Titel: Im freien Fall
Autor: Lady Charena (September 2012)
Fandom: Torchwood
Episode: Staffel 2
Wörter: 1995
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Team erwähnt
Pairing: Jack/Ianto
Rating: ab 12, slash
Beta: T’Len

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.




Oh this is super real
You need to find a lot of energy
For me
No it don't come free
Cause it's the creme-de-la-creme
And it's all right

(Roisin Murphy – Modern Timing)




Ianto nahm eine Kurve – und zwei oder drei Stufen auf einmal – mit Schwung, verpasste jedoch den obersten Treppenabsatz oder vielleicht waren die schmutzigen Betonstufen aus irgendeinem Grund rutschig, denn plötzlich fand er sich rückwärts im freien Fall. Er griff nach dem rostigen Treppengeländer, doch das stoppte seinen Absturz nicht mehr, es bremste ihn nur ein wenig ab, als es sich mit einem müden Quietschen am unteren Ende von der Mauer trennte.

Der junge Waliser landete auf dem Treppenabsatz einige Meter tiefer auf dem Rücken, mit einem Aufprall der jeden einzelnen Knochen in seinem Körper zu erschüttern schien und ihm die Luft aus den Lungen presste. Benommen blieb er einen Moment liegen, wie eine Schildkröte, die sich nicht von alleine umdrehen konnte.

„Ianto?“ Jack tauchte neben ihm im Treppenhaus auf und ging in die Hocke. „Hey.“ Er legte die Hand an Iantos Wange, überspielte die Geste damit, dass er einen Schmutzfleck von seiner Haut wischte. „Es tut mir leid, aber wir haben keine Zeit für eine Pause“, versuchte er zu scherzen, doch sein Blick flog besorgt über den Körper des Jüngeren, suchte angespannt nach sichtbaren Verletzungen, nach Blut. Seine Hand glitt von Iantos Wange zu seinem Kopf; vorsichtige Finger tasteten seinen Hinterkopf ab und kamen glücklicherweise sauber zurück.

„Gib mir… nur eine Sekunde.“ Ianto holte tief Luft und stemmte sich hoch, bis er aufrecht saß. Sein Rücken und seine Beine schmerzten höllisch, aber er war fast davon überzeugt, dass er sich nichts gebrochen hatte. Er musste nur wieder zu Atem kommen und er war nicht sicher, ob er sich morgen würde bewegen können, wenn die Prellungen zum Vorschein kamen und seine Muskeln sich in Fossilien verwandelten, aber er war okay. Oder zumindest würde er es überleben. „Geh weiter. Ich… komme gleich… nach.“

Aber Jack blieb wo er war. „Owen? Gwen?“, fragte er stattdessen über die offene Comm-Verbindung. „Könnt ihr die Merkuanii sehen? Tosh, hast du sie irgendwo auf einem der Monitore?“

Ianto senkte den Kopf und versuchte auf die Antworten seiner Teamkollegen zu achten, doch er spürte eine Welle aus Schwindel und blanker, purer Erschöpfung wie kaltes Wasser über sich zusammenschlagen. Trotzdem rappelte er sich auf und kam taumelnd auf die Beine, nicht überrascht als Jack ihn stützte. Er konnte jetzt nicht schlapp machen, sie mussten die letzten beiden Merkuanii finden. Sie waren keine Opfer des Rifts, sie waren hier um die Erde auszukundschaften. Jack hatte von früheren Zusammenstößen mit ihnen berichtet, damals während er bei seiner mysteriösen Time-Agency beschäftigt gewesen war. Sie suchten sich Planeten, deren Technologie sich noch nicht zu einem Level wie ihre eigene Kultur entwickelt hatte und plünderten deren Ressourcen. Alle Ressourcen, Menschen eingeschlossen. Der Rift hatte das Scoutschiff nach Cardiff gelockt und da diese Sache einfach zu groß für Torchwood alleine war, hatten sie mit UNIT zusammen gearbeitet. UNIT hatte das Schiff und den größten Teil der Besatzung bereits weggeschafft, doch zwei Merkuanii waren ohne die anderen in Cardiff unterwegs gewesen und so entkommen. Toshs Scans hatten sie schließlich in einem verlassenen Fabrikgebäude am Stadtrand lokalisiert.

„Okay, wir haben ein paar Minuten“, wandte sich Jack an ihn. „Hast du dich verletzt?“

Ianto schüttelte den Kopf. „Ich bin nur müde. Wie wir alle. Machen wir weiter.“

„Wie viele Stunden hast du in den letzten drei Tagen geschlafen? Zehn?“ Jack lächelte, doch sein Lächeln wirkte angespannt und erreichte seine Augen nicht. „Du weißt doch, du sollst mir nicht immer alles nachmachen.“

„Versuch es mit fünf.“ Er war nicht schlafen gegangen, als Jack die anderen nach Hause schickte und es selbst übernahm, die Stadt mit Hilfe von CCTV und Scans nach den Merkuanii-Scouts zu durchsuchen. Stattdessen verbrachte er die Nächte damit, in den Archiven – in ihren eigenen, den aus London geretteten Daten, in den Aufzeichnungen von Torchwood House in Glasgow und selbst in UNITs Datenbanken - nach etwas zu suchen, das ihnen weiterhalf. Und vielleicht war es nicht nur die Dringlichkeit dieser neuen Krise, so kurz nach dem Auffliegen der Sleeper Cell und Beth, die ihn wachhielt. Vielleicht war es der Gedanke, Jack könnte wieder wortlos, spurlos und ohne Abschied verschwinden, wenn er ihm den Rücken zu wandte, der ihn dazu brachte literweise Kaffee zu trinken und Owens Vorrat an Energydrinks (der Arzt benutzte sie zur Bekämpfung seiner Kater) zu plündern, bis er anfing doppelt zu sehen und seine Muskeln in unwillkürliche Zuckungen verfielen.

„Ich denke, ich kann dir helfen.“ Jack drehte ihn so zu sich herum, dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen. „Okay? Vertraust du mir?“

Ianto nickte, obwohl sein Zögern fast greifbar zwischen ihnen hing.

Nicht, dass es Jack wunderte. Nach allem was passiert war, war das Vertrauen zwischen ihnen noch brüchig. Er wünschte, er könnte dem jungen Waliser die Wahrheit sagen. Wieso er seine Chance, den Doctor zu sprechen, nicht ungenutzt verstreichen lassen konnte. Dass er nie geplant hatte, länger als vielleicht ein paar Stunden weg zu sein… aber wie hätte er mit der Flucht der Tardis und dem Auftauchen eines wahnsinnigen Timelords rechnen können? Oder wieso er zurück gekommen war… Aber er fand nicht die richtigen Worte und so verging Tag für Tag und er musste Ianto auf Distanz halten, denn auch so entging den scharfen, blauen Augen nicht vieles. Zuerst musste er selbst mit seinen Erlebnissen und Erinnerungen klarkommen, bevor er versuchen konnte, dem jungen Mann irgendetwas zu erklären. Sie hatten seit seiner Rückkehr noch nicht viele Nächte zusammen verbracht, aber Ianto machte die eine oder andere Anmerkung darüber, dass während seiner unvermeidlichen Alpträume das eine oder andere verständliche Wort fiel. Er schob diese Gedanken beiseite.

„Erinnerst du dich an Gwens ersten Tag bei Torchwood und an Carys? Ich konnte ihr Energie von mir übertragen und so das Alien in ihr am Leben halten“, erklärte er. „Ich denke, ich kann das auch für dich tun.“ Er dachte daran, wie er Ianto aus dem Gezeitenbecken gefischt hatte, in das Cyber-Lisa ihn geschleudert hatte. Er war sicher gewesen, dass der junge Waliser tot war – aber irgendwie war es ihm gelungen, ihn zurück zu holen und seine Verletzungen soweit zu heilen, dass er wieder wach wurde. Das war das erste und einzige Mal gewesen, dass er so etwas versucht hatte und es tatsächlich einen Effekt zeigte. Vielleicht war es ein Zufall gewesen. Vielleicht war Ianto auf irgendeine Weise besonders empfänglich für was auch immer er da von sich gegeben hatte. Vielleicht… bedeutete es, dass der junge Waliser auch in dieser Hinsicht perfekt zu ihm passte. So perfekt als wäre er speziell für Jack gemacht worden… „Es sollte dir auf die Beine helfen. Es ist ein Energiekick und vielleicht hilft es dir, dich schneller von deinem Sturz zu erholen – falls es funktioniert.“

Wieder nickte Ianto, doch in seinem Gesicht zeigte sich deutlich seine Skepsis. „Was muss ich tun?“, fragte er.

Jack lächelte. „Du musst überhaupt nichts machen. Und ich bin ziemlich sicher, es wird dir gefallen.“ Er legte beide Hände um Iantos Gesicht und holte tief Luft, bevor er seine Lippen gegen die des jungen Walisers presste.

Iantos Augen weiteten sich und sein Rückgrat schnappte regelrecht zurück, als etwas durch seinen Körper strömte, das sich wie ein elektrischer Schlag anfühlte. Er konnte für eine Sekunde seine Hände - seine in Jacks Schultern verkrampften Finger - golden aufglühen sehen, dann schlossen sich seine Augen unwillkürlich. Er schnappte nach Luft, als das Gefühl nach einigen Sekunden zu einem intensiven, warmen Kribbeln abebbte. Der Druck von Jacks Lippen gegen seine wurde leichter, wurde zu einem normalen Kuss.

Schließlich wich er zurück, taumelte fast, bis er mit dem Rücken gegen die Wand des Treppenhauses stieß. Ianto verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich dann nach unten, bis er seine Arme gegen die Oberschenkel drückte. Sein ganzer Körper kribbelte und surrte und er fühlte sich hyperwach, wie nach zu vielen Tassen Kaffee in Jacks Industriestärke und ein paar Dosen eines Energydrinks hinterher gekippt... Er hatte das Gefühl, sich bewegen zu müssen, dieses Kribbeln aus sich heraus zu laufen, aber seine Muskeln verweigerten den Dienst. Also ließ er sich langsam auf den Boden sinken. Das Schweregefühl und die Schmerzen nach dem Sturz waren verschwunden. Er fühlte sich eher als würde er gleich vom Boden abheben, wenn er sich nicht an etwas festhielt. Ein grelles Licht schien in seinem Kopf aufzuleuchten. Was hatte Jack mit ihm gemacht? Wow. Ein Schauer lief durch ihn. Und irgendwo in ihm flüsterte eine Stimme, dass er so etwas schon einmal gespürt hatte, aber wann und wo…? Die Erinnerung brachte den eigenartigen Geschmack nach Metall und Salz – Blut – und Brackwasser mit sich.

Er spürte Jacks Hand auf der Schulter. „Bist du okay?“, fragte der ältere Mann besorgt, er kniete neben ihm.

„Das... das war... unglaublich.“ Ianto räusperte sich als seine Stimme zitterte. Er sah auf und blinzelte, noch immer sah er seine Umgebung durch eine Art von goldenem Schleier, doch das schwand nach und nach. „Wie... wie machst du das?“

Jack hob die Schultern. „Ich weiß nicht wirklich wie es funktioniert.“

„Machst du... das öfters?“

„Nein. Das war erst das zweite – oder dritte - Mal in einer ziemlich langen Zeit.“ Er deutete auf Iantos Hand, die wieder ihren normalen Farbton annahm. „Du siehst besser aus.“

„Ich fühle mich auch besser. Ich fühle mich... sogar ein wenig… high“, meinte Ianto erstaunt. „Meine Haut kribbelt und mein Rücken tut nicht mehr weh.“

„Das bedeutet es funktioniert. Aber ich weiß nicht, wie lange es anhält“, warnte Jack. „Und du könntest hinterher crashen und dich müder fühlen als zuvor.“

„Wenn wir die Merkuanii gefunden haben, krieche ich in mein Bett und komme zwei Tage lang nicht mehr raus, versprochen. Ich verlasse mich sogar drauf, dass du vorbei kommst und mich regelmäßig fütterst. Ich wollte immer schon mal ausprobieren, ob ich auch im Schlaf essen kann.“ Ianto rappelte sich hoch, Jacks Hand zur Seite schiebend, als der ihm auf die Beine helfen wollte. „Wird es mich durch die nächsten Stunden bringen?“

„Ja, ich denke schon.“ Jack hörte Gwens Stimme in seinem Ohrhörer: sie hatten die beiden Alien gesichtet.

„Gut. Das ist alles was ich brauche.“ Ianto klopfte seine Hosenbeine ab. „Gehen wir an die Arbeit.“

„Ianto, ich wollte dir nur noch sagen...“ Jack brach ab.

„Ja. Was?“ Der junge Mann sah ihn fragend an. Es tanzten noch immer goldene Flecken in seinem Blick, der jetzt viel klarer als zuvor wirkte.

Ein Grinsen erschien auf Jacks Gesicht. „Oh nur, dass du ja weißt, wo du mich findest, wenn du mal wieder einen frischen Energieschub brauchst.“

„Okay. Komm' wir können uns später unterhalten.“ Ianto wandte sich ab und ging die Treppe hoch, dieses Mal wesentlich energischer und mit sicheren Schritten.

Jack steckte die Hände in die Taschen seines Mantels und zog die Schultern hoch. Er fröstelte ein wenig, vermutlich brauchte sein Körper noch einen Moment, die aufgewandte Energie zu ersetzen. Vielleicht war es auch, weil er wieder einmal gekniffen hatte, anstatt den jungen Mann wissen zu lassen, wie wichtig er für ihn war und das er ihm seine Geheimnisse - wie dieses – anvertraute, weil er ihm vertraute. Er versuchte diese Gedanken abzuschütteln, als er sich aufmachte, Ianto zu folgen. Sie hatten zwei Merkuanii zu finden. Und wie immer mussten ihre privaten Probleme erst einmal hinter die Arbeit zurück treten.



Ende







…May not be true to see that you would return one day
But in your present state you may as well not be here at all
You wear a thin disguise, it's from yourself you hide
Just take a look at us, we are heading for a fall…

(Roisin Murphy – The Truth)

 

Teil 40