Titel:                Sub aqua

Autor:              Mazza

Serie:               CSI Miami

Spoiler:            3.7 Die Flutwelle

Paarung:           Horatio, Eric

Rating:             PG

Archiv: ffp

 

Summe:            Nach Horatios gewagter Rettungsaktion für eine Geisel brennt Eric etwas auf der Seele. Sub aqua = unter Wasser/unter der Oberfläche

 

Disclaimer: Keiner der Charaktere gehört mir, diese Story wurde nicht geschrieben, um damit irgendwelche Urheber-Rechte zu verletzen.

 

 

„H? Hast du einen Moment Zeit für mich?“

 

Horatio wandte sich überrascht um und sah Eric Delko auf ihn zukommen. Da war ein deutliches Zögern in den Schritten und im Gesicht des jungen Mannes zu erkennen und er lächelte ihm ermutigend zu. „Natürlich. Was kann ich für dich tun, Eric?“

 

Sie hatten sich eigentlich bereits vor einer halben Stunde im Labor voneinander verabschiedet und Horatio fragte sich, ob ein neuer Fall hereingekommen war, der ihre Aufmerksamkeit verlangte – nichts ungewöhnliches, auch wenn ihre Schicht schon zwei Stunden zuvor geendet hatte. Calleigh und Ryan waren bereits nach Hause gegangen. Und nach der Aufregung und den Doppelschichten der letzten Tagen, während überall in der Stadt versucht wurde, die Schäden des Tsunami zu beseitigen, war auch Horatio mehr als bereit, das Labor einmal vor Anbruch der Dunkelheit zu verlassen. Allerdings wären dann alle über Handy alarmiert worden, nicht nur Eric. „Nun?“, fragte er, als Delko nicht weitersprach.

 

„Also, ich... ich weiß nicht, wie...“ Verlegenheit stand über Erics Gesicht geschrieben und er wich dem Blick seines Vorgesetzten aus, in dem er zu Boden sah. „Ich weiß natürlich, dass mich das nichts angeht... Und vermutlich hast du bereits etwas vor...“ Er unterbrach sich, als jemand an ihnen vorbei trat.

 

Horatio nutzte den Moment und berührte Erics Arm, der daraufhin endlich aufsah. Dunkle Augen begegneten seinen, halb fragend, halb... ärgerlich? Er war sich nicht sicher, ob er es richtig deutete. „Ich habe nichts anderes vor“, sagte er und nahm die Sonnenbrille ab. „Und was immer es auch ist, du kannst mir alles sagen, Eric, das weißt du.“ Sein Blick glitt zur Tür, über das ständige Kommen und Gehen in der Halle vor dem Ausgang. „Aber nicht hier. Hast du Hunger? Wir könnten zusammen essen gehen.“

 

„Eigentlich... nicht, nein.“ Eric stopfte die Hände in die Hosentaschen. „Das heißt natürlich, wenn du...“

 

Horatio lächelte. Wie jung sein Mitarbeiter auf einmal aussah. Er fragte sich, was es war, dass den sonst so offenen und manchmal hitzköpfigen, jungen Mann derart ins Stottern geraten ließ. „Nein. Ich denke, ich weiß etwas besseres. Komm’, Eric.“ Als Delko wie angewurzelt stehen blieb, nahm er ihn am Ellbogen und führte ihn Richtung Ausgang.

 

Kaum hatten sie das Gebäude verlassen, löste sich Eric von ihm und zögerte erneut. „Ich will wirklich nicht stören“, sagte er. „Falls du dich mit Rebecca treffen willst.“

 

Horatio wandte den Blick ab. Es war zu erwarten gewesen, dass sich sein Abendessen mit der Staatsanwältin rasch herumsprechen würde. Gerüchte verbreiteten sich im Labor in Lichtgeschwindigkeit. Es bekümmerte ihn wenig, er hatte sich noch nie viel daraus gemacht, was die Leute über ihn dachten – allerdings war er in der Regel auch stets über alles informiert.

 

Er schüttelte den Kopf. „Komm’, Eric.“ Horatio ging zu seinem Wagen, ohne sich noch einmal nach Delko umzudrehen, der ihm nach einem Augenblick jedoch folgte und schweigend einstieg.

 

Fast ohne darüber nachzudenken, wählte Horatio den Weg zum Strand. Normalerweise suchte er dort Zuflucht, wenn ihm die Gesellschaft von Menschen zu viel wurde, doch dieses Mal wollte er den jungen Mann an seiner Seite mitnehmen. Genau wie er selbst, liebte Eric das Wasser – wenn auch aus anderen Gründen.

 

Für Eric schien das Wasser sein natürliches Element zu sein, wie für die meisten Menschen die Luft. Er bewegte sich darin so sicher, wie andere einkaufen gingen; immer auf der Suche nach dem, was unter der Oberfläche verborgen lag. Das spiegelte sich auch in seiner Arbeit wieder.

 

Für Horatio war der Strand ein Ort, an dem er seinen Gedanken freien Lauf ließ; wo der Wind die oft grausamen Bilder fortwehen konnte, die sein Beruf mit sich brachte. Ein Ort, an dem er völlig frei war und Stille, Trost und Sicherheit im ewigen Kommen und Gehen der Wellen fand.

 

Während der Fahrt sprach keiner der beiden Männer.

 

Eric sah aus dem Seitenfenster auf die Aufräumarbeiten, die überall in der Stadt noch im Gange waren. Dank der langen Vorwarnzeit und den Zwangsevakuierungen in den besonders gefährdeten Gebieten waren keine Todesopfer zu beklagen, doch hatten manche Gebiete tiefe Narben davon getragen.

 

Horatio konzentrierte sich auf die Fahrt, die wegen des teilweise recht zähflüssigen Verkehrs weitaus länger dauerte, als sonst. Doch da viele Straßen noch nicht geräumt oder repariert waren, konzentrierte sich der Großteil der Wagen auf einzelne Strecken und es kam zu Stauungen. Immer wieder warf er einen Blick auf Eric, versuchte aus dem Spiel der Emotionen auf Erics Gesicht dessen Gedanken zu erraten. Speeds Tod hatte eine Lücke im Team hinterlassen, die sich noch nicht wieder geschlossen hatte. Sie hatten mehr verloren, als einen Freund und Kollegen – es war so, als hätte sich der Abstand zwischen ihnen vergrößert. Als würde die individuelle Trauer, die jeder von ihnen spürte, sie nicht verbinden, sondern Wände zwischen ihnen errichten. Dazu kamen noch die unterschwelligen Spannungen mit Ryan Wolfe, der sich unbedingt beweisen wollte und in seinem Eifer oft andere vor den Kopf stieß. 

 

Er seufzte und lockerte den Griff seiner Finger um das Lenkrad. Ray hatte ihn immer damit aufgezogen, dass eines Tages sein Kopf einfach explodieren würde, weil er zu viel nachdachte. Der Stich in seinem Herzen, wann immer er an seinen Bruder dachte, war inzwischen so vertraut und unbewusst wie das Atmen für ihn geworden. Seit es ihm gelungen war, Rays Mörder zu finden und zu verhaften, suchte ihn sein Bild nicht mehr so oft im Traum heim, doch die Wunde wollte nicht heilen. Es blieben zu viele Fragen offen, zu viele Geheimnisse...

 

„Horatio?“

 

Er sah zu Eric hinüber, der fast schüchtern seine Gedanken unterbrochen hatte. „Ja?“

 

„Wir sind da, glaube ich.“ Eric wirkte allerdings unbehaglich, als wäre er lieber ganz woanders – vielleicht auf dem Mond.

 

Horatio sah sich um und bemerkte zum ersten Mal bewusst, dass sie den Parkplatz oberhalb des Strandes erreicht hatten. Wie ein Pferd blindlings immer den Weg in seinen Stall fand, dachte er amüsiert. „Ja, wir sind da.“ Ohne auf einen weiteren Kommentar von Eric zu warten, stieg er aus.

 

Nur zwei weitere Wagen standen außer seinem auf dem Parkplatz. Der graue Himmel und ein unfreundlicher Wind lockten nicht viele Menschen an den Strand. Er setzte die Sonnenbrille auf und spürte eher, als er sah, dass Eric neben ihn trat. Am anderen Ende hatte sich ein gelangweilter Hotdog-Verkäufer - mehr aus Gewohnheit, denn aus Hoffnung auf Kundschaft - eingefunden und sie kauften sich dort etwas zu essen.

 

Horatio lächelte, als er Eric seine beiden Hotdogs förmlich verschlingen sah. Er aß langsam, ohne merklichen Appetit, gleichgültig gegenüber dem, was er aß, während sie langsam am Strand entlang gingen. Es war niemand sonst zu sehen.

 

Der Sand war übersät mit Dingen, die das Meer zuerst mitgerissen und dann zurück ans Ufer gespült hatte. Zweige, Äste, Steine, Müll, sogar Asphaltbrocken aus unterspülten Straßen. Ein verbogener Gartenstuhl mit zerfetztem Bezug dümpelte vorüber, eine Bootsplanke, Kunststoffmatten einer weggerissenen Innenverkleidung trieben wie Schaum auf der Wasseroberfläche.

 

Schließlich standen sie dicht an der Wasserlinie. Genau wie der Himmel wirkte auch das Wasser schmutziggrau und düster, fast bedrohlich. Horatio hielt den Blick auf den fernen Horizont gerichtet. „Erzähl’ es mir, Eric“, brach er schließlich das Schweigen. Er hörte, wie Eric überrascht – oder erschreckt – einatmete und sich der Körper neben seinem straffte.

 

„Es... es geht mir nicht aus dem Kopf, was du getan hast. Was du riskiert hast, um Riley aus dem Hotel zu holen.“ Erics Stimme war noch immer leise, noch immer stockend. „Es war verdammt knapp, H. Zu knapp. Als die erste Sprengladung zündete und du nicht draußen warst... Ich habe gesehen, wie das Hotel in der Mitte anfing einzuknicken, bevor der Staub die Sicht versperrte. Und der Lärm ging weiter und es war so, als wäre man gleichzeitig taub und blind geworden.“

 

Horatio spürte den Blick des jungen Mannes auf sich, ohne sich zu ihm umzuwenden. Er erinnerte sich sehr gut an den geschockten Gesichtsausdruck, den Eric nicht so rasch hatte verstecken können, als er aus dem Wagen kletterte und mit weichen Knien auf die Trümmerlandschaft hinter einer gelbgrauen Staubwolke starrte, aus der er und die Geisel eben noch so entkommen waren. Als er sich umgewandt hatte, war Eric verschwunden und Scott Riley kam auf ihn zu, um sich bei ihm zu bedanken. Er schickte Riley zu seiner Frau ins Krankenhaus, erleichtert darüber, dass er das ihr gegebene Versprechen hatte halten können. Dann erst war Eric zu ihm zurückgekehrt und das erleichterte Strahlen auf dem Gesicht des Jüngeren hatte die Kälte des erst jetzt verzögert einsetzenden Schocks gemildert.

 

„Du kannst so etwas doch nicht machen, H. So viele Menschen - wir alle sind auf dich angewiesen. Und... ich will nie wieder auf die Beerdigung eines Freundes gehen müssen.“ Bei den letzten Worten klang Erics Stimme gepresst.

 

„Eric.“ Er wandte sich ihm zu, legte eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Eric, ich hatte keine Wahl. Solange noch die Möglichkeit bestand, Riley lebend da rauszuholen, musste ich es versuchen.“ Er nahm die Sonnenbrille ab, steckte sie in die Tasche. Machte sich verletzbar gegenüber dem jungen Mann, der unter seiner äußeren Robustheit selbst so verletzlich war. „Manche Risiken muss man einfach eingehen.“

 

„Das verstehe ich nicht. Es tut mir leid, wenn ich dich damit enttäusche, H, aber ich begreife das einfach nicht.“ Eric schüttelte den Kopf.

 

„Es ist gut, Eric.“ Unwillkürlich trat er näher zu ihm, drang in den persönlichen Raum des anderen Mannes ein. Er umschloss beide Oberarme von Eric. „Ich bin nicht enttäuscht. Du... solltest dir vielleicht morgen frei nehmen. Es liegen anstrengende Tage hinter uns. Und ich weiß auch, dass du dich freiwillig dazu gemeldet hast, um zu helfen, die Kanäle abzusuchen und frei zu räumen.“

 

Eric machte sich von ihm los, wandte sich ab, die Hände in die Hosentaschen gestopft, die Schultern hochgezogen. „Ich bin kein Kind, dass zu müde ist, um noch zu wissen, was es sagt und dass man einfach ins Bett steckt“, sagte er leise.

 

„Ich bedauere, wenn ich dir den Eindruck vermittelt habe...“, begann Horatio, doch unterbrach sich, als Eric sich ihm wieder zu wandte. „Ich sehe dich nicht als Kind an. Bitte entschuldige.“

 

„Nein. Nein, es tut mir leid. Ich hätte nicht davon anfangen dürfen.“ Erics Gesicht verschloss sich. Er sah auf den Sand unter seinen Füßen.

 

„Alles in Ordnung, Eric. Es wird langsam spät, wir sollten gehen.“ Horatio musterte den jungen Mann. Dieses Gespräch konnte zu nichts weiter führen, als zu Befangenheit zwischen ihnen. „Eric?“ Er wollte wieder nach der Schulter des Jüngeren greifen, doch Eric wich zurück und lief ein Stück den Strand entlang, weg vom Wasser.

 

Dann blieb er stehen und wartete mit gesenktem Kopf, bis Horatio ihn eingeholt hatte.

 

„Eric?“

 

„Ist dir klar, dass du fast gestorben bist, Horatio?“, sagte Eric gepresst.

 

„Es war nicht das erste Mal. Und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Risiken einzugehen ist auch ein Teil unseres Berufes. Du weißt das so gut wie ich“, entgegnete Horatio ruhig, obwohl er innerlich keineswegs so ruhig war. Etwas schien den jungen Mann zu quälen und er fühlte sich ihm gegenüber verantwortlich. „Hey, Eric.“ Wieder legte er beide Hände auf Erics Schultern, der diesmal nicht zurückwich. „Ich verstehe dich. Du möchtest nicht, dass den Menschen, die dir wichtig sind, etwas zustößt. Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne es sehr gut. Und auch ich habe manchmal Angst. Besonders seit dem Tod meines Bruders. Diese Angst ist etwas völlig normales, sie hält uns am Leben. Sie bringt uns dazu, vorsichtig zu sein. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns beherrscht.“ Es war eher Instinkt als bewusste Überlegung, dass er Eric in die Arme nahm. Er überschritt damit eine unsichtbare Grenze; verletzte die Regeln, die ihre Zusammenarbeit überhaupt erst möglich machten. Eric versteifte sich überrascht einen Moment, bevor er die Berührung zuließ und sein Körper sich an dem des älteren Mannes entspannte. Seine Hände umklammerten Horatios Oberarme, halb eine Geste ihn weg zu stoßen, halb ihn fest zu halten.

 

Horatio lächelte. Sicher war Eric es nicht gewöhnt, von einem Mann umarmt zu werden. Abgesehen vielleicht von seinem Vater. Aber er schien es zu akzeptieren, nach einem Moment spürte Horatio Erics Kopf an seiner Schulter. Er legte sein Gesicht gegen die Seite von Erics Kopf und schloss die Augen.

 

Es war zu lange her, dass er einen anderen Menschen festgehalten hatte oder selbst festgehalten wurde. Stets waren es traurige Anlässe, wie nach Speeds Tod. Calleigh… da war nicht sicher gewesen, ob sie Trost spendete, oder empfing, nachdem sie ihm den Bericht über Speeds Waffe übergeben hatte. Oder Yelina, die nach Speeds Beerdigung bei ihm vorbeikam und ihn einlud, den Abend in ihrem Haus zu verbringen. Aber Stetler saß draußen im Wagen und er lehnte ihre gutgemeinte Einladung ab.

 

Trotzdem spürte er sofort, als Eric sich unbehaglich zu fühlen begann und trat einen Schritt zurück, ließ nur seine Hände auf den Schultern des jungen Mannes liegen. Dunkle, verhangene Augen musterten ihn mit einem Ausdruck, den er nicht wirklich deuten konnte. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

 

„Ja.“ Gleichzeitig schüttelte Eric den Kopf. „Doch.“ Er lächelte verlegen. „Vielleicht sollte ich mir doch mal einen Tag frei nehmen.“

 

„Okay.“ Horatio ließ ihn los. Er zog die Sonnenbrille aus der Tasche und hielt sie in den Händen, setzte sie jedoch nicht auf. „Dann bringe ich dich jetzt nach Hause.“ Und vielleicht... nur vielleicht, würde er dann Rebecca anrufen und fragen, ob sie Zeit für ihn habe.

 

 

Ende