Titel: Street Scene

Autor: Lady Charena

Fandom: House, MD

Charaktere: Gregory House, James Wilson

Thema: # 010. Jahre

Word Count:

Rating: PG

Anmerkung des Autoren: Season 1. Vielen Dank an T’Len für’s betalesen. Der Dialog am Anfang der Story ist der Originaldialog der dt. DVD-Fassung.

 

Die gleiche Gedankenabwesenheit, die es ihm ermöglicht hatte, Wilson unbemerkt – selbst bei seinem Schneckentempo - zu folgen, lag auch in seinen Worten. Verbunden mit einer Resignation, die er hasste, in der Stimme seines Freundes zu hören.

 

„Ich habe deine Eltern kennen gelernt und deinen Bruder...“, sagte House nachdenklich.

 

„Ich habe zwei Brüder“, unterbrach ihn Wilson.

 

„Warum hast du mir das nie...“ Das einzige Anzeichen von Überraschung, das sich in House Gesicht zeigte, war ein Verengen der Augen.

 

„Es war nicht relevant!“, wieder ließ ihn Wilson nicht aussprechen.

 

„Wieso nicht?“

 

„Weil er in meinem Leben keine Rolle mehr spielt.“ Der jüngere Arzt starrte auf den Kaffeebecher in seinen Händen.

 

„Das ist schon relevant,“ erwiderte House leise und sah seinen Freund an.

 

Wilsons Blick glitt in die Ferne. „Hier haben wir uns zuletzt gesehen. Das ist jetzt neun Jahre her. Ich weiß nicht einmal, ob er noch am Leben ist.“

 

Der ältere Mann sah halb verlegen weg, als er den Schmerz in den Zügen des Jüngeren entdeckte. Er ließ seinen Blick über die Straße vor ihnen schweifen und nahm zum ersten Mal bewusst die vielen Obdachlosen wahr, die sich hier aufhielten. Das Schweigen dauerte an und er begann müßig seinen Stock zwischen den Handflächen zu drehen.

 

Nach einer Weile kroch die Kälte der Mauer, auf der sie saßen, durch seine Kleidung. Er hatte in seiner Eile, Wilson zu folgen, seinen Mantel im Büro gelassen. Sein Bein begann sich mehr als nur bemerkbar zu machen und er rutschte unruhig hin- und her. Schließlich zog er das Vicodin aus der Tasche und schluckte eine der Pillen.

 

Das Klappern der Pillendose schien Wilson aus seinen Gedanken zu holen und er musterte seinen Freund. „Du solltest hier nicht herumsitzen“, bemerkte er.

 

House schnitt eine Grimasse. „Ja, Mami“, erwiderte er sarkastisch. Wilson hielt ihm seinen Kaffee hin. Der ältere Mann nahm einen Schluck und spuckte ihn aus. „Der ist ja kalt.“ Er stellte den Becher neben sich auf die Mauer. „Ich habe Bier im Kühlschrank. Wir können uns etwas zu Essen kommen lassen“, meinte er neutral.

 

„Ich sollte eigentlich nach Hause“, antwortete Wilson lustlos. „Julie...“ Er brach ab und rieb sich die Stirn.

 

„Meine Couch ist deine Couch“, entgegnete House mit einem sarkastischem Unterton, von dem allerdings nichts in seinen Augen zu entdecken war. Er stützte sich auf seinen Stock und stemmte sich hoch. Sein Bein machte seinem Unwillen über das erzwungene Stillsitzen auf der kalten Mauer lautstark Luft. Er holte ein paar Mal tief Luft und hoffte, dass die Wirkung des Vicodin rasch einsetzte. Er wartete darauf, das Wilson es ihm gleichtat und als der Jüngere neben ihm stand, sah er ihn an. „Ich wusste übrigens gar nicht, dass du schwedisch sprichst.“

 

„Was?“, fragte Wilson verständnislos.

 

House grinste und wiederholte, was Wilson zu ihm gesagt hatte, als er ihn in einem der Klinik-Untersuchungsräume mit seiner Personalakte fand. „Im Schwedischen allerdings hat das Wort ‚Freund’ auch die Bedeutung von ‚humpelnder Bastard’.“

 

Wilson sah ihn einen Moment verblüfft an, dann schüttelte er den Kopf und lachte. „Du bist der beste humpelnde Bastard, den sich ein Mann wünschen kann“, sagte er und legte den Arm um House Schulter.

 

Der ältere Mann sah ihn an, grinste und stieß ihn dann in die Rippen. „Lass’ das, Jimmy. Am Ende denkt hier noch einer, wir haben was miteinander. Gehen wir zu mir und bestellen chinesisch. Du bezahlst.“ Er ging weiter.

 

Wilson folgte ihm. „Bezahle ich nicht immer?“ Bevor er zu House aufschloss, wandte er sich noch einmal um. Er sah einen der Obdachlosen den Becher aufsammeln, den House beiseite gestellt hatte und seufzte. Vielleicht war sein Bruder irgendwo gerade dabei...

 

„Willst du noch lange hier herumstehen, während ich mir unersetzliche Körperteile abfriere?“, drang House quengelnde Stimme in seine Gedanken und er schüttelte den Kopf, einmal, bedauernd, bevor er an die Seite seines Freundes trat.

 

House sah ihn an. „Bist du okay, James?“

 

„Ja, alles okay“, erwiderte Wilson mit Überzeugung. „Also weißt du, ich bin sicher Cuddy wäre entzückt, die Erfrierungen an deinen unersetzlichen Körperteilen zu behandeln...“

 

House grollte.

 

Der jüngere Mann beobachtete ihn von der Seite, als sie langsam zum Krankenhaus zurückkehrten. Ihm entging weder die Steifheit in den Bewegungen des anderen Mannes, noch wie House die Schultern nach vorne zog. „Dir ist klar, dass dir nicht so kalt wäre, wenn du dich ordentlich anziehen würdest.“ Er schüttelte den Kopf. „Du... du bist wie mein Bruder. Stur davon überzeugt, unverwundbar zu sein.“ Er sah weg, kam sich albern vor, diese Bemerkung gemacht zu haben.

 

House musterte ihn kritisch, erwiderte aber zunächst nichts darauf. Sie erreichten das Krankenhaus und nachdem House seine Tasche geholt hatte, nahm er ohne zu murren auf dem Beifahrersitz von Wilsons Wagen Platz.

 

Sie fuhren zu House Appartement, bestellten Take-out vom Chinesen, und aßen vor dem Fernseher. Wilson wurde im Laufe des Abends immer einsilbiger, was möglicherweise zum Teil auch mit der Menge an Bier zu tun hatte, die er trank.

 

House ging auf die Toilette, und als er nach einem Abstecher in die Küche mit zwei frischen Bier zurückkam, hatte sich der jüngere Mann auf der Couch ausgestreckt, einen Arm über die Augen gelegt. Er stellte die Flaschen auf den Tisch, griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ab. House setzte sich auf die Sitzbank vor dem Klavier und griff nach der Beethoven-Biographie, die dort lag. Einen Ellbogen gegen das Instrument gestützt, vertiefte er sich in das Buch.

 

„Ich glaube, er ist tot, House.“

 

Der ältere Mann hob nicht einmal den Blick von seiner Lektüre. „Beethoven? Defintiv. Wo warst du die letzten Jahrhunderte?” Er hatte angenommen, Wilson wäre eingeschlafen. Die tragische Geschichte mit der Obdachlosen, die früher am Abend an Tollwut gestorben war – und die davon wachgerufenen Erinnerungen an seinen Bruder - hatte ihm ganz offensichtlich schwerer zu schaffen gemacht, als er sich hatte anmerken lassen.

 

„Ich rede von meinem Bruder.“

 

House legte das Buch weg und drehte sich so herum, dass er Wilson auf der Couch liegen sehen konnte. Er antwortete mit keiner der üblichen, banalen Floskeln wie: „Es geht ihm sicher gut.“ oder „Mach’ dir keine Sorgen.“ denn sie waren eben nur eines: so banal wie sinnlos. Statt dessen wartete er darauf, dass der jüngere Mann weitersprach, leicht vorüber gebeugt, die Unterarme aufgestützt.

 

„Diese Frau... sie hat nur zwei Jahre auf der Straße gelebt und du hast gesehen, in welchem Zustand sie war. Wenn ich daran denke, was... und er... er kann das niemals neun Jahre lang überlebt haben.“ Wilsons Stimme war leise und seine Worte ein wenig verschwommen, fast so als spreche er im Halbschlaf. „Ich weiß… ich weiß. Es muss nicht so schlimm gewesen sein. Es gibt keinen Grund, zu denken, dass er all die Jahre obdachlos gewesen ist. Nach allem, was ich weiß, könnte er irgendwo einen Job und eine Familie haben. Aber… mir vorzustellen, dass er auch nur ein oder zwei Jahre unter solchen Umständen gelebt hat... Warum hat er sich nicht an mich gewandt? Ich hätte ihm doch geholfen, wenn er... wenn er es nur zugelassen hätte. Aber er hat es nicht getan. Er hat es einfach nicht zugelassen und ich konnte ihm nicht helfen. Es ist nur... vernünftig... anzunehmen, dass er tot ist.“

 

House räusperte sich. „Geh’ schlafen, Jimmy. Du hast zu viel getrunken“, sagte er, ein Hauch von Unsicherheit in seiner Stimme. Es gab Dinge, die er tun konnte; Dinge, wie Krankheiten diagnostizieren und die meisten seiner Patienten heilen. Aber er war nicht wirklich gut darin, Trost zu spenden und schon gar nicht darin, leere Phrasen darüber zu dreschen, dass Wilson das ganze zu negativ sah. Nicht, wenn er überzeugt war, dass Wilson recht hatte. „Geh’ schlafen“, wiederholte er nochmals.

 

Wilson entgegnete nichts. Als House nach einer Weile nach seinem Stock griff und aufstand, um zum Sofa zu gehen, schlief der jüngere Mann. Den Arm noch immer über dem Gesicht. House umschloss sanft sein Handgelenk und zog seinen Arm nach unten. Wilson murmelte etwas unverständliches und drehte sich von ihm weg, auf die Seite. House grinste und löschte das Licht, dann ging er schlafen.

 

 

Ende