neu: Spirale abwärts (Beauty and the Beast, gen, AR)
Titel: Spirale abwärts
Autor: Lady Charena
Fandom: Beauty and the Beast
Paarung: Jacob Wells, Anna und John Pater, Mary, die Gemeinde
Rating: gen, AR
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Eine Geschichte, wie Vincent in die Tunnelgemeinschaft aufgenommen wurde und wie sich Jacob Wells und John Pater darüber entzweiten. Sie beruht auf dem, was über die Vergangenheit Vincents und Paracelsus in „Das Ritual der Unschuld“ zu erfahren ist.

Fortsetzung zu: „Das Kind im Schnee“ und „Vaterliebe

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Still und klar lag der Spiegelteich vor ihm. Jacob kam oft hierher, um in der Stille seine Gedanken zu ordnen. Es war spät, selbst hier unten, wo es immer dunkel war, schlief alles. Auch die Rohre waren längst verstummt. Ja, alles war still... Und doch war eine schreckliche Unruhe in ihm, als er über die vergangenen Stunden nachdachte.

* * *

Er hatte die Gemeinde zusammengerufen, um über Vincent und seine Aufnahme in die Familie zu sprechen.

Jetzt, da dieser diese merkwürdige Krankheit überwunden hatte und alles dafür sprach, dass das Kind überleben würde, hielt er den richtigen Zeitpunkt dafür gekommen. Vincents Erkrankung... er hatte noch immer keine medizinische Erklärung dafür. Etwa zehn Tage waren vergangen, seit Anna ihn gefunden hatte, als sich sein Zustand plötzlich verschlechterte. Das Fieber stieg, er nahm keine Nahrung zu sich und gab ein herzzerreißendes Weinen von sich. Doch nach drei Tagen, in denen Jacob abwechselnd mit Anna, John und Mary Tag und Nacht an der Wiege wachte, ging es Vincent plötzlich wieder besser. Er hörte einfach auf zu weinen und das Fieber sank innerhalb weniger Stunden rapide. John war in dieser Zeit bei ihm gewesen, doch er hatte Jacob erst am nächsten Morgen informiert, als auch Anna die Besserung bemerkte.

Jacob hatte es damals abgetan, ohne sich mehr dabei zu denken. Doch nun machte er sich Sorgen. Denn John Pater hatte sich sehr verändert. Er grenzte sich von allem ab, sogar von Anna, vergrub sich stunden- manchmal sogar tagelang in seinem Labor. Verbitterung lag in seinen Augen, in seinen Gesten und Worten. Und seine Besessenheit mit Vincent nahm langsam sonderbare Formen an. Anna hatte ihm berichtet, dass John nächtelang an der Wiege saß und leise mit dem Kind sprach. Worüber, das wollte sie ihm nicht sagen.

Und doch hatte sich sein Verstand noch immer geweigert, wirklich zu sehen, wirklich zu verstehen, wie weit John Pater sich bereits von ihnen entfernt hatte...

Die Versammlung...

Bereits von Anfang an hatte Jacob das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Die Menschen bildeten kleine Gruppen und diskutierten leise, fast verstohlen, miteinander. Anna saß blass und still ganz alleine mit Vincent am anderen Ende des Raumes, bis Mary zu ihr trat und einige Worte an sie richtete. Alle waren anwesend, nur John war zunächst nicht zu entdecken und Jacob erinnerte sich an seine Verwunderung – es war noch nie vorgekommen, dass John zu spät zu einer Versammlung erschienen war.

Als schließlich die Ersten unruhig zu werden begannen, konnte er nicht länger warten. „Ich habe euch alle hierher gebeten, damit wir in Ruhe und vernünftig über die Aufnahme eines neuen Mitglieds entscheiden können. Vincent ist...“

„Vincent?“, unterbrach ihn ein Zuruf. Es war der Vater des kleinen Pascals, der gesprochen hatte. Er hielt seinen Sohn auf dem Schoss. „Du hast diesem Monster also schon einen Namen gegeben?“

Leises Gemurmel erhob sich.

Betroffenes Schweigen breitete sich aus, als Jacob zunächst ihn, dann alle anderen anblickte. Einige wichen seinem Blick aus. Andere hielten ihm stand. „Das ist es also, was ihr in ihm seht? Ein Monster?“, fragte er. „Ist einer von euch schon einmal zu ihm gegangen und hat in seine Augen gesehen?“

Wieder brandete Gemurmel auf. Einige blickten zu Anna, die das Baby in ihren Armen wiegte, leise mit ihm sprach und die Aufmerksamkeit, die sich auf sie richtete, nicht zu bemerken schien. Oder sie bewusst ignorierte...

Und wieder war es Pascals Vater, der das Wort ergriff. „Ich halte es nicht für sicher, ihn bei uns zu behalten.“

Jacob wartete ab, bis es wieder still war, dann sah er ihn an, blickte erneut in die Runde. „Was schlägst du vor? Was schlagt ihr vor, was wir tun sollen? Ihn wieder nach oben bringen und zurück in den Schnee legen, als hätte Anna ihn nie gefunden? Als ginge er uns nichts an?“

Der Mann senkte den Blick. „Nein, das natürlich nicht. Aber wissen wir denn, was er ist? Noch ist er ein Kind, gut, aber können wir sagen, wie es sein wird, wenn er größer ist? Ob er überhaupt intelligent ist? Vielleicht ist sein Geist genauso missgeb... fremdartig wie sein Aussehen? Er könnte zur Gefahr für uns alle werden.“

„Sollen wir ihn aufgrund einer Möglichkeit der Welt oben überlassen?“ Jacob stützte sich schwer auf seinen Stock, als er sich vorbeugte. “Damit sie ihn in einen Käfig sperren und ausstellen kann? Natürlich nur, wenn er nicht in einem Versuchslabor landet. Beides käme einem Todesurteil gleich. Wer von euch will es vollstrecken? Diese Gemeinde wurde mit dem Prinzip gegründet, all denen Zuflucht und Hilfe zu gewähren, die sie suchen. Und nun sollen wir sie ausgerechnet Vincent verwehren? Einem Kind, das unserer Hilfe und unseres Schutzes in einem weitaus größeren Maße bedarf, als jemals zuvor vor ein Kind, das zu uns kam?“

Es blieb stumm, als Jacob erneut in die Runde der versammelten Gemeinde blickte. Unschlüssigkeit stand in vielen Gesichtern, in manchen auch Verlegenheit. „Haben nicht gerade wir die Verpflichtung, ihm zu helfen, ihn zu schützen? Ja, ich habe die gleichen Fragen, wie ihr alle. Wer ist er? Was ist er? Woher kommt er? Und ich habe genauso wie ihr keine Antworten. Einige dieser Fragen wird die Zeit beantworten. Vieles werden wir wohl nie erfahren. Aber er ist jetzt und hier in unserer Mitte. Er lebt. Und er braucht uns. Uns alle, die ganze Familie.“ Er schwieg einen Moment. „Ich bitte euch, zu überlegen, ob unsere Ängste, die dem Fremden gelten, uns nicht blenden, so dass wir übersehen, dass hier ein hilfloses, menschliches Wesen unter uns ist.“

„Ist er das denn, Jacob?“, fragte Elisabeth leise. „Ist er wirklich ein Mensch?“

Jacob wandte sich zu Anna um und nickte ihr zu. Sie stand auf und stellte sich mit dem Kind im Arm neben ihn. Jacob wandte sich wieder der Gemeinde zu. "Seht ihn euch an. Blickt in seine Augen. Und dann entscheidet selbst.“ Erschöpft trat er von Anna weg und setzte sich.

Nur zögernd standen die ersten auf und traten zu Anna und dem Baby. Kaum jemand hatte das Kind bisher gesehen, nur Gerüchte und Beschreibungen gehört. Und viele fanden nun, dass das, was sie vorfanden, keineswegs ihren Erwartungen entsprach.

Jacob beobachtete sie, bewertete ihre Reaktionen. Er wusste, was sie fühlten, da er genauso empfunden hatte, als er das Kind zum ersten Mal sah – Schock, Verwirrung, Ungläubigkeit, schließlich Mitleid, all das erkannte er in ihren Gesichtern wieder. Er sah, wie bei den meisten die Furcht vor dem Fremden in den Hintergrund trat und der Neugier Raum geben musste.

Es war eher Zufall, dass sein Blick auch über den Eingang der Kammer glitt. John stand dort, halb in den Schatten verborgen. Sein Blick war auf Anna und das Kind gerichtet und ein so merkwürdiger Ausdruck lag in seinem Gesicht, dass Jacob sich unwillkürlich erhob und zu ihm ging.

„John. Ich hatte dich schon bei der Versammlung vermisst.“

„Ich hatte Wichtigeres zu tun, als mir euer Geschwätz anzuhören“, kam die abweisende Antwort seines Freundes.

Jacob runzelte die Stirn. „Es geht immerhin um etwas sehr wichtiges, um Vincents Aufnahme in die Gemeinde. Ich hätte erwartet, dass du...“

„Das ich was?“, unterbrach ihn John und blickte ihn an. Seine Augen waren dunkel und undeutbar. „Das ich dich unterstütze, diesen Haufen an Ignoranten zu überreden, meinen Sohn zu akzeptieren? Über ihn habe nur ich zu bestimmen.“

„John, ich glaube, du weißt nicht, was du da sagst. Wir sind deine Freunde, deine Familie und Vincent... ich freue mich natürlich, wenn ihr euch um ihn kümmern wollt, aber er ist nicht dein Eigentum – und John, er ist nicht dein Sohn.“

„Willst du es mir verbieten? Sieh dich doch um, Jacob.“ Er wies in die Runde. „Niemand in deiner teuren Familie will ihn, weil niemand sieht, was er wirklich ist. Nicht einfach ein Kind, nein er ist ein Wink des Schicksals - etwas, das die Alten ein Lächeln der Götter nannten. Ein Geschenk. Du verstehst nichts davon.“

Irritiert verengten sich Jacobs Augen. „Ich verstehe durchaus, dass Anna und du immer Kinder haben wolltet. Und das es schwer für euch war, das Baby zu verlieren und keine eigenen mehr bekommen zu können. Aber... interpretierst du nicht zu viel in dieses Kind?“

John sah ihn an. „Du bist ein armseliger Narr, Jacob. Und du bist immer schon ein Narr gewesen, ein hoffnungsloser Träumer und Idealist. Dieses Kind trägt eine ungeheuere Macht in sich. Es könnte eines Tages die Welt verändern. Doch bis dahin muss es sorgfältig geführt werden, gelenkt und geformt, bis es soweit ist, die Macht in sich zu spüren und sich von ihr regieren zu lassen. Wie kannst du nur so blind sein, Jacob Wells und diese Macht nicht spüren, wenn du in seine Augen blickst.“

Jacob wich unwillkürlich von ihm zurück, abgestoßen von den Worten des anderen Mannes. „Hast du den Verstand verloren? John, komm‘ zu dir!“ Er ergriff ihn am Arm. „Es ist nur ein Kind. Du redest, als wäre es ein... ein... Von was redest du da?“ Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er kalte, nackte Angst, als er in die Augen des Mannes blickte, den er bisher für einen Freund gehalten hatte. Doch jetzt hatte er das Gefühl, einem Fremden gegenüber zu stehen – einem Fremden, in dessen Augen ein wahnsinniges Feuer loderte.

„Ein Gott“, beendete John Pater ruhig seinen Satz. Er stieß Jacob beiseite, der hart gegen die Wand prallte und durchquerte den Raum.

Anna fuhr herum, als sie die Nähe ihres Mannes spürte. Instinktiv drückte sie das Baby enger an sich.

„Komm‘, wir gehen!“, befahl John. „Hier will man uns und unseren Sohn offensichtlich nicht.“

Anna warf einen flehenden Blick zu Mary, senkte dann den Kopf und eilte an Jacob vorbei aus der Kammer, ohne ihm einen Blick zu gönnen. Ihr Mann folgte ihr.

Jacob hielt ihn zurück. „John. Sei‘ vernünftig. Überlass‘ das Kind der Familie.“

„Du meinst, ich soll es dir überlassen. Damit du es voll stopfen kannst mit deinen frommen Sprüchen und knebeln mit deinen moralischen Ansprüchen. Du würdest die Flamme der Macht in ihm erkalten lassen und dich in ihrer Asche als sein Retter fühlen. Nein, Jacob. Ich habe dich längst durchschaut.“ Er befreite mit einem Ruck seinen Ärmel aus Jacobs Hand und ging.

Mary eilte zu Jacob, der schwer atmend an der Wand lehnte. „Was ist passiert?“, fragte sie besorgt. „Was ist nur mit John los?“

„Ich weiß es nicht, Mary.“ Jacob schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Er presste den Handballen gegen seine Stirn, hinter der ein Sturm tobte. „Die Versammlung ist für heute beendet. Sag‘ allen, wir werden das nächste Mal abstimmen.“ Er drückte ihren Arm, wandte sich ab und verließ die Kammer.

Lange ging er ziellos durch die Tunnel, bis er seine Schritte dann zum Spiegelteich lenkte.

* * *

Die Kinder liebten es, hier zu baden und es wurde ihnen auch erlaubt, da der Spiegelteich ungefährlicher war als die Untiefen bei den Klippen, wo die älteren Kinder schwimmen gingen und tauchten. Dann hallten ihr Gelächter und ihre fröhlichen Stimmen von den Wänden und der niedrigen Decke wider und erfüllten den Raum mit Leben. Jetzt war es still, bis auf den Wind, der immer durch diese Tunnel wehte.

Jacob versuchte, sich nur auf dieses Geräusch zu konzentrieren, es alle Gedanken forttragen zu lassen. Es gelang ihm nicht. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu John Pater und seinen Worten zurück. Hatte er den Verstand verloren? War es so einfach? Johns Ambitionen waren stets hoch gewesen, doch sollte er ihnen jetzt erlegen sein?

Was war richtig, was war falsch...

Aber eines war klar - Vincent konnte nicht bei ihm bleiben. Er wusste, es würde Anna das Herz brechen, wenn sie ihr das Kind wegnahmen, aber er sah keine andere Möglichkeit. John kannte diese Tunnel wie kein anderer. Es gab andere Ebenen, weit entlegene Tunnelsystem, die ans andere Ende der Stadt führten. Und vielleicht darüber hinaus, noch hatte niemand sie erforscht. Wenn er beschließen sollte, mit Anna und dem Baby wegzugehen, würden sie ihre Spur völlig verlieren.

Müde lehnte er sich gegen die kalte Felswand.

Was ist richtig, was ist falsch...

John, es tut mir leid, dachte er. Ich kann diese Verantwortung nicht übernehmen. Und er dachte auch an Anna, an das glückliche Strahlen in ihren Augen, in die neues Leben zurückgekehrt war.

Er ließ den Kopf auf die Brust senken und trauerte um den verlorenen Freund.

* * *

„John? Anna?“ Alles war still, als er in die Kammer trat, in der die beiden lebten. Sie lag abseits der anderen, isoliert. Doch die Kammer war leer. Ebenso die Wiege.

Jacob sah sich um. Kam er zu spät? Doch der Raum wirkte nicht verlassen, alles war an seinem Platz. Sogar das Schachbrett war in einer vor mehr als drei Monaten begonnen Partie aufgestellt. Er wartete.

Doch es vergingen zwei Stunden, ohne das jemand zurückkehrte. Jacob machte sich auf den Weg in Johns Labor. Aber auch diese Kammer war leer.

Beunruhigt kehrte er zurück. Einige Abzweigungen vor seiner Kammer lief ihm Mary entgegen.

„Ich habe dich überall gesucht. Hast du die Nachricht durch die Rohre nicht gehört?“

Jacob schüttelte den Kopf. Er war zu sehr in seine Gedanken versunken gewesen, um darauf zu achten. Außerdem lag John und Annas Kammer weit entfernt vom Rohrsystem. Nachrichten kamen nur verstümmelt oder überhaupt nicht dorthin. „Was ist passiert?“

„Anna ist hier. Zusammen mit Vincent. Sie sagt, sie muss unbedingt mit dir sprechen.“ Mary bewegte die Hände in einer hilflosen Geste. „Sie scheint furchtbare Angst zu haben, aber sie will mit mir nicht darüber sprechen.“

Während ihres Gesprächs hatten sie die Kammer erreicht und Mary ließ ihn allein. Jacob ging auf Anna zu, die Vincent herzte und leise mit ihm sprach. „Anna?“

Sie sprang auf. „Endlich. Jacob...“ Sie reichte ihm das Baby. „Du musst ihn zu dir nehmen. Ich bitte dich. Es ist die einzige Möglichkeit. Ich habe Angst um ihn. John ist... John ist nicht mehr er selbst. Du musst Vincent nehmen und gut auf ihn aufpassen. Ich liebe John, aber ich kann nicht zulassen, dass er...“ Sie brach ab.

Jacob nahm Vincent entgegen. „Ich weiß, ich habe mit ihm gesprochen“, erwiderte er gepresst. „Aber ich mache mir auch Sorgen um dich. Bitte bleib’ hier. Ein paar Tage zumindest, bis John sich beruhigt hat.“

Sie schüttelte den Kopf. „Mach’ dir um mich keine Sorgen.“ Sie beugte sich vor, küsste das Baby auf die Stirn und eilte davon.

Es war das letzte Mal, dass er sie lebend sah.

Ende