzt dort aufhielt. Die viktorianischen Mauern des Hubs verursachten gelegentlich auch futuristischer – darüber hinaus beschädigter – Technologie Probleme, so dass er die Suche nicht auf Iantos Biomuster einschränken konnte.

Dann zurück zur Suche auf die gute altmodische Art – bedauerlicherweise wusste Ianto nichts davon oder sie hätten es in die Vorspiel-Variante von Versteckenspielen verwandeln können... Aber bevor Jack mehr als einen Schritt getan hatte, ließ ihn ein metallisches Scheppern aufhorchen. Es war nicht besonders laut, aber selbst leise Geräusche hallten gelegentlich von verwinkelten Ecken und Kurven der inneren Strukturen und den Wänden selbst zurück und echoten durch den höhlengleichen Hauptraum.

Trotzdem war er sich ziemlich sicher, aus welcher Richtung das Geräusch gekommen war. Und sie klang vielversprechend. Vielleicht fand er dort neben einem jungen Waliser auch eine Tasse Kaffee…

„Hey, hier hast du dich also versteckt!“, rief Jack, als er die Metallstufen zur Küchennische nahm. Allerdings fand sich auch hier leider kein junger Mann im Anzug. Es handelte sich nicht einmal um einen Mann, um genau zu sein.

Es war ein Hund.

Ein kleiner, weißer Hund mit braunen Flecken auf dem Rücken, einem kurzen Schwanz und Knickohren, der an einem kleinen Häufchen blauer Scherben auf dem Boden herum schnüffelte.

Die Neugier über den unerwarteten Gast überwog die Enttäuschung darüber, nicht den Gesuchten gefunden zu haben. Jack lehnte sich gegen die Balustrade zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hast Glück, dass wir Myfanwy heute noch nicht zu ihrer abendlichen Runde freigelassen haben“, meinte er.

Der Hund hob den Kopf und beobachtete ihn – er blieb natürlich eine Antwort schuldig. Außer man deutete ein zögerliches Schwanzwedeln als solche. Ohne den Blick von Jack abzuwenden, wich der Vierbeiner ein Stückchen zurück, tiefer in die von Wand und Küchenzeile gebildete Ecke. Dabei gab er acht, nicht in die Scherben zu treten.

Jack versuchte sich an die exakten Einstellungen der Biosensoren des Hubs zu erinnern. Hätte der Eindringling nicht eigentlich Alarm auslösen müssen? Es gab ein gelegentliches Rattenproblem in den Ebenen, die mit der Außenwelt durch die Kanalisation verbunden waren und die kleinen Biester fanden wirklich immer einen Weg. Tosh hatte das Sensor-Netz, dass sie vor unerwünschten Besuchern schützen sollte und das in den Neunzehnhundertvierzigern von einem Tierarzt namens Louis erfunden wurde – weiterentwickelt und soweit verfeinert, dass sie sprichwörtlich die Flöhe husten hören sollten. Eine Theorie, die sie bisher allerdings nicht hatten testen können. Wenn jetzt allerdings schon ein Tier von der Größe eines Hundes unbemerkt in den Hub eindringen konnte, stand eine gründliche Wartung an.

Der Hund setzte sich auf sein Hinterteil. Er saß ganz still und schien abzuwarten, was Jack als nächstes tun würde. Nur seine Ohren zuckten gelegentlich.

„Ich wette, du bist hungrig“, fuhr Jack fort, die Stimme zu einem beruhigenden Murmeln gesenkt. „Und wenn wir beide Glück haben, dann findet sich irgendetwas Essbares im Kühlschrank. So, wenn du also davon absehen könntest, zumindest für den Moment, mir an die Gurgel zu gehen, wenn ich näher komme, dann kann ich nachsehen. Okay? Sind wir uns einig? Ich muss dich aber warnen, wenn Ianto dich hier findet, sind wir beide in großen Schwierigkeiten. Er hält viel von Hygiene. Ich musste eine halbe Stunde putzen, als wir das letzten Mal hier… aber ich glaube, dafür bist du noch zu klein.“ Jack grinste. Irgendwie hatte er den Eindruck, als würde ihm das Tier ganz genau zuhören. Vielleicht konnte Torchwood ein zweites, inoffizielles Maskottchen gebrauchen, eines das etwas weniger ungewöhnlich war, als ein prähistorischer Flugsaurier. Trotzdem würden sie natürlich versuchen, seinen Besitzer zu finden. Konnte schwierig werden, er trug kein Halsband. Das würde er Gwen überlassen. Sie war gut in so was.

Jack machte einen Schritt vorwärts und der Hund winselte leise. „Keine Angst, ich werde dir nicht wehtun“, sagte er besänftigend. Scherben knirschten unter seinem Schuh. Er räumte die besser weg, bevor sich noch jemand verletzte.

Wieder gab der Hund ein leises Winseln von sich. Aber er versucht nicht, wegzulaufen oder Jack anzugreifen. Er duckte sich, als versuche er sich noch kleiner zu machen und beobachtete ihn aufmerksam.

„Okay, okay.“ Jack hob beide Hände und trat einen Schritt zurück. „So kommen wir aber nicht weiter.“ Er wollte auch nicht riskieren das Tier zu verscheuchen, wer wusste wo es sich dann verkroch. Der Hub war ein gefährlicher Ort. Irgendwie musste er das Vertrauen ihres unerwarteten Gastes gewinnen. Vielleicht befand sich etwas in seinem Büro, das er an ihn verfüttern konnte. Es sollte noch eine halbe Packung Kekse – der Notfallvorrat – in einer Schublade seines Schreibtisches sein, die er zu opfern bereit war.

Aber bevor Jack sich auf den Rückweg machte, entrollte sich der kleine Hund aus seiner zusammengekauerten Haltung. Er schüttelte sich, als wäre er eben dem Regen entkommen und gab ein Geräusch von sich, das wie ein Niesen klang, wirkte aber sehr viel entspannter.

Hmh. Musste sein Charme sein, der mit einiger Verspätung doch noch anschlug. Exakt. Nichts und niemand widerstand lange Jack Harkness.

Vierbeiner und Zweibeiner musterten sich noch ein wenig länger, dann wandte sich der Hund ab und tat etwas, dass Jack überraschte. Er machte einen Schritt zur Seite, trat auf das kleine Pedal und steckte die Nase in den Mülleimer, als sich der Deckel öffnete. Das Zufallen eben dieses Deckels musste Jack vorhin gehört haben.

So etwas hatte Jack noch nie bei einem Hund gesehen.

Clever.

Auffällig clever.

Verdächtig clever?

Aber nichts deutete darauf hin, dass es sich um etwas anderes als einen ganz gewöhnlichen, irdischen Hund handelte. Anderenfalls hätten wirklich die Alarmsirenen geheult. „Hey, komm da weg. Da ist nur alter Kaffeesatz drin. Wenn Ianto…“ Jack brach ab. Er hatte keine Ahnung, woher der Gedanke kam, aber als er erst einmal da war, konnte er ihn nicht mehr so leicht abschütteln. Die blauen Glasscherben auf dem Boden. Das Geschirr im Hub war weiß und alle Gläser farblos. Was genau war da zerbrochen? Und da war die auffällige Abwesenheit des jungen Walisers. Wo steckte Ianto?

Außer… Jacks Blick glitt zu dem Hund, der vom Mülleimer abgelassen und sich neben die Scherben gesetzt hatte, als versuche er ihm etwas mitzuteilen.

Es konnte doch nicht sein…?

Aber es war zuvor passiert.

Zugegeben, nicht ihm persönlich. Aber ein paar Agenten mit, denen er zusammengearbeitet hatte. Die, die so etwas überlebten – falls so eine… Modifikation… rückgängig gemacht werden konnte – waren nie wieder wirklich wie zuvor, ihre mentale Gesundheit unweigerlich zerrüttet.

Jack erinnerte sich nicht an ein Artefakt aus blauem Glas, aber sie hatten so viele Vorfälle in den letzten Tagen untersucht, dass er nicht alles gesehen hatte. Zumal sie wegen der knappen Zeit auch gelegentlich getrennt unterwegs gewesen waren. Vielleicht hatte jemand ein vermeintlich harmloses Artefakt in der Küche liegen lassen und Ianto es beim Versuch Ordnung zu schaffen aus Versehen zerstört?

Er sah nach unten, als sich der Hund plötzlich an sein Bein presste. Jack ging in die Hocke und sah in Augen, die ihm plötzlich sehr intelligent vorkamen. Aber es konnte nicht sein. Oder? „Ianto?“, fragte Jack zögernd. Er hob die Hand und der Hund presste mit einem leisen Winseln eine kalte, feuchte Nase gegen seine Handfläche, wedelte mit dem Schwanz.

Oh.

Das war ein… Problem.

Vorsichtig stand er auf, hob… den Hund… - er weigerte sich, es zu denken – hoch und trug ihn in sein Büro. Das Licht ging sensorgesteuert an, als er die Tür öffnete. Sein neuer Freund steckte die Schnauze zwischen Jacks Arm und der Seite seines Körpers hindurch. Er wand sich in Jacks Griff.

„Moment. Halt still.“ Jack setzte ihn auf der Couch ab. Über der Rücklehne lag Iantos Jackett, ordentlich, damit es keine Knitterfalten bekam. Und sorgfältig darüber gebreitet, die Krawatte, die er getragen hatte, als Jack ihn das letzte Mal zu Gesicht bekam.

Oft, wenn er diese Kombination vorfand, bedeutete es, dass Ianto beschlossen hatte, dass er mit der Arbeit fertig war. Und sich nun sozusagen privat hier aufhielt. Dann standen die Chancen gut, dass Jack ihn mit wenig Mühe dazu überreden konnte, noch ein wenig privater zu werden… Büros hatten etwas an sich…

Andererseits musste es überhaupt nichts in der Art bedeuten. Ianto war ein ordentlicher Mensch und hasste es, sich schmutzig zu machen, wenn er es vermeiden konnte. Es hieß nicht, dass er seine Kleidung abgelegt hatte, beschloss sich einen Feierabendkaffee zu machen, in der Küchenecke ein unbekanntes Artefakt fand, es anfasste, es zerbrach und er daraufhin in einen Hund verwandelt wurde!

Jack ließ sich schwer auf die Couch fallen und sah zu, wie eine Hundenase die Krawatte ausschnüffelte. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Natürlich.

Nachdem er sich zweimal um die eigene Achse gedreht hatte, legte der Hund mit einem Seufzen den Kopf auf die Vorderbeine und sah ihn aus großen feuchten Augen an.

Jack streckte die Hand aus, streichelte die braunen Knickohren und das weiche Fell. „Keine Angst, wir finden heraus wie das passiert ist und wie wir das wieder in Ordnung bringen, Ianto. Ich verspreche dir, es wird alles gut. Wir müssen nur herausfinden… was du angefasst hast. Oder…“

„Du solltest wirklich besser wissen, dass ich nichts anfasse, ohne vorher entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen“, erwiderte Ianto.

Aber die Stimme war nicht aus dem Hundekörper gekommen, sondern von dem Mann, der hinter ihm stand und irritiert die Szene betrachtete, als Jack aufsprang und sich umdrehte.

„Jack, was macht dieser Hund auf der Couch?“, fragte Ianto. „Ist das ein Streuner? Er sieht nicht besonders sauber aus.“

„Wo warst du?“ Jack sah zwischen dem Hund und dem jungen Waliser hin und her.

Der Hund setzte sich auf und kratzte sich gleichgültig.

Ianto zog die Augenbrauen leicht hoch. „Einkaufen.“ Zur Verdeutlichung hielt er eine Plastiktüte mit dem Aufdruck eines Supermarktes hoch. „Wir haben nichts mehr zu essen da. Außerdem war ich zu aufgedreht, um sofort schlafen zu gehen, ich dachte es tut mir gut, ein paar Schritte an der frischen Luft zu machen.“

Irritiert stemmte Jack die Hände in die Hüften. Hatte er sich hier eben ganz gewaltig zum Narren gemacht? „Warum hast du nichts gesagt?“

„Ich habe dir einen Zettel geschrieben“, erwiderte Ianto betont ruhig. Er deutete auf ein gelbes Post-it an der Außenseite der Tür.

Oh. Den hatte Jack glatt übersehen. „Du hättest mich anrufen können.“

Schweigend deutete Ianto auf den Schreibtisch, auf dem Jacks Handy lag. Und das, wo er seinem Team doch beständig eintrichterte, immer erreichbar zu sein.

O-okay. Vielleicht war er doch ein kleines wenig überarbeitet. Eine kühle Nase bohrte sich in seine Hand, presste gegen seine Handfläche. Und hier war der wahre Übeltäter!

„Wieso hast du gedacht, ich wäre ein Hund?“, fragte Ianto. „Und ich bin wirklich gespannt auf deine Erklärung.“

„Er mochte deine Krawatte“, entgegnete Jack, als verstände sich das ja wohl von selbst.

Iantos Augenbrauen schossen fast bis zum Haaransatz hoch. „Er mochte meine Krawatte?“, wiederholte er verblüfft.

„Du hast sie hiergelassen.“

„Um einkaufen zu gehen!“ Ianto deutete auf die Couch. „Platz!“, sagte er. „Alle beide. Und dann will ich von Anfang an wissen, was hier passiert ist.“ Er stellte die Tüte auf dem Schreibtisch ab und lehnte sich dagegen, die Arme vor der Brust verschränkt.

Jack sackte zurück auf die Couch. Nach einem Moment machte der Hund einen Satz und setzte sich neben ihn. Beide richteten den Blick auf Ianto und beide machten einen leicht bedröppelten Eindruck auf den Waliser.

Drei Minuten später war Ianto auf dem neuesten Stand der Ereignisse vor seiner Ankunft und kämpfte sichtlich mit dem Drang zu lachen. Jack kämpfte sichtlich mit dem Drang zu schmollen. Der Hund enthielt sich sämtlicher Äußerungen bis auf ein Gähnen.

„Was ich nicht weiß, ist wie er in den Hub gekommen ist und woher die blauen Scherben in der Küche stammen“, meinte Jack nachdenklich.

„Bestimmt ist er über die Garage in den Hub gekommen. Ich sage dir schon seit einer Weile, dass das Tor kaputt ist. Es schließt erst nach ein oder zwei Minuten. Lange genug für alle möglichen Neugierigen, herein zu spazieren. Vielleicht hat er nur ein trockenes Plätzchen gesucht und sich bis hierher…“ - es zuckte wieder amüsiert um Iantos Lippen – „…durchgeschnüffelt.“

Jack stand auf. „Und die Glasscherben?“

„Blaue Scherben? Das muss die Vase gewesen sein, die Gwen gestern als Geschenk gekauft hat. Sie muss sie vergessen haben. Bevor sie nach Hause gegangen ist, hat sie noch einen Fleck von ihrer Jacke gewaschen.“

„Ich bin wirklich erleichtert, dass sich das geklärt hat.“ Jack hakte einen Arm um Iantos Nacken und küsste ihn. „Ich habe eine brillante Idee.“

„Nein, Jack. Wir behalten den Hund nicht als Maskottchen“, erwiderte Ianto streng. „Bestimmt sucht ihn schon jemand.“

„Das wollte ich überhaupt nicht vorschlagen“, erwiderte Jack rasch. „Ich denke, du solltest unserem Gast die Sandwiches überlassen, während ich dich zum Essen einlade. Wohin du willst. Es ist noch nicht so spät. Wir machen uns eine schöne Nacht in deiner Wohnung. Das haben wir uns verdient.“

Ianto musterte ihn überrascht. „Auch wenn du eine Krawatte tragen musst, um eingelassen zu werden?“, erwiderte er mit einem Lächeln. „Vorsicht, was du versprichst.“

„Sogar dann“, bestätigte Jack. „Okay?“

„Okay.“ Ianto tippte gegen Jacks Hosenträger. „Warum ziehst du dich nicht rasch um, während ich hier Ordnung schaffe?“

„Ich bin in fünf Minuten zurück.“ Jack küsste ihn noch einmal und machte sich dann an der Luke zum Bunker zu schaffen. Seine saubere Kleidung war dort unten.

Ianto wandte sich dem Hund auf der Couch zu. „Meine Krawatte“, stellte er klar und nahm die Kleidungsstücke weg, bevor sie vollkommen mit Hundehaar – oder Schlimmerem – bedeckt sein würden. Er holte einen Pappteller voller Sandwiches aus der Tüte und wickelte die Folie ab. Dann stellte er ihn auf den Boden. „Komm mir aber bloß nicht auf Ideen“, murmelte er. „Es ist nur für eine Nacht.“

Der Hund ließ sich nicht zweimal bitte. Er sprang von der Couch, schnüffelte kurz an dem Teller und machte sich dann darüber her.

Bei den Tischmanieren wäre es wahrscheinlicher gewesen, zu vermuten, Jack wäre in einen Hund verwandelt worden. Mit einem Schaudern wandte Ianto sich ab, zog sein Handy aus der Hosentasche und verfasste eine Nachricht an Tosh. Sie würde als Erste im Hub sein und jemand musste mit dem Hund Gassi gehen. Vielleicht konnte sie auch gleich herausfinden, wem er gehörte. Hatten nicht inzwischen die meisten Haustiere einen Chip, über die man ihre Besitzer finden konnte, wenn sie verloren gingen?

Jacks Schritte auf der Metallleiter waren zu hören und gleich darauf tauchte sein Kopf in der Luke auf. „Fertig“, verkündete er mit einem Grinsen.

Ianto wischte ein paar Hundehaare von seiner Krawatte und band sie sich wieder um. „Ich auch.“ Er schlüpfte in sein Jackett. „Wir können gehen.“ Jack hielt ihm galant die Tür auf. „Warte, du hast die Scherben weggeräumt, oder?“

„Natürlich“, log Jack ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn er Ianto jetzt in die Küchennische ließ und er sich daran erinnerte, dass sich ja der Hund dort herumgetrieben hatte – sogar im Müll herumgeschnüffelt hatte - dann verbrachte sie den Rest der Nacht damit, alles zu schrubben und zu desinfizieren. Mit einem Grinsen hakte er ihn unter und führte Ianto rasch zum nächsten Ausgang zur Garage.

Nachdem auch der letzte Krümel vertilgt war, drehte der Hund eine Runde durch Jacks Büro. Schnüffelte unter dem Schreibtisch, wo es nach dem netten Mann, dem nicht so netten Mann (der ihn aber trotzdem gefüttert hatte) und vielen anderen Menschen roch - und nach merkwürdigen Dingen, wie er sie noch nie zuvor in seinem Hundeleben erschnüffelt hatte. Alles in allem eine sehr viel bessere Umgebung als der Abwasserkanal in dem er die letzte Nacht verbracht hatte. Dann kehrte er zur Couch zurück, ringelte sich darauf zufrieden zusammen und schlief sofort ein.



Ende