Titel: Hühnersuppe für die Seele
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Charaktere: House, Wilson
Thema: # 055. Geist/Seele
Word Count:
Rating: PG
Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len für’s betalesen.
Spoiler: 2.11 Need to know/2.12 Distractions

Summe: Wilson ist immer noch sauer; House’ kleines Ablenkungsmanöver mit Paula klappt nicht so, wie er sich das vorgestellt hat und am Ende... ist alles wieder so, wie es war und alles hat sich geändert.

 

 

 

 

Things get damaged
Things get broken
I thought we'd manage
But words left unspoken
Left us so brittle
There was so little left to give             (Depeche Mode)

 

 

(Need to know)

 

Er ließ House auf dem Dach, ließ ihn sitzen und ließ ihn... tun, was auch immer er da oben tat... denken, trauern, brüten... Es war ihm egal. Seinetwegen konnte er da oben sitzen bleiben, bis er festfror oder sich eine Lungenentzündung holte oder... oder vom Dach sprang. Es war ihm egal!

 

Die Tür fiel mit einem metallischen Scheppern hinter ihm ins Schloss, der Knall lauter als er erwartet hatte und Wilson zuckte unwillkürlich zusammen. Er stopfte die Hände in die Taschen seines Mantels und lehnte sich müde gegen die Tür. Er schloss die Augen. Seltsamerweise war alles, was er denken konnte: Warum? Warum noch einmal?

 

Greg’s Gesicht... seine Augen... er hatte diesen Schmerz zuletzt darin gesehen als... als Stacy ausgezogen war. Ein bitteres Lächeln flog über seine Züge, ließ ihn mutlos und älter erscheinen. Er hasste es, hilflos daneben zu stehen und ein zweites Mal zu sehen, wie Greg zerbrach. Er war dabei gewesen, hatte die Stücke aufgesammelt und...

 

...und er wusste nicht, ob er das ganze noch ein zweites Mal durchstehen konnte. Die letzten Monate, die Sache mit Stacy... er hatte geahnt, dass es nicht gut gehen konnte, aber er hatte nicht erwartet, auf ein Schlachtfeld zu geraten. Und zurück blieben, wie auf jedem Schlachtfeld, Verwundete und Verstümmelte.

 

Gleichzeitig wusste er, dass er da sein würde. Er konnte nicht anders. Es lag in seiner Natur, sich zu sorgen, sich zu kümmern. Er hatte nie etwas anderes tun wollen, als sich um andere Menschen zu kümmern, nur deshalb war er Arzt geworden und vielleicht deshalb hatte er seine Spezialisierung gewählt.

 

Nach dem Infarkt, nach der Trennung von Stacy hatte er sich darauf konzentriert, sich um House zu kümmern, ungeachtet des Spotts und der Häme und der gelegentlichen Verachtung, die er dafür von ihm erntete. Ironischerweise war darüber seine eigene Beziehung mit Bonnie endgültig in die Brüche gegangen. Deja vu. Alles wiederholte sich. Seine Ehe mit Julie stand wackelig auf ihren tönernen Beinen.

 

Er hatte es gesehen, aber nicht geglaubt, dass House... House, der seinen Schmerz so eifersüchtig hütete wie ein Drache seinen Schatz; der nachtragender als der sprichwörtliche Elefant war; und der sein Herz und seine Gefühle hinter einer meterhohen Wehrmauer begraben hatte... wirklich versuchen würde, Stacy wieder für sich zu gewinnen. Er hatte ihm tatsächlich abgenommen, dass es nur eine kranke Art von Rache war, für Stacys eigenmächtige Entscheidung; ein quälerisches Spiel, zu sehen wie weit sie wirklich gehen würde, was von den alten Gefühlen noch da war...

 

Aber was er in Gregs Augen gesehen hatte... Greg, er... er liebte Stacy wirklich. Und obwohl sie bereit gewesen war, Mark für ihn zu verlassen, hatte er ihr das Herz gebrochen und sie zu ihrem Ehemann zurück geschickt. Als er das Dach betreten hatte und ihn da auf der Mauer sitzen sah... er hatte für einen Moment befürchtet, dass House einfach... aber das wäre zu einfach gewesen. House ging niemals den einfachen Weg.

 

Trotzdem brachte er es nicht über sich, zu gehen und ihn alleine zu lassen. Also blieb er, wo er war, gegen die Tür gelehnt und wartete. Auf wen oder was auch immer.

 

* * *

 

Endlich durchdrang die Kälte nicht nur seinen Körper, sondern auch sein Bewusstsein und ihm wurde klar, dass er nicht länger hier oben sitzen bleiben konnte. Mehr noch, er vermutete stark, dass Wilson irgendwo hier in der Nähe herumlungerte, sorgenvoll die Stirn runzelte, den Urgroßvater aller Kopfschmerzen ausbrütete und darauf wartete, dass er sich nicht vom Dach warf.

 

Ihm war so kalt, dass seine Zähne zu klappern begannen. Er musste zurück ins Warme. Aber zuerst brauchte er einen Augenblick, um sich auf das mühselige Aufstehen vorzubereiten. Das Sitzen auf der Mauer, die Kälte, seine Gliedmaßen waren kalt und steif und... oh, es würde wehtun, und wie es weh tun würde, aber im Moment machte er sich nichts aus dem Schmerz. Er hieß ihn sogar willkommen. So lange es weh tat, war er am Leben, richtig? Alles war besser als die Taubheit, die sich in ihm ausgebreitet hatte, seit er aus Stacys Büro weggegangen war, um sich irgendwann auf dem Dach wieder zu finden.

 

Seine Finger kribbelten, als er nach dem Stock griff, der neben ihm lehnte und sie fest darum schloss. Er holte tief Luft und konzentrierte sich nur darauf, verbannte alles andere aus seinem Bewusstsein. Mit der linken Hand schob er langsam sein Bein von der Mauer und stieß zischend Atem aus, als der Schmerz wie ein rotglühendes Messer bis in den Rücken und die Wirbelsäule hochschoss. Er ließ den Kopf sinken und saß einen langen Moment so da, reglos, die Augen fest zusammengekniffen, den Mund halb geöffnet und die Zähne entblößt in einer wortlosen Grimasse des Schmerzes. Mit jedem Atemzug formte sich eine kleine, weiße Wolke vor seinem Gesicht.

 

Schließlich ließ der Schmerz ein wenig nach und er schob das zweite Bein über den Rand der Mauer. Zum ersten Mal kamen ihm Zweifel, ob er wirklich in der Lage sein würde, alleine aufzustehen, geschweige denn vom Dach und zurück in sein Büro zu kommen.

 

Er zuckte zusammen, als ihn jemand am Arm berührte, hob den Kopf, obwohl er wusste, wer es sein würde.

 

Wilson sah ihn an, die braunen Augen wachsam. „Kann ich...?“, begann er.

 

House fragte nicht, was ihn bewogen hatte, zurück zu kommen, sondern biss die Zähne zusammen und nickte. Er spürte, wie die Muskeln in seinem Bein unter seinem Gewicht nachgaben und er war dankbar für Wilsons Arm um seine Schultern, der ihn aufrecht hielt und einen Teil seines Gewichts trug. Als er das Bein belastete, kehrte der Schmerz zurück. Er blinzelte gegen die Tränen an, die seinen Blick trübten. Die Bewegung machte ihn schwindlig und er hielt sich mit der linken Hand an der Mauer fest, lehnte sich gegen Wilson. Er ließ den Kopf hängen und schluckte gegen die Übelkeit an, die in ihm hochstieg.

 

Nach einer Weile ließ die Übelkeit nach und mit Wilsons Hilfe schafften sie es in sein Büro. Er setzte sich in den gelben Eames-Sessel, Wilson hob seine Beine auf das Fußpolster und verschwand für einen Moment in sein eigenes Büro, um mit einer Decke zurück zu kommen, die er wortlos über ihn breitete. Dann stand er einen Augenblick da, starrte ihn an, öffnete den Mund, als ob er etwas sagen wollte, doch dann schloss er ihn wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Er zerrte an seinem Schal herum, als versuche er sich damit zu erdrosseln – aber dann wandte er sich ab und verließ schweigend das Büro. Er schloss die Tür leise hinter sich und ließ House mit seinen Gedanken und den Schatten an der Wand alleine.

 

 

 

 

(Distractions)

 

Er schloss die Augen, als er hörte, wie sich die Tür des Badezimmers öffnete und gab vor, zu schlafen. Statt dessen konzentrierte er sich nur darauf, was er hörte. Schritte, das Klappern ihrer hochhackigen Schuhe, die kurze Pause als sie ihre Handtasche nahm. Dann entfernten sich ihre Schritte und kurz darauf hörte er, wie die Tür des Apartments ins Schloss fiel.

 

Sie war gut gewesen. Keine Bemerkung, keine unangenehm berührte Frage nach den Narben an seinem Bein, dem fehlenden Muskel. Aber dann hatte er sie schließlich auch nicht dafür bezahlt, Fragen zu stellen. Er hatte die Augen geschlossen, ihr Zögern ignoriert und die Art, wie sie es tunlichst vermied, sein Bein zu berühren, als sie ihn schnell und geschickt erregte.

 

Eine angenehme Müdigkeit und Trägheit erfüllte seine Glieder, doch die Rastlosigkeit seiner Gedanken kehrte zurück. Sex war ein großartiges Mittel zur Ablenkung; zu dumm, dass es nicht länger anhielt.

 

Er rollte sich herum und vergrub das Gesicht im Kissen. Halb verdeckt unter Paulas aufdringlichem Parfum nahm er Stacys teureren, dezenteren Duft war. Mit einem Laut, halb Knurren, halb Seufzen, griff er das Kissen und schleuderte es weg. Er drehte sich zurück auf den Rücken, ignorierte den Schmerz in seinem Bein und legte den Arm übers Gesicht.

 

* * *

 

Die Schatten an der Wand waren weitergewandert, hatten das Vorübergehen der Zeit sichtbar gemacht. Schließlich stand er auf, schluckte zwei Vicodin und hinkte ins Bad, um eine lange Zeit unter der heißen Dusche zu stehen. Schließlich drehte er das Wasser ab und wickelte sich ein Handtuch um die Hüften. Er ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher an und zappte sich eine Weile durch das Programm, während er den Pegel in der Bourbonflasche beträchtlich senkte.

 

Dann zog er sich an und rief ein Taxi. Er hielt es in der Wohnung nicht mehr aus und es gab nur einen anderen Platz, an den er gehen konnte.

 

---

 

Der Wachmann am Eingang beäugte ihn misstrauisch, schien ihn aber zu erkennen und ließ ihn ungehindert durch. Vermutlich dachte er sich nichts dabei. Immerhin wurden Ärzte bei Notfällen ständig mitten in der Nacht ins Krankenhaus gerufen.

 

Er ließ das Licht aus und die Vorhänge geschlossen, als er in sein Büro humpelte und sich in den Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen ließ. Er knipste nur die Schreibtischlampe an, die einen kegelförmigen Lichtkreis in die Dunkelheit schnitt und seinen Schatten an die Wand warf.

 

Nach einer Weile drehte er den Stuhl herum, um aus dem Fenster zu starren. Da war ein schwacher Lichtschein. Er fiel aus dem Nebenbüro auf den Balkon. Aus Wilsons Büro. House sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. Was machte Wilson um diese Zeit hier? Rollte er wieder Joints für seine Krebspatienten? Oder schlief er nur wieder einmal nach einem Streit mit Julie auf der Couch und hatte vergessen, das Licht auszumachen?

 

Dankbar für jede kleine Ablenkung, selbst wenn es ein angepisster Wilson sein würde, stemmte er sich hoch, öffnete die Balkontür und trat hinaus ins Freie. Die Kälte traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht.

 

Er zog die Schultern hoch und rutschte ungeschickt über die Trennmauer zwischen seinem Balkon und Wilsons. Dieses Mal war die Glastür abgeschlossen und er presste sein Gesicht gegen die kalte Scheibe, um nach drinnen zu sehen. Der Raum war leer. Der ordentliche Zustand der Couch und des Schreibtisches sagte ihm, dass Wilson diese Nacht nicht hier Zuflucht genommen hatte. Es war wahrscheinlicher, dass jemand vom Reinigungspersonal vergessen hatte, das Licht auszumachen.

 

Er legte eine Hand gegen die Scheibe und schüttelte über sich selbst den Kopf, weil er enttäuscht war. Auf eine weitere Gardinenpredigt seines Freundes konnte er wahrlich verzichten...

 

Er zog die Hand zurück, betrachtete einen Moment den Abdruck seiner Handfläche, der langsam verschwand. Das seltsame Gefühl, genau so zu verschwinden, stieg in ihm auf und er drängte es zurück. Kein Grund, sentimental zu werden.

 

House betrachtete die Mauer. Für den Augenblick fühlte er sich zu müde, um darüber zu klettern. Er zog sich den Holzstuhl heran und setzte sich. Die Augen schließend, lehnte er sich zurück und schluckte fast ohne es zu merken, noch zwei Vicodin. Dann wickelte er sich enger in seine Jacke, die Schultern hochgezogen, die Arme fest um den Brustkorb geschlungen. Alles, was er wollte, war ein wenig ausruhen. Aber nur ein paar Minuten später schlief er tief und fest.

 

Irgendwann schreckte er hoch und rieb sich übers Gesicht. Ihm war kalt, er fühlte sich steif und verkrampft. Irgendwann hatte es begonnen zu schneien und auf seinen ausgestreckten Beinen hatte sich eine dünne Schneeschicht angesammelt. Die Jeans fühlten sich klamm gegen seine Haut an. Er setzte sich mit einem schmerzvollen Grunzen auf und bewegte die Schultern. Verdammt, wie lange hatte er geschlafen? Die Schatten, die über die Balkonbrüstung krochen, sagten ihm, dass die Dämmerung nicht mehr fern sein konnte.

 

Nur ein paar Minuten. Er würde nur ein paar Minuten hier noch sitzen bleiben, bevor er in sein Büro zurückkehrte, um sich auf zu wärmen. Nur ein paar Minuten, bis er richtig wach war und er seine Muskeln dazu überreden konnte, sich in Bewegung zu setzen.

 

Mit klammen Fingern zog er das Vicodin aus der Tasche und schluckte eine der Pillen. Dann lehnte er sich mit einem Seufzen zurück, um darauf zu warten, dass es Wirkung zeigte. Der bittere Geschmack erfüllte noch seinen Mund, als er längst wieder eingeschlafen war.

 

Er erwachte, weil jemand sein linkes Bein anstieß. House schrak hoch und blinzelte. Er starrte auf die glänzenden Schuhe, von denen einer ihn geweckt hatte. Sein Blick wanderte an den penibel gebügelten Hosenbeinen hoch, die an einem Arztkittel endeten. Gerade als er eine Bemerkung darüber machen wollte, griff eine Hand in seine Haare und zog seinen Kopf unsanft hoch. Ein Licht aus einer Stiftlampe stach in seine Augen.

 

„Verdammt Wilson, nimm’ das Ding weg“, knurrte er und stieß seine Hand weg. Er blinzelte um die Flecken herum, die in seinem Blickfeld aufgetaucht waren und sah sich mit einem wütend dreinblickenden Wilson konfrontiert.

 

Wilson richtete sich auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Entschuldige, dass ich mir Sorgen mache, wenn ich morgens in mein Büro komme und dich auf dem Balkon finde. Ist dir klar, dass es kalt genug ist, dass Menschen tatsächlich erfrieren, wenn sie die Nacht draußen verbringen? Schon einmal gehört, dass jeden Winter ein paar Obdachlose auf diese Weise sterben? Willst du der erste in diesem Krankenhaus sein?“ Er presste einen Moment die Lippen zusammen. „Was ist los? Hast du nur vor, dich um zu bringen, oder hast du zu viel Vicodin geschluckt oder bist du einfach nur betrunken?“

 

„Nein, ich wollte nur...“ Er brach ab, rieb sich wieder übers Gesicht. Uh-oh. Wilson war wirklich sauer.

 

„Was wolltest du? Ein neuer Selbstversuch? Was testest du dieses Mal? Und wird man es wieder mit LSD kurieren können? Oder gibst du dich mit deinen üblichen Drogen zufrieden?“

 

Okay, das hatte er nicht kommen sehen. „Nein, so war das nicht. Ich wollte nur... Es war...“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe Licht in deinem Büro gesehen und dachte... ich setze mich ein wenig hierher und ruhe mich aus. Es war eine schöne Nacht.“

 

„Schöne Nacht?“, wiederholte Wilson in einem zweifelnden Tonfall. Er musterte ihn. „Bist du sicher, dass du keinen Flashback von dem LSD hast? Cameron sagte etwas davon, dass du das letzte Mal dachtest, du würdest Musik sehen können?“

 

Er schloss die Augen. „Cameron ist eine Petze“, murrte er.

 

„Sicher. Das ist im Moment dein einziges Problem“, erwiderte Wilson ironisch.

 

Aber House wusste, dass Wilsons Ärger verflogen war, als er ihn mit der einen Hand am Kragen packte, mit der anderen nach seiner Hand griff und ihn mit einem Ruck auf die Beine zog, ihm dann seinen Stock in die rechte Hand drückte und ihm unsanft den Schnee von der Kleidung klopfte.

 

„Los’, rein mit dir in mein Büro.“ Die behutsame Art, wie er House in Richtung der Glastür schob, strafte seinen ruppigen Tonfall Lügen. „Verdammt, du bist ein Eisklumpen, deine Klamotten sind durchnässt. Du hast wirklich vor, dich umzubringen, was? Warum springst du nicht einfach vom Dach, das würde uns beiden eine Menge Ärger ersparen...“

 

Den Rest der Tirade ließ House über sich ergehen, ohne Widerwort, aber auch ohne wirklich hin zu hören, während Wilson ihn zu seiner Couch bugsierte und ihm eine Decke um die Schultern legte, nachdem er ihm das feuchte Jackett ausgezogen hatte. Gleich darauf erschien seine rote Tasse in seinem Blickfeld und dampfend heißer Kaffee mit viel Zucker brachte die Wärme in seinen Körper zurück. Oder vielleicht war es... wie war der Ausdruck... Wilsons Hühnersuppe für die Seele. Er nippte an seinem Kaffee und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück.

 

* * *

 

Lisa Cuddy sah ihn an, als habe er chinesisch mit ihr gesprochen oder ihr einen unanständigen Antrag gemacht. „Er hat die Nacht WO verbracht?“

 

„Ich habe noch nicht aus ihm herausbekommen, ob er die ganze Nacht dort war, aber er saß in dem Stuhl auf meinem Balkon, als ich heute morgen gekommen bin.“ Wilson rieb sich unbehaglich den Nacken. Er war nicht zu Cuddy gegangen, um House zu „verpetzen“, aber auf keinen Fall konnte House heute arbeiten und er brauchte ganz offenbar jemand, der ein Auge auf ihn hatte. Also hatte er House auf seiner Couch sitzen lassen, ihm befohlen, sich keineswegs von der Stelle zu rühren, bevor er zurück war, seine Sekretärin angewiesen, ihn mit Kaffee zu versorgen und war zu Cuddy gegangen, um die Situation mit ihr zu klären.

 

„Dieser Mann bringt mich noch...“ Cuddy brach ab und rieb sich die Schläfen. „Gut. Sein Patient ist stabil, sein Team kann den Rest übernehmen. Bringen Sie ihn nach Hause und sorgen Sie dafür, dass er keine Lungenentzündung bekommt. Wenn er eingeliefert wird, habe ich einen Schwesternaufstand an der Hand. Können Sie Ihre Termine verlegen, oder kann ich Ihnen dabei helfen?“

 

Wilson schüttelte den Kopf. „Ich komme zurecht. Zum Glück habe ich heute nur zwei Termine, die sich verlegen lassen. Brown übernimmt die Visite und eventuelle Konsultationen. Wenn etwas sein sollte, mein Pager ist an.“

 

„Gut.“ Cuddy nickte.

 

Wilson fasste das als Zeichen auf, dass er gehen konnte und wandte sich ab.

 

„James...“

 

Er stoppte, sah über die Schulter zurück. Obwohl sie sich seit vielen Jahren kannten, nannte sie ihn selten beim Vornamen. Wilson wartete.

 

„Die Sache mit Stacy hat ihn wirklich mitgenommen. Ist er...“, begann sie unsicher. „Denken Sie, dass er sich...“

 

„..etwas antun könnte?“, beendete Wilson den Satz. Er schüttelte den Kopf. „Wir sprechen von House. Er arbeitet seit sechs Jahren daran, sich umzubringen. Es lässt mich hoffen, dass er es bisher noch nicht geschafft hat.“ Er kniff die Lippen zusammen, als hätte er einen Gedanken ausgesprochen, den er lieber verschwiegen hätte. Aber es war zu spät, die Worte zurück zu nehmen. Also nickte er nur und verließ das Büro des Dean.

 

Er blieb einen Moment in der Tür zu seinem Büro stehen, lehnte sich gegen den Türrahmen und betrachtete House, der auf der Couch zusammengesackt war. Er hatte den Kopf in den Nacken gelehnt, sein Gesicht lag im Schatten. Wilson räusperte sich und House Lider öffneten sich, der Blick der blauen, verschleierten Augen richtete sich auf ihn. Einen Moment wirkte er orientierungslos, dann blinzelte er und rappelte sich hoch. House holte tief Luft und rieb sich übers Gesicht. „Was ist los, hat Mommy mir Hausarrest gegeben?“, murmelte er.

 

„Ja“, erwiderte Wilson leichthin. „Und du kannst dich freuen, sie hat mich als dein Kindermädchen abgestellt.“ Er wartete auf eine zynische Bemerkung, die allerdings zu seiner Überraschung ausblieb.

 

„Gut.“ House schüttelte die Decke ab und griff nach seinem Stock. „Worauf warten wir noch?“ Er rappelte mit einiger Mühe seine schmerzenden Knochen hoch und humpelte zur Tür.

 

Wilson legte eine Hand auf seine Schulter, als House ihn erreichte, stoppte ihn. „Bist du okay?“, fragte er leise und musterte ihn.

 

„Ging mir nie besser.“ Die blauen Augen warnten ihn, weiter zu sprechen und Wilson ließ ihn seufzend gehen. Er holte seinen Mantel und seine Tasche und folgte ihm, im Vorübergehen seiner Sekretärin ein entschuldigendes Lächeln und ein Nicken zuwerfend. Er deutete auf sein Handy, um zu bedeuten, dass er sie später anrufen würde.

 

Sie sah den beiden kopfschüttelnd nach. Es war ihr unverständlich, was Dr. Wilson mit einem Mann wie House verband.

 

 

Ende