Titel: 168 Stunden

Autor: Lady Charena

Fandom: House, MD

Charaktere: Gregory House

Rating: PG

Beta: T’Len

Archiv: ja

 

Summe: House auf Entzug

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. 

 

 

 

Manche Menschen messen ihr Leben in Jahrzehnten, andere in Jahren, wieder andere in Wochen, Monaten oder gar Tagen. Sie messen es an den schönen Momenten oder an Begegnungen, an Augenblicken des Lachens oder an Berührungen.

 

Vor dem Infarkt hatte er sein Leben nicht gemessen. Er hatte sich nie dem Diktat der Stunden unterworfen.

 

Danach begann er langsam zu lernen, dass nicht er die Stunden, sondern die Stunden ihn kontrollierten.

 

Er begann zu lernen, sie zu hassen, sich ihnen hilflos ausgeliefert zu fühlen. Was von beidem war schlimmer?

 

Jede Minute schien so lang wie eine Stunde, als das Morphium kaum Wirkung zeigte, während der Schmerz ihn in kleine Stücke riss.

 

Und dann, als sie ihn schließlich aus dem künstlichen Koma weckten, entdeckte er, dass die Zeit nicht nur langsamer ablief, sondern gänzlich festgefroren schien – und trotzdem verging.

 

Er begann zu tun, was er am besten konnte - zu diagnostizieren. Er untersuchte die Zeit, die Stunden, von allen Seiten, bedrängte sie mit Fragen – und erhielt keine Antworten. Die Stunden schwiegen beharrlich.

 

Und so begann Gregory House den Tag anders zu berechnen. Nicht in unzuverlässigen Stunden. Sondern in Vicodin.

 

Und tatsächlich schien es zunächst zu funktionieren. Das Vicodin und die Stunden verstanden sich prächtig.

 

Cuddy hatte ihn davor gewarnt, die Dosierung von einer Vicodin alle vier bis sechs Stunden nicht zu überschreiten.

 

Es gelang ihm. Manchmal. Fast. Auch wenn die letzte Stunde eine Hölle aus Schmerz bedeutete.

 

Dann kehrte er ins Krankenhaus zurück, nahm seine Arbeit wieder auf. Und bald wurde ihm klar, dass er den Stress unterschätzt hatte. Er schluckte eine Vicodin und es ging ihm besser. Mit Hilfe des Stocks konnte er sich – wenn auch hinkend – fortbewegen. Er konnte denken, diagnostizieren, sogar streiten und argumentieren, er kam seinem früheren Wesen so nahe, wie es möglich war. Doch wenn die Wirkung des Vicodin nachließ, seine Zeit auslief, spürte er, wie er unfähig wurde, zu... zu funktionieren.

 

Wenn er noch die Stunden gezählt hätte, wäre ihm aufgefallen, dass er nun schon alle fünf Stunden eine Vicodin nahm.

 

Dann beschloss Cuddy, dass er wieder fit genug war, um seine aufgelaufenen Stunden in der Klinik abzuarbeiten.

 

Es wurde schwieriger. Er erhöhte die Vicodin-Dosis auf eine Pille alle vier Stunden. Und mehr noch, er brachte Wilson dazu, die Verschreibungen zu übernehmen, als Cuddy seine Dosis hinterfragte.

 

Wilson stellte die Rezepte aus, wortlos, auch wenn die Besorgnis in seinen Augen von Mal zu Mal wuchs. Aber nie sprachen sie über House Überdosierung.

 

Cameron, Chase und Foreman wurden eingestellt. Um zu lernen, denn immerhin war das Princetown-Plainsborough ein Lehrkrankenhaus. Und – obwohl es niemand aussprach – zu seiner Entlastung. Sie übernahmen es, Patienten zu untersuchen, die Tests vorzunehmen, mit ihnen zu sprechen, Laborberichten nach zu jagen. Und wenn Cuddy nicht aufpasste, brachte er sie sogar dazu, seine Klinikstunden zu übernehmen.

 

Doch gleichzeitig bedeutete es auch, dass er mehr und immer komplexere Fälle zu diagnostizieren hatte, abgesehen von den Konsultationen für andere Abteilungen. Es bedeutete, dass er mehr denken musste, mehr Druck ausgesetzt war, besser zu funktionieren hatte.

 

Und so setzte sich das Vicodin eines Abends mit den Stunden zusammen, um nach zähen Verhandlungen und der Unterstützung einiger Gläser Whiskey zu dem Schluss zu kommen, dass drei gerade genug war. Drei Stunden zwischen einer Vicodin und der nächsten.

 

House war nicht dumm. Er wusste, dass er von den Schmerzmitteln abhängig war, doch er hielt es für gerechtfertigt – und er war sich sicher, dass er damit umgehen konnte. Es kontrollieren. Dass er in der Lage sein würde, die Dosis zu verringern, wenn sich die Umstände entsprechend änderten.

 

Aber dann war Cuddy mit der Wette an ihn herangetreten. Eine Woche lang ohne Vicodin. 168 Stunden.

 

Und er begann erneut, die Stunden zu zählen.

 

Er benötigte drei ganze Tage, um zu erkennen, dass es nicht Cuddys Idee gewesen war. Sie hatte nur den Köder geliefert. Er hatte die Sorge und das Schuldbewusstsein in Wilsons Augen gelesen, als er seine gebrochene Hand untersuchte und verband. Den Ausdruck von Horror, den der jüngere Arzt hastig von seinem Gesicht verbannt hatte – und er wusste es. Natürlich war es Wilson gewesen, der hinter der Wette steckte. Wilson, der seine Rezepte ausstellte. Der immer genau wusste, wie viel Vicodin er pro Woche, pro Tag, nahm.

 

Vielleicht waren es die Entzugserscheinungen, die er bereits jetzt durchlitt, die ihn schweigen ließen. Er hatte versucht, sie zu verleugnen. Die Übelkeit dem Essen in der Cafeteria zuzuschreiben, als Chase ihn dabei erwischte, wie er sich in seinem Büro übergab. Aber wie gesagt, er war nicht dumm.

 

Vielleicht war es diese ihm eigene Mischung aus Sturheit, Arroganz und Stolz, die es ihm nicht erlaubte, Wilson recht zu geben. Zumindest nicht sofort.

 

Er sparte es sich auf, bis die Woche vergangen war, bis er sicher war, dass jede einzelne, verdammte Minute der 168 Stunden vorüber war. Dann entlud sich seine Wut, sein Schmerz, der Verrat den er fühlte, in bitteren, scharfen Worten.

 

Und Wilson... er sagte nichts, machte keinen Versuch sich zu entschuldigen, zu verteidigen. Alles, was er tat, war mit einem resignierten Ausdruck in die Tasche seines wie immer makellosen Arztkittels zu greifen und einen neuen Behälter mit Vicodin vor ihn auf seinen Schreibtisch

 

Merkwürdigerweise löschte diese Reaktion seine Wut völlig aus. Er hatte den Blick von Wilson abgewandt und ihn statt dessen auf das Vicodin gerichtet. Er hatte gewartet, bis Wilson sein Büro verlassen hatte, bevor er eine der Pillen nahm, sich in seinen Sessel zurücklehnte und darauf wartete, dass die Wirkung einsetzte.

 

Danach begann er wieder, die Stunden zu zählen. Er unternahm jede Anstrengung, die drei Stunden zu vier zu strecken, manchmal sogar auf fünf. Es gelang ihm nicht oft. Er hatte fast vergessen, wie unerträglich die Schmerzen wurden, wenn er so lange wartete.

 

Aber er versuchte es, versuchte sich mit den Stunden zu arrangieren. Weil diese verfluchte Wette Wilsons Idee und Wilsons Weise gewesen war, ihn darum zu bitten. Er versuchte es, weil Wilson der einzige Mensch auf der Welt war, der ihm noch genug bedeutete, dass er es nicht ertragen würde, ihn zu verlieren. Es gab keinen anderen Grund für ihn.

 

Ende