Titel: Lost Boys: Someday at Christmas
Autor: Lady Charena

Fandom: The A-Team

Pairung: Murdock, Face, B.A., Ray, Hannibal
Rating: pre-series, R (drug abuse), Feiertag

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Ein Rückblick auf das erste gemeinsame Weihnachten des Teams mit Murdock – und zugleich in die Vergangenheit des Piloten.

 

Teil des Lost Boys-Universum.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by Stevie Wonder

 

 

 

…Someday at Christmas men won’t be boys

playing with bombs like kids play with toys
One warm December our hearts will see
A world where men are free

 

In feinen, grauen Spiralen stieg der Rauch auf, um sich unter dem Blechdach zu sammeln. Durch das offene Fenster kam das ewige Plätschern des Regens und eine leichte Brise, die den Rauch nicht mit sich forttrug, sondern ihn zu einer grauen Wolke zu formen schien. Der Mann, der in Boxershorts und einem verwaschenen Khakishirt auf seiner Pritsche lag, starrte an die Decke und versuchte Gestalten in der Wolke auszumachen.

 

„Da...“, flüsterte er, seine Stimme rau vom Rauch und der Luft, die trotz des Regens trocken war. „Da, siehst du? Da ist ein Kind, es lässt einen Drachen fliegen. Peng. Jetzt hat ihm einer in den Kopf geschossen.“ Er kicherte. „Peng, peng. Das war’s.“

 

„Halt endlich die Klappe, Arschloch!“ Einer der anderen Piloten, ein Mann namens Whright, richtete sich auf und blickte ihn drohend an. „Es ist schon schlimm genug, dass wir wegen dieses scheiß Regens hier eingesperrt sind, ich muss mir nicht auch noch dein schwachsinniges Gebrabbel anhören. Wenn du dieses Zeug schon rauchen musst, dann gefälligst leise!“

 

„Könnt ihr nicht beide die Klappe halten?“, kam es von einem anderen Mann. „Ich will einfach nur schlafen. Du brauchst dich gar nicht für was besseres halten, als der Rest von uns, Murdock. Es ist mir so was von scheißegal, was du vor dem Krieg gemacht hast oder warum sie dich jetzt plötzlich für Sondereinsätze haben wollen. Ich bin müde. Ich will schlafen!“

 

Schlafen. Murdock kicherte erneut. Was war das noch? Während der letzten zwei Wochen hatte seine Einheit neun, zehn, vielleicht mehr Stunden am Tag Versorgungsflüge unternommen, Verwundete und Tote transportiert, manchmal auch lebende Passagiere. Jetzt befand er sich mitten in einer dreitägigen Ruhephase und hatte beschlossen, dass der einheimische Fusel nicht ausreichte, um seine Gedanken aus dieser Hölle zu befreien. Er sah sich um. Lange würde er ohnehin nicht mehr hier bleiben. Er war nach der Ruhephase einem Crack-Commandoteam, einem der A-Teams, zugeteilt worden und sollte sie zu ihren Einsätzen fliegen. Dann würde er in einen anderen Teil der Basis umsiedeln. Die anderen waren doch nur eifersüchtig, dass er diesen Job erhalten hatte, der mit sehr viel Risiko verbunden war. Murdock grinste. Er wusste, dass er gut war. Besser als gut. Immerhin war er der jüngste Pilot aller Zeiten gewesen, den man bei den Thunderbirds aufgenommen hatte. Genau. In einem anderen Leben.

 

Er richtete sich auf und wartete, bis die Welt um ihn herum aufhörte, sich zu drehen. Dann brauchte er zwei Anläufe, bis er aufstehen konnte und auch auf seinen Beinen stehen blieb. Whrigth anstarrend, der ihn angeschrieen hatte, grinste er erneut. Irgendjemand hatte gesagt, dass heute der 23. Dezember war. Irgendwo in einer anderen Welt bereiteten sich die Menschen auf Weihnachten vor.

 

Hier in der Hölle war die Zeit stehen geblieben. Oder vielleicht befanden sie sich überhaupt in einem zeitlosen Raum.

 

Seine Gedanken wanderten zu seiner Großmutter und wie sie immer versucht hatte, ihm diese Wochen so schön wie möglich zu gestalten. Es war gut, dass sie ihn nicht so sehen konnte. Es hätte ihr das Herz gebrochen. Sie und ihr Mann waren kurz vor Weihnachten bei einem Zugunglück ums Leben gekommen. Er war erst vierzehn gewesen.

 

Er nahm einen tiefen Zug von dem Stummel und hielt die Luft an, so lange er konnte, dann atmete er langsam aus und sah dem Rauch zu, der sich zu der Wolke unter der Decke gesellte. Er grabschte nach der Flasche, die ihm aus der Hand gerutscht war und eine feuchte Stelle auf seinem Kissen hinterlassen hatte. Oder vielleicht stammte der Fleck von seinen Tränen. Er betrachtete die Flasche, die fast leer war und schleuderte sie mit einem wilden Schrei in die Luft. Sie zerplatzte an der niederen Blechdecke und es regnete Splitter über die beiden anderen Piloten.

 

Mit wütenden Schreien sprangen die beiden Männer von ihren Pritschen. Einer der beiden wischte sich Splitter aus Gesicht und Haaren, während Whright über Murdocks Pritsche sprang und auf ihn losging.

 

„Du verdammter Hurensohn“, zischte er, als er Murdock an den Armen packte. „Du bist doch vollkommen durchgeknallt.“

 

Murdock grinste. „Was hast du gegen ein bisschen Party?“, meinte er und blies ihm Rauch ins Gesicht. Der erste Schlag traf ihn in die Magengrube und bevor er sich davon erholt hatte, spürte er, wie er nach hinten katapultiert wurde, durch die mit einer zerrissenen Decke verhängte Türöffnung und hinaus in den Regen. Der Rest seines Joints landete im Schlamm, genau wie er.

 

Neben seinem Kopf tauchten dreckige Stiefel auf. „Du verdammter Freak“, zischte der wütende Pilot. „Du wirst noch wünschen, du wärst nie geboren.“

 

„Hey, woher weißt du das?“, murmelte Murdock und versuchte sich aufzurichten. Er sackte zurück und krümmte sich zusammen, als ein Tritt seine Seite traf. Er begann zu summen, als der andere Mann ihn an der Schulter packte, herumdrehte und erneut ins Gesicht schlug. Machte keine Anstalten, die Schläge und Tritte irgendwie abzuwehren. Hörte nicht die Flüche und Verwünschungen, die auf ihn herabprasselten, wie der ewige, verdammte Regen.

 

„Mann, spinnst du? Du bringst ihn ja um.“ Es war eine fremde Stimme, die sich einmischte und dann hörten die Schläge und Tritte auf.

 

Murdock öffnete langsam ein Auge und sah auf. Ein großer Schwarzer mit mächtigen Muskeln hatte einen sich windenden Whrigth fest im Griff. Eine Hand berührte sein bereits anschwellendes Gesicht und drehte es herum. Murdock sah in das Paar blauste Augen, das er je zu Gesicht bekommen hatte. Sie gehörten einem jungen, blonden Mann, eigentlich eher noch einem Teenager, der ihn unsicher anlächelte.

 

„Alles okay“, sagte der Blauäugige. „B.A. hat ihn. Du bist Murdock, richtig? Wir haben schon viel von dir gehört. Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.“ Er schien es ernst zu meinen. „Ich bin Templeton Peck, aber alle nennen mich Face.“

 

Murdock starrte ihn fassungslos an. Face? Machte der Mann Witze? Das war doch kein Name.

 

Hinter dem blonden Mann tauchte ein zweiter auf, ein wenig älter, mit dunklen Haaren. Er pfiff leise durch die Zähne. „Wir schaffen ihn besser zu uns“, meinte er. Er grinste und strich sich die Haare aus der Stirn. „Ich bin Ray. Und du musst unser neuer Pilot sein.“

 

Murdock erwiderte das Grinsen, als Ray und Peck seine Oberarme ergriffen und ihm auf die Beine halfen. Auf einmal kam der Schmerz, den er bisher nicht gefühlt hatte und er sackte aufstöhnend zusammen. Sie hielten ihn fest, und er krümmte sich hustend, spuckte Blut in den Schlamm.

 

„Das sieht schlimm aus“, meinte Ray. „Ich glaube, wir geben besser Hannibal Bescheid.“

 

Der Blonde nickte und legte den Arm um Murdocks Mitte, um ihn zu stützen. „Geh’ voraus. B.A. und ich werden schon alleine mit ihm fertig.“

 

Ray nickte und ließ Murdock los, der schwer gegen Face fiel. Der junge Mann verzog das Gesicht, als ihm die Mischung aus Gras und Fusel in die Nase stieg, mit der der Pilot getränkt zu sein schien. „Verdammt, was hat sich der Colonel nur dabei gedacht, uns so einen Piloten anzuschleppen“, murrte er. „Der ist ja total stoned.“

 

„’s geht mir gut“, murmelte Murdock und spuckte erneut Blut aus.

 

„Klar“, entgegnete Face sarkastisch und ächzte leise unter dem Gewicht des anderen Mannes. „Verdammt, B.A. – lass diesen Idioten los und hilf’ mir. Wenn ich noch länger in diesem verfluchten Regen herumstehe, hole ich mir eine Lugenentzündung.“

 

Der schwarze Riese gab Whright einen Stoss, dass der im Schlamm landete und dort fluchend sitzen blieb, dann trat er zu den beiden anderen Männern, griff Murdock um die Taille und warf ihn sich wie ein Feuerwehrmann über die Schulter.

 

Murdock begann zu kichern und strampelte.

 

„Hör’ gefälligst damit auf, Spinner“, knurrte B.A. drohend.

 

Es reizte den Piloten nur noch mehr zum Kichern. Und dann, von einem Moment auf den nächsten, gingen bei ihm alle Lichter aus.

 

* * *

 

 

Someday at Christmas there’ll be no wars
When we have learned what Christmas is for
When we have found what lives are really worth
There’ll be peace on earth.

 

„Er ist immer noch ohnmächtig“, meinte Face, der den Puls des Piloten checkte. Inzwischen waren sie im Trocknen. Er starrte unglücklich auf die Schlammspuren, die sich durch die vormals saubere Baracke zogen und den Schmutz an Murdock und auf der Pritsche, auf die ihn B.A. abgelegt hatte. Warum passierte so etwas immer, wenn er mit Putzen dran war? „Danke.“ Er sah auf und nahm die Schüssel mit warmen Wasser, die ihm B.A. reichte.

 

Baracus verzog das Gesicht geringschätzig. „Was findet Hannibal nur an diesem Idioten. Er kann gut fliegen, aber ich habe gehört, dass er nicht ganz normal sein soll.“ Jetzt nahm sein Gesicht einen Ausdruck tiefsten Abscheus an. „Und er raucht dieses Zeug. Ich hasse Drogen, Mann.“

 

Face tauchte einen Schwamm ins Wasser, wringte ihn aus und begann, das Gesicht des Piloten von Schlamm und Blut zu reinigen.

 

„Verdammt, das ist ja noch so ein Kind“, murmelte Ray, der sich wieder zu ihnen gesellt hatte. „Face, der kann nicht viel älter als du sein. Hannibal muss sich irren. Vielleicht gibt es einen anderen Piloten, der auch Murdock heißt und der war bei der CIA.“

 

Face grinste. „Hast du je erlebt, dass der Colonel sich irrt?“ Er seufzte. „Okay, vielleicht verzieht ihr Jungs euch für eine Weile, während ich ihn sauber mache.“

 

„Was, so schnell willst du schon mit ihm allein sein?“, spottete Ray mit einem Grinsen.

 

B.A. knurrte missbilligend und sah ihn böse an.

 

„Es wird ihm mies genug gehen, wenn er wach wird, auch ohne Publikum“, erwiderte Face tonlos. Er war rot geworden, obwohl er wusste, dass Ray ihn nur aufzog und es nicht böse meinte. Er wischte vorsichtig das Blut weg, das aus der Nase des Piloten lief. Sie schien nicht gebrochen zu sein. Als er wieder aufsah, war er allein mit dem bewusstlosen Murdock.

 

Face nahm eine Schere und schnitt das ohnehin zerrissene Hemd des Piloten einfach auf, das war einfacher. Murdocks Brustkorb war mit roten, blauen und schwarzen Flecken übersäht. Das war zweifellos nicht die erste Prügelei gewesen. Face runzelte die Stirn, als er den Schwamm auswusch und begann, Schmutz und Blutspuren von der Haut des Piloten zu waschen. Vorsichtig tastete er mit der freien Hand die Rippen ab. Nichts schien gebrochen, aber es war wohl besser, wenn ihn Hannibal noch einmal untersuchte. Wenn er eine Rippe gebrochen hatte, mussten sie den Piloten zum Arzt schaffen und dann würde es einen offiziellen Bericht geben.

 

Auf einmal stoppte er und ließ den Schwamm in die Schüssel zurückgleiten. Dann nahm er Murdocks Arm und drehte ihn mehr ins Licht. Der zweite Arm zeigte die gleichen Narben. Quer verlaufende, weiße Narben. Dazu parallel feinere Linien von Probeschnitten. Sie ließen nur einen Schluss zu - der Pilot hatte einen Selbstmordversuch hinter sich. Die Narben sahen allerdings alt aus. Face schluckte und legte Murdocks Arm vorsichtig zurück. Dann zog er ihm die Shorts aus und machte sich daran, auch den Rest seines Körpers zu säubern.

 

Später manövrierte er ihm mit einiger Mühe herum, bis er das schmutzige Laken unter ihm hervorziehen konnte und deckte Murdock dann mit einer sauberen Decke zu. Als er die Kratzer und Platzwunden mit Jod abtupfte, schlug der Pilot mit einem Stöhnen die Augen auf. Face hielt ihn zurück, als Murdock sich aufrichten wollte. „Ganz ruhig“, sagte er. „Es ist alles okay. Bleib’ liegen. Alles in Ordnung.“

 

Der Pilot starrte ihn aus weitaufgerissenen, dunklen Augen verständnislos an. Dann wurde sein Gesicht plötzlich schlaff und er sackte zurück. Schaudernd zog er die Decke bis zum Kinn hoch.

 

„Erinnerst du dich an mich?“, fragte Face.

 

„Ja“, kam es heiser von Murdock. „Peck.“

 

Er hustete und Face beeilte sich, ihm eine Blechtasse mit Wasser an den Mund zu halten. Der Pilot trank. „Die meisten nennen mich Face.“

 

Wieder starrten ihn dunkle Augen an. „Die meisten nennen mich Howlin’ Mad Murdock“, murmelte der Pilot.

 

„Howlin’ Mad?“, wiederholte Face, doch es kam keine Erklärung. Er stellte die leere Tasse zur Seite. „Ich bin kein Arzt, aber ich schätze, du bist in zwei Tagen wieder okay. Ich kann dir Aspirin besorgen“, bot er an. „Aber wir müssen auf den Colonel warten.“

 

„Smith?“ Murdock runzelte die Stirn. “Er wird mich rausschmeißen, bevor ich zum ersten Mal für ihn geflogen bin.”

 

Face lächelte. „Das ist abzuwarten“, meinte er. „Du wirst bald merken, dass Hannibal... Colonel Smith... eine besondere Auffassung...“ Er brach plötzlich ab und sah auf.

 

Murdock wandte den Kopf in die gleiche Richtung und sah einen älteren, grauhaarigen Mann auf sie zukommen.

 

„Gute Arbeit, Face“, sagte Colonel Smith.

 

Peck sprang auf. „Ich... ich schätze, B.A. und ich holen jetzt besser seine Sachen, er braucht ja was anzuziehen.“ Damit entfernte er sich eilig.

 

Murdock sah auf und blickte erneut in blaue Augen. Sie waren nicht von dem strahlenden Blau wie Pecks Augen, wirkten eher verwaschener, ruhiger – die Augen eines Mannes, der schon sehr vieles gesehen hatte. Sie schienen auch zu viel von ihm zu sehen und am liebsten hätte er sich vor ihrem Blick abgewandt. Doch seine Großmutter hatte keinen Feigling großgezogen und er hielt dem Blick des Colonels stand.

 

„Ich glaube, wir haben über einiges zu reden, Captain Murdock“, sagte Smith. „Aber das hat Zeit, bis Sie wieder auf den Beinen sind. Face wird sich so lange um Sie kümmern.“ Er streckte dem Piloten die Hand hin. „Willkommen beim A-Team, Captain Murdock.“

 

Benommen nahm Murdock die entgegengestreckte Hand. Dann sah er Smith nach, der ohne ein weiteres Wort ging. Dann starrte er an die Decke und wünschte sich, er hätte noch einen Joint, um nach Wolkengestalten Ausschau zu halten. Trotz der Schmerzen in seinem Oberkörper und seinem Kopf schlief er darüber ein.

 

* * *

 

 

Someday all our dreams will come to be
Someday in a world where men are free
Maybe not in time for you and me
But someday at Christmas time

 

Die Flammen kamen immer näher. Er konnte nicht atmen, als schwarzer Rauch in seine Lungen kroch. Seine Beine waren eingeklemmt und so sehr er auch zerrte - er konnte sich nicht bewegen. Die untere Hälfte seines Körpers war gelähmt. Er öffnete den Mund, um zu schreien...

 

Nach Luft ringend fuhr Murdock auf und sah sich um. Dunkelheit. Es war Nacht. Nur langsam registrierte er, wo er sich befand – in Smiths Baracke, mit den anderen Mitgliedern des A-Teams. Er sank zurück und zog die Decke hoch. Ihm war kalt. Es war ein alter Alptraum, der ihn heute heimgesucht hatte. Es war völlig verrückt – er war überhaupt nicht dabei gewesen, als seine Großeltern starben. Sie hatten ihn bei einer Nachbarin gelassen, während sie mit dem Zug in die Stadt fahren wollten, um seinen Vater aufzusuchen. Seinetwegen. Man hatte ihn von der Schule geworfen, einen Unruhestifter, der sich ständig mit anderen Jungen prügelte. De Schulleiter hatte davon gesprochen, seinen Fall bei der staatlichen Fürsorgestelle vorzulegen und seine Großeltern befanden sich auf dem Weg zu seinem Vater, um eine Lösung zu finden. Sie waren nie dort angelangt, der Zug entgleiste und drei Wagons brannten aus. Für seine Großeltern war jede Hilfe zu spät gekommen. Da sein Vater ihn nicht zu seiner neuen Familie nehmen wollte, landete er am Ende doch in einem Kinderheim, das er aber noch vor seinem sechzehnten Geburtstag verließ. Er suchte seinen Vater auf und verlangte Geld für eine Pilotenausbildung von ihm. Überraschenderweise erhielt er es.

 

Der Strahl einer Taschenlampe traf sein Gesicht und er blinzelte und hielt eine Hand vor die Augen. Als er nicht mehr geblendet wurde, stand Face vor seiner Pritsche.

 

„Alles okay?“, fragte der blonde Mann, der mit seinen zerzausten Haaren in der spärlichen Beleuchtung wie ein Zwölfjähriger aussah. „Du hast im Schlaf vor dich hingemurmelt. Und...“ Er zuckte mit den Schultern.

 

„Ich habe schlecht geträumt.“ Murdock fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und spürte erstaunt die Feuchtigkeit auf seinen Wange. Es musste heißer sein, als er gedacht hatte.

 

Face lächelte bitter und sah auf einen Schlag sehr viel älter aus. „Das kenne ich.“ Er räusperte sich und setzte sich auf die Bettkante. „Schmerzen?“, fragte er dann.

 

Murdock schüttelte den Kopf. „Ich bin jetzt okay“, sagte er. „Du kannst wieder schlafen gehen.“

 

Doch Peck machte keine Anstalten, aufzustehen. „Es hilft, wenn man über Albträume spricht.“

 

Wenn er ihn auf diese Weise loswurde... Er hatte im Kinderheim so oft darüber gesprochen und der Traum kam immer noch, jetzt, nach all den Jahren. „Es hat mit dem Tod meiner Großeltern zu tun. Sie sind verglückt. Ein Zugunglück“, sagte er tonlos. „In meinem Traum bin ich an ihrer Stelle. Es war nämlich meine Schuld, dass sie sich in diesem Zug befanden.“

 

Der andere Mann schwieg eine Zeitlang. „Zuhause feiern die Menschen bald Weihnachten“, sagte er schließlich leise. „Du wärst jetzt sicher gerne bei deiner Familie.“

 

„Ich habe keine mehr“, entgegnete der Pilot schroff.

 

Peck sah ihn an. „Entschuldigung“, meinte er leise. „Ich wollte nicht aufdringlich sein.“

 

Murdock wandte das Gesicht ab. „Schon gut.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Der Zug ist kurz vor Weihnachten entgleist. Der Wagon in dem sie sich befanden, brannte aus. Vermutlich waren meine Großeltern da bereits tot.“

 

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, die Stille nur von den leisen Geräuschen der anderen Schläfer durchbrochen.

 

„Ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen“, sagte Face schließlich. „Es wurde von katholischen Patres und Nonnen geleitet. Weihnachten war natürlich das wichtigste Fest von allem. Ich....“ Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, blieb dann jedoch stumm. Peck stand auf. „Okay, Hannibal lässt mich den Hindernisparcours dreimal zurücklegen, wenn er erfährt, dass ich dich vom Schlafen abhalte.” Er knipste die Taschenlampe aus. „Gute Nacht.“

 

„Gute Nacht“, flüsterte Murdock in die Dunkelheit. Er hoffte plötzlich, dass Colonel Smith ihn in seiner Einheit behalten würde. Vielleicht bekam sein Leben doch noch einen Sinn.

 

* * *

 

 

Someday at Christmas we’ll see a land
With no hungry children, no empty hands
One happy morning people will share
A world where people care

 

Die Männer, die sich um das Lagerfeuer versammelt hatten, schwiegen. Sie hingen alle ihren eigenen Gedanken nach. Dachten an ihre Familien daheim. Vielleicht waren sie auch einfach nur zu erschöpft, um etwas anderes zu tun, als in die Flammen zu starren.

 

Smith saß ein wenig abseits und rauchte.

 

Jemand hatte einen Zweig von einem der Bäume außerhalb der Basis abgesägt und ihn mit silberfarbenen Schleifen geschmückt, die sich bei näherem Hinsehen als zusammengefaltete Verpackungen von Schokoriegeln entpuppten. Ein paar von der richtigen Tanne in der Messe geklaute Kugeln vervollständigten den „Schmuck“. Ab und zu kam in der lauen Nacht eine Brise auf und brachte die Schleifen und Kugeln dazu, leise zu erzittern.

 

Neben ihm saß B.A. und starrte düster in die Flammen. Eine weiße Bandage an seiner Hand leuchtete. Er hatte sich früher am Abend mit einem anderen Soldaten wegen eines Weihnachtsliedes geprügelt.

 

Aus einer der anderen Baracken erklang leise Musik. Jemand hatte einen Plattenspieler und eine Platte von Bing Crosby aufgelegt. Und so träumte Bing mitten im vietnamesischen Dschungel von Weißen Weihnachten.

 

Ray hatte einen Brief in der Hand und schien trotz der fehlenden Beleuchtung zu versuchen, in ihm zu lesen.

 

Murdock kauerte neben Face und nippte an dem Kaffee, den ihm Peck kurz zuvor in die Hand gedrückt hatte. Seine Rippen schmerzten noch immer bei jedem Atemzug und er zog mit der freien Hand die Decke enger um sich, die um seine Schultern lag.

 

Face bemerkte die Bewegung und hob den Kopf. Er blinzelte ein paar Mal, als ob er geweint hätte. Er lächelte und rückte enger an den Piloten, legte einen Arm um seine Schultern. „Fröhliche Weihnachten“, sagte er leise.

 

* * *

 

Regen fiel schwer auf die Basis, verwandelte den Boden in Sumpf. Das Geräusch des zurückkehrenden Hueys erfüllte die Luft mit dumpfem Vibrieren. Eine Hand über die Augen legend, um sie vor dem Regen zu schützen, beobachtete Captain Murdock, wie er landete und Smith, gefolgt von Face und B.A. aus dem Hubschrauber kletterten. Ray folgte ihnen mit etwas Verspätung, er rieb sich die Schulter. Hinter ihm folgten weitere Männer.

 

Tief in Murdock erzitterte etwas. Ab morgen würde er das A-Team zu ihren Einsätzen fliegen. Durchnässt bis auf die Haut kehrte er in die Baracke zurück, um dort auf die anderen zu warten. Auf seine Einheit.

 

 

 

 

Nothing else mattered at this moment in time, the past was locked away deep inside and the future had been postponed. (Killing Time)

 

Ende