Titel: Rebellion
Serie: Star Trek – TOS
Episode: --
Autor:     Lady Charena / Dezember 2003
Charaktere: James T. Kirk, Spock, Gary Mitchell, Sarek, Amanda, Sam Kirk, OCs
Pairing: K/S, Mitchell/K
Rating: AU, ab 16, slash
Worte: 8253
Beta: T‘Len

Summe: Inmitten eines Konfliktes begegnen sich ein junger Vulkanier und ein junger Mensch auf unterschiedlichen Seiten.

Disclaimer: Star Trek gehört Paramount/Viacom. Bei dieser Story handelt sich um nicht-kommerzielle Fanfiction, es wird keine Verletzung von Urheberrechten beabsichtigt.




Lautes Gejohle und rohes Gelächter begleiteten seine Ankunft im Lager. Den wachsamen, angewiderten Ausdruck seiner Augen sorgfältig unter langen Wimpern verbergend, sah er sich unauffällig um.

Schäbige Hütten schmiegten sich in die dürftigen Schatten schroffer Felsen, die das Tal umschlossen. Ähnlich abgerissen wirkte auch die Kleidung ihrer Bewohner, die sich rasch versammelt hatten. Es waren mehr, als er angenommen hätte und er entdeckte Frauen und sogar kleinere Kinder unter ihnen. Niemand wusste, dass hier so viele lebten. Frauen und Kinder mussten in die weitere Planung einbezogen werden.

Abrupt löste sich aus der Menge eine Frau, rannte auf die Heimkehrer zu und stoppte dann, vielleicht zwei Schritte von ihm entfernt. Doch sie wandte sich dem Fremden zu, ignorierte die anderen. Über die Distanz hinweg begegnete er ruhig dem Hass in ihren Augen und zuckte auch nicht zurück, als sie ihm ins Gesicht spuckte.

Einer der Männer ergriff sie grob am Arm und stieß sie zur Seite. Er grinste hämisch, als die junge Frau unsanft und zeternd auf ihrem Hinterteil im Sand landete. "Vielleicht dürft ihr später mit ihm spielen", meinte er spöttisch. "Zuerst will ihn der Captain sehen. Und zwar unbeschädigt." Auf einen Wink hin umrundeten die Männer - wenn auch sichtlich widerwillig - den Gefangenen. Es schienen nicht wenige in der Menge Lust zu haben, dem Beispiel der Frau zu folgen und sich auf den Vulkanier zu stürzen.

Er versuchte die Hand soweit zu heben, dass er sich den Speichel aus dem Gesicht wischen konnte, doch ein Ruck an den Banden um seine Handgelenke verhinderte dies. Durch den unerwarteten Zug etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, taumelte er vorwärts und wäre beinahe gestürzt.

Eine kühle Hand schloss sich um seine Schulter, hielt sein Taumeln auf und stützte ihn, bis er wieder aufrecht stand. Er sah auf und begegnete dem fragenden Blick eines jungen Menschen.

"Alles okay?", fragte der Mensch leise - und keineswegs unfreundlich. In den braun-goldenen Augen lag weder Abscheu noch Hass, eher Neugier.

Ungewöhnlich - hier an diesem Ort.

Er verbarg seine Überraschung. Als er nickte, nahm der Mensch die Hand weg und fiel wieder einen Schritt zurück.

Dann erreichten sie ein größeres Gebäude, halb in den gewachsenen Felsen hinein gebaut und er hatte keine Zeit mehr, über diese Begegnung nachzudenken.

Der Vulkanier wurde grob die beiden Stufen hoch gestoßen und stand dann mit furchtlos erhobenen Kopf vor einem Mann, dessen Gesicht er noch nie gesehen hatte - dessen Name von Vulkaniern wie Menschen gleichermaßen wie ein Fluch ausgesprochen wurde – und der ihm trotzdem wohlbekannt war.

Gary Mitchell, Enkel des ersten Gouverneurs der ersten menschlichen Niederlassung auf Vulcan. Seit einigen Jahren, nachdem ihr Gründer einem rätselhaften Unfall zum Opfer fiel, auch selbsternannter Führer der sogenannten "Neuen Menschen". Und Hauptverantwortlicher für eine viel zu große Anzahl von Entführungen, Morden und terroristischen Anschlägen, die einzig dazu dienten, die Beziehungen zwischen den beiden Völkern zu stören. Ein Fanatiker, dem es egal war, wer starb - solange das Blut seiner Opfer grün war.

Er stählte sich innerlich für die Begegnung mit diesem Mann, doch der Mensch wandte sich nach einem flüchtigen Blick auf ihn ab und winkte den Anführer des Trupps zu sich.

Sie zogen sich in eine Ecke zurück, um flüsternd miteinander zu sprechen. Zu leise selbst für vulkanische Ohren. Schließlich nickte Mitchell zufrieden und aktivierte eines der primitiven Computerterminals, die der Gefangene schon längst bemerkt und abgeschätzt hatte. Mitchell gab einen Befehl ein, blickte dann einige Male prüfend vom Bildschirm zu dem Vulkanier und grinste triumphierend.

"Sperrt ihn gut ein", befahl er dann. "Das ist die beste Beute, die wir jemals gemacht haben." Er wandte sich an den Anführer der kleinen Truppe. "Gut gemacht, Sam, ich werde mich erkenntlich zeigen. Jetzt sorg' dafür, dass er gut aufgehoben ist. Und schick' mir deinen kleinen Bruder. Ich habe etwas mit ihm zu besprechen.”


# # #


Kurze Zeit später saß der junge Vulkanier im Halbdunkel auf dem kalten Steinboden einer kahlen, in den nackten Fels geschlagenen Zelle. Von seinem rechten Handgelenk führte eine Kette an die Wand und schränkte seine Bewegungsfreiheit zusätzlich ein. Ein Gitter versperrte die einzige Öffnung nach draußen.

Kette und Gitter waren aus einem blau geäderten Metall gefertigt, das seinen Anstrengungen spielend widerstand und auch seinen Bemühungen, es zu identifizieren, trotzte. Mit einem stummen Seufzen ließ er sich nieder.

Ihre Philosophie der Mannigfaltigkeit des Lebens hatte die Vulkanier über Jahrhunderte hinweg darauf vorbereitet, Fremde willkommen zu heißen, wenn sie auch selbst nie den Kontakt zu anderen Wesen suchten. Doch nichts hatte sie auf die Aggression der Menschen vorbereitet.

Und doch war das nicht die ganze Wahrheit, sondern eine sehr gefährliche Verallgemeinerung. So viele Menschen lebten in Frieden und Freundschaft mit Vulkaniern zusammen. Das beste Beispiel dafür fand er in seiner eigenen Familie - in seiner Herkunft. Seine Mutter war ein Mensch.

Sicher machte sie sich Sorgen um ihn - er hätte bereits vor mehreren Stunden in sein Elternhaus zurückkehren sollen. Wieder unterdrückte er ein Seufzen.

Ein Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf und blickte zum zweiten Mal an diesem Tag direkt die gleichen hellen, menschlichen Augen, die ihn durch das Gitter interessiert musterten.

Lange Zeit sprach keiner der beiden jungen Männer.

"Wie heißt du?", fragte der Mensch schließlich - zu seiner Überraschung in einem recht akzeptablen vulkanischen Dialekt.

"Spock", kam die Antwort nach einer langen Pause, in der der Vulkanier sein Gegenüber abzuschätzen versuchte.

Doch der Mensch nickte zufrieden, als hätte er ein wichtiges Geheimnis erfahren. "Ich heiße James, James Kirk - aber man nennt mich Jim."

Dann hob er die Hand und warf etwas durch die Gitterstäbe auf den Boden. Damit verschwand er, ohne noch ein Wort mit dem verblüfften Vulkanier zu wechseln.

Langsam erhob sich Spock aus seiner knienden Haltung und streckte sich nach dem kleinen Paket aus. Es lag gerade noch innerhalb seiner Reichweite, wenn auch die Handfessel einen Moment lang noch stärker in das aufgescheuerte Fleisch schnitt und die Wunde erneut zu bluten begann. Mit den Fingerspitzen zog er das grobe Tuch schließlich näher heran und löste vorsichtig den Knoten. Aus dem Stofffetzen schälte sich eine Wasserflasche.

Verblüfft musterte der Vulkanier die unerwartete Gabe. Während des Fußmarsches durch die Wüste, nach seiner Gefangennahme, noch nach seiner Ankunft im Lager der Menschen, hatte er Wasser erhalten.

Er streckte die Hand danach aus und zog sie dann wieder zurück, ohne die Flasche auch nur berührt zu haben. Es könnte ein Trick sein. Um sich sein Vertrauen zu erschleichen - aber der junge Mann hatte nicht versucht, sich ihm anzubiedern.

Das Wasser könnte Drogen oder Gift enthalten.

Nur hatte Spock inzwischen den Eindruck gewonnen, dass er tot für die "Neuen Menschen" nutzlos wäre. Außerdem konnte er sich kaum vorstellen, dass sich unter diesen Fanatikern ein Arzt befand, der genügend Wissen über die vulkanische Physiologie besaß, um sich mit Drogen an ihm zu versuchen. Vieles was Menschen tötete, war vollkommen harmlos für ihn.

Er dachte an die Augen des Menschen, des einzigen, der bisher keinen offenen Hass gezeigt hatte. Langsam griff er nach der Flasche, öffnete sie und roch daran. Nicht verdächtig. Vorsichtig nahm er einen winzigen Schluck – bereit, ihn sofort auszuspucken.

Nein, es war Wasser. Und es schmeckte auch lauwarm überraschend gut. Mit einer gewissen Dankbarkeit nahm er noch ein paar Schlucke, doch dann rebellierte sein leerer Magen und er verstaute die Flasche sorgfältig unter seiner Kleidung. Aus welchen Gründen auch immer sich dieser Mensch - Kirk - entschlossen hatte, ihm zu helfen, er wollte ihn nicht verraten.

Dann lehnte er sich an die Wand zurück und begann zu warten. Er wusste, dass es draußen bald dunkel wurde und er auch innerhalb der Felsen die Kühle der Wüstennacht zu spüren bekommen würde. Sein Geist wandte sich nach innen und er justierte seinen Metabolismus entsprechend. Wie ertrugen Menschen die Kälte der Wüstennacht, die keine solchen Möglichkeiten hatten?

Schritte ließen ihn aufhorchen. Sie stoppten vor dem Gitter, noch außerhalb seines Blickwinkels. Offensichtlich ein Wächter.

Es wurde später - und kühler. Bald drangen auch von draußen keine Geräusche mehr in die düstere Zelle. Spock ließ sich in leichte Trance sinken.

Wieder drangen Stimmen und das Geräusch rasch näher kommender Schritte in sein Bewusstsein und er hob lauschend den Kopf.

"Na, was hast du denn angestellt, Kleiner?", hörte Spock den unsichtbaren Wächter spöttisch fragen. "Müsstest du um diese Zeit nicht längst seinem Bett sein?" Gelächter hallte durch den Gang vor der Zelle. "Oder ist er deiner schon überdrüssig geworden?"

"Mir scheint eher, er hat kein rechtes Vertrauen in dich", erwiderte gefährlich seiden die Stimme eines Menschen, die Spock sofort identifizierte. "Ich soll heute Nacht auf seine kostbare Beute aufpassen - aus welchem Grund auch immer."

"Ist ja schon gut, Kleiner", brummte der Wächter beschwichtigend. "Du bist ja unser Vulkanier-Experte. Und ich verzichte gerne darauf, mir hier bei dieser Kälte die Beine in den Bauch zu stehen. Er ist ganz dein."

Schritte entfernten sich, dann blieb es lange still.

"Hi."

Spock hob flüchtig den Kopf, sah dann wieder auf seine gefalteten Hände.

"Ist dir kalt?"

Erneut warf Spock einen Blick auf ihn. Selbst in der düsteren Beleuchtung der Zelle schien der Mensch merkwürdigerweise wie aus Gold geformt. Von der Sonne gebleichtes Haar, menschlich-helle, teils rötlich, teils bräunlich verbrannte Haut und in den goldbraunen Augen eine gewisse Herausforderung, die Spock unter anderen Umständen als Flirt aufgefasst und nur zu gern angenommen hätte. Selbst ein Vulkanier war gegen solche Schönheit nicht immun. Aber warum nicht versuchen, den Menschen besser kennen zu lernen - und vielleicht die Gründe für den unerbittlichen Hass zu erfahren? Eventuell bot sich auch über ihn eine Möglichkeit zur Flucht.

"Ich danke dir für das Wasser", erwiderte Spock schließlich zurückhaltend.

Der Mensch nickte. "Es tut mir leid - das hier alles", meinte er und deutete auf die Zelle, die Fessel. "Vielleicht kann ich Gary morgen überreden, dass er die Handfessel weg lässt. Dein Arm sieht schlimm aus."

Spock quittierte diese Bemerkung, die nur das offensichtliche beschrieb, mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Kirk lehnte sich gegen das Gitter, musterte ihn.

"Es ist nichts", erwiderte Spock knapper, als er beabsichtigt hatte. Irgendetwas an Kirks Interesse störte ihn - bei allem guten Willen. Es schien eine... Doppeldeutigkeit in seinem Blick zu liegen. Vielleicht war das ganze doch nur eine Falle, um sein Vertrauen zu erschleichen. Zu oft verbarg sich das Böse hinter einer angenehmen Maske. Spock würde sehr wachsam bleiben. Er sah zu Boden, um seine Gedanken zu verbergen.

"Hier."

Mit dumpfen Klatschen landete erneut ein Päckchen auf dem nackten Fußboden. Spock hob den Kopf und sah den Menschen direkt an. Doch er sagte nichts, noch machte er Anstalten, nach dem Paket zu greifen.

Kirk las stumme Fragen in den schwarzen Augen des Vulkaniers - und ein schwaches Lächeln glitt über seine Lippen. Wie etwas erklären, das entweder nach Verrat, Dummheit oder einem plumpen Trick aussah? Er entschied sich, mit etwas Unverfänglicherem anzufangen.

"Hier lebt ein Arzt. Er ist ein Freund. Da ist eine Salbe für deinen verletzten Arm drin."

Unter dem intensiven Blick fühlte Jim sich einen Moment lang wieder wie der ungestüme, unbeherrschte Junge, der die tadelnden Augen seines alten Hauslehrers auf sich ruhen spürte.

Der Vulkanier wies - ohne seinen Blick loszulassen - auf das Paket. "Warum?", fragte er.

Zu seiner Überraschung lachte der Mensch leise.

"Ich weiß es nicht", meinte Kirk trocken. "Ehrlich. Streng genommen ist es Verrat, was ich hier mache. Ich wurde angewiesen, nicht einmal mit dir zu sprechen. Aber ich entdecke mehr und mehr, dass ich nicht richtig finde, was hier vor sich geht."

Spock richtete sich erstaunt auf und rückte näher an das Gitter. "Weiter, Kirk", forderte er Jim auf.

Der quittierte die Verwendung seines Namens mit einem erneuten Lächeln und sah sich flüchtig um. Er wusste, dass sie allein waren, doch er wollte ganz sicher sein. "Ich hatte als Kind einen vulkanischen Hauslehrer", begann er. "Er brachte mir nicht nur yakana bei, sondern auch vieles über die Geschichte und die Kultur Vulkans."

Er sah den skeptischen Ausdruck in Spocks Gesicht und unterdrückte ein ironisches Grinsen. Es war ihm bewusst, wie seltsam seine Geschichte klang - von einem Terroristen erzählt.

"Mein Bruder gehört von Anfang an zu Garys Anhängern - deshalb hat er sich sogar von meiner Familie losgesagt. Aber als ich zwölf war, kamen meine Eltern bei einem Unfall ums Leben und mein Bruder nahm mich zu sich."

Er zuckte mit den Schultern, grinste schief. "Ich bin praktisch hier im Lager aufgewachsen."

Spock erwiderte nichts.

"Nun, ich erwarte nicht, dass du mir das so einfach alles glaubst. Aber kümmere dich um dein Handgelenk", fuhr Kirk nach einer kleinen Pause fort.  

Der Vulkanier saß eine Zeitlang da - stumm, bewegungslos. Ohne genau zu wissen, was ihn schließlich dazu veranlasste, Kirks Worten zu glauben, streckte Spock sich aus und nahm das Päckchen.

"Warum hassen die "Neuen Menschen" Vulkanier?", fragte er, während er aus dem Paket eine Phiole mit milchig-trüben Inhalt wickelte.

Der Mensch schnaubte amüsiert. "Wenn ich das nur wüsste", meinte er trocken und sah verblüfft zu, wie Spock die Phiole ungeöffnet wieder sorgfältig in dem Fetzen verstaute und ihn dann so nahe ans Gitter schob, wie es ihm möglich war. "Warum?", fragte er, auf das Päckchen deutend. “Es ist wirklich nur eine Heilsalbe.”

"Ich habe kein Interesse, deinen Freund oder dich zu verraten. Die Wunde ist unbedeutend und wird von selbst heilen", erwiderte der Vulkanier leise.

Kirk ließ sich vor dem Gitter auf den Boden nieder, die Knie an die Brust hochgezogen und das Kinn darauf gestützt. Er sah Spock direkt an und dem Vulkanier fiel es sehr schwer, den Blickkontakt wieder zu lösen.

"Es fällt mir schwer, dich zu hassen, nur weil du Vulkanier bist", meinte der Mensch abrupt. Dann stand er in einer fließenden Bewegung auf, ergriff das Paket, verstaute es im Gürtel und trat von der Zelle weg.

Sie sprachen in dieser Nacht kein weiteres Wort mehr miteinander.


# # #


Die folgenden Tage zogen sich eintönig dahin. Spock blieb zu seiner Überraschung größtenteils unbehelligt. Sein "Aufenthalt" war nicht gerade angenehm - aber es hätte leicht schlimmer sein können.

Nur etwas störte ihn - immer wieder durchbrach dieser Mensch Kirk die Ordnung seiner Gedanken und die Kontrollen, die er gegen die Unannehmlichkeiten seiner Gefangenschaft benötigte. Untypische Unruhe befiel ihn, wenn Kirk in seiner Nähe war, was häufig vorkam. Allerdings fiel kein Wort zwischen ihnen.

In der zweiten Woche der Gefangenschaft war sich Spock bewusst, dass er die Anwesenheit Kirks nicht nur deshalb schätzte, weil der keinen Hass zeigte. Da war... mehr. Er dachte, dass sie unter anderen Umständen vielleicht Freunde hätten werden können – noch nie hatte ein Mensch seine Gedanken derart stark beschäftigt. Und außer nachzudenken, hatte er ja im Moment nicht viel zu tun.

Als in der folgenden Nacht Kirk wieder auftauchte, um ihm mehr Wasser zu geben, als die anderen Wächter ihm zugestanden, überraschte Spock ihn damit, dass er ihn ansprach und nach dem Ort fragte, an dem Kirks Familie gelebt hatte.

Nacht für Nacht sprachen sie miteinander und fingen an, sich und ihre Völker besser kennen zu lernen und zu verstehen.

Eines Nachts sprach Spock über ein Ereignis aus seiner Kindheit. Keiner der beiden wusste hinterher zu sagen, wie sie darauf gekommen waren.

Jim saß - wie inzwischen üblich - dicht am Gitter und hörte aufmerksam zu.

Vor Spocks innerem Auge entstanden die Bilder so frisch, als lägen die Geschehnisse nur 16 Tage und nicht ebenso viele Jahre zurück.

Jedes vulkanische Kind musste sich im Alter von sieben Jahren einer Prüfung - dem Kahs'wan - unterziehen. Ein Relikt der kriegerischen Vergangenheit Vulkans. Damals entschied der Test noch über die Würdigkeit, dem Clan anzugehören. Jetzt war es üblicherweise nur noch eine Formsache, ein Tribut an überlieferte Traditionen. Ein Versagen wurde nicht mehr als Beweis der Unwürdigkeit angesehen.

Doch wie so oft, war die Lage in Spocks Fall etwas anders. Sein Bestehen - oder Versagen - als einer der ersten Hybriden, die überhaupt lange genug lebten, um das Alter für das Kahs'wan zu erreichen, würde unweigerlich Einfluss auf die zunehmenden Spannungen zwischen Vulkanier und Menschen nehmen. Noch zu häufig wurde die Ansicht vertreten, Menschen wären schwach - und ein Halbblut könne nur die schlechtesten Eigenschaften zweier Rassen in sich vereinen.

Als Spock sich zur vereinbarten Zeit nicht am Treffpunkt einfand, wurde „Versagen“ nicht laut ausgesprochen, doch es war allgegenwärtig.

Die Sorge von Spocks menschlicher Mutter Amanda fand sogar bei ihrem eigenen Mann kaum Gehör - erst als ein weiterer Tag verging und noch immer keine Spur des Jungen zu entdecken war, veranlasste Sarek die Suche nach seinem abgängigen Sohn.

Sie fanden ihn nur wenige Stunden später. Spock lag - verborgen unter einem Felsvorsprung – auf dem Boden, seine schmale Gestalt mit Schmutz bedeckt, so dass er kaum vom umgebenden Geröll unterschieden werden konnte. Er reagierte nicht, als sein Vater ihn ansprach.

Auch der ihn begleitende Heiler konnte ihm zunächst kein Lebenszeichen entlocken. Dann entdeckte er, dass sich der Junge - sehr zu ihrer Überraschung - in eine Heiltrance zurückgezogen hatte. Und dies Jahre, bevor er ohne Hilfe mental dazu in der Lage sein sollte.

Spock war verwundet - ein Stich, dicht an seinem Herzen vorbei, der ohne die Trance den sicheren Tod bedeutet hätte.

Sarek konnte sich eines Anfluges von Stolz und Ehrfurcht nicht erwehren, als er auf die schmale Gestalt seines Sohnes blickte.

Einige Zeit nach seiner Ankunft im Elternhaus erwachte der Junge aus der Trance und konnte berichten, was sich zugetragen hatte. Zwei Männer - menschliche Männer - hatten ihm kurz vor dem Ziel aufgelauert.

Amanda wandte sich erschüttert ab. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Doch zum noch nie zuvor war Spock dabei so schwer verletzt worden. Sie hatte immer die berechtigte Sorge gehegt, dass die eine oder andere Seite versuchen könnte, Spock - der lebende Beweis, dass die Verbindung von Mensch und Vulkanier möglich war - als Druckmittel zu verwenden. Oder ihn gar zu töten. Ein menschliches Kind in diesem Alter hätte geweint oder über die Schmerzen geklagt.

Spock berichtete jedoch sachlich und ruhig von Ereignissen, für die er eigentlich noch viel zu jung sein sollte, sie zu verstehen.

Amanda wusste plötzlich, dass sie ihn endgültig an Vulcan verloren hatte.


# # #


Eine andere Nacht kam Jim zu Spock und sein Gesicht wurde von einer tiefroten Schramme entstellt. Die Wunde zog sich quer über die Wange des Menschen.

Es war eine Zeitlang still zwischen ihnen, bis Spock schließlich näher an das Gitter rückte. Da er inzwischen von der Handfessel befreit war, konnte er den Luxus einer etwas größeren Bewegungsfreiheit genießen.

Er griff durch das Gitter - etwas das er noch nie getan hatte - und berührte mit den Fingerspitzen die Wange des Menschen. Dicht unterhalb der Schramme, ohne die Wunde jedoch zu berühren.

Jim, der mit geschlossenen Augen am Gitter gelehnt war, öffnete die Lider und sah ihn fragend an.

"Was ist passiert?", fragte Spock leise. Er konnte nicht benennen, was in diesem Moment geschah - er wusste nur, dass etwas Neues zwischen ihnen begann.

"Ich war dumm", erklärte Jim schließlich, ein schiefes Lächeln krümmte seine Lippen, erreichte jedoch nicht seine plötzlich wütend verdunkelten Augen. "Ich dachte doch tatsächlich, ich konnte Gary dazu bewegen, dich freizulassen." Er zuckte geringschätzig mit den Schultern. "Wie gesagt, eine Dummheit."Eine kurze Pause folgte. "Er meinte, er verzeihe es mir - wegen meiner Jugend - und dann warf er mich raus." Wieder zuckte er mit den Schultern. "Nichts was ich bedauere, ich hatte es sowieso langsam satt, mich von ihm herum kommandieren zu lassen. Ich mag es nicht, wenn man mir vorschreibt, was ich zu denken habe." Er griff durch die Gitterstäbe, streckte die Hand nach dem Vulkanier aus. Zu seiner Überraschung schlossen sich einen Moment später warme Finger um seine. "Aber es gibt etwas anderes, über das ich mit dir sprechen möchte. Über uns."

Es war lange sehr still.

"Uns?", wiederholte Spock schließlich gedehnt.

"Ja, ich will hier weg. Und ich habe nicht vor, dich hier zurück zu lassen. Die letzten Wochen waren sehr... ich habe viel gelernt."

Spock erwiderte nichts, er blickte ihn nur an, dann auf ihre Hände, die sich berührten.

"Ich habe einen Plan. Nur Gary und Sam haben Schlüssel zu dieser Zelle. Sam ist zur Zeit nicht im Lager. Bleibt also nur Gary. Und ich weiß, wo der Schlüssel ist." Langsam zog Jim seine Hand zurück. Er erinnerte sich plötzlich daran, dass Vulkanier Berührungstelepathen waren. Hatte Spock etwa seine Gedanken gelesen? Er grinste, fand dass es ihn weniger störte, als er angenommen hatte. "Ich kann ihm den Schlüssel stehlen, sobald er schläft. Man ist gewöhnt, mich in seinen Räumen zu sehen, also würde niemand Verdacht schöpfen. In einem Tag kann ich alles vorbereitet haben." Es fiel ihm überdeutlich auf, dass Spock zu seinen Plänen noch nichts gesagt hatte. "Was meinst du dazu?", fragte er.

Schließlich sah der Vulkanier auf. "Warum solltest du meinetwegen ein solches Risiko eingehen?"

Jim stieß den Atem aus, den er unbewusst angehalten hatte. "Ich weiß es nicht", bekannte er. Obwohl er eine recht lebhafte Ahnung hatte, was ihn bewegte... "Ich habe das Gefühl, du würdest das gleiche für mich tun, wären die Rollen vertauscht. Manchmal denke ich, wir kennen uns seit Ewigkeiten." Er verstummte, verlegen. “Und ich will den Vulkaniern zeigen, dass nicht alle Menschen gleich sind”, setzte er hinzu.

Spock sah ihn nachdenklich an, seine Augen wirkten seltsam verhangen. "Ich glaube, ich verstehe." Dann veränderte sich etwas in seinen Zügen. "Auch ich möchte hier nicht länger bleiben."

“Ich komme morgen Nacht zurück”, flüsterte Jim, als auf dem Korridor Schritte erklangen. Dann huschte er in die Dunkelheit davon.

Spock sah ihm einen Moment nach, dann setzte er sich in die Ecke des Raumes, die von der Vorderfront der Zelle am weitesten entfernt war. Es war ihm klar, dass er sich dem Menschen nun in die Hand gegeben hatte. Sollte es ein Trick sein, war er möglicherweise verloren. Sollte es andererseits der Mensch ehrlich meinen, so sah Spock eine Möglichkeit, ihm zu danken.

Er war sich sicher, dass Mitchell eine Lösegeldforderung gestellt hatte und wusste ebenso, dass sein Vater diese nicht erfüllen würde. Die Entscheidung darüber oblag dem Rat und der hatte – ohne Ansehen der entführten Person – jedes Mal abgelehnt. Die Terroristen wussten sehr wohl um die mentalen Verbindungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern und dass eine lebende Geisel stets mehr wert war, als eine tote. Da die Vulkanier allerdings offene Gewaltanwendung verabscheuten, kam es nur zu langwierigen Verhandlungen, die meist damit endeten, dass entweder dem Entführten die Flucht gelang, er von den Terroristen getötet wurde oder es zu einem Austausch von Gefangenen kam.

Spock wusste, dass das Lager beobachtet wurde, er konnte die Anwesenheit anderer Vulkanier spüren, auch wenn diese sich ihm gegenüber stets mental abschirmten. Genauso wie Sarek wusste, dass sein Sohn am Leben und - den Umständen entsprechend - wohlauf war.

Die Menschen, von ihrer üppigen, grünen Erde stammend, die Spock nur aus Aufzeichnungen kannte, waren dem Leben in der Wüste nur schwer angepasst, selbst nach einigen Generationen und den Errungenschaften moderner Technik, fielen sie oft der Hitze zum Opfer. Die primitiven Verhältnisse, in denen die Terroristen lebten, sollten ihnen eigentlich das Überleben gar nicht ermöglichen, doch zum Erstaunen der Vulkanier schienen die “Neuen Menschen” sogar neue Anhänger anzuwerben.

Der schwierigste Teil war, das Lager zu verlassen. Dann mussten sie sich nur noch so lange verbergen, bis sein Vater sie abholen kam. Und Spock hatte auch schon eine Ahnung, wo.

Endlich kündeten die länger werdenden Schatten vom Ende des Tages. Spock saß ruhig in einer Ecke der Zelle und zeigte keine Spur von Anspannung, um sich nicht an seinen Wächter zu verraten. Weitere Stunden vergingen und die Nacht schritt fort.

Endlich erklang das Geräusch einer Tür und dann folgten Schritte, die rasch näher kamen.

“Du hast hier nichts mehr verloren, Kleiner! Der General hat angewiesen, dass man dich nicht in die Nähe des Vulkaniers lässt.”

Die Stimme des Wächters ließ Spock aufhören. Etwas war geschehen, dass offenbar Jims Position innerhalb der Organisation – und damit ihre Fluchtpläne – gefährdete.

“Wer behauptet denn, dass ich wegen des Vulkaniers hier bin?” Jim klang keineswegs eingeschüchtert. “Katyr meinte, ich solle dir etwas zu trinken bringen. Sam konnte bei seinem letzten Überfall ein paar Flaschen saurischen Brandy erbeuten und der wurde gerade aufgeteilt.”

“Das ist etwas anderes”, ließ sich der Wächter sichtlich erfreut hören. “Gib‘ schon her, Zwerg. Aber bleib‘ schon weg von der Zelle, verstanden?”

“Klar.”

Spock schloss die Augen, um sich noch besser auf das Hören konzentrieren zu können. Jemand trank, gierig und mit großer Hast. Dann war es wieder still. Plötzlich klirrte etwas, als wäre auf dem Steinboden ein Krug oder ähnliches zerschellt. Ein Klatschen, wie von einem Schlag – dann das dumpfe Geräusch, mit dem ein Körper auf dem Boden landete.

Spock öffnete die Augen und sah Kirk ans Gitter treten.

“Schnell”, drängte der Mensch und öffnete die Zelle mit einem Codeschlüssel. “Es könnte auf-fallen, wenn ich zu lange weg bin. Sam ist wieder da und er lässt mich nie lange aus den Augen.”

Das Gitter schwang auf und Spock sprang auf.

“Er hat Gary auch dazu gebracht, mir jeden Kontakt mit dir zu verbieten”, flüsterte Jim, während sie über den bewegungslos auf den Boden liegenden Wächter und die Scherben hinweg stiegen. “Ich habe ein Betäubungsmittel gestohlen und es ihm in den Brandy getan.” Spock konnte ihn im matten Licht grinsen sehen. “Ein Glück, dass ich weiß, wo Gary seine Brandyvorräte aufbewahrt.” Jim bückte sich und tastete nach der Waffe am Gürtel des Wächters. Es war ein primitiver, zweistufiger Phaser, ursprünglich als Werkzeug zur Bearbeitung von Stein entworfen.

Spock sah, wie Jim ihn in seine Jacke schob und dann weiter eilte. Er folgte ihm. Leises Misstrauen regte sich in ihm, als er feststellte, dass der Korridor tiefer in den Fels führte. Spock blieb stehen.

Kirk drehte sich zu ihm um. “Was ist?”

“Das ist nicht der Weg, durch den ich hierher gebracht wurde.”

“Natürlich nicht.” Kirk wischte sich ungeduldig das schweißverklebte Haar aus der Stirn. “Wir können nicht einfach durch den Vorderausgang raus, alle würden uns sehen. Aber es gibt einen Stollen, der jenseits des Felskessels mündet, er wurde als letzter Ausweg angelegt. Niemand kann uns auf diese Weise sehen.” Ohne auf eine Reaktion des Vulkaniers zu warten, wandte Kirk sich wieder um und lief weiter.

Notgedrungen folgte Spock ihm. Die wenigen und altmodischen Lichtquellen sprachen deutlich von der Knappheit an Ressourcen, mit denen sich die Terroristen begnügen mussten.

Die Luft wurde merklich kühler und der Stollen, in den der Korridor geendet hatte, schmaler und stieg leicht an. Das alles sagte Spock, dass sie sich der Oberfläche und damit dem Ende des Stollens nähern mussten. Schon seit geraumer Zeit gab es keine Lichtquellen mehr und sie bewegten sich in der Dunkelheit fort.

Der Vulkanier musste zugeben, dass Kirk sich - obwohl er im Gegensatz zu Spock, der wenigstens Umrisse wahrnahm, wohl nichts sehen konnte – ausgesprochen geschickt bewegte. Seine Achtung vor dem jungen Menschen wuchs.

Plötzlich stoppte Kirk und Spock, der ihm dicht gefolgt war, stieß gegen ihn. Der Vulkanier prallte automatisch zurück. Jim griff rückwärts nach ihm, erwischte Spocks Arm und zog ihn wieder enger zu sich. Als er den Kopf drehte, spürte Spock den Atem des Menschen auf seiner Wange.

“Wir sind am Ausgang”, flüsterte Jim. “Aber etwas stimmt nicht. Ich hatte eine Decke darüber gebreitet und mit Sand getarnt. Jetzt kann ich aber die Sterne sehen. Jemand hat die Decke weggenommen.”

“Kann es nicht der Wind gewesen sein?”, fragte Spock ebenso leise zurück. “Es gibt in der Wüste sehr heftige Fallwinde und Sandstürme.”

Jims Hand kam auf Spocks Schulter und zog den Vulkanier noch enger zu sich. Seine Lippen berührten fast Spocks Ohr. “Wir können auf keinen Fall umdrehen. Es könnte Sam oder sonst jemandem aufgefallen sein, dass ich nicht zurück gekommen bin. Und dann werden sie den betäubten Wächter finden und uns suchen. Wir müssen es riskieren.” Er zögerte kurz. “Ich zuerst. Du wartest, bis ich dich rufe.” Damit ließ er Spock los und entfernte sich einige Schritte von ihm.

Der Vulkanier sah, wie Jim die Waffe aus der Jacke zog. Dann zog stieg er an der Wand nach oben. Offensichtlich waren Stufen und Haltegriffe in den Fels geschlagen worden. Über dem Menschen schimmerten Sterne durch ein Loch im Boden. Dann zog sich Kirk hoch und war verschwunden.

Spock folgte ihm, tastete nach der ersten Stufe und zog sich hoch, bis knapp unter den Ausstieg. Dort verharrte er, den Körper eng an den kalten Fels gepresst, die Augen geschlossen, nach oben lauschend.

Ein lautes, entsetztes Atemholen, dann ein leises Gurgeln und Geräusche eines Handgemenges ertönten. Spock verharrte reglos.

“Dachte ich mir doch, dass ich dich hier finde”, erklang an der Oberfläche eine Stimme, die Spock vom Tag seiner Gefangennahme wiedererkannte. “Mein eigener Bruder ist ein mieser Verräter.”

“Es ist nicht... so... wie du... denkst.” Jims Stimme klang gepresst, atemlos. “Sam... los lassen... ich kann nicht... atmen.”

Dann hörte Spock keuchende Atemzüge.

“Nun, wir wollen doch nicht, dass du erstickst, Brüderchen. Wo ist der Vulkanier?”

“Keine Ahnung.” Jim klang noch immer atemlos.

“Komm‘ mir nicht auf die Tour, Jim. Du warst entgegen Garys ausdrücklichen Befehl bei dem Gefangenen und jetzt ist der Wächter betäubt und der Vulkanier weg. Hast du ihn laufen lassen? Wo ist er? Steckt er noch in diesem Loch?”

Ein Kopf zeichnete sich gegen die Sterne ab und Spock presste sich enger an den Fels. Er glaubte nicht, dass der Mensch ihn tatsächlich sehen konnte, doch hielt instinktiv den Atem an und spannte alle Muskeln, um sich zu verteidigen.

“Wenn du denkst, dass ich ihn befreit habe... warum bist du dann allein hier?”

Sam Kirk schnaubte verächtlich. “Ich werde doch mit meinem kleinen Brüderchen fertig werden. Müssen ja nicht alle wissen, dass Garys Liebling plötzlich Flausen bekommt.”

Jim schrie leise auf, ohne dass Spock dafür einen Grund ausmachen konnte. “Sam... lass mich los. Du tust mir weh! Du brichst mir noch das Handgelenk!”

Ein schreckliches, trockenes Knacken ertönte, so wie wenn jemand einen Zweig von einem dürren Strauch abbrach.

“Das wird dich lehren, mich mit einem Phaser zu bedrohen. Ich werde dir alle Knochen in deinem verfluchten Kadaver brechen, wenn du mir nicht sofort sagst, wo der verdammte Vulkanier steckt.”

Jim schrie wieder auf und das klatschende Geräusch eines harten Schlages, vermutlich ins Gesicht, war zu hören.

“Ich habe dich dreckige, kleine Hure nicht in Mitchells Bett geschickt, damit du mir jetzt in den Rücken fällst. Wo ist der Vulkanier?”

“Ich weiß es nicht.”

“Ich prügle es aus dir heraus, wenn es sein muss, Jim. Zum letzten Mal - wo ist er?” Sams Worte wurden von einem Schlag und einem Aufstöhnen Jims gefolgt.

Spock entschloss sich zu handeln. Geräuschlos kletterte er die letzten Stufen hoch und schob den Kopf über den Rand. Sam Kirk drehte ihm den Rücken zu. Blitzschnell zog sich Spock hoch und kauerte neben dem Ausgang.

Er beobachtete, wie Sam seinem auf den Boden liegenden Bruder einen Tritt verpasste, dann noch einen. In diesem Moment schnellte sich der Vulkanier auf und vorwärts und riss Sam Kirk mit sich zu Boden. Der überraschte Mensch leistete für einige Sekunden keinen Widerstand und diese Zeit genügte Spock, um ihn mit einem Druck auf die Nervenenden in der Schulter zu betäuben. Er rollte sich von Kirk und kniete neben Jim in den Sand, um ihm auf die Beine zu helfen. Das klare Licht der Sterne ließ Spock das Blut im Mundwinkel des Menschen erkennen.

Jim stöhnte leise, als er sich von dem Vulkanier aufhelfen ließ und presste mit der linken Hand die rechte Hand an seine Brust. “Gebrochen”, flüsterte er. “Dieser Mistkerl hat mir das Handgelenk gebrochen. Was ist... mit ihm? Ist er tot?”

“Nur betäubt”, sagte Spock. “Wir müssen von hier verschwinden. Schnell. Kannst du gehen?”

“Ich habe wohl keine andere Wahl, oder?” Jim lachte leise und stöhnte dann auf. Er drehte den Kopf zu Spock. “Da drüben, neben dem Lederblattstrauch, ist eine Felsspalte. Ich habe dort Wasser versteckt und einen Wüstenanzug für dich. Mehr konnte ich nicht... beiseite schaffen.”

Er stoppte einen Moment und Spock hörte ihn heftig einatmen. Als der Mensch schwankte, griff der Vulkanier rasch nach ihm.

Jim machte sich von ihm los. “Ich bin gleich wieder in Ordnung”, sagte er. “Bin nicht zum ersten Mal von ihm verprügelt worden...” Er krümmte sich leicht zusammen. “Hol‘ das Zeug aus der Felsspalte.”

Spock sah sich um. Ein Mon’tere-Busch wuchs als einzige Pflanze einige Schritte von ihnen entfernt und er nahm an, dass Kirk diesen gemeint hatte. Als er die dornigen Zweige vorsichtig zur Seite bog, konnte er einen dunklen Spalt im grauen Felsgestein ausmachen und griff hinein. Zwei Wasserflaschen und ein Bündel steckten darin. Spock zog sie heraus und vertauschte seine schmutzigen und zerrissenen Kleider gegen einen Wüstenanzug, der für seine schmale Gestalt zu weit und für seine langen Beine zu kurz war. Aber das spezielle Material würde die Haut während des Tages vor der Strahlung der Sonne schützen. Er zog die Kapuze des zugehörigen Umhangs über den Kopf. Spock hatte bereits früherer bemerkt, dass Jim einen ähnlichen Anzug trug.

Er befestigte beide Wasserflaschen an den dafür vorgesehenen Schlaufen und drehte sich wieder um.

Jim kniete neben seinem Bruder. “Er kommt zu sich”, sagte er, ohne zu dem Vulkanier aufzusehen, der zu ihm trat.

“Dann müssen wir uns beeilen. Es ist dunkel, er kann uns nicht einfach folgen. Ich kenne ein Versteckt, dass wir lange vor Tagesanbruch erreichen können.”

Jim schüttelte den Kopf. “Er ist doch mein Bruder”, sagte er leise.

Sam schlug die Augen auf und starrte verständnislos auf den Vulkanier. Dann kam ein Flucht über seine Lippen und er rappelte sich auf, Jim dabei zur Seite stoßend. Schwankend kam Sam auf die Beine und zog den Phaser aus dem Gürtel, den er Jim abgenommen hatte.

Spock wich zurück. Der nächste Felsblock, der ihm Deckung geben konnte, war mehrere Schritte entfernt und selbst wenn er sich schnell bewegte, hätte Kirk ihn getroffen, noch bevor er die Deckung erreichen konnte. Die einzige Chance, die er hatte, war sich von dem Menschen zu entfernen, ohne dass der schoss – und dann in der Dunkelheit des Stollens zu verschwinden.

Es war kein angenehmer Gedanke, rückwärts in den Stollen zu springen, doch Spock sah darin die einzige Möglichkeit. Sicher würde Kirk ihm folgen und damit hatte Jim Zeit, sich zu entfernen. In dem engen Stollen konnte Sam sich kaum wehren und Spock würde ihn erneut außer Gefecht setzen.

Er war seinen Berechnungen nach nur noch einen Schritt vom senkrecht nach unten führenden Stolleneingang entfernt, als sich hinter Sam Kirk sein Bruder Jim aufrappelte.

Etwas blitzte in seiner Hand auf und Sam Kirk fiel stumm zu Boden.

Spock eilte auf ihn zu und sah das Messer im Rücken des Menschen stecken, dann blickte er Jim an. Der kniete im Sand, den Kopf gesenkt. Spock trat neben ihn, packte ihn an den Schultern und zog ihn auf die Beine. Jim zitterte heftig.

“Wir müssen gehen”, sagte Spock leise.

Jim hob den Blick und sah ihn verwirrt an, dann schüttelte er sich. “Ja.” Er machte sich aus dem Griff des Vulkaniers los und entfernte sich einige Schritte. Er stoppte und sah sich um, vermied es dabei, seinen Bruder anzublicken und wies dann in Richtung Norden. “Wir müssen uns dorthin wenden, um den Wachen zu entgehen”, sagte er gepresst.

Spock trat schweigend an seine Seite und folgte ihm in die angegebene Richtung.


# # #


Die Hitze durchdrang angenehm Spocks gestohlenen Wüstenanzug, harte Strahlung liebkoste sein Gesicht, sanft wie streichelnde Hände. Menschliche Haut hätte bereits nach wenigen Minuten schwere Schäden davon getragen, doch er empfand es als wohltuend, die Kapuze so weit zurück zu schieben.

Spock lief schnell, aber ohne Anstrengung und achtete darauf, dass Kirk nicht zu weit hinter ihn zurückfiel. Die Schwäche des Menschen entging ihm nicht. Doch nach der Zeit der Gefangenschaft in einer kleinen Zelle sehnte er sich nach der Freiheit der Bewegung.

Sein Schritttempo verringerte sich kaum, als sie endlich die ersten Ausläufer der Llan'gan-Berge erreichten, hinter denen Shi'Kar lag. Wesentlich später, als Spock errechnet hatte, da Kirk häufig Pausen einlegen musste, um sich zu erholen. So hatten sie in der Morgendämmerung erst knapp die Hälfte des Weges zurückgelegt.

Er fragte sich nicht, warum sein Vater keinen Gleiter schickte, um sie abzuholen, obwohl Sarek längst wusste, dass sein Sohn wieder frei war. Über die mentale Verbindung zwischen ihnen hatte Spock nur die Anweisung erhalten, sich so weit wie möglich vom Tal der “Neuen Menschen” zu entfernen und sich zu verbergen. Deshalb führte Spock nun Jim zu einer Höhle, die ihm seit seiner Kindheit bekannt war.

Er zog sich an einer Felsnase hoch und eine scharfe Kante riss seine Handfläche auf. Ein paar Tropfen smaragdgrünes Blut blieben hinter ihm zurück, schimmerten im harten Licht kurz wie Edelsteine, bevor der ausgedorrte Boden die Feuchtigkeit gierig auf sog. Flüchtig betrachtete Spock die Wunde, bevor er die Hand gleichgültig abwischte.

Er kannte jeden Zentimeter dieser Felsen, als Kind war er tagelang hier herum gestreift. Seine Schritte wirbelten kleine Sandwolken auf, als er abrupt stehen blieb und sich nach dem Menschen umsah.

Keine Spur von Jim. Er lief zurück zu der Felsnase, an der er sich hochgezogen hatte und sah hinunter. Knapp drei Meter unter ihm stand Jim und blickte zu ihm hoch.

“Mit der gebrochenen Hand schaffe ich es nicht, da hoch zu klettern”, sagte Jim leise.

Spock ließ sich zu ihm herunter und betrachtete das schweißbedeckte, blasse Gesicht des Menschen. Entweder setzte ihm die Hitze so zu oder die Verletzungen, die Jim von den Prügeln davon getragen hatte, waren schwerer, als er wusste.

“Es ist der kürzeste Weg”, sagte Spock. “Wir müssen über diesen Absatz.” Er sah an den Felsen hoch. Es gab kein lockeres Gestein und ausreichend Tritt- und Griffmulden. “Kannst du dich an mir festhalten?” Er blickte den Menschen wieder an.

Jim zögerte einen Moment, dann nickte er. Er trat hinter den Vulkanier. Die gebrochene Hand an die Brust gedrückt, schlang er den linken Arm um Spocks Schultern und zog sich an ihm hoch, die Beine um Spocks schmalen Hüften geschlungen. Er drückte sein feuchtes Gesicht in den rauen Stoff der Kapuze und schloss die Augen. Fast glaubte er die Bewegung von Muskeln fühlen zu können, als Spock sich - ohne sichtliche Behinderung durch die Last auf seinem Rücken – an den Aufstieg machte. Jim hielt den Atem an und spürte mit einem Anfall bitterer Heiterkeit, dass er eine Erektion bekam. Das war wirklich der denkbar ungünstigste Moment dafür... Er biss die Zähne zusammen.

Einen Moment später standen sie auf der Felsnase und Jim ließ sich erleichtert von Spocks Rücken fallen. Er taumelte rückwärts und der Vulkanier fuhr zu ihm herum und hielt ihn fest. Einen Moment lang sahen sie sich an.

Spocks Augen waren zwei schmale Schlitze, als er den Menschen losließ.

Jim senkte den Blick und fragte sich, ob Spock gespürt hatte...

“Es ist nicht mehr weit”, holte ihn die Stimme des Vulkaniers aus seinen Gedanken.

Kurze Zeit später rastete sie im Schatten einiger Felsen. Während Jim sich auf einem einigermaßen flachen Stein niederließ, blieb Spock wachsam stehen und blickte in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Der Mensch hustete Sand aus seiner rauen Kehle und warf einen neidvollen Seitenblick auf den Vulkanier. Kein Tropfen Schweiß auf seiner glatten Stirn, kein Haar in Unordnung gebracht und kaum ein Fleck auf seiner Kleidung. Er dagegen fühlte sich, als hätte man ihn zuerst in einen Sumpf geworfen und dann in der Sonne gar gebraten. Seine Klamotten klebten an ihm und er wollte nicht wissen, wie er roch.

Ein plötzlicher Schauer rief eine Gänsehaut auf seinen Armen hervor. Noch vor kurzem war es unerträglich heiß gewesen, doch mit dem Ansteigen der Felswände sank jetzt die Temperatur allmählich wieder. Er sah sich um, einige dürre Grasbüschel und ein paar staubbedeckte graue Wüstenpflanzen schien alles Leben zu sein, das sich hier festklammerte.

Wie magnetisch angezogen, kehrte sein Blick zu Spock zurück. Kaum zu glauben, dass er es mit einem zivilisierten, gebildeten Wissenschaftler zu tun hatte. Der Vulkanier wirkte keinen Deut anders als seine kriegerischen Ahnen auf Bildern, die Jim gesehen hatte. Nun, vielleicht von seinem Mangel an einer Bewaffnung abgesehen. Er versuchte sich eine Lirpa in den schmalen Händen des Vulkaniers vorzustellen.

Eine plötzlich auftretende, heiße Brise zerrte an Spocks Haaren, im Nacken länger als bei den meisten Vulkaniern, denen Jim je begegnet war. Hinter Spock blähte sich der Umhang wie ein Paar sandfarbener Flügel auf.

Jims Magen krampfte sich schmerzlich zusammen und er schob es auf den Mangel an Nahrung, an Wasser. “Wie weit noch?”, fragte er.

Spock sah ihn an und wies dann mit der Hand auf einen dunklen Schatten, vielleicht dreißig Meter über ihnen. “Dort oben ist eine Höhle, in der wir uns verbergen können, bis die Hitze gegen Abend abnimmt. Oder bis uns jemand abholt.”

“Abholt?” Jim richtet sich ruckartig aus seiner zusammengesunkenen Haltung auf. “Niemand weiß, wo wir sind, oder?”

“Mein Vater ist über unseren Aufenthaltsort informiert.” Spock musterte den Menschen mit neuem Interesse. Der enge, körperliche Kontakt mit Jim während des Kletterns hatte eine spontane mentale Verbindung erzeugt, die Spock natürlich sofort abgebrochen hatte. Er war sicher, der Mensch hatte davon nichts bemerkt, doch der Vulkanier beschäftigte sich immer noch mit den emotionalen Eindrücken, die er während dieses Moments wahrgenommen hatte.

“Warum müssen wir dann hier durch die Gegend laufen?” Verwirrung zeigte sich auf Jims Gesicht und er rieb sich mit der Handfläche über die Augen.

“Ich weiß es nicht”, sagte Spock nur. “In der Höhle ist es kühler, du solltest doch besser dort ausruhen, als hier. Es ist fast Mittag. Bald wird die Strahlung gefährlich für dich.”

“In Ordnung.” Jim rappelte sich stöhnend hoch und quälte sich hinter Spock einen kaum sichtbaren, schmalen, felsigen Pfad hoch.


# # #


Die Höhle erschien Jim wie ein Wunder. Sie roch zwar nicht unbedingt einladend, aber die Temperatur sank in ihrem Inneren schlagartig um mindestens dreißig gefühlte Grad. Der Boden war mit Rillen bedeckt, in denen sich feiner, heller Sand sammelte. Jim lehnte sich an die Wand. Hoch war die Höhle nicht. Spock musste fast den Kopf einziehen, um nicht an die Decke zu stoßen. Er sah zu, wie Spock sich niederkniete, um den Boden genau zu studieren. “Was ist los?”, fragte er beunruhigt.

“Diese Höhle wurde einige Zeitlang von einem Le Matya benutzt”, meinte Spock. “Das sind die Spuren seiner Krallen.”

“Was? Soll das heißen, so ein Monster kann hier jeden Moment rein spaziert kommen?” Jim blickte besorgt zum Eingang und dadurch entging ihm der amüsierte Zug um Spocks Augen.

“Der Le Matya war einige Tage nicht mehr hier, sonst wäre der Geruch viel stärker und die Rillen nicht voll Sand. Ein Le Matya hält seine Höhle rein. Außerdem kann es nur ein Jungtier oder ein Halbwüchsiger gewesen sein, ein erwachsenes Tier käme nicht durch den schmalen Eingang.”

“Wie beruhigend”, bemerkte Jim sarkastisch und ließ sich auf den Boden sinken.

Spock schnallte eine Wasserflasche vom Gürtel und reichte sie Jim. Er selbst hatte nur einmal ein wenig Wasser getrunken und überließ den Rest dem Menschen. Ihr Vorrat war auf eine halbe Flasche zusammengeschrumpft, doch Spock machte sich darüber keine Sorgen. Bevor der zu Ende war, würden sie in Sicherheit sein. Er schloss die Augen und tastete nach der mentalen Verbindung zu seinem Vater.

Sarek reagierte und ließ ihn wissen, dass sie am späten Nachmittag aufbrechen würden, sobald es kühler wurde, aber noch bevor die nächtlichen Sandstürme anbrachen, die mit ihren Magnetfeldern ein Navigieren fast unmöglich machten.

“Hey, was ist los?”

Jim Stimme riss ihn zurück. Spock sah ihn an, eine Augenbraue fragend hochgezogen.

“Du... warst gerade irgendwie weggetreten.”

“Ich hatte nur Kontakt zu meinem Vater. Wir werden in einigen Stunden abgeholt.” Durch den Eingang fiel genug Licht, dass Spock erkennen konnte, dass sich der Mensch etwas erholt hatte. Er legte seinen Umhang ab, zog das Oberteil des Anzugs aus und riss einen Streifen vom Saum ab, dann noch zwei weitere.

Jim starrte ihn an. “Was... soll das?”

Wieder sah ihn Spock mit hochgezogener Augenbraue an. “Wir sollten uns um dein Handgelenk kümmern.” Ohne ein weiteres Wort ließ er sich neben dem Menschen nieder und zog Jims Arm zu sich.

Jim biss die Zähne zusammen, als Spock einen Stoffstreifen um sein Handgelenk schlang und es so fixierte, dann seinen Arm mit den beiden anderen Fetzen an den Körper band. Kaum war sein Arm so ruhig gestellt, als auch der Schmerz etwas nachließ. Jim sah den Vulkanier an. “Danke.”

Spock neigte nur den Kopf. Er wandte sich ab, um sich wieder anzukleiden. Für ihn war die Höhle sehr kühl. Doch nicht so kalt, wie die Hand, die sich um seinen Arm schloss und ihn festhielt.

“Ich...” Jim zögerte, zog dann rasch die Hand zurück. “Es ist... schade... dass wir uns unter diesen Umständen kennen lernen mussten. Ich glaube, wir hätten... Freund werden können.”

“Was hindert uns daran?”, fragte Spock. Er hatte in der Berührung des Menschen unverhohlenes Begehren wahrgenommen und entdeckte überrascht, dass es in ihm Widerhall fand. Ja, warum nicht...

Jim sah ihn verblüfft an – grinste dann. “Wir haben noch viel Zeit, bis dich dein Vater abholt, richtig?”

“Einige Stunden.”

“Ich denke, das sollte reichen...” Jim ließ zuerst seine Augen, dann die Finger seiner gesunden Hand über Spocks bloßen Oberkörper wandern. Dann rückte er näher und sog eine der grünlich schimmernden Brustwarzen in seinen Mund.

Spocks Augen schienen noch dunkler zu werden und er schob den Menschen von sich, vorsichtig darauf bedacht, nicht den verletzten Arm zu berühren. Bevor Jim fragen konnte, drückte Spock ihn zurück, bis er flach vor ihm lag.

Seine Finger glitten an die Schläfe des Menschen und plötzlich hatte Jim das seltsame Empfinden, doppelt zu fühlen. Er spürte Spocks Haut unter seinen Fingern und gleichzeitig – so schien es – glitten sie über seine Haut.

Er seufzte und sah zu dem Vulkanier auf, der sich über ihn beugte.


# # #


Jim erwachte nicht, als Spock sich von ihm löste, sich an seinem Oberteil säuberte und sich anzog. Mit Rücksicht auf Jims körperlichen Zustand hatten sie sich auf das beschränkt, was Jim grinsend “Schulsport” genannte hatte.


Spocks Gewicht wurde von seinen Unterarmen getragen, die links und rechts neben Jims Gesicht auf dem Boden lagen. Fasziniert von den changierenden Augen des Menschen, die seine Lust widerspiegelten, beobachtete Spock Jims Gesicht. Die gesunde Hand des Menschen spielte mal mit seinen Brustwarzen, glitt dann tiefer, um seinen steifen Penis zu umschließen. Spock war sich der Schwäche des menschlichen Körpers unter seinem stets bewusst. Da er seine Erregung steuern konnte, presste er sich heftiger in den Tunnel aus Fleisch, den Jims Hand für ihn formte und erreichte den Orgasmus. Über die leichte, mentale Verbindung, die er hergestellt hatte, reflektierte er sein Empfinden zu Jim, der nur Sekunden später seinen kühlen Samen gegen Spocks Bauch spritzte. Wie Feuer und Wasser.

Spock ließ sich zur Seite fallen und beobachte Jim. Er streckte die Hand aus und strich ihm das schweiß-verklebte Haar aus der Stirn zurück. Er schmiegte sich an seine Seite, um ihn warm zu halten und spürte, wie Jim in einen erschöpften Schlaf sank.


Nachdem er vollständig bekleidet war, brachte er die Kleidung des schlafenden Menschen in Ordnung. Spock verspürte nicht das geringste Verlangen, seinem Vater diese Situation erklären zu müssen.

Jim schlief noch immer, als Spock die Höhle verließ, um Sarek entgegen zu treten. Die scharfen Augen des älteren Vulkaniers flogen über die Gestalt seines Sohnes, offenbar zufrieden mit seinem Zustand, denn Sarek nickte nur.

Spock kehrte in die Höhle zurück, rüttelte Jim wach, half ihm auf die Beine und ins Freie. Im Gleiter wagte Jim es nicht, ein Wort an Spock zu richten, der plötzlich ein anderer geworden schien. Vermutlich lag dies an der Anwesenheit Sareks. Jim hatte von ihm gehört, seinem Einfluss auf Vulcan - und von seiner menschlichen Frau. Sarek schien also nicht zu den Vulkaniern zu gehören, die jeden Kontakt zu den Menschen mieden.

Niemand stellte während des Fluges auch nur eine Frage oder richtete das Wort an ihn.

Spock sah ihn nur einmal flüchtig an, als er Jim aus dem Gleiter half, dann verschwand Spock in dem Haus, auf dessen Dach sie gelandet waren.

Sarek wandte sich ihm zu. “Sie werden abgeholt und zu einer Befragung des Rates gebracht werden”, sagte er. “Ich danke Ihnen, dass Sie meinen Sohn befreit haben.” Sarek nickte ihm zu und ließ Jim dann allein auf dem Dach stehen, wo ihn keine Minute später ein zweiter Gleiter aufnahm.


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Einige Wochen später sah sich Jim in seinem kargen Quartier um, dass er im menschlichen Viertel von Shi’Kar bezogen hatte. Es war nicht viel, was er mit zur Erde nehmen konnte: ein paar Kleidungsstücke und ähnliches. Er hatte Verwandte, bei denen er bleiben konnte, bis er sich entschieden hatte, was er mit seinem neuen Leben anfangen wollte. Vielleicht war es nicht zu spät, sich um Aufnahme an die Sternenflottenakademie zu bewerben und den Fußstapfen seines Vaters zu folgen.

Die “Neuen Menschen” gab es nicht mehr, die Organisation zerfiel, nachdem Mitchell kurz nach Jim und Spocks Flucht von seinen eigenen Anhängern getötet wurde. Das Verhältnis zwischen Menschen und Vulkaniern schien sich langsam zu bessern.

Er fühlte sich seltsam zerrissen. Sam war tot... und er hatte ihn getötet – das bereitete ihm noch immer Alpträume. Und Spock hatte er nicht wiedergesehen. Auch das schien nur ein Traum gewesen zu sein. Er hätte ihn aufsuchen können, doch er hatte nicht den Mut dazu.

Nur ein Traum... Jim nahm seine Tasche auf und ließ mit dem unpersönlichen Zimmer auch die Vergangenheit hinter sich.



Ende